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Kurzkritik: Grünlich Grau – Niederstes Gewänz
Gewänz. Was zur Hölle ist Gewänz?
Fest steht, dass in den 1990-er Jahren eine Band des Namens „Niederstes Gewänz“ wirkte. Offenbar geht diese Wortkreation zurück auf ein Zitat aus dem 1993 veröffentlichten Film „Doc Snyder hält die Welt in Atem“ von – wem auch sonst? – Helge Schneider. Ist doch albern. Woher „Grünlich Grau“, der Name der im Folgenden gemeinten Musikgruppe, stammt, konnte ich allerdings nicht eindeutig herausfinden.
Worum geht es? Nun, Grünlich Grau machen im positiven Sinne bekloppte Musik. Auf dem Album „Niederstes Gewänz“ schreiten „Kalle“, „Hannes“, „Kranz“ und „Frieder“ schleunig durch die Stile, vom 70er-Politrock („Bunker“) über Techno („Spacesurfer“) bis zu wirrstem RIO („294: Der Geschmack der Vorrichtung“) ist alles dabei. Die Sprache der (wenigen) Texte ist mal Französisch, mal Englisch und mal Deutsch; das ist, wie der geneigte Musikfreund spätestens seit Eclipse Sol-Air weiß, keineswegs verwirrend, sondern wunderbar passend. An Humor mangelt es der Band ohnehin nicht: Der Text von „Bunker“ zum Beispiel, so behauptet’s die Presseinformation, stamme von Hans Sprungfeld.
Auf Bandcamp.com und per eMule kann man sich das ganze verdammte Ding herunterladen, bei ersterer Möglichkeit auf Wunsch auch gegen eine Spende in beliebiger Höhe. Ich lege dies nahe.
Jakob – Blind Them With Science
Ein flauschloser Montag, der davor war irgendwie schöner. Teufel, geht das immer schnell. Es wird Grippezeit, und auch die Piratenpartei hatte sich da was eingefangen: Florian „d1etpunk“ Bokor ist milde keifend ausgetreten, wie gewohnt noch im Gezeter mit „willkommen draußen“ von denen begrüßt, die es für einen Erfolg halten, politisch gescheitert zu sein. Dieser Florian Bokor war auch jener, welcher im Januar 2014 anlässlich eines Bundesparteitags fremde Flaggen hissen ließ, das Piratenschiff also gleichsam kampflos vor versammelter Mannschaft den Seeroibern, die nicht mehr einte als der Klassenkampf gegen das Böse, übergab.
Vielleicht hätte er sich vorher wenigstens ein wenig mit „seiner“ Partei beschäftigen sollen, denn das, was ihm fehlte, war nie weg. Für ein Bekenntnis zu den immer gleichen Werten aber gibt es vielleicht einfach zu wenig Applaus von den Willkommendraußens. Rum und Ähren. Evidenzbasiertes politisches Geschick ist so 2009.
Klopp lernt das Verb „to lose“, überschrieb man bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ einen Artikel über ein verlorenes Fußballspiel von Jürgen Klopps neuem Verein, dem FC Liverpool, und möglicherweise bringe ich dem zuständigen Redakteur jetzt auch mal ein neues Verb bei, nämlich „to facepalm“, und möchte das zur weiteren Interpretation einfach einmal hier herumliegen lassen. Andere Leute lassen Schlimmeres herumliegen, zum Beispiel lässt ein Herr Collins die Kunstfigur „Phil Collins“ herumliegen, während er befürchtet, jetzt doch noch cool zu werden. Immerhin scheint er trotzdem seine Musik zu kennen: „Es sind nicht nur Kritiker, denen manche meiner allgegenwärtigen Bestseller längst aus dem Hals heraushängen!“ Radiosender allerdings kriegen offensichtlich nicht genug davon. Hoffentlich bringt bald jemand ein drittes Lied raus.
Oder es spielen einfach mehr Radiosender was Anständiges. Ich hätte da einen Vorschlag.
Guten Morgen.
