Sonstiges
Medienkritik LXXVII: “JOY”, das Fachmagazin für angewandtes Zickentum

Yetis soll­ten nicht Cos­mopoli­tan lesen, Män­ner keine Frauen­zeitschriften. So weit der Mythos. Man würde als Mann aber manch­mal vielle­icht schon gern wis­sen, was die Frauen so bewegt, und dabei hil­ft für wenig Geld ein Tratsch- und Mod­e­heftchen wie “JOY”. Auf der Web­site der “JOY” (Vor­sicht: Web­site der “JOY”!) ist zurzeit unter anderem eine Galerie der “Busen­blitzer” mit pos­i­tiv beein­druck­ten Kom­mentaren zu find­en, somit teilen die Frauen mit den Män­nern offen­sichtlich zumin­d­est eine nen­nenswerte Vor­liebe: das Möpseguck­en.

Aber ich wollte ja eigentlich näher auf die gedruck­te “JOY” einge­hen. Das mache ich jet­zt mal.

JOY 02/2013

Grund­sät­zlich hat die “JOY” gegenüber der bere­its an ander­er Stelle erwäh­n­ten “Jolie” bezüglich der grell­bun­ten Auf­machung und des Sprach­stils (“Fash­ion we love”, gut Englisch das ist) kein­er­lei Ein­schränkun­gen, und auch die The­men sind sehr ähn­lich. Sog­ar Mila Kunis ist wieder “exk­lu­siv” vertreten; was man eben so “exk­lu­siv” nen­nt.

Beson­ders ange­tan hat’s mir aber das Titelthe­ma “Die Kun­st, eine unberechen­bare Frau zu sein”, das genau so tre­f­fend “Wie man Män­ner auf lange Sicht effizient ver­jagt” heißen kön­nte. Wom­öglich nicht zufäl­lig lautet ein anderes Titelthe­ma “So ent­waffnen Sie Ner­ven­sä­gen”. Blöder­weise sind damit immer nur die Anderen gemeint. Aber vor­weg gibt’s trends, außer scheußlich­er Mode wird hier auch das “stylis­che” (“JOY”) Smart­phone Sony Xpe­ria V emp­fohlen, dank dessen “neuem LTE-Stan­dard” man “noch schneller Filme guck­en” könne; der genaue Zusam­men­hang wird lei­der nicht näher erläutert.

Auf Seite 26 gibt es einige Umfrageergeb­nisse zu lesen, die mich belusti­gen. 69 Prozent der umbe­fragten Frauen sind der Ansicht, Heirat­santräge seien Män­ner­sache, 32 Prozent denken manch­mal beim Geschlechtsverkehr an einen anderen Mann, immer­hin 36 Prozent sind der Mei­n­ung, Män­ner und Frauen kön­nten keine Fre­unde sein. 5 der let­zteren 36 Prozent vertreten die Ansicht, Fre­und­schaft zwis­chen den Geschlechtern sei nur möglich, wenn man schon mal miteinan­der in der Kiste gewe­sen sei. Schö­nen Dank auch, Emanzi­pa­tion und ver­meintliche Abschaf­fung der Rol­len­bilder.

(Apro­pos Rol­len­bilder: Auf Seite 22 wird bewor­ben, mit welchen Mit­teln die mir völ­lig unbekan­nte Schaus­pielerin Jes­si­ca Chas­tain ihren “Porzel­lanteint” — also ihr Püp­pchen­gesicht — betont. Ich ziehe meine Anklage zurück und erk­läre die Emanzi­pa­tion der Frau für gescheit­ert. Glück gehabt.)

