Montagsmusik
Stee­ly Dan – Ree­lin‘ In the Years

Pfor pfier­zig Vor vier­zig Jah­ren waren Musi­ker noch gut und nicht süß und Tex­te noch tief und nicht awww.
Das war vor MTV.

Ich habe es nicht mehr erlebt.

You would­n’t know a dia­mond
if you held it in your hand,
the things you think are pre­cious
I can’t under­stand.

„But after a while / you rea­li­ze time flies…“
– Por­cupi­ne Tree

Ach.

Guten Mor­gen.

PolitikIn den Nachrichten
Strah­len­de Sie­ger

Schles­wig-Hol­stein hat gewählt, aber die vor­ab ver­öf­fent­lich­ten Ergeb­nis­se lagen doch dane­ben.

Eine kur­ze Zusam­men­fas­sung der Gescheh­nis­se auf Grund­la­ge der ZDF-Hoch­rech­nung von 19 Uhr:

  • Einen „unglaub­li­chen Erfolg“ (F.D.P.-Kandidat Kubicki) ver­bucht die F.D.P. mit 8,1 Pro­zent, was einem Zuge­winn von minus 6,8 Pro­zent ent­spricht.
  • „Gewon­nen“ (Sig­mar Gabri­el, SPD) haben SPD und Grü­ne (gemein­sam 43,5 Pro­zent), „vor­ne liegt“ aber (Jost de Jager, CDU) die CDU (30,8 Pro­zent). Tat­säch­li­che Sie­ger sind also alle, denn zusam­men haben sie 100 Pro­zent der Stim­men bekom­men, was die kla­re Mehr­heit ist.
  • Erstaun­li­cher­wei­se hat SPD-Kan­di­dat Albig erklärt, regie­ren zu wol­len: „Im ARD-Inter­view mach­te Albig dann wenig spä­ter deut­lich, regie­ren zu wol­len.“
  • Der Süd­schles­wig­sche Wäh­ler­ver­band (SSW) wur­de zum Wunsch­part­ner von SPD und Grü­nen erklärt, ob er aller­dings damit ein­ver­stan­den ist, wird nicht erwähnt.
  • Die Pira­ten­par­tei liegt gleich­zei­tig vor (ZDF) und hin­ter (ARD) der F.D.P. und dürf­te es somit als erste Par­tei in schu­li­sche Phy­sik­bü­cher, The­ma „Schrö­din­gers Kat­ze“, schaf­fen.
  • Die Nicht­wäh­ler – etwa 44,4 Pro­zent – soll­ten dar­über nach­den­ken, eine Par­tei zu grün­den.

Heu­te ist Welt­lach­tag, und ich per­sön­lich dan­ke den schles­wig-hol­stei­ni­schen Wäh­lern für ihren groß­zü­gi­gen Bei­trag. Lachen ist gesün­der als Poli­tik.

Sonstiges
Gra­tis wäre zu bil­lig: yourfone.de, das teu­er­ste Kosten­los der Welt

Gera­de rausch­te die­ser bezau­bern­de Wer­be­film an mir vor­über:

Yourfone.de TV Spot

Der Spre­cher behaup­tet dar­in, Beto­nun­gen inklu­si­ve, dies:

Your­fo­ne bringt dich kosten­los ins Fest­netz, kosten­los in alle Han­dy­net­ze und unbe­grenzt ins Inter­net. Alles drin. Für die gün­stig­sten 19,90 der Welt.

Das heißt, die 19,90 Euro wer­den nur für den Inter­net­zu­gang erho­ben; klar, ist ja auch unbe­grenzt und nicht kosten­los.

Ach wat, „unbe­grenzt“, gucken wir doch mal auf die bewor­be­ne Inter­net­sei­te (yourfone.de, immer­hin nicht yourphone.de, denn dann wür­de mich das .de sehr wun­dern):

DIE WELTENTSPANNTESTE
ALLNET FLAT (sic!)

