Netzfundstücke
Sibirische Fernwärme / The heat is on (on the street)

Von der Kli­maer­wär­mung hört man dieser Tage ja nur wenig. Manche Men­schen nehmen wahrschein­lich an, sie halte selb­st Win­ter­schlaf. Zum Glück klärt Wolf­gang W. Merkel von Welt.de diese Fehlein­schätzung nun auf, indem er erk­lärt:

Der Golf­strom dreht Europas Fern­heizung auf

…, und wahrschein­lich wird’s Heizen deshalb immer teur­er. Ob man deswe­gen nun den Betrieb von Auto­mo­bilen ver­bi­eten oder lieber alle Kühe schlacht­en sollte, möge eine höhere Instanz entschei­den, zum Beispiel die EU, die ja für ihre paten­ten Lösun­gen bekan­nt ist.

Ich würde der­weil gern wis­sen, wie lange das eigentlich dauert, bis die Fer­n­wärme hier ist, denn:

Bis zum Fre­itag werde es täglich käl­ter, berichtete der Deutsche Wet­ter­di­enst (DWD) am Son­ntag. „Von Don­ner­stag bis Sam­stag soll­ten käl­teempfind­liche Men­schen eher keine Außen­ter­mine pla­nen, denn der bock­ige Ost­wind wird auch tagsüber die gefühlten Tem­per­a­turen immer im zweis­tel­li­gen Minus­bere­ich hal­ten.“

“Aus den Sim­u­la­tio­nen gehen klare Kli­ma­trends her­vor. Danach wird es vor allem in den Win­ter­monat­en in ganz Deutsch­land wärmer.”
— focus.de, 7. Dezem­ber 2009

Vielle­icht soll­ten diejeni­gen, die sich im Win­ter über die klir­rende Kälte beschw­eren, im Som­mer ganz ein­fach mal einen kühlen Kopf bewahren.

(Danke an L.!)

KaufbefehleMusikkritik
Tetrafusion — Horizons EP

Ich wurde heute via E‑Mail auf die CD “Hori­zons” der US-Amerikan­er Tetra­fu­sion hingewiesen, die mir ganz gut gefällt. Tetra­fu­sion ist eine ehe­ma­lige Instru­men­tal­band, die nun­mehr auch Gesang in die eigene Musik ein­baut. Ich zitiere:

Tetra­fu­sion began­nen als Instru­men­tal­band und nah­men so ein Album auf (“Absolute Zero”). (…) Ihre neue CD ist eine EP namens “Hori­zons” und wurde im Vor­feld kom­plett von Fans finanziert. Daher hat die Band beschlossen, die Musik als Gratis-Down­load anzu­bi­eten. Wer will, darf aber auch einen selb­st gewählten Preis zahlen oder für $7 ein­fach die CD-Ver­sion bestellen.

Sich selb­st beze­ich­nen sie als Pro­gres­sive-Met­al-Band, und das pro­gres­sive Ele­ment hat tat­säch­lich einen hohen Stel­len­wert. Jazz­ig-ver­spielte Soli, viel­er­lei Takt- und Rhyth­muswech­sel und die Dom­i­nanz des Key­boards klin­gen den Ohren des Dream-The­ater-Fre­un­des ver­traut, da sei auch die kurze Spielzeit von durch­schnit­tlich unge­fähr vier Minuten (mal mehr, mal weniger) verziehen.

Ein wenig schade ist es, dass die Stücke immer etwas abrupt enden, aber wom­öglich legt sich das noch auf späteren Auf­nah­men. Der (neue) Gesang näm­lich scheint seinen Teil zu diesem Ein­druck beizu­tra­gen, indem er sel­ten mehr ist als bloße Begleitung der Melodie. An wen mich der Sänger stimm­lich erin­nert, weiß ich ger­ade nicht. Ich glaube, an die Smiths.

Anson­sten gibt es an “Hori­zons” nichts zu meck­ern. Einem geschenk­ten Gaul schaut man als Musik­fre­und zwar ins Maul, aber man schläfert ihn nicht ein, wenn das Maul intakt erscheint, son­dern behält ihn und gewin­nt ein paar Ren­nen mit ihm.

Was fehlt? Ach so, der Ver­weis. Der führt zu Bandcamp.com, und wer genan­nte Beschrei­bung für pos­i­tiv inter­es­sant befind­et, dem lege ich nahe, ihm zu fol­gen. Gern geschehen.