Kurz verlinkt: Christliche Sterbehilfe
Warum muss man für Sterbehilfe eigentlich in die Schweiz fahren? Ach so, richtig – weil derselben CDU, die ein Recht auf den Export schwerer Waffen in Kriegsgebiete wortreich einfordert, christliche Werte wichtig sind:
Auch wenn der christliche Glaube Menschen Hoffnung gibt, haben viele Angst vor einem langen Sterbeprozess oder vor Schmerzen. CDU-Generalsekretär Peter Tauber betonte in Berlin: „Es darf kein Geschäft mit dem Tod geben. Künftig steht die geschäftsmäßige Beihilfe zur Selbsttötung unter Strafe.“
Geschäftsmäßige Beihilfe zur Tötung Dritter hingegen kurbelt die Wirtschaft an. Aufschwung, wissenschon.
Mit feed43 gegen Webmüll
(Vorbemerkung: Es folgt nach längerer Zeit ein weiterer langweiliger Text über Computerkram, der eigentlich nur den Zweck erfüllt, die überfällige Musikrückschau zu prokrastinieren. Wie ärgerlich.)
Vor einigen Jahren hoffte ich, dass die Mutmaßung, das RSS-Format sei nicht mehr zeitgemäß, bis auf Weiteres nicht zutreffen würde. Ich beginne zu fürchten, dass ich da vielleicht zu optimistisch war.
Denn: Webmüll verstopft das Netz. Man ruft Websites auf und bekommt eine Menge zu sehen, nur der eigentliche Inhalt wird immer besser versteckt. Hier, eine Werbefläche! Hier, 34 weitere Schlagzeilen zu ganz anderen Themen! Abonnier‘ uns doch! Und guck‘ mal, wie schön unsere sozialen widgets leuchten! – Das Web als Informationsmedium versagt, weil seine Gestalter versagen.
Selbst, wenn man sich von werbeträchtigen Quatschseiten wie taz.de und „SPIEGEL ONLINE“ fernhält, wird es zusehends schwieriger, sich effizient zu informieren, weil RSS als einheitlicher Standard sich trotzdem nicht so recht durchzusetzen vermag.
Schmalhans des Tages: Angela Merkel, CDU.
Was hatten wir denn lange nicht? Ach, richtig – einen Politiker, der Unsinn erzählt. Und wo sonst sollte er sitzen als in der CDU/CSU?
Dabei hatte diese unheilige Union ja durchaus begonnen, sich dem Neuland zu öffnen. Wieso sonst sollte ein CSU-Minister auf Bundes‑, ein CDU-Politiker auf europäischer Ebene für das Internet zuständig sein? Und auch Angela Merkel, sonst nicht unbedingt für eine Meinung bekannt, besann sich laut Presse bereits im Mai 2014 darauf, dass es mittlerweile Menschen auch im Telekom-Deutschland gibt, die vom Internet leben müssen:
Kanzlerin Angela Merkel hat sich für einheitliche europäische Regeln im Urheberrecht, beim Datenschutz und für den Breitbandausbau stark gemacht.
So weit, so beängstigend. Zum Glück hatte sich diesbezüglich, wie gewohnt, sehr lange nichts getan, so dass man getrost vergessen konnte, dass so etwas überhaupt einmal zur Sprache gekommen war. ‘Schmalhans des Tages: Angela Merkel, CDU.’ weiterlesen »
Hooffoot (live)
Das Internet freut sich: Die Website des größten deutschen Totholzverschwenders sperrt nun Leute aus, die ihren Rechner gern vor Kriminellen schützen möchten. Allerdings sind sie sogar dafür zu doof, denn die mobile Website (soll heißen: die, die man sieht, wenn man versehentlich mit einem smartphone draufgeht) lässt sich von Adguard zumindest unter Android nicht am Funktionieren hindern. Damit kann ja auch keiner rechnen.
In der Türkei steigt derweil ’ne Feier: Dem Erdoğan seine Partei hat die absolute Mehrheit zurückerobert, und wer bei Eroberungen an Kreuzzüge und blutige Gemetzel denkt, hat damit angesichts der dortigen Kurdenschlachterei vermutlich nicht Unrecht. Die OSZE beklagte den mit Gewalt geführten Wahlkampf, was die Bundesregierung natürlich brennend interessiert: „Regierungssprecher Steffen Seibert begrüßte am Montag den friedlichen Verlauf der Wahl“, man will ja den Großkunden nicht verlieren: Kurden nutzen deutsche Waffen gegen den IS, während die Türkei ihrerseits (über die NATO militärischer Verbündeter Deutschlands) Kurden bombardiert. Frieden schaffen, ihr Affen.
