Nett auch, „Focus“, ist deine dieswöchige Kampagne gegen den Alkohol sicher gemeint, aber sie wirkt doch ein wenig altmodisch; wie du, „Focus“, selbst allerdings auch. Das Titelblatt ist bereits vielsagend:
Feiernde Jugendliche – das ideale Symbolbild für ein Titelbild zum Thema „Die Gefahren des Alkoholkonsums“. Wurden die abgebildeten Jugendlichen eigentlich vorher darüber informiert, dass sie nun an beinahe jedem Zeitschriftenstand weithin sichtbar als potenziell komasaufende Menschen gekennzeichnet werden? Falls noch irgendwer dachte, beim „Focus“ würde man vielleicht wenigstens ein bisschen sachlich an das Thema herangehen, bist du, „Focus“, wenigstens so freundlich, diese Hoffnung mit dem Untertitel „Was tolerieren?“ zunichte zu machen. Man weiß schon vor dem Lesen des Artikels: Ah, konservative „Experten“ werden zu Wort kommen, die wortreich zu erklären versuchen, wieso Alkoholmissbrauch unter Jugendlichen abnehmen sollte, wenn man nur kräftig genug mit dem rechten Zeigefinger wedelt.
Und so ist es auch.
Der Tenor des Artikels lautet im Wesentlichen: Alkoholmissbrauch sei typisch jugendlich, wobei der „Focus“ das „jugendliche“ Alter zwischen 10 und 25 Jahren ansiedelt (und dabei mal eben Menschen Mitte 20 mit Grundschulkindern vergleicht), und ihm komme man nur mit Autorität bei. Das erinnert mich ein wenig an die Simpsons-Episode „Allgemeine Ausgangssperre“. Dass mir regelmäßig stark alkoholisierte Prekarier über 30 begegnen, ist sicher nur die berühmte Ausnahme von der Regel.
Und der Wortlaut des Artikels ist noch bescheuerter. Darin steht zum Beispiel gleich zu Anfang dies:
Alkohol gilt – trotz aller Gefahren – als der Rohstoff für gute Stimmung, gerade unter Jugendlichen.
„Gerade unter Jugendlichen“: Ältere nehmen stattdessen richtige Drogen – oder wie ist das zu verstehen? Eigentlich ist es doch aber genau andersherum: Als Jugendlicher experimentiert man mit allerlei Substanzen, erst später fixiert man sich auf den Alkohol. Welche Jugendlichen wurden da gefragt – die drei vom Titelfoto?
Das ist noch nicht Besorgnis erregend genug, also legt der „Focus“ noch ein wenig Betroffenheit nach und schildert zwei Fälle: Ein Jugendlicher hat im Alkoholrausch beinahe jemanden zu Tode getreten, ohne zu wissen, warum. Böse Jugendliche, böser Alkohol. Für Fall Nummer 2 musste man ein wenig nachhelfen:
Auch der Tod eines 44-jährigen Familienvaters nach einer Schlägerei am Vatertag in Rostock im vergangenen Jahr lässt sich als furchtbares Ende eines Besäufnisses auffassen. Zwar war der Täter 24 Jahre alt, aber er hatte schon in Teen-Jahren gezeigt, dass er mit Alkohol nicht umzugehen vermochte.
Beinahe wäre die schöne These vom brutalen Alki-Teen gekippt, aber zum Glück war der Täter schon als Kind versoffen. Gerade noch gerettet!
Um das Bild der verkommenen Schnapsleichenjugend zu komplettieren, versucht man sich im Hause „Focus“ auch mal an den anderen Drogen, lässt es aber zum Glück nach einem kurzen Absatz bleiben; vielleicht hat das Autorentrio „Ellen Daniel / Kurt-Martin Mayer / Herbert Weber“ noch rechtzeitig bemerkt, dass es von dem ganzen modernen Zeug eigentlich so gar keine Ahnung hat, weil die eigene Jugend schon ein paar Jahrzehnte her ist:
Der Wirkstoffgehalt von Haschisch, Marihuana und Cannabisblüten schwankt um bis zu 40 Prozent, wurde kürzlich auf einer Bundestagsanhörung bekannt.
Dass man so etwas im Bundestag erfährt, ist interessant zu wissen. Dass es in der Jugend der Autoren anscheinend nur Cannabis mit konstantem THC-Gehalt gab, übrigens auch. Aber wir waren ja noch beim Alkohol und schwanken schwenken da auch gleich wieder hin. Die Autoren haben nämlich nicht nur keine Ahnung vom Kiffen, sondern auch keine Ahnung vom Miteinander unter Jugendlichen:
Doch Bollern bleibt cool, oder welche Jugendworte für die geplante Promilleaufnahme (wie alken, bingen, saufen) auch immer gerade angesagt sind (durstig sein zum Beispiel heißt „unterhopft sein“).
Dass es „angesagte“ Begriffe für’s Saufen gibt, wusste ich noch nicht, aber „bollern“, „unterhopft sein“ und „bingen“, von der Ortschaft und dem Verb für die Benutzung der Suchmaschine „Bing“ einmal abgesehen, las ich heute zum ersten Mal und hörte ich noch nie. Zu meiner Zeit gab es keine homogene „Jugendsprache“. Ich werd‘ alt.
Und was wäre so ein Artikel ohne ein ausführliches Gespräch mit einem „Experten“? Er wäre wertlos. Also holt sich das trio infernale den konservativsten „Experten“, der gerade greifbar war, nämlich den Jugendpsychiater Michael Günter, und überschreibt das Gespräch so plakativ, dass man sofort sieht, was darin steht, ohne es lesen zu müssen:

Dieser „Experte“ hat dann auch gleich die Lösung für alle Alkoholprobleme parat: Einfach verbieten!
Das Trinken einfach verbieten – raten Sie auch das den Eltern, ist so etwas überhaupt durchsetzbar?
Je jünger die Kinder sind, desto mehr Sinn sehe ich darin, klare Verbote auszusprechen.
Weil nämlich:
Ich halte Restriktionen und deren Überwachung für geeignete flankierende Maßnahmen.
So einfach ist die Welt: Wenn man Kindern den Alkohol verbietet, trinken sie keinen mehr. Vielleicht sollte man ihnen auch das Rauchen und das Stehlen verbieten. – Ach so, das ist es schon? Dann will ich mal nichts gesagt haben. Wissen, wovon man spricht, ist ja auch eher so Mittelalter.
Für meine regelmäßigen Leser abschließend noch ein ebenfalls prozenthaltiger Hinweis bezüglich der F.D.P.: Null Prozent.


Johannes der Säufer.