MusikkritikKaufbefehle
Musik 06/2012 – Favo­ri­ten und Ana­ly­se

Die­ser Arti­kel ist Teil 9 von 29 der Serie Jah­res­rück­blick

Leck mich fett, is‘ schon wie­der Ende Juni? Dann wird’s Zeit für die all­se­me­stri­ge Liste der schmack­haf­te­sten Stu­dio­al­ben der ersten sechs Mona­te, die mir bis dato unter­ge­kom­men sind. Dies­mal habe ich sogar dar­an gedacht, sie eini­ger­ma­ßen regel­mä­ßig zu sichern, und kann die­se Vor­ge­hens­wei­se eben­so emp­feh­len wie fol­gen­de Musikal­ben. ‘Musik 06/2012 – Favo­ri­ten und Ana­ly­se’ wei­ter­le­sen »

KaufbefehleMusikkritik
The Ex: Jazz­ex­pe­ri­men­te aus den Nie­der­lan­den

Ein aus­nahms­wei­se nur kur­zer musi­ka­li­scher Ein­wand für mei­ne Musik hören­den Leser:

Der Zufall ließ mich in die­ser Woche auf die nie­der­län­di­sche For­ma­ti­on The Ex sto­ßen. Das Quar­tett wur­de 1979 gegrün­det, ist auf nam­haf­ten Jazz­fe­sti­vals wie dem Ros­kil­de Festi­val und, wie­so auch immer, auf dem ita­lie­ni­schen Anti Fascist Festi­val 1981 in Bolo­gna auf­ge­tre­ten und hat bis dato 25 Musikal­ben ver­öf­fent­licht.

Von den ursprüng­lich drei Grün­dungs­mit­glie­dern ist nur noch Gitar­rist Ter­rie Hes­sels an Bord. Trotz fort­schrei­ten­den Alters aber spie­len sie noch immer einen druck­vol­len Jazz­rock mit Free-Jaz­z‑, Punk- und ande­ren Ver­satz­stücken. Eine abso­lu­te musi­ka­li­sche Ein­ord­nung ist schwie­rig, die Musik­pres­se behilft sich meist mit eigens erdach­ten Gen­res von „Afro-Punk“ bis hin zu „impro­vi­sier­tem Jazz“.

Dass Jazz und Punk zusam­men­pas­sen, mag erstaun­lich schei­nen, aber The Ex beherr­schen die Kom­bi­na­ti­on. Ihr Spiel mit den Gen­res ist bereits so legen­där gewor­den, dass der bri­ti­sche „Guar­di­an“ im Janu­ar 2010 schrieb, es sei höchst unwahr­schein­lich, dass es irgend­ei­nen Musik­stil der letz­ten 50 Jah­re gäbe, den The Ex noch nicht aus­pro­biert und in ihre Musik ein­ge­bun­den – oder direkt wie­der ver­wor­fen – haben.

Auf der Inter­net­sei­te der Band sind eini­ge Stücke in der Ori­gi­nal- oder einer über­ar­bei­te­ten Ver­si­on im MP3-For­mat frei her­un­ter­zu­la­den, auch zwei bis­lang unver­öf­fent­lich­te Lie­der aus dem Jahr 2009 sind dabei. „Dou­ble Order“, eines der letzt­ge­nann­ten bei­den Stücke, hat mich beson­ders beein­druckt; sozu­sa­gen unüber­hör­bar sind hier die Ähn­lich­kei­ten mit den frü­hen Can eben­so wie die Wur­zeln der Band im Jazz.

Ja, The Ex machen her­aus­ra­gen­de, viel­sei­ti­ge, pri­ma Musik, und man soll­te jedes ihrer 25 Alben kau­fen und rüh­men. Die­se Musi­ker sind zu gut, um nicht beach­tet zu wer­den.

Sonstiges
Einen hab’ ich noch: Poly­lo­goi ©

Ich gebe zu, die Fla­schen­post war beim letz­ten Mal etwas schwer zu erra­ten, wie das bei poli­ti­schen Wit­zen eben immer so ist.

In Fol­ge C der losen Serie „Poly­lo­goi“ ver­su­che ich es statt­des­sen mal mit Reli­gi­on. Was sehen wir hier?

Na, naaa?

Die Auf­lö­sung gibt es dann, wie gewohnt, im näch­sten Teil.

(Nach­trag: Wer es eilig hat, der erfährt die Lösung auch in den Kom­men­ta­ren.)

