LyrikSonstiges
Im Gedenken an Edgar Allan Poe (1809 – 1849)

Mitternacht umgab mich schaurig, als ich einsam, trüb und traurig,
Sinnend saß und las von mancher längstverklung’nen Mähr’ und Lehr’ –
Als ich schon mit matten Blicken im Begriff, in Schlaf zu nicken,
Hörte plötzlich ich ein Ticken an die Zimmerthüre her;
„Ein Besuch wohl noch,“ so dacht’ ich, „den der Zufall führet her –
Ein Besuch und sonst Nichts mehr.“

Wohl hab’ ich’s im Sinn behalten, im Dezember war’s, im kalten,
Und gespenstige Gestalten warf des Feuers Schein umher.
Sehnlich wünscht’ ich mir den Morgen, keine Lind’rung war zu borgen
Aus den Büchern für die Sorgen – für die Sorgen tief und schwer
Um die Sel’ge, die Lenoren nennt der Engel heilig Heer –
Hier, ach, nennt sie Niemand mehr!

Jedes Rauschen der Gardinen, die mir wie Gespenster schienen,
Füllte nun mein Herz mit Schrecken – Schrecken nie gefühlt vorher;
Wie es bebte, wie es zagte, bis ich endlich wieder sagte:
„Ein Besuch wohl, der es wagte, in der Nacht zu kommen her –
Ein Besuch, der spät es wagte, in der Nacht zu kommen her;
Dies allein und sonst Nichts mehr.“

Und ermannt nach diesen Worten öffnete ich stracks die Pforten:
„Dame oder Herr,“ so sprach ich, „bitte um Verzeihung sehr!
Doch ich war mit matten Blicken im Begriff, in Schlaf zu nicken,
Und so leis scholl Euer Ticken an die Zimmerthüre her,
Daß ich kaum es recht vernommen; doch nun seid willkommen sehr!“ –
Dunkel da und sonst Nichts mehr.

Düster in das Dunkel schauend stand ich lange starr und grauend,
Träume träumend, die hienieden nie ein Mensch geträumt vorher;
Zweifel schwarz den Sinn bethörte, Nichts die Stille draußen störte,
Nur das eine Wort man hörte, nur „Lenore?“ klang es her;
Selber haucht’ ich’s, und „Lenore!“ trug das Echo trauernd her –
Einzig dies und sonst Nichts mehr.

Als ich nun mit tiefem Bangen wieder in’s Gemach gegangen,
Hört’ ich bald ein neues Pochen, etwas lauter als vorher.
„Sicher,“ sprach ich da mit Beben, „an das Fenster pocht’ es eben,
Nun wohlan, so laß mich streben, daß ich mir das Ding erklär’ –
Still, mein Herz, daß ich mit Ruhe dies Geheimniß mir erklär’
Wohl der Wind und sonst Nichts mehr.“

Riß das Fenster auf jetzunder, und herein stolzirt’ – o Wunder!
Ein gewalt’ger, hochbejahrter Rabe schwirrend zu mir her;
Flog mit mächt’gen Flügelstreichen, ohne Gruß und Dankeszeichen,
Stolz und stattlich sonder Gleichen, nach der Thüre hoch und hehr –
Flog nach einer Pallasbüste ob der Thüre hoch und hehr –
Setzte sich und sonst Nichts mehr.

Und trotz meiner Trauer brachte er dahin mich, daß ich lachte,
So gesetzt und gravitätisch herrscht’ auf meiner Büste er.
„Ob auch alt und nah dem Grabe,“ sprach ich, „bist kein feiger Knabe,
Grimmer, glattgeschor’ner Rabe, der Du kamst vom Schattenheer –
Sprich, welch’ stolzen Namen führst Du in der Nacht pluton’schem Heer?“
Sprach der Rabe: „Nimmermehr.“

Ganz erstaunt war ich, zu hören dies Geschöpf mich so belehren,
Schien auch wenig Sinn zu liegen in dem Wort bedeutungsleer;
Denn wohl Keiner könnte sagen, daß ihm je in seinen Tagen
Sonder Zier und sonder Zügen so ein Thier erschienen wär’,
Das auf seiner Marmorbüste ob der Thür gesessen wär’
Mit dem Namen „Nimmermehr.“

