KaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: Ex Eye

Ex Eye (Coverbild)Fordern wir wieder ein­mal unseren Geist und hören wir ein wenig Musik.

Aus aus­gerech­net den Vere­inigten Staat­en stammt das Quar­tett Ex Eye, dessen Schlagzeuger Greg Fox, den Pop­Mat­ters mit John Bon­ham zu ver­gle­ichen sich nicht scheut, sich bere­its bei Zs und Litur­gy aus­to­ben durfte. Statt klas­sis­ch­er Rock­bandbe­set­zung scharten Ex Eye, die sich selb­st als Post-Alles-Band beschreiben, sich um den kanadis­chen Sax­o­phon­is­ten Col­in Stet­son, der bis­lang unter anderem mit Tom Waits, Fred Frith und Mats Gustafs­son zusam­mengear­beit­et hat und also dur­chaus weiß, wie gute Musik klin­gen sollte.

EX EYE — “Xeno­lith; The Anvil” (Offi­cial Music Video)

Beschreiben lässt sich das auf dem im Juni präsen­tierten Debü­tal­bum Gehörte als instru­men­taler Jazzmet­al, mitunter lässt sich aber auch ein­mal New Artrock im Stile der unvergesse­nen Por­cu­pine Tree aus­machen. Dass es keinen Gesang gibt, ist hier kaum ein auf­fäl­liges Kri­teri­um, denn der würde wahrschein­lich auch nur stören.

Ex Eye — Anaitis Hym­nal; The Arkose Disc

Ich bin dur­chaus ange­tan.

PolitikIn den Nachrichten
Die niemals gezogene Lehre aus dem Bochumer Brüllaufstand

“Das Prob­lem bei den Linken”, so schätzte es Chris­t­ian Lind­ner angesichts der kür­zlich erfol­gten Anbrüllerei durch eine linke Stu­dentin, die über eine Stimme, mit der sie vielle­icht lieber etwas anderes machen sollte als Parolen zu brüllen, ver­fügte oder noch immer ver­fügt, ein, sei es, “dass nur sie glauben, Wahrheit zu besitzen”, und während die Medi­en von den Axel-Springer-Blät­tern über die “Huff­in­g­ton Post” bis hin zu “RP ONLINE” seine dieser Fest­stel­lung fol­gende sou­verän-läs­sige Reak­tion auf das Gebrülle nicht zu Unrecht, wenn auch mit gewohnt schleimiger Attitüde, als sou­verän-läs­sige Reak­tion auf das Gebrülle beschrieben, so fehlt es doch an einem Hin­weis auf die eine wesentliche Wahrheit, die mit jedem medi­al rezip­ierten Gebrüll erneut den Fokus auf sich zu ziehen ver­sucht und es trotz­dem nicht in die Rei­he der gesellschaftlich als Kon­sens akzep­tierten Regeln für einen zivil­isatorischen Min­dest­stan­dard auf allen Seit­en des poli­tis­chen und sozialen Spek­trums geschafft hat, weil ver­mut­lich jene, die sie vorzu­tra­gen ver­sucht­en, schlicht nicht zu Wort kamen: dass näm­lich eine als sonst­wie poli­tisch missver­standene Aus­sage, die laut­en Gebrülls bedarf, um ver­mit­telt zu wer­den, niemals näm­lich von Leisen und keines­falls ohne offen­sichtlich mitschwin­gende Aus­rufeze­ichen (oft und gern im Plur­al) mündlich, vor­ge­tra­gen wird, einen aufmerk­samen Adres­sat­en nicht ver­di­ent haben kann.

NetzfundstückeNerdkrams
Kurz verlinkt: “Programmierer” / Chromefox’ Googleanalyse

Was über Python-“Programmierer” und GitHub-Nutzer im Übri­gen noch zu ver­linken bleibt:

Ein Python-Mod­ul, das automa­tisch den erst­besten lei­dlich rel­e­van­ten Code von StackOverflow.com herun­ter­lädt und ein­bindet — besternt von über 1.400 GitHub-Kon­ten.

:wallbash:


Die zivil­isatorische Decke unter Daten­schützern wird dün­ner: Fire­fox bindet Google Ana­lyt­ics ein.

