PersönlichesMusik
Schnee is in the Air. </3

Uner­be­te­ne Wer­be­post betreffs „Love is in the Air. <3“, nur echt mit „<3“, ver­an­lass­te mich dazu, einen Blick hin­aus­zu­wer­fen. Statt der ver­spro­che­nen Lie­be war jedoch wie mit einem nicht justier­ten Fern­seh­emp­fän­ger nur Schnee zu sehen:

Nicht ein­mal die Kaprio­len der Simpsons oder som­mer­li­cher Indie-Rock kön­nen die Melan­cho­lie gänz­lich ver­trei­ben, die ein Blick in ver­schnei­te Dun­kel­heit auf­kom­men lässt und die das, was gemein­hin als See­le bezeich­net wird, mehr gefan­gen hält als jede Unter­neh­mung mit Freun­den, jedes Musik­al­bum und jeder Film die­ser Welt.

All the­se places had their moments
With lovers and fri­ends, I still can recall
Some are dead and some are living
In my life I’ve loved them all

– The Beat­les: In My Life

PolitikNetzfundstückeIn den NachrichtenNerdkrams
Kurz ver­linkt VII: Gro­tesk, gran­di­os und irgend­was ohne „g“.

Gro­tesk: Die schwarz-gel­be Koali­ti­on über­legt sich nun ein „Lösch­ge­setz“ statt der „Inter­net­sper­ren“.

„Die gegen­wär­ti­ge Bun­des­re­gie­rung beab­sich­tigt eine Geset­zes­in­itia­ti­ve zur Löschung kin­der­por­no­gra­fi­scher Inhal­te im Inter­net“, heißt es in dem fünf­sei­ti­gen Schrei­ben, das dem SPIEGEL vor­liegt. Die Regie­rung will also ein Gesetz, aber ein ande­res.

Man wer­de sich bis dahin „auf der Grund­la­ge des Zugangs­er­schwe­rungs­ge­set­zes aus­schließ­lich und inten­siv für die Löschung der­ar­ti­ger Sei­ten ein­set­zen, Zugangs­sper­ren aber nicht vor­neh­men“ (…).

Das gefällt mir natür­lich erstens inhalt­lich, weil es das The­ma Inter­net­zen­sur weit­ge­hend vom Tisch (von wel­chem auch immer) fegen dürf­te, und zwei­tens pro­pa­gan­di­stisch, weil der Ein­fluss und der Zulauf der Pira­ten­par­tei eben offen­bar doch bereits groß genug sind; ich fra­ge mich jedoch, wie ich mir die­se Geset­zes­in­itia­ti­ve vor­stel­len soll, die „auf der Grund­la­ge des Zugangs­er­schwe­rungs­ge­set­zes“ fußen soll. Es ist nicht legal, Kin­der­por­no­gra­fie ins Inter­net zu stel­len, und dar­an, dass Pro­vi­der hier­zu­lan­de nicht erst seit kur­zem ver­pflich­tet sind, gege­be­nen­falls ille­ga­le Inhal­te umge­hend zu ent­fer­nen, mei­ne ich mich eben­falls zu erin­nern. Ohne Jux: Das geplan­te Gesetz wür­de mich tat­säch­lich mal inter­es­sie­ren. (Nach­trag vom 10. Febru­ar: Wird wohl nichts mit Ent­war­nung, scha­de.)

Gran­di­os nach all dem ein­tö­ni­gen Poli­tik­ge­schwa­fel (war dann erst mal wie­der mein letz­ter Bei­trag zur Poli­tik, isch schwör): Auf Feynsinn.org gibt es eine fik­ti­ve Kurz­ge­schich­te zu lesen, in der die durch stun­den­lan­ges War­ten auf Ereig­nis­se ver­schwen­de­te Lebens­zeit einen neu­en Wert bekommt. Man stel­le sich vor, sie sei wie eine Park­uhr. Lesens­wert!

Apro­pos: Außer mir schei­nen sich noch zahl­rei­che wei­te­re Per­so­nen über den Ent­schluss der Betrei­ber von sf.net echauf­fiert zu haben, „Schur­ken­staa­ten“ aus­zu­sper­ren, und so hat man als Pro­jekt­ver­wal­ter dort nun­mehr selbst die Wahl, ob man sei­ne Pro­jek­te auch für Nord­ko­rea­ner oder ähn­li­che Schur­ken öff­nen möch­te; rein recht­lich natür­lich nur, wenn man kein US-Ame­ri­ka­ner ist – das ist, immer­hin resp. lei­der, schon ein Fort­schritt.


Und wer übri­gens schon immer mal sehen woll­te, wie ein­fach sich so ein Pan­zer­schrank öff­nen lässt, der möge hier hin­klicken und sich an dem Anblick ergöt­zen.

PolitikIn den Nachrichten
Von dem Mist­wet­ter krie­gen die Leu­te schlech­te Lau­ne.

Und wenn die Leu­te schlech­te Lau­ne bekom­men, sind sie für die fort­schritt­li­che, libe­ra­le, volks­na­he Poli­tik der Regie­rung nicht mehr emp­fäng­lich:

Bun­des­ver­kehrs­mi­ni­ster Peter Ram­sau­er (CSU) erklärt das Stim­mungs­tief der Bun­des­re­gie­rung mit dem der­zei­ti­gen extre­men Win­ter­wet­ter. „Klar schlägt die­ses Wet­ter vie­len auf das Gemüt“, sag­te Ram­sau­er der „Bild am Sonn­tag“. „Das könn­te auch erklä­ren, war­um die Regie­rung nach Umfra­gen bei den Bür­gern im Moment schlech­ter dasteht als sie tat­säch­lich ist.“

Nur die Lie­be und das Wet­ter hören nim­mer, nim­mer auf.
– Ein­stür­zen­de Neu­bau­ten: „Was ist Ist“


Grin­send roll­te ich eben bei­na­he auf dem Tep­pich her­um, als ich ver­se­hent­lich die Pro-Sie­ben-Nach­rich­ten kon­su­mier­te:

Frhr. v. u. z. Gut­ten­berg fin­det es mal so gar nicht gut, dass der Iran sich eben­falls gern Uran anrei­chernd betä­ti­gen wür­de, weil ange­rei­cher­tes Uran in den Hän­den der Fal­schen eine Gefahr dar­stel­len könn­te. Und so kri­ti­sier­te er lt. den Pro-Sie­ben-Nach­rich­ten (7.2.), dass „die her­aus­ge­streck­te Hand der inter­na­tio­na­len Gemein­schaft nicht nur nicht ergrif­fen, son­dern weg­ge­schla­gen wird“; weil Inter­na­tio­na­les offen­bar eben auch Gren­zen hat und ihm bei dem Bild von der „her­aus­ge­streck­ten Hand“ nicht auf­ge­fal­len ist, wie über­aus pas­send es doch gleich mehr­fach erschei­nen mag.