  • Flat ins Fest­netz
  • Flat in alle Han­dy­net­ze
  • Flat ins Inter­net

Klingt neckisch, aber an dem „Inter­net“ hängt noch eine win­zi­ge Hoch­zwei dran und ver­weist auf eine Fuß­no­te, die immer­hin auch beim Über­fah­ren mit der Maus erscheint:

„Unbe­grenzt ins Inter­net“, bis zur näch­sten Gren­ze halt – Bür­ger der „ehe­ma­li­gen“ DDR ken­nen die­ses Ver­ständ­nis von „unbe­grenz­ter“ Frei­heit even­tu­ell noch von frü­her. Der ange­bo­te­ne Inter­net­zu­gang also ist weder kosten­los noch unbe­grenzt. (Möge ein gelang­weil­ter Jurist als­bald ein wenig Zubrot oder auch einen Zumer­ce­des mit der Beschäf­ti­gung mit der Fra­ge ver­die­nen, ob aus kom­mer­zi­el­lem Inter­es­se her­aus mas­sen­haft in die Wohn­zim­mer getrö­te­te Unwahr­hei­ten nicht eine all­zu ein­fa­che Ziel­schei­be bie­ten.)

Viel­leicht eig­net sich yourfone.de aber für Besit­zer eines gewöhn­li­chen Mobil­te­le­fons, für das sie kei­nen Inter­net­zu­gang benö­ti­gen: Tele­fo­nie­ren ist ja laut Eigen­wer­bung kosten­frei ent­hal­ten, und even­tu­ell kann man das Inter­net beim Ver­trags­ab­schluss ja weg­las­sen. („Ein­mal Pom­mes und Cola ohne Cola bit­te.“) Ande­rer­seits ver­wen­det yourfone.de laut eige­nen Anga­ben das E‑Plus-Netz, und ein etwa­iger Inter­es­sent wäre also wahr­schein­lich mit BASE oder ALDI Talk bes­ser bedient – die fun­ken im glei­chen Netz und kosten etwas, lügen jedoch wenig­stens nicht so offen­sicht­lich.

Man­che Wind­beu­tel erkennt man am Wind, den sie machen.

PolitikNetzfundstücke
Wahl nicht erfor­der­lich.

Falls jemand von mei­nen Lesern in Schles­wig-Hol­stein wohnt und sich noch unschlüs­sig ist, ob er über­mor­gen wäh­len gehen soll­te: Ach nö. Aus­zäh­len will das ja auch kei­ner.

Auf der Inter­net­sei­te zur Land­tags­wahl ist zur­zeit (Stand: 4. Mai 2012, 1:00 Uhr) ein Ver­weis zu fin­den:

„Soeben ein­ge­trof­fen“ und wenig spek­ta­ku­lär sind die­se Ergeb­nis­se „vom Wahl­abend“ – also von über­mor­gen – bereits seit spä­te­stens gestern:

Es ist wirk­lich über­aus rei­zend von der Lan­des­wahl­lei­te­rin und/oder dem Sta­ti­sti­schen Amt, dass sie und/oder es „ihren“ und/oder „sei­nen“ Bür­gern ein wenig Arbeit erspart und ihnen so ein wenig mehr Frei­zeit ver­schafft. Könn­te man das für die ande­ren Bun­des­län­der nicht auch…?

Nein? Scha­de.

(teil­wei­se via Nacht­wäch­ter)


Nach­trag: Offen­bar hat man begon­nen, die Test­ergeb­nis­se zu ent­fer­nen, oder sie von Anfang an ledig­lich auf ein­zel­nen Sei­ten ein­ge­fügt. Ich emp­feh­le aller­dings, die Ergeb­nis­se über­mor­gen mit denen auf dem Bild­schirm­fo­to zu ver­glei­chen und sich gege­be­nen­falls zu wun­dern.

PolitikNetzfundstücke
1 Par­tei gefällt das.

Der nord­rhein-west­fä­li­sche Lan­des­ver­band der Grü­nen geht jetzt in den Wahl­kampf. Irgend­ei­ner der für die Wahl­wer­bung Ver­ant­wort­li­chen hat wohl davon gehört, dass die Pira­ten­par­tei unter ande­rem des­halb so viel Zustim­mung erhält, weil sie sich für mehr Bür­ger­be­tei­li­gung ein­setzt, und weil die Grü­nen ganz gut dar­in sind, eta­blier­te Kon­zep­te (Angriffs­krieg, Stutt­gart 21) zu adap­tie­ren, sobald man sie lässt, machen die Grü­nen jetzt auch was mit die­sem Demo­kra­tie­zeug, von dem jetzt alle reden, natür­lich mit einem fet­zi­gen Spruch, um über­haupt beach­tet zu wer­den:

„Ein­mi­schen“ wird hier also ver­sinn­bild­licht mit dem nach oben gereck­ten Face­book-Dau­men namens „Gefällt mir“, das vor­geb­lich ange­streb­te Mit­spra­che­recht des Bür­gers her­un­ter­ge­bro­chen auf die groß­zü­gi­ge Geneh­mi­gung, auf einem „sozia­len Netz­werk“ irgend­ei­nen Blöd­sinn (Angriffs­krieg, Stutt­gart 21, die Grü­nen) per Klick gut zu fin­den, denn ein „Gefällt mir nicht“ ist nicht vor­ge­se­hen und Face­book so egal wie wahr­schein­lich den Grü­nen. Gern dafür, dage­gen zu sein, nie­mals aber dage­gen, dafür zu sein.