Ein biss­chen welt­fremd wird es auf Seite 30, auf der “20 Dinge, die Sie ab 30 keines­falls mehr tun soll­ten” aufgezählt wer­den. Ding Num­mer 5 ist “In ein­er WG wohnen (Aus­nahme: Mod­el-WG)”; damit das Püp­pchen (Seite 22) jen­seits der magis­chen 30 bloß nicht die Hoff­nung ver­lieren möge, jemals eine Chance auf gemein­sames Kotzen zu haben. Mod­els über 29 wei­hen doch nur noch Geschäfte für mol­lige Mode ein, dachte ich. Inter­es­sant sind aber auch die Punk­te 13 (“Irgen­det­was von Hel­lo Kit­ty besitzen”) und 14 (“Sich Son­ntag­mor­gens [sic!] für den Gang zum Bäck­er schminken”). Das sind so die Dinge, von denen ich als Mann ja immer hoffe, dass es noch Frauen unter 30 gibt, die nie auch nur auf die Idee kämen, gegen eine dieser Empfehlun­gen zu ver­stoßen. Aber man will ja gut ausse­hen beim Brötchenkaufen. Kein Wun­der, dass ich meist solo bin: Ich kaufe Brot immer ungeschminkt. Ver­dammt.

Den lang­weili­gen Artikel über Mila Kunis — sie sehe “sich selb­st gar nicht als Sexbombe”, und damit hat sie vol­lkom­men Recht — genügt es zu über­fliegen, es geht um Ash­ton Kutch­er, Knutschen in der Öffentlichkeit und ähn­lich irrel­e­van­ten Quark. Auch die Auflis­tung der “starken Män­ner 2013” kann man get­rost bei­seite lassen, zu sehen sind alle­samt muskel­bepack­te Schön­linge, bevorzugt wohl oberkör­per­frei. Ober­fläch­liche Män­ner, die nur auf den Kör­p­er acht­en, seien wirk­lich schlimm, wurde mir ein­mal gesagt. Dank der “JOY” weiß ich nun wenig­stens, was damit gemeint war.

Der Text, auf den ich mich beson­ders gefreut hat­te — der mit der unberechen­baren Frau — ent­pup­pt sich beim Lesen als mehr­seit­ige Ansamm­lung von Plat­titü­den (“Erotik kann alles sein”, “Män­ner hören beim Sex eh nicht so richtig zu”, aber “Reden ist Sex” — wie auch immer). Der Tenor lautet: Mit einem Mann muss man spie­len, man muss ihn bet­teln lassen. Frauen, die sich an einen solchen Rat­ge­ber hal­ten, brauchen ihn wahrschein­lich noch häu­figer. Übri­gens finde ich das in diesem Artikel infla­tionär ver­wen­dete Wort “Schwanz” für das männliche Glied nicht sehr ero­tisch. Gibt es dazu eigentlich auch schon einen Rat­ge­ber in ein­er Aus­gabe der “JOY”?

Für diese Ent­täuschung entschädigt der Fol­geartikel “Rote Karte für Ner­ven­sä­gen”. Er enthält 16 Tipps, wie man nervige Mit­men­schen effizient anz­ick­en kann, und sollte somit im Port­fo­lio kein­er Frau fehlen, die als solche wahrgenom­men wer­den möchte. Dass ein­er­seits aus dem Buch “Sor­ry, hier sitzt schon meine Tasche” zitiert wird (Tipp Num­mer 7), ander­er­seits aber Leute, die einen Sitz­platz mit ihrer Tasche bele­gen, selb­st als “Ner­ven­sä­gen” iden­ti­fiziert wer­den (Tipp Num­mer 15), ist wahrschein­lich sog­ar beab­sichtigt. Immer­hin möchte man ja die größte Ner­ven­säge von allen wer­den; auch eine Art von joy.