MusikNetzfundstücke
Kurz verlinkt LXXX: Edison und die abscheuliche Musik

Forsch­er haben zwis­chen anderen alten, ver­rauscht­en Auf­nah­men eine alte, ver­rauschte Auf­nahme von Otto von Bis­mar­ck ent­deckt, der dem von Thomas Alva Edi­son erfun­de­nen Phono­graphen etwas vorge­sun­gen hat­te. Für His­torik­er sich­er recht inter­es­sant, musikalisch auch bess­er als das, was die Hirne der Radio­hör­er heutzu­tage so weichkocht. “Paraaaa, Paraaaa, Par­adise!”, entschuldigt mich, ich werde kurz kotzen gehen.

Fol­gt ihr so lange dem Ver­weis zur Auf­nahme, so lan­det ihr auf der Inter­net­präsenz des Nation­al Park Ser­vice, der noch mehr solch­er Auf­nah­men — zum Teil eben­falls musikalis­ch­er Natur — bere­i­thält. Darunter befind­et sich auch eine Auf­nahme des Kom­pon­is­ten Arthur Sul­li­van, der nach ein­er Präsen­ta­tion des Phono­graphen etwas gestelzt zu Pro­tokoll gab:

(…) I am aston­ished and some­what ter­ri­fied at the results of this evening’s exper­i­ment — aston­ished at the won­der­ful pow­er you have devel­oped, and ter­ri­fied at the thought that so much hideous and bad music may be put on record for­ev­er.

Frei über­set­zt:

(…) Ich bin über­rascht und etwas erschreckt über die Ergeb­nisse des Exper­i­ments dieses Nach­mit­tags — über­rascht über die wun­der­volle Kraft, die Sie entwick­elt haben, und erschreckt ob des Gedankens, dass so viel abscheuliche und schlechte Musik auf ewig auf eine Auf­nahme gelan­gen kön­nte.

Kas­san­dra? Rasputin? Nos­tradamus? Alles kalter Kaf­fee. Die düstere Prophezeiung des Arthur Sul­li­van wurde schreck­liche Wirk­lichkeit und hat den Propheten bis in die Gegen­wart über­dauert.
Wo bleibt eigentlich dieser ver­dammte Wel­tun­ter­gang?

(Indi­rekt: Danke an L.!)

Nerdkrams
Siris Erben

Das iPhone 4S (“for ass”) hat als nen­nenswerten Kauf­grund “Siri” spendiert bekom­men, eine nervige Ver­sion der Google-Sprach­suche von Android-Mobil­tele­fo­nen. Ob man iPhone-Nutzer nun darum benei­den sollte, dass sie für den lach­haften Preis von ein paar hun­dert Kröten die tech­nis­che Grund­lage für etwas kaufen dür­fen, was in der Regel eher mäßig funk­tion­iert und die Benutzer in der Öffentlichkeit wie Geis­tes­gestörte wirken lässt, wenn sie Selb­st­ge­spräche zu führen scheinen, weiß ich nicht — sie um Siri zu benei­den ist jeden­falls schon längst nicht mehr nötig.

Wer näm­lich ein Android-Gerät — Android “2” genügt völ­lig — sein eigen nen­nt und wem bei der mit­geliefer­ten Sprach­suche die von Apple bewor­bene Seman­tik­erken­nung fehlt, der muss nicht viel Geld in ein iPhone 4S steck­en, son­dern kann sich mit Ali­coid (99 ct. im Android Mar­ket) oder Alice (pre­is­frei eben­dort) behelfen.

Der Name kommt ear­ly adoptern wahrschein­lich bekan­nt vor, gab es doch schon seit 1995 ver­schiedene Entwick­lun­gen dieses Namens, am Bekan­ntesten wahrschein­lich ist die “Alice”-Version für ICQ. Diese diente sozusagen als Anruf­beant­worter für den Sofort­nachrich­t­en­di­enst und kon­nte einge­hende Nachricht­en mehr oder weniger sin­nvoll beant­worten.

Die wirk­liche Neuerung von Siri ist der Serv­er, über den die Kom­mu­nika­tion, vom Benutzer unbe­merkt, stat­tfind­et. Siri selb­st ist anscheinend ziem­lich blöd, die Rou­ti­nen auf dem Serv­er ziem­lich mächtig. Kom­po­nen­ten, um Siri nachzubauen, sind also eine ein­fache Spracheingabe mit der Möglichkeit, Date­naus­tausch mit einem Serv­er zu betreiben, der sie dann nach Belieben auswertet, und eben dieser Serv­er.