In den NachrichtenWirtschaft
Na end­lich: Der Sozia­lis­mus ret­tet den Euro

Für das Han­dels­blatt schwätzt Franz Max Josef Strauß heu­te zum The­ma Koali­ti­ons­bil­dung in Grie­chen­land dies ins Inter­net hin­ein:

Schei­tert der Auf­bau einer moder­nen Ver­wal­tung in Athen, ist ein wirt­schaft­li­cher Auf­schwung nahe­zu aus­ge­schlos­sen, was zu mas­si­ven sozia­len Pro­ble­men füh­ren wür­de.

Dann droht das Land dau­er­haft zum teu­ren Kost­gän­ger Euro­pas zu wer­den, und nie­mand braucht davon zu träu­men, dass dann die grie­chi­schen Staats­an­lei­hen jemals zurück­be­zahlt wer­den. Der euro­päi­sche Steu­er­zah­ler müss­te dann im Namen der Euro-Ret­tung die­se Last schul­tern, was ein schlim­mes Signal an ande­re süd- oder ost­eu­ro­päi­sche Ver­wal­tun­gen und eine schwe­re Hypo­thek für den euro­päi­schen Eini­gungs­pro­zess wäre.

Grie­chen­land, der teu­re Kost­gän­ger Euro­pas mit mas­si­ven sozia­len Pro­ble­men (der Spar­kurs treibt zum Bei­spiel die dor­ti­gen Arbeits­lo­sen­zah­len in die Höhe), des­sen Staats­an­lei­hen wohl nie­mand je wie­der­se­hen wird und des­sen Miss­wirt­schaft von uns, den rei­chen Euro­län­dern, im Namen der „Euro-Ret­tung“ (Strauß) aus­ge­gli­chen wer­den muss, wür­de ohne eine moder­ne Ver­wal­tung also blei­ben, was es jetzt ist.

Aber wie sieht eine „moder­ne Ver­wal­tung“ aus? Tja, das fin­det man ganz ein­fach her­aus, indem man die radi­kal­so­zia­li­sti­sche Par­tei SYRIZA wählt:

Syri­za ist wohl die ein­zi­ge Mög­lich­keit, dass die Grie­chen aus eige­ner Kraft die bis­he­ri­gen kor­rup­ten „Eli­ten“ ablö­sen könn­ten, weil es den Rücken frei hat und nicht auf ver­gan­ge­ne Ver­strickun­gen Rück­sicht neh­men muss. Dass Tsi­pras mit dem Aus­stieg aus dem Euro – und den damit ver­bun­de­nen Ver­lu­sten der Gläu­bi­ger Grie­chen­lands – droh­te, soll­ten wir ihm als not­wen­di­gen Thea­ter­don­ner und Wahl­kampf­rhe­to­rik zubil­li­gen.

Kor­rup­te Eli­ten wird man am ein­fach­sten los, indem man eine links­ra­di­ka­le Regie­rung wählt, das hat ja auch in Deutsch­land – drü­ben in der Zone – schon mal so gut funk­tio­niert, dass eini­ge von ihnen immer noch eini­ger­ma­ßen hohe poli­ti­sche Ämter in die­sem Land beklei­den. Dass der Vor­sit­zen­de der SYRIZA den Euro abzu­schaf­fen for­dert, ist sicher nur ein Witz von ihm und gar nicht so gemeint, denn dann sähe es mit der Rück­zah­lung der gelie­he­nen Euro auch eher düster aus, und war­um soll­te Grie­chen­land sei­ne Schul­den nicht zurück­zah­len wol­len? Das wäre doch nicht nett.

Und so schlimm ist das ja auch gar nicht mit den Alb­träu­men von der lin­ken Ter­ror­herr­schaft, sagt der Strauß, weil Deutsch­land mit Links­ra­di­ka­len bis­her erstaun­lich gut zurecht­ge­kom­men sei:

Wir soll­ten uns viel­leicht an unse­re eige­ne Geschich­te erin­nern, näm­lich dar­an, dass 1968 auch bei uns Pro­te­stie­rer in Mas­sen hin­ter den Bil­dern kom­mu­ni­sti­scher Unter­drücker und Dik­ta­to­ren her­lie­fen, um das bür­ger­li­che Estab­lish­ment zu erschrecken. Aus ihnen gin­gen im Lau­fe der Jah­re vie­le demo­kra­ti­sche Par­la­men­ta­ri­er und Bun­des­mi­ni­ster her­vor, die so gar nichts mit den Bil­dern gemein haben, hin­ter denen sie mal her­ge­lau­fen sind.

