In den NachrichtenPersönlichesSonstiges
Medienkritik XVI: Drama, Baby! (lächel)

Auf der Suche nach Zerstreuung fiel mein Blick vor einigen Stunden auf eines jener Klatschblätter, die allwöchentlich erscheinen und die sich in ihrer niedrigen Preisgestaltung wie auch in ihrer sicherlich keinesfalls kreativen oder wenigstens einprägsamen Namensgebung gegenseitig noch zu unterbieten wissen, so dass aufmerksame Beobachter sich jede Woche aufs Neue und nicht einmal zu Unrecht fragen, woher der von Krisen, wie es heißt, arg gebeutelte Markt denn ausreichend viele Interessenten für so viele Nuancen des stets gleichen Produkts anzuziehen vermag, und ich musste ein wenig schmunzeln. Dies nicht etwa, weil die sich mir entbietende Frontseite jenes Magazins ein gewolltes oder gewollt scheinendes Amusement beherbergte, sondern der Absurdität der Schlagzeile geschuldet, die sich mehrfarbig ins Auge des Betrachters fraß und ungefähr so lautete:

Familien-Drama bei TV-Koch Johann Lafer:
Selbstmord-Schock

Diese immerhin nur mit gefühlten zwölf Ausrufezeichen abgeschlossene Kurzmeldung wurde kontrastiert mit einer nebenstehenden Fotografie des vergnügt lächelnden Konterfeis ebenjenes Fernsehkochs, als wollte er sagen: “Seht mal, für welch voyeuristische Klientel ich als Kaufanreiz dienen soll! Ist das nicht albern?”

Ich bin trotz stetig fortschreitender Alterung noch immer nicht einfältig genug, Recherchen darüber anzustellen, was bei TV-Koch Johann Lafer denn passiert sein mag, dass es die Aufmerksamkeit potenzieller Leser in gleichem Maße zu erheischen versucht wie die auf nur wenige Meter entfernten Titelseiten großer Nachrichtenmagazine zu sehenden innen- und außenpolitisch aktuellen und auch für TV-Koch Johann Lafer sicher nicht unbedeutenden Themen wie zum Beispiel die sich täglich in von Friedenstruppen besetzten Gebieten ebenfalls zutragende, sich aber keinesfalls auf wie auch immer geartete Familienkreise beschränkenden Dramen (unter Zuhilfenahme einer, zugegeben, recht umgangssprachlichen Verwendung des Wortes Drama), daher verzichtete ich ausnahmsweise auf einen Blick ins Innere des vergebens um mein Interesse buhlenden Heftes. Vielmehr gefällt es mir, verschiedene mögliche Szenarien zu ersinnen und über jedes von ihnen entrüstet den Kopf zu schütteln.

So komme ich wenigstens zu etwas Bewegung.

KaufbefehleMusikkritik
Jardín de la Croix – Pomeroy

Für die Freunde instrumentalen Jazzrocks zwischen King Crimson und Rush noch kurz ein musikalisches Fundstück, das, 2008 entstanden, bis vor wenigen Minuten noch in meinen Archiven schlummerte:

Rauhe, aber melodische Gitarrenriffs überlagern und verzwirbeln sich zu einem komplexen, aber trotzdem durchschaubaren Geflecht. Kurze Soli schneiden wie Messerstiche durch das Riff-Netz. Der Bass brilliert mit melodischen Läufen und das Schlagzeug explodiert regelmäßig im Untergrund. Die Spanier kreieren mal metallisch angehauchte Rifforgien, mal melodische Postrock-Klangwälle und mal einfach fast schon sanft dahingleitende epische Tonlandschaften mit mediterraner Leichtigkeit. Und ein Händchen für ungewöhnliche Arrangements haben die Jungs auch, da sei exemplarisch die Stelle gegen Ende von „Suomi” erwähnt, wenn sich aus dem E-Gitarren-Riffing langsam eine akustische Gitarre herausschält und dann genauso langsam, majestätisch, sich wieder ins E-Gitarren-Nirvana verliert.

Sicher keine Dutzendware und obendrein kostenlos zu beziehen, daher eine uneingeschränkte Lauschempfehlung für alle, denen Atmosphäre in der Musik wichtig ist und die auch auf Gesang oder allzu ausufernden Gitarrenlärm verzichten können.