Tipp Num­mer 10 ist eben­falls beachtlich: Man sucht auf Face­book nach wichti­gen Din­gen, ver­mut­lich Schmink­tipps oder was “JOY”-Leserinnen halt so suchen, und find­et nur doofes Geschwätz von ein­er Face­book-Fre­undin. Zwei Lösungsmöglichkeit­en wer­den vorgeschla­gen: Man solle entwed­er “nie­man­den interessiert’s!” drun­ter­schreiben oder die Mel­dun­gen der “Fre­undin” ein­fach aus­blenden. Man kön­nte stattdessen auch ein­fach die Fre­und­schaft kündi­gen, aber so was macht man ja als Frau nicht. Da muss man ja zusam­men­hal­ten. Nur kon­se­quent erscheint da Tipp 16 gegen “hart­näck­ige Anbag­ger-Idioten”: “Glotzen Sie ihn unver­wandt mit einem Gesicht­saus­druck zwis­chen Schock und Debil­ität an — und zwar min­destens 30 Sekun­den.” Der typ­is­chen “JOY”-Leserin genügt es nicht, als Zicke iden­ti­fiziert zu wer­den. Es muss schon min­destens zu ein­er geis­tes­gestörten Zicke genü­gen.

Weit­er­hin in der “JOY”: Beziehun­gen lassen sich ret­ten, indem man sich regelmäßig zu “Sex­dates” trifft, sen­si­ble Haut ist “die Diva unter den vier Haut­typen”, außer­dem Tipps zum “Fig­ur­prob­lem Birne” (kein Witz!) und ein Trench­coat als “Trend fürs Büro”.

Und ich dachte immer, Män­ner­magazine seien bescheuert.

KaufbefehleMusikkritik
Ariel Pink’s Haunted Graffiti — Mature Themes

Ariel Pink's Haunted Graffiti - Mature ThemesBeachtlich ist übri­gens auch das Album “Mature Themes” von Ariel Pink’s Haunt­ed Graf­fi­ti, erschienen bere­its im August 2012 und von mir, Verzei­hung!, zu spät bemerkt.

Ariel Pink ist das Alter Ego des Kali­forniers Ariel Rosen­berg, der schon diverse sehr merk­würdi­ge Lo-Fi-Musikalben veröf­fentlicht hat­te. Zusam­men mit sein­er Haunt­ed Graf­fi­ti Band macht er immer noch Musik, für die “inter­es­sant” ein tre­f­flich­es Adjek­tiv ist.

Das erste Stück, “Kin­s­ki Assas­sin”, klingt nach dem Can­ter­bury Sound à la Egg mit weniger Georgel und mehr Gegi­t­arre, das Titel­stück “Mature Themes” kön­nte auch von einem der Bea­t­les stam­men, “Only In My Dreams” von ein­er dieser 60-er-Jahre-Beat­bands. “Drift­wood” lehnt sich mit dom­i­nan­tem Bassspiel und aller­lei merk­würdi­gen Effek­ten an den Psy­che­del­ic Rock und den Krautrock an. Das abschließende Don­nie-und-Joe-Emer­son-Cov­er “Baby” ist ver­gle­ich­sweise ger­adlin­iger Soul. Eine musikalis­che Gemein­samkeit aller anderen Stücke: Frank Zap­pa lässt grüßen.

Daran trägt nicht nur die Stimme Her­rn Rosen­bergs die Schuld, auch stilis­tis­che Merk­male stim­men übere­in. “Schnitzel Boo­gie” (allein der Titel schon!) etwa kön­nte direkt von Zap­pas “Joe’s Garage” stam­men, und son­st so:

Es gibt keinen Punkt, keinen Sinn, keine Rich­tung und keinen Stil. Es ist alles ein großer, bunter Freak-out, der entwed­er im Narziss­mus oder in der para­noiden Psy­chose mün­det.

Ziem­lich großar­tiges und dabei nicht mal allzu ver­queres, son­dern gele­gentlich schnell eingängiges Zeug.

Ein biss­chen schade ist es nur, dass die Stücke über­wiegend recht kurz sind, nur “Nos­tradamus & Me” fällt mit etwa siebenein­halb Minuten Laufzeit ein wenig aus dem Rah­men. Aber die fehlende Quan­tität tut der her­aus­ra­gen­den Qual­ität keinen Abbruch. Empfehle Rein­hören.