Face­book als Sinn­bild geleb­ter Demo­kra­tie. Der Bör­sen­gang wird sicher lustig.

Sonstiges
Der­weil unten im Digi-Tal (des Niveaus)

Seit heu­te muss jeder, der hier­zu­lan­de aus irgend­ei­nem Grund (even­tu­ell die man­geln­de Befä­hi­gung, einen Com­pu­ter zu bedie­nen) satel­li­ten­fern­se­hen möch­te, einen Digi­tal­emp­fän­ger besit­zen.

Wahr ist, dass dadurch die sub­jek­ti­ve Bild- und Ton­qua­li­tät oft steigt, da es im Digi­tal­ver­kehr nur Eins und Null und kein Rau­schen gibt. (Alte Infor­ma­tik­erweis­heit: Eine beson­ders gro­ße Null ist bei­na­he iden­tisch mit einer beson­ders klei­nen Eins.)

Falsch ist, dass man von digi­ta­lem Fern­se­hen eine bes­se­re Qua­li­tät bekommt.

Immer­hin ist nun jeder fern­se­hen­de Deut­sche end­lich in der Lage, Die­ter Boh­lens blö­de Fres­se und Haupt­schul­ab­bre­cher ohne jedes Gesangs­ta­lent in high defi­ni­ti­on, also in hoher Auf­lö­sung, im hei­mi­schen Wohn­zim­mer grin­sen zu sehen und quä­ken zu hören, und man wünscht sich die Tage zurück, in denen „HD“ noch für „High Den­si­ty“ („hohe Dich­te“) stand, denn nichts wünscht man sich nun mehr als ein Fern­seh­pro­gramm, des­sen Mit­wir­ken­de noch ganz dicht sind.

In den NachrichtenMontagsmusik
The Magne­tic Fields – Andrew in Drag

Euro­päi­sche Staa­ten tun end­lich mal was gegen die­se ver­damm­ten Aus­län­der:

Spa­ni­en setzt wegen des Tref­fens der Euro­päi­schen Zen­tral­bank (EZB) in Bar­ce­lo­na das Schen­gen-Abkom­men zur Rei­se­frei­heit in Euro­pa vor­über­ge­hend aus. Die Maß­nah­me gilt von Sams­tag bis zum kom­men­den Frei­tag. (…) Bereits in der ver­gan­ge­nen Woche hat­ten Frank­reich und Deutsch­land erklärt, zumin­dest zeit­wei­se das Schen­gen-Abkom­men außer Kraft und Grenz­kon­trol­len ein­füh­ren zu wol­len.

Demon­stran­ten kom­men also nur mit Rei­se­pass nach Spa­ni­en: Kein Rei­se­pass, kein Aus­pfei­fen, so ein­fach ist das. Wer rei­se­be­fugt ist, der kann kein schlech­ter Mensch sein!

Und weil wir jetzt, statt wie geplant schwer bewaff­net – daher die Grenz­kon­trol­len – zum Demon­strie­ren nach Spa­ni­en fah­ren zu kön­nen, zur Untä­tig­keit ver­ur­teilt sind, haben wir viel Zeit, das Album „Love at the Bot­tom of the Sea“ von The Magne­tic Fields zu hören:

The Magne­tic Fields – Andrew in Drag (offi­ci­al music video)
Magne­tic Fields – Your Girlfriend’s Face – live, Vogue Theat­re, Van­cou­ver March 2012

Schräg? Ja, ein wenig. Aber sym­pa­thisch schräg.
Und das passt ja dann auch ganz gut zu der Sache mit den Grenz­kon­trol­len.

In den Nachrichten
Kurz ver­linkt XCVIII: Die fal­schen Grün­de.