Apropos Affen: Apple lässt CCC-Apps auf Apple TV nicht zu, weil man im CCC naturgemäß auch Apples Betriebssysteme technisch analysiert. Vielleicht sollte der CCC auf dem anstehenden 32. Congress im Gegenzug Apple-Geräte vom Gelände verbannen.
Man könnte ja auch ganz andere Dinge tun, zum Beispiel Hooffoot hören.
Guten Morgen (n.V.).
Kurz notiert zu Eckart von Hirschhausens Kreuzzug
„Der Kabarettist Eckart von Hirschhausen und die CDU-Politikerin Julia Klöckner sind von der befreienden Kraft der Religion überzeugt.“ So etwas liest man doch gern, dann weiß man wenigstens, mit wem man es zu tun hat. Entstanden ist dieser Satz für das „christliche Medienmagazin“ „pro“. Die Überschrift? Was Ärzte und Patienten von Luther lernen können.
Und zwar was?
So stellt der ausgebildete Arzt von Hirschhausen fest, dass viele einsame Menschen mit einer „pseudoreligiösen Erwartungshaltung“ ins Wartezimmer des Arztes kämen. Sie haben den „Wunsch nach Gesehenwerden, Berührtwerden im wahrsten Sinne des Wortes, nach Erlösung, nach Gnade“.
Gehen gläubige Christen eigentlich zum Arzt, wenn Gott doch will, dass alles so kommt, wie es kommt? Keine Zeit, darüber nachzudenken, der nächste Kracher lässt nicht auf sich warten:
„Luther hat den Anstoß dafür gegeben, dass man sich die heilenden Kräfte der Bildung klargemacht hat“.
Ein evangelischer Kabarettist, der in einer religiösen Publikation die Bildung lobt und später die katholische Kirche darum beneidet, dass sie „viele Rituale“ habe, „da habe seine Kirche das Kind mit dem Bade ausgeschüttet“, macht mir ja doch eher Mut als Hoffnung. Aber eigentlich brauchen wir Religion ja gar nicht, sondern, so vermerkte von Hirschhausen abschließend, „jemanden wie Jesus“:
Wenn wir in Deutschland beobachten, wie Arm und Reich auseinanderdriften, wie viele Leute sich von der Gesellschaft ausgeschlossen fühlen – dann braucht es jemand, der uns an Jesus erinnert!
Jesus hätte sicherlich etwas gegen diese Schere zwischen Arm und Reich getan, denn „[e]r ging gezielt auf die Menschen zu, ohne nach dem Status zu fragen“, um sie dann, das erwähnt von Hirschhausen nicht, für ihren Status trotzdem zu verurteilen:
Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.
Markus 10,25
Eckart von Hirschhausen dürfte es also schwer haben, von jemandem wie Jesus als einer der Seinen akzeptiert zu werden; insbesondere, wenn er sein Leben auch ansonsten ganz in Ordnung findet:
So jemand zu mir kommt und haßt nicht seinen Vater, Mutter, Weib, Kinder, Brüder, Schwestern, auch dazu sein eigen Leben, der kann nicht mein Jünger sein.
Lukas 14,26
Die Menschen, um deren Gesellschaft Jesus sich bemühte, waren also keineswegs Gestalten wie Julia Klöckner und Eckart von Hirschhausen, sondern vom Leben gebeutelte, von der Familie entfremdete, zutiefst depressive Arme. Was er mit ihnen vorhatte, geht aus der Bibel nicht eindeutig hervor, ich habe da allerdings so eine Ahnung:
Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert!
Matthäus 10,34
Predigt Herr von Hirschhausen eigentlich während seiner Auftritte oder redet er währenddessen nur Stuss? Hat sich der Verfassungsschutz schon mal genauer damit befasst?
„Jemand wie Jesus“ würde sich vermutlich im Grabe umdrehen.
Wusstet ihr übrigens schon, dass man jetzt auch so genannte „Homepages“ haben kann?
Liegengebliebenes vom 30. Oktober 2015 (außer mir jetzt)
Nein, was hat man sich auf Twitter nicht wieder hämisch amüsiert:
Horst Seehofer erwägt angeblich den Abzug seiner Minister aus der Koalition, sollte die Kanzlerin ihre Flüchtlingspolitik nicht revidieren.