Der Bekann­te­ste die­ser Par­la­men­ta­ri­er und Bun­des­mi­ni­ster ist wahr­schein­lich „Josch­ka“ Fischer, der als frü­he­rer Bun­des­au­ßen­mi­ni­ster nicht nur den ersten deut­schen Angriffs­krieg seit 1945 zu ver­ant­wor­ten hat, zu ihnen gehört des Wei­te­ren Otto Schi­ly, Trä­ger des Big Brot­her Life­time Awards 2005 „für den Aus­bau des deut­schen und euro­päi­schen Über­wa­chungs­sy­stems auf Kosten der Bür­ger- und Frei­heits­rech­te und für sei­ne hart­näcki­gen Bemü­hun­gen um die Aus­höh­lung des Daten­schut­zes unter dem Deck­man­tel von Sicher­heit und Ter­ror­be­kämp­fung“.

Genau sol­che Leu­te braucht Grie­chen­land. Die wis­sen noch, wor­auf es ankommt.

In den NachrichtenPiratenpartei
Medi­en­kri­tik LXIX: Türen ver­schlos­sen, Fen­ster weit offen

Ach, tagesschau.de, wofür bezah­len wir euch eigent­lich?

In einer Rei­he von Gesprä­chen am Run­den Tisch tausch­ten Pira­ten in den ver­gan­ge­nen Wochen Argu­men­te und Mei­nun­gen aus, mit Autoren und Buch­händ­lern, Musi­kern und Pro­du­zen­ten, sogar mit der GEMA – und mit ihr sogar, ent­ge­gen den Gepflo­gen­hei­ten der Pira­ten, hin­ter ver­schlos­se­nen Türen.

(Her­vor­he­bung von mir.)

Dabei ist das sach­lich nicht mal falsch, der Tisch ist tat­säch­lich rund und die Türen waren ver­schlos­sen. Dass man die Video­auf­zeich­nung hier­von ent­ge­gen den Gepflo­gen­hei­ten bei Gesprä­chen hin­ter ver­schlos­se­nen Türen und ent­spre­chend den Gepflo­gen­hei­ten der Pira­ten trotz­dem anse­hen kann, hat aller­dings auch nie­mand bestrit­ten. Die Türen ver­schlos­sen, das Fen­ster weit offen. Nur bei den Öffent­lich-Recht­li­chen ist man drau­ßen geblie­ben.

„Fern­se­hen zum Anklicken“ ist das momen­ta­ne Mot­to des Web­auf­trit­tes des „Ersten“, in dem die Tages­schau nor­ma­ler­wei­se läuft. Iro­nie kön­nen sie schon ganz gut.

(Quel­le: Inter­net.)


In wei­te­ren Nach­rich­ten: Face­book kauft Face.com. Ver­mut­lich soll­te buch.de schon mal zit­tern.

NerdkramsIn den Nachrichten
Stu­die: Spam­mer spam­men.

Zum Ver­ständ­nis des fol­gen­den Sach­ver­hal­tes ist es nötig, die Grund­zü­ge von Twit­ter zu ver­ste­hen, wes­halb ich einen ent­spre­chen­den Exkurs vor­an­stel­le.

Der Kurz­nach­rich­ten­dienst Twit­ter, eine Art „SMS für das Inter­net“ und nicht etwa ein „sozia­les Netz­werk“ im eigent­li­chen Sin­ne, basiert im Wesent­li­chen auf der Annah­me, dass jeder bis zu 140 Zei­chen „twit­tern“ kann, die dann in der öffent­li­chen Zeit­lei­ste erschei­nen. Dabei ist es auch mög­lich, gezielt ein­zel­ne Twit­ter-Benut­zer anzu­pin­gen, indem man sie erwähnt. Eine sol­che Erwäh­nung kann es auch sein, einen „Ret­weet“ zu sen­den, eine Mit­tei­lung eines ande­ren Benut­zers also selbst zu tei­len. (Wie das wohl mit dem geplan­ten Lei­stungs­schutz­recht kor­re­liert?) Sol­che „Pings“ erschei­nen beim Erwähn­ten dann, sofern nicht blockiert oder gezielt aus­ge­blen­det, an geson­der­ter Stel­le.

Man kann ein­zel­nen Benut­zern auch „fol­gen“ und so ihre Mit­tei­lun­gen („Tweets“) in der eige­nen Zeit­lei­ste sehen, was ein wenig der „Pinn­wand“ bezie­hungs­wei­se dem „Stream“ in die­sen „sozia­len Netz­wer­ken“ ent­spricht.