Zu haben gibt es das gute Stück auf Jamendo.com; wer dieser Seite aus beliebigen Gründen nicht so recht über den Weg traut, der wird natürlich, wie immer, auch bei eMule fündig.

Einen angenehmen Start in die Woche wünsche ich.

In den NachrichtenPolitik
Kriegsnobelpreis für den Messias

22. September 2009: Nahost: Obama drängt auf schnelle Friedensverhandlungen

Ah?

9. August 2008: Obama is no friend of Israel
29. August 2009: Obama will mehr deutsche Soldaten nach Afghanistan entsenden lassen
12. September 2009: 3000 weitere US-Soldaten nach Afghanistan
15. September 2009: USA verabschieden sich von rechtlich verbindlichen Zielen bezgl. des Klimaschutzes
16. September 2009: Obama droht Entwicklungsländern mit „grünem” Handelskrieg
27. September 2009: Obama lässt Guantánamo doch länger geöffnet
28. September 2009: Obama und Netanjahu drohen Iran
30. September 2009: Obama bezeichnet Krieg in Afghanistan als NATO-„Mission”
5. Oktober 2009: Obama will das Problem mit dem Iran „nicht mehr lange” nur mit Worten zu lösen versuchen
6. Oktober 2009: Obama empfängt Dalai Lama nicht
7. Oktober 2009: Obama bekräftigt „Kampf gegen Terrorismus”

Die logische Konsequenz:

9. Oktober 2009: Obama erhält Friedensnobelpreis


(Auch recht gute Randnotiz: Ein Sprecher im ZDF verwechselte Phishing mit Fisting. Und ich habe es zu spät gesehen. Mist.)

Nachtrag vom 10. Oktober:
Auch Familie Obama fistet gern. Womöglich im Internet?

In den Nachrichten
Polizei, Polizei!

Das meinen die aber jetzt nicht ernst, oder?

Der Bund Deutscher Kriminalbeamter … erneuert anlässlich seines gerade stattfindenden Bundesdelegiertentages in Suhl seine Forderung nach dem Notruf-Button für Browser. Damit möchten die Kriminalpolizisten wirksam Web-Angebote aufspüren, die zum Beispiel Kinderpornografie oder radikales Gedankengut verbreiten. Auch schnelle Informationen an eine Clearing-Stelle etwa über Chatinhalte mit Ankündigungen von Suizid, Amoklauf oder verbaler beziehungsweise sexueller Belästigung innerhalb von Chatrooms haben die Kriminalbeamten im Visier.

Wirksam aufspüren? Um dann was zu tun – ein Stoppschild davorsetzen? Löschen geht bekanntlich „nicht so einfach”.

Und wer soll sich um die Auswertung der Informationen kümmern, also Spaßmeldungen herausfiltern und dann den Kontext eventuell „verdächtiger” Chatdialoge analysieren, um eventuelle Ironie zu erkennen?

Schwache Gemüter könnten sich des Weiteren zum Beispiel auch von einigen Inhalten dieser von Ihnen, lieber Leser, derzeit konsumierten Internetseite verbal belästigt fühlen oder meine Herbst- und Winterdepressionen gar als angekündigten Suizid werten. Und wo soll das dann noch enden?

Anders ausgedrückt:
Was für weltfremde Gestalten arbeiten eigentlich beim BDK?

FotografieIn den NachrichtenNetzfundstücke
Heiter bis wolkig.

Das Herz schlug schon im Herbstrhythmus.

Man hatte sich schon an den Gedanken gewöhnt, nun vorerst wieder eingepackt wie das Michelin-Männchen durch die Herbstlandschaft spazieren und düstere Musik hören zu müssen, um der merkwürdigen Melancholie, die der Anblick fallender Blätter in der Seele des Beobachters zweifelsohne hervorzurufen in der Lage ist, angemessen Tribut zu zollen, und dann so was:

Heiter bis wolkig

Frechheit eigentlich.

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In den NachrichtenMusik
Nachrichten aus aller Welt: Dieter Bohlen ist ein Künstler.

Albernheit des Tages, frisch aus dem ARD-Text kopiert:

Dieter Bohlen ist nach einem höchstrichterlichen Urteil ein Künstler.

WDR.de hat hierzu eine passende Zwischenüberschrift gefunden:

Auch auf niedrigem Niveau künstlerisch

So ist das mit der Kunst. Oof!


