In den NachrichtenPiratenpartei
Medi­en­kri­tik LXVI: Die­be und Pira­ten

Ach, das ist ja aller­liebst: 100 „Pro­mi­nen­te“ haben sich zusam­men­ge­tan, um gegen die Pira­ten­par­tei zu demon­strie­ren. Unter ihnen sind auch Frau Leu­theu­sser-Schnar­ren­ber­ger, die wohl ihre F.D.P. gegen ver­meint­li­che Fress­fein­de zu ver­tei­di­gen beab­sich­tigt, und, was mich ganz beson­ders amü­siert, Hans-Her­mann Tied­je, ehe­mals Chef­re­dak­teur des Schmier­blat­tes „Bild“.

Die­ser Hans-Her­mann Tied­je kam sich, wohl erfah­rungs­be­dingt, offen­bar nicht zu blöd vor, als er die­ses Bon­mot bei­steu­er­te:

Wer im Inter­net klaut, der stiehlt! So ein­fach ist das. Die Pira­ten könn­ten ihr bis­her ziem­lich nutz­lo­ses Dasein sinn­voll ent­wickeln, wenn sie ihren Anhän­gern einen belast­ba­ren Eigen­tums­be­griff ver­mit­teln wür­den. Andern­falls wer­den sie sehr schnell einen neu­en Namen bekom­men: Par­tei der Die­be.

Wer klaut, der klaut – so eine bril­lan­te Hirn­wich­se hät­te ich Herrn Tied­je bei­na­he nicht zuge­traut. Blöd nur, dass man im Inter­net nicht klau­en kann.

Wenn ich etwas steh­le bzw. „klaue“, wech­selt es den Besit­zer. (Den Unter­schied zwi­schen „Besitz“ und „Eigen­tum“ ist, hof­fe ich, all­ge­mein bekannt.) Wenn ich aber im Inter­net zum Bei­spiel ein Lied uner­laubt her­un­ter­la­de, das vor­her jemand hoch­ge­la­den hat, dann bemerkt der Initia­tor das nicht, er ist auch wei­ter­hin im Besitz des hoch­ge­la­de­nen Stückes und kann sich sogar wei­ter­hin Kopien davon anfer­ti­gen.

Das „Steh­len“ von Ergeb­nis­sen krea­ti­ver Tätig­keit mit­tels digi­ta­ler Repro­duk­ti­on ist also kein „Steh­len“, son­dern „Kopie­ren“. Wenn alle Die­be die­ser Welt aber kopier­ten statt klau­ten, wäre ich als Pirat sogar ziem­lich stolz auf die­sen neu­en Unter­ti­tel. Na ja; „Bild“ eben.

Von einem ehe­ma­li­gen „Bild“-Chefredakteur – die „Bild“ ist das Medi­um, das gern mal Bil­der von Tätern und/oder Opfern im Inter­net fin­det und ver­viel­fäl­tigt – ein­mal die For­de­rung nach einem „belast­ba­ren Eigen­tums­be­griff“ – Zitat H.-H. Tied­je – zu lesen ist übri­gens ein ziem­lich sur­rea­les Gefühl. Wie aber muss ein Eigen­tums­be­griff aus­se­hen, damit er dem Anspruch auf „Belast­bar­keit“ genügt? Viel scheint nicht dazu­zu­ge­hö­ren, über den Ter­mi­nus des „gei­sti­gen Eigen­tums“ echauf­fie­ren sich die 100 „Pro­mi­nen­ten“ näm­lich anschei­nend nicht. (War­um anstel­le wirk­lich Krea­ti­ver zahl­rei­che Schau­spie­ler, Poli­ti­ker und der­glei­chen zu Wort kom­men, fra­ge ich mich schon nicht mehr; ich ver­mu­te jedoch, es hat damit zu tun, dass vie­le von ihnen mit der Pira­ten­par­tei sym­pa­thi­sie­ren und das nicht den gewünsch­ten Tenor her­vor­ge­bracht hät­te.)

Wenn ich einen Vor­schlag unter­brei­ten dürf­te: Wie wäre es mit gei­sti­gen Mono­pol­rech­ten? Dass dies etwas ande­res bedeu­tet als „gei­sti­ges Eigen­tum“, ist gut und rich­tig, denn eine blo­ße Umeti­ket­tie­rung wäre nicht ziel­füh­rend:

Aber es ist ein Feh­ler, „gei­sti­ges Eigen­tum“ durch irgend­ei­nen ande­ren Begriff zu erset­zen. Ein ande­rer Name könn­te die Vor­ein­ge­nom­men­heit besei­ti­gen, wür­de aber nicht das tiefer[gehende] Pro­blem des Begrif­fes besei­ti­gen: Über­ver­all­ge­mei­ne­rung. Ein der­art ein­heit­li­ches Ding wie „gei­sti­ges Eigen­tum“ exi­stiert nicht. Es ist eine Illu­si­on, die nur des­we­gen eine kohä­ren­te Exi­stenz zu haben scheint, weil der Begriff selbst dies nahe­legt.