Wo da denn, hahaha, die Drohung sei und dass man sich vielmehr darauf freue, dass das endlich passiere. So eine unglaubliche Geschichtsvergessenheit ist sogar im Internet selten, denn was macht man mit einem Kabinett, in dem noch Minister fehlen? Man füllt es auf. 2013 war eine gewisse Ursula von der Leyen als „Superministerin“ – also talentfreie Zuständige für mehrere Ressorts – im Gespräch. Ich glaube, damit kann man ziemlich gut drohen.
Apropos doof: Mit der jüngst für schwammig erklärten Netzneutralität bieten sich für den Spotify-Werbeverein Telekom offenbar interessante neue Möglichkeiten.
Telekom-Chef Tim Höttges hat eine Idee, wie man den vom EU-Parlament abgenickten Kompromiss zur Netzneutralität mit Leben füllen kann: Startups, die ihre Dienste auf dem weltweiten Netz anbieten, beteiligen dafür die Netzbetreiber an ihren Umsätzen. „Ein paar Prozent“, schreibt Höttges im Telekom-Blog, seien „ein fairer Beitrag für die Nutzung der Infrastruktur“.
Ich schlage vor, dass die Telekom im Gegenzug auch eine faire Entschädigung zahlt, wenn die Infrastruktur wieder mal jedes Dienstanbieten verunmöglicht.
Experten: Wenn man etwas anzündet, könnte es brennen.
(Vorbemerkung: Ich habe von Finanzwirtschaft nicht übermäßig viel Ahnung, allerdings qualifiziert mich das offenbar zu einer Expertenaussage.)
Die Banken, so stand es gestern in der schlimmen Tageszeitung, machten zwar Geldgeschäfte preiswerter, allerdings warnten Experten davor, dass sie auch Krisen beförderten. Ich beglückwünsche diese Experten zu ihrer Expertise, vergrabe mein Gesicht in einer Hand und melde Zweifel an.
Tatsächlich sind die essenziellen Geldgeschäfte in der Privatwirtschaft (Geld erhalten, Geld für etwas ausgeben, selbst: Geld leihen und verleihen) prinzipiell auch ohne eine Bank kosten- und mehraufwandslos möglich. Nehmen wir an, es gäbe keine Banken und durch Banken beförderte Quatscherfindungen wie Scheckkarten, so wäre der Fluss des Geldes nur schwerlich preiswerter machbar: Das Gehalt in der inzwischen sprichwörtlichen Lohntüte zu erhalten kostet ebenso wenig Transaktionsgebühren wie jemandem etwas mit Bargeld abzukaufen, selbst der Ablauf des Geldverleihs ist „kostenlos“ möglich, rechnet man einmal die Inflation nicht ein (was ja auch eine Bank selten konsequent tut). Schwierig wird es erst, wenn der gewünschte Kredit die Mittel des Verleihers übersteigt. Hier kommen Banken ins Spiel.
Banken sind prinzipiell Kreditinstitute, also Einrichtungen, die über ausreichend Kapital verfügen, um größere Mengen Geldes vorübergehend verleihen und (im Falle von „Einlagen“) verzinsen zu können. Dieses Geld stammt zum Großteil von Investoren im weiteren Sinne, also Leuten, die Geld in die Bank gebracht haben, was dazu führt, dass das Geld, was gerade verliehen wurde, im tatsächlichen Bestand nur noch virtuell vorhanden ist. Zum Glück für die Banken ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Großteil der Einlagernden gleichzeitig seine Einlagen ausgezahlt haben möchte, überschaubar gering. Eigentlich wäre so eine Bank also für eine halbwegs intakte Gesellschaft nur in Sonderfällen wirklich notwendig und keine tragende Säule des Miteinanders; aber auch andernfalls wäre es eigentlich nicht von Belang, ob Banken nun dauerhaft Bestand haben oder nicht.
Wenn da nicht der Kapitalbedarf wäre.