(Auch recht künstlerisch, aber zweifelsohne besser als Dieter Bohlen: The Hidden Cameras – In The Na.
Ist das Pop? Falls ja: Schade drum. Falls nicht: Juhu!
Anhören und inklusive des amüsanten Videos gut finden wird wärmstens empfohlen.)


Nebenbei auch nachträglich meinen Glückwunsch an die Beatles:

Beatles sell 2.25 million albums

Und sie sind keinen Tag gealtert! :)

(Dennoch möchte ich allen Lesern davon abraten, ein Album aus dem aktuellen Stereo-„Remaster”-Katalog der Beatles zu erwerben. Hier wurde, wie heute leider üblich, abermals zwar dezent, aber durchaus feststellbar der Loudness War bedient, also die Lautstärke wurde auf Kosten einiger kaum wahrnehmbarer Harmonien künstlich erhöht, so dass die Musik zwar voller klingt, aber es an Dynamik fehlen lässt. Für den Konsum mittels üblicher Kleinanlagen ist dies sicherlich nicht allzu relevant, aber mit steigender Ausgabequalität von Musikanlagen steigt natürlich auch die Wahrnehmung dieser Diskrepanz. Wenn euch ein sauberes Klangbild wichtig ist: Finger weg!
Das musste mal gesagt werden.)

FotografieIn den NachrichtenNetzfundstückePolitik
„Wir können ja mal zusammen Tee trinken.”

Ich könnte mich jetzt an dieser Stelle natürlich schon wieder über den Aufreger des vorigen Polittages echauffieren:

Guido Westerwelle setzt voraus, dass Reporter ihn auf einer deutschsprachigen Pressekonferenz auf Deutsch befragen, und die Skandallüsternen jubeln, grölen als Kommentar zum Video gar – vorhersehbar – „Nazi!”.

Darunter könnte ich seitenlange Argumentationsketten führen, warum ich es für eine Frechheit halte, dass deutsche Politiker sich auf Englisch befragen lassen sollen, aber keiner wüste Beschimpfungen pflegte, würde sich zum Beispiel ein englischer Minister verbitten, auf Deutsch befragt zu werden. Aber dann würde ich mich wieder nur aufregen und meine Leser langweilen, und davon bekommt man graue Haare.

Stattdessen verlasse ich das in letzter Zeit hier überhand nehmende Feld der Politik, auch wenn sie die verlockende Möglichkeit zur Verteidigung des Deutschen bietet, und schreibe stattdessen über dies hier:

Die aktuelle Bahncard-Werbung ist mal wieder herrlich. Drei Frauen werden von ihren Männern mit einer Bahncard beschenkt, „um mal wieder was miteinander unternehmen zu können”, und fallen auch noch auf diese Finte herein. Hihi!

Und obendrein noch ein amüsanter Schnappschuss aus Braunschweig, diesmal aus einem Parkhaus, zur Verdeutlichung bemalt von mir:

Rauchverbot im gesamten Gebäude - auch hier!

Na bitte, es geht doch. Kein Stress, alles ganz lustig und entspannend.
Das war mal wieder nötig. Reicht aber auch wieder für heute.

:)

In den NachrichtenNetzfundstückePiratenparteiPolitik
Und diese Biene, die ich meine …

... nennt sich Maja!Schön, dass alles beim Alten bleibt: Die Delinquenten reden immer noch konsequent den gleichen Käse, niemand hat so recht verloren, man vergleicht sich bezüglich der nebenbei auch noch stattgefundenen Landtagswahlen gar mit der DVU, die „nur noch” ein Prozent erreicht, was, wie auch alles andere, ein „großer Sieg” ist, für wen auch immer.

Claudia Roth, deren Partei nun nicht gerade erfolgreich war, freute sich mit ihrem schrillen Timbre darüber, dass sie „deutlich zugelegt” hat; andere fangen an zu rauchen, um genau das zu verhindern. Die SPD hat derweil herausgefunden, dass sie die „Krise” unbedingt abwenden muss und „auch weiterhin” hart dafür arbeiten wird. Nach einem Jahr hat sie immerhin bemerkt, dass diese „Krise” entgegen eigener Prognosen doch existiert. Gratuliere!

