Um dem gestiegenen Gesundheitsbewusstsein der Bürger entgegenzukommen, beschloss man im Hause Sinnack Backspezialitäten, die Produktpalette der Vollkornbackwaren um eine Zutat zu bereichern.
(Mit Dank an L.!)
Bald sind schon wieder irgendwo Wahlen, und das CDU-geführte ZDF ist davon so überrascht, dass es nicht mal Zeit hatte, kurz die Wikipedia zu konsultieren.
„Dr.“ Wolfgang Herles, Leiter der Redaktion Literatur und Moderator der Sendung „Das Blaue Sofa“ und somit natürlich prädestiniert, kluge Dinge über progressive Politik zu schreiben (Bücher und Blogs haben ja alle was mit Text zu tun), senfte also in das ZDF-Blog hinein:
Shitstorms, der freiwilige (sic!) Verzicht auf Privatsphäre und Dauerschnattern im Netz, sind neuere Erscheinungen der Massenkultur, doch keine demokratische Errungenschaft, auf der sich eine richtige Partei gründen ließe.
Der erste Satz wäre nur ohne das Komma nach „Netz“ wenigstens teilweise richtig und wahrscheinlich besser verständlich, also denkt es euch weg. Ja, „neuere Erscheinungen“ als das Christentum sind genannte Punkte, aber ich nehme an, was ein Mailboxnetz ist und dass solche vor Jahrzehnten schon diese „neueren Erscheinungen“ aufwiesen, weiß Dr. Wolfgang Herles nicht – „Internet ist das mit dem blauen e“, Diskussion beendet. Aber er hat Recht: Shitstorms sind keine geeignete Basis für eine Partei. Was jedoch will er damit sagen?
Ach, um die Piraten geht’s, und die mag er gar nicht:
Für mich sind sie schon deshalb unwählbar, weil sie geistiges Eigentum enteignen, vergesellschaften wollen. In diesem Punkt halte ich sie für verfassungswidrig.
Sie wollen was? Wenn ich jemanden „enteigne“, nehme ich ihm sein Eigentum; wenn ich also „geistiges Eigentum“ (besser: geistige Monopolrechte) enteigne, hat das „geistige Eigentum“ kein Eigentum mehr? Watis? Nein, darum geht es der Piratenpartei bekanntlich nicht, sondern es geht ihr darum, dass die Urheber von ihren Werken besser leben können als die Rechteverwerter, die zu ihnen ja in der Regel eher wenig beitragen.
„Verfassungswidrig“ waren übrigens laut Bundesverfassungsgericht so manche Gesetze, die eine ganz andere Partei in den vergangenen Jahren zu erlassen versucht hat; in ihrer Jugendorganisation, der „Jungen Union“, war früher auch ein gewisser Wolfgang Herles Mitglied. Immerhin: Mit Verfassungswidrigkeiten kennt er sich bestens aus.
Leider schreibt er stattdessen etwas zu Themen, die nur eines geringen Rechercheaufwands bedurft hätten:
Eine außerparlamentarische Protestbewegung ist bei den Piraten nicht zu erkennen, trotzdem sind sie bereits eine Partei. Sie sind eher von Technik besessen als von Ideen.
Für Wolfgang Herles sind der Arbeitskreis gegen Internet-Sperren und Zensur, der Chaos Computer Club, der c‑base e.V., in dessen Räumlichkeiten die Piratenpartei Deutschland gegründet wurde, und The Pirate Bay, Keimzelle der ersten Piratenpartei in Schweden, also nicht zu erkennen. Vielleicht hilft Brillenputzen.
Wolfgang Herles, geistig enteigneter Blogger beim ZDF: Auch eine Art von Karriere.
Ach, „WELT ONLINE“, etwas mehr Sorgfalt würde euch manchmal gut tun:
Der norwegische Massenmörder Anders Behring Breivik hat zu Beginn des vierten Prozesstages zum ersten Mal auf seinen rechtsextremen Gruß mit ausgestrecktem rechtem Arm und geballter Faust verzichtet.