Der Sinn des Gan­zen ist es, dass man sei­ne gegen­wär­ti­gen Gedan­ken („ich muss kacken“) jedem mit­tei­len kann, der sie lesen will; auch pro­fes­sio­nel­le­re Zwecke sind aber mach­bar, so ver­öf­fent­li­chen zum Bei­spiel eini­ge Blogs Hin­wei­se auf neue Arti­kel immer umge­hend bei Twit­ter, so dass man ihnen an einem zen­tra­len Ort „fol­gen“ kann, ohne sie per RSS/Atom („dyna­mi­sche Lese­zei­chen“ heißt das in Fire­fox) abon­nie­ren zu müs­sen. (Was ande­rer­seits viel coo­ler und vor allem prak­ti­scher ist, aber eben nicht jeder ver­steht.) Eigent­lich ist Twit­ter also völ­lig über­flüs­si­ger Blöd­sinn.

Ange­sichts des gro­ßen Bekannt­heits­gra­des und vor allem der Infor­ma­ti­ons­ge­schwin­dig­keit von Twit­ter – so man­che Revo­lu­ti­on wur­de ja unter ande­rem per Twit­ter orga­ni­siert – ist es unver­meid­lich, dass sich auch Spam­mer dort breit­ma­chen, die mit­tels Erwäh­nun­gen oder auch blo­ßem Fol­gen auf sich auf­merk­sam machen, um dann bil­lig irgend­wel­che Penis­pil­len oder bezahl­ten Blog­ar­ti­kel unters Volk zu brin­gen. Mir selbst „fol­gen“ zur­zeit – Stand 4:04 Uhr – 80 Twit­ter­nut­zer. Etwa­ige Spam­bots, die ich (anders als etwa @big_ben_clock) nicht als „Ver­fol­ger“ (und somit poten­zi­el­le Nerv­quel­len) wün­sche, sor­tie­re ich unre­gel­mä­ßig per BotPwn aus. Hier endet der Exkurs.

Gehen wir in medi­as res: Meist suchen besag­te Bots nach einem bestimm­ten Schlüs­sel­wort und hef­ten sich dann, sozu­sa­gen, an die Fer­sen des Twit­te­rers. Gele­gent­lich äuße­re ich auf Twit­ter etwa mei­nen Miss­mut über neue Ent­wick­lun­gen sei­tens Apple – zuletzt bescher­te mir das eine Apple-Nach­rich­ten­sei­te als „Fol­lower“. Damit könn­te ich jetzt mei­ne Spä­ße trei­ben, aber das hebe ich mir für einen even­tu­ell spä­te­ren Zeit­punkt auf. Tat­säch­lich also sind die­se Bots nicht unbe­dingt Spam­ver­tei­ler, aber doch sel­ten erwünscht. Man könn­te sol­che Bots auch nut­zen, um sein eige­nes Pro­fil belieb­ter erschei­nen zu las­sen, aber für beson­ders gro­ße Fol­lo­wer­zah­len bekommt man bei Twit­ter eben­so wenig Aner­ken­nung wie auf Face­book für eine vier­stel­li­ge Anzahl an „Freun­den“, wes­halb man ein ziem­lich armes Würst­chen sein muss, um das zu tun.

Und nun kommt heise.de ins Spiel. Dort schrieb Axel Kan­nen­berg gestern:

Fast die Hälf­te der „Fol­lower“ vie­ler gro­ßer Unter­neh­men auf Twit­ter könn­ten maschi­nen­ge­steu­er­te Fakes sein, wie eine Unter­su­chung (…) des Mai­län­der Medi­en­pro­fes­sors Mar­co Cami­sa­ni Cal­zo­la­ri erge­ben hat. (…) Einen mög­li­chen Grund für die teil­wei­se hohe Zahl von Fake-Fol­lo­wern sieht Cal­zo­la­ri laut Tech­no­ra­ti in der Aus­la­ge­rung der Social-Media-Akti­vi­tä­ten an Agen­tu­ren. Die­se wür­den mit­un­ter „Abkür­zun­gen“ über Bots neh­men, um ihren Auf­trag­ge­bern schnel­le Erfolgs­mel­dun­gen mit gro­ßen Fan­zah­len mel­den zu kön­nen.

Ziem­lich arme Würst­chen sit­zen also vor allem in Wer­be­agen­tu­ren. Wen wun­dert es? – Dies bei­sei­te gelas­sen: Selbst­ver­ständ­lich fol­gen vie­le Twit­ter-Bots gro­ßen und erfolg­rei­chen Twit­te­rern, und zwar aus dem glei­chen Grund, aus dem E‑Mail-Spam nur sel­ten manu­ell und in Ein­zel­aus­füh­rung ver­sandt wird: Als Spam­bot­be­trei­ber – oder Spam­mer – ist man natür­lich an einer mög­lichst gro­ßen Zahl an Lesern inter­es­siert. Für eine Stu­die, die so etwas her­aus­fin­det, hat womög­lich jemand Geld aus­ge­ge­ben? (Ganz toll ist ja auch die Über­schrift: „Stu­die: Twit­ter-Bots fol­gen Unter­neh­men“, ja, wem denn sonst?)