Das bisher schönste Wort des Tages ist, nach all dem Jamaika-, Ampel- und sonstigem Koalitionsquatsch, übrigens Biene-Maja-Koalition. Schwarz-Gelb und das alles, mit den lustigen grünen Grashüpfern in der Opposition. Es ist ein Spaß.

(Und was die viel gescholtene Piratenpartei angeht: „Zwei bis drei” Prozent, die den Falschen anderen Parteien jetzt jedenfalls fehlen. Ich bin gespannt, wie viele im letzten Moment noch schnell „bekennende Piraten” jetzt noch hinter den Zielen der Partei stehen und wie viele sich als bloße Agitatoren herausstellen. Sollten letztere nun die Lust verlieren, kann es der Piratenpartei nur zugutekommen.)

Stillstand ist der Tod, geh’ voran, bleibt alles anders.

(Herbert Grönemeyer)

Und jetzt, bitte, wieder zur Tagesordnung übergehen. Danke vielmals.


Nachtrag von einem Tag später:
Gut gemacht, die Tagesordnung ist wiederhergestellt. Die Musikindustrie schickt ihre Vertreter wieder das Internet durchforsten, um das Geld wieder reinzuholen, das sie durch die Unfähigkeit, Trends zu erkennen, verloren hat. Ich kriege das kalte Grausen von dem Verein.

KaufbefehleMusikkritik
Kaufbefehl zur Wahl: Gossip – Heavy Cross

Im Radio, so wurde mir heute zugetragen, läuft die erste Single “Heavy Cross” der Postpunkband Gossip derzeit ungefähr täglich. Weniger aufdringlich als Standing in the way of control, durch das ich im Jahr 2006 erstmals auf das Trio aufmerksam wurde, dafür mit einer Portion Tanzrhythmus versehen treibt das Stück kraftvoll voran, gekrönt mit der energiegeladenen Stimme von Frontfrau Beth Ditto.

Und sie gehen nicht nur ab, sie haben auch was zu sagen:

Whatever you want, the choice is yours,
So choose.

I checked you, if it’s already been done, undo it,
It takes two, it’s up to me and you, to prove it.

So sieht’s doch aus.
Kauft die Single, sie ist es wert!

KaufbefehleSonstiges
Frischluft tanken

Wieder mal ein unpolitischer Kurzer für zwischendrin:
Es gibt keine Form des Unwohlseins, die ein paar Minuten an der frischen Luft und ein zeitgleicher Blick in einen gemächlich vor sich hinfließenden Bach nicht kurieren könnten.

Unbedingt empfehlenswert.

(Auch empfehlenswert: Ein neues Buch von Max Goldt. Unter anderem mit Geschichten über schrille Friedhöfe. Genau richtig für das stille Sitzen an der frischen Luft.)

Tief durchatmen, bis später.

NetzfundstückePolitik
Steuern für alle!

Doch noch mal apropos Wahlen:
Die ganze Absurdität der verbreiteten Mode, möglichst schwammige Versprechen möglichst griffig zu formulieren, zeigt Die Linke eindrucksvoll auf. Damit dürfte klar sein, was von ihr zu halten ist, wenn sie schon vor der Wahl nicht so recht weiß, was sie eigentlich versprechen soll.

Steuern für alle!

Schade eigentlich.


(Apropos „dumme Plakatideen”: Wie lammert man eigentlich? Und ist das gut oder schlecht? Und warum? Und überhaupt.)

In den NachrichtenNetzfundstückePiratenpartei
Piratenschiff im Kreuzfeuer

Ich sehe mich bei all dem dummen Zeug, das man in den Medien derzeit schon wieder über die Piraten lesen muss, außer Stande, von einem weiteren Eintrag der Kategorie „Politik” hier abzusehen, und ich möchte ihn nutzen, um zwei aktuell diskutierten Bestandteilen dieses dummen Zeugs energisch zu widersprechen, weil’s ja sonst mal wieder keiner macht:

1. Die Piraten sind keine „Männerpartei”!

Bloggerin danilola, „im Herzen Piratin”, verweigert der Piratenpartei derzeit unter anderem ihre Stimme, weil es sich um eine „Männerpartei” handle, die sich primär mit Männerthemen beschäftige und „nur” männliche Kandidaten aufstelle.

