Sonstiges
Medienkritik LXXVI: “BRAVO”: Wie ich darauf reagiere.

Ich spreche nicht gern darüber, denn ich habe es geschafft, mich davon loszusagen. Ich habe mein Leben seit­dem völ­lig verän­dert und, dies behaupte ich dreist, zum Besseren gewen­det. Nun aber wird es, bevor es ein ander­er tut, Zeit, dieses dun­kle Geheim­nis aufzudeck­en.

Ich geste­he, ich habe von 1998 bis Anfang 2000 regelmäßig die “BRAVO” gekauft und gele­sen.

Damals war ich in diesem Alter. Dessen ungeachtet habe ich mich natür­lich kein biss­chen für die Nackedeibilder inter­essiert, son­dern hängte stattdessen die gele­gentlich enthal­te­nen Poster von den Ärzten — Verzei­hung: den Die Ärzte — an meine Zim­mer­wände. (Dort hin­gen später andere Poster, aber darum soll es hier nicht gehen.) Vor allem aber kan­nte (und mochte) ich einen nicht zu unter­schätzen­den Teil der rezen­sierten und sonst­wie erwäh­n­ten Musik­er. CDs von Scoot­er, Aqua und ähn­lichen Kün­stlern waren in meinem Plat­ten­schrank lange vor der Entste­hung meines Musik­faschis­mus’ zu find­en.

Auf­grund mitunter bedauern­swert­er Fam­i­lien­ver­hält­nisse ergab es sich, dass mir heute die “BRAVO” 43/2012 sozusagen in die Hände fiel.

Meine spon­tane Reak­tion war die Über­raschung darüber, dass sich seit über einem Jahrzehnt nicht viel geän­dert zu haben scheint: Die “BRAVO” riecht immer noch wie früher, die Titel­seite ist immer noch so brül­lend bunt, dass man sich wün­scht, beim Betra­cht­en der­sel­ben unter Dro­gen zu ste­hen, und zeigt, erfreulicher­weise fast verdeckt von vie­len großen Buch­staben, fünf dank mod­ern­er Bild­bear­beitung zwar einiger­maßen naja ausse­hende, aber eben doch ziem­lich aus­tauschbare süße boys. N’Sync und die Back­street Boys scheinen es nicht zu sein, die Bil­dun­ter­schrift lautet:

Flirt-Alarm bei ONE DIREC­TiON (sic!)
Von welchen Hol­ly­wood-Girls sie ange­bag­gert wer­den
+ Wie die Jungs darauf reagieren

Wis­sen also, das natür­lich immens wichtig für das tägliche Leben Her­anwach­sender ist, weshalb es unfein von mir wäre, mich darüber lustig zu machen. Wer genau One Direc­tion sind und was sie machen, wird offen­bar als Vorken­nt­nis voraus­ge­set­zt. Eine hohe Hürde für poten­zielle Käufer, ich selb­st näm­lich habe nicht die leis­es­te Ahnung. Das ist aber nicht schlimm, nehme ich an.

Weit­ers enthält diese Aus­gabe “15 coole FUN-STiCK­ER” (erneut sic!). Der­maßen unfass­bar cool und lustig sind diese stick­er, dass ich ein­fach mal einen von ihnen beschreibe, weil es mir son­st kein­er glaubt: Zu sehen ist Sponge­Bob Schwammkopf, der einen Kapitän­shut und ein Holzschw­ert trägt. In ein­er Sprech­blase, die auf ihn zeigt, ste­ht: “ICH BIN BEREIT!”. Ich liege vor Lachen schi­er am Boden. Außer­dem enthal­ten sind 5 Poster (“+ 5 POSTER”). Die unger­ade Zahl zeigt es bere­its: Um eines von ihnen zu ent­nehmen, ist es nötig, einen Teil des übri­gen Heftes eben­falls her­auszureißen. Dass die Zuständi­gen der “BRAVO” dies bil­li­gend in Kauf nehmen, zeugt immer­hin davon, dass sie noch nicht völ­lig ver­drängt haben, was für ein unglaublich über­flüs­siges Mag­a­zin sie da eigentlich zu ver­ant­worten haben.