"Genießen Sie den Browser mit den meisten integrierten Datenschutzfunktionen" (Quelle: https://www.mozilla.org/de/firefox/new/)

Da wächst zusam­men, was zusam­men gehört.

In den NachrichtenMir wird geschlecht
Initiative D21: Eine fast richtige Pressemitteilung

Berlin, 04. Juli 2017. Die Mit­glieder des Ini­tia­tive D21 e. V. haben zur heuti­gen Mit­gliederver­samm­lung ein­stim­mig das Außerkraft­treten der Kom­pe­ten­zquote für den Gesamtvor­stand beschlossen. Ab sofort darf min­destens ein Drit­tel der Per­so­n­en des Vor­standes nicht mehr nach qual­i­ta­tiv­en Kri­te­rien aus­gewählt wer­den. Zusät­zlich zur Ein­schränkung der Quote wird die Regelung des “leeren Stuhls” einge­führt. Wenn sich nur kom­pe­tente Per­so­n­en zur Wahl stellen oder gewählt wer­den, bleiben die entsprechen­den Plätze frei.

Präsi­dent Hannes Schwader­er begrüßt es sehr, dass die bere­its seit Jahren stat­tfind­en­den Bestre­bun­gen, den Kom­pe­ten­zan­teil im Vor­stand zu senken, nun per Satzung fest­geschrieben sind: “Zum einen soll mit der fes­ten Höch­stquote ein deut­lich­es Sig­nal nach außen gesendet wer­den und sich auch andere Ver­bände entsprechend fes­tle­gen. Zum anderen haben unsere Mit­glied­sun­ternehmen und ‑Insti­tu­tio­nen aus­re­ichend Inkom­pe­tente im Kol­legium und wir möcht­en ihre gerin­gere Kom­pe­tenz auch für das Wirken der Ini­tia­tive D21 gewin­nen”.

Auch Schatzmeis­terin Prof. Bar­bara Schwarze zeigt sich erfreut: “Noch immer ist die soziale und poli­tis­che Gle­ich­stel­lung von Kom­pe­ten­ten und Inkom­pe­ten­ten in Deutsch­land nicht erre­icht. Dass nun min­destens ein Drit­tel der Posi­tio­nen im Vor­stand der Ini­tia­tive D21 durch Inkom­pe­tente beset­zt wer­den müssen, wird auch auf unsere Mit­glied­sun­ternehmen wirken, denn schlussendlich set­zt sich der Gesamtvor­stand aus den Führungspo­si­tio­nen dieser Unternehmen und Insti­tute zusam­men”. Da die Verän­derun­gen nur sehr langsam von allein kämen, sei die Senkung der Quoten ein erster Schritt in Rich­tung gesellschaftlichem Wan­del, stimmt Schwader­er zu. Die Ini­tia­tive D21 sei bemüht, auch über die beschlossene Inkom­pe­ten­zquote hin­aus, den Gesamtvor­stand par­itätisch zwis­chen Kom­pe­ten­ten und Inkom­pe­ten­ten zu beset­zen.

Die Förderung der Chan­cen­gle­ich­heit zwis­chen Begabt und Unbe­gabt ist eine der zen­tralen Auf­gaben der Ini­tia­tive D21. Bere­its zur Grün­dung des Vere­ins 1999 wurde die Förderung der Gle­ich­berech­ti­gung von Kom­pe­ten­ten und Inkom­pe­ten­ten in der Satzung fest­geschrieben. So engagiere sich die Ini­tia­tive D21 gemein­sam mit den Mit­gliedern u. a. im Rah­men der Auf­tak­tver­anstal­tung zum bun­desweit­en Incom­pe­tents’ Day speziell für Chan­cen­gle­ich­heit von Unbe­gabten durch das Aufzeigen von beru­flichen Alter­na­tiv­mod­ellen und erfassen und bekämpfen unabläs­sig den dig­i­tal­en Graben zwis­chen den unter­schiedlich Begabten.

Alter­na­tive Lesart hier.

Netzfundstücke
Kurz verlinkt: Penis!

