“Ja, Stefan?”
(Abt.: In den 90ern war das lustig!)
Ich spreche nicht gern darüber, denn ich habe es geschafft, mich davon loszusagen. Ich habe mein Leben seitdem völlig verändert und, dies behaupte ich dreist, zum Besseren gewendet. Nun aber wird es, bevor es ein anderer tut, Zeit, dieses dunkle Geheimnis aufzudecken.
Ich gestehe, ich habe von 1998 bis Anfang 2000 regelmäßig die “BRAVO” gekauft und gelesen.
Damals war ich in diesem Alter. Dessen ungeachtet habe ich mich natürlich kein bisschen für die Nackedeibilder interessiert, sondern hängte stattdessen die gelegentlich enthaltenen Poster von den Ärzten — Verzeihung: den Die Ärzte — an meine Zimmerwände. (Dort hingen später andere Poster, aber darum soll es hier nicht gehen.) Vor allem aber kannte (und mochte) ich einen nicht zu unterschätzenden Teil der rezensierten und sonstwie erwähnten Musiker. CDs von Scooter, Aqua und ähnlichen Künstlern waren in meinem Plattenschrank lange vor der Entstehung meines Musikfaschismus’ zu finden.
Aufgrund mitunter bedauernswerter Familienverhältnisse ergab es sich, dass mir heute die “BRAVO” 43/2012 sozusagen in die Hände fiel.
Meine spontane Reaktion war die Überraschung darüber, dass sich seit über einem Jahrzehnt nicht viel geändert zu haben scheint: Die “BRAVO” riecht immer noch wie früher, die Titelseite ist immer noch so brüllend bunt, dass man sich wünscht, beim Betrachten derselben unter Drogen zu stehen, und zeigt, erfreulicherweise fast verdeckt von vielen großen Buchstaben, fünf dank moderner Bildbearbeitung zwar einigermaßen naja aussehende, aber eben doch ziemlich austauschbare süße boys. N’Sync und die Backstreet Boys scheinen es nicht zu sein, die Bildunterschrift lautet:
Flirt-Alarm bei ONE DIRECTiON (sic!)
Von welchen Hollywood-Girls sie angebaggert werden
+ Wie die Jungs darauf reagieren
Wissen also, das natürlich immens wichtig für das tägliche Leben Heranwachsender ist, weshalb es unfein von mir wäre, mich darüber lustig zu machen. Wer genau One Direction sind und was sie machen, wird offenbar als Vorkenntnis vorausgesetzt. Eine hohe Hürde für potenzielle Käufer, ich selbst nämlich habe nicht die leiseste Ahnung. Das ist aber nicht schlimm, nehme ich an.
Weiters enthält diese Ausgabe “15 coole FUN-STiCKER” (erneut sic!). Dermaßen unfassbar cool und lustig sind diese sticker, dass ich einfach mal einen von ihnen beschreibe, weil es mir sonst keiner glaubt: Zu sehen ist SpongeBob Schwammkopf, der einen Kapitänshut und ein Holzschwert trägt. In einer Sprechblase, die auf ihn zeigt, steht: “ICH BIN BEREIT!”. Ich liege vor Lachen schier am Boden. Außerdem enthalten sind 5 Poster (“+ 5 POSTER”). Die ungerade Zahl zeigt es bereits: Um eines von ihnen zu entnehmen, ist es nötig, einen Teil des übrigen Heftes ebenfalls herauszureißen. Dass die Zuständigen der “BRAVO” dies billigend in Kauf nehmen, zeugt immerhin davon, dass sie noch nicht völlig verdrängt haben, was für ein unglaublich überflüssiges Magazin sie da eigentlich zu verantworten haben.
Nach dem Umblättern wird man zunächst von einem grinsenden Dieter Nuhr irritiert, der Werbung für den “Deutschen Comedypreis” auf RTL macht. Darüber steht etwas von der “besten Comedy”. Der Zusammenhang ist mir nicht klar. Rechts davon jedenfalls ist, umrahmt von allerlei bunten Bildern, das Inhaltsverzeichnis zu finden. Und was da außer den “mega-lustigen Fun-Stickern” nicht alles für dolle Themen drin sind!
