Politik
Skandalös: Buchhandlung verkauft Bücher!

Im Feb­ru­ar 2017 erre­ichte die berühmte deutsche Demon­stra­tionskul­tur ein neues Hoch: Als der total lustige Autor Deniz Yücel in türkisches Gewahrsam (ich erwäh­nte es bere­its) gekom­men war, ergrif­f­en seine sol­i­darischen Mit­bürg­er die Ini­tia­tive und hupten gegen Erdoğan:

Um gegen die Inhaftierung Yücels zu protestieren, fan­den bere­its Autoko­r­sos in Berlin und in Yücels Heima­tort, dem hes­sis­chen Flör­sheim, statt. (…) Gefahren und gehupt wird ab 16.30 Uhr – je lauter, desto bess­er.

Mehr noch: Um es dem türkischen Präsi­den­ten mal so richtig zu zeigen, riefen und rufen promi­nente Twit­ter­er wie Mario Six­tus ihr Pub­likum dazu auf, ein Buch von Deniz Yücel auf Ama­zon zu kaufen (selb­stver­ständlich als elek­tro­n­is­ches Buch, denn die Bedi­enung eines papier­nen Buch­es ist nicht mehr als all­ge­mein bekan­nt vorauszuset­zen), auf dass er der meistverkaufte Autor in Gefan­gen­schaft des ganzen Jahres wer­den möge. Nimm dies, Erdoğan!

Woran die twit­ternde Meute hier­bei keineswegs gedacht zu haben scheint, ist, dass Ama­zon keines­falls ein link­er Szeneladen für Anhänger von Deniz Yücel, Marx, Engels und Camus ist, son­dern auch Büch­er von Autoren wie Udo Ulfkotte und Ger­hard Wis­news­ki verkauft, die ja nun nicht ger­ade im Ruf ste­hen, sich irgend­wie links zu posi­tion­ieren, wobei ins­beson­dere let­zteres Buch es gegen­wär­tig sog­ar in die Liste der “SPIEGEL”-best­seller, also der Leseempfehlun­gen eines ver­meintlich ser­iösen Nachricht­en­magazins, geschafft hat, was Ama­zon sog­ar als zusät­zlichen Kau­fan­reiz geson­dert kennze­ich­net. Anders gesagt: Net­zw­erk­er wie Mario Six­tus machen dadurch, dass sie zum Kauf auf Ama­zon aufrufen, nach­drück­liche Wer­bung für die Büch­er rechter Autoren. Das ist ziem­lich unver­ant­wortlich.

Das sei jet­zt aber über­trieben, sagt ihr, weil es nun mal die Auf­gabe ein­er Buch­hand­lung sei, weit­ge­hend wer­tungs­frei Büch­er zu verkaufen?

Ver­gan­gene Woche ent­deck­te eine — laut ihrem eige­nen Pro­fil — fem­i­nis­tis­che, sozial­is­tis­che Twit­ter­nutzerin in ein­er Ulmer Buch­hand­lung (denn was kön­nte sozial­is­tis­ch­er sein als eine Buch­hand­lung?), dass dort auch Büch­er von Hans Her­bert von Arn­im, Thi­lo Sar­razin und Udo Ulfkotte aus­gestellt waren, bewor­ben mit einem Plakat des aktuellen best­sellers Her­rn von Arn­ims (beim link­er­seits unverdächti­gen Buch­händler Ama­zon derzeit “Best­seller Nr. 1 in Krim­i­nal­ität in Wirtschaft & Poli­tik”). In den fol­gen­den Kreis­chsturm rei­ht­en sich wie üblich zahlre­iche Nutzer ein, deren Bedürf­nis, jemals eine Ulmer Buch­hand­lung zu betreten, bis­lang ohne­hin noch nicht beson­ders groß war, und teil­ten der Buch­hand­lung teils tele­fonisch, teils schriftlich mit, was sie davon hiel­ten, dass sie bei Kun­den beliebte Büch­er auch dort hät­ten kaufen kön­nen, wenn sie das denn gewollt hät­ten. In der Rei­he der­er, die ihren Unmut darüber, dass eine Buch­hand­lung ein bre­ites Sor­ti­ment aufwies, lakonisch in einen Com­put­er rein­tippten, lässt sich jeden­falls auch — ihr ahnt es — ein gewiss­er Mario Six­tus find­en. Offen­sichtlich gibt es gute und schlechte Naz­ibuch­lä­den in der Welt der Alph­ablog­ger, offen­sichtlich ist ein Verkauf von bösen Büch­ern allein laden­be­zo­gen ein Empörungs­grund. Ich sollte vielle­icht mal nach ein­er Liste fra­gen.

Unklar bleibt der kon­struk­tive Gegen­vorschlag. Kön­nte die Ulmer Buch­hand­lung ihren Leu­mund rein­waschen, verkaufte sie böse Büch­er nur mehr als E‑Books oder würde umgekehrt auch Ama­zon der Ver­damm­nis über­schrieben, hörte es nicht als­bald auf, Best­seller als Best­seller zu beze­ich­nen? Wer bes­timmt abschließend über die Mark­twirtschaft im Buch­han­del — ist es Twit­ter?

Und warum beschle­icht mich eigentlich das Gefühl, dass dieser Diskurs auf einem Kurz­textmedi­um nicht unbe­d­ingt gut aufge­hoben ist?

WENN das Inter­net sich wirk­lich zum Medi­um der Entwed­er-Oder-Posi­tion entwick­eln sollte, (…) DANN WÄRE ES GENAU NICHT das Medi­um der Aufk­lärung, des Diskurs­es, der Akzep­tanz und des gesellschaftlichen Fortschritts.
Mario Six­tus, 3. Jan­u­ar 2017

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Senfecke:

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