Merkwürdig; so weit ich mich entsinne, bedeutet die geballte Faust am ausgestreckten Arm nicht etwa „Scheißjuden“, sondern ist ein Zeichen der Bürgerrechtsbewegung der Afroamerikaner in den USA, aber auf ausgestreckte Arme reagiert man in der Journaille eben immer ein wenig allergisch. Aber darum soll es gerade mal nicht gehen. Der Protagonist bleibt jedoch derselbe.
Anders Behring Breivik, seines Zeichens offenbar fanatischer Mörder diverser Personen in Norwegen, sollte man eigentlich wegsperren, heißt es. Nun stellte sich heraus, dass er gar nichts dafür kann:
Er gab an, sich vor den Anschlägen ein ganzes Jahr freigenommen zu haben, um das Computerspiel „World of Warcraft“ zu spielen. Er habe im Schnitt 16 Stunden am Tag vor dem Computer gesessen.
Wir folgern: Verbietet Computer! Da kann er sich herausreden, wie er will:
„Das war aber reine Unterhaltung, ein Hobby, und hatte nichts mit dem 22. Juli zu tun“, betonte er. Für seinen Anschlag habe er mit echten Waffen trainiert. Er sei mehrmals beim Schießtraining eines Vereins gewesen.
Denn wenn man einmal abwägt, ob ein Third-Person-MMORPG, in dem es im Wesentlichen darum geht, Fantasiefiguren plattzuzaubern, oder ein Schützenverein, in dem man professionell mit Dingen hantiert, die „bumm“ und bei Bedarf auch tot machen, nun den schädlicheren Einfluss auf eine offenbar nicht unbedingt gesellschaftsfreundliche Person ausübt, fällt die Entscheidung nicht schwer.
Denn wenn man vorhat, ein paar Leute über den Haufen zu schießen, sollte man stets berücksichtigen, dass man einen Ruf zu verlieren hat:
Auf das Computerspiel-Hobby habe seine Umgebung mit Entsetzen und Schock reagiert. „Ich konnte ihnen ja nicht sagen, dass ich ein freies Jahr nehme, weil ich mich fünf Jahre später in die Luft sprengen wollte.“
„Also das mit dem Leutemetzeln ist ja in Ordnung, aber World of Warcraft? Der Junge braucht dringend einen Psychiater!“
Nein, natürlich hat das nichts damit zu tun.
Ausreden, alles Ausreden!
(Mit Dank an L.!)
Also damit konnte wirklich – im Wortsinne – niemand rechnen:
Das krisengeplagte Italien bekommt seine Schulden nicht in den Griff.
Zum Glück hat Italien inzwischen einen erfahrenen Ministerpräsidenten, der weiß, wie man mit Finanzkrisen umgeht, immerhin ist das nicht seine erste:
Er ist internationaler Berater bei Goldman Sachs und Coca-Cola.
Und als Berater von Goldman Sachs „weiß“ man: Will man die reichen Bürger vor der Pleite bewahren, muss man zunächst die Banken fördern.
Die Banken in Spanien und Italien müssen sich immer mehr Geld bei den europäischen Notenbanken leihen, um ihre angeschlagenen Volkswirtschaften mit Krediten zu versorgen. (…) Laut Ifo stiegen die Schulden der italienischen Notenbank von Januar bis März demnach um 79 Milliarden Euro, allein 76 Milliarden Euro davon entfielen auf den März.
Wir sind gerettet!
Und damit wir nicht den Glauben daran verlieren, hielt die Deutsche Botschaft in Wurstschinken Washington es für relevant, ausgewählte US-Amerikaner danach zu fragen, wie sie Deutschlands Rolle in Europa einschätzen. Das Urteil fällt positiv aus:
Sowohl international als auch in der Euro-Krise spielen die Deutschen in den Augen der US-Bürger eine wichtigere Rolle als noch vor wenigen Jahren.