Über die kom­men­de Gröl­ball-EM, die in Polen und der Ukrai­ne statt­fin­den soll, wird viel dis­ku­tiert, gera­de auch des­halb, weil die Ukrai­ne es mit Men­schen­rech­ten nicht so genau nimmt. Sogar der Bun­des­prä­si­dent, selbst aus einem Land stam­mend, in dem man Men­schen­rech­te zwie­späl­tig auf­nahm, bleibt der Ukrai­ne fern.

Dass ich die Spie­le weder direkt noch indi­rekt ver­fol­gen und daher auch nicht kom­men­tie­ren wer­de, erwähn­te ich bereits. STERN.DE (nur echt in Brüll­buch­sta­ben) macht es sich aber zu ein­fach:

Soll die Poli­tik wegen der Míss­hand­lung von Julia Timo­schen­ko die EM-Spie­le in der Ukrai­ne boy­kot­tie­ren?

Nein.

„Die Poli­tik“ soll die EM-Spie­le in der Ukrai­ne boy­kot­tie­ren, weil

Nor­ma­ler­wei­se hal­ten sich deut­sche Poli­ti­ker von repres­si­ven Staa­ten fern und ver­bie­tet sich selbst auch den Ölkauf bei ver­meint­li­chen Böse­wich­ten, um ein Zei­chen zu set­zen, im Fall der Ukrai­ne dau­ert der Ent­schei­dungs­pro­zess etwas län­ger, ist halt Fuß­ball.

Doof für den Iran, dass er kei­ne Fuß­ball-EM aus­tra­gen kann (weil fal­scher Kon­ti­nent).

Wirtschaft
Trink, Brü­der­le, trink: Mit Schul­den gegen Schul­den?

Gegen­wär­tig wer­den ver­schie­de­ne Haus­hal­te in Deutsch­land mit Wer­be­pro­spek­ten der F.D.P. beglückt, beglei­tet von einem per­sön­li­chen Anschrei­ben von Rai­ner Brü­der­le, dem Vor­sit­zen­den der erstaun­lich lang­le­bi­gen F.D.P.-Bundestagsfraktion, in dem er her­vor­hebt, wie nütz­lich die F.D.P. in den ver­gan­ge­nen Jah­ren war. (Par­al­le­len zu Erich Miel­kes unge­fäh­rem „Aber ich lie­be doch alle Men­schen!“ in ähn­li­cher Situa­ti­on wie der, in der sich die F.D.P. momen­tan befin­det, sind sicher nur Zufall.)

Ein Leser war so zuvor­kom­mend, mir das Anschrei­ben zukom­men zu las­sen, und ich bin ziem­lich amü­siert, aber mein Humor ist auch eher düster.

Wer hat Lust auf ein Such­spiel und fin­det alle Dümm­lich­kei­ten im Text? – Anschlie­ßend bit­te mit dem Lesen fort­fah­ren. ‘Trink, Brü­der­le, trink: Mit Schul­den gegen Schul­den?’ wei­ter­le­sen »

Sonstiges
Heinz grillt nie allein.

Einen bedenk­li­chen Fall von aku­ter Sprach­ver­wir­rung nahm ich heu­te in einem der Lebens­mit­tel­ge­schäf­te mei­ner Wahl wahr. Zwi­schen aller­lei nor­ma­len Grill­saucen näm­lich ent­deck­te ich auch zwei Sor­ten der Mar­ke Heinz, die das dies­jäh­ri­ge Pro­le­ten­duo Grill­sai­son und Fuß­ball-EM (zu deren Boy­kott ich aus aller­lei poli­ti­schen Grün­den rate und mit gutem Bei­spiel vor­an­ge­he; Details sind den Nach­rich­ten zu ent­neh­men) the­ma­ti­sie­ren. Eine von ihnen heißt (dämlicher‑, nicht aber fal­scher­wei­se) „Elf­me­ter für Würst­chen“, die ande­re „You’ll never grill alo­ne“.

Klar: Hier wird Bezug genom­men auf das meist grö­lend vor­ge­tra­ge­ne ehe­mals Broad­way- und nun Fuß­ball­lied­chen „You’ll Never Walk Alo­ne“, „Du gehst nie allein“. Aber „gril­len“ heißt doch im Eng­li­schen irgend­was mit „bar­be­cue“? Stimmt, „gril­len“ (etwas auf dem Rost erhit­zen) heißt „to bar­be­cue“, im US-Ame­ri­ka­ni­schen auch „to broil“.

