Aus Gründen heute mal etwas anderes.
Guten Morgen.
Aus Gründen heute mal etwas anderes.
Guten Morgen.
Wenn Neupiraten (ich äußerte mich an anderer Stelle bereits zu diesem Begriff) demonstrieren, tun sie dies natürlich mit orangefarbener Flagge, denn die Annexion politischer Demonstrationen, kommen sie nun von Arbeitskreisen, Anonymous oder anderen Parteien, scheint bei manchen Flaggenpiraten heutzutage Brauch zu sein; „oh, eine Demo, gleich mal Flagge schwenken“, und inzwischen scheint’s dann auch egal zu sein, von wem und/oder wofür und/oder wogegen da überhaupt demonstriert wird; in der Punkszene gibt es da den Begriff des „Modepunks“, und diese Populisten würde ich jetzt einfach mal unter „Modepiraten“ abheften. So viel zur Einleitung.
Und wie ich heute so durch Osnabrück latschte, begab es sich, dass ich konfrontiert wurde mit einigen Piraten, die von weitem an ihren Shirts und Flaggen zu erkennen waren, so dass die Umstehenden grinsten, „ah, eine Piratendemo“ konstatierten und ihrer Wege gingen. Dass Demonstrationen gegen INDECT keine „Piratendemos“ sind, sondern die Piratenpartei sich ihnen lediglich angeschlossen hat, kommt so natürlich nicht vollständig zur Geltung, und obwohl ich Pirat bin, halte ich das für reichlich befremdlich. Es wäre gegebenenfalls für unsere Außenwirkung förderlich, würden die Flaggenschwenker gelegentlich auf das Schwenken verzichten und sich einfach mit bloßer Teilnahme für die gelegentlich gute Sache einsetzen.
Aber das ist noch nicht der eigentliche Grund für meinen jetzigen Schrieb.
Ich schlenderte also, wie bereits erwähnt, durch Osnabrück und landete plötzlich inmitten der lokalen INDECT-Demonstration. Viele Menschen mit bösem Gesichtsausdruck und lustigen Schildern („1984 war keine Anleitung“, stimmt, es ist eine Jahreszahl) standen dort herum und lauschten andächtig dem in ein Megaphon sprechenden, nun, Sprecher. Diese Veranstaltung wurde begleitet von mehreren Personen, die zur Dokumentation des Geschehens Fotografien von selbigem anfertigten.
Dabei haben sie durchaus auch Passanten erfasst, zudem haben sie während meiner Anwesenheit dort nicht einmal die umstehenden Teilnehmer gefragt, ob ihnen eine Ablichtung recht sei.
Es wurde also von Privatleuten fahrlässig in ungezählten Fällen das Recht am eigenen Bild und auf Privatsphäre verletzt.
Auf einer Demonstration gegen ständige Überwachung und ungefragtes Filmen durch Privatleute.
Eigentlich ist das lustig.
Natürlich ist eine Demonstration in einer Innenstadt eine „öffentliche Veranstaltung“, insofern „müssen“ Leute, die unbedacht in Reichweite der Kameras gelangen, damit rechnen, auf diese Weise verewigt – was man eben so „ewig“ nennt – zu werden.
Nach der gleichen Logik ist aber auch gegen Überwachungskameras im öffentlichen Raum nichts einzuwenden. Ich als privatsphärenbewusster Pirat bin der Ansicht, es mache zwar quantitativ, keinesfalls aber qualitativ einen Unterschied, ob Dritte ungefragt fotografiert oder gefilmt werden.
Ich gehe davon aus, dass die angefertigten Fotografien von einem übereifrigen „Piraten“ früher oder später auch auf ausgerechnet Facebook veröffentlicht worden sein werden.
Ich mag solche Pointen. Sie sind so schön bitter.
Und dann war da noch die gestrige ZEIT, die sich nicht so recht entscheiden konnte, in welcher Sprache man sein Publikum anreden sollte.
Ein Bericht über die russische Femanzengruppe Pussy Riot etwa wurde überschrieben mit dem vom Russischen ins Deutsche übersetzten Titel:
Mutter Gottes, verjage Putin!
Noch auf der gleichen Seite wurde ein Nachruf (ich habe lediglich die Einleitung und die Überschrift gelesen, ich kann hier also leicht daneben liegen) auf den französischen Modeschöpfer Yves Saint Laurent mit „Bye-bye, Yves“ überschrieben.
Offensichtlich versucht man im Hause ZEIT derzeit, die Penis-Geschichte so aufzubauschen, dass die Sprachverlotterung der ansässigen Redakteure nicht mehr auffällt. Dieser Versuch schlägt offenbar fehl.