Mein­ja­nur.

Kaufbefehle
Humor­kri­tik: Kai Magnus Sting

Kürz­lich schau­te ich ver­se­hent­lich bei der anfangs über­durch­schnitt­li­chen, inzwi­schen lei­der nur noch zum Bre­chen schlech­ten so genann­ten Unter­hal­tungs­sen­dung TV Total hin­ein; nun, nicht ganz ver­se­hent­lich, da an die­sem Abend die Sän­ge­rin von Jen­ni­fer Rostock zu Gast sein soll­te (deren Dia­log dann, for­ciert durch die gegen­über sei­nen Stu­dio­gä­sten lei­der längst üblich ver­krampft wir­ken­de Albern­heit des Gast­ge­bers, doch eher unspan­nend und infan­til blieb) und ich gera­de aus­rei­chend gute Lau­ne hat­te. Zuvor aller­dings trat ein Kaba­ret­tist auf, des­sen Hek­tik, Stim­me und Witz mich an Hen­nes Ben­der („Schei­ße, ich muss pis­sen!“) erin­ner­ten und mir über­aus zusag­ten. Dar­ge­bo­ten wur­de ein Teil sei­nes „dia­lo­gi­schen Epi­lo­ges“, des letz­ten Titels sei­nes anschlie­ßend von Gast­ge­ber Ste­fan Raab ange­prie­se­nen und auch käuf­lich zu erwer­ben­den Pro­gramms „Weil Sie es sind“ von immer­hin auch schon 2004.

Nach dem nun­mehr aus Inter­es­sens­grün­den erfolg­ten Kon­sum des voll­stän­di­gen Wer­kes habe ich das Bedürf­nis nach einer selbst ver­fass­ten Rezen­si­on nebst Emp­feh­lung des­sel­ben. Bei­des folgt:

Kai Magnus Sting ist wahr­lich kein Freund der lei­sen Töne, er ist im Gegen­teil laut und pro­vo­kant. Wit­ze über Johan­nes Hee­sters („Schö­ner run­der Geburts­tag“, was selbst schon viel aus­sagt), die Zeu­gen Jeho­vas und natür­lich die unver­meid­li­chen Frau­en mit ihrem oft gedan­ken­lo­sen Geschwätz zie­hen sich, einem roten Faden nicht unähn­lich, durch sein Pro­gramm. Dabei wirkt er nie­mals wie ein unar­ti­ger klei­ner Jun­ge (cf. Ingo Appelt) und ver­mei­det es trotz des roten Fadens, stän­dig die glei­chen Wit­ze zu erzäh­len (cf. Mario Barth). Bra­chi­al wird es nie, nur bis­wei­len ein wenig zotig, was durch­aus will­kom­men ist; von völ­lig unspa­ßi­gen Zeit­ge­nos­sen wie Oli­ver Pocher oder eben Ste­fan Raab (vom Wir­ken der Dame „Cin­dy aus Mar­zahn“ habe ich bis­lang noch kei­nen Ein­druck gewin­nen müs­sen, kann sie mir aber durch­aus eben­falls in die­ser Auf­zäh­lung vor­stel­len) ein­mal abge­se­hen sind Komi­ker ja heut­zu­ta­ge eher auf den hin­ter­grün­di­gen Witz bedacht.

Damit ist eigent­lich schon alles Not­wen­di­ge gesagt bzw. geschrie­ben. Noch ein Aus­schnitt gefäl­lig?
Auf You­Tube (Ach­tung: Coo­kies abschal­ten, Goog­le usw.) gibt es einen Auf­tritt im WDR („Night­Wa­sh“) zu sehen, in dem Kai Magnus Sting auch aus die­sem Pro­gramm zitiert und – falls ein dies lesen­der Schrei­ber­ling des Feuil­le­tons gera­de auf der Suche nach einer pas­sen­den Umschrei­bung ist – die Auf­re­gung zum Stil­mit­tel erhebt.

Lauft und kauft!

PolitikIn den Nachrichten
Kurz ver­linkt VI: Wer Extrem-Wind sät, wird Sturm ern­ten.

Es scheint tat­säch­lich nicht viel zu pas­sie­ren auf der Welt, und so beschloss man bei SPIEGEL Online gestern, über Wind zu berich­ten, der vor 14 Jah­ren beson­ders stark blies. Und weil man immer­hin erkannt hat, dass das nun kei­ne die Welt bewe­gen­de Mel­dung ist, griff man auf Bou­le­vard­me­tho­den zurück und gab dem Arti­kel fol­gen­de Über­schrift:

Extrem-Wind

Ist das nicht hübsch? :)

‘Kurz ver­linkt VI: Wer Extrem-Wind sät, wird Sturm ern­ten.’ wei­ter­le­sen »

NetzfundstückeIn den NachrichtenPiratenpartei
Die digi­ta­le Offen­heit spie­ßi­ger Behör­den

Auf all­ge­mei­nen Wunsch tra­ge ich, statt stän­dig nur einem Grei­se wür­di­ges Geze­ter auf die Leser­schaft die­ser anson­sten doch recht amü­san­ten Netz­prä­senz los­zu­las­sen, dann auch mal wie­der etwas zur Erhei­te­rung bei:

Die GEZ hat jetzt nicht nur ein total neu­es und viel moder­ne­res Logo, son­dern, auf­ge­merkt!, zudem einen neu­en Inter­net­auf­tritt, irgend­was mit Bür­ger­nä­he oder so etwas, rich­tig mit „Blog“ und mode­rier­tem „Forum“, wie es SPIEGEL Online zum Bei­spiel auch hat. Und damit nicht wäh­rend der Abwe­sen­heit der Mode­ra­to­ren das Cha­os aus­bricht, haben sie sich etwas tol­les aus­ge­dacht: Statt die Bei­trä­ge nur in die Mode­ra­ti­ons­war­te­schlan­ge ein­zu­rei­hen, wie es eben bei SPIEGEL Online zum Bei­spiel der Fall ist, machen sie nach Dienst­schluss das gan­ze Ding zu. Nicht nur zum Schrei­ben, son­dern rich­tig kon­se­quent.