Da hat­te jemand Spaß:

Zer­störter Fels “Trollpe­nis”: Er ste­ht wieder (…) Er wollte — ja, es ist wirk­lich nicht ein­fach, diese ganze Sache ohne Zoten zu erzählen — er wollte also den “Trollpe­nis” wieder ste­hen sehen. (…) Nun muss die ganze Sache — sor­ry auch hier für die Wort­wahl — noch ein paar Tage aushärten. (…) Die Touris­ten kön­nen also — und das ist jet­zt wirk­lich die let­zte zwei­deutige For­mulierung dieses Textes — kom­men.

“SPON”-Redakteure. Da steckt man auch nicht drin.

In den NachrichtenMontagsmusik
Ulver — So Falls the World

Wach wie ein PandaEs ist Mon­tag. Die Welt find­et zur gewohn­ten Bräsigkeit zurück und dieses eige­nar­tige Gefühl, der bei Weit­em Aller­bräsig­ste zu sein, ist vorüber wie eines dieser schw­er erträglichen Liebeslieder, die man sich aus­denkt, während man so über sein Leben sin­niert. Leben ist Fir­lefanz, aber ein immer­hin notwendi­ger, seufzt ein Käuzchen.

Zum nun­mehr endlich ver­gan­genen Woch­enende bliebe noch manch­es anzumerken, aber da regte man sich dann doch wieder nur unnötig auf, was selb­st der staubbe­deck­teste Bun­de­spräsi­dent der let­zten paar Jahre, entsäku­lar­isiert­er Dodo des Monats Juni und auch son­st stets für Geschwätz zu haben, kaum zu lin­dern ver­mag. Schweifen wir also lieber in die Ferne: Die NASA hat in den Weit­en des Wel­traums Dinge ent­deckt, die die bish­eri­gen Vorstel­lun­gen von den Anfän­gen “unseres” Uni­ver­sums ein wenig kor­rigieren. Eine real­is­tis­che Möglichkeit zur schnellen Anreise ist bish­er allerd­ings nicht enthal­ten.

Apro­pos Zukun­ft: In den USA sind mehrfach blue­tooth­fähige Hand­kreisel (“Fid­get Spin­ner”) explodiert, was die Ver­mu­tung, zum langfristi­gen Über­leben müsse man nicht nur stark, son­dern auch einiger­maßen schlau sein, selb­st heute, da der Men­sch sich als weit­ge­hend dom­i­nante Rasse erwiesen hat, noch als bedeut­sam kennze­ich­net. Die “Neue Zürcher Zeitung” fragt in eigentlich nicht auss­chließlich diesem Zusam­men­hang, ob die mod­erne Gesellschaft zu doof für den Fortschritt gewor­den ist. Dass sie nicht von den Klüg­sten ange­führt wird, mag als Argu­ment nicht aus­re­ichen, und so lange sie noch wun­der­bare Musik her­vor­bringt, ist jeden­falls das Wesentliche gesichert; zum Beispiel eben so:

Guten Mor­gen.

PolitikIn den Nachrichten
Abschließende Bemerkung zu G20: Feuer und Flamme fürs Klima

Die antikap­i­tal­is­tis­che Linke, leben­des Belegex­em­plar der Hufeisen­the­o­rie, hat endlich neue iPhones und denkt sog­ar mal über Kör­perpflege nach. Durch die Ankurbelung der Glaserei- und Autowirtschaft mit­tels der Zer­störung von Schaufen­stern und Dien­st­fahrzeu­gen von Krankenpflegern wurde dem Kap­i­tal­is­mus ein Schnip­pchen geschla­gen und es ist sich­er nur noch eine Frage der Zeit, bis die Banken frei­willig dem Frei­heits­drang der Bürg­er nachgeben. Die Ver­scho­nung von Geschäften, deren Besitzer rechtzeit­ig bekan­nt gegeben haben, auf der richti­gen Seite zu ste­hen, hat in Deutsch­land bekan­ntlich eine bald achtzig Jahre alte Tra­di­tion und Tra­di­tion ist wichtig.