Für den prinzipiell nicht mit besonderen Zusatzkosten verbundenen Geldtransfer, der in einer gesunden Zivilisation nicht mit Bürokratie und Fußnoten verbunden ist, hätte so eine Bank gern Geld, denn die Verwaltung dieses Kapitals ist mit hohem Personalaufwand verbunden. Die „Arbeit“ eines Vorstandsvorsitzenden ist dabei um das über Hundertfache so viel wert wie die eines einfachen Schalterbediensteten, die Zahlen im Computer verwalten sich immerhin nicht von allein. Vor einigen Jahrzehnten hat die Deutsche Bank diese Gehälter noch mit „Arisierung“ erwirtschaftet, allerdings scheint dies in den letzten Jahren etwas an Popularität beim Publikum eingebüßt zu haben, weshalb andere Einnahmequellen aufgetan werden mussten. Die Finanzierung durch Großspenden („Rettungsschirm“) ist dabei eine Sonderform, entstanden aus der Sorge darum, dass die Gehälter von Bankvorständen womöglich sonst deutlich geringer als das Bruttoinlandsprodukt von Monaco sein müssten. (Wenn noch jemand nicht verstanden haben sollte, worin eigentlich das Problem mit dem Kapitalismus besteht, und sich von lästigen Details wie dem Raubbau von Rohstoffen und der Kernaussage von Werbung, dass so ein Bürger gar kein Interesse haben, sondern nur mit ausreichend wenig Stolz versehen sein muss, dann möge er sich diese Zahlen einfach mal vor Augen führen. Aber das führt hier vielleicht zu weit.) Um den Lebensstandard ihrer Mitarbeiter zu halten, investieren Banken mit dem Geld derer, die es ihr zum Aufpassen anvertraut haben, zum Beispiel in risikoreiche Geschäfte wie Firmenanteile und Haushypotheken oder den Kauf anderer Banken für lächerlich geringe Preise in Milliardenhöhe, stets in der Hoffnung, es ergebe sich ein deutlicher Gewinn daraus, der dann an die eigenen Kunden Vorstandsmitglieder ausgeschüttet werden kann. Das klappt manchmal, manchmal aber auch nicht; und wenn es nicht klappt, halten Menschen, deren berufliches Dasein verzichtbar ist, ihr Gesicht vor eine Kamera und sprechen ins erstbeste Mikrofon Dinge hinein, die suggerieren, dass das jetzt zwar verständlicherweise enttäuschend sei, die schicksalsbedingt kapitalistische Gesellschaft aber ohne eine Bank nicht auskäme, weshalb man da ja leider nichts machen könne.
Anders gesagt: Die Gewinnabsicht von Banken ist der Auslöser jeder bisher bedeutenden Finanzkrise, und das keineswegs nur möglicherweise. Ohne eine gravierende Umwälzung des Systems ist eine Besserung nicht machbar. Zyniker könnten eine Verstaatlichung von Banken vorschlagen, nachdem der Steuerzahler viele von ihnen ja mittlerweile sowieso „bezahlt“ hat, allerdings übersähen diese Zyniker dann die Erfolgsgeschichte anderer Staatsunternehmen wie der Deutschen Bahn, die ja durchaus auch weit davon entfernt ist, lediglich kostendeckend zu arbeiten (beziehungsweise nicht zu arbeiten).
Oder man macht das mit den Fackeln und Heugabeln. Springt, ihr Widerlinge. Als hübschen Nebeneffekt bereinigt man die Gesellschaft damit auch gleich um die verbliebenen F.D.P.-Wähler.
In weiteren Nachrichten: Obama findet die Todesstrafe problematisch. Er ist sich nur noch nicht sicher, warum.
Postmodern Jukebox – Seven Nation Army
Montag. Gute Neuigkeiten: Alles hilft gegen Krebs. Blöderweise verursacht auch alles Krebs. Vielleicht doch weniger Wissenschaft und mehr Politik? Heiko „Vorratsdaten“ Maas sagt ausgerechnet zur „BILD“, dass islamkritische Demonstranten für brennende Flüchtlingsheime verantwortlich seien, und wofür die „BILD“ dann verantwortlich ist, möchten wir lieber nicht ausführen, es könnten Kinder mitlesen.
Es könnte schlimmer sein. Man könnte Veganer sein. Derweil empfindet es Hasnain Kazim als Verrat an den europäischen Werten, wenn die EU dem Unrechtsstaat Türkei aus Asylantengründen eine Mitgliedschaft andient, verrät aber leider nicht, was diese europäischen Werte denn genau sind. Vielleicht der Kaufpreis für die Waffen, mit denen da unten die Leute einander meucheln. Wenigstens die Wirtschaft funktioniert noch.
Und natürlich das schöne Ritual der montäglichen Begrüßung mit herrlicher Musik.