… Er hatte nicht mit ihr gerechnet.
Unzählige Male schon war er in dieser kleinen Stadt gewesen, hatte einen Teil der, wie die Anderen sagten, besten Jahre seines Lebens dort zugebracht und letztlich verschwendet. Er sah Freunde wie Feinde kommen und gehen, ließ seine Leidenschaften aufblühen und verwelken, wie sie ihm gerade geschahen. Es war bequem, aber es füllte ihn nicht aus. Die Leere hatte ihn begleitet, seit er seine Jugend hinter sich gelassen hatte, und so oft er sich auch der Feier und der Lust hingab, so oft kehrte sie zurück. Er dachte an Sisyphos, den griechischen Sagenhelden, und an dessen Los, eine schwere Last vergebens einen Hang hinaufzustemmen.
Als in ihm die neue Leidenschaft aufflammte, war er noch immer ruhelos. Er wollte Antworten, doch jede Antwort warf neue Fragen auf, und jede Frage war ein weiterer Schnitt. Er wähnte sich verloren in dem Dickicht, das er selbst immer wieder aufforstete, um der Leere zu entgehen. Auch deshalb nahm er die Gelegenheit wahr. Er brach die Brücken ab, die ihn bis dahin über die Leere geleitet hatten, und gab sich dem hin, was, wie er einmal gelesen hatte, manche Menschen als „neues Leben“ bezeichnen. Er mochte diese Worte nicht.
Tatsächlich aber fühlte es sich für ihn wie ein Neuanfang an. Er schätzte es, in den Kreisen derer zu verkehren, die seine Begeisterung teilten, und sich mit ihnen auszutauschen. Bis zu diesem Tag hatte sich hierbei nie etwas Einschneidendes ereignet.
Dieses Mal war etwas anders.
Es hatte harmlos begonnen. Als er den Treffpunkt erreichte, traf er auf viele alte und neue Bekannte. Er scherzte mit ihnen und ging auf in den Gesprächen, die er führte, und vergaß hierüber endlich, weshalb er so weit gekommen war und warum er überhaupt hier war; er vergaß, wovor er geflohen war, und es interessierte ihn auch nicht mehr. Vergessen waren die Jahre, die sich für ihn anfühlten wie eine endlos scheinende Visualisierung des Stückes „Domed“ von And Also The Trees.
Dann sah er sie.
Sie stand am anderen Ende der Schlange, in der er sich gerade befand, und strahlte ihn an. Ihr Blick war von einer Tiefe, die er bis dahin nicht kannte, und so wenig er dieses Wort auch schätzte, so kam er doch nicht umhin, ihre Erscheinung („wie eine Marienerscheinung“ dachte er) insgesamt als süß zu empfinden, und schämte sich für dieses Wort. Er kannte ihren Namen, immerhin (stand er auf ihrer Brust und) hatten sie sich in der Vergangenheit schon ausgetauscht. Nicht einmal im Traum allerdings hätte er vermutet, dass sich hinter diesem ein Lächeln wie ihres verbergen würde.
Je länger er sich widersetzte, je mehr er versuchte, das Unausweichliche zurückzudrängen, desto lauter spielte der längst vergessene Plattenspieler in seinem Kopf Lieder aus vergangenen Zeiten. In another land I try to find somebody. Längst stand er nicht mehr in der Schlange, er fiel. Die Menschen, die vor und hinter ihm sprachen und lachten, bemerkten es nicht.
Nein, er hatte nicht mit ihr gerechnet. …
Offenbar ist die Piratenpartei jetzt auch zum Vorbild tauglich. Seit neuestem redet man nämlich nicht nur dort ausschließlich in offenen Briefen miteinander, auch in Hollywood ist diese Art der Kommunikation nun angekommen:
Kristen Stewart hat sich bei ihrem Freund und „Twilight“-Kollegen Robert Pattinson öffentlich für einen Seitensprung entschuldigt. In einer Erklärung, die das „People“-Magazin verbreitete, gab die 22-Jährige eine „flüchtige Indiskretion“ mit einem verheirateten Mann zu. Gemeint ist demnach der 41-jährige Regisseur Rupert Sanders, mit dem sie in dem Film „Snow White and the Huntsman“ gespielt hatte. Sanders hatte kurz vor Stewart seine Frau und Kinder um Vergebung gebeten.
… und er so „kein Problem, aber mach das nie wieder“ und sie so „tihi“.