Soll­te es so sein, dass es Twit­ter­ver­mark­tern allein um gro­ße Zah­len geht, dann gebe ich den betrof­fe­nen Unter­neh­men völ­lig unent­gelt­lich einen Tipp: Twit­tert über inter­es­san­te Din­ge (dann kom­men die Inter­es­sen­ten von allein) oder seid selbst inter­es­sant. Mas­sig Agen­tur­bots, die so tun, als sei­en sie begei­ster­te Kun­den, sagen über euch als Unter­neh­men anson­sten mehr aus, als euch lieb ist.

Wenn sich ande­rer­seits das Trei­ben einer Wer­be­agen­tur auf die Simu­la­ti­on von Inter­es­sen­ten (gene­rier­te Besu­che einer Web­site, gene­rier­te Ver­fol­ger bei Twit­ter, gene­rier­te „Freun­de“ auf MySpace) beschränkt und man nicht mal mehr krea­tiv sein muss, um in die­ser Bran­che erfolg­reich zu sein, dann klingt das nach einem ziem­lich guten Beruf für mich. Wo muss ich mich bewer­ben?

PolitikIn den Nachrichten
Kurz ver­linkt CVII: Ter­ror­be­klei­dung

Gefahr im Anzug Ver­zug:

Im säch­si­schen Land­tag hat der Prä­si­dent heu­te die Poli­zei geholt, um alle Abge­ord­ne­ten der NPD-Frak­ti­on abfüh­ren zu las­sen. Die Par­la­men­ta­ri­er waren von der Sit­zung aus­ge­schlos­sen wor­den, weil sie – ent­ge­gen der Geschäfts­ord­nung – Klei­dung des Labels Thor Stei­nar tru­gen. Erst als die Poli­zei kam, ver­lie­ßen die Abge­ord­ne­ten den Saal.

Der Land­tags­prä­si­dent hat erstaun­li­chen Lang­mut bewie­sen: Anstel­le des schwar­zen Blocks, der die­sem unver­schäm­ten Pöbel mal gezeigt hät­te, wo der Bartel den Most holt, ließ er nur die Poli­zei anrücken. Die­se Maß­nah­me war voll­kom­men gerecht­fer­tigt, denn die Anwe­sen­heit gewähl­ter Mit­glie­der des Land­ta­ges in Thor-Stei­nar-Beklei­dung in einem Land­tag ist ein für die Demo­kra­tie unhalt­ba­rer Zustand: Ein auf­rech­tes Mit­glied des säch­si­schen Land­ta­ges hat gefäl­ligst Anzü­ge von Hugo Boss zu tra­gen und nicht sol­che ent­ar­te­ten Kla­mot­ten von irgend­wel­chen Ara­bern!

Kein Fuß­breit dem Dings!

PolitikIn den Nachrichten
Pazi­fi­sti­sche Weich­ei­er!

Das deut­sche Volk ist doch ein wan­kel­mü­ti­ges! Da setzt es sich jah­re­lang dafür ein, dass Joa­chim Gauck end­lich Bun­des­prä­si­dent wird, und nun, da er es gewor­den ist, mäkelt es stän­dig an sei­ner Amts­füh­rung her­um.

Dabei setzt er sich für die Belan­ge jedes Bür­gers ein, selbst der Sol­da­ten die­ses Lan­des, vor denen er eine fes­seln­de Rede gehal­ten hat. Er, der er jah­re­lang in einem Staat leb­te, des­sen „Natio­na­le Volks­ar­mee“ eher gegen statt für das Volk gekämpft hat, weiß um die Vor­zü­ge der deut­schen Bun­des­wehr:

Welch ein Glück, dass es gelun­gen ist, nach all den Ver­bre­chen der natio­nal­so­zia­li­sti­schen Dik­ta­tur und nach den Gräu­eln des Krie­ges, in die­sem Land eine sol­che Armee zu schaf­fen: eine Armee des Vol­kes, im besten, eigent­li­chen Sin­ne, kein Staat im Staa­te, kei­ne Par­tei­en­ar­mee, son­dern eine „Par­la­ments­ar­mee“, an demo­kra­ti­sche Wer­te gebun­den, an Grund­ge­setz und Sol­da­ten­ge­setz; (…).