Dieses Wort nur sprach der Rabe dumpf und hohl, wie aus dem Grabe,
Als ob seine ganze Seele in dem einen Worte wär’.
Weiter Nichts ward dann gesprochen, nur mein Herz noch hört’ ich pochen,
Bis das Schweigen ich gebrochen: „Andre Freunde floh’n seither –
Morgen wird auch er mich fliehen, wie die Hoffnung floh seither.“
Sprach der Rabe: „Nimmermehr!“

Immer höher stieg mein Staunen bei des Raben dunklem Raunen,
Doch ich dachte: „Ohne Zweifel weiß er dies und sonst Nichts mehr;
Hat’s von seinem armen Meister, dem des Unglücks finstre Geister
Drohten dreist und drohten dreister, bis er trüb und trauerschwer –
Bis ihm schwand der Hoffnung Schimmer, und er fortan seufzte schwer:
‚O nimmer – nimmermehr!‘“

Trotz der Trauer wieder brachte er dahin mich, daß ich lachte;
Einen Armstuhl endlich rollte ich zu Thür und Vogel her.
In den sammt’nen Kissen liegend, in die Hand die Wange schmiegend,
Sann ich, hin und her mich wiegend, was des Wortes Deutung wär’ –
Was der grimme, finst’re Vogel aus dem nächt’gen Schattenheer
Wollt’ mit seinem „Nimmermehr.“

Dieses saß ich still ermessend, doch des Vogels nicht vergessend,
Dessen Feueraugen jetzo mir das Herz beklemmten sehr;
Und mit schmerzlichen Gefühlen ließ mein Haupt ich lange wühlen
In den veilchenfarb’nen Pfühlen, überstrahlt vom Lichte hehr –
Ach, in diesen sammtnen Pfühlen, überstrahlt vom Lichte hehr –
Ruhet sie jetzt nimmermehr!

Und ich wähnte, durch die Lüfte wallten süße Weihrauchdüfte,
Ausgestreut durch unsichtbare Seraphshände um mich her.
„Lethe,“ rief ich, „süße Spende schickt Dir Gott durch Engelshände,
Daß sich von Lenoren wende Deine Trauer tief und schwer!
Nimm, o nimm die süße Spende und vergiß der Trauer schwer!“
Sprach der Rabe: „Nimmermehr!“

„Gramprophet!“ rief ich voll Zweifel, „ob Du Vogel oder Teufel!
Ob die Hölle Dich mir sandte, ob der Sturm Dich wehte her!
Du, der von des Orkus Strande – Du, der von dem Schreckenlande
Sich zu mir, dem Trüben, wandte – künde mir mein heiß Begehr:
Find’ ich Balsam noch in Gilead! ist noch Trost im Gnadenmeer?“
Sprach der Rabe: „Nimmermehr!“

„Gramprophet!“ rief ich voll Zweifel, „ob Du Vogel oder Teufel!
Bei dem ew’gen Himmel droben, bei dem Gott, den ich verehr’ –
Künde mir, ob ich Lenoren, die hienieden ich verloren,
Wieder find’ an Edens Thoren – sie, die throhnt im Engelsheer –
Jene Sel’ge, die Lenoren nennt der Engel heilig Heer!“
Sprach der Rabe: „Nimmermehr!“

„Sei dies Wort das Trennungszeichen! Vogel, Dämon, Du mußt weichen!
Fleuch zurück zum Sturmesgrauen, oder zum pluton’schen Heer!
Keine Feder laß zurücke mir als Zeichen Deiner Tücke;
Laß allein mich dem Geschicke – wage nie Dich wieder her!
Fort und laß mein Herz in Frieden, das gepeinigt Du so sehr!“
Sprach der Rabe: „Nimmermehr!“

Und der Rabe weichet nimmer – sitzt noch immer, sitzt noch immer
Auf der blassen Pallasbüste ob der Thüre hoch und hehr;
Sitzt mit geisterhaftem Munkeln, seine Feueraugen funkeln
Gar dämonisch aus dem dunkeln, düstern Schatten um ihn her;
Und mein Geist wird aus dem Schatten, den er breitet um mich her,
Sich erheben – nimmermehr!