Dass nicht etwa die inter­na­tionale Hoch­fi­nanz, son­dern kleine Geschäft­sleute, Jour­nal­is­ten und Polizis­ten teils ruiniert, teils schw­er ver­let­zt wur­den, war auf dem Weg zu ein­er besseren Welt unver­mei­dlich, denn nie­mand muss Geschäfts­mann, Jour­nal­ist oder Polizist sein oder in Ham­burg wohnen. Nach­dem das Kli­ma jet­zt gerettet und der Kap­i­tal­is­mus endgültig besiegt ist, bleibt nur noch eine Frage ungek­lärt:

Wie dumm ist Wern­er Rätz?

MusikkritikKaufbefehle
Kurzkritik: Farflung — 5

Das englis­che Wort “far-flung” bedeutet unge­fähr “bre­it­flächig”. Unter diesem sprechen­den Namen wurde 1992 in Los Ange­les eine Space­rock­band gegrün­det, die aktuell als Trio musiziert und 2016 mit “5” ihr aktuelles (nach mein­er Zäh­lung jedoch längst nicht mehr ihr fün­ftes) Stu­dioal­bum (Amazon.de, TIDAL) veröf­fentlichte.

Space­rock? Nehmen wir das mit den Gen­res mal lieber nicht so genau, denn was die Musik der drei Her­ren von Farflung aus­macht, ist nicht etwa der hun­dert­ste Auf­guss von Hawkwind’schem Spiel, son­dern es ist die gekon­nte Ein­flech­tung het­ero­gen­ster Stile in ein von jeden­falls mir bis­lang noch unge­hörtes musikalis­ches Rezept, aus dem Tanz­musik im besten Sinne ent­stand.

Farflung — Hive

Das auf “5” zu Hörende wird bei all sein­er Het­ero­gen­ität von flir­ren­den Klang­ef­fek­ten in Form gehal­ten, die Musik prescht zügel­los nach vorn und reißt dabei alles mit, was ihr im Weg liegt: Space­rock, Hardrock, Shoegaze, Amer­i­cana, in “Being Boiled” — hier mit beson­ders bemerkenswertem Bassspiel — darf es auch mal Doom sein. Das Repet­i­tiv-Hyp­no­tis­che auf “5” ist mehr als nur Mit­tel zum Zweck. Das Star-Wars-Wüs­ten­cover­bild ver­mag das Ohr nicht zu trü­gen.

Farflung — 044MPZ

Ich habe keine Ahnung, was die ein­schlägi­gen Medi­en momen­tan als passendes Album zum Cock­tail am Strand und/oder zum wilden Sitz­tanz emp­fiehlt. Gehört zu den üblichen Empfehlun­gen jedoch nicht “5”, so möchte ich es hier­mit zu diesen hinzuge­fügt wis­sen.

Persönliches
Selber hygge!

Nach Sondierung des dies­monati­gen Ange­bots an Frauen­zeitschriften — regelmäßige Leser dieser Web­site wis­sen um deren humoris­tis­che Qual­itäten — ließ es sich nicht ver­mei­den, dass auch mir als von Trends nicht viel hal­ten­dem Wirrkopf das Hygge­sein als Lebensstil begeg­nete, immer­hin ger­ade mal ein halbes Jahr, nach­dem es die “ZEIT” umfan­gre­ich the­ma­tisierte. Was also ist ein Hygge?

So heißt Gemütlichkeit in Däne­mark. Die halbe Welt will von den Dänen ler­nen, wie man es sich drin­nen nett macht, wenn es draußen ungemütlich­er wird.

Ver­ste­he: Weil Deutsch­land seine Gemütlichkeitseit 1892 auch im anglo­pho­nen Raum ein Begriff — abhan­den gekom­men ist, ver­suchen wir es stattdessen mit einem Import aus ein­er anderen Gesellschaft als der unseren.