Wäre ich Robert Pattinson und/oder Frau und Kinder von Rupert Sanders, ich wäre ein wenig erbost darüber, dass der Lebenspartner überhaupt auf die Idee kommt, mit jemandem in die Kiste zu springen, dessen Privatleben ohnehin ständig in den Medien ausgebreitet wird (oder eben mit überhaupt irgendwem), aber bei so Leuten ist das wohl nicht so üblich, denn mit einem Weltstar kann man eben hervorragend prahlen.
Allerdings hielte ich persönlich es für angemessener, selbiges Treiben im Familienkreis zu offenbaren, anstatt den jeweiligen Partner via Boulevardpresse darüber in Kenntnis zu setzen. Aber ich bin ja auch kein Filmstar.
Den Terminus „flüchtige Indiskretion“ merke ich mir trotzdem mal. Mit so etwas kann man es zumindest zum Bundesverteidigungsminister schaffen.
(Mit Dank an L.!)
Ich ziehe, positiv überrascht, meinen demnächst noch zu kaufenden Hut bereits vor dem Erwerb: Rösler empört FDP mit Griechenland-Kommentar. Empört!!111
Mit nur zwei Sätzen hat Philipp Rösler die Debatte um die Griechenland-Rettung innerhalb der Regierung kräftig angeheizt – und muss sich nun scharfe Kritik aus der eigenen Partei gefallen lassen. Er sei „mehr als skeptisch“, dass Athen die harten Sparauflagen noch erfüllen könnte, hatte der Wirtschaftsminister erklärt. Und: Der Gedanke an einen Euro-Austritt der Griechen habe für ihn „seinen Schrecken verloren“. Die Reaktionen in der FDP reichen bis zum Vorwurf der „Unprofessionalität“. (…) Weniger diplomatisch äußerte sich der liberale Europaabgeordnete Jorgo Chatzimarkakis. Das „Ausmaß an Unprofessionalität“ der Rösler-Äußerungen erstaune ihn und überrasche in ganz Europa.
Denn damit, dass ein Politiker der F.D.P. zur Abwechslung mal etwas Gehaltvolles sagt, hat ganz Europa schon aufgrund bisheriger Erfahrungen nicht gerechnet.
Noch eine kurze Durchsage aus den Vereinigten Staaten von Amerika: Wer sich nicht von Facebook durchleuchten und profilieren lassen möchte, stellt eine Bedrohung für die Gesellschaft dar. Der irre Attentäter von Oslo war ebenso wenig auf Facebook aktiv wie der Batman-Killer.
Ein 24 Jahre alter US-Amerikaner, ein ehemaliger Student und Waffennarr offenbar, der nicht vernetzt ist, keine Bilder tauscht und seine Befindlichkeiten nicht mit der Community teilt. Das ist nicht nur ziemlich selten, sondern kommt einigen auch ziemlich verdächtig vor.
Mit der Waffennarretei hat das alles allerdings, versteht sich, nichts zu tun.
Ereignisreiche Wochenenden sind ereignisreich. Das Genie überblickt das Chaos, heißt es, und an meiner Genialität zweifle ich dann ausnahmsweise dann doch mal.
Und dann eben, zur Beruhigung, vor allem: Lärm.
We are forever entwined stuck in a play we can’t leave
Guten Morgen.
Ich gestehe, ich musste mir dieses Album erst schönhören; beim ersten Durchlauf störte mich der mit allerlei Effekten versehene Gesang ein wenig. Dann allerdings hat es gezündet, und dies mit einer Intensität, dass ich es für an dieser Stelle empfehlenswert halte.
Gemeint ist das Album „Visitors“ des Duos Last Remaining Pinnacle („der letzte verbliebene Gipfel“) aus Virginia Beach, Ju-Es-Ey, auf das ich bei Peter stieß. Gegründet wurde diese Combo als Einmannprojekt bereits im Jahr 1995 von Dave Allison (Gesang, Gitarre, Bass, Keyboard, Schlagzeug, Drumcomputer, Tamburin), der fortan in Gemeinschaftsprojekten mit verschiedenen anderen Musikern diverse Veröffentlichungen aufnahm.
Erst 2011 stieß Dave Dembitsky (Gitarre) hinzu, womit Last Remaining Pinnacle nunmehr zu zweit sind. Das von den beiden Musikern zu Gehör Gebrachte scheppert sich sehr angenehm in die Gehörgänge, alle Zeichen stehen auf low fidelity und Garagenrock. Unsereins denkt da an The Fall, Sonic Youth und die legendären The Velvet Underground, was angesichts eines Titels wie „Students Of The V.U.“ vielleicht auch beabsichtigt ist. Das dominante Instrument ist natürlich die Gitarre.