And the feeling coming from my bones
says: find a home.
Man kann das alles ernst nehmen. Man muss aber nicht.
Guten Morgen.
Kein Fragment. II
(… und wieder einmal macht man den Fehler, sich vorübergehend nicht mit anderen Dingen zu beschäftigen, und hat sofort wieder dieses beklemmende Gefühl, das sich einstellt, wenn der Kopf nicht da ist, wo er sein sollte, an der Schulter oder auf dem Bauch nämlich, und man solle sich doch mal ranhalten, damit es endlich wieder deprimierende Texte zu lesen gäbe, weil man inzwischen zum Unterrichtsmaterial avanciert sei, wahrscheinlich geht es um Tragikomödien oder so, aber man weiß es nicht und ist verstört, wie es dieses elende Jahrzehnt ja auch bzw. nicht besser verdient hat. Ein Königreich für ein Tier (zum Beispiel Großbritannien) und endlich etwas Ruhe; wieder nicht genug vergnügt für einen extrovertierten Ausdruck der Traurigkeit, ein Zittern auf den Lippen und zum Teufel mit dem elenden Immunsystem, so wird das nichts mit einem anständigen Herrentod (i.e. Männergrippe). Glück und Gesundheit. Vor allem Glück.)
Red nicht.
Kennt ihr RedTube?
RedTube ist eine Website, auf der Männer, Frauen und Sonstige sich in mehreren Videos zeigen, gelegentlich auch beim Geschlechtsakt. RedTube ist nicht unbedingt für Qualität bekannt, wie es heißt; die Qualität der dortigen Medien variiert deutlich, aber der interessierte Konsument wird, wie es heißt, auch nicht mit Bezahlbitten belästigt, weil sich das Angebot allein durch Werbung finanziert.
Aber eigentlich wollte ich etwas ganz anderes schreiben:
Kennt ihr YouTube?
YouTube ist eine Website, auf der Männer, Frauen und Sonstige manchmal sich, manchmal Fremde, manchmal Dinge in mehreren Videos zeigen, niemals allerdings beim Geschlechtsakt. YouTube ist nicht unbedingt für Qualität bekannt, wie es heißt; die Qualität der dortigen Medien variiert deutlich, aber der interessierte Konsument wird, wie es heißt, auch nicht mit Bezahlbitten belästigt, weil sich das Angebot allein durch Werbung finanziert. Äh, finanzierte:
YouTube hat (zunächst nur für die USA) sein Premiummodell Red vorgestellt: Video-Konsumenten zahlen optional 9,99 US-Dollar im Monat, um die Werbung auf der Plattform zu entfernen.
YouTube wird somit an Google Play Music gekoppelt und um eine Netflix-Alternative erweitert, was angesichts der fehlenden Verträge mit den Rechteinhabern zumindest in Deutschland kaum ernst genommen werden dürfte. Ich sehe das insofern positiv, als die nahe Zukunft von YouTube so zumindest gesichert sein dürfte; Google neigt ja dazu, kostenlose Dienste trotz hoher Beliebtheit zu schließen, wenn sie zu wenig Geld einspielen. Dass die angebotenen Videos (Klick, Klick, ihr erkennt das Muster sicherlich) auch gegen Geld nicht besser werden, ist der Pferdefuß bei diesem „Angebot“.
Dass man für ein werbefreies YouTube kein Geld ausgeben muss, sollte bekannt sein, und auch das Herunterladen von YouTube-Videos – eines der Argumente für ein Abonnement – ist gratis zu bewerkstelligen. Kein Wunder, dass YouTube es gern sähe, wenn möglichst viele Nutzer sich trotzdem beugen:
Wer nur auf Werbeeinnahmen scharf ist und sich YouTube Red deswegen verweigern will, muss mit drastischen Konsequenzen leben. So entfernt YouTube nämlich als Folgemaßnahme die Videos der jeweiligen Videomacher aus der öffentlichen Ansicht – auch in der werbefinanzierten Version der Plattform.
Wenn doch nur jemand eine andere Videoplattform erfände!
Pharaoh Overlord – Mystery Shopper
Montag. Das Smartphone verkündet, es sei stark bewölkt, und genau so fühlt es sich auch an. Zäunen wir doch einfach Österreich ein, vielleicht löst das ja ein Problem.
