Sonstiges
Medi­en­kri­tik LXIV: Im Focus der Säufer

Nett auch, „Focus“, ist dei­ne dies­wö­chi­ge Kam­pa­gne gegen den Alko­hol sicher gemeint, aber sie wirkt doch ein wenig alt­mo­disch; wie du, „Focus“, selbst aller­dings auch. Das Titel­blatt ist bereits vielsagend:

Fei­ern­de Jugend­li­che – das idea­le Sym­bol­bild für ein Titel­bild zum The­ma „Die Gefah­ren des Alko­hol­kon­sums“. Wur­den die abge­bil­de­ten Jugend­li­chen eigent­lich vor­her dar­über infor­miert, dass sie nun an bei­na­he jedem Zeit­schrif­ten­stand weit­hin sicht­bar als poten­zi­ell koma­saufen­de Men­schen gekenn­zeich­net wer­den? Falls noch irgend­wer dach­te, beim „Focus“ wür­de man viel­leicht wenig­stens ein biss­chen sach­lich an das The­ma her­an­ge­hen, bist du, „Focus“, wenig­stens so freund­lich, die­se Hoff­nung mit dem Unter­ti­tel „Was tole­rie­ren?“ zunich­te zu machen. Man weiß schon vor dem Lesen des Arti­kels: Ah, kon­ser­va­ti­ve „Exper­ten“ wer­den zu Wort kom­men, die wort­reich zu erklä­ren ver­su­chen, wie­so Alko­hol­miss­brauch unter Jugend­li­chen abneh­men soll­te, wenn man nur kräf­tig genug mit dem rech­ten Zei­ge­fin­ger wedelt.

Und so ist es auch.

Der Tenor des Arti­kels lau­tet im Wesent­li­chen: Alko­hol­miss­brauch sei typisch jugend­lich, wobei der „Focus“ das „jugend­li­che“ Alter zwi­schen 10 und 25 Jah­ren ansie­delt (und dabei mal eben Men­schen Mit­te 20 mit Grund­schul­kin­dern ver­gleicht), und ihm kom­me man nur mit Auto­ri­tät bei. Das erin­nert mich ein wenig an die Simp­sons-Epi­so­de „All­ge­mei­ne Aus­gangs­sper­re“. Dass mir regel­mä­ßig stark alko­ho­li­sier­te Pre­ka­ri­er über 30 begeg­nen, ist sicher nur die berühm­te Aus­nah­me von der Regel.

Und der Wort­laut des Arti­kels ist noch bescheu­er­ter. Dar­in steht zum Bei­spiel gleich zu Anfang dies:

Alko­hol gilt – trotz aller Gefah­ren – als der Roh­stoff für gute Stim­mung, gera­de unter Jugendlichen.

„Gera­de unter Jugend­li­chen“: Älte­re neh­men statt­des­sen rich­ti­ge Dro­gen – oder wie ist das zu ver­ste­hen? Eigent­lich ist es doch aber genau anders­her­um: Als Jugend­li­cher expe­ri­men­tiert man mit aller­lei Sub­stan­zen, erst spä­ter fixiert man sich auf den Alko­hol. Wel­che Jugend­li­chen wur­den da gefragt – die drei vom Titelfoto?

Das ist noch nicht Besorg­nis erre­gend genug, also legt der „Focus“ noch ein wenig Betrof­fen­heit nach und schil­dert zwei Fäl­le: Ein Jugend­li­cher hat im Alko­hol­rausch bei­na­he jeman­den zu Tode getre­ten, ohne zu wis­sen, war­um. Böse Jugend­li­che, böser Alko­hol. Für Fall Num­mer 2 muss­te man ein wenig nachhelfen:

Auch der Tod eines 44-jäh­ri­gen Fami­li­en­va­ters nach einer Schlä­ge­rei am Vater­tag in Rostock im ver­gan­ge­nen Jahr lässt sich als furcht­ba­res Ende eines Besäuf­nis­ses auf­fas­sen. Zwar war der Täter 24 Jah­re alt, aber er hat­te schon in Teen-Jah­ren gezeigt, dass er mit Alko­hol nicht umzu­ge­hen vermochte.