Wieder mal liegt hier Musik vor, die sich in kein Genrekorsett zwängen lässt. Überwiegend – ich schrieb es ja schon – wird noisig die Garage gerockt. Stück 5 allerdings, „Mantle Rotation 3“, fällt bereits aus dem Rahmen: Drei Minuten lang wird eine wiederkehrende Tonfolge abgespielt, die nach einiger Zeit von einer leisen, quasi ambienten Melodie begleitet wird. Als ich das Album heute Mittag in Anwesenheit Dritter hörte, fragte man mich, um welche Art von Störgeräuschen es sich hierbei handele, was ich ziemlich amüsant fand.
„Visitors“ erschien am 21. Mai 2012 und verdient meine Empfehlung, die es dann hiermit auch mal bekommt. Interessenten können auf bandcamp.com das komplette Album im Stream hören sowie – leider momentan (?) nur – in nicht-physischer Fassung zum symbolischen Preis von mindestens 0 Euro erwerben. Dies sollte reichlich getan werden.
Der niedersächsischen Stadt Braunschweig gehörten und gehören viele Persönlichkeiten an, deren Existenz auf unterschiedliche Weise bereichernd war und ist. Eine dieser Persönlichkeiten ist Muhamed Ciftci, ein dem Salafismus gegenüber offener Islamprediger.
Dieser Prediger betreibt seit 2007 eine religiöse Lehranstalt, in der zuletzt bis zu 300 Schüler eingeschrieben gewesen sein sollen. Im Internet ist selbige zurzeit noch unter islamschule.de erreichbar.
Im Herbst des vergangenen Jahres nun, so schreiben Tessa Ranzau und Katrin Teschner in der heutigen Ausgabe der Braunschweiger Zeitung, sei diese Islamschule von der Staatlichen Zentralstelle für Fernunterricht darum gebeten worden, einen Antrag für eine Genehmigung für Fernunterricht einzureichen, der bis dahin nicht eingegangen war. In der vergangenen Woche wurde dieser derweil eingegangene Antrag nun abgelehnt, da sowohl Muhamed Ciftci als auch seine Islamschule zur Radikalisierung der Schüler beitrügen und die vertretenen Gewalt verharmlosenden, christen- und judenfeindlichen Thesen nicht mit den Grundregeln dieser Gesellschaft vereinbar seien. Der Ablehnungsbescheid verpflichtet Herrn Ciftci nun dazu, von dem Anbieten von Fernlehrgängen künftig Abstand zu nehmen.
Muhamed Ciftci selbst äußerte sich hierzu wie folgt:
Wir sind keine Schule, jeder kann sich im Internet unsere Videos anschauen. (…) Offenbar war das Ziel von Anfang an, die Islamschule zu verbieten.
Wir lernen zweierlei:
Erstens: Die Islamschule, die unter islamschule.de beworben wird, ist auch dann keine Islamschule, sondern ein Videoportal, wenn sie einen Antrag einreicht, die Rechte einer Schule wahrnehmen zu dürfen.
Zweitens: Wenn eine staatliche Stelle einem radikalislamischen Prediger, der keine Schule betreiben will, verbietet, eine Schule zu betreiben, ist das das Ergebnis einer fiesen, womöglich antiislamischen Verschwörung und nicht etwa angemessen.
(Klar: In einer Glühbirne ist ja auch keine Birne drin, also muss in einer Islamschule auch keine Schule drin sein.)
„I see dumb people.“
– Jim Davis, c/o „Harsh Times“
Soeben erreichte mich eine E‑Mail von einem Herrn Enlarge with Free Sample (mit diesem Namen ist man natürlich auch nicht sonderlich gut dran).
Sie trug diesen Betreff:
You will love the results on your organ
„Sie werden die Ergebnisse auf Ihrer Orgel lieben“. das klingt nach einem guten Titel für ein Musikalbum. Sollte ich also jemals Vollzeitmusiker werden, so wäre diese Schwierigkeit schon im Voraus aus der Welt geschafft.
Bislang hatte ich als guten Bandnamen „Denen“ und als guten Namen für ein Musikalbum „Das Album da“ im Sinn, nur um Kaufwillige im Plattenladen dabei beobachten zu können, wie sie sagen, sie hätten gern das Album da von denen. Aber so wird es eben zu einem zweiten Album führen müssen.
Wie der Text der E‑Mail schon so richtig sagt:
Fantastic results guaranteed
http://hardbiger.(zensiert)/
„Fantastische Ergebnisse garantiert! Mit freundlichen Grüßen, Ihr harter Biger.“
Das wäre natürlich auch ein toller Künstlername.
(Abt.: Witze, für die uns manche US-Amerikaner gelegentlich um unsere Sprache beneiden.)
heise.de so:
Wikipedia-Autorenschaft schrumpft, Zahl der Artikel steigt
Um das noch mal klar hervorzuheben: Es werden mehr Artikel.