Montagsmusik
Gisbert zu Knyphausen — Spieglein, Spieglein

Zum nieder­säch­sis­chen Wahlson­ntag (die über­wälti­gende Wahlbeteili­gung von über 50 Prozent sei ein “gutes Zeichen für die Demokratie”, sal­baderte Stephan “Inner­parteiliche Demokratie” Weil in die Phoenix-Kam­eras, ohne zu lachen — meinen Glück­wun­sch zu dieser Selb­st­be­herrschung!) nur noch so viel:

zu Knyphausen — Spieglein Spieglein

Du bist immer so fix­iert auf das, was noch fehlt.
Und jet­zt schau nicht so gequält — das sieht scheiße aus.

Guten Mor­gen.

Politik
Wenn Sprache politisch wird

Die heutige “ZEIT” begrün­det wortre­ich — auf immer­hin drei Seit­en — die jüngst bekan­nt gegebe­nen Änderun­gen in Kinder­büch­ern betr­e­ffs der Negerkinder.

Ich habe mir den Quatsch nun nicht durchge­le­sen, möchte die Aufmerk­samkeit mein­er geschätzten Leser jedoch auf den Ein­führung­s­text lenken:

Unsere lieb­sten Kinder­büch­er wer­den poli­tisch kor­rekt umgeschrieben — ist das ein Fortschritt?

Poli­tisch kor­rek­te Sprache also, hier wie auch bei der unsäglichen Mod­eer­schei­n­ung “Gen­dern”.

Sprache war zu allen Zeit­en ein Mit­tel des Volkes, nicht etwa der Herrschen­den. Natür­lich haben immer wieder Herrschende ver­sucht, sich der Sprache zu bemächti­gen, von Dauer war jedoch kein­er dieser Ver­suche.

Was hätte die Poli­tik davon, die Sprache des Volkes zu reg­ulieren? Vor allem hätte sie Macht. Nicht erst Orwells “1984” mit der min­is­teri­ums­ges­teuerten Sprache sollte uns da vor­sichtig wer­den lassen. Wer ver­sucht zu bes­tim­men, wie man richtig spricht, ver­sucht auch das Wer­turteil zu bee­in­flussen, welch­er Gedanke gut und welch­er böse ist. Staat­en, die das ver­suchen, sind gefährlich.

Poli­tis­che Kor­rek­theit, wen­ngle­ich nicht immer oblig­a­torisch, geht stets mit Ent­mündi­gung ein­her.

Seid wach­sam.

In den NachrichtenPolitik
Kurz verlinkt CXL: Das Internet war voll.

Zur SPD ein­er­seits und zu Frau Meiritz vom “SPIEGEL” ander­er­seits möchte ich mich übri­gens nicht weit­er äußern, behin­derte Kinder und Frauen schub­st man als anständi­ger Men­sch nicht.

Stattdessen wäre das hier fast unbe­merkt an mir vor­beig­er­auscht: Der CDU-Bun­destags­frak­tionsvizevor­sitzende (toller Titel übri­gens) Michael Fuchs hat bezüglich sein­er früheren Beschäf­ti­gung bei ein­er irgend­wie mit dem britis­chen Geheim­di­enst ver­flocht­e­nen Fir­ma gel­o­gen, weil die entsprechende Spalte in der Excelta­belle zu klein war.

In den Excel­lis­ten sei der kom­plette Name “Hak­luyt & Com­pa­ny” auf­grund von “Platz­grün­den” abgekürzt wor­den. Fehlen­der Platz in ein­er Excel­liste – das klingt in etwa so schlüs­sig wie die Aus­sage “das Inter­net ist voll”.