Denn das ist zurzeit natürlich das, was uns die größte Sorge bereitet: Was halten die Amerikaner von uns?
Und selbstverständlich hat das nichts damit zu tun, dass es um die Wirtschaft der USA nicht zum Besten bestellt ist. Die wollen nur unser Bestes.
Unser Geld.
Es ist eine ziemlich dumme Idee, sein Fahrzeug aus Bequemlichkeitsgründen auf einem privaten Parkplatz abzustellen, der obendrein als für eine Führungskraft reserviert gekennzeichnet ist.
Mit etwas Glück wird man auf diesen Fehltritt lediglich freundlich hingewiesen, im Normalfall abgeschleppt. Mit etwas Pech allerdings ist der Besitzer des Parkplatzes nicht nur darauf aus, sein Recht geltend zu machen, sondern obendrein mit Kreativität und Humor gesegnet (scheußliches Wort!).
Denn dann kann es passieren, dass er sich rächt.
Nicht unbedingt begeistert bin ich von dem neuesten Album von Extra Life namens „Dream Seeds“, gegenüber dem Vorgänger „Made Flesh“ weiß es mich nicht so recht zu überzeugen; wohl auch, weil auf letzterem das als Studio- …
… wie als Liveversion …
… hervorragende „Voluptuous Life“ enthalten ist.
Und überhaupt: Die Texte.
Too much life, too much life,
so much life that we die
Ach.
Guten Morgen.
Ich weiß nicht, was mich als einen Internetexperten (ich besitze mehrere E‑Mail-Adressen und bin somit vermutlich sogar deutlich überqualifiziert) daran eigentlich am meisten erschüttert:
Expertin: Internet ist nicht Auslöser für junge Amokläufer
Wahrscheinlich die Überschrift.
(Bonuspointe: Die benannte „Expertin“ ist laut heise.de übrigens Medienwissenschaftlerin Sabine Jörk. Klarer Fall: Niemand ist besser dafür geeignet, die Beweggründe jugendlicher Amokläufer zu ergründen, als eine Medienwissenschaftlerin.)
Der totale Krieg gegen Rechts geht weiter: Während sich Mitglieder der Piratenpartei Niedersachsen, angefeuert von sensationslüsternen Bloggern, inzwischen wochenlang gegenseitig vorwerfen, aus den jeweils falschen Gründen („Kampf gegen Rechts“ bzw. eben „Propaganda für Rechts“) in der Piratenpartei zu sein, ist man auf dem Land schon einen Schritt weiter. Die nächste Entnazifizierung muss nicht mehr in der Politik stattfinden, sie wird als Essensschlacht ausgetragen – du bist, was du isst. (Vegetarier sind also, vermutlich, überwiegend Kohlköpfe.)
Denn in einen deutschen Magen darf nie mehr politisch inkorrekte Nahrung gelangen, und damit sind ausnahmsweise nicht „Gürkinnen und Gurken“ gemeint. Reinen Gewissens darf nicht schlemmen, wer Massentierhaltung, genetische Experimente oder die falsche Gesinnung damit unterstützt. Moment, was?
Offenbar dräut uns in Zeiten steigender Beliebtheit von Biogemüse beinahe unabänderlich ein neues Deutsches Reich, wenn wir nicht endlich mit harter Hand durchgreifen gegen heimatverbundene Bauern, denn ein Gemüsekäufer trägt mit seinem Tun, ob gewollt oder nicht, seinen Teil dazu bei, dass der Gemüsebauer mit seinen womöglich, je nach persönlichem Standpunkt, fragwürdigen Ansichten (sei er nun F.D.P.-Mitglied, sei er Radiohead-Anhänger) ein zufriedenes Leben führen kann.