Um dieser Gemütlichkeit äußeren Nach­druck zu ver­lei­hen, wird der Presse­markt mit Erzeug­nis­sen wie dem Mag­a­zin “hygge” aus der Ver­lags­gruppe “Deutsche Medi­en-Man­u­fak­tur”, die son­st auch Wel­ter­folge wie die Küchen­heftchen “essen & trinken”, “essen & trinken mit THERMOMIX” und “flow”, als “eine Zeitschrift ohne Eile, über kleines Glück und das ein­fache Leben” bere­its eine etablierte Konkur­renz aus eigen­em Hause, in ihrem Port­fo­lio auf­führt, und jedes Mal, wenn irgen­dein Kack­un­ternehmen, in dem von Han­dar­beit noch kaum jemand auch nur etwas gehört hat, sich “Man­u­fak­tur” nen­nt, empfinde ich ein biss­chen weniger Gemütlichkeit als noch zuvor. Dage­gen hil­ft auch kein nicht alko­hol­haltiges Mag­a­zin dieses Lan­des mehr. Hat nur noch diese Zeitschrift gefehlt, als sei tur­nus­mäßig repro­duziertes, mehr­seit­iges Gequatsche ein wertvollerer Rat­ge­ber als fünf ein­fache Worte.

Laut Amazon.de wer­den seit Herb­st 2016 nicht nur ungezählte Zeitschriften, son­dern vor allem auch Büch­er über die jew­eils beste Art zu hyggen pub­liziert, der dor­tige “Best­seller” wie auch der der “Sun­day Times” und der “New York Times” ist derzeit “The Lit­tle Book of Hygge: The Dan­ish Way to Live Well”, ein­sortiert in die Kat­e­gorie “Skan­di­navis­che Küche”, als gin­ge es bloß ums Essen und nicht um eine qua­si voll­ständi­ge Leben­san­leitung.

“Hyggelig”, faselte Alix Berber für “ben­to”, seien “auf dem Sofa Filme schauen”, “selb­st back­en” und “klare Struk­turen”, und beim Gebäck sei es nicht etwa irgen­dein Kuchen, son­dern “eigens kreierte Zimtkekse mit gesun­dem Vol­lko­rn­mehl”, und dazu ein ver­mut­lich entkof­feiniert­er Kaf­fee aus handgeroll­ten Kaf­fee­bohnen und ein “Bild­band über Wälder”. Früher nan­nte man das sprö­den Wal­dor­fcharme oder Pren­zlauer-Berg-Habi­tus, heute ist es eben “hyggelig”. Sel­ten fand ich mein ent­tren­detes Leben so inter­es­sant.

Sub­jek­tive Gemütlichkeit herzustellen, indem man Feng-Shui-mäßige Ein­rich­tungstipps von Frem­den befol­gt, erscheint mir jeden­falls nicht als ein ver­ständi­ger Weg zum Glück. Das hat nun immer­hin auch die Lebensstil­ver­mark­tungs­branche erkan­nt und meldet selb­st Zweifel an der von ihr geschaf­fe­nen Hygge­blase an — denn schon bald ist alles hal­lyu.

:irre:

In den Nachrichten
Kurz notiert zur römischen Selbstinquisition

Und siehe, Gott sandte ein Zeichen und ließ die Vertreter der Vertreter seines Vertreters auf Erden im Dro­gen­rausch dort, wo noch bis 1908 der Name der heili­gen Inqui­si­tion seine Verkör­pe­rung fand, der Unzucht frö­nen, als besitze das Neue Tes­ta­ment im Stamm­land der weniger anti­semi­tis­chen Hälfte des europäis­chen Chris­ten­tums nur für jene Men­schen Gültigkeit, die sich mit dem Gedanken an ein kon­ser­v­a­tives Fam­i­lien­leben anfre­un­den kön­nen, und als sei eben­jene heilige Inqui­si­tion, die im Ein­klang mit den Glauben­snor­men die beteiligten Pfaf­fen als Ket­zer wenig­stens ein­er göt­tlichen Todesstrafe hätte unter­w­er­fen müssen, nie geschehen; und dann sei aber zu ihrer moralis­chen Ent­las­tung erwäh­nt, dass, so wenig man auch von der katholis­chen oder über­haupt irgen­dein­er Kirche hält, dies­mal nur zwar geistig unreife (denn son­st wären sie nicht katholisch), wohl aber kör­per­lich erwach­sene Men­schen Teil der Ausübung der höchst unchristlichen sex­uellen Frei­heit waren, was, wenn die Sex­u­al­ität von Katho­liken in den Nachricht­en ist, ja dur­chaus nicht als Regelfall ange­se­hen wer­den sollte.