Anony­mus fri­schE fol­ger­te im hei­se-Forum:

Lol, Öff­nungs­zei­ten für ein Forum… was kommt als näch­stes?
Ein­tritts­kar­ten für deren Web­sei­te?

Bis­lang hat­te ich noch kei­ne Gele­gen­heit, in der neu­en digi­ta­len Demo­kra­tie mal auf Zitat­su­che zu gehen, aber offen­bar wird dort eh fast nur gepö­belt.

Immer­hin: Da macht sich die GEZ jah­re­lang mit frag­wür­di­gen Metho­den unbe­liebt und errich­tet dann eine Dis­kus­si­ons­platt­form, in der sie die Zahl­pflich­ti­gen ernst­haft nach ihrer Mei­nung fragt. Mutig sind sie ja, die Ver­ant­wort­li­chen. Die Teil­neh­mer des Web of Trust hono­rie­ren es ent­spre­chend:

(Ursprüng­lich gefun­den hier; Quel­le: hei­se-Foren­nut­zer Aku­rei.)

Es ist nett von der GEZ, den Bür­gern end­lich eine Mög­lich­keit zu geben, sich Luft zu ver­schaf­fen, und wenig­stens den Anschein zu erwecken, sich über­haupt dafür zu inter­es­sie­ren, was es an ihr zu kri­ti­sie­ren gibt. Ich bezweif­le aber, dass sie trotz all der neu­en Moder­ni­tät bereit ist, sich tat­säch­lich zu öff­nen. Das Forum dürf­te in die­ser Form nicht mehr lan­ge exi­stie­ren.

Und so wer­den wohl noch vie­le Plüsch­tie­re an die Gebüh­ren­pflicht erin­nert wer­den, bevor sich etwas ändert.

In den Nachrichten
Medi­en­kri­tik XXI½: Schreck­li­che Tra­gö­di­en und das alles.

Und weil ich gera­de so schön in Fahrt bin und die Schrei­ber­lin­ge auf SPIEGEL Online offen­sicht­lich auch gera­de wie­der ihren The­sau­rus ver­legt haben:

Schreck­li­che Tra­gö­die im Saar­land: Ein 16 Jah­re altes Mäd­chen soll sein Baby nach der Geburt im Schnee aus­ge­setzt und des­sen Tod in Kauf genom­men haben.

Mer­ke: Wenn ein Kind (oder eine Frau) eines nicht natür­li­chen Todes stirbt, ist das immer eine Tra­gö­die – also, man beach­te die Defi­ni­ti­on, ein unaus­weich­li­ches Schick­sal -; eine schreck­li­che zumal, sofern das Kind aus­rei­chend jung ist, und sonst eben nur eine ganz nor­ma­le. All die­se Adjek­ti­vi­sie­rung, weil Tot­schlag eben noch nicht genügt, um die durch Kri­mi­nal­fil­me, „Psy­cho­thril­ler“, KriegsFrie­dens­ein­satz­be­richt­erstat­tun­gen et al. längst emo­tio­nal abge­flach­ten Leser zu Gemüts­re­gun­gen zu bewe­gen. Man will ja auch noch was ver­die­nen als Jour­na­list.

Wider­lich ist das.

(Schö­nes Zitat von Roger Wil­lem­sen zur poli­ti­schen Bericht­erstat­tung ohne­hin: Die Bericht­erstat­tung simu­liert, es sei wich­tig zu wis­sen, wie die Wahl eines stell­ver­tre­ten­den DGB-Vor­sit­zen­den aus­fällt oder wie sich bestimm­te Koali­tio­nä­re unter­ein­an­der ver­ste­hen. Das ist Soap-Ope­ra mit ver­än­der­ten Mit­teln. Wie wahr.)

PolitikIn den Nachrichten
Spen­den für Hai­tia­ne­rin­nen. Muss rei­chen.

Wer sich nach all den tief­trau­ri­gen Spen­den­auf­ru­fen – weil es uns Deut­schen ja bekannt­lich noch viel zu gut geht und wir ruhig die hal­be Welt an unse­rem schier uner­mess­li­chen Wohl­stand teil­ha­ben las­sen sol­len, wir Ego­isten! – noch nicht dazu durch­rin­gen konn­te, ein paar Wäh­rungs­ein­hei­ten auf obsku­re Spen­den­kon­ten zu über­wei­sen, dem geben die Zustän­di­gen nun gern einen Grund, es sein zu las­sen:

Nach Drän­ge­lei­en bei der Ver­tei­lung von Hilfs­gü­tern will die Uno Lebens­mit­tel in erster Linie nur noch an Frau­en abge­ben.

Weil Frau­en eben viel ärger als Män­ner dar­un­ter lei­den, dass ihr Haus nicht mehr steht und es kaum Lebens­mit­tel gibt; Män­ner sind stark und kön­nen auch mal ein paar Tage län­ger ohne Nah­rung über­le­ben. Sol­len sich nicht so anstel­len. Viel­leicht wird so das Cha­os ein­ge­dämmt, wenn man einem Teil des Vol­kes zu ver­ste­hen gibt, dass es nun­mehr auf sich allein gestellt ist.

Laut CNN sichert das immer­hin die Exi­stenz von voll­stän­di­gen Fami­li­en, und die ande­ren haben eben Pech gehabt:

„What about me? I did­n’t get anything. I need food,“ said John­ny Sanon Ste­ven­son. „Many peo­p­le could not par­ti­ci­pa­te.“

Spen­den? So nicht.

PolitikIn den Nachrichten
Unser Hartz soll schö­ner wer­den.

Woha­ha­ha­ha:

Arbeits­mi­ni­ste­rin von der Ley­en hält nichts von „Hartz IV“.

So weit schon mal gut.
Aber wie wir Frau von der Ley­en ken­nen, kann sie immer noch einen drauf­set­zen; das Gegen­teil von „gut gemacht“ ist, bekannt­lich, gut gemeint:

Sie meint aber nur den Aus­druck[.]

Seht ihr? Und die Begrün­dung ist noch wun­der­li­cher:

Das Wort sei so nega­tiv besetzt, dass es eine dif­fe­ren­zier­te Debat­te über Lang­zeit­ar­beits­lo­sig­keit behin­de­re.

