Ich kam mehr als einmal in die missliche Situation, den Heimweg mithilfe mir bis dahin unbekannter Dritte bestreiten zu müssen. Eigentlich gefällt mir das, denn in der Regel habe ich währenddessen Gelegenheit, die sozialen Umstände dieser Dritten subtil zu erkunden. Herauszufinden, wieso mich die Selbstverständlichkeit, mit der sich viele Menschen in ein Schicksal, um das ich sie nicht beneide, fügen, sehr verwundert und wieso sie das eigentlich tun, ist ein abwechslungsreicher Zeitvertreib.
Anlässlich der jüngsten Situation dieser Art entwickelte sich erneut ein solches Gespräch. Als ich jedoch beiläufig erwähnte, dass ich gerade aus dem, zugegeben, etwas beängstigenden Ort Liebenburg kam, erschrak und verstummte mein bis dahin redefreudiger Gesprächspartner. (In der aktuellen Ausgabe des Magazins “Linux Magazin” gibt es übrigens ein Zwiegespräch mit Miguel de Icaza, Gründer des Gnome-Projekts, zu lesen, der, gleichfalls redefreudig, zu Protokoll gab, dass die ständigen API-Änderungen und daraus folgende Inkompatibilitäten des Linux-Kernels ein gewichtiger Grund dafür sind, dass Linux als quelloffenes System keine Zukunft beim Endanwender haben wird; sprach’s und tippte auf seinem iPad herum. Durchaus sehr lesenswert und nicht unwahr; aber ich schweife ab.)
Auf besagte Reaktion des Mitmenschen hin jedenfalls beeilte ich mich ihm zu versichern, dass ich trotz der bekannten dortigen Irrenanstalt (was ist schon normal?) kein entlaufener Insasse sei, sondern lediglich einer Feier außerhalb und unabhängig von jener Institution beigewohnt hatte; andererseits nehme ich an, ähnliches hätten auch entlaufene Insassen geäußert. Das Gespräch verlief nunmehr im Sande.
Dabei erstaunt es mich schon, wie kommunikationsfreudig die sonst notorisch apathischen (“die da ohm machen eh, watt se wollen”) Leute hierzulande gerade sind. Ob das noch ein Rest von Sommer ist? Selbst im Supermarkt wurde das der Aggressionsbewältigung nicht dienliche “Sammeln Sie Punkte?” (nein, Frollein, das sähe auch merkwürdig aus) abgelöst von einem eigenartig fröhlichen “Danke für Ihren Einkauf und einen schönen Tag!”, als hätte der Erwerb eines Bechers Espresso soeben die Filiale gerettet.
Es ist dem solcherlei Wünschenden wahrscheinlich eher vollkommen schnuppe, ob der Kunde den Tag wirklich als schön empfinden wird oder ob der Wunsch angesichts Dauerregens und eigentlichen seelischen Unwohlseins zynisch wirkt und man gern “Sicher nicht, Sie Pfeife!” erwidern würde, hätte man es nicht furchtbar eilig. So jedoch murmelt man ein nachdenkliches “Eher nicht…” in den Raum, während man, eilends hinaus schreitend, gedanklich schon diesen Text hier verfasst und sich außerdem vorstellt, wie es wäre, hielte man das falsche Interesse versehentlich für ein echtes und diskutierte also mit dem Wünschenden ausführlich über das Weltgeschehen. Die übrigen Wartenden würden vermutlich binnen weniger Sekunde in Rage verfallen, denn ihre Zeit ist kostbar und ihr Arbeitsplatz meist nicht davon abhängig, Interesse an dem Wohlbefinden unsympathischer Kunden zu simulieren. Wie viele Kassierer sie wohl heimlich darum beneiden?
So wenig ich auch von der Industrialisierung jedes Lebensbereichs halte, so sehr erstrebe ich es doch, dass Kassenautomaten in Supermärkten eine große Verbreitung finden. Die halten wenigstens die Klappe.
