Nach dem Umblät­tern wird man zunächst von einem grin­senden Dieter Nuhr irri­tiert, der Wer­bung für den “Deutschen Com­e­dypreis” auf RTL macht. Darüber ste­ht etwas von der “besten Com­e­dy”. Der Zusam­men­hang ist mir nicht klar. Rechts davon jeden­falls ist, umrahmt von aller­lei bun­ten Bildern, das Inhaltsverze­ich­nis zu find­en. Und was da außer den “mega-lusti­gen Fun-Stick­ern” nicht alles für dolle The­men drin sind!

Mega-Come­back: So rockt Michael Jack­son auch drei Tage nach seinem Tod die Welt

Als ich noch jung war, war Rock das mit den Gitar­ren und dem Bass und nicht das, wom­it Michael Jack­son bekan­nt gewor­den ist. Offen­bar hat “rock­en” in den let­zten Jahren einen Bedeu­tungswan­del vol­l­zo­gen und bedeutet nun “mit­tels musikalis­ch­er Ver­gan­gen­heit den Nach­lassver­wal­tern viel Geld in die Kassen spülen”. Schade, dass man dieses schöne Wort nun also bess­er nicht mehr nutzen sollte.

Nur in BRAVO ver­rät Justin Bieber, wer wirk­lich wichtig ist in seinem Leben

Natür­lich “nur” in der “BRAVO”, denn der näch­sten Zeitschrift erzählt er vielle­icht etwas ganz anderes.

Anson­sten sind jede Menge Geschicht­en über weit­ere “Musik­er”, die mir über­wiegend unbekan­nt sind, und drama­tis­che Geschicht­en von men­schlichen Schick­salen enthal­ten. Die Nackedeibilder scheinen bedauer­licher­weise ver­schwun­den zu sein, aber die “Foto-Love-Sto­ry” ist immer noch genau so däm­lich wie früher. Die Ange­wohn­heit, die Pro­tag­o­nis­ten stets mit debilem Gesicht­saus­druck zu fotografieren, kam nicht abhan­den: Die Haupt­darstel­lerin darf ihre Klappe nur sel­ten schließen. Denkblasen entströ­men in der Welt der “BRAVO”-Macher offen­bar dem Mund und nicht dem Hirn. Das erk­lärt ver­mut­lich manch­es.

Die Hand­lung ist gewohnt albern: Ein dick­es Mäd­chen verabre­det sich über das Inter­net mit einem süßen boy, der sie erst mal mit ihrer Fre­undin ver­wech­selt. Als Resul­tat schickt sie eben­jene Fre­undin los, um sich mit dem süßen boy zu tre­f­fen, und beobachtet das Geschehen aus einem schlecht­en Ver­steck her­aus. Sie ent­deckt, dass auch der süße boy einen ver­steck­ten Begleit­er mit­ge­bracht hat, und da bei­de eh’ schon im Gebüsch sind, ist das hap­py end so total span­nend, dass ich es euch nicht vor­weg­nehmen möchte.

Den Artikel über den Flirt-Alarm bei ONE DIREC­TiON habe ich übri­gens nicht gele­sen. Ich nehme an, ich habe nichts ver­passt. Anzunehmen sei allen­falls, dass pro Absatz min­destens ein­mal wahlweise “cool” oder “süß” vorkommt. Ich vertrete die Ansicht, dass es für alle Beteiligten ein­fach­er wäre, wenn die “BRAVO” ein­fach mal ein Son­der­heft machen würde, das einen einzi­gen Artikel enthielte, dessen Über­schrift “Die süßen boys aus dem Fernse­hen und warum ihr sie niemals haben kön­nt” lautete. Wie schnell fän­den die regelmäßi­gen Leserin­nen der “BRAVO” dann ihre vorüberge­hend wahre Liebe! Aber das wäre natür­lich schlecht für das Geschäft.