„Hartz IV“ ist ein nega­tiv besetz­ter Ter­mi­nus, das ist rich­tig. Und das liegt kei­nes­falls an der Wort­wahl.

Neh­men wir an, das ALG II hie­ße statt­des­sen „Ley­en­geld“. Wür­de das etwas dar­an ändern, dass dann eben statt Hartz IV das Ley­en­geld dafür ver­ant­wort­lich zu machen ist, dass seit Jah­ren sämt­li­che Arbeits­lo­sen- und Ver­ar­mungs­sta­ti­sti­ken für die­ses Land kom­plet­ter Käse sind?

Und dann aber immer­hin:

Neue Begrif­fe kön­ne man nicht von oben ver­ord­nen. „Das geht nur, indem sich das Bild in der Bevöl­ke­rung zum Posi­ti­ven ver­än­dert.“ (…) Am Beginn der Dis­kus­si­on müs­se nicht die Droh­ku­lis­se ste­hen, son­dern die Per­spek­ti­ve. Arbeits­an­ge­bo­te müss­ten eine ech­te Brücke aus der Arbeits­lo­sig­keit bie­ten, sag­te die CDU-Poli­ti­ke­rin.

Ich kor­ri­gie­re: Nicht der Begriff ist „nega­tiv besetzt“, son­dern das, wofür er steht. Per­spek­ti­ven will das ver­arm­te Volk, ja, und die bekommt es nicht, indem man mit Phra­sen jon­gliert. Ich kann einen Krieg alter­na­tiv auch als „Frie­dens­ein­satz“ oder „kriegs­ähn­li­chen Zustand“ bezeich­nen, bei­des ver­rin­gert nicht die Zahl der Getö­te­ten. Will ich etwas eta­blie­ren und ver­mei­den, dass man es ver­flucht, gebe ich ihm kei­nen lusti­gen Namen, son­dern ände­re es dem Wil­len mei­ner poten­zi­el­len Kun­den (lies: Wäh­ler) gemäß.

Kon­struk­ti­ve Vor­schlä­ge hat Frau von der Ley­en nicht anzu­bie­ten. Der Regel­satz sei ange­mes­sen, und über­haupt, kann denn nicht end­lich ein­mal einer an die Kin­der den­ken? (Helen Love­joy, „Die Simpsons“):

„Allein­er­zie­hen­de brau­chen kei­ne Arbeits­pflicht, sie brau­chen Kin­der­be­treu­ung.“

Gut, aber zurück zum The­ma Hartz IV, das ja nicht nur Allein­er­zie­hen­de betrifft. Was macht man mit denen, abge­se­hen davon, dass sie zukünf­tig einen ande­ren Begriff ver­ach­ten sol­len?

Arbeits­an­ge­bo­te müss­ten eine ech­te Brücke aus der Arbeits­lo­sig­keit bie­ten, sag­te die CDU-Poli­ti­ke­rin.

Ah, da kom­men wir dann dem Kern der Sache doch schon näher. Statt die Leu­te mit irgend­wel­chem Arbeits­lo­sen­geld bei Lau­ne zu hal­ten, soll­te man (soll­te! und man!, so sprach die gut situ­ier­te Arbeits­mi­ni­ste­rin in der Hoff­nung, dass irgend­ein man sich zum sol­len bereit erklä­ren möge) ihnen Arbeits­plät­ze geben. Den Vor­schlag ihres Par­tei­kol­le­gen Roland Koch, Arbeits­un­wil­li­ge zum Arbei­ten zu zwin­gen, lehn­te sie immer­hin ab (‚tür­lich: Wo kei­ne Arbeits­plät­ze frei sind, da kann auch kei­ner arbei­ten), aber einen Punkt hat sie, so scheint mir, ver­ges­sen:

Wer als Arbeits­lo­ser Hartz IV bezie­hen kann, der wird sich in einer Zeit der Glo­ba­li­sie­rung (lies: Ver­la­ge­rung von Arbeits­plät­zen in ein Land, in dem man mit weni­ger Lohn zufrie­den ist) meist hüten, sich nach einer womög­lich schlecht bezahl­ten und unsi­che­ren Arbeits­stel­le umzu­se­hen; die Vor­be­rei­tung auf das spä­te­re Leben in der angeb­lich zivi­li­sier­ten Gesell­schaft beginnt nicht erst mit dem Schul­ab­schluss. Uta Mei­er-Grä­we, unter ande­rem Pro­fes­so­rin für Wirt­schafts­leh­re des Pri­vat­haus­halts und Fami­li­en­wis­sen­schaf­ten der Justus-Lie­big-Uni­ver­si­tät Gie­ßen, schrieb bereits 2008:

Wenn (…) Hoff­nungs- und Per­spek­tiv­lo­sig­keit bei den Jugend­li­chen domi­nie­ren, ist (…) Lern­ver­wei­ge­rung mit der Begrün­dung „Ich werd eh Hartz IV“ eben auch nicht ver­wun­der­lich.

Das Volk hat längst erkannt, dass das ALG II, unab­hän­gig von sei­ner Bezeich­nung, ein tak­ti­scher Feh­ler und eine wirt­schaft­li­che Kata­stro­phe war. Viel­leicht soll­te man die Kriegs­kas­se statt­des­sen nut­zen, um Arbeits­plät­ze, die im Inland ver­blei­ben, zu sub­ven­tio­nie­ren. Enor­me Aus­ga­ben trotz einer geschätz­ten Staats­ver­schul­dung von fast zwei Bil­lio­nen Euro sind ja spä­te­stens seit der letz­ten Unter­neh­mens- und Ban­ken­ret­tungs­pha­se (Haupt­sa­che, die Boni stim­men) kein Pro­blem mehr, der Steu­er­zah­ler zahlt’s. Sind dann erst ein­mal genü­gend Stel­len frei, bleibt den zustän­di­gen Ent­schei­dern genug Frei­raum, um die­ses unsäg­li­che „Hartz IV“ fei­er­lich sei­nes Amtes zu ent­he­ben und sich etwas bes­se­res aus­zu­den­ken; dann hat die näch­ste Regie­rung wenig­stens was zu tun.

Klingt undurch­dacht? Wartet’s ab.