So kann es zum Beispiel auch mal passieren, dass man mit dem Kauf von Biogemüse auch die Kasse eines ehemaligen Funktionärs der NPD, der Partei von Holger Apfel (womit wir auch weiterhin beim Gemüse wären), zu füllen hilft, warnt die „Süddeutsche Zeitung“:
Im politisch unverdächtigen Biolandbau tummeln sich zunehmend Rechtsextreme. Und so landet neonazistisches Gedankengut, unschuldig grün verpackt, in der Mitte der Gesellschaft.
Klar; Natur- und Heimatschutz, ein beliebtes Thema von rechts außen, später zum Teil adaptiert von den „linken“ Grünen, erfreut sich ungebrochener Beliebtheit, aber Ernährung ist ein Grundbedürfnis des Menschen, und da hat Politik nicht viel verloren:
„Ich kann ja keine politische Grundhaltung zertifizieren, ich kann nur ökologische Anbaumethoden zertifizieren“, sagt [Biopark-Geschäftsführerin Delia] Micklich. „Nur wenn man die Partei verbietet, dann haben wir eine Handhabe gegen solche Leute.“
Frech von den Nazis – erst verderben sie einem den Stolz auf das Heimatland und jetzt kann man nicht mal mehr Gemüse kaufen, ohne sich rechtsradikaler Hetzpropaganda auszusetzen. Was sollen die Nachbarn nur denken, wenn man nichts ahnend an ihnen vorbeigeht und plötzlich schreit der Eisbergsalat „Heil Hitler!“ aus der Einkaufstasche? Jemand sollte etwas dagegen tun, bevor es zu spät ist und unsere gesunde Ernährung das Land ein weiteres Mal in den Abgrund stürzen wird. Immerhin hätten wir dann aber jemanden, auf den wir zeigen können.
Denn wer trägt an all dem die volle Schuld? Natürlich die „Süddeutsche Zeitung“ selbst, die in ihren Lesern jahrelang dermaßen Angst vor Genmais und dergleichen geschürt hat, dass ihnen letzten Endes nichts anderes übrig blieb als in den, nun, sauren Apfel zu beißen und fortan zu Braunkohl zu greifen. Lieber Nazigurken als Killermais.
Olles Naziblatt.
(Mit Dank an L.!)
Derzeit gibt es ein Riesenbohei, weil millionenfach kostenlose Ausgaben des Koran, übersetzt auf Deutsch (und somit nach streng muslimischer Auslegung keine Korane), unter das Volk gebracht werden. Das sollte an sich kein Problem sein, denn auf dem Papier besteht in Deutschland keine Staatsreligion, der Islam ist also hierzulande gleichwertig neben dem Christentum, Scientology und dem Pastafarismus einzuordnen, beachtet man einmal nicht die staatlichen Subventionen an die christlichen Kirchen sowie die christlich-kirchlichen Feiertage in den geltenden deutschen Kalendern.
Problematisch wird’s eben, wenn sich zum Glauben und/oder Aberglauben eine große Portion Fundamentalismus gesellt, denn dann wird es kompliziert:
Jede Menge Kritik lässt sich indes gegen jene Gruppe anführen, die den Koran gerade so freimütig unters Volk bringt. Der Prediger Ibrahim Abu Nagie ist nach Überzeugung der Sicherheitsbehörden längst nicht jener harmlose Geschäftsmann, zu dem er sich gerne selbst stilisiert.
Sondern ein religiöser Eiferer, der jener wachsenden Zahl von Salafisten zuzurechnen ist, die einer strikten, brutalen und rückständigen Interpretation des Islam folgen. Einer Denkrichtung, die aggressiv auf Kritiker reagiert und grundlegende Menschenrechte in Frage stellt.
Daran sollten wir alle denken, wenn wir das nächste Mal mit dem Gedanken spielen, unseren Tag, unsere Gedanken und unser Radioprogramm lenken zu lassen von denen, die mit einer Denkrichtung sympathisieren, zu deren Schutz vor Kritikern es sogar ein eigenes Gesetz gibt (§ 166 StGB) und deren Vordenker grundlegende Menschenrechte in Frage stellen.