(via Schw­erdt­fe­gr)

In den NachrichtenWirtschaft
Von Vollbezahlung hat ja niemand etwas gesagt.

Im Sep­tem­ber ste­ht die näch­ste Bun­destagswahl an; Zeit also, schon ein­mal darüber nachzu­denken, wen es zu wählen gilt. Während die früheren Mitre­gen­ten “Die Grü­nen” längst Spott und Schaden auf sich vere­inen, ist die derzeit­ige Regierungskoali­tion aus CDU/CSU und SPD pro­duk­tiv damit beschäftigt, poten­ziellen Wäh­lern im Falle eines Wahlsieges Ver­sprechen hin­sichtlich der zu erwartenden Poli­tik zu machen. Wenn sie doch nur eine Gele­gen­heit gehabt hätte, auch mal Dinge umzuset­zen!

Während die SPD schon vor etwas län­ger­er Zeit unter dem Beifall ihrer tra­di­tionell vergesslichen Anhänger mit­teilte, wenn sie doch nur endlich regieren dürfte, würde sie die unmen­schliche Sozialpoli­tik der SPD grundle­gend rev­i­dieren, nebelte es aus CDU/C­SU-Kreisen noch eher zurück­hal­tend, denn eini­gen kon­nte man sich zwar darauf, weit­er­hin inhu­man und sonst­wie grausam zu sein, nicht aber auf eine konkrete Aus­prä­gung. Der putzige CDU-Gen­er­alsekretär Peter Tauber ließ gestern — noch vor der Vorstel­lung des gemein­samen Wahl­pro­gramms — zumin­d­est den Hin­weis fall­en, dass diejeni­gen, die mehrere schlecht bezahlte Arbeit­splätze haben, halt eine anständi­ge Aus­bil­dung hät­ten machen sollen, denn dann hät­ten sie das Prob­lem jet­zt nicht, was er später rev­i­dierte, indem er zumin­d­est die Zahl, nicht aber die Exis­tenz von schlecht bezahlten Arbeit­splätzen kri­tisierte: “Mini-Jobs” seien näm­lich “an sich gut”, sie betr­e­f­fen ja nie­man­den, der lieber in Vol­lzeit und anständig bezahlt arbeit­en würde, nicht wahr?

Seit gestern Abend jeden­falls gibt es ein gemein­sames Wahl­pro­gramm (“Regierung­spro­gramm”) von CDU und CSU, in dem mein spaßiges Lieblingskapi­tel die Über­schrift “Gute Arbeit auch für mor­gen – Vollbeschäf­ti­gung für Deutsch­land” trägt. Vollbeschäf­ti­gung ken­nt die Kan­z­lerin, ein Kind der DDR, noch von früher, als es in ihrer Heimat eine staatlich verord­nete Arbeit­slosen­zahl von 0 Prozent und ein Pro­duk­tiv­ität­sniveau von 40 Prozent gab. Das, freilich, ist nicht merk­lich anders als heute: Men­schen, deren dauer­hafte Arbeit­skraft dem Markt keinen Mehrw­ert bringt, wer­den stattdessen zu unpro­duk­tiv­er Arbeit überre­det, die nur existiert, um die Arbeit­slosen­zahl zu senken. “Sozial ist, was Arbeit schafft”, heißt es im Pro­gramm, und um die allzu plumpe Pro­voka­tion, dass somit auch NS- und Sow­jet­lager eine Folge erfol­gre­ich­er Sozialpoli­tik gewe­sen sein müssten, zu ver­mei­den, mag mir der Hin­weis genü­gen, dass mir zur Sozialpoli­tik der gegen­wär­ti­gen “großen Koali­tion”, die so viel Arbeit schafft, dass viele Leute sog­ar drei davon haben, so manch­es Adjek­tiv ein­fällt, “sozial” aber nicht darunter ist.

Aus dem gle­ichen Kapi­tel des Wahl­pro­gramms:

Die Zahl der offe­nen Stellen wächst beständig.