Carl Theodor Eben, 1869

In den NachrichtenMusik
Erheiterndes am Sonntag

Ohne Worte:

Rabiater Einsatz: Gewaltsam hat ein Mann in China die Verkehrsblockade durch einen Lebensmüden beendet – er schubste den Mann von einer Brücke. Seine Begründung: Der potentielle Selbstmörder habe egoistisch gehandelt.

SPON


Mit wenigen Worten:

warum darf kempertrautmann fremde markenrechte umdeuten, nutzen und samplen, ein student in seiner abschlussarbeit aber nicht?

wirres.net I

Es scheint in letzter Zeit recht beliebt zu sein, das WWW nach abmahnfähigen Inhalten zu durchforsten, und sei’s nur aus Profitgründen. Dass ein Student die „Du bist Deutschland“-Kampagne nicht ungefragt verwursten, ein großes profitorientiertes Unternehmen jedoch das „Johnny Walker“-Markenzeichen zu Werbezwecken in einen anderen Kontext stellen darf, ist erstaunlich.

Aber dieses eine Mal hat es dann ja doch noch funktioniert mit der Kommunikation:

alexander lehmann und michael trautmann haben sich telefonisch und gütlich geeinigt

wirres.net II


In zwei Sätzen:

Seit heute ist das aktuelle Green-Day-Album „21st Century Breakdown“ im Soundcheck. Um zahlreichen Zuspruch wird gebeten.
Nachtrag: Inzwischen ist auch Maxïmo Parks „Quicken the Heart“ fertig rezensiert.

21st Century Breakdown
Quicken the Heart

In den Nachrichten
Zum 60. Todestag von Klaus Mann

Es wird viel zu wenig beachtet über all den Meldungen von maroden Automobilkonzernen, daher nutze ich diese Plattform, um eines weitaus interessanteren Ereignisses zu gedenken:

Heute ist der 60. Todestag von Klaus Mann, der sicherlich weniger Bekanntheit vorzuweisen hat als sein Vater Thomas, allerdings Generationen von Schülern mit Werken wie Mephisto Kopfzerbrechen bereiten konnte.

Salut!
Auf dass bessere Zeiten folgen mögen.

Netzfundstücke
Legomännchen, Legofräuchen

Lukas verlinkt dies:

Ich wollte heute für meine Töchter Legomännchen kaufen, und musste die erschreckende Feststellung machen, dass diese mit überwältigender Mehrheit genau das sind: Männchen. Es gab überhaupt nur drei weibliche Legofiguren: eine junge Dame in einem spießigen geblümten Oberteil, die auf einer Bank sitzt und Musik aus einem Ghettoblaster hört (Erde an Lego: Bitte einmal „iPod“ googeln), eine Tochter aus gutem Hause, die auf einem Pferd neben einem landroverartigen Auto mit Pferdeanhänger sitzt, und eine Milchmagd mit einer Kuh auf einem Bauernhof. Letztere ist im Lego-Universum — oder dem Teil, der gerade beim nächsten Karstadt herumsteht — die einzige Frau, die einer Beschäftigung nachgeht. Alle anderen Berufstätigen sind Männer: von Sachbearbeitern mit Aktenkoffer über Piloten, Ingenieure, Polizisten, Feuerwehrmänner, Bauarbeiter und Müllmänner bis zu Piraten und futuristischen „Power Miners“.

Klingt höchst albern, ist aber vermutlich vollkommen ernst gemeint: Da will jemand Legomännchen (man beachte, nebenbei, die Wortwahl) kaufen und ist nicht etwa unzufrieden mit der Preislage oder den immer konfuseren Bauanleitungen zu den diversen Sets, sondern mit ihrem Geschlecht, gar mit den Geschlechterrollen, die ihnen zuteil wurde.

So weit hat uns die Emanzipation also getrieben, selbst im Kinderzimmer hat die vorgebliche Gleichberechtigung des ehemals „unterdrückten“ Geschlechts absoluten Vorrang zu haben; wobei ich persönlich ja davon ausgehe, dass die Tochter des erzürnten Schreibers auf das Frauenbild der Firma LEGO A/S weitgehend pfeift.