Mega-Comeback: So rockt Michael Jackson auch drei Tage nach seinem Tod die Welt
Als ich noch jung war, war Rock das mit den Gitarren und dem Bass und nicht das, womit Michael Jackson bekannt geworden ist. Offenbar hat “rocken” in den letzten Jahren einen Bedeutungswandel vollzogen und bedeutet nun “mittels musikalischer Vergangenheit den Nachlassverwaltern viel Geld in die Kassen spülen”. Schade, dass man dieses schöne Wort nun also besser nicht mehr nutzen sollte.
Nur in BRAVO verrät Justin Bieber, wer wirklich wichtig ist in seinem Leben
Natürlich “nur” in der “BRAVO”, denn der nächsten Zeitschrift erzählt er vielleicht etwas ganz anderes.
Ansonsten sind jede Menge Geschichten über weitere “Musiker”, die mir überwiegend unbekannt sind, und dramatische Geschichten von menschlichen Schicksalen enthalten. Die Nackedeibilder scheinen bedauerlicherweise verschwunden zu sein, aber die “Foto-Love-Story” ist immer noch genau so dämlich wie früher. Die Angewohnheit, die Protagonisten stets mit debilem Gesichtsausdruck zu fotografieren, kam nicht abhanden: Die Hauptdarstellerin darf ihre Klappe nur selten schließen. Denkblasen entströmen in der Welt der “BRAVO”-Macher offenbar dem Mund und nicht dem Hirn. Das erklärt vermutlich manches.
Die Handlung ist gewohnt albern: Ein dickes Mädchen verabredet sich über das Internet mit einem süßen boy, der sie erst mal mit ihrer Freundin verwechselt. Als Resultat schickt sie ebenjene Freundin los, um sich mit dem süßen boy zu treffen, und beobachtet das Geschehen aus einem schlechten Versteck heraus. Sie entdeckt, dass auch der süße boy einen versteckten Begleiter mitgebracht hat, und da beide eh’ schon im Gebüsch sind, ist das happy end so total spannend, dass ich es euch nicht vorwegnehmen möchte.
Den Artikel über den Flirt-Alarm bei ONE DIRECTiON habe ich übrigens nicht gelesen. Ich nehme an, ich habe nichts verpasst. Anzunehmen sei allenfalls, dass pro Absatz mindestens einmal wahlweise “cool” oder “süß” vorkommt. Ich vertrete die Ansicht, dass es für alle Beteiligten einfacher wäre, wenn die “BRAVO” einfach mal ein Sonderheft machen würde, das einen einzigen Artikel enthielte, dessen Überschrift “Die süßen boys aus dem Fernsehen und warum ihr sie niemals haben könnt” lautete. Wie schnell fänden die regelmäßigen Leserinnen der “BRAVO” dann ihre vorübergehend wahre Liebe! Aber das wäre natürlich schlecht für das Geschäft.
Der Untertitel der “BRAVO” lautet: “Deine ganze Welt!”. Ein bisschen erschreckt mich das.
Zu den Musikrichtungen, mit denen ich nicht viel anfangen kann, gehört der Gesang von Tenören. Die grauenvollen, aber bei betagten Frauen aus irgendwelchen Gründen recht beliebten Sänger der so genannten Musikgruppe Adoro etwa rufen in mir mit ihrem Geknödel eher unangenehme Schmerzreaktionen als Genuss hervor.
Insofern bin ich davon überzeugt, dass der für die Gestaltung der CD-Reihe namens “Zeit für…” einen ausgezeichneten Musikgeschmack und einen exquisiten Humor beweisen wollte, als er sich an das Erstellen des Titelbildes der (ausgerechnet) Doppel-CD “Zeit für Tenöre” machte:

Dieses eine Mal ist immerhin drin, was draufsteht.
Montag. Ein Wochentag, den man getrost vergessen kann.
Apropos vergessen:
There’s so much to remember, so much to forget:
we’re all in the possession of the future tense but don’t know it yet.
Ich mache dann jetzt mal das mit dem Erinnern.