Die von der “Union” haben auch eine gewisse Stelle offen, wie mir scheint.


Kön­nte man auch mal gele­sen haben: Oba­ma war immer total höflich.

In den NachrichtenNerdkrams
Kurz verlinkt: Männer, Frauen und Transalgorithmen sind vor dem Gesetz gleich.

Apro­pos “die EDV nicht ver­ste­hen”:

In Anlehnung an das zehn Jahre alte All­ge­meine Gle­ich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG) spricht sich Maas für ein “dig­i­tales AGG, ein Antidiskri­m­inierungs­ge­setz für Algo­rith­men gegen dig­i­tale Diskri­m­inierung und für vorurteils­freies Pro­gram­mieren” aus.

Ich fordere eine Algo­rith­men­quote in deutschen DAX-Vorstän­den von min­destens 30 Prozent! :aufsmaul:

NetzfundstückeMontagsmusikComputer
Cosmic Fall — Haumea

Euli krank, Euli Bettchen.Es ist Mon­tag. Juch­hei! Es pocht der Kopf­schmerz genüsslich im Takt, so musikalisch war man seit Jahren nicht gelaunt. Das Regen­wet­ter als Sym­bol für das Wohlbefind­en zu betra­cht­en ist eines Zynikers würdig, also tun wir das und drehen ger­ingfügig durch. Früher war mehr Din­gens.

Eine Studie belegt, dass Solaren­ergie der Umwelt größeren Schaden zufügt als Kernen­ergie. Das hätte ja ruhig mal wer vorher sagen kön­nen! Aber die Mär von der “sauberen” Energie der “Zukun­ft” — als stürbe der Plan­et später, trans­portierte man die erplün­derten Ressourcen nur noch mit Sola­rautos fort — hält ganze Indus­triezweige am Leben und Indus­triezweige sind für irgen­det­was “wichtig”.

Manch­er Men­schen Idi­otie bet­rifft wenig­stens nur andere Leute: Lin­uxnutzer mit ein­er Null vorn in ihrem Anmelde­na­men kriegen vom neuen großen Ding sys­temd volle Sys­tem­rechte geschenkt. Das sei kein Fehler, sagen die Entwick­ler, weil eine Null vorn gar nicht sein könne, und wenn doch, mache man was falsch, denn das sei so nicht gedacht. Mit dem Erfolg von Lin­ux auf irgendwelchen Quatschsys­te­men hat tech­nisch ori­en­tiertes Denken wohl lei­der nicht gerech­net.

Machen wir es zu unserem eige­nen Schutz so wie die Entwick­ler von sys­temd und schal­ten erst ein­mal das Hirn ab — nur lieber mit ein wenig guter Musik.

Guten Mor­gen.

Nerdkrams
Deutschland ergeht sich in Plattformgewäsch.

Medi­en auf: Alles voller “Plat­tfor­men”.

“Plat­tfor­men”, erk­lärt Stef­fan Heuer aktuell in einem mehr­seit­i­gen Artikel im Wirtschafts­magazin “brand eins” (S. 48 ff.), seien die Dien­ste von Unternehmen wie Face­book, Ama­zon und Slack, von denen Entschei­der aus Ein­fach­heits­grün­den gern mal Gebrauch machen. Dass Slack, das restrik­tive IRC für Mauss­chub­ser, als Stan­dard­lö­sung für Fir­men­chats und das Betrieb­ssys­tem Unix als Com­put­er­fir­ma (Seite 53 unten) beze­ich­net wird, nimmt dem Artikel freilich manche Ser­iösität.