Apropos Probleme: Öffentlich, nicht frauenöffentlich. Aber manchmal sind sie ja schon für einen Lacher gut: barbusige Femen stürmen Sex-Messe, das war bestimmt schockierend für alle Anwesenden, beim Lustwandeln unverhofft mit Nacktheit konfrontiert zu werden. Die Grünen beschäftigen sich mit sich selbst und die Regierung pervertiert derweil die Freiheit, die Vorratsdatenspeicherung ist noch immer nicht besiegt. Ist es nicht wunderbar, Tag für Tag etwas zu haben, für das sich das Kämpfen lohnt?
Der eigentliche Kampf ist ja ohnehin der, der sich nur gewinnen lässt, wenn man ihn gewinnen lässt. Auf dem eigenen Schweinehund ins Verderben zu reiten verspricht zumindest noch frischen Wind um die Nase, aber man verzichtet dankend und schmachtet. Der magische Montag birgt manchmal auch Überraschendes.
Augen zu und durch.
Guten Morgen.
„Umstritten“ und andere Euphemismen
Erinnert ihr euch noch an den SPD-Politiker Heiko Maas, seines Zeichens Bundesjustizminister und als solcher ein Nachfolger der großartigen Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, für deren politische Integrität man eigentlich ein paar neue Orden erfinden müsste, der sich im Dezember 2014 „entschieden“ (Heiko Maas) gegen die anlasslose Überwachung aller Bürger aussprach?
Heute hat der Bundestag ein von Heiko Maas initiiertes Gesetz beschlossen, das „SPIEGEL ONLINE“ folgendermaßen zusammenfasst:
Das umstrittene Vorhaben ist durch den Bundestag: Die Abgeordneten haben die Vorratsdatenspeicherung beschlossen. Künftig werden die Verbindungsdaten der Bürger mehrere Wochen lang gespeichert.
Ich darf die Twitterdiskussion hierzu kurz resümieren: Hahaha, 404 Abgeordnete haben für das Gesetz gestimmt. 404! Hahahaha! Nicht gefunden! LOLOLOL! – Aber darum geht es nicht.
Die vom Bundesverfassungsgericht bereits vor einigen Jahren für unwirksam erklärte Kriminalisierung aller Bürger in Form der verdachtsunabhängigen „Vorratsdatenspeicherung“ ist also „umstritten“, und man fragt sich, wieso man dort noch nichts von dem „umstrittenen Angriffskrieg auf Afghanistan“ lesen konnte. Dass die heutzutage relevante Kommunikation per E‑Mail seit vielen Jahren schon von euren E‑Mail-Anbietern vorratsgespeichert wird, Mobilfunkanbieter sich sicherheitshalber ebenfalls merken, wann ihr wo wie lange mit wem telefoniert, und eine Konzentration der Proteste auf Formalien also nicht allzu konsequent scheint, ist wahrscheinlich nur Erbsenzählerei. Es wäre allerdings auch naiv anzunehmen, dass Strafverfolger denen, die sie verfolgen sollen, technisch irgendwie voraus wären. Vor CDU und SPD kann sich selbst ein Bürger verstecken.
Der CDU-Abgeordnete „Dr.“ Jan-Marco Luczak twitterte kurz vor dem Beschluss, man bekäme damit endlich ein „wichtiges Instrument zur Bekämpfung schwerer Kriminalität“, aber mir ist nicht ganz klar, wie die Vorratsdatenspeicherung die CDU an weiteren Verbrechen hindern soll. Die nutzen doch alle gar keine modernen Medien.
Insofern ist auch unklar, inwiefern dasselbe „SPIEGEL ONLINE“ es für berichtenswert hält, dass mittlerweile 46 Prozent der Bürger das vom SPD-Nachlassverwalter Sigmar Gabriel vorangetriebene umstrittene geplante Freihandelsabkommen „TTIP“ ablehnen; ich bin überzeugt davon, dass auch ein großer Teil der Bürger nur wenig erfreut über die Erfassung seines gesamten Kommunikationsverhaltens ist. Wer außer Nazis, Irren und Terroristen könnte schon dagegen sein?
Wenn wir jeden, der bei uns mal Blödsinn erzählt oder uns Probleme macht, ausschließen, dann wird’s auf die Dauer einsam.
Sigmar Gabriel, SPD, 2008