Aber bitte, wenn wir’s darauf ankommen lassen wollen: Wo bleibt eigentlich in der heilen Welt von Barbie das männliche Element? Zu kaufen sind unzählige Frauenfiguren mit überwiegend grotesk überzeichneter Figur, aber als männliche Figur steht nur der langweilige Charmeur Ken zur Verfügung, der das männliche Geschlecht nun wahrlich nicht zu vertreten weiß, sondern vielmehr die Wunschvorstellung dessen darstellen mag, was sich mit Barbie spielende Jungmenschen (in der Regel weiblichen Geschlechts) als „süßen Jungen“ vorstellen und auch vorstellen sollen.

Wo bleiben die Punks, die Metaller, die Rocker, die Säufer, die Kiffer? Wo bleibt die Emanzipation des Mannes in der heilen rosa Wunderwelt?

Ein Kommentator unter dem oben zitierten Eintrag fragt übrigens:

Warum gibt es keinen weiblichen Autobot (Transformers)? Warum hat das WINX-Universum nur weibliche Hexenheldinnen? Und, um es noch etwas plakativer auszudrücken: Warum produziert Always Binden nur für Damen?

Eben.

In den NachrichtenWirtschaft
Terrorbirnen

Der Zoll soll in Deutschland nach einem Verkaufsverbot für Glühbirnen die Einfuhr herkömmlicher Lampen verhindern. Gestoppt werden soll vor allem der Versand durch außerhalb der Europäischen Union ansässige Onlineshops, wie ein Sprecher des Bundeswirtschaftsministeriums der „Wirtschaftswoche“ sagte. Bund und Länder wollen ihr Vorgehen demnach am Montag beraten.

Abgefangene Glühbirnen sollen laut „Wirtschaftswoche“ entweder vernichtet oder an ausländische Interessenten versteigert werden.

So zu finden auf Manager-Magazin.de. Es ist schön zu sehen, dass die Bürokratie in diesem Land noch funktioniert, allerdings bin ich mir noch nicht sicher, ob hier vielleicht falsche Prioritäten gesetzt werden. Die Gefahr für dieses Land, die von der Verwendung von Glühbirnen ausgeht, halte ich persönlich doch für recht gering, wenn man sie nicht gerade unliebsamen Zeitgenossen ins Auge rammt.

Ob diese „Onlineshops“ wohl auch auf der Liste potenziell gefährlicher Webseiten und somit eines Tages in den geplanten Filterlisten landen?
Oder vielleicht geht den Verantwortlichen ja vorher ein Licht auf.

Um es wie Michael Miersch zu formulieren:
Glücklich das Land, das solche Probleme hat.

Internes
In eigener Sache: Alle Systeme einsatzbereit.

Hallo, liebe Leserschar,

wenn ihr diesen Text lest, ist diese Internetpräsenz auf einen neuen Server umgezogen. Damit dürfte die Erreichbarkeit, die doch hin und wieder nicht gegeben war, deutlich zunehmen, mithin auch die Zeit zum Laden dieser Seite deutlich abnehmen.

Ein netter Nebeneffekt ist, dass der neue Server nunmehr endlich in der Lage ist, mit anderen Weblogs zu kommunizieren; so werden nun diverse trackbacks versendet. Ich möchte mich bei den betroffenen Webloggern, die plötzlich eine recht große Menge an Benachrichtigungen bekommen, entschuldigen und bei DifferentStars für den Hinweis bedanken. Betrachtet beides hiermit als erledigt.

Für die anderen von euch, liebe Leser, ändert sich nichts. Beide euch bekannten Adressen sind weiterhin erreich- und nutzbar. Keine Sorge – ihr könnt eure Lesezeichen belassen.

:)

Hier und da könnten noch kleinere Ungereimtheiten bestehen; diese werden, sofern gemeldet, bald beseitigt. Außerdem werde ich in den nächsten Tagen einige kleinere Umbauten vornehmen, seltsames Verhalten der Seite ist also kurzzeitig zu erwarten.
Danke für die Aufmerksamkeit!