Zur nächsten Weihnacht dann.
Mit riesigen und schier allgegenwärtigen Plakaten warb jüngst Sat.1 („SAT.1“) für eine weitere überflüssige Version der immer gleichen „Unterhaltungssendung“ mit dem überzeugenden Konzept „Kandidat macht sich zum Heinz und kriegt dafür vielleicht Geld und vielleicht nicht“, deren Name „The Winner is…“ lautet, was in Zeiten einer Sendung wie „The Voice of Germany“ mit einer afrikanischen Siegerin mit englischsprachigem Titel ja auch nur konsequent erscheint, aber schon irgendwie einen Happen dätsch ist, wie man in einigen Gegenden Deutschlands zu sagen pflegt.
Apropos „The Voice of Germany“: Die Produzenten sind geblieben, die Moderation nicht. Diese hat für „The Winner is…“ Linda de Mol übernommen, was ziemlich passend ist, denn sturzfreies Deutsch war bekanntlich nie ihre Stärke.
Gesehen habe ich, Medienkompetenz sei Dank, keine der beiden Sendungen, ausnahmsweise schlägt aber auch der Versuch fehl, mir anhand der Berichterstattung ein Urteil zu bilden. Überschwänglicher Jubel in allen Medien ist normalerweise ein Zeichen für dümmliche Beliebigkeit, aber so leicht machen’s einem die Medien halt nicht.
WELT ONLINE so:
Der blonde holländische Engel verströmt gute Laune mit jeder Faser und rockt jetzt für acht Sendungen das Castingshow-gebeutelte Deutschland, das seine Kicks nun endlich wieder über der Gürtellinie bekommt. (…) Super Studio, grandiose Stimmung, viele Standing Ovations, kurz: Jede Menge Unterhaltung für die ganze Familie – das ist „The Winner is …“.
SPIEGEL ONLINE so:
Worum geht es? Um den innigen Wunsch der Interpreten, das Publikum mit ihrer Musik zu berühren. Kleiner Scherz. Es geht um „die Kohle“ (Linda de Mol).
(…)
Bester Satz? Linda de Mol vor der Verkündung eines Ergebnisses: „So, das ist jetzt ein sehr spannender Moment.“ Das hätte man nämlich um ein Haar wirklich nicht gemerkt, dass das jetzt ein spannender Moment war.
Obwohl ich ausgewogene Berichterstattung fast ebenso schätze wie wohldosierten Sarkasmus, bin ich jetzt doch ein wenig ratlos: Ist „The Winner is…“ nun überbewerteter Quatsch oder stümperhafter Mist?
Wer hat’s gesehen?
Der Zufall wollte es, dass ich heute mit meinem Mobilbrowser versehentlich auf einer dieser neumodischen „Erotik“-Webseiten gelandet war, als ich in ein Funkloch geriet.
Somit bot sich mir für kurze Zeit die Gelegenheit, den ganz realen mindfuck von vorgeblich „erotischen“ clips in Textform zu genießen. Und was da manche Leute für Fetische haben!

„Tschüss, Blondie!“
Mein Favorit ist allerdings das hier:

Ist das so etwas wie auf cybervally.com gezeigt?

Da geht mir ja schon richtig die Düse; Frauen, die auf Webcams starren.
Und damit kann man Leute anlocken?
Die Osterfeiertage sind nun fast vorüber, die Osterferien, sofern zutreffend, neigen sich auch dem Ende. Nun konnte man diese Zeit nutzen, um Musik zu hören, oder man verbrachte sie anders, etwa mit einem Urlaub in Polen.
Oder beides. Den Abschluss der österlichen Musikserie bildet mit der heutigen Montagsmusik die leider vor einigen Monaten aufgelöste deutsche Musikgruppe Urlaub in Polen, die trotz englischsprachiger Texte ein positiv beeindruckendes Beispiel dafür ist, dass Kraftwerk noch bis heute ihre Spuren hinterlassen und elektronische Musik auch unscheiße sein kann, wenn man sich nur Mühe gibt.