Ich weiß nicht, ob sich der eine oder andere von euch Lesern noch an die Serie “Trigger Happy TV” erinnert. Ein wiederkehrendes Element war ein Mann, der in ein riesiges Telefon brüllte.
Ich weiß auch nicht, wie ich gestern darauf kam, als ich in einem Media Markt an dem Regal mit der Beschriftung “Smartphones” vorbeiging.
“Everybody needs someone to live by.”
– Talk Talk: Desire
… Eigentlich hätte es ganz anders kommen sollen.
Hatte er den Fremden nicht stets beneidet um den Platz in ihrem Herzen, den er selbst, das wusste er, niemals würde erringen können? Nein, sagte sie, dazu bestünde kein Anlass, zwischen dem Fremden und ihr würde niemals das Band bestehen, das sie beide verband. Er glaubte ihr. Und doch schlich der Fremde sich immer wieder in ihr Leben und nahm sich die Zuwendung, die er brauchte; und sie liebte dieses Spiel.
Der bloße Gedanke, er würde das, was er errungen hatte, eines Tages an den Fremden verlieren, ließ ihn oft verzweifeln. Sie versuchte ihm die Gewissheit zu geben, dass er mehr war als das, und dennoch — er hätte alles dafür gegeben, er zu sein; sie mit seiner bloßen Anwesenheit betören zu können. Aber er hatte, das wusste er, etwas erreicht, was nur schwer zu überbieten war. Ihr Herz konnte er nicht gewinnen, aber er hatte mehr; mehr, als er sich jemals erhofft hätte, als er ihr ungelenk und verschämt seine Zuneigung gestand.
Aber was bedeutete diese Zuneigung? Er hatte nicht darüber nachgedacht. Er liebte sie nicht; er wollte sie. Er wollte sie um sich und bei sich spüren. Er brauchte keine Beziehung, er wusste nicht einmal so genau, was eine Beziehung eigentlich war. Er war süchtig nach ihr, ihrem Körper, ihren Küssen, ihren metertiefen Augen. Niemals hätte er riskieren wollen, sie nicht wieder in die Arme schließen zu dürfen.
Er wirkte oft kalt, und das machte ihm Angst, weil er nicht wusste, was das bedeutet. Menschen wie er seien so, sagte sie manchmal, und damit war es gut. Was er aber nun empfand, war weit von jeder Kälte, jeder Distanziertheit entfernt. Er würde diese Kälte nun wahrlich genießen, wenn er sie nur umfassen könnte. “Puh”, dachte er, “doch nicht verrückt.”
Nun lag er wach in seinem Bett. War wirklich erst eine Woche vergangen, seit es ihr genügt hatte? Für ihn fühlte es sich wie Monate an.
Er hätte genügsam bleiben sollen, vielleicht wäre all das dann nicht passiert. In seiner Vergangenheit aber war zu viel geschehen, das ihn hatte vorsichtig werden lassen. Sein Verstand wusste, dass nichts und niemand außer ihm selbst einen Keil zwischen sie treiben könnte, aber genügte das? Wann immer er sich der Gegenwart des Fremden bewusst wurde, kam ihm ihr Bekenntnis in den Sinn, dass in ihrem Herzen noch für lange Zeit nur Platz für den Fremden sein würde; zwar auf einer Ebene, die keine Gefahr für das darstellte, was sie hatten, aber doch genug, um ihn zu verunsichern.
Sie hatte ihn, vielleicht nur zum Scherz, Schatz genannt; ein Wort, das seine Welt aus den Fugen warf. Nun hatte sie ihm mehr als nur den Kopf verdreht. Er würde sie bald wiedersehen, hatte sie gesagt. Es fiel ihm jeden Tag schwerer, sie zu meiden, obwohl er ihr viel zu viel Zeit geraubt hatte. Aber er wusste, dass er das schaffen würde, nein, musste. Alles, was ihm von all den Küssen, den Umarmungen, der Wärme geblieben war, war die Hoffnung, dass er sie nicht aufgeben müsste. (Was sie wohl gerade machte?)
Und er hatte nicht die leiseste Ahnung, was er ihr sagen würde, wenn er sie jemals wiedersehen würde. Was er aber nicht sagen würde, das wusste er genau.