Der Unter­ti­tel der “BRAVO” lautet: “Deine ganze Welt!”. Ein biss­chen erschreckt mich das.

Musik
Quäääk!

Zu den Musikrich­tun­gen, mit denen ich nicht viel anfan­gen kann, gehört der Gesang von Tenören. Die grauen­vollen, aber bei betagten Frauen aus irgendwelchen Grün­den recht beliebten Sänger der so genan­nten Musik­gruppe Adoro etwa rufen in mir mit ihrem Geknödel eher unan­genehme Schmerzreak­tio­nen als Genuss her­vor.

Insofern bin ich davon überzeugt, dass der für die Gestal­tung der CD-Rei­he namens “Zeit für…” einen aus­geze­ich­neten Musikgeschmack und einen exquis­iten Humor beweisen wollte, als er sich an das Erstellen des Titel­bildes der (aus­gerech­net) Dop­pel-CD “Zeit für Tenöre” machte:

Dieses eine Mal ist immer­hin drin, was drauf­ste­ht.

LyrikPersönliches
Sie. (Fragment 6.3, que sera)

“Every­body needs some­one to live by.”
– Talk Talk: Desire


… Eigentlich hätte es ganz anders kom­men sollen.

Hat­te er den Frem­den nicht stets benei­det um den Platz in ihrem Herzen, den er selb­st, das wusste er, niemals würde errin­gen kön­nen? Nein, sagte sie, dazu bestünde kein Anlass, zwis­chen dem Frem­den und ihr würde niemals das Band beste­hen, das sie bei­de ver­band. Er glaubte ihr. Und doch schlich der Fremde sich immer wieder in ihr Leben und nahm sich die Zuwen­dung, die er brauchte; und sie liebte dieses Spiel.

Der bloße Gedanke, er würde das, was er errun­gen hat­te, eines Tages an den Frem­den ver­lieren, ließ ihn oft verzweifeln. Sie ver­suchte ihm die Gewis­sheit zu geben, dass er mehr war als das, und den­noch — er hätte alles dafür gegeben, er zu sein; sie mit sein­er bloßen Anwe­sen­heit betören zu kön­nen. Aber er hat­te, das wusste er, etwas erre­icht, was nur schw­er zu über­bi­eten war. Ihr Herz kon­nte er nicht gewin­nen, aber er hat­te mehr; mehr, als er sich jemals erhofft hätte, als er ihr unge­lenk und ver­schämt seine Zunei­gung ges­tand.

Aber was bedeutete diese Zunei­gung? Er hat­te nicht darüber nachgedacht. Er liebte sie nicht; er wollte sie. Er wollte sie um sich und bei sich spüren. Er brauchte keine Beziehung, er wusste nicht ein­mal so genau, was eine Beziehung eigentlich war. Er war süchtig nach ihr, ihrem Kör­p­er, ihren Küssen, ihren meter­tiefen Augen. Niemals hätte er riskieren wollen, sie nicht wieder in die Arme schließen zu dür­fen.

Er wirk­te oft kalt, und das machte ihm Angst, weil er nicht wusste, was das bedeutet. Men­schen wie er seien so, sagte sie manch­mal, und damit war es gut. Was er aber nun emp­fand, war weit von jed­er Kälte, jed­er Dis­tanziertheit ent­fer­nt. Er würde diese Kälte nun wahrlich genießen, wenn er sie nur umfassen kön­nte. “Puh”, dachte er, “doch nicht ver­rückt.”

Nun lag er wach in seinem Bett. War wirk­lich erst eine Woche ver­gan­gen, seit es ihr genügt hat­te? Für ihn fühlte es sich wie Monate an.

Er hätte genügsam bleiben sollen, vielle­icht wäre all das dann nicht passiert. In sein­er Ver­gan­gen­heit aber war zu viel geschehen, das ihn hat­te vor­sichtig wer­den lassen. Sein Ver­stand wusste, dass nichts und nie­mand außer ihm selb­st einen Keil zwis­chen sie treiben kön­nte, aber genügte das? Wann immer er sich der Gegen­wart des Frem­den bewusst wurde, kam ihm ihr Beken­nt­nis in den Sinn, dass in ihrem Herzen noch für lange Zeit nur Platz für den Frem­den sein würde; zwar auf ein­er Ebene, die keine Gefahr für das darstellte, was sie hat­ten, aber doch genug, um ihn zu verun­sich­ern.