Dass sich in all den Jahren eine gewisse Sättigung eingestellt hat, ist selbstverständlich: Je mehr Artikel es gibt, desto weniger weiße Flecken gibt es. Die verbleibenden weißen Flecken richten sich immer mehr an „Fachleute“. Menschen mit einer begrenzten Allgemeinbildung werden sich in einer quasi beliebigen Wikipedia nicht mehr sonderlich umfassend beteiligen können: Ausreichend umfassende Artikel zum Subjekt „Baum“ gibt es in jeder – selbst in der lateinischen – Sprachfassung.
Diese wenigen „Fachleute“ – die geschrumpfte Autorenschaft – verfassen insgesamt mehr Artikel. Und wer ist schuld daran? In der Vorstellung der Mitglieder des heise-Forums ist der Fall klar: Die „löschwütigen Troll-Admins“ natürlich.
Offenbar hat da irgendjemand etwas missverstanden.
Aus eher unerfreulichem Anlass heute eine zweite Montagsmusik als Abschluss des Tages:
See the blind man, he’s shooting at the world,
the bullets flying, they’re taking toll.
Nur die Besten sterben alt.
Und die 80er so:
You’ve played this scene before…
Guten Morgen.
(Vorbemerkung 1: Ich bin nach wie vor Mitglied der Piratenpartei, und dass dies nicht unbedingt Blindheit gegenüber dem Zustand der Partei und Schönfärberei äußerst unangenehmer Vorgänge mit sich bringt, muss anscheinend gelegentlich klargestellt werden. Das mache ich jetzt mal.
Vorbemerkung 2: Dies ist eine Zustandsanalyse und kein offener Brief. Sie könnte Polemik und/oder überzogene Darstellungen enthalten.)
Ende Juli findet in Niedersachsen eine neue Aufstellungsversammlung der Piratenpartei Deutschland für die Landtagswahlen im Jahr 2013 statt. Natürlich sehen das jetzt viele als ihre Chance, doch noch einen der begehrten Listenplätze zu ergattern, und dummerweise findet die Presse das interessant.
Begierig nehmen die Medien die Querelen, die seit Wochen wieder mal hochkochen, auf, verdrehen sie und suggerieren, dass die Piratenpartei mal wieder an der Sturheit weniger Idioten zerbricht. Und da es ja in letzter Zeit Mode geworden ist, einen Zwist nicht mehr Auge in Auge auszutragen, sondern sich nur noch in offenen Briefen miteinander zu unterhalten, bewerfen sich die Piraten gegenseitig immer wieder mit neuen Pamphleten, jedes länger und bescheuerter als das vorherige.
An die „lieben Neupiraten“ etwa wendet sich ein offener Brief, in dem von selbst ernannten Altpiraten, die also allein schon deswegen wissen müssen, worum es bei den Piraten geht, erklärt wird, worum es bei den Piraten angeblich gehe. Die drei Verfasser vertreten die Gründungsthesen, was an sich löblich ist, sind allerdings auch furchtbar stolz darauf, dass im piratischen Sinne das Programm um eine liberale Drogenpolitik erweitert wurde. Diejenigen, die auf dem entsprechenden Parteitag gegen diesen Antrag gestimmt haben, werden von ihnen indirekt als Wichtigtuer beschimpft („(…) wer war gegen diesen Antrag? Quasi ausschließlich Leute, die zuvor niemand auf einem Parteitag gesehen hatte. Neue Leute.“) und mit einem traurigen Emoticon bedacht. Das ist ein bisschen schade. (Trotzdem empfehle ich vor dem Weiterlesen, besagten offenen Brief einmal zur Kenntnis zu nehmen, denn im Kern verdient das dort Geschriebene zumindest meine Zustimmung.)
Dem vorausgegangen war ein anderer offener Brief namens „Machen statt labern!“, initiiert von ausgerechnet denen, die die Presse übereinstimmend als machtgierige Emporkömmlinge ansieht. Zusammengefasst statuieren sie, dass Piratsein bedeutet, dass man sich aktiv einbringt, statt meterlange Monologe auf den pirateneigenen Mailinglisten zu halten. Dass die Initiatoren selbst vortrefflich darin sind, in ebendiesen Listen ihre eigene Arbeit zu loben, ist eigentlich selbsterklärend. („Machen statt labern“ mithilfe eines ziemlich langen offenen Briefes – Gelabers – zu fordern setzt immerhin auch einige Chuzpe voraus, hierfür Applaus.) Ich äußerte mich hierzu bereits an geeigneter Stelle.