(Auf so einen Namen muss man natürlich auch erst mal kommen.)
Guten Morgen!
Zum Thema Günter Grass‘ Israelkritik sei nunmehr alles gesagt, sollte man meinen; nur eben noch nicht von jedem, und es wird fleißig nachgelegt. Das ist natürlich auch irgendwie amüsant:
Die israelische Regierung legt nach: Günter Grass sei ein „antisemitischer Mensch“, schimpfte Innenminister Jischai, man müsste ihm den Literaturnobelpreis aberkennen.
Wir lernen zweierlei:
Erstens: Kritisiert man die Außenpolitik eines Landes, ist das ein Zeichen von Verachtung für die Staatsreligion. Kabarettisten wie Volker Pispers etwa sind folglich Antichristen, und man sollte ihnen jedwelche Auszeichnung nach ihrer Enttarnung wieder wegnehmen, um schlimmeres zu vermeiden.
Zweitens: Ein Literaturnobelpreis steht in unmittelbarem Zusammenhang zu jeglichen späteren politischen Äußerungen des Preisträgers, denn es ist undenkbar, dass jemand, der sich kritisch über die Außenpolitik anderer Länder äußert, gleichzeitig ein anerkannter Schriftsteller sein kann.
Eine mögliche Konsequenz lautet: Verkehrsdelikte sollten künftig mit lebenslangem Hausverbot bei ALDI geahndet werden, denn jemand, der sich nicht an die Verkehrsregeln halten kann oder will, sollte keinen Einkaufswagen mehr benutzen dürfen.
(Mit Dank an L.!)
Und schon ist wieder Ostern, die Zeit der Supersonderspezialaktionen im Internet. Vor lauter Eiern findet man zurzeit nur wenig verwertbare Informationen. Das finde ich gut und richtig, denn immer nur Politik ist auf Dauer doch ein wenig eintönig.
Wie Weihnachten ist Ostern im westlich-christlichen Kulturkreis vor allem eine „besinnliche“ Zeit. Zeit, um in sich zu gehen; und dazu passt Musik. Aber was für Musik sollte man wählen? Ein „Last Easter“ haben Wham! ja leider nie aufgenommen, und so muss man sich anders behelfen. Da trifft es sich gut, dass, wie ausnahms- und lobenswerterweise SPIEGEL Online berichtet, das 24 Jahre alte Album „Spirit of Eden“ – „der Geist des Paradieses“, ein geradezu biblischer und somit für die österliche Beschallung geeigneter Titel – der New-Wave-Formation Talk Talk jüngst sich einer Neuauflage erfreuen durfte, sofern ein Musikalbum das überhaupt zu tun vermag.
Talk Talk war eine britische Musikgruppe, die Anfang der 1980er Jahre grässlichen Kaugummipop („It’s My Life“, „Such a Shame“) für schaffenswert hielt und auf dem letzten Album („Laughing Stock“, 1991), etwa zur gleichen Zeit wie Slint („Spiderland“), das miterfand, was heute von etikettierwütigen Rezensenten „Postrock“ genannt wird. Dazwischen liegt das einmalige „Spirit of Eden“.
Die Einmaligkeit gilt nicht nur innerhalb des Schaffens von Talk Talk, die nie zuvor und auch danach nie wieder ein derart perfektes Album aufgenommen haben, sie gilt für das ganze Genre des New Wave. Aber ist das überhaupt noch New Wave? Das Internet verneint das.
Leise beginnt es mit Streichern und Trompete, nach etwa zweieinhalb Minuten setzen Gitarre, verzerrt-verstärkte Mundharmonika, Bass und Schlagzeug ein. Die Reise nimmt ihren Anfang, schon das 23-minütige und dreiteilige „The Rainbow / Eden / Desire“ lässt den Hörer eine andere Gefühlsebene erleben. Die Stimmung ist floydig, Mark Hollis singt ein wenig undeutlich, dazu ein wenig Klavier. Nach viereinhalb Minuten ist man sich zum ersten Mal seit Langem dem emotionalen Potenzial von Musik bewusst, und während der Verstand den surrealen Rufen wie aus weiter Ferne folgt, drückt irgendetwas ganz tief drin auf Gefühle, die man längst vergessen (oder verdrängt?) hatte.