Eine Armee des Vol­kes, die gegen den aus­drück­li­chen Wil­len des Vol­kes Zivi­li­sten im Aus­land die Bir­ne weg­bal­lert; aber eben wenig­stens nicht im Inland wie damals. Ja, es ist alles viel bes­ser gewor­den. Wer aber wür­de die har­te Arbeit der Sol­da­ten für Deutsch­land ernst­haft kri­ti­sie­ren, wer aber erhebt stö­ren­de Ein­wän­de gegen die Not­wen­dig­keit der Gewalt? Natür­lich: Nur die Weich­ei­er.

„Und dass es wie­der deut­sche Gefal­le­ne gibt, ist für unse­re glück­süch­ti­ge Gesell­schaft schwer zu ertra­gen.“ Aber: „ ‚Ohne uns‘ als purer Reflex kann kei­ne Hal­tung sein, wenn wir unse­re Geschich­te ernst neh­men“, mahn­te der Prä­si­dent. (…) Die Abscheu gegen Gewalt sei zwar ver­ständ­lich, und Gewalt wer­de immer ein Übel blei­ben, sag­te Gauck in Ham­burg. „Aber sie kann (…) not­wen­dig und sinn­voll sein, um ihrer­seits Gewalt zu über­win­den oder zu unter­bin­den“, beton­te Gauck.

„Ich wün­sche nicht den Kampf. Wenn er mir jemals aber auf­ge­zwun­gen wird, dann wer­de ich ihn füh­ren, so lan­ge in mir auch nur ein Atem­zug leben­dig ist… und ich kann ihn heu­te füh­ren, weil ich weiß, dass hin­ter mir das gan­ze deut­sche Volk steht!“
– Adolf Hit­ler

„Die­se Bun­des­wehr ist kei­ne Begren­zung der Frei­heit, son­dern eine Stüt­ze unse­rer Frei­heit“, beton­te Gauck. Die Bun­des­wehr habe sich von unse­li­gen mili­tä­ri­schen Tra­di­tio­nen gelöst und sei heu­te fest ver­an­kert in einer leben­di­gen Demo­kra­tie.

Das deut­sche Volk ist doch ein wan­kel­mü­ti­ges! Es will Frei­heit, Demo­kra­tie und Frie­den, aber es will aus nie­de­rem Pazi­fis­mus her­aus nicht, dass für Frei­heit, Demo­kra­tie und Frie­den gekämpft und gestor­ben wird. Die­sem ver­weich­lich­ten Volk kann man nur schwer­lich sein Ver­trau­en schen­ken. Zum Glück ist die Bun­des­wehr eine par­la­men­ta­ri­sche und kei­ne Volks­ar­mee, sonst blie­ben ihr wei­te­re Chan­cen auf die Ver­tei­di­gung der demo­kra­ti­schen Wer­te im Aus­land wohl ver­wehrt.

Was Chri­sti­an Wulff wohl gera­de macht?

In den NachrichtenNerdkrams
Apple: Jetzt noch weni­ger Gerät für’s Geld

Zusam­men mit dem neu­en OS X „Moun­tain Lion“, das dadurch besticht, dass es noch mehr Funk­tio­nen von Win­dows über­nom­men hat als bis­her (etwa die Lauf­werks­ver­schlüs­se­lung aus dem „Arbeits­platz“ her­aus), hat Apple heu­te auch neue Mac­books vor­ge­stellt. Wenn man den Berich­ten glau­ben schen­ken darf, dann wird es dün­ner, dün­ner, dün­ner, dün­ner und schär­fer, dün­ner und vor allem dün­ner wer­den.

“Sehen Sie nur wie dünn das neue Mac­book ist!”
“ja und was bringt das?”
“SEHEN SIE DOCH WIE DÜNN ES IST!”

(@t5a per Twit­ter)

Ich find‘ ja, die Ände­run­gen sind zu dünn, um einen Neu­kauf zu recht­fer­ti­gen.

Montagsmusik
Led Zep­pe­lin – Achil­les Last Stand

Da woll­te mir doch neu­lich einer erzäh­len, Tom Morel­lo (u.a. Rage Against The Machi­ne) und „Slash“ (Guns’n’Roses) sei­en Mei­ster an der Gitar­re. Nun mag ich Rage Against The Machi­ne, aber was ich noch bes­ser fin­de, ist die­se Live­ver­si­on von Led Zep­pe­lins „Achil­les Last Stand“, die das mit dem Mei­ster noch mal ganz anders defi­niert. Das fin­de ich ganz per­sön­lich.

Groß­ar­tig, die­ser Herr Page.

Guten Mor­gen!