Indes: Ana­log zum grill, dem Grill­rost, exi­stiert auch „to grill“. Das Wör­ter­buch – je nach Wör­ter­buch – über­setzt es mit „jeman­den exami­nie­ren“, „jeman­dem auf den Zahn füh­len“, „jeman­den in die Man­gel neh­men“ und, als umgangs­sprach­li­che Kurz­form für „to cook some­thing under the grill“ und somit eigent­lich kaum rele­vant, „etwas unter den Grill­rost legen“, und Holz­koh­le mit Sau­ce schmeckt ver­mut­lich nicht mal den US-Ame­ri­ka­nern.

Grill­sauce ist im Eng­li­schen bekann­ter­ma­ßen (da viel­fach in hie­si­gen Läden zu sehen) „bar­be­cue sau­ce“ oder schlimm­sten­falls „BBQ sau­ce“, aber eben kei­ne „grill sau­ce“.

„You’ll never grill alo­ne“, „du wirst nie allein exami­nie­ren“. Wohl bekomm’s.

NetzfundstückePiratenpartei
Das Niveau des Chri­sti­an Sicken­dieck

(Vor­be­mer­kung: Zur Ver­deut­li­chung der ver­que­ren Welt­sicht des vor­be­zeich­ne­ten „Blog­gers“ ist es dies­mal lei­der unver­meid­lich, auf eini­ge sei­ner Arti­kel direkt zu ver­wei­sen. Ich bit­te um Nach­sicht.)

Noch 2009 ver­öf­fent­lich­te Hetz­blog­ger Chri­sti­an Sicken­dieck unter dem lusti­gen Titel „Sen­sa­ti­on: Neu­es Logo der Pira­ten­par­tei gele­akt“ eine Reichs­flag­ge mit Pira­ten­se­gel als „Sati­re“. All­ge­mein fand er es zeit­wei­lig ziem­lich spa­ßig, die libe­ral-sozia­le Pira­ten­par­tei mit NSDAP-Asso­zia­tio­nen zu bele­gen: Und alle so: „Heil“, ja, da lacht der Demo­krat. Am 4. Okto­ber 2009, nur weni­ge Tage, nach­dem er der Pira­ten­par­tei einen über­schrit­te­nen Zenit atte­stiert hat­te, fand er es erneut sati­re­taug­lich, dümm­li­che Neo­na­zis als typi­sche Pira­ten dar­zu­stel­len.

Als die Dis­kus­si­on um Bodo Thie­sen all­mäh­lich abzu­fla­chen begann, war das noch kein Grund für Chri­sti­an Sicken­dieck, sei­ne popu­li­sti­schen Hetz­the­sen ein wenig zurück­zu­fah­ren. Im Mai 2010 nann­te er die Pira­ten­par­tei einen bös­ar­ti­gen Kin­der­gar­ten und blies im Novem­ber des­sel­ben Jah­res zum Abge­sang: „Die Pira­ten­par­tei liegt am Boden“.

Irgend­wer scheint ihm aber in der Fol­ge­zeit einen kräf­ti­gen Schlag auf den Schä­del ver­passt zu haben, denn danach kam eine Wei­le gar nichts mehr – und im Sep­tem­ber 2011, nach dem „sen­sa­tio­nel­len Erfolg“ (Chr. Sicken­dieck) des Ber­li­ner Lan­des­ver­ban­des der Pira­ten­par­tei, lob­hu­del­te er:

Mit dem Ber­li­ner Lan­des­ver­band der Pira­ten gab es end­lich wie­der eine links-libe­ra­le Alter­na­ti­ve, kei­ne Pro­test­par­tei, son­dern eine rea­li­sti­sche Alter­na­ti­ve für jun­ge, poli­tisch inter­es­sier­te und gebil­de­te Men­schen.

Gestern schrieb der­sel­be Chri­sti­an Sicken­dieck, der 2009 lusti­ge Nazi­sa­ti­ren über die Pira­ten­par­tei für so tref­fend hielt, dass er kei­nen Wider­spruch als Kom­men­tar dul­de­te, unter der Über­schrift „Das Niveau des Vize­kanz­lers“:

Wenn er aber im sel­ben Satz zu den Pira­ten vor Soma­lia schwenkt um dann abzu­schlie­ßen, Pira­ten sei­en nicht sym­pa­thisch, dann ist dies nicht nur ein demo­kra­ti­sches Foul, son­dern eine Unge­heu­er­lich­keit. Rös­ler ver­gleicht die Pira­ten­par­tei Deutsch­land mit Mör­dern und denkt dabei, er wäre wit­zig. Das ist das Niveau der FDP im Jahr 2012. (…) Es scheint, als sei Phil­ipp Rös­ler cha­rak­ter­lich nicht im Ansatz befä­higt, den Libe­ra­len vor­zu­ste­hen, noch viel weni­ger unser Land als Regie­rungs­mit­glied zu ver­tre­ten.