Sie hat­te ihn, vielle­icht nur zum Scherz, Schatz genan­nt; ein Wort, das seine Welt aus den Fugen warf. Nun hat­te sie ihm mehr als nur den Kopf ver­dreht. Er würde sie bald wieder­se­hen, hat­te sie gesagt. Es fiel ihm jeden Tag schw­er­er, sie zu mei­den, obwohl er ihr viel zu viel Zeit ger­aubt hat­te. Aber er wusste, dass er das schaf­fen würde, nein, musste. Alles, was ihm von all den Küssen, den Umar­mungen, der Wärme geblieben war, war die Hoff­nung, dass er sie nicht aufgeben müsste. (Was sie wohl ger­ade machte?)

Und er hat­te nicht die leis­es­te Ahnung, was er ihr sagen würde, wenn er sie jemals wieder­se­hen würde. Was er aber nicht sagen würde, das wusste er genau.

Seit sie fort war, schien es, als wäre ihr Name einge­bran­nt in jedes Detail seines Lebens. Was aber sollte er denen sagen, die ihn täglich fragten, wie es ihr ging? Er hätte es selb­st gern gewusst.

“Wir sehen uns” hat­te sie gesagt. Dabei sah er sie fast jede Nacht im Traum; und er griff nach ihr und erwachte allein. Eine Stern­schnuppe erleuchtete seinen Heimweg. In der Nacht der Stern­schnup­pen hat­te er nur einen einzi­gen Wun­sch; so auch dies­mal. Dieser Wun­sch aber sollte nicht vergeudet sein. Er schloss die Augen und spürte, wie eine Träne sie ver­ließ. Er hat­te nur diesen einen Ver­such. …


“Oh my dear, every salt­ed tear, it wrings bit­ter-sweet applause.”
– Roxy Music: Bit­ter-Sweet

Sonstiges
Medienkritik in Kürze: Das Geile am “Yps”-Heft

Eventuell ist es an eini­gen mein­er Leser vor­beige­gan­gen: “Yps”, das Kin­der­magazin aus den 1990er Jahren, das vor allem dadurch Aufmerk­samkeit erlangt hat­te, dass es in ermü­den­der Häufig‑, beina­he Regelmäßigkeit so genan­nte “Urzeitkreb­se” als Dreingabe bein­hal­tete, die mit der Urzeit unge­fähr so viel zu tun haben wie ein Com­put­er, aber eine Beiga­be namens “leckere Fut­terkreb­se zum Sel­ber­basteln” würde sich wahrschein­lich nicht so gut verkaufen, ist wieder da.

Als Män­ner­magazin.

Wer beim Wort “Män­ner­magazin” an Tit­ten­heftchen denkt, der irrt allerd­ings. Tat­säch­lich geht’s um Alt­bekan­ntes:

Ein Fün­f­tel beste­ht aus alten oder neuen Comics, unter anderem dem Klas­sik­er “Yin­ni und Yan”, mit deren Schöpfer, Heinz Körn­er, es auch ein Inter­view gibt. Bei den Orig­i­nal­comics han­delt es sich auss­chließlich um “Wieder­hol­un­gen” aus alten Heften, bei “Yin­ni + Yan” ist es die Dschingis-Khan-Folge aus dem Heft 115, die “Hombre”-Geschichte ist aus Heft 146. Neue Fol­gen wer­den laut Kallen­berg nicht geschaf­fen.

Statt Brüsten der Neuzeit gibt’s dann auch wieder ein gim­mick: Urzeitkreb­se. Wer hätte das gedacht?

Alles beim Alten also, Und wer braucht das? Nun, darüber weiß der neue Chefredak­teur zu bericht­en:

Nutzw­ert hat “Yps” null, kein Men­sch braucht es, das ist das Geile.