Ein dritter offener Brief erreichte gestern das Web, dessen Verfasser immerhin richtig erkannt hat, dass das Problem der Piraten nicht Alt- und Neupiraten sind, sondern „Nichtpiraten“, also diejenigen, denen es allein um einen attraktiven Posten im Land- oder Bundestag und nicht um die piratischen Ideale geht. Der konstruktive Ansatz hier fehlt gänzlich, ein „so kann es nicht bleiben“ ist sicher ebenso gut und richtig wie die (seltene) Benennung derer, die die piratischen Ideale zu torpedieren versuchen, aber das Zurückhalten von „Egoisten und Karrieristen“ – treffend zusammengefasst – allein beseitigt die zwei großen Probleme noch nicht, die der niedersächsische Landesverband der Piratenpartei zurzeit hat.
Eines dieser beiden Probleme ist die anstehende Wahl, die natürlich auch Leute anlockt, von denen man bis dato noch nie etwas gehört hat. Wahlen, infolge derer die Piratenpartei mit ziemlicher Sicherheit einige Plätze im Landtag bekommen wird, sind ein guter Nährboden für Leute, die Interesse an einem gut bezahlten Sesselfurzerdasein haben. Für welche Partei sie in die Sessel furzen, ist ihnen weitgehend egal, zumindest erwecken sie diesen Eindruck. Als Politiker muss man zwar in der Lage sein, sich selbst positiv hervorzuheben, nicht jedoch gegenüber dem Rest seiner Partei. „Wählt mich, ihr seid alle kacke“ wird niemanden in einen Landtag hieven. Wer die Aktiven-Mailingliste des Landesverbandes verfolgt (dies geht auch per Webbrowser), dem dürfte nicht entgangen sein, dass diese simple Regel offenbar noch nicht von jedem verstanden worden ist.
Bei den Piraten kommt man nicht nach oben, indem man gegen unliebsame Konkurrenz intrigiert, ganz gleich, wie groß und verschlagen der Kreis der eigenen Unterstützer ist. Das sollte sich allmählich mal herumsprechen.
Apropos Verschlagenheit: Das andere der beiden Probleme ist der gegenwärtige Landesvorstand, der sich vor allem dadurch hervortut, dass er die bedingungslose Basisdemokratie – bekanntlich eines der Gründungsideale der Piratenpartei – und die umfassende Transparenz gern mal ignoriert. Für in dieser – rein politischen – Hinsicht besonders verachtenswert befinde ich persönlich Thomas Gaul, den gegenwärtigen stellvertretenden Landesvorsitzenden, der besonders das mit der Transparenz nicht sonderlich gut zu finden scheint. Zwar ist er natürlich meist über kommende Entwicklungen des Landesverbandes informiert, hält es jedoch nicht für nötig, selbst auf Nachfrage die Basis ins Bild zu setzen. Eigentlich könnte man Thomas Gaul problemlos durch ein Perl-Skript ersetzen, das auf jede Eingabe mit „Ich weiß es, ihr werdet es erfahren.“ antwortet. Es mutet befremdlich an, dass er auf jede Kritik an diesem Stil mit „Mach’s doch besser!“ reagiert und dann trotzdem nicht zurücktritt. Ja, was interessiert so einen Vorstand schon der Pöbel, der ja doch nur auf Kreisebene agiert?
Es ist schade, dass der restliche Landesvorstand ebenfalls nicht unbedingt geschickter agiert. Kürzlich etwa wurde gefragt, ob die Mehrheit der Basispiraten in Niedersachsen eine Aufstellungsversammlung in Delmenhorst oder in Wolfenbüttel (einige Wochen früher) bevorzugen würde. Die Mehrheit entschied sich für Delmenhorst, der Landesvorstand beschloss einstimmig, sich darüber hinwegzusetzen. Begründet wurde dieses Ignorieren der basisdemokratischen Prinzipien damit, dass es sich nur um eine Umfrage und nicht um eine Abstimmung gehandelt habe. Den genauen Unterschied konnten und/oder wollten die Verantwortlichen allerdings nicht benennen. Dass das bislang eine (unrühmliche) Ausnahme war und es sicher gute Gründe für die Entscheidung gegeben hat, wird den nachhaltigen Schaden, den es angerichtet hat, nicht zu reparieren vermögen. Ich schätze, eine Wiederwahl wird erfolglos bleiben.