Was das über Chri­sti­an Sicken­dieck aus­sagt? Nun, es scheint, als sei Chri­sti­an Sicken­dieck cha­rak­ter­lich nicht im Ansatz befä­higt, ein poli­ti­sches Blog zu füh­ren, noch viel weni­ger unser Land als Wäh­ler zu ver­tre­ten.

Er hat sicher nur die Poin­te nicht ver­stan­den.


Bonus­witz: Die Pira­ten sind eine gefähr­li­che Par­tei. Sie bedro­hen das ein­ge­spiel­te poli­ti­sche System. (Frank­fur­ter Rund­schau, nicht Chri­sti­an Sicken­dieck.)

In den Nachrichten
Die radi­ka­le Ver­jün­gungs­kur des ZDF

Das ZDF reagiert auf die bestür­zen­den Mel­dun­gen vom Rück­gang der Zuschau­er­zah­len jeg­li­cher inter­net­fer­ner Medi­en nicht etwa mit Flü­chen und Schuld­zu­wei­sun­gen an die Pira­ten­par­tei, wie es zur­zeit Usus ist, son­dern mit tief­sin­ni­gem Humor. Man wol­le sich dort näm­lich nun­mehr ver­stärkt mit Jugend­ar­beit befas­sen, schrieb Susan­ne Kling­ner von der anson­sten unsäg­li­chen „taz“ heu­te.

Wie die­se Jugend­ar­beit im Detail aus­se­hen soll? Nun, Inten­dant Tho­mas Bel­lut hat gro­ße, fast schon wahn­wit­zi­ge Plä­ne:

Bis 2014 will der neue ZDF-Inten­dant Tho­mas Bel­lut das Durch­schnitts­al­ter der Zuschau­er von 61 auf 60 Jah­re sen­ken.

Ui!

Nach­dem Tho­mas Gott­schalk (61, bald 62) das ZDF-Pro­gramm in abseh­ba­rer Zeit „vor­erst“ ver­lässt, ist die hal­be Strecke schon geschafft. Zwei Fra­gen drän­gen sich mir aber auf:

  1. Wie?
    Spe­ku­liert Tho­mas Bel­lut dar­auf, dass Zuschau­er über 60 Jah­ren nach und nach weg­ster­ben? Da könn­te er Glück haben. Viel­leicht ist das ein Grund dafür, dass das ZDF-Pro­gramm in der Regel ster­bens­lang­wei­lig ist. Oder will man künf­tig einen neu­en Wer­be­spruch füh­ren – „mit den Zwei­ten kaut man bes­ser“? („Sie sind zu alt für das ZDF!“ ist übri­gens auch einer die­ser Sät­ze, von denen ich nie ver­mu­tet hät­te, dass sie jemals fal­len wür­den. Wor­über soll man sich denn jetzt noch lustig machen?)
  2. War­um?
    Ist man mit 60 Jah­ren ein bes­se­rer Zuschau­er als ein Jahr spä­ter? Und: Braucht Deutsch­land einen wei­te­ren Jugend­sen­der?

Ich wün­sche Tho­mas Bel­lut unab­hän­gig davon, ob ich auf die­se Fra­gen jemals eine Ant­wort erhal­ten wer­de, viel schnel­len Erfolg: In vier Jah­ren ist er zu alt für sei­nen Sen­der, er soll­te sich also ein biss­chen beei­len.

(via @chriszim)

Montagsmusik
Gra­ham Coxon – City Hall

Zu den eigen­ar­tig­sten Musikal­ben die­ses Jah­res, die ich bis­her gehört habe, zählt „A+E“, ein Noi­se­r­ock-Solo­al­bum des Blur-Gitar­ri­sten Gra­ham Coxon und trotz­dem nicht übel.