Geil.

Gle­ich mal abon­nieren.

Fotografie
Zeitverlust

… und dann gehe ich zum Bahn­hof und wüsste gern, wie spät es ist, und muss dann doch mein Smart­phone befra­gen, die Bahn­hof­suhren näm­lich kön­nen sich nicht so recht entschei­den.

SonstigesNerdkrams
Medienkritik in Kürze: Die F.A.Z. und das Urvieh

In der heuti­gen Aus­gabe der Frank­furter All­ge­meinen Zeitung wird mal wieder in jour­nal­is­tisch neu­tralem Duk­tus über eine Ver­steigerung eines Exem­plars des “einzi­gar­ti­gen” (F.A.Z.) Com­put­ers “Apple I” von 1976 berichtet. Dieses “Urvieh” (ebd.) stach fol­gen­der­maßen aus der Masse der Heim­com­put­er her­vor:

Apple war einzi­gar­tig, man kon­nte es sehen, fühlen, riechen. Es galt, anders zu sein als die Masse, die ein schnödes Win­dows-PC-Leben führte.

Im Jahr 1976, wir erin­nern uns, war die Fir­ma Microsoft unge­fähr ein Jahr alt. Das dom­i­nante Betrieb­ssys­tem im uni­ver­sitären Umfeld wurde allmäh­lich das noch junge Unix, pri­vat waren Com­put­er aus Preis- und vor allem Zweck­grün­den so gut wie gar nicht vertreten. Die ersten 8‑bit-Spielkon­solen, etwa der/die/das Atari 2600, began­nen an Beliebtheit zu gewin­nen, jedoch lief auf ihnen kein Win­dows. Dies hat­te unter anderem zeitliche Gründe: Microsoft Win­dows 1.0 wurde erst im Novem­ber 1983 vorgestellt.

Dass Apple-Com­put­er sich aber irgend­wann von der Masse nicht mehr tech­nisch, son­dern nur noch ideell abhoben, ist aber eine wichtige Erken­nt­nis. Selb­st heise hat es erkan­nt und testet in “Mac & i” nicht mehr, son­dern befühlt nur noch. Ich möchte übri­gens nicht, dass man die Ander­sar­tigkeit der von mir ver­wen­de­ten Geräte erriechen kann, und ich würde auch niemals ein Gerät kaufen, weil es sich bess­er anfühlt. Damit falle ich wohl nicht mehr in die Ziel­gruppe.

Aber irgend­wie muss man so eine Spalte in der F.A.Z. ja voll­bekom­men.

Netzfundstücke
Kurz verlinkt CXXIV: Einfach mal runterkommen.

Das lasse ich mal weit­ge­hend unkom­men­tiert so ste­hen:

Wir Men­schen sind keine kör­per­losen Daten­sätze, son­dern begren­zte Wesen aus Fleisch und Blut. Wir wer­den müde, kriegen Hunger, haben Migräne, müssen Scheißen. Klar kann ich das Handy auch noch mit aufs Klo nehmen und dort weit­er E‑Mails lesen (ich per­sön­lich mache das übri­gens). Aber ich sollte mir doch nicht ein­bilden, dass ich dadurch mehr geschafft kriegen würde. Ob ich das Handy mit aufs Klo nehme oder den ganzen Tag in der Ecke liegen lasse, macht let­ztlich keinen Unter­schied in Bezug auf all das, was ich ver­passe oder nicht tue. Begren­zt gegen Unendlich ist eine ein­fache logis­che Gle­ichung.

Wahr, so wahr.

KaufbefehleMusikkritik
Guilty Ghosts — Trespasser EP

Mich erre­ichte heute über­raschend eine E‑Mail von “Guilty Ghosts”.

Guilty Ghosts ken­nwa, ich hat­te den Her­rn O’Donnell bere­its 2011 erwäh­nt:

Drone-Gitar­ren, Break­beats und Tape-Loops. Ambi­ent, Drone und Elec­tron­i­ca. Unbes­timmt und dif­fus. Gitar­ren­musik. Elek­tro­n­is­che Musik.