Well, how can that be fair at all?
Repented, changed,
aware where I have wronged.
Tief durchatmen, weiter geht es. Die Melancholie weicht behutsamer Hoffnung, „Eden“ beginnt. Everybody needs someone to live by, ja, und dann plötzlich, so kurz wie kaum greifbar, The Velvet Underground; krächz, jaul, nächste Strophe. Mark Hollis klagt jetzt nicht mehr, er ruft, die Stimme fast noch sehnsüchtiger als der Text, den er spricht. Die Klimax? „Desire“. Kammerklänge, spärlich instrumentiert.
Desire, whispered, spoken, in time, rivers, oceans.
Der Moment, in dem man am liebsten schreien würde, ist schon längst überschritten. Aber man kann dann doch nicht von der Stimmung lassen und lässt sich weiter treiben; und plötzlich bricht das instrumentale Inferno – gemessen immer am Gewesenen – los. Den Sänger hält es jetzt auch nicht mehr zurück: That ain’t me, babe, I’m just content to relax than drown within myself, und hätte man gerade ein Textbuch zur Hand, man würde den Refrain mitbrüllen, aber so bleibt nur das Brüllen ganz tief drin. Irgendetwas dort tief drin fleht um Gnade, und man würde es gern ohrfeigen, um den Schmerz zu spüren.
Das mit merkwürdigen elektronischen Effekten verzierte „I Believe In You“ hat es aus irgendwelchen Gründen (zwei Jahre nach „I Don’t Believe In You“, wer erkennt das Muster?) geschafft, als Einzelstück ausgekoppelt zu werden. Gegen Ende der 1980er Jahre war solcherlei durchaus beliebt. Ähnlich wie „Inheritance“ und „Wealth“ orientiert sich dieses Lied eher am Art-Pop, ersteres lässt den Rezensenten sich mitunter gar an die wenigen guten Momente der späten Genesis erinnern, ohne jemals deren Oberflächlichkeit zu erreichen.
„Wealth“ ist, wie sonst nur selten, ein passender Abschluss des Albums: Fast nur von der Orgel begleitet fleht Mark Hollis ein letztes Mal nach dem „Reichtum der Liebe“, dem wealth of love, und verspricht dafür seine Freiheit zu geben.
Create upon my flesh,
create a home within my head,
Take my freedom for giving me a sacred love.
Während die Musik langsam verklingt, sinkt der Hörer in seinen Sessel, noch immer weit entfernt von sich selbst. Das Album ist längst zu Ende, die Reise noch lange nicht vorbei.
Es gibt nur wenige Musikalben, die es schaffen, gleichzeitig Herz und Hirn zu entführen, also psychedelisch und melancholisch zugleich zu sein. Dear John Letter verstehen sich auf diese Kunst, Talk Talk haben sie schon 1988 perfektioniert.
Ganz groß.
Offene Briefe sind ja zurzeit ein recht beliebtes Mittel, sich öffentlich zu äußern. Womöglich werden demnächst die ersten Tageszeitungen dazu übergehen, ihre Leserbriefseiten „Seite für offene Briefe“ zu nennen.
Wem hierzu partout nichts einfallen will, dem hilft nunmehr der Offener-Brief-Generator für jeden nur erdenklichen tagespolitischen Anlass, auf Wunsch auch in „Gedicht“-Form:
Liebe FDP.
Mit Verwirrung
habe ich Ihr Wahlprogramm überflogen
und sehe mich daher genötigt,
sofort ein Gedicht zu schreiben.
Hihi!
(via Mario Sixtus)