Zunächst zu zweiterem Punkt: Hier irrt danilola, in einigen Wahlkreisen stehen die weiblichen Piraten sogar auf Platz 1. Dass nur wenige Frauen überhaupt Mitglieder der Piratenpartei sind und also überhaupt für Listenplätze in Frage kommen, hat, so ist zu vermuten, weniger damit zu tun, dass die Piratenpartei eine „Männerpartei” wäre, als damit, dass den zentralen Themen Internet und Datenschutz gemeinhin das Etikett des „elitären Nerdwissens” anhaftet, womit sich, statistisch gesehen, eher Männer als Frauen identifizieren.

Hat sich bislang eigentlich schon jemand darüber beschwert, dass das Amt des Bundesfamilienministers seit 24 Jahren nur mit Frauen besetzt wird? Mir wäre dies nicht bekannt. Familienpolitik ist Frauensache, und das ist vollkommen in Ordnung.

Ich fühle mich dadurch übrigens nicht im Geringsten diskriminiert und käme auch nie auf die Idee, die Regierung deshalb des Sexismus’ zu bezichtigen. Von dem Prozentsatz der männlichen Kindergärtner (ungefähr drei Prozent, las ich kürzlich irgendwo) mal ganz zu schweigen.

2. Die Piraten sind keine Sympathisanten irgendwelcher radikalen Strömungen!

Der stellvertretende Bundesvorsitzende der Piratenpartei, Andreas Popp, hat der rechtskonservativen Zeitschrift „Junge Freiheit” einen Artikel beschert, wie vor ihm unter anderem übrigens auch Ephraim Kishon, dem ja nun wahrlich wohl kaum jemand antisemitische Tendenzen vorwerfen würde. Dass er sich und seiner Partei mit diesem Interview auch kostenlose Werbung in ausgerechnet und ironischerweise einem „feindlichen” Blatt verschafft hat, wird konsequent nicht beachtet, und was er in diesem Interview sagte, ist auch nicht von Interesse; nein, die Voreiligen und die Schreihälse, die es vermutlich noch nicht einmal gelesen haben, drehen sich ihre eigene Wirklichkeit zurecht, radikalisieren das Massendenken mit “unwählbar“-Gekreisch und halten auch sonst nicht viel davon, sich erst mal ein Bild von der Situation zu machen. Cui bono?

Eine Weile zuvor hatte ein deutscher Politiker seinen Rückzug von der Plattform abgeordnetenwatch angekündigt, weil dort auch Vertreter der NPD zur Sprache kommen. Dass so ein Verhalten gerade für einen Bundestagskandidaten höchst undemokratisch ist, hat unter anderem die Piratenpartei bemängelt; ein „undenkbarer” Vorgang, in den prompt NPD-Nähe hineininterpretiert wurde.

Wäre die Kritik von anderen Parteien gekommen, hätte man vermutlich stattdessen applaudiert.

Die Piratenpartei ist eine Partei, die sich nicht auf die Fahne geschrieben hat, sich von irgendeiner politischen „Seite” einspannen zu lassen. Sie ist weder links noch rechts, sie macht Politik für die Gesellschaft und nicht für irgendwelche radikalen Kräfte. Natürlich hat jede Partei Mitglieder, deren Weltanschauung bisweilen krude erscheint. Die F.D.P. hatte unter anderem Jürgen W. Möllemann, dennoch würde sie niemand mehr in rechtsextreme Ecken stellen wollen. Die Piratenpartei hatte Bodo Thiesen und zehrt noch heute von dessen Formulierungen, obwohl ihre übrigen Mitglieder sich ausdrücklich von Thiesens Aussagen distanziert und ihm den Austritt nahe gelegt haben. Das verstehe, wer will.

Radikales Denken gibt es in jeder Partei. Interessant ist offenbar nicht dieses radikale Denken an sich, sondern in welcher Partei derjenige ist, der es äußert. Natürlich ist es kurz vor der nächsten Wahl attraktiv für die Anhänger der etablierten Parteien, den Splitter im Auge der unliebsamen Konkurrenz zu entdecken. Nur das mit dem Balken im eigenen Auge hat sich noch nicht überall herumgesprochen.