Sonstiges
Bla­sen­tee

Soeben rausch­te fol­gen­de Wer­bung für „Bubble Tea“ an mir vor­über:

Ein­mal ganz abge­se­hen davon, dass mich die merk­wür­di­ge Hin­ter­grund­be­schal­lung an den Goos­hers-Tanz erin­nert, wüss­te ich wirk­lich gern, wel­che Kli­en­tel mit einem sol­chen Video ange­lockt wer­den soll. Da 15-jäh­ri­ge Mäd­chen, die sich ja nor­ma­ler­wei­se jeden süß­li­chen Mist (Red Bull, Erd­beer­sekt, Vla) in hin­ter die Bin­de kip­pen, nor­ma­ler­wei­se noch nicht zu viel LSD neh­men und sich somit mit dem blö­de rum­hüp­fen­den Asia­tisch­stäm­mi­gen („McTi“, welch amü­san­ter Scherz – noch lusti­ger wäre es frei­lich gewe­sen, die Pro­du­zen­ten hät­ten statt­des­sen Mr. T, Ice‑T oder gleich bei­de ange­wor­ben) noch nicht iden­ti­fi­zie­ren kön­nen, fal­len sie schon mal aus.

„Bubble Tea“, was ist das eigent­lich? Nun, der Spre­cher beschreibt es ja: „Lecker Tee mit Frucht­bubbles“, ich pal­me mein face. Die Wiki­pe­dia weiß mehr:

In den 1990er Jah­ren wur­de Bubble Tea zu einem Trend­ge­tränk in Asi­en und in Kali­for­ni­en, von wo aus sich der Trend in den gan­zen USA ver­brei­te­te.

Ah, ein tai­wa­ne­si­sches Trend­ge­tränk, das in den USA total toll gefun­den wird und des­we­gen zwei Jahr­zehn­te spä­ter unbe­dingt auch hier breit­ge­tre­ten wer­den muss. Beson­de­re Eigen­schaf­ten? Süß, kleb­rig, gif­tig.

Bubble Tea wird von Ernäh­rungs­exper­ten wegen sei­nes hohen Zucker­ge­halts kri­ti­siert (0,4 Liter ent­hal­ten 600 bis 1000 kcal).

Macht ja nix – Gesund­heit und Maße deut­scher Kin­der ent­spre­chen noch zu wenig US-ame­ri­ka­ni­schen Stan­dards, da muss man etwas ändern.

„Bubble Tea, Bubble Tea, Bubble Tea!“

Dar­auf erst mal einen Grap­pa.

PolitikIn den Nachrichten
Kurz ver­linkt CVI: Apro­pos „Brot und Spie­le“…

Sag‘ ich doch:

Dass Fuß­ball nicht ein­fach nur ein Sport ist, son­dern z.B. auch den Blick der Öffent­lich­keit auf Pro­blem­fel­der lenkt, ist wich­tig. Wäh­rend der EM aber wol­len wir ein­fach mal nur die Spie­le genie­ßen.

Genau, wen inter­es­siert schon Poli­tik? Natür­lich wird die Bun­des­re­gie­rung wäh­rend der Fuß­ball-Euro­pa­mei­ster­schaft kei­ne Beschlüs­se fäl­len, die irgend­wem miss­fal­len könn­ten, son­dern abwar­ten, bis die Bür­ger wie­der mit vol­ler Auf­merk­sam­keit die Poli­tik­nach­rich­ten ver­fol­gen. So rück­sichts­voll ken­nen wir sie ja, und dafür soll­ten wir dank­bar sein.

So lan­ge uns das Bür­ger­recht, Fuß­ball zu gucken, nur nicht genom­men wird, sind wir glück­lich, nicht wahr?

Persönliches
Flag­ge zei­gen!

Offen­bar fin­det zur­zeit wie­der eine Fuß­ball­mei­ster­schaft statt, wie die beein­drucken­de Zahl an deut­schen Flag­gen an jeder mög­li­chen und unmög­li­chen Stel­le zeigt. Natür­lich die­nen die­se allein dem Zweck, die deut­sche Mann­schaft zu unter­stüt­zen, denn selbst­ver­ständ­lich spie­len die deut­schen Gur­ken (5 Gegen­to­re durch die Schweiz. Die Schweiz!) weni­ger mies, wenn sich die Zuschau­er von irgend­wel­chen Neger­kin­dern in Drit­te­welt­län­dern zusam­men­geta­cker­te Flag­gen an ihr japa­ni­sches, korea­ni­sches oder spa­ni­sches Auto kle­ben.

Mit dem außer­halb Deutsch­lands durch­aus erwünsch­ten „Natio­na­lis­mus“ – mein­ten Sie: Patrio­tis­mus? – habe die­se Lust am Bebil­dern nichts zu tun, son­dern mit Soli­da­ri­tät mit der eige­nen Mann­schaft, heißt es.