In den NachrichtenMusikkritikNerdkrams
Toco­tro­nic – Schall und Wahn

Toco­tro­nic ist eine die­ser Musik­grup­pen, von denen man schon mal irgend­wo irgend­was gehört hat und mit denen man irgend­was asso­zi­ie­ren kann, selbst ohne bewusst ein Lied von ihnen zu ken­nen. Was mir spon­tan bei Toco­tro­nic ein­fällt: Pop­kul­tur. Spex, musik­ex­press und wie sie alle hei­ßen. Und was mir wie­der­um bei Pop­kul­tur ein­fällt: Allein das Wort schon!

Vor drei Jah­ren kam ich erst­mals bewusst mit der Musik von Toco­tro­nic in Berüh­rung, begann mich mit deren frü­hen Alben anzu­freun­den. „Ich möch­te Teil einer Jugend­be­we­gung sein“, zitier­te auch ich schon und emp­fand es schon Jah­re, bevor ich das Lied kann­te, wie wohl die mei­sten Jugend­li­chen bis­wei­len einem Her­den­trieb und dem Wunsch fol­gend, irgend­wo Anschluss zu fin­den. Was das für ein Gen­re war, war mir damals eini­ger­ma­ßen egal; irgend­wie auf­fäl­lig eigen­stän­di­ges Indie­ge­schram­mel mit deut­schen Tex­ten, die nicht immer einen Sinn erga­ben, manch­mal aber auch einen, der nach der Hin­ein­in­ter­pre­ta­ti­on einer mög­lichst Zei­ge­fin­ger schwin­gen­den Bedeu­tung gera­de­zu zu schrei­en schien; „Geschram­mel“ möch­te ich hier übri­gens kei­nes­falls als Wer­tung, ledig­lich als Beschrei­bung ver­stan­den wis­sen.

Dann kam „Kapi­tu­la­ti­on“, und es stell­te einen Rich­tungs­wech­sel dar: Die Lie­der wur­den nicht län­ger, aber ruhi­ger. Nach dem Abtritt von Blum­feld schie­nen Toco­tro­nic, wenn­gleich noch immer kaum poli­tisch tex­tend, ihr musi­ka­li­sches Erbe antre­ten zu wol­len, und sie mach­ten ihre Sache gut. Stücke wie Har­mo­nie ist eine Stra­te­gie oder das Titel­lied zeig­ten eine ver­än­der­te Band, die län­ge­re Tex­te und mehr Melo­die auf auch wei­ter­hin nur kur­zer Lauf­zeit unter­brach­te, und selbst ihre juve­nil-aggres­si­ven, an frü­he Ton Stei­ne Scher­ben erin­nern­den Momen­te (Sag alles ab) klan­gen irgend­wie rei­fer und, letzt­lich, bes­ser. Es blieb Geschram­mel, aber auf hohem Niveau.

Und jetzt also „Schall und Wahn“. Toco­tro­nic haben sich mit „Kapi­tu­la­ti­on“ offen­bar bei den übli­chen Rezen­sen­ten beliebt gemacht, und so über­schla­gen sich die ins Inter­net schrei­ben­den Hörer qua­si vor blin­der Begei­ste­rung, und die wenig­sten von ihnen ver­su­chen dabei nicht, irgend­wel­chen Sinn hin­ter offen­kun­dig alber­nen Lie­dern wie „Bit­te oszil­lie­ren Sie“ zu fin­den, wirk­li­che Ver­ris­se gibt es nicht ein­mal auf Amazon.de zu lesen, wo sich sonst die Schrei­häl­se der Rezen­sen­ten­sze­ne zu tum­meln pfle­gen. „Schall und Wahn“ ist ein Phä­no­men. Peter nennt die Pres­se­schau hier­zu sinn­ge­mäß eine blin­de Hel­den­ver­eh­rung von schwa­feln­den Ange­bern, und damit hat er ver­mut­lich eben­so Recht wie Sän­ger und Gitar­rist Dirk von Lowtzow, der, nach der Bedeu­tung der Tex­te befragt, eine zu nai­ve Her­an­ge­hens­wei­se kri­ti­siert. (Eine der besten Ant­wor­ten, die ich von einem Musi­ker je auf eine dum­me Fra­ge lesen durf­te: „Ich fin­de [die Fra­ge], ehr­lich gesagt, doof.“)

Das Album ist kei­ne Offen­ba­rung vol­ler kryp­ti­scher Bot­schaf­ten, die ent­schlüs­selt wer­den müss­ten. Es ist aller­dings tat­säch­lich das am aus­ge­reif­testen klin­gen­de Album, das Toco­tro­nic bis­lang ver­öf­fent­licht haben. Der auf „Kapi­tu­la­ti­on“ ein­ge­schla­ge­ne Weg wird wei­ter ver­folgt und geschlif­fen, in den Tex­ten ist die Welt­ver­bes­se­rung Non­sens („Bit­te oszil­lie­ren Sie“, „Macht es nicht selbst“) und Refle­xi­on („Im Zwei­fel für den Zwei­fel“) gewi­chen. Mit „Stürmt das Schloss“, ein Lied in der Tra­di­ti­on von „Sag alles ab“, ist auch ein kra­chen­der Ohr­wurm auf dem Album zu fin­den. (Ist „SdS“ eine Abkür­zung für „Stürmt das Schloss“, oder hat es eine tie­fe­re Bedeu­tung? Ein nicht zu unter­schät­zen­der Vor­teil von Lie­dern, deren Text man ver­steht, ist es ja, dass die Inter­pre­ta­ti­on allein einem selbst über­las­sen bleibt – so kann man einem Lied gleich mehr­fach etwas abge­win­nen und muss dafür nicht ein­mal kryp­ti­sche Musik­ma­ga­zi­ne kau­fen.)

Toco­tro­nic sind erwach­sen gewor­den, und sie unter­las­sen es zum Glück, das auch zu zei­gen. Ich neh­me an, „Schall und Wahn“ wird in die­sem Jahr eins der weni­gen guten Indierock­al­ben blei­ben, und ich freue mich über jeden Ver­such, den Gegen­be­weis anzu­tre­ten. Das Album gibt es der­zeit auf Deezer.com zum Pro­be­hö­ren. Nicht übel. Gar nicht übel.