Seit sie fort war, schien es, als wäre ihr Name eingebrannt in jedes Detail seines Lebens. Was aber sollte er denen sagen, die ihn täglich fragten, wie es ihr ging? Er hätte es selbst gern gewusst.
“Wir sehen uns” hatte sie gesagt. Dabei sah er sie fast jede Nacht im Traum; und er griff nach ihr und erwachte allein. Eine Sternschnuppe erleuchtete seinen Heimweg. In der Nacht der Sternschnuppen hatte er nur einen einzigen Wunsch; so auch diesmal. Dieser Wunsch aber sollte nicht vergeudet sein. Er schloss die Augen und spürte, wie eine Träne sie verließ. Er hatte nur diesen einen Versuch. …
“Oh my dear, every salted tear, it wrings bitter-sweet applause.”
– Roxy Music: Bitter-Sweet
Eventuell ist es an einigen meiner Leser vorbeigegangen: “Yps”, das Kindermagazin aus den 1990er Jahren, das vor allem dadurch Aufmerksamkeit erlangt hatte, dass es in ermüdender Häufig‑, beinahe Regelmäßigkeit so genannte “Urzeitkrebse” als Dreingabe beinhaltete, die mit der Urzeit ungefähr so viel zu tun haben wie ein Computer, aber eine Beigabe namens “leckere Futterkrebse zum Selberbasteln” würde sich wahrscheinlich nicht so gut verkaufen, ist wieder da.
Wer beim Wort “Männermagazin” an Tittenheftchen denkt, der irrt allerdings. Tatsächlich geht’s um Altbekanntes:
Ein Fünftel besteht aus alten oder neuen Comics, unter anderem dem Klassiker “Yinni und Yan”, mit deren Schöpfer, Heinz Körner, es auch ein Interview gibt. Bei den Originalcomics handelt es sich ausschließlich um “Wiederholungen” aus alten Heften, bei “Yinni + Yan” ist es die Dschingis-Khan-Folge aus dem Heft 115, die “Hombre”-Geschichte ist aus Heft 146. Neue Folgen werden laut Kallenberg nicht geschaffen.
Statt Brüsten der Neuzeit gibt’s dann auch wieder ein gimmick: Urzeitkrebse. Wer hätte das gedacht?
Alles beim Alten also, Und wer braucht das? Nun, darüber weiß der neue Chefredakteur zu berichten:
Nutzwert hat “Yps” null, kein Mensch braucht es, das ist das Geile.
Geil.
Gleich mal abonnieren.
Plötzlich: Seufzen.
Und dann aber: Montag und Pete Doherty.
I know where to find, where to find you my love,
at the same old place by the river; the only way in is
through the window.
Ich hol’ dann mal die Leiter.
Guten Morgen.
In der heutigen Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wird mal wieder in journalistisch neutralem Duktus über eine Versteigerung eines Exemplars des “einzigartigen” (F.A.Z.) Computers “Apple I” von 1976 berichtet. Dieses “Urvieh” (ebd.) stach folgendermaßen aus der Masse der Heimcomputer hervor:
Apple war einzigartig, man konnte es sehen, fühlen, riechen. Es galt, anders zu sein als die Masse, die ein schnödes Windows-PC-Leben führte.
Im Jahr 1976, wir erinnern uns, war die Firma Microsoft ungefähr ein Jahr alt. Das dominante Betriebssystem im universitären Umfeld wurde allmählich das noch junge Unix, privat waren Computer aus Preis- und vor allem Zweckgründen so gut wie gar nicht vertreten. Die ersten 8‑bit-Spielkonsolen, etwa der/die/das Atari 2600, begannen an Beliebtheit zu gewinnen, jedoch lief auf ihnen kein Windows. Dies hatte unter anderem zeitliche Gründe: Microsoft Windows 1.0 wurde erst im November 1983 vorgestellt.
Dass Apple-Computer sich aber irgendwann von der Masse nicht mehr technisch, sondern nur noch ideell abhoben, ist aber eine wichtige Erkenntnis. Selbst heise hat es erkannt und testet in “Mac & i” nicht mehr, sondern befühlt nur noch. Ich möchte übrigens nicht, dass man die Andersartigkeit der von mir verwendeten Geräte erriechen kann, und ich würde auch niemals ein Gerät kaufen, weil es sich besser anfühlt. Damit falle ich wohl nicht mehr in die Zielgruppe.