Jet­zt ver­sucht Michael Fuchs, diesen Umstand anwaltlich zu ver­schleiern. Natür­lich — wer möchte schon zugeben, dass er in der CDU ist nicht mal Text voll­ständig in eine Excelta­belle bekommt? Ich wüsste allerd­ings wirk­lich gern, auf welch­er geset­zlichen Grund­lage der Anwalt argu­men­tiert hat. So weit ich weiß, ist Dummheit noch nicht straf­bar.

Schade eigentlich.

(via Nachtwächter)

PolitikIn den Nachrichten
Kurz verlinkt CXXXIX: Innerparteiliche Demokratie

Weil Demokratie nicht funktioniertIn Nieder­sach­sen über­schla­gen sich die Ereignisse kurz vor der anste­hen­den Land­tagswahl ger­adezu. Nun ist eine promi­nente “Sozialdemokratin” (merk­würdi­ge, aber his­torisch begrün­dete Eigen­beze­ich­nung von SPD-Mit­gliedern) zur Linkspartei gewech­selt, weil sie gegen Doris Schröder-Köpf, Pio­nierin der Pfer­de­witze, ver­loren hat. Dies aber wohl nicht ganz zu Recht:

Nach dem Votum der fünf Ortsvere­ine hat­te Leuschn­er zwar mit 21 zu 19 Stim­men zunächst vorn gele­gen, die Delegierten hat­ten sich aber nicht an diese Entschei­dung gebun­den gefühlt. Sie hat­ten Leuschn­er am Ende nur 14 Stim­men gegeben.

(Falls noch jemand Gründe brauchte, warum das Delegierten­sys­tem sel­ten eine gute Idee ist.)

Und was sagt der “Spitzenkan­di­dat” der SPD zu diesem Vor­fall? Ach, das sei doch alles nicht so schlimm. Demokratie sei auf Sozialdemokratisch eben nicht unbe­d­ingt das mit der Mehrheit.

“Die Kan­di­datenkür sei nach allen Regeln der inner­parteilichen Demokratie ver­laufen, sagte dage­gen Weil. “Wer das nicht akzep­tiert, der hat ganz am Ende ein Prob­lem mit der Demokratie.”

“Inner­parteiliche Demokratie”. Den Begriff sollte man sich merken.

PersönlichesPolitikNetzfundstücke
Alles Käse, die Ästhese.

Dass das Schön­heit­sempfind­en der Gesellschaft sich in den let­zten Jahrzehn­ten nicht zum Besseren gewen­det hat, habe ich ja hier bere­its des Öfteren the­ma­tisiert. Zusam­men­fassend sei wieder­holt: Der momen­ta­nen modis­chen und ideellen Entwick­lung von Schön­heit­side­alen kann ich nichts abgewin­nen. Ich bin ein visueller Men­sch; andere mögen es ober­fläch­lich nen­nen.

Die men­schliche Spezies ist eine von jahrtausendeal­ten Instink­ten getriebene. Ein bre­ites Beck­en bei Frauen sig­nal­isiert die Fähigkeit, reich­halti­gen Nach­wuchs zu gebären, was erk­lären kön­nte, warum Frauen mit dick­en Hin­tern zu den meis­tum­wor­be­nen gehören. Andere Fak­toren? Der Geruch, die Bewe­gung, die Stimme, der Intellekt. Ein eventuell anschaulich­es Beispiel ist Sabine Leutheuss­er-Schnar­ren­berg­er. Ich habe niemals an Sabine Leutheuss­er-Schnar­ren­berg­er gerochen, sie nie gese­hen und nie gehört, mich nie mit ihr unter­hal­ten. Ich bin jedoch, wie bere­its erwäh­nt, ein visueller Men­sch, und da Frau Leutheuss­er-Schnar­ren­berg­er für jeden­falls mich optisch in kein­er Weise ansprechend ist, gehe ich fest davon aus, dass ich ihr, bäte sie mich um ein Ren­dezvous, einen Korb gäbe. Warum ger­ade Sabine Leutheuss­er-Schnar­ren­berg­er? Geduld, das erk­lärt sich möglicher­weise gle­ich von selb­st.