„Gei­sti­ges Eigen­tum“ sug­ge­riert eine Anwend­bar­keit des mate­ri­el­len Eigen­tums­be­griffs auf imma­te­ri­el­le Güter. (Kann man Eigen­tü­mer einer Idee sein?) Gegen gei­sti­ge Mono­pol­rech­te aber hat nie­mand etwas, auch nie­mand aus dem bösen Inter­net, das vol­ler Die­be steckt. Aber wenn man anfin­ge, dar­über ernst­haft nach­zu­den­ken, statt alles zu tun, um mal wie­der in einer Zei­tung zu ste­hen, erkänn­te man womög­lich, dass die mit dem nutz­lo­sen Dasein in den ver­gan­ge­nen Jah­ren pro­duk­ti­ver waren als man selbst in einem Jahr­zehnt.

Natür­lich stellt jede Par­tei For­de­run­gen, die einer bestimm­ten Men­schen­grup­pe jeweils nicht pas­sen; natür­lich gibt es vie­le Grün­de, die Pira­ten­par­tei zu kri­ti­sie­ren, wie es sicher auch vie­le Grün­de gibt, zum Bei­spiel die CDU zu wäh­len (und sei es nur die gro­ße Wahr­schein­lich­keit auf den Wahl­er­folg). Es aber der­art lai­en­haft zu tun erreicht das Gegen­teil des Gewünsch­ten. Es mag gera­de en vogue sein, die Pira­ten­par­tei blöd zu fin­den, aber nicht jede Chan­ce soll­te man ergrei­fen.

Zöge Nata­lie Port­man sich für den „Play­boy“ aus, bekä­me sie ver­mut­lich viel Geld und Aner­ken­nung, täte ich es, wür­de dies wohl eher ungern gese­hen. Ihr ver­steht, wor­auf ich hin­aus will?

Das wun­dert mich nicht.

(Auf den Rest des „Handelsblatt“-Kuriosums geht, etwas aus­führ­li­cher, auch Tho­mas Knü­wer ein; ich emp­feh­le, dort wei­ter­zu­le­sen.)

LyrikSonstigesWie die Anderen
Wie die Ande­ren (extra): Ama­zon roman-tisch?

(Vor­be­mer­kung: Dies ist ein Son­der­teil mei­ner losen Rei­he „Wie die Ande­ren“, dies­mal inspi­riert von Gün­ter Grass; „Son­der­teil“ des­halb, weil Herr Grass nicht bloggt.)

War­um schwei­ge ich, ver­schwei­ge zu lan­ge,
was offen­sicht­lich ist und in Plan­spie­len
geübt wur­de, an deren Ende als Kun­den
wir allen­falls rat­los sind.

Es ist die behaup­te­te Intel­li­genz,
die künst­li­che, von Men­schen gemacht,
die uns aller­lei Weis­heit beschert
oder es ver­sucht.

Das all­ge­mei­ne Ver­schwei­gen die­ses Tat­be­stan­des,
dem sich mein Schwei­gen unter­ge­ord­net hat,
emp­fin­de ich als bela­sten­de Lüge
und Zwang, der Stra­fe in Aus­sicht stellt,
sobald er miß­ach­tet wird;
das Ver­dikt „Klug­schei­ße­rei“ ist geläu­fig.

Doch stau­ne ich nicht schlecht
über des Ama­zons wun­der­sa­me Algo­rith­men,
die da einen Roman nicht ein­mal erken­nen wür­den,
wenn er die Ver­ant­wort­li­chen daselbst
in den Hin­tern trä­te.

(Nach­be­mer­kung: Soll­te ich eine der Marot­ten der in die­ser Rei­he par­odier­ten Autoren ver­se­hent­lich nicht ein­ge­baut haben, so seid ihr natür­lich herz­lich ein­ge­la­den, es bes­ser zu machen – gern mit Track­back und/oder Kom­men­tar hier unten drun­ter.)

Musikkritik
Espe­ran­za Spal­ding – Radio Music Socie­ty

Espe­ran­za wer?