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NetzfundstückeIn den NachrichtenNerdkrams
Medi­en­kri­tik XXI: Sprach­schuld

Eins der inter­es­san­te­sten Sprach­bil­der, die Justiz­be­richt­erstat­tun­gen zie­ren, ist das Schul­dig­spre­chen, das mir soeben wie­der ein­mal auf SPIEGEL Online auf­fiel:

Mord an Abtrei­bungs­arzt: Todes­schüt­ze schul­dig gespro­chen lau­tet die Über­schrift. Die Vor­ge­schich­te wird kurz erwähnt:

Acht Mona­te nach der Ermor­dung des pro­mi­nen­ten ame­ri­ka­ni­schen Abtrei­bungs­arz­tes Geor­ge Til­ler ist der Todes­schüt­ze von einem Gericht im US-Bun­des­staat Kan­sas schul­dig gespro­chen wor­den.

(…) Til­ler war im Mai ver­gan­ge­nen Jah­res im Foy­er sei­ner Kir­che in Wichi­ta erschos­sen wor­den. Der 67-Jäh­ri­ge hat­te eine von drei Kli­ni­ken in den USA gelei­tet, die auf Schwan­ger­schafts­ab­brü­che im fort­ge­schrit­te­nen Sta­di­um spe­zia­li­siert sind.

Die von mir her­vor­ge­ho­be­nen Satz­tei­le sind hier beson­ders inter­es­sant, denn wir ler­nen:

1. Ein „Todes­schüt­ze“ ist noch nicht per se schul­dig.
2. US-ame­ri­ka­ni­sche Ärz­te besit­zen eige­ne Kir­chen.

Und so ein Mord­pro­zess ist in den Hand­feu­er­waf­fen nicht unbe­dingt kri­tisch gegen­über ste­hen­den Ver­ei­nig­ten Staa­ten auch sonst recht selt­sam:

Er gestand in sei­nem Pro­zess, den Arzt im Ein­gangs­be­reich der Kir­che erschos­sen zu haben, bekann­te sich aber nicht schul­dig, weil der Mord an dem Abtrei­bungs­arzt in sei­nen Augen gerecht­fer­tigt war. Er habe Til­ler davon abhal­ten wol­len, „wei­te­re Babys zu töten“. Er bereue die Tat nicht.

Dar­aus erge­ben sich wie­der­um zwei Fol­ge­run­gen:

1. Auch ein beken­nen­der „Todes­schüt­ze“ ist noch nicht per se schul­dig.
2. Reue scheint ein nöti­ger Aspekt zu sein, um unschul­dig zu mor­den.

Bei SPIEGEL Online stimmt man die­sem Aspekt zu, immer­hin ist in Fett­schrift bereits in der Ein­lei­tung zu lesen:

Der Ange­klag­te zeig­te kei­ne Reue vor Gericht: (…)

Hät­te er es getan, was hät­te sich geän­dert? Wäre er womög­lich also nur schuld, nicht jedoch schul­dig gewe­sen? Ich bin kein Jura­stu­dent oder gar dar­über hin­aus in juri­sti­schen Fra­gen bewan­dert, jedoch hof­fe ich, dass die deut­sche Recht­spre­chung da ein wenig undif­fe­ren­zier­ter vor­geht. (Nach­trag: Auf­klä­rung vom Fach­mann gibt’s in den Kom­men­ta­ren.)

(Apro­pos undif­fe­ren­ziert: Die­ses unsäg­li­che iPad-Dings ist nicht nur min­de­stens über­flüs­sig, son­dern zudem vor neun­zehn Jah­ren schon bes­ser da gewe­sen. Nur, damit sich kei­ner beschwert, dass ich mich zu wenig mit die­sem Hype befas­se. Das soll’s dann jetzt aber auch gewe­sen sein.)

SonstigesPersönliches
Wie­der Spaß im ÖPNV

Man for­der­te kür­ze­re Ein­trä­ge von mir. Ich ver­su­che es mal:

Ich fuhr heu­te zwecks pro­fes­sio­nel­ler Unter­su­chung mei­ner Äußer­lich­kei­ten und trotz der zu all­zu viel Bequem­lich­keit ein­la­den­den Seme­ster­fe­ri­en mit dem Bus, und dies gleich mehr­fach (eben hin und zurück). Die Rück­fahrt war weit­ge­hend unspek­ta­ku­lär, ich lern­te nur unfrei­wil­lig eini­ge wei­te­re Sprech­stücke irgend­ei­nes mir nicht nament­lich bekann­ten Aggro-Ber­lin-arti­gen Rap­pers ken­nen und stell­te fest, dass rei­ner Schlud­rig­keit zuschul­den kom­men­de Sprach­stö­run­gen („sch“ statt „ch“, „isch“ statt „ig“ usw.) offen­bar eine zwin­gen­de Vor­aus­set­zung dar­stel­len, um es in die­sem Gen­re wenig­stens zu aus­rei­chen­der Bekannt­heit zu brin­gen; aber die Hin­fahrt, um wie­der ein­mal ein Max-Goldt-Zitat anzu­brin­gen, war super:

Die initia­le Hal­te­stel­le des von mir gewähl­ten Ver­kehrs­mit­tels befin­det sich vor einer Grund­schu­le, und so hat­te ich nicht das Glück, eini­ge schö­ne Sät­ze für die Nach­welt fest­hal­ten zu kön­nen. Es ging offen­bar um einen Mit­schü­ler namens Nico, und die klei­nen Strol­che, die sich spä­ter noch gegen­sei­tig die Namen diver­ser Poké­mon an den Kopf war­fen, spra­chen, teils bewaff­net mit Schnee­hau­fen, also wie folgt:

„Wo is‘ Nico?“ – „In seim Arsch!“ – „Ich muss ihn abwer­fen, damit er nicht abhaut!“

Die Spra­che ein­mal bei­sei­te gelas­sen – für zu wenig Sprach­übung kön­nen sie noch nichts -, hat mir beson­ders die Selbst­ver­ständ­lich­keit gefal­len, mit der die Logik der­ma­ßen ver­dreht wur­de. Ich habe gelernt:

1) Ist ein Mensch nicht auf­zu­fin­den, soll­te man in des­sen Gesäß suchen.
2) Um einen Mit­men­schen am Gehen zu hin­dern, ist es hilf­reich, ihn mit Schnee zu bewer­fen.

Ich kom­me mir so furcht­bar alt vor.

(Ganz tol­le Ankün­di­gung für eine Fern­seh­re­por­ta­ge übri­gens: „Fesche Jungs in Uni­for­men und ihre lan­gen Roh­re“. Ieks.)

PolitikIn den NachrichtenNerdkrams
Frei­heit für den Schur­ken­staat!