Denn nicht nur ich bin ein visueller Men­sch, die Vielzahl der Män­ner scheint es zu sein. Wie son­st kön­nen sich Dutzende Tit­ten­heftchen seit Jahren, gar Jahrzehn­ten auf dem hart — hehe, “hart” — umkämpften Markt hal­ten? Geruch, Bewe­gung, Stimme, Intellekt der abge­bilde­ten Per­so­n­en sind nicht von Belang. Irgend­wo muss man die Mess­lat­te — hehe — ja anset­zen.

Bei Men­schen, die sich selb­st zur Klien­tel besagter Heftchen zählen, ist beim Betra­cht­en der­sel­ben lediglich das Sehen von Belang, und das ändert sich auch nicht, wenn diese Heftchen irgend­was mit Poli­tik machen. Das Tit­ten­heftchen “Play­boy” etwa ließ jüngst ermit­teln, welche deutsche Poli­tik­erin auf die Umfrageteil­nehmer den größten visuellen Reiz ausübe. (Ohne die Orig­i­nal­be­fra­gung zu ken­nen, nehme ich an, dass die Fragestel­lung unge­fähr “Mit welch­er deutschen Poli­tik­erin wür­den Sie am lieb­sten mal in die Kiste hüpfen?” lautete.)

Nun kann mir nie­mand glaub­würdig erk­lären, inwiefern das die Wäh­ler­gun­st nicht bee­in­flussen soll. Poli­tikver­drossen­heit in Hochglanz­bildern bleibt Poli­tikver­drossen­heit. Meine per­sön­liche Favoritin stand ver­mut­lich nicht zur Wahl und kommt nur aus diesem Grund nicht ein­mal vor, die Ran­gliste ist entsprechend unaufre­gend.

Die Vorzeige-Piratin Mari­na Weis­band und Sahra Wagenknecht von der Linkspartei sind laut ein­er Umfrage die attrak­tivsten Poli­tik­erin­nen Deutsch­lands.

“Vorzeige-Piratin”, Schnickschnack; die Piraten­partei zeigt nie­man­den vor, auch dann nicht, wenn die Presse nach ein­er repräsen­ta­tiv­en Piraten­frau fragt. (Es scheint ja immer noch die Vorstel­lungskraft der Boulevard-“Journalisten” zu über­steigen, wenn sie auf Parteita­gen der Piraten­partei eine Frau ohne männliche Führung sehen.) Bemerkenswert ist hier das Wort “attrak­tiv”, denn Attrak­tion ist nicht nur ein auf’s Visuelle bezo­gene Begriff. Ob das die Teil­nehmer wussten?

Die übri­gen Resul­tate lassen mich daran zweifeln:

Nur drei Prozent der Befragten nan­nten Angela Merkel (CDU) als “sex­i­este Poltik­erin” (sic!), Schlus­slicht wurde die Bun­desvor­sitzende der Grü­nen, Clau­dia Roth, mit nur einem Prozent Zus­tim­mung.

“Sexy” näm­lich ist schon etwas ganz anderes als “attrak­tiv”. Auf die Grundbe­deu­tung reduziert heißt der zitierte Satz: Etwa 30 von ein­tausend Män­nern wür­den von allen deutschen Poli­tik­erin­nen am lieb­sten eine Nacht mit Angela Merkel ver­brin­gen, etwa 10 mit Clau­dia Roth. (Das sind — mal kurz die Hand aus der Hose und mitrech­nen — weniger als 30. Das möchte ich nur noch mal beto­nen.)

Zweifel­sohne hat Angela Merkel von bei­den Schlus­slichtern die angenehmere Stimme. Mir per­sön­lich würde das aber nicht reichen.