Dem Album “Veils” nun fol­gte der/die/das EP “Tres­pass­er” (“Unbefugter”) von 19 Minuten Länge, aufgeteilt auf sieben Stücke. Das Cover­bild des Albums (hier oben rechts zu sehen) stammt aus Mar­tin Scors­eses Film “Die let­zte Ver­suchung Christi”, woraus meinere­in­er inter­pretier­freudig irgend­was mit Störung durch Reli­gion ableit­et und also bess­er schweigt, bevor sich ein wüten­der Pöbel ver­sam­melt, um mich zu schän­den oder so.

Zu hören ist bekan­nter Stil, ambi­en­ter Postrock mit Gänse­haut­ef­fekt. Musik wie Meeres­rauschen unter blauem Him­mel. Gesang gibt es dies­mal nicht, aber das macht eigentlich auch nichts. Der Herb­st kann kom­men.

Wer etwas gegen Katzen in Säck­en hat, der kann “Tres­pass­er” auf Bandcamp.com voll­ständig hören und herun­ter­laden, let­zteres auch per eMule. Die CD (auf 100 Stück begren­zte Auflage) möge man anschließend kaufen und mir sehr dankbar sein. Gern geschehen.

PolitikIn den Nachrichten
Schmalhans des Tages: Wolfgang Kubicki, F.D.P.

Dieser Artikel ist Teil 5 von 18 der Serie Schmal­hans des Tages

Wolf­gang Kubic­ki gehört zu ein­er Min­der­heit in Deutsch­land, er ist zurzeit der Vor­sitzende der F.D.P.-Fraktion im schleswig-hol­steinis­chen Land­tag. Dass die F.D.P. bis­lang noch keine Son­der­be­hand­lung ver­langt hat­te (etwa eine F.D.P.-Mitgliedsquote in deutschen Vorstän­den, wie es auch die Frauen und seit ein­er Weile die Migranten mit wach­sen­dem Erfolg gefordert bekom­men), hat mich ja schon über­rascht, immer­hin gehören ihre Mit­glieder wie kaum eine andere auf die Liste der vom Ausster­ben bedro­ht­en Arten.

Die Gele­gen­heit, so befand Wolf­gang Kubic­ki anscheinend, war nun gün­stig für ein let­ztes, verzweifeltes Auf­bäu­men, und so ließ er das “Han­dels­blatt” wis­sen:

Statt mit den Weltverbesserungsplä­nen der Grü­nen zu har­monieren, sollte Peer Stein­brück die prag­ma­tis­che Lösung wählen und mit den Lib­eralen pak­tieren — denn die sind ihm näher als er zugeben möchte.

Ja, die F.D.P. ist Peer Stein­brück näher als er zugeben möchte, gemein­sam näm­lich sind sie nahe an der Bedeu­tungs- wie Pro­fil­losigkeit. Wodurch sich Peer Stein­brück her­vor­tut?

Er han­delt ergeb­nisori­en­tiert, ist ein Fre­und klar­er Worte und hat einen fast britis­chen Humor, der bis an die Belei­di­gungs­gren­ze geht — was auf einen inter­es­san­ten Wahlkampf hof­fen lässt.

Peer Stein­brück belei­digt gern fast Leute und ist damit der F.D.P. nahe. Ach so. Überdies zeichne ihn noch mehr aus, pos­tuliert Wolf­gang Kubic­ki munter weit­er:

Peer Stein­brück (…) hat (…) einen deut­lichen Kom­pe­ten­zvorteil gegenüber allen anderen aus der SPD.