NetzfundstückePersönlichesPolitik
Apropos „Kinderpornosperren“

Irgendwie belustigend ist’s ja auch, dass es offenbar einen unverhältnismäßigen Aufwand bedeutet, die Anbieter, auf deren Servern gegen Menschenrechte verstoßende Internetseiten liegen, auf diesen Umstand hinzuweisen, aber es nur wenigen Briefverkehrs bedarf, um unliebsame Satire zu entfernen.

Und die Briefe hätte man sich, genau genommen, auch sparen können, wenn es endlich den geplanten Filter gäbe!

Ausnahmsweise mal ein persönlicher Kommentar hierzu:
Ich bin ja mal gespannt, wie viel Prozentpunkte die CDU/CSU bei den nächsten Wahlen bekommen wird. Wenn es nur nach der Anzahl der Schäuble- und von-der-Leyen-Protestseiten geht, vermutlich keinen einzigen. Aber ich nehme an, die Konsequenz im Denken und Handeln erschöpft sich bei dem Großteil ihrer Kritiker darin, erbost in Internetforen zu diskutieren. Na dann…

In den NachrichtenMusikProjekte
Hirngrenzen 2.0

Da bald wieder die Halbjahresliste ansteht (huch, schon wieder so viel neue Musik), kommt es mir nur gelegen, dass ich nunmehr viel Gelegenheit bekomme, in Übung zu bleiben:

Zusammen mit Peter von den Schallgrenzen und einigen weiteren Probanden bin ich seit einigen Tagen Teil eines Rezensionskomitees, das unabhängig voneinander aktuelle CDs bewertet, die nicht allzu weit vom mainstream und damit dem Publikumsinteresse entfernt sind. Das Ziel ist es, möglichst unterschiedliche Meinungen über ein Album zu sammeln, da jeder der Beteiligten einen eigenen Musikgeschmack entwickelt hat und somit eine andere Klientel vertritt.

Der erste Teil dieser losen, „Soundcheck“ genannten Reihe bildet das Album „Controlling Crowds“ der Triphop-Gruppe Archive. Wer noch zögert, es zu erwerben, kann sich hier ein Bild davon machen.


Die Definition des „Amoklaufes“ ist, das wissen wir inzwischen, eine recht subjektive. Die weichesten, schwammigsten (wie steigert man das eigentlich?) Grenzen hat, wie so oft, der SPIEGEL heute gesetzt:

Amokalarm an einem Gymnasium in St. Augustin: Nach einer Messerattacke auf eine Schülerin hat die Polizei eine Fahndung nach einer 16-Jährigen ausgelöst. Sie soll nach einem Streit auf ihre Mitschülerin losgegangen sein und diese an der Hand leicht verletzt haben.

(Hervorhebungen von mir.)

Diese tatsächliche Tat, die jedenfalls für mich so weit eher wie eine Affekthandlung scheint, wird in dem Artikel ergänzt durch etliche Vermutungen und ernsthafte Zweifel daran, dass die Flüchtige tatsächlich einen Amoklauf geplant hatte. So ist das oft, wenn man über Ereignisse berichten soll, an denen man selbst nicht beteiligt ist.

Die Definition des Amoklaufs erlaubt dem Journalismus, so scheint es, noch immer zu viele Freiheiten. Ein neues Wort muss her.

Hat jemand einen Vorschlag?

Nachtrag:
Die Tagesschau weiß inzwischen mehr und nennt endlich mal konkrete Fakten. Der geplante Amoklauf bleibt noch immer ein „vager Verdacht“, jedoch wurden mittlerweile die Indizien für einen solchen klar benannt.
Warum nicht gleich so?

In den NachrichtenNetzfundstückeSonstiges
Medienkritik extern: Heul doch!

Bei „DSDS“ flennte sich Daniel an die Spitze, für „Deutschland tut was!“ wurde in der ARD für den guten Zweck ebenfalls auf die Tränendrüse gedrückt. Beim Fernsehduell zwischen Altruismus und Popkapitalismus ging RTL klar als Sieger hervor.