Es ist schon merk­wür­dig: Bis­lang war ich der Ansicht, im Sport gin­ge es dar­um, dass der Bes­se­re am Ende als Sie­ger her­vor­geht, ein­mal abge­se­hen vom Rad­sport, wo letzt­lich der Teil­neh­mer mit dem besten Arzt das Ren­nen macht, und vom Imkreis­fah­ren („For­mel 1“), das ich nicht als Sport­art akzep­tie­re. War­um soll­te das aus­ge­rech­net beim Fuß­ball anders sein?

Mei­ne „Heim­mann­schaft“ – die Fuß­ball­mann­schaft mei­nes gegen­wär­ti­gen Auf­ent­halts­or­tes – ist der­art unta­len­tiert, dass sie von einer nen­nens­wer­ten Liga weit ent­fernt ist. Die erfolg­reich­ste Fuß­ball­mann­schaft aus dem wei­te­ren Umkreis ist Ein­tracht Braun­schweig, momen­tan Zweit­li­gist und nicht unbe­dingt spie­le­risch über­zeu­gend. Soll­te ich nun Anhän­ger die­ser Mann­schaft wer­den, weil ich alle paar Wochen ein­mal in der Nähe ihres Sta­di­ons unter­wegs bin, obwohl ich ihr kei­nen grö­ße­ren Erfolg in abseh­ba­rer Zeit vor­aus­sa­ge? Ich mei­ne: Nein.

Und so ist das auch mit unse­rer Mann­schaft, der „deut­schen Elf“. Ich beur­tei­le Fuß­ball­mann­schaf­ten nach ihrem spie­le­ri­schen Kön­nen und nicht nach der Natio­na­li­tät ihrer Spie­ler. (Über die Her­kunft der „deut­schen Spie­ler“ reden wir lie­ber gar nicht erst, sonst blie­be von der deut­schen Elf wohl kei­ne zwei­stel­li­ge Zahl mehr übrig.) Der groß­ar­ti­ge Erfolg die­ser Mann­schaft wäh­rend der letz­ten inter­na­tio­na­len Wett­be­wer­be lässt nur den Schluss zu, dass sich ein Anhän­ger­tum der deut­schen Mann­schaft nicht mit Ratio­na­li­tät erklä­ren lässt.

Jaha, „Deutsch­land jubelt“. Mit Brot (Grill­wurst) und Spie­len (Fuß­ball) wird davon abge­lenkt, was die Bun­des­re­gie­rung in ihrem stil­len Käm­mer­lein wie­der für Geset­zes­in­itia­ti­ven plant. Mit jedem Tor fällt ein wei­te­res Bür­ger­recht? Ach, wer redet schon von Poli­tik? Toooo­or! – Tore fal­len und Toren jubeln, wahr­schein­lich heißt es des­we­gen „Tor­ju­bel“.

Zum Glück dau­ert die­ser kol­lek­ti­ve Maso­chis­mus, die­ses unter­wür­fi­ge Ver­lan­gen danach, sich mit einer Ver­lie­rer­trup­pe zu soli­da­ri­sie­ren und iden­ti­fi­zie­ren, nicht lan­ge an. Sobald unse­re Mann­schaft nicht mehr mit­spielt, ebbt das Inter­es­se am Fuß­ball­sport regel­mä­ßig ab, denn wer will schon zwei­und­zwan­zig schwit­zen­de Män­ner sehen?

Spä­te­stens also am 17. Juni. Ich freue mich dar­auf.

Sonstiges
Wol­fen­büt­tel: End­lich aus­ge­raubt!

Wer glaub­te, die beschis­se­ne Kam­pa­gne „Typisch Nie­der­sach­sen“ sei in ihrer kom­plet­ten Bescheu­ert­heit kaum noch zu über­tref­fen, der lag wahr­schein­lich rich­tig. Die Stadt Wol­fen­büt­tel lässt den­noch nichts unver­sucht, die­sen Erfolg zu über­trump­fen, und wirbt mit ver­schie­de­nen Moti­ven dafür, dass man sich in Wol­fen­büt­tel „end­lich zuhau­se“ wäh­nen kann.

Eines die­ser Moti­ve zeigt einen fröh­li­chen Greis, der Wol­fen­büt­tel fol­gen­der­ma­ßen preist: „3 Wochen Kreuz­fahrt, 4 Tage bei den Enkeln, 1 mal aus­ge­raubt“.

„Wo man raubt, da lass dich nie­der.“ End­lich zuhau­se!