Unter den Blind­en, so lautet ein Sprich­wort, ist der Einäugige der König; unter Mit­gliedern der SPD muss es eben der Stein­brück sein. Falls sich übri­gens jemand nicht an Peer Stein­brück erin­nert: Ab Novem­ber 2005 war er Bun­des­fi­nanzmin­is­ter im ersten Kabi­nett Merkel und hat während sein­er Amt­szeit nicht nur den Big Broth­er Award 2007 in der Kat­e­gorie Poli­tik für die Ein­führung der lebenslan­gen Steueri­den­ti­fika­tion­snum­mer erhal­ten, son­dern unter anderem kurz nach Beginn der Krise geäußert, das deutsche Banken­sys­tem sei “rel­a­tiv robust”, was zwar sehr beruhi­gend klang, blöder­weise den Banken aber einiger­maßen schnuppe war. Und alle anderen aus der SPD sind noch schlechter?

Was Wolf­gang Kubic­ki aber nicht nur überse­hen, son­dern schlicht vergessen zu haben scheint, ist:
Um über­haupt als Koali­tion­spart­ner für die SPD in Frage zu kom­men, sind zunächst ein­mal 5 Prozent der Wäh­ler­stim­men zu gewin­nen.

Mein Tipp: Wird nix.

Sonstiges
Medienkritik in Kürze: “Such das Buch”: Wie eine Zeitung versucht, die Existenz von Druckwerken zu bewahren.

Wer sich anstelle der Musikin­dus­trie ja eigentlich mal über das Inter­net (wusstet ihr übri­gens schon, dass der Trend vorüber ist?) aufre­gen kön­nte, sind die Ver­lage. Die Woch­enen­daus­gabe der gedruck­ten “Frank­furter All­ge­meinen Zeitung” find­et das auch und trägt unter der Über­schrift “Such das Buch” daher mal etwas dazu bei:

In Buch­lä­den gibt es jet­zt Badekon­fet­ti, Haar­bürsten, Fig­uren aus Lego und Besteck­sets — nur Büch­er gibt es immer weniger.

Das liege daran, dass große Buch­han­dels­ket­ten den Plan gefasst hat­ten, bis zu dreißig Prozent ihres Sor­ti­ments mit soge­nan­nten Non-Books bestück­en zu wollen; Nicht­büch­ern also, die man so nen­nt, weil es keine Büch­er sind. “Soge­nan­nte Non-Books” finde ich aber noch ein biss­chen schön­er, weil es neben­bei den Sprachver­fall kri­tisiert, wofür ich den unbekan­nten F.A.Z.-Autor an dieser Stelle ein­mal her­zlichst virtuell drück­en möchte.

Nun lese ich öfter Zeitschriften und sog­ar Tageszeitun­gen als Büch­er, weil mir dann Zeit für wichtigere Dinge (zum Beispiel Musik) fehlen würde. Das lässt mich allerd­ings nicht die offen­sichtlichen Par­al­le­len zwis­chen Musik­dateien und elek­tro­n­is­chen “Büch­ern” überse­hen. (Siehe hierzu meine im Mai 2011 geäußerte Kri­tik an let­zteren.) Tat­säch­lich haben Büch­er viele Eigen­schaften, die kein “E‑Book” jemals haben wird. Abge­se­hen von dem Gefühl und dem Geruch beim Lesen eines papier­nen Buch­es sieht es auch im Bücher­re­gal bess­er aus als eine SD-Karte oder ein USB-Stick — ganz gle­ich, wie viel Platz diese eins­paren wür­den. Ein elek­tro­n­is­ches “Buch” fühlt sich falsch an.

Dies hätte man natür­lich erwäh­nen kön­nen. Hat man aber nicht. Stattdessen:

Mit [dem] Erfolg [von E‑Book-Autoren] kam auch der Wun­sch nach Anerken­nung im alten Sys­tem — ganz so, als hätte das Buch noch immer Eigen­schaften, auf die nie­mand verzicht­en will: als Autorität, als eine (sic!) Medi­um der Ver­tiefung, als ein rev­o­lu­tionär­er Akt.

Ja, die hat es; und ich bedau­re den unbekan­nten Autor dafür, dass er sie nicht erken­nt oder zu benen­nen ver­mag.

Ich würde übri­gens niemals mein Besteck bei Thalia kaufen. Ihr etwa?