Google hat Serv­er, genauer gesagt: Google hat zurzeit acht Rechen­zen­tren. Was Google dank sein­er Such­mas­chine außer­dem hat, ist das Wis­sen, wie man Tex­teingaben so lange umfor­muliert, bis irgen­det­was ganz anderes dabei her­auskommt, was ein Algo­rith­mus ver­ste­hen kann — seman­tis­che Suche ist also kein Prob­lem. Seit dem 9. Juni 2010 ist es in deutsch­er Sprache möglich, Google-Suchan­fra­gen per Mikro­fon durchzuführen. Was noch zur Siri fehlte, war die Anbindung an nahezu beliebige apps.

Ein tritt die Fam­i­lie Alice.

Diese apps nutzen eine Kom­bi­na­tion aus Sprachaus­gabe und Google-Sprach­suche, um wie das ein­er Offen­barung nicht unähn­lich ange­priesene Siri auf Sätze in, mehr oder weniger, natür­lich­er Sprache brauch­bare Antworten zu geben. (“Mehr oder weniger”: Die Frage “Wer isn des?” wird wohl kein befriedi­gen­des Ergeb­nis nach sich ziehen.)

Voraus­set­zung: Android. Dass Ali­coid mehr kann als Alice, ist noch nicht unbe­d­ingt ein Grund, zu der Bezahlapp zu greifen, wenn ein­fache Ter­min­pla­nung oder ähn­liche Auf­gaben genü­gen, bedenkt man, dass Ali­coid zurzeit (legal) nur per Android Mar­ket und somit nur von Kred­itkartenbe­sitzern zu erwer­ben ist, was in Deutsch­land ja dur­chaus nicht auf die über­wiegende Mehrheit der Android-Nutzer zutr­e­f­fen dürfte. Zu empfehlen ist sowieso, zuerst ein­mal zu über­prüfen, ob die eigene Aussprache mit der Google-Sprach­suche har­moniert, denn auch Ali­coid kann da keine Wun­der wirken.

Es wäre sicher­lich ver­messen, tech­nikver­liebte Zeitgenossen auszu­lachen, wenn sie in ein­er Men­schen­menge wieder ein­mal mit ihrem Tele­fon reden. Hin und wieder jedoch ist ein mitlei­di­ger Blick in Rich­tung der­er, die für diese Funk­tion 600 oder mehr Euro aus­geben, die richtige Entschei­dung.

In den Nachrichten
“… wie Journalismus heute funktioniert”

Wer die “Huff­in­g­ton Post” nicht ken­nt, für den zitiere ich gern zeit.de:

Jet­zt(…) gilt die Web-Zeitung als eine auf­strebende Macht im amerikanis­chen Jour­nal­is­mus. (…) In der Huff­in­g­ton Post behielt Huff­in­g­ton zwar ihre lib­erale Aus­rich­tung, vor allem gelang es ihr aber, das Por­tal zu ein­er Art “dig­i­taler Speak­ers’ Cor­ner” für poli­tis­che Diskus­sio­nen zu machen. (…) Obwohl ein großer Teil der Inhalte seichte Rat­ge­ber-Artikel sind, habe Huff­in­g­ton ver­standen, wie Jour­nal­is­mus heute funk­tion­iert, lobte sie der Onlineme­di­en-Guru Jeff Jarvis.

Wie Jour­nal­is­mus heute funk­tion­iert:

Wird Katy Per­ry Rus­sell Brand auch auf Face­book ent­fre­un­den? Bleiben Sie dran für weit­ere erschüt­ternde Nachricht­en!

(Eigentlich kön­nten wir uns ja glück­lich schätzen, denn wenn das das Vorzeigemedi­um des US-amerikanis­chen Jour­nal­is­mus’ ist, sind wir immer noch gut bedi­ent. Na ja: Eigentlich.)

SonstigesPiratenpartei
Medienkritik LXIII: c’t: Vor Piraten den Nerz nicht sehen

In der neuen Aus­gabe 4/2012 des Mag­a­zins c’t ver­weist Autorin Rag­ni Zlo­tos auf die Ini­tia­tive “Kinder wollen sin­gen” und bringt dabei beina­he alles durcheinan­der, was nur irgend­wie möglich war.