Dies alles einmal beiseite gelassen und zurück zum konstruktiven Teil: Bei den Piraten geht es nicht um alt oder neu, um Basis oder Vorstand, um Kernpirat oder Vollpirat, wenngleich ich persönlich diejenigen, die eine kontinuierliche Programmerweiterung als notwendig erachten, meinerseits für realitätsfern halte. Eine in fast jeder Hinsicht andere Partei wie die Piratenpartei kann damit leben, dass sich immer wieder Neuankömmlinge mit altbekannten Fragen zu Wort melden, weil sie die Piratenpartei mit einer Protestpartei oder mit „den besseren Grünen/Linken/Liberalen“ verwechseln. Das ist nicht schlimm, so lange diese Neuankömmlinge nicht versuchen, die unumstößlichen Grundsätze der Partei zu beschädigen.
Die Piratenpartei hat keine Parteilinie, der man sich unterordnen sollte. Sie ist nicht „gegen Rechts“, „gegen Hartz IV“ oder „gegen schlechtes Wetter“. Die Piratenpartei steht nicht „gegen“ etwas. Sie steht „für“ etwas. Dieses „für“ ist das gemeinsame Ziel, eine, wenn schon nicht immer bessere, zumindest andere Politik zu machen. Das geht ohne die Störenfriede genau so gut wie mit ihnen. Das Programm, das die Piratenpartei vertritt, wird nach wie vor von denen gemacht, die die meisten Sympathien ernten können – eben von der Mehrheit.
Was also ist zu empfehlen? Nun, ich bin da pragmatisch: Ihr wollt Politik machen? Dann tut das – und sprecht nicht darüber. Altpiraten, Neupiraten, Machtpiraten: Einfach mal Schnauze halten. Die Segel des Piratenschiffs werden nicht von der heißen Luft vorangetrieben, die ihr mit euren offenen Briefen fabriziert. Man kommt auch über Umwege ans Ziel; man sollte es nur nicht weiträumig umfahren. Dieses Ziel ist gesetzt. Sucht euch eine Route, aber fragt nicht ständig nach dem Weg. Wenn ihr eure Seekarte verloren habt, dann gebt es wenigstens offen zu, aber fragt nicht die Presse danach, ob sie sie vielleicht gefunden hat. Das wird scheitern.
Ach, diese Piraten sind schon bescheuert manchmal. Aber liebenswert. Sie sind so menschlich.
Das Autorenduo Holger Bleich und Ragni Serina Zlotos widmet zwei Doppelseiten in der neuen Ausgabe des Technikmagazins c’t verschiedenen Möglichkeiten, die eigene Webpräsenz (und nicht etwa „Internetpräsenz“) mit so genannten „sozialen Netzwerken“ wie Google+ und Facebook sowie mit dem Mikroblogsystem Twitter zu verknüpfen.
Dabei kommt außer diversen jeweils hauseigenen Plugins, etwa dem Facebook-Plugin für WordPress, das mal eben den eigenen Kommentarbereich auf den Server eines Drittanbieters verlagert, auch der grandiose Dienst ifttt vor. Dass die beiden Autoren noch am Anfang ihres Artikels die Nachteile eines Facebook-Auftritts (nämlich das Abtreten der meisten Rechte an diesem Auftritt) betonen und also, ausgerechnet Sascha Lobo zitierend, dazu raten, lieber auf eine eigene Domain zu setzen, ist ihnen zugute zu halten, um so weniger jedoch verstehe ich, wieso sie bei ifttt als „großen Nachteil“ benennen, dass der Dienst auf die jeweiligen Konten (Twitter, Facebook, …) Schreibzugriff benötigt, während sie sich über die Nachteile einer direkten Facebook-Integration ausschweigen.
Besonders auffällig allerdings waren diese Sätze:
Sicherlich wird es eine Weile dauern, bis sich Ihre Verzahnung mit sozialen Medien positiv auswirkt. Eines ist jedoch sicher: Wer nicht mitmacht, der bekommt aus diesen Kanälen selten positive Aufmerksamkeit.
In anderen Worten: Wer bewusst darauf verzichtet, seine Beiträge automatisiert in irgendeines der unzähligen „sozialen Netzwerke“ zu schmieren, der handelt fahrlässig und wird deswegen kaum Leser erhalten.
So weit die Theorie.
Diese Theorie wäre zutreffend, wären die im Artikel genannten Dienste Facebook, Twitter und Google+ vom Rest des Webs abgeschottete Inseln, auf denen man nur wahrnimmt, was innerhalb ihrer Grenzen geschieht. (Sympathische Menschen würden nun sagen: Ja, auf Facebook ist das doch genau so.) Allerdings funktionieren soziale Medien eben nicht deshalb mehr oder weniger gut, weil Computerprogramme dort Dinge veröffentlichen, sondern deshalb, weil Menschen es tun.