Aber irgendwie muss man so eine Spalte in der F.A.Z. ja vollbekommen.
Das lasse ich mal weitgehend unkommentiert so stehen:
Wir Menschen sind keine körperlosen Datensätze, sondern begrenzte Wesen aus Fleisch und Blut. Wir werden müde, kriegen Hunger, haben Migräne, müssen Scheißen. Klar kann ich das Handy auch noch mit aufs Klo nehmen und dort weiter E‑Mails lesen (ich persönlich mache das übrigens). Aber ich sollte mir doch nicht einbilden, dass ich dadurch mehr geschafft kriegen würde. Ob ich das Handy mit aufs Klo nehme oder den ganzen Tag in der Ecke liegen lasse, macht letztlich keinen Unterschied in Bezug auf all das, was ich verpasse oder nicht tue. Begrenzt gegen Unendlich ist eine einfache logische Gleichung.
Wahr, so wahr.
Mich erreichte heute überraschend eine E‑Mail von “Guilty Ghosts”.
Guilty Ghosts kennwa, ich hatte den Herrn O’Donnell bereits 2011 erwähnt:
Drone-Gitarren, Breakbeats und Tape-Loops. Ambient, Drone und Electronica. Unbestimmt und diffus. Gitarrenmusik. Elektronische Musik.
Dem Album “Veils” nun folgte der/die/das EP “Trespasser” (“Unbefugter”) von 19 Minuten Länge, aufgeteilt auf sieben Stücke. Das Coverbild des Albums (hier oben rechts zu sehen) stammt aus Martin Scorseses Film “Die letzte Versuchung Christi”, woraus meinereiner interpretierfreudig irgendwas mit Störung durch Religion ableitet und also besser schweigt, bevor sich ein wütender Pöbel versammelt, um mich zu schänden oder so.
Zu hören ist bekannter Stil, ambienter Postrock mit Gänsehauteffekt. Musik wie Meeresrauschen unter blauem Himmel. Gesang gibt es diesmal nicht, aber das macht eigentlich auch nichts. Der Herbst kann kommen.
Wer etwas gegen Katzen in Säcken hat, der kann “Trespasser” auf Bandcamp.com vollständig hören und herunterladen, letzteres auch per eMule. Die CD (auf 100 Stück begrenzte Auflage) möge man anschließend kaufen und mir sehr dankbar sein. Gern geschehen.
Wolfgang Kubicki gehört zu einer Minderheit in Deutschland, er ist zurzeit der Vorsitzende der F.D.P.-Fraktion im schleswig-holsteinischen Landtag. Dass die F.D.P. bislang noch keine Sonderbehandlung verlangt hatte (etwa eine F.D.P.-Mitgliedsquote in deutschen Vorständen, wie es auch die Frauen und seit einer Weile die Migranten mit wachsendem Erfolg gefordert bekommen), hat mich ja schon überrascht, immerhin gehören ihre Mitglieder wie kaum eine andere auf die Liste der vom Aussterben bedrohten Arten.
Die Gelegenheit, so befand Wolfgang Kubicki anscheinend, war nun günstig für ein letztes, verzweifeltes Aufbäumen, und so ließ er das “Handelsblatt” wissen:
Statt mit den Weltverbesserungsplänen der Grünen zu harmonieren, sollte Peer Steinbrück die pragmatische Lösung wählen und mit den Liberalen paktieren — denn die sind ihm näher als er zugeben möchte.
Ja, die F.D.P. ist Peer Steinbrück näher als er zugeben möchte, gemeinsam nämlich sind sie nahe an der Bedeutungs- wie Profillosigkeit. Wodurch sich Peer Steinbrück hervortut?
Er handelt ergebnisorientiert, ist ein Freund klarer Worte und hat einen fast britischen Humor, der bis an die Beleidigungsgrenze geht — was auf einen interessanten Wahlkampf hoffen lässt.