“Kinder wollen sin­gen” ist ein Pro­jekt von Sebas­t­ian Nerz, auch bekan­nt als “tir­sales” und gegen­wär­tiger Bun­desvor­sitzen­der der Piraten­partei Deutsch­land. Im Umfeld der Piraten­partei wurde vor etwas län­ger­er Zeit von (unter anderem) Chris­t­ian Huf­gard auch der Vere­in “Musikpi­rat­en e.V.” gegrün­det, der sich für die Ver­bre­itung freier Musik ein­set­zt. Per­son­elle Über­schnei­dun­gen sind qua­si aus­geschlossen, inhaltliche — mit Aus­nahme des Schw­er­punk­tes auf geme­in­freier Musik — eigentlich auch. Während aber “Kinder wollen sin­gen” kein­er­lei Hin­weise auf die “Musikpi­rat­en” enthält, macht­en let­ztere gle­ich mehrfach Wer­bung für erstere, was offen­bar ein Fehler war, denn Rag­ni Zlo­tos ist sichtlich über­fordert und schrieb deshalb dies:

(…) Ein ähn­lich­es Ange­bot [wie Kital­ieder, A.d.V.] gibt es auch auf der Seite Kinder wollen sin­gen. Die Gruppe aus dem Umfeld der Piraten­partei nen­nt sich Musikpi­rat­en. (…)

Es ist lobenswert, dass die Musikpi­rat­en für ihre Mühen auch ein­mal mit ein­er Erwäh­nung in ein­er rel­e­van­ten Fachzeitschrift belohnt wer­den; schade nur, wenn es die falschen Mühen sind.

“Pirat­en sind alle gle­ich.”
— unbekan­nter Autor in ganz anderem Zusam­men­hang

Spaß mit Spam
Ihre 1.250 Euro warten auf Sie

Oh, mein­Geld (“IhrGeld”) lässt von sich hören. Ich hat­te schon befürchtet, es sei ver­schollen — ich habe es schon sehr ver­misst.

Heute aber beglückt es mich mit diesem Leben­sze­ichen:

Warum ander­swo schauen? 1250€ ist eine der höch­sten Online Casi­no Anmelde­pro­mos
im Inter­net; diese erhal­ten Sie zusam­men mit einzi­gar­tigem Sup­port und ein­er
durch­schnit­tliche Auszahlungsrate von über 97%. Laden Sie unsere kosten­lose
Soft­ware jet­zt herunter und find­en Sie her­aus warum die schlauen Spiel­er
Casi­noAc­tion wählen.

Merk­würdig, nor­maler­weise ruft mein Geld eher “gib mich aus” als “guck dir ma das krasse Casi­no an, Lan”, aber die Zeit­en ändern sich.

Was genau wollte mir mein Geld eigentlich jet­zt sagen? Ach, ja, dass ich bei Anmel­dung eines Online Casi­nos (sic!) mit 97 Prozent Wahrschein­lichkeit bis zu 1.250 Euro, einzi­gar­tige Unter­stützung sowie eine durch­schnit­tliche Auszahlungsrate bekomme. Mit 100 Prozent Wahrschein­lichkeit bekomme ich sog­ar bis zu 250.000 Euro, immer­hin liegt auch ein Betrag von 0 im Bere­ich “bis zu 250.000 Euro”. Aber man übt sich in Beschei­den­heit, das ist sym­pa­thisch. Was mache ich aber, wenn ich gar kein Casi­no anmelden möchte? Wahrschein­lich gar nicht weit­er­lesen.

Alle anderen fra­gen sich vielle­icht: Casi­noAc­tion, was ist das eigentlich?

Casi­noAc­tion ist das neuste pres­tigeträchtige europäis­che Online Casi­no welch­es
zur etablierten Casi­no Rewards Gruppe hinzuge­fügt wurde.

Ach, dieses Casi­no. Und diese Gruppe. Klar, wer ken­nt sie nicht?!
Das ist diese hier, und das mit der Wel­tein­heitswährung hat man ver­standen; so heißt es zum Beispiel bei “Casi­no Action”:

Anmeldebonus: $€£1250 und 1 Stunde gratis ODER
$€£40 gratis für die erste Ein­zahlung von $€£40
Min­destein­zahlung: $€£40

Zahlt man also erst­mals 40 Dol­lareu­rop­fund ein, bekommt man 40 Dol­lareu­rop­fund aus­gezahlt; ab dem zweit­en Mal wird es ein­be­hal­ten. Wer würde da nicht sofort mit­machen wollen? (Dass das mit der Min­destein­zahlung in der wer­ben­den E‑Mail nicht so recht erwäh­nt wurde, soll dieser Freude ja keinen Abbruch tun.)

Und Geld ist ja auch nicht alles im Leben:

Unser Ziel ist es,
Spiel­ern die unter­halt­sam­ste und sich­er­ste Spiel­er­fahrung zu ermöglichen, die
das Inter­net derzeit bieten kann.