Ich bin ein visueller Men­sch. Ich finde Lind­say Lohan, Miley Cyrus, Scar­lett Johans­son und die anderen Schabrack­en geschminkt zu kün­stlich und ungeschminkt zu hässlich. Ich finde die sex­i­est woman alive — Mila Kunis — unge­fähr so anziehend wie einen Schup­pen­drachen­fisch. Trotz alle­dem stelle ich keine Ran­gliste der attrak­tivsten Poli­tik­er auf. Es ist mir vol­lkom­men gle­ichgültig, in welch­er Partei eine hüb­sche Frau ist, wie es mir eben auch egal ist, ob eine Poli­tik­erin, die viel Gutes und Wahres sagt, gut aussieht oder nicht. Ich werde niemals die CDU wählen, obwohl Kristi­na Schröder es auf Platz 3 geschafft hat.

Und ich möchte, das will ich hier­mit aus­drück­lich beto­nen, nicht mit Angela Merkel schlafen.

In den Nachrichten
Diese Wichser!

Früher, lange vor “Twi­light” und “Har­ry Pot­ter”, sprachen Pro­tag­o­nis­ten in Kinder­büch­ern noch sturzfreies Deutsch. Pip­pi Langstrumpf unter­hielt sich fröh­lich nicht etwa mit der Tochter des afroamerikanis­chstäm­mi­gen Königs, son­dern mit der Negerprinzessin im Taka-Tuka-Land, und Kinder, die ihre Schuhe nicht wich­sen woll­ten, beka­men eine gewichst.

Mit der Negerköni­gin ist es schon lange vor­bei, der Thiene­mann-Ver­lag (“Thiene­mann Ver­lag”, saudoofer Name) arbeit­et nun oben­drein an einem Wichsver­bot:

Der Stuttgarter Thiene­mann Ver­lag stre­icht das Wort “wich­sen” aus den Kinder­buchk­las­sik­ern Otfried Preußlers. In ein­er Erk­lärung heißt es, dass Kinder diesen Begriff heute nicht mehr im Sinn von “putzen”, “polieren” ken­nen wür­den oder gar als Syn­onym für die Prügel­strafe. Früher aber seien Stiefel “gewichst” wor­den — und Kinder wur­den “durchgewichst”. In diesem speziellen Fall, so der Ver­lag, “erscheint es uns sin­nvoll, daraus ‘ver­hauen’ zu machen.”

In jedem anderen Fall wird der Ver­lag kün­ftig von “von der Palme wedeln” sprechen, nehme ich an. Inter­es­sante Schul­hofge­spräche sind denkbar: “Gib uns dein Pausen­brot, oder du wirst gewichst!” — Ach nein, Pausen­brot sagt man ja heute auch nicht mehr. Pausendön­er vielle­icht.

Die für den Sprach­wan­del zuständi­gen Mitar­beit­er des Thiene­mann-Ver­lags (“Thiene­mann Ver­lag”, nochmals; ern­sthaft‽) haben wom­öglich selb­st keine Kinder. Ich hoffe dies inständig. Ein nor­males Kind, das altersmäßig der Gruppe der­er ange­hört, die die Kinder­buchk­las­sik­er Otfried Preußlers (Thiene­mann-Ver­lag [“Thiene­mann Ver­lag”, kann doch nicht wahr sein] über sel­bige) üblicher­weise lesen, ken­nt das Wort “wich­sen” nicht, wed­er als Prügeln noch als Onanieren, sofern elter­liche Aufmerk­samkeit nicht fehlte. Fehlende elter­liche Aufmerk­samkeit durch poli­tisch kor­rek­te — was an “wich­sen” poli­tisch inko­r­rekt ist, möge mir ein Klüger­er erk­lären — Sprache kom­pen­sieren zu wollen halte ich für wenig sin­nvoll.