Peer Steinbrück beleidigt gern fast Leute und ist damit der F.D.P. nahe. Ach so. Überdies zeichne ihn noch mehr aus, postuliert Wolfgang Kubicki munter weiter:
Peer Steinbrück (…) hat (…) einen deutlichen Kompetenzvorteil gegenüber allen anderen aus der SPD.
Unter den Blinden, so lautet ein Sprichwort, ist der Einäugige der König; unter Mitgliedern der SPD muss es eben der Steinbrück sein. Falls sich übrigens jemand nicht an Peer Steinbrück erinnert: Ab November 2005 war er Bundesfinanzminister im ersten Kabinett Merkel und hat während seiner Amtszeit nicht nur den Big Brother Award 2007 in der Kategorie Politik für die Einführung der lebenslangen Steueridentifikationsnummer erhalten, sondern unter anderem kurz nach Beginn der Krise geäußert, das deutsche Bankensystem sei “relativ robust”, was zwar sehr beruhigend klang, blöderweise den Banken aber einigermaßen schnuppe war. Und alle anderen aus der SPD sind noch schlechter?
Was Wolfgang Kubicki aber nicht nur übersehen, sondern schlicht vergessen zu haben scheint, ist:
Um überhaupt als Koalitionspartner für die SPD in Frage zu kommen, sind zunächst einmal 5 Prozent der Wählerstimmen zu gewinnen.
Mein Tipp: Wird nix.
Ach, nein. Nicht schon wieder Montag.
Andererseits: Zeit für die wöchentliche Dosis guter Musik. Hier kommt’se.
Old friend charity
Cruel twisted smile
And the smile signals emptiness for me
Starless and bible black
Guten Oktober!
Wer sich anstelle der Musikindustrie ja eigentlich mal über das Internet (wusstet ihr übrigens schon, dass der Trend vorüber ist?) aufregen könnte, sind die Verlage. Die Wochenendausgabe der gedruckten “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” findet das auch und trägt unter der Überschrift “Such das Buch” daher mal etwas dazu bei:
In Buchläden gibt es jetzt Badekonfetti, Haarbürsten, Figuren aus Lego und Bestecksets — nur Bücher gibt es immer weniger.
Das liege daran, dass große Buchhandelsketten den Plan gefasst hatten, bis zu dreißig Prozent ihres Sortiments mit sogenannten Non-Books bestücken zu wollen; Nichtbüchern also, die man so nennt, weil es keine Bücher sind. “Sogenannte Non-Books” finde ich aber noch ein bisschen schöner, weil es nebenbei den Sprachverfall kritisiert, wofür ich den unbekannten F.A.Z.-Autor an dieser Stelle einmal herzlichst virtuell drücken möchte.
Nun lese ich öfter Zeitschriften und sogar Tageszeitungen als Bücher, weil mir dann Zeit für wichtigere Dinge (zum Beispiel Musik) fehlen würde. Das lässt mich allerdings nicht die offensichtlichen Parallelen zwischen Musikdateien und elektronischen “Büchern” übersehen. (Siehe hierzu meine im Mai 2011 geäußerte Kritik an letzteren.) Tatsächlich haben Bücher viele Eigenschaften, die kein “E‑Book” jemals haben wird. Abgesehen von dem Gefühl und dem Geruch beim Lesen eines papiernen Buches sieht es auch im Bücherregal besser aus als eine SD-Karte oder ein USB-Stick — ganz gleich, wie viel Platz diese einsparen würden. Ein elektronisches “Buch” fühlt sich falsch an.
Dies hätte man natürlich erwähnen können. Hat man aber nicht. Stattdessen:
Mit [dem] Erfolg [von E‑Book-Autoren] kam auch der Wunsch nach Anerkennung im alten System — ganz so, als hätte das Buch noch immer Eigenschaften, auf die niemand verzichten will: als Autorität, als eine (sic!) Medium der Vertiefung, als ein revolutionärer Akt.
Ja, die hat es; und ich bedaure den unbekannten Autor dafür, dass er sie nicht erkennt oder zu benennen vermag.
Ich würde übrigens niemals mein Besteck bei Thalia kaufen. Ihr etwa?