“Sicher­heit” zieht immer, das hat das Auswär­tige Amt auch erkan­nt; denn:

Bei uns kön­nen Sie sich­er und geschützt um
unsere Jack­pots spie­len und sich run­dum unter­hal­ten lassen, ohne auch nur einen
Fuß vor die Tür set­zen zu müssen.

Dafür wurde das Inter­net einst erdacht: Damit die Leute sich bescheißen lassen kön­nen, ohne auf­ste­hen zu müssen. Für nur 40 Dol­lareu­rop­fund.
Ein wahres Schnäp­pchen.

In den NachrichtenMusikkritik
AbACAB

Inter­es­sant ist übri­gens auch diese Mel­dung:

ACAB (…) ste­ht für „All Cops are Bas­tards“. Das ist mit­tler­weile wei­thin bekan­nt.

Und dem 36jährigen Ron­ny K., der am Mittwoch wegen Belei­di­gung vor dem Amts­gericht Regens­burg stand, mochte man es nicht so recht abnehmen, als er sagte: „Das sind Buch­staben aus dem deutschen Alpha­bet. Die kön­nen viel bedeuten.“

Die Regens­burg­er Staat­san­waltschaft hat­te dem arbeit­slosen Bürokauf­mann einen Straf­be­fehl wegen zweifach­er Belei­di­gung zukom­men lassen, weil er sich im ver­gan­genen Jahr mit einem T‑Shirt mit der Auf­schrift „Copaca­bana“ am Haupt­bahn­hof aufge­hal­ten hat­te.

So weit, so blöde; aber, Regens­burg­er Staat­san­waltschaft, macht doch gle­ich Nägel mit Köpfen. Vor 31 Jahren veröf­fentlichte die Musik­gruppe “Gen­e­sis”, nur wenige Jahre zuvor noch eine Größe des Pro­gres­sive Rocks, das wirre, unaus­ge­gorene Musikalbum “Aba­cab”; ja, richtig: Abacab. Nach­dem bis heute nie­mand so recht weiß, was Stücke wie das merk­würdi­ge (aber immer noch ver­gle­ich­sweise erträgliche) “Who Dun­nit?” (verdächtiger Titel auch: “Wer war’s?”) eigentlich bedeuten sollen, schlage ich vor, das Album sicher­heit­shal­ber beschlagnah­men zu lassen. Phil Collins nervt.

Übri­gens:

Das T‑Shirt bleibt in Gewahrsam der Jus­tiz.

Hof­fentlich in ein­er Einzelzelle ohne Freigang!

In den NachrichtenPolitik
Der Kampf geht weiter

Oh, was lässt das Auswär­tige Amt (“AA”, hihi) denn da in der Kat­e­gorie “Frieden­spoli­tik” ver­laut­en? Deutsche Panz­er rollen weit­er, dem Wach­s­tum der Rüs­tungsin­dus­trie zuliebe:

Am 26. Jan­u­ar hat der Bun­destag beschlossen, dass das ISAF-Man­dat der Bun­deswehr in Afghanistan bis zum 31. Jan­u­ar 2013 ver­längert wird.

Nach­dem sie alles kurz und klein geschossen und massen­haft Zivilis­ten gemeuchelt haben, ja, nicht ein­mal mehr der Aus­lös­er für den Ein­satz noch existiert, ist das natür­lich eine gute und richtige Entschei­dung; sozusagen als Beloh­nung für die her­vor­ra­gende Arbeit:

(…) Die deutschen Sol­dat­en hät­ten — wie auch die Entwick­lung­shelfer und Diplo­mat­en — in Afghanistan unter schwieri­gen Bedin­gun­gen her­vor­ra­gende Arbeit geleis­tet(…).

Die bish­er mit Abstand größte Zahl von Opfern durch einen Ein­satz der ISAF war Folge ein­er Bom­bardierung durch US-Flugzeuge am 4. Sep­tem­ber 2009, die von Deutschen ange­fordert wor­den war. Nach NATO-Ein­schätzung wur­den dabei bis zu 142 Men­schen, darunter auch Kinder, getötet oder ver­let­zt. Gute Arbeit, meine Her­ren! (Apro­pos: “Unter schwieri­gen Bedin­gun­gen” hat­te doch auch Frhr. v.u.z. Gut­ten­berg “seine” “Dok­torar­beit” “ange­fer­tigt”, oder?)

Natür­lich weiß das Auswär­tige Amt, dass die deutschen Bürg­er teil­weise nicht doof sind, und ver­sucht es mit ein­er Erk­lärung, die die Kon­ser­v­a­tiv­en unter den Wäh­lern zufrieden­stellen sollte:

So gebe es Fortschritte bei der Sicher­heit­slage, dem Wieder­auf­bau und beim Kampf gegen den Ter­ror­is­mus.