Trotz­dem sind “Plat­tfor­men” (als wäre nicht jede poplige Web­seite bere­its eine kleine “Plat­tform”!) ger­ade auch wegen des “Net­zDG”, des vom Bun­destag jüngst durchgewink­ten Zen­surge­set­zes, ger­ade wieder ein aktuell schwe­len­des The­ma: Patrick Brey­er, ein­er der weni­gen verbliebe­nen Daten­schutz- und Net­zpoli­tik­fach­leute der Piraten­partei, hat dieser Tage seinen Twit­ter­ac­count ent­fer­nt und wird for­t­an nur noch auf GNU Social erre­ich­bar sein. GNU Social, den Jün­geren muss man das erk­lären, ist eine vom fanatisch religiösen GNU-Pro­jekt ges­teuerte “dezen­trale” Alter­na­tive zu Twit­ter, die ähn­lich aussieht, aber zumin­d­est in der The­o­rie von jedem Benutzer selb­st instal­liert wer­den kann, so dass die Anzahl an miteinan­der ver­net­zten Servern beliebig groß ist und eine zen­trale Zen­sur­in­fra­struk­tur nicht ohne Weit­eres ein­gerichtet wer­den kann. Von GNU Social gab es in der Ver­gan­gen­heit mit Quit­ter eine twit­terähn­liche Instanz, die während ein­er der ungezählten Wellen von “wir gehen jet­zt alle von dem doofen Zen­surtwit­ter weg” in den let­zten Jahren einen bedeut­samen Zus­pruch fand; erst vor weni­gen Wochen fan­den Gab.ai und Mastodon als weit­ere Twit­ter­al­ter­na­tiv­en größere medi­ale Aufmerk­samkeit.

Nun ste­ht und fällt natür­lich der Erfolg ein­er solchen “Plat­tform” (mein­ten Sie: Web­site?) mit ein­er aus­re­ichend großen Sog­wirkung, und wer vor ein paar Jahren das Gewese um Ello, Minds und Dias­po­ra mit­bekom­men hat, die alle­samt ein viel besseres Face­book sein soll­ten, aber bis heute von den meis­ten der weni­gen Benutzer ver­mut­lich höch­stens als Zweit- oder Drit­tkanal zu Twit­ter genutzt wer­den, der fasst sich bei Auf­forderun­gen, man möge doch bitte in irgen­deines dieser wie Unkraut nachwach­senden “dezen­tralen Net­ze” kom­men, nur mehr an die Stirn. Twit­ter ist nicht so groß gewor­den, wie es heute ist, weil es beson­ders aktiv die Dat­en sein­er Nutzer schützt, son­dern, weil man gern nicht nur mit sich selb­st reden würde. Auf GNU Social (und so weit­er) sind die Inter­ak­tion­s­möglichkeit­en mit anderen Men­schen in Erman­gelung ander­er Men­schen hinge­gen eher begren­zt, was durch die unregelmäßig auftre­tende Aufteilung der com­mu­ni­ty in diverse, teil­weise miteinan­der inkom­pat­i­ble Bess­er-als-Twit­ters nicht bess­er wird.

Natür­lich gibt es Dien­ste, die man hin­sichtlich ihrer lib­eralen Tech­nik irgend­wie bess­er find­en kann als andere, die zumeist irgendwelchen kom­merziell ori­en­tierten Unternehmen gehören. Man kann also seine Erre­ich­barkeit in den großen “sozialen Net­zw­erken” auf ein Min­i­mum beschränken und der dritte oder vierte Benutzer von GNU Social wer­den. Man kann auch aus Prinzip irgen­dein Nis­chen­be­trieb­ssys­tem nutzen, für das es höch­stens drei brauch­bare Anwen­dun­gen gibt, um es Microsoft mal so richtig zu zeigen. Man kann sich auch ein Bein abhack­en, damit skru­pel­lose Schuh­her­steller nur noch die Hälfte bekom­men. Blöd­heit ist ja nicht ver­boten.

Effek­tiv ist sie nur eben auch nicht unbe­d­ingt.

(Offen­le­gung: Man find­et mich sowohl auf Dias­po­ra als auch auf Quit­ter, jedoch bin ich ins­beson­dere auf Quit­ter allen­falls alle paar Wochen ein­mal lesend aktiv.)

Sonstiges
Diesen EDVlern muss man aber auch alles erklären.

Die Geschicht­en vom typ­is­chen Nutzer, der für Com­put­er zu doof ist, begeis­tern uns Fach­leute seit Jahren. Haha, die kön­nen nur Excel.

Scheint, als sehe die Gegen­seite das ähn­lich:

In Soviet Russia...

(aus der aktuellen “brand eins”)