Nein, die Piratenpartei ist sicher nicht „unwählbar”. Sie stellt immens wichtige Forderungen und steht für eine Politik, die näher an der gesellschaftlichen Realität ist als alle misslungenen „Reformen” der letzten zwei Legislaturperioden. Niemand erwartet, dass sie ihre Ziele quasi über Nacht durchsetzt oder gar in absehbarer Zeit einen Teil der Regierung stellt. Aber sie hat es verdient, die notwendigen 5 Prozent der Stimmen zu bekommen; genug, um sich in Bundestagsdebatten einzubringen, Anträge zu stellen und sich somit an der politischen Bildung in diesem Land aktiv zu beteiligen.

Ich schließe mich dem Kommentar von „tanine” in Andreas Popps Weblog an:

Ich wähle eine Partei aufgrund ihres Inhalts, nicht aufgrund medienpopulistischer Vorwürfe.

Geht wählen!
Es lohnt sich.


(Das war jetzt eigentlich schon wieder viel zu viel Text. Entschuldigt bitte.)

In den NachrichtenKaufbefehleMusikkritik
Drei Bands, drei Gefühle

Nanu: Heute, so schreibt SPIEGEL ONLINE, fand wieder einmal ein versuchter Amoklauf an einem Gymnasium statt. Der Täter hat überlebt, es wird also diesmal wohl etwas ausführlicher nach den Ursachen geforscht; es sei denn, auf seinen beiden sichergestellten Computern finden sich Computerspiele, dann hat sich das wohl wieder einmal erledigt. Sätze wie Der Abiturient gilt als Außenseiter bieten dann keinen weiteren Anlass zur weiteren Nachforschung. Wetten?

Aber lassen wir das. Während indessen andere Ins-Internet-Schreiber wieder einmal ihre Energie darauf verschwenden, zu versuchen, die Piratenpartei in radikale Ecken zu stellen, habe ich lieber ein wenig Musik gehört:

Auf Schallgrenzen.de gibt es von unter anderem mir einen (leider gekürzten) Verriss des aktuellen Albums The Resistance von Muse sowie, quasi zum Ausgleich, eine lobende Kritik des neuesten Porcupine-Tree-Werkes, dessen Kauf ich jedem Musik mögenden Menschen hiermit ausdrücklich ans Herz legen möchte.

Übrigens und apropos Schallgrenzen:
Her Name is Calla ist eine britische Band, die melancholisch musiziert. Peter führt es etwas weiter aus:

Vom sich Verlieren und Verlieren. Kein Rausch von Farben, schwarze Tusche, vielleicht ein paar pastellzarte Pinselstriche. Und trotz alledem ziehe ich Kraft aus jedem Ton, jedem Song. Entschleunigung. Musik wie nicht von dieser Welt. Zwischen der selbstmörderischen Traurigkeit eines Chris Hooson (Dakota Suite) und der jenseitigen Melancholie eines Mark Hollis versucht Her Name Is Calla mit großem Orchester ihr (Un)glück.

Schöne Musik, auf der Webseite komplett zum Anhören und somit auch herunterladbar.

Netzfundstücke
Piercings als Ausdruck der Zufriedenheit mit dem eigenen Körper

Ach, du meine Güte,
SPIEGEL ONLINE lässt eine Frau („Frauen- und Geschlechterforscherin”, also eine Frau, die sich vorwiegend mit Frauen, dem weiblichen Geschlecht sowie den Gründen für seine Unterdrückung beschäftigt; das reicht eigentlich schon) unreflektiert darüber schwadronieren, dass viele Frauen, die sich kilo- und hunderteuroweise Metall in die Visage zimmern lassen, dies nicht etwa aus Protest oder aus Unsicherheit bezüglich ihres äußeren Erscheinungsbildes tun, das sie damit ja nun wirklich nicht immer verbessern, sondern, natürlich, wegen des Drucks, den die Gesellschaft auf sie ausübt:

Piercing ist heute ein Massenphänomen und es ist eine Möglichkeit, sich als Jugendliche darzustellen.

Fast alle Mädchen leiden unter dem gesellschaftlichen Druck, Schönheitsidealen zu entsprechen. […] Interessanterweise leiden die gepiercten Mädchen, die ich befragt habe, kaum unter diesen Ansprüchen. Sie haben mehrheitlich ein eindeutig positives Körpererleben.

(Alle Hervorhebungen von mir.)

„Fühl dich schön / nach der zehnten Liposuktion.”
Die Ärzte: Geisterhaus