Mehr Sicher­heit! Weniger Ter­ror­is­mus! Mal was anderes als immer nur “das böse Inter­net”, immer­hin. Hierzu nur zwei Anmerkun­gen:

  1. Die Bun­deswehr hat “in inter­na­tionalem Auf­trag” ein Land zu zer­stören geholfen, das diese Hil­fe gar nicht wollte. Aus­län­der, die unge­beten Anschläge verüben, bei denen bis­lang einige Tausend Men­schen gestor­ben sind — wenn Afgha­nen das in den USA machen, ist es Ter­ror­is­mus, wenn die USA das in Afghanistan machen, ist es ein Hil­f­sein­satz. Schön, dass wir mal darüber gere­det haben.
  2. Der “Wieder­auf­bau” wäre nicht notwendig, wenn man nicht vorher alles kaputtgeschossen hätte. So schafft man sich also die Grund­la­gen, die das eigene Han­deln recht­fer­ti­gen: “Wenn es nach uns gin­ge, wären wir gar nicht in Afghanistan, aber wir haben alles zer­stört, so kön­nen die doch nicht leben!” — Natür­lich auch weit­er­hin: Hil­fe nur mit Panz­ern und Gewehren. Für die Sicher­heit­slage, wis­senschon.

Denn eigentlich will man gar nicht in Afghanistan sein:

(…) Deutsch­land han­dle entsprechend der inter­na­tion­al vere­in­barten Strate­gie, die auf die schrit­tweise Über­gabe der Ver­ant­wor­tung und schrit­tweise Reduzierung der inter­na­tionalen Trup­pen in Afghanistan set­zt.

Manche schre­it­en eben etwas langsamer voran als andere. Auch geistig:

“Wir dür­fen wed­er das bish­er Erre­ichte noch die Sicher­heit unser­er Trup­pen aufs Spiel set­zen”, betonte der Bun­de­saußen­min­is­ter. Sehr wichtig seien Fortschritte bei der Aus­bil­dung der afghanis­chen Sicher­heit­skräfte und beim poli­tis­chen Prozess.

Die Sicher­heit von Trup­pen ist am ehesten gewährleis­tet, wenn man sie noch ein paar Monate länger in ihren Panz­ern durch ein ver­mintes Land gurken lässt, statt sie nach Hause zu schick­en. Guckt doch mal in die Zeitung, wie viele Leute pro Tag in Deutsch­land ster­ben! Das wäre unver­ant­wortlich!

Das “bish­er Erre­ichte” — ein weit­ge­hend zer­störtes Land ohne eigene Innen- und Außen­poli­tik und mit totem oder trau­ma­tisiertem Zivil­volk — kann der Bun­deswehr aber nie­mand nehmen. Keine Sorge. Vielle­icht gibt es ja dafür noch ein paar Orden — in “Grand Theft Auto” gibt es ja auch Bonus­punk­te, wenn man einen Kinder­wa­gen zusam­men mit der Mut­ter über den Haufen fährt. Das ganze Leben ist ein Spiel…

Ach, jet­zt sind schon wieder so viele Sätze ohne “Ter­ror­is­mus” gefall­en, das kann nicht so bleiben:

(…) “Wir tun alles dafür, damit Afghanistan nicht erneut in Chaos und Bürg­erkrieg versinkt und Rück­zug­sort für inter­na­tionale Ter­ror­is­ten wird”, unter­strich West­er­welle. Das liege auch in unserem eige­nen Sicher­heitsin­ter­esse.

Die inter­na­tionalen Ter­ror­is­ten kom­men dann halt lieber hier­her, sagen die Innen­poli­tik­er. Vielle­icht soll­ten die Min­is­te­rien sich bess­er absprechen. (Mein Sicher­heitsin­ter­esse hätte mit ein­er Ansamm­lung inter­na­tionaler Ter­ror­is­ten in Afghanistan übri­gens ein gerin­geres Prob­lem als mit der Sta­tion­ierung deutsch­er Auf­tragsmörder “in meinem Namen” eben­dort.)

Man habe auf diesem Weg Fortschritte gemacht — bei allen Prob­le­men und bei allen Rückschlä­gen, mit denen lei­der auch weit­er zu rech­nen sei.

“Rückschläge”. Aber immer­hin: Fortschritte!