Christian Buß analysiert den tränenbewehrten Kampf um die Einschaltquoten überaus treffend. Ein Hoch auf das, was gemeinhin als große Gefühle tituliert, gar beworben wird! Dass diese Gefühle allerdings respektiert, ihre Protagonisten geachtet werden, steht leider zu bezweifeln, ist doch der Terminus der Transparenz bei Medienereignissen wie den eingangs genannten ohnehin kaum gegeben. Da kann der Einfluss der Zuschauer noch so sehr hervorgehoben werden; wer bei Gesangsdarbietungen wie den jüngst auf RTL gezeigten als Sieger hervorgeht, hat dies nur peripher der Gunst des Publikums zu verdanken. Für die regelmäßige Finalkonstellation – zwei Finalisten, zwei Geschlechter – muss der Zufall schon mehr als nur die Finger im Spiel gehabt haben, da doch im Vorfeld der männliche Finalist (und übrigens Gewinner, was auch immer dies bedeuten mag) vom Feuilleton, nicht ganz zu Unrecht, mit nicht allzu großen Chancen auf den Sieg bedacht wurde.

Jedoch, wie so oft, errang offenbar derjenige den Sieg, der beim Ausbruch von Emotionen am sympathischsten aussieht. Perverse Welt eigentlich.

In den NachrichtenNetzfundstücke
Wer Petitionen unterschreibt, frisst auch kleine Kinder.

Inzwischen hat’s auch die Medien erreicht:
Die elektronische Petition gegen Internetzensur hat beachtenswert viele Unterstützer.

Vermutlich allesamt Kinderpornografen, sagt der Guttenberg. Nahe liegend, ziemlich jeder von ihnen kennt die BRAVO oder ähnliche Magazine, in denen wöchentlich freizügige Aufnahmen von Menschen ab 15 Jahren zu finden sind, und bekanntlich endet das sexuelle Mitspracherecht erst mit 16. Oder 18? Oder lieber noch später?

Im Diskussionsbereich zu der Petition wird neben dem praktischen Nutzen der geplanten Sperren auch hierüber emsig diskutiert:

Ist ein 16 Jähriger, der auf eine 15 Jährige abfährt ein Perverser? Nein.
Wird er dadurch pervers, dass er sich gerne Fotos dieser 15 Jährigen anschaun würde? Nein.
Ab wann wird er denn dann pervers? Wenn er 18 ist und die gleichen Fotos betrachtet? Weshalb?
Wenn er 20 ist? Mit 25? Und mit welchem Grund?

Kein Grund für Katzenjammer!

FotografieIn den NachrichtenNetzfundstücke
Medienkritik X: Keine Panik, ruhig Blut!

Gestern sprach ein potenziell Krawall machender Jugendlicher anlässlich der jährlichen Aufstände am 1. Mai in ein RTL-Mikrofon, um auszudrücken, dass ebendiese Aufstände einen praktischen Nutzen hätten, der da laute, der Wirtschaft resp. der Politik „die Meinung des Volkes“ angesichts der derzeitigen Finanzlage nahe zu bringen.
Warum stehen Wellensittiche eigentlich gern auf einem Bein? Amüsanter Anblick, aber rätselhaft.
Ob sich die Wirtschaft resp. die Politik nun sonderlich um die Gründe für die Zerstörungen scheren, ob sie die randalierenden Personengruppen überhaupt noch zur Kenntnis nehmen, ist offenbar eine Frage, die sich den Berichterstattern und ihren Befragten nicht stellt. Wenn Revolution zur Routine wird, verliert sie ihre Wirkung.

Nun haben die Deutschen es ja ohnehin nicht so mit der Revolution; wenn ihnen etwas nicht passt, versprechen sie, die nächste Wahl entsprechend durchzuführen, warten bis zum Wahltag und vergessen bis dahin wieder, was ihnen nicht gepasst hat. Einige Verwegene machen ihrem Unmut auch Luft, indem sie wütend in ein Mikrofon sprechen, wie es zum Beispiel der eingangs erwähnte Jugendliche tat, jedoch genügt es nie dazu, die Verursacher der Wut zu beeindrucken. Da ist Frankreich wesentlich weiter entwickelt, wie auch Oskar Lafontaine schon richtig feststellte:

„Wenn die französischen Arbeiter sauer sind, dann sperren sie Manager mal ein. Ich würde mir das hier auch mal wünschen, damit die mal merken, dass da Zorn ist, dass da Menschen um ihre Existenz fürchten“, sagte Lafontaine im WDR-Hörfunk.