Ich habe, seit ich ein „Weblog“ (beziehungsweise eben diese Seite hier) betreibe, noch nie einen neuen Artikel automatisch getwittert oder gefacebookt oder gegoogleplust. Eine Ausnahme mache ich, wenn ich etwas zu einer aktuellen Diskussion auf Twitter geschrieben habe, dann füge ich gelegentlich manuell einen Verweis zu dem entsprechenden Beitrag an einen Tweet an. Beiträge, die ich selbst für besonders erwähnenswert halte, kopiere ich manchmal auch in mein Diaspora-Profil (zurzeit wird hier oben rechts darauf verlinkt) und erfreue mich an den drei oder vier Kommentaren, die ich dort in der Regel erhalte, aber zu einem Ansturm an Besuchern führt das schon deshalb nicht, weil ich selten die Adresse zum Originalartikel dort hinterlasse. Welchen Mehrwert hätte das?
Und obwohl ich weder Facebook noch Google+ mit relevanten Inhalten befülle, obwohl ich nicht automatisiert twittere oder sonstwie das menschliche Miteinander dort mithilfe seelenloser Algorithmen störe, die nur der plumpen Eigenwerbung dienen, finden immer wieder Besucher von dort meine Artikel. Meine dieswöchige Verweisstatistik, also die Statistik der Webseiten, von denen aus am häufigsten Besucher auf meine Webpräsenz gelangen, wird nicht selten von Twitter angeführt:
Woran das liegt? Nun, aller Wahrscheinlichkeit nach daran, dass „soziale Netzwerke“ auf dem Prinzip des Teilens basieren. Wenn jemandem aus irgendwelchen Gründen gefällt, was ich schreibe, dann steht es ihm frei, hierauf in einem „sozialen Netzwerk“ seiner Wahl zu verweisen. Auf diese Weise werden mir sogar Besucher von facebook.com und plus.google.com beschert, obwohl ich die nun wirklich nicht eingeladen habe.
Aber auch, wer nicht auf Facebook oder dergleichen über einen Verweis hierher stolpert und sich dabei hoffentlich keine Blessuren zuzieht, ist in der Lage, in den Weiten des Webs ausgerechnet meine Texte zu finden. Die Technik, die dies ermöglicht, ist älter als Facebook, Google und Twitter. Sie heißt Suchmaschine.
Holger Bleich und Ragni Serina Zlotos scheinen die Benutzer von Facebook, Google+ und Twitter für so beschränkt zu halten, dass für jene in ihrer Vorstellung „das Internet“ nur noch aus diesen drei Portalen und dem Mailprogramm (beziehungsweise eben Google Mail oder Facebooks Mailsystem) bestehe; dass sie sich einer Existenz anderer Webseiten gar nicht mehr bewusst seien, weil sich ihr digitales Leben allein dort abspiele. Tatsächlich aber ist das, was ich publiziere, problemlos auch per DuckDuckGo, Bing, Blekko und Google zu finden, wenn es nur dem Gesuchten nahe kommt.
Wenn etwa jemand wissen möchte, was das Programm ilividsetupv1.exe (immer noch unangefochten an der Spitze der hiesigen Suchbegriffe) genau macht, dann kann er entweder auf seiner Facebook-Pinnwand danach fragen, woraufhin irgendjemand in der Suchmaschine seiner Wahl danach suchen und vielleicht meinen Beitrag dazu finden wird, oder dies selbst tun. Das Ergebnis ist das gleiche: Webseiten aus dem „restlichen Internet“ finden in Form eines Verweises ihren Weg in die gerade im Trend liegenden „sozialen Netzwerke“, ohne dass es dazu aktiver Unterstützung des Autors („Urheber“ ist ja dieser Tage eher ein Schimpfwort) bedarf.
Wer also von der Facebook-Klientel gelesen werden möchte, der muss nicht seine Webpräsenz mit kilobyteweise Javascript zu einer Werbeplattform für irgendwelche großen Portale machen. Es gilt die gleiche Regel wie für diejenigen, die auf technische SEO (Suchmaschinenoptimierung) setzen und darüber den Inhalt vergessen: Leser erwarten vorrangig inhaltlichen Mehrwert. Eine tolle bunte Kommentarfunktion und eine Ein-Klick-Lösung, um das Gefallen ausdrücken zu können, ohne „Danke!“ schreiben zu müssen (das scheint ja eine aussterbende Tradition zu sein), sind bestenfalls zweitrangig. Ich habe noch keine Website besucht, weil ich ihre Kommentarfunktion so toll fand – und wer mir nichts zu sagen hat, der wird mich nie wieder sehen.
Aber vielleicht habe ich das mit dem Web auch einfach nur falsch verstanden.