Krieg reicht aber nicht, hat selb­st Herr West­er­welle erkan­nt:

(…) Am Ende werde es in Afghanistan nur eine poli­tis­che Lösung geben.

So sieht es aus: Die Endlö­sung kann nur poli­tisch erfol­gen. Vielle­icht sollte man, so lange man eh’ noch in dem Land ist, gle­ich Nägel mit Köpfen machen und alles, was min­destens hal­bafghanisch ist, in Arbeit­slager steck­en — dann kom­men die gar nicht erst auf die Idee, Dummheit­en zu machen. Prob­lem gelöst, nicht wahr?

“Wer sich der Geschichte nicht erin­nert, ist dazu ver­dammt, sie zu wieder­holen.”
— George San­tayana

In den Nachrichten
Medienkritik LXII: Gebrannte Kinder

Die deutsche Sprache hat manchen anderen Sprachen voraus, dass man sich in ihr beliebig präzise aus­drück­en kann. Eine Eigen­schaft, die damit ein­herge­ht, ist eine gewisse Notwendigkeit, Beto­nung und Inter­punk­tion nicht nach Belieben zu ver­wen­den, son­dern sin­nvoll einzuset­zen. (Das beliebte Beispiel “komm wir essen Opa” sollte jedem mein­er Leser eben­so bekan­nt sein wie zumin­d­est der Titel des Buch­es “Jet­zt koch ich, Mama!” und was mitunter daraus wird.)

Dass nicht nur die blöde Kom­maset­zung aus manchem Satz eine ulkige Anek­dote wer­den lässt, son­dern das Schrift­deutsch man­gels Beto­nungsze­ichen auch gele­gentlich auftre­tende Homonyme, die in der Umgangssprache längst eine Selb­stver­ständlichkeit sind, zu Ver­ständ­nis­fall­en macht, ist selt­samer­weise nicht oft Gegen­stand sprachthe­o­retis­ch­er Blog- oder Zeitungsar­tikel. Dabei sind die Beispiele zahlre­ich. Erwäh­ntes “komm wir essen Opa” ließe sich statt mit zwei Kom­ma­ta auch mit ein­er ein­fachen Beto­nung unmissver­ständlich präzisieren. Die (mitunter ewig-)gestrige “Braun­schweiger Zeitung” hat ein weit­eres Beispiel gefun­den:

Sprech­er ander­er Sprachen haben da nichts zu lachen; das alt­griechis­che “sie wollen erhalten/beibehalten” (σώζοιεν) etwa ist mit “sie wollen bekom­men” (λαμβάνοιεν) nicht iden­tisch, wobei die alten Griechen für “ein Brandze­ichen bekom­men” wahrschein­lich wiederum ein eigenes Wort benutzt hät­ten, somit ist die Analo­gie lediglich als Erk­lärung zu ver­ste­hen.

Davon ein­mal abge­se­hen: Dieser Wun­sch ließe sich sicher­lich erfüllen. Hat jemand Vorschläge für ein Motiv?
Eine Piraten­flagge böte sich an.

Sonstiges
Etikettenschwindel

Aus der beliebten Serie “Hätt’ ich das gewusst!” fol­gt eine brand­neue Episode nach einem allerd­ings bere­its bekan­nten Drehbuch:

Ach so!

Manch­mal frage ich mich, was das für Men­schen sein müssen, um deretwillen Inhaltsin­for­ma­tio­nen wie die gezeigte eigentlich nötig sind. Tre­f­fen möchte ich diese Men­schen aber auch nicht unbe­d­ingt, ich hätte Angst um meinen Ver­stand.

Apro­pos Ver­stand: Der Zufall wollte es, dass ich heute meinen Blick über das DVD-Regal eines nahen Super­mark­tes schweifen ließ. Zu mein­er Belus­ti­gung und eur­er Unter­hal­tung fol­gt eine Pre­miere hier auf dieser kleinen Inter­net­präsenz, näm­lich ein Such­spiel. Es geht um den Titel dieser DVD über die “Sän­gerin” LaFee. (Das reimt sich.) Welch­er mein­er bevorzugt zynis­chen Leser find­et die Pointe? (Tipp: Ein Klick an der richti­gen Stelle offen­bart die Lösung.)

Viel Vergnü­gen und: Hihi!

Sonstiges
Kakapo statt Schlecker!

(Vorbe­merkung: Ich habe, so weit ich mich erin­nere, noch niemals etwas bei Schleck­er gekauft und finde geson­derte Drogeriemärk­te, die min­destens Mond­preise als gemein­same Eigen­schaft teilen, auch grund­sät­zlich immer ein wenig ein­fältig, gar über­flüs­sig.)