Aber so wird vermutlich auch dieses Jahr nichts passieren, was ernsthafte Konsequenzen für das Land mit sich bringen wird, und wir können mit dem normalen Tagesablauf fortfahren.

Der Tag ist ohnehin bereits ausreichend gefüllt mit Ereignissen, über die zu berichten sich die Medien nur selten zu blöd sind. In den Niederlanden zum Beispiel wurde ein Anschlag verübt, zwar nicht mit brennenden Autos, aber doch immerhin mit einem Auto. So weit eigentlich vergleichsweise nebensächlich, wäre nicht auch hier die Berichterstattung eine wunderliche. Lukas schreibt:

Weil sich zumindest Teile dieses Unfalls in der direkten Nähe des königlichen Busses abspielten, wurden diese Bilder live im Fernsehen übertragen. Dass grausame Dinge on air passieren, gehört zu den Risiken einer Live-Übertragung. Die Frage ist, wie man in den nächsten Momenten damit umgeht.

Und tatsächlich konnte man sich auf die Blutgier der Verantwortlichen verlassen. Berichte über den Anschlag gibt es außerhalb des Rundfunks nicht unbebildert, vor allem nicht im Fernsehen und im Internet. Da muss das Blut spritzen, das weckt die Neugier der potenziellen Zuschauer. (Eigentlich ist’s nur wenig erstaunlich, dass die Zeitungsverlage über rückläufige Kundenzahlen klagen. Einen Eindruck vom wirklichen Leben bekommt man nur, wenn man schön nahe am Geschehen ist, insbesondere, wenn dieses Geschehen ein blutiges ist.)

Trash-Portale wie “Spiegel Online“, Bild.de, focus.de und stern.de, aber auch FAZ.net zeigen Bildergalerien, in denen man sich unter anderem darüber informieren kann, wie eigentlich schwere Kopfverletzungen oder Mund-zu-Mund-Beatmungen aussehen.

Der Mensch ist schon ein seltsames Wesen; in der Regel ist er stets darum bemüht, Schaden am eigenen Leib zu vermeiden, aber fremdes Leid zieht ihn auf wundersame Weise an.

Dies könnten auch Schweine feststellen, würden sie unsere Medien konsumieren; kaum verschwinden die Meldungen über die Finanzlage des Staates, schon gibt es Schweinegerippe Schweinegrippe und täglich neue Zahlen bezüglich der Verbreitung und der Anzahl der bisher Betroffenen. Das Wort „Pandemie“, in diesem Zusammenhang gern aufgegriffen, bedeutet übrigens lediglich, dass es sich um eine sich global ausbreitende Krankheit handelt, und sagt über die Zahl der Erkrankten nichts aus. Da dies aber nur wenig Panik schürt, lässt es sich auch umformulieren, zum Beispiel so:

Todes-Virus H1N1 wütet auf der ganzen Welt!

Das ist inhaltlich nicht falsch; tatsächlich ist es ein Virus, das tödlich sein kann und bereits auf mehreren Kontinenten zu finden ist. Lediglich die Wortwahl „wütet“ ist ein bisschen übertrieben.

Aber wer wird denn pingelig sein?

In den NachrichtenPolitik
Geschichtsrevisionismus

SPON hat mal wieder was zu melden:

Inzwischen versuchen Neonazis auch den traditionellen Erinnerungstag der Linken, den Tag der Arbeit, mit ihrer Forderung nach einem nationalen Sozialismus zu besetzen.

So?

Gesetzlicher Feiertag wurde der 1. Mai erst wieder ab 1933 durch die Nationalsozialisten. Das Reichsgesetz vom 10. April 1933 benannte ihn als „Feiertag der nationalen Arbeit“. Im Jahr 1934 wurde der 1. Mai durch eine Gesetzesnovelle zum „Nationalen Feiertag“ erklärt.

(Wikipedia-Artikel zu diesem Thema)

Das üben wir noch mal.