„Ja, spin­ne ich denn?“, so soll­te eigent­lich der erste Satz die­ses Arti­kels lau­ten, aber all­zu leicht woll­te ich es mei­nen Kri­ti­kern auch nicht machen, also hole ich lie­ber etwas wei­ter aus:

Wie eini­ge mei­ner treu­en Leser womög­lich bereits bemerkt haben, bin ich Ent­wick­ler diver­ser Pro­jek­te, von denen eini­ge auf dem bis­lang als zuver­läs­sig und der Ent­wick­lung frei­er Soft­ware för­der­lich bekann­ten Por­tal SourceForge.net (sf.net, bewusst nicht ver­linkt) lagen, was ins­be­son­de­re für Team­ar­beit eini­ge unschätz­ba­re Vor­tei­le mit sich brach­te. Eine der wich­tig­sten Eigen­schaf­ten frei­er Soft­ware ist eben ihre Frei­heit, die nicht durch loka­le Geset­ze wie zum Bei­spiel ein all­zu enges Urhe­ber­recht ein­ge­schränkt wer­den kann. Laut dem GNU-Pro­jekt, Weg­be­rei­ter der frei­en Soft­ware, ist an „frei“ wie in „frei­er Rede“ und nicht wie in „Frei­bier“ zu den­ken, was freie Soft­ware von blo­ßer Free­ware (also Gra­tis­pro­gram­me mit Lizenz­be­schrän­kun­gen) unter­schei­det.

Dies war eigent­lich eine unum­stöß­li­che Wahr­heit, die nicht zuletzt dank mil­li­ar­den­schwe­rer För­de­rer wie eben sf.net auf­recht erhal­ten wer­den konn­te.

Nun aber haben sich die Ver­ant­wort­li­chen in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten zu Wort gemel­det, die von Frei­heit (Stich­wort: Guan­tá­na­mo) unge­fähr so viel ver­ste­hen wie unse­re zustän­di­gen Mini­ster vom Inter­net, und fan­den es natür­lich gar nicht gut, dass im eige­nen Land so viel von die­ser Frei­heit herrscht, von der auch ande­re pro­fi­tie­ren, selbst so genann­te „Schur­ken­staa­ten“, die vor eini­gen Jah­ren jemand so bezeich­ne­te, der den USA selbst einen nicht all­zu guten Leu­mund ein­fuhr; und sie schwan­gen also ihren län­ge­ren Hebel (was ich mir wahr­lich nicht vor­stel­len möch­te) und beschlos­sen unge­fähr fol­gen­des:

sf.net sol­le fort­an den fünf Staa­ten Kuba, dem Iran, Nord­ko­rea, dem Sudan und Syri­en jeg­li­chen Zugang zu den eige­nen Ange­bo­ten ver­weh­ren, da dies als „Export in Schur­ken­staa­ten“ gewer­tet wür­de, und sf.net gehorch­te; nicht aus Über­zeu­gung, ver­steht sich, son­dern weil die GPL und ver­gleich­ba­re Lizen­zen eben weni­ger Wert besä­ßen als US-ame­ri­ka­ni­sche Imper­ti­nenz Gesetz­ge­bung.

Eine am Mon­tag erfolg­te Stel­lung­nah­me ende­te im Wort­laut so:

We reg­ret deep­ly that the­se sanc­tions may impact indi­vi­du­als who have no mali­cious intent along with tho­se whom the rules are desi­gned to punish. Howe­ver, until eit­her the desi­gna­ted govern­ments alter the prac­ti­ces that got them on the sanc­tions list, or the US government’s poli­ci­es chan­ge, the situa­ti­on must remain as it is.

Frei über­setzt und zusam­men­ge­fasst: Tja, scha­de, kann man aber nichts machen; sol­len halt die bösen Schur­ken­staa­ten sich koope­ra­tiv ver­hal­ten, dann ist alles wie­der in Ord­nung. Es muss dann doch sein: Ja, spin­ne ich denn?

Von welt­weit ansäs­si­gen Pro­gram­mie­rern erstell­te Web­sei­ten, Pro­gram­me und Daten­ban­ken unter­lie­gen seit neue­stem US-ame­ri­ka­ni­schen Export­be­stim­mun­gen („[t]he spe­ci­fic list of sanc­tions that affect our users con­cern the trans­fer and export of cer­tain tech­no­lo­gy to for­eign per­sons and govern­ments on the sanc­tions list“, Her­vor­he­bung von mir) und dür­fen nicht aus fie­sen Staa­ten wie Nord­ko­rea her­un­ter­ge­la­den wer­den, weil die US-ame­ri­ka­ni­sche Regie­rung das nicht so mag?

Wer irgend­et­was auf eine US-ame­ri­ka­ni­sche Web­sei­te hoch­lädt (Goog­le Code, heißt es, habe ähn­li­che Beschrän­kun­gen ein­ge­führt), betreibt also nicht nur Export (komisch; ich war bis­lang der Ansicht, „Expor­tie­ren“ hie­ße „hin­ter­her isses in einem ande­ren Land“), son­dern über­trägt auch noch die Voll­macht zur Lizenz­än­de­rung auf die zustän­di­ge Regie­rung. Micha­el Mans­ke stellt rich­tig fest:

Man muss sich lei­der fra­gen inwie­weit man sich bei in den USA betrie­be­nen Platt­for­men noch des „Open“ in Open Source sicher sein kann.

Da bleibt es einem nur noch übrig, sich an den Kopf zu fas­sen, lang­sam bis 10 zu zäh­len und den geord­ne­ten Rück­zug anzu­tre­ten. Meh­re­re Ent­wick­ler haben bereits Kon­se­quen­zen gezo­gen, ich mei­ner­seits schaue mich auch bereits nach einer neu­en, adäqua­ten Hei­mat für die letz­ten mei­ner dort ver­blie­be­nen Pro­jek­te um.

Ich rate allen Lesern, die eben­falls unter einer frei­en Lizenz ent­wickeln, dazu, es mir gleich­zu­tun. Freie Soft­ware ist kein Poli­ti­kum, und sie darf es nie­mals wer­den. Und das Wich­tig­ste ist: Frei­heit gilt auch für „Schur­ken­staa­ten“.

Um das zu erken­nen, muss man wahr­lich kein Schur­ke sein.