Klar ist allerd­ings: Wenn diese Sprachver­dreher mir auf der Straße begeg­nen, werd’ ich auch mal wen durch­wich­sen.
Dann gibt’s a Fotzn!

In den Nachrichten
Kurz verlinkt CXXXVIII: Einmauern hätt’ vielleicht geholfen

Wofür wir mehr Überwachung brauchen? Na, um Ver­brechen zu ver­hin­dern!

Zum Beispiel dieses:

Er soll ein sieben­jähriges Mäd­chen miss­braucht haben, nur vier Monate nach dem Ende sein­er Sicherungsver­wahrung. (…) Andreas R. trug eine Fußfes­sel.

Natür­lich: Fußfes­seln tau­gen nix, Verge­walti­gen würd’ auch funk­tion­ieren, wenn die Beine kom­plett ab wären.

Vielle­icht hätte man Her­rn R. stattdessen eine Kam­era an den Penis nähen sollen. Oder gle­ich zehn davon. Viel hil­ft viel, sagt die Regierung.

Netzfundstücke
Schon TAZahlt?

Die Voll­profis des Tages “arbeit­en” bei der “tageszeitung”. Deren Webauftritt taz.de wird von ein­er pay­wall umhüllt, das heißt, wer einen Artikel dort (etwa den hier) lesen möchte, der wird zunächst ange­bet­telt. Löblich: Man kann’s wegk­lick­en.

Schon TAZahlt?

Wirk­lich doof nur, dass man über den Wert des Artikels keine zuver­läs­si­gen Aus­sagen tre­f­fen kann, so lange die pay­wall ihn qua­si unle­ser­lich macht. Ander­er­seits: Der abge­bildete Herr mit dem Shirt, dessen Auf­druck an GEZ-Wer­bung erin­nert, ist vielle­icht ein noch bess­er gewähltes Sinnbild als angenom­men.

Wobei ich öffentlich-rechtlich­es Fernse­hen doch gele­gentlich noch ein wenig bess­er finde als die “taz”.

KaufbefehleMusikkritik
Of Monsters and Men — My Head Is an Animal

Of Monsters and Men - My Head Is an AnimalUnd dann war da noch die isländis­che Musik­gruppe “Of Mon­sters and Men”, der­er Lied “Lit­tle Talks” heute verse­hentlich meinen Weg kreuzte. Es han­delt sich um ein Pop­stück, dessen Text ich mag. Man möge mir nach­se­hen, dass es nicht vor­rangig um Mon­ster und Män­ner geht.

Though the truth may vary, this
ship will car­ry our
bod­ies safe to shore.

Zu dem Lied gehören ein/e EP des Titels “Into the Woods” sowie ein 2011 veröf­fentlicht­es Album namens “My Head Is an Ani­mal” (“Mein Kopf is’n Viech” oder so), das voller so Pop­musik ist. “Ürks, so Pop­musik” sagen nun die Hip­ster unter meinen Lesern. Werte Hip­ster, ich spare mir nun den offe­nen Brief und fasse mich kurz: Ich mag euch. Aber ihr liegt falsch.

Of Mon­sters and Men — “Lit­tle Talks” (Live at WFUV)

Wahr ist, dass “My Head Is an Ani­mal” nicht unbe­d­ingt für den anspruchsvollen Kon­sumenten taugt, der unbe­d­ingt immer und über­all avant­gardesque Beschal­lung benötigt. Wahr ist aber auch, dass das zu Hörende qual­i­ta­tiv so manch­es schlägt, was son­st so in den Hit­pa­raden ist, weil irgendwelche Plat­ten­fir­men viel Geld hinein investieren. (In Deutsch­land hat es zumin­d­est für Platz 4 gere­icht.)

Ver­gle­iche: Arcade Fire, Mum­ford & Sons. Mag ich bei­de nicht — Of Mon­sters and Men mag ich hinge­gen.
Und sei’s nur für “Lit­tle Talks”.