Bei­na­he wäre die schö­ne The­se vom bru­ta­len Alki-Teen gekippt, aber zum Glück war der Täter schon als Kind ver­sof­fen. Gera­de noch gerettet!

Um das Bild der ver­kom­me­nen Schnaps­lei­chen­ju­gend zu kom­plet­tie­ren, ver­sucht man sich im Hau­se „Focus“ auch mal an den ande­ren Dro­gen, lässt es aber zum Glück nach einem kur­zen Absatz blei­ben; viel­leicht hat das Autoren­trio „Ellen Dani­el /​ Kurt-Mar­tin May­er /​ Her­bert Weber“ noch recht­zei­tig bemerkt, dass es von dem gan­zen moder­nen Zeug eigent­lich so gar kei­ne Ahnung hat, weil die eige­ne Jugend schon ein paar Jahr­zehn­te her ist:

Der Wirk­stoff­ge­halt von Haschisch, Mari­hua­na und Can­na­bis­blü­ten schwankt um bis zu 40 Pro­zent, wur­de kürz­lich auf einer Bun­des­tags­an­hö­rung bekannt.

Dass man so etwas im Bun­des­tag erfährt, ist inter­es­sant zu wis­sen. Dass es in der Jugend der Autoren anschei­nend nur Can­na­bis mit kon­stan­tem THC-Gehalt gab, übri­gens auch. Aber wir waren ja noch beim Alko­hol und schwan­ken schwen­ken da auch gleich wie­der hin. Die Autoren haben näm­lich nicht nur kei­ne Ahnung vom Kif­fen, son­dern auch kei­ne Ahnung vom Mit­ein­an­der unter Jugendlichen:

Doch Bol­lern bleibt cool, oder wel­che Jugend­wor­te für die geplan­te Pro­mil­le­auf­nah­me (wie alken, bin­gen, sau­fen) auch immer gera­de ange­sagt sind (dur­stig sein zum Bei­spiel heißt „unter­hopft sein“).

Dass es „ange­sag­te“ Begrif­fe für’s Sau­fen gibt, wuss­te ich noch nicht, aber „bol­lern“, „unter­hopft sein“ und „bin­gen“, von der Ort­schaft und dem Verb für die Benut­zung der Such­ma­schi­ne „Bing“ ein­mal abge­se­hen, las ich heu­te zum ersten Mal und hör­te ich noch nie. Zu mei­ner Zeit gab es kei­ne homo­ge­ne „Jugend­spra­che“. Ich werd‘ alt.

Und was wäre so ein Arti­kel ohne ein aus­führ­li­ches Gespräch mit einem „Exper­ten“? Er wäre wert­los. Also holt sich das trio infer­na­le den kon­ser­va­tiv­sten „Exper­ten“, der gera­de greif­bar war, näm­lich den Jugend­psych­ia­ter Micha­el Gün­ter, und über­schreibt das Gespräch so pla­ka­tiv, dass man sofort sieht, was dar­in steht, ohne es lesen zu müssen:

Die­ser „Exper­te“ hat dann auch gleich die Lösung für alle Alko­hol­pro­ble­me parat: Ein­fach verbieten!

Das Trin­ken ein­fach ver­bie­ten – raten Sie auch das den Eltern, ist so etwas über­haupt durchsetzbar?
Je jün­ger die Kin­der sind, desto mehr Sinn sehe ich dar­in, kla­re Ver­bo­te auszusprechen.

Weil näm­lich:

Ich hal­te Restrik­tio­nen und deren Über­wa­chung für geeig­ne­te flan­kie­ren­de Maßnahmen.

So ein­fach ist die Welt: Wenn man Kin­dern den Alko­hol ver­bie­tet, trin­ken sie kei­nen mehr. Viel­leicht soll­te man ihnen auch das Rau­chen und das Steh­len ver­bie­ten. – Ach so, das ist es schon? Dann will ich mal nichts gesagt haben. Wis­sen, wovon man spricht, ist ja auch eher so Mittelalter.


Für mei­ne regel­mä­ßi­gen Leser abschlie­ßend noch ein eben­falls pro­zent­hal­ti­ger Hin­weis bezüg­lich der F.D.P.: Null Pro­zent.

Senfecke:

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