Ach, ihr Gut­men­schen, die ihr jet­zt alle, den Zeigefin­ger schwin­gend, beein­druckt von den total über­raschen­den Erken­nt­nis­sen zu den Inter­na von Schleck­er zum Boykott von Lohndump­ing betreiben­den Laden­ket­ten aufruft (und somit ver­mut­lich bin­nen weniger Tage man­gels Alter­na­tiv­en ver­hungern und ver­dursten werdet, denn einkaufen kön­nt ihr ja nun nir­gends mehr), um wenig­stens einen gerin­gen Teil zu ein­er besseren Welt beizu­tra­gen:

Bevor ihr also sterbt, lasst euch sagen, dass es auf der Welt noch größeres Unglück gibt als die soziale Mark­twirtschaft mit ihren neolib­eralen Ide­alen, die den Leuten das Leben schw­er macht. Der Kakapo ist vom Ausster­ben bedro­ht. Es leben — auss­chließlich auf Neusee­land, in Han­nover kön­nte ich das Ausster­ben ja noch ver­ste­hen — noch etwa 130 Exem­plare, Ten­denz sink­end.

Der Kakapo ist ein flu­gun­fähiger Papageien­vo­gel und wahrschein­lich die älteste noch lebende Voge­lart, oben­drein die einzige, deren bloße Nen­nung das Kind in mir ständig albern kich­ern lässt (“Kack­apo, hihi­hi!”). Blöder­weise riecht er ange­blich zwar “angenehm”, aber ziem­lich streng nach aller­lei Natür­lichem, was ein Grund dafür ist, dass seine Fress­feinde nicht lange suchen müssen. (Amüsante Vorstel­lung: Men­schen, die an Kaka­pos riechen, um das dann zu doku­men­tieren.)

Wenn ihr also etwas für eine bessere Welt tun wollt, hört auf, gegen die soziale Mark­twirtschaft zu demon­stri­eren, denn die lässt es in der Regel kalt. Vergesst all die großkap­i­tal­is­tis­chen Albrecht-Brüder und ihre Gesin­nungsgenossen. Wenn euch danach ist, solche Läden zu boykot­tieren, dann tut das, aber erwartet nicht, dass es in anderen Läden anders ist. So lange Regierun­gen das tolerieren, wird es sich nicht ändern. Demon­stri­ert also nicht gegen die Her­ren Schleck­er, demon­stri­ert gegen die Regierung.

Und wenn ihr zwis­chen­durch noch etwas Freizeit habt, ret­tet den Kakapo. Dem Wort zuliebe.

Montagsmusik
417.3: Saublöder Name, saugute Musik.

Aus Rus­s­land stam­men außer Pornofil­men anrüchi­gen Inhalts auch die Musik­er von 417.3, ein­er instru­men­tal­en Postrock-Gruppe mit viel Melan­cholie und ein biss­chen Stre­icherun­ter­stützung.

2008 erschien der/die/das EP “-‌-”, 2011 schob man das Vol­lzeit­de­büt “_(-_-)_” hin­ter­her. Wie wohl der Nach­fol­ger heißen wird? Die Stücke tra­gen jeden­falls Namen wie “+3”, “~” und “27” und sind trotz­dem spitze. Ver­gle­ich­spunk­te: “God­speed You! Black Emper­or” und “A Sil­ver Mt. Zion”. Ohne Gesang mit wohli­gen Schauern. Großar­tig.

417.3 — 17.09.2011

Das Album kann der geneigte Musik­fre­und für lau per myspace.com (von wegen tot) und via eMule herun­ter­laden.

Er möge davon reich­lich Gebrauch machen!

Nerdkrams
Digitale Verflachung

(Vorbe­merkung: Weil ich mich im IRC ger­ade so schön darüber aufgeregt habe, rotze ich hier noch kurz eine Lang­fas­sung eines weit­eren öden Com­put­erthe­mas rein. Keine Sorge, mor­gen gibt es wieder Musik.)

Seit Win­dows 95 nehme ich eine eige­nar­tige Entwick­lung wahr: Mit jed­er größeren Änderung an den Bedi­enkonzepten der Arbeit­sumge­bung wird alles, reziprok zu den Zukun­ftsvi­sio­nen aus frühen sci­ence-fic­tion-Fil­men und ‑Roma­nen, nicht kom­plex­er und bunter, son­dern, im Gegen­teil, schlichter und abstrak­ter. ‘Dig­i­tale Ver­flachung’ weit­er­lesen »