NetzfundstückeIn den NachrichtenNerdkrams
Kurz ver­linkt V: Von welt­li­chen Wer­ten, Welt­kon­zer­nen und Welt­spra­chen

Welt­li­che Wer­te hal­ten Ein­zug in das „Web 2.0“, das Netz, in dem man intim­ste Details mit „Freun­den“ teilt oder zumin­dest mit irgend­wel­chen Leu­ten, die in einer „Freun­des­li­ste“ ste­hen; im Zwei­fel also mit der gan­zen Welt. Und weil man ja nichts zu ver­ber­gen hat und man die „neue“ Tech­nik gern dazu nutzt, Men­schen glei­cher Inter­es­sen ken­nen zu ler­nen, hat man in den USA einen neu­en Trend der dor­ti­gen Netz­be­woh­ner auf­ge­spürt:

Dank Blip­py kön­nen Nach­barn und Freun­de im Inter­net sehen, was der Ein­zel­ne per Kre­dit­kar­te bezahlt: Musik, Schu­he, Hotel mit der Gelieb­ten. Das soll Spaß machen (…). Seit weni­gen Tagen ist der Zugang für alle offen.

Spaß! Fei­ern! Gute Lau­ne! Die­se alber­nen bun­ten Hüt­chen auf­set­zen, der Welt sei­ne Rech­nun­gen prä­sen­tie­ren und pau­sen­los dümm­lich grin­sen. (Hat irgend­ein ver­rück­ter Wis­sen­schaft­ler eigent­lich irgend­wann mal Ner­ven­gas in US-ame­ri­ka­ni­sche Belüf­tungs­an­la­gen gekippt? Anders kann ich mir das nicht erklä­ren.)

Der eben­falls US-ame­ri­ka­ni­sche Welt­kon­zern Apple wirft mal wie­der ein neu­es, nutz­lo­ses Pro­dukt auf den Markt, und die berich­ten­den Pres­se­ver­tre­ter über­schla­gen sich mal wie­der gera­de­zu in Lob­hu­de­lei­en. Eine Ana­ly­se des SPIE­GEL-Online-Berich­tes hat Nico­las Neu­bau­er vor­ge­nom­men, die zeigt, war­um man Bericht­erstat­tun­gen über Apple-Pro­duk­te grund­sätz­lich kri­tisch gegen­über ste­hen soll­te. Lesens­wert und amü­sant.

Apro­pos amü­sant: Ein Leser wies mich mit den Wor­ten „sel­ten so fremd­ge­schämt wie in die­sem vid, und zeit­gleich kriegs­te übelst wut“ (in Ori­gi­nal­schreib­wei­se) auf die­ses Video hin, in dem der zur End­la­ge­rung in Brüs­sel vor­ge­se­he­ne baden-würt­tem­ber­gi­sche Mini­ster­prä­si­dent Gün­ther Oet­tin­ger die so genann­te Welt­spra­che Eng­lisch als Amts­spra­che der Euro­päi­schen Uni­on (deren Mit­glieds­staa­ten eben immer noch mehr­heit­lich deutsch­spra­chig sind, was gern ver­ges­sen wird) anpreist und sei­ne eige­nen Kennt­nis­se die­ser Spra­che demon­striert. Um Him­mels Wil­len, möch­te ich da bei­na­he aus­ru­fen, nein, bit­te nicht!

PersönlichesMusik
Sein oder ich sein?

(Und da wäre dann noch die zwicken­de Erin­ne­rung an die immer wei­ter ticken­de Lebens­uhr, und bei jedem Ticken freut man sich, dass es noch nicht zu spät ist, vor lau­ter Per­spek­ti­ven sieht man sich selbst schon nicht mehr im Spie­gel und will das auch eigent­lich gar nicht, man setzt sich dann also lie­ber hin auf den gemüt­li­chen Stuhl, der sich „Lebens­weg“ nennt, und schaut fröh­lich in alle Rich­tun­gen. Ich soll­te mal, ich könn­te eigent­lich, aber was soll’s, ist ja noch Zeit. Man ist noch lan­ge kei­ne 30, jeder Tag kommt einem ohne­hin ewig vor. Nur kei­ne Hek­tik. Der Herr­gott hat die Zeit gemacht, von Eile hat er nichts gesacht. Bis­her hat alles gut funk­tio­niert, und man könn­te, wenn man woll­te, also war­um beei­len, die ande­ren ver­sump­fen ja auch. Leben ist jetzt, und wenn’s mor­gen auch noch ist, den­ken wir mor­gen noch mal drü­ber nach und begin­nen wie­der bei „Und da wäre dann noch“. Man könn­te Musi­ker wer­den, Tex­te kann man und eine Gitar­re hat man auch schon mal gese­hen, ach ja, eine Band oder wenig­stens ein Auf­nah­me­ge­rät wäre mal toll; suche ich dann nach­her oder kau­fe ich dann spä­ter. Viel­leicht. Bis dahin: Lyri­ker. Gedich­te und Pro­sa ver­fas­sen und sich unge­heu­er wich­tig dabei vor­kom­men, irgend­wer wird’s schon lesen wol­len. Und wenn nicht? Dann ver­dient man sich eben was dazu. Pro­gram­mie­ren, klar, macht man ja eh den gan­zen Tag und ver­dient manch­mal, wenn man Glück hat, sogar ein paar Wäh­rungs­ein­hei­ten damit, dies ist eine freie Welt, wenn du es nicht machst, macht es wer anders, also las­sen wir das mit dem Risi­ko mal, und die unfer­ti­gen Lebens­ent­wür­fe lie­gen beschrif­tet und säu­ber­lich ein­ge­hef­tet bereit, man ist ja noch jung und muss sich noch nicht fest­le­gen, aber man hat dann schon mal was, womit man was anfan­gen kann, wenn man mal ange­fan­gen hat. Und in ruhi­gen Momen­ten, in denen man denkt, so, jetzt könn­test du dann mal anfan­gen, fragt man sich dann lie­ber, war­um man denn über­haupt noch nicht ange­fan­gen hat, und schreibt Tex­te wie die­se. Suche Moti­va­ti­on, gern auch gebraucht.)

Du hast wie­der alles gege­ben, hast alles genom­men,
warst nicht nur dane­ben, hast dich auch so benom­men,
bist wenig­stens dei­nem Leben ’ne Nacht lang ent­kom­men;
das Pro­blem ist nur, eben hat es zu däm­mern begon­nen…

(Die Fan­ta­sti­schen Vier: Hey!)