„Noi­se­r­ock“ ist bei­na­he unter­trie­ben:

Zwar steht der rau­he Ope­ner „Advice“ noch in der Tra­di­ti­on ordent­li­cher Coxon-Gra­na­ten, doch schon hier fiepst und rum­pelt es ordent­lich im Hin­ter­grund.

Den­noch berei­tet es einen kaum auf das dar­auf­fol­gen­de „City Hall“ vor, ein mono­ton wabern­des, mit stur pro­gram­mier­tem Drum­com­pu­ter nach vor­ne peit­schen­des Expe­ri­ment, gegen das jeder Neu!-Song als lupen­rei­ne Pop­num­mer durch­geht.

Eigen­ar­tig – aber gran­di­os.

Guten Mor­gen.

MusikNetzfundstückeNerdkrams
Sozia­le Wie­der­ga­be­li­sten: music­playr

Nach­dem die GEMA You­Tube mal wie­der erfolg­reich dazu brin­gen konn­te, noch mehr Inhal­te als bis­lang zu fil­tern („rechts­frei­er Raum“?), ste­hen Musik­freun­de, die sich nicht dazu durch­rin­gen kön­nen, sich einen guten Pro­xy ein­zu­rich­ten, schon wie­der vor der Fra­ge: Wohin jetzt?

Wo man Musikal­ben strea­men kann, ist kein Geheim­nis mehr: Groo­veshark, sim­fy, Rdio und – wahr­schein­lich noch 2012 – WiMP sind nur vier der Dien­ste, bei denen man mehr Musik hören kann als man über­haupt Zeit dafür fin­det. (Dass all dies kein Ersatz für einen womög­lich hüb­schen Ton­trä­ger ist, bedarf, neh­me ich an, kei­ner geson­der­ten Erläu­te­rung.)

Was die­sen Dien­sten jedoch meist fehlt, ist eine brauch­ba­re Wie­der­ga­be­li­sten­ver­wal­tung, wie You­Tube sie hat. Hier kommt der Dienst music­playr (wer braucht schon Voka­le?) ins Spiel, den ich vor einer Wei­le auf schallgrenzen.de gefun­den habe und der Lie­der von zahl­rei­chen Quel­len – zur­zeit You­Tube, Vimeo, Dai­ly­mo­ti­on, Sound­cloud und diver­se Musik­blogs – in belie­big vie­len Wie­der­ga­be­li­sten orga­ni­sie­ren kann. Was an Lie­dern nir­gends im Inter­net gefun­den wer­den kann, kann auch ein­fach – wie bei Groo­veshark – hoch­ge­la­den wer­den, ist aller­dings dann zwar in der eige­nen Wie­der­ga­be­li­ste für jeden sicht‑, jedoch aus recht­li­chen Grün­den nicht ver­füg­bar. Lie­der, die man selbst hoch­lädt, kann man auch nur selbst hören.

music­playr ist also bezüg­lich sei­ner Aus­rich­tung irgend­wo zwi­schen loka­ler Wie­der­ga­be­li­ste und Groo­veshark anzu­sie­deln. Video­funk­ti­on ist nicht, aber das muss ja auch nicht sein. (Nach­trag: Video­funk­ti­on ist doch, mein Feh­ler.) Alles dreht sich um die Listen. Ich zitie­re dreist:

Es kön­nen öffent­li­che Listen gead­det und Songs kom­men­tiert und bewer­tet wer­den. Das Zusam­men­stel­len von Listen ist kin­der­leicht, die Rei­hen­fol­ge der Songs kann jeder­zeit geän­dert wer­den. Alle Songs kön­nen direkt über den inte­grier­ten Play­er inklu­si­ve Video abge­spielt wer­den. Sei­ne Play­li­sten kann man mit eini­gen Gen­re-Tags (Post-Rock fehlt!!) kenn­zeich­nen. Nut­zer fol­gen so ein­an­der und ent­decken neue Musik.

Der größ­te Nach­teil: Der Dienst ist immer noch in der „geschlos­se­nen“ Beta­pha­se, was, wie meist, bedeu­tet: Ohne Ein­la­dung komm­stu nisch rein. Ein­la­dun­gen kann jedoch jeder ange­mel­de­te Nut­zer nach Belie­ben ver­tei­len, ich selbst momen­tan 18.

Bei Inter­es­se also ein­fach einen Senf hin­ter­las­sen.


Nach­trag vom 22. Okto­ber 2012: musicplayr.com ist nun nicht mehr nur nach Ein­la­dung zugäng­lich. Also her­ein­spa­ziert!