Nun, Espe­ran­za Spal­ding ist eine von Barack Oba­ma sehr geschätz­te Musi­ke­rin und trotz­dem gar nicht mal übel. Sie hat­te 2009 die Ehre, anläss­lich Herrn Oba­mas Nobel­preis­emp­fang auf­zu­tre­ten, und wur­de 2010 anstel­le von Justin Bie­ber mit dem Neulings-„Grammy“ aus­ge­zeich­net, was ver­wir­rend scheint, denn mit Pop­schei­ße hat sie es nicht so.

Auf ihrem vier­ten Album „Radio Music Socie­ty“ ist Jazz zu hören, was nicht erstaunt, denn immer­hin ist Frau Spal­ding „Jazz-Bas­si­stin“ (news.ch). Dass aber mit Gästen wie Jack DeJohnet­te illu­stre Namen auf der Liste der Mit­mu­si­kan­ten erschei­nen, bedeu­tet lei­der weni­ger als der Titel des Albums, denn trotz der Lounge-Atmo­sphä­re ist vor allem das Radio­pu­bli­kum als Kli­en­tel gesucht; wie’s eben auch auf news.ch steht:

Natür­lich ori­en­tier­te sie sich bei ihren Songs an den klas­si­schen Radio­mu­sik­the­men. In den Lie­dern geht es um Lie­be in sämt­li­chen Ton­la­gen.

Natür­lich, selbst­ver­ständ­lich, es gibt noch nicht genug Schnul­zen im Radio, dass da nicht noch Platz wäre für ein paar ande­re Schnul­zen. Zum Glück kann sich Frau Spal­ding minu­ten­lan­ge Wie­der­ho­lun­gen von „I love you, I love you, baby“ gera­de noch so ver­knei­fen und wird statt­des­sen gele­gent­lich so lyrisch, dass es einen alten, grum­me­li­gen Sack wie mich dann doch schon ein wenig rührt. Cin­na­mon tree, grace fal­ling free…

Aber – und jetzt kommt das erwar­te­te Aber – das ist nicht alles, was zählt. Zuge­ge­ben, das Dar­ge­bo­te­ne ist sehr soli­de, der Rhyth­mus ein­la­dend und der Gesang ein­wand­frei, aber das kann man von vie­len Musikal­ben behaup­ten. Posi­tiv her­vor ste­chen die Lie­der „Cin­na­mon Tree“, ein bedäch­ti­ges Stück über Freund­schaft und Ver­gäng­lich­keit, und „End­an­ge­red Spe­ci­es“, eine betex­te­te Neu­in­ter­pre­ta­ti­on eines Stückes von Way­ne Shorter, die lei­der nur etwa sechs­ein­halb Minu­ten lang ist. „Lei­der“ aus einem simp­len Grund: Das Stück hat Groo­ve. Der Bass durch­springt, getra­gen von Schlag­zeug und so man­chem ande­ren Instru­ment, gra­zil Melo­die­bö­gen, wäh­rend sei­ne Mei­ste­rin Stimm­ex­pe­ri­men­te wagt, die schon wie­der die Gedan­ken des Hörers zur „himm­li­schen Musik“ Zeuhl (Mag­ma! Mag­ma!) abschwei­fen las­sen; war aber „Don­daï“ auf Mag­mas „Attahk“ noch ein Aus­fall nach unten, so ist „End­an­ge­red Spe­ci­es“ hier ein sol­cher nach oben.

Dass Jazz viel­fäl­ti­ger Natur sein kann und ein Ken­ner ob obi­gen Ver­gleichs ver­mut­lich besten­falls mit dem Kopf zu schüt­teln ver­mag, ist mir dabei wohl bewusst. Tat­säch­lich fehlt mir hier eigent­lich nur etwas mehr Span­nung. Die bei­den genann­ten Lie­der, so unter­schied­lich sie auch sein mögen, stel­len die bei­den Pole des Albums dar, aber die ande­ren ent­hal­te­nen Stücke plät­schern eben etwas lust­los dahin. Mag sein, dass es für einen Gram­my reicht – einen sol­chen hat aber Lady Gaga auch schon bekom­men.

„Radio Music Socie­ty“ hät­te ein rich­tig gutes Jazz­al­bum wer­den kön­nen, aber Frau Spal­ding ris­kiert zu wenig. So reicht es trotz „End­an­ge­red Spe­ci­es“ eben nur zur „Ehren­ret­tung der Radio­mu­sik“ (focus.de) und lei­der nicht für die Besten­li­ste 2012.

Wer es gern etwas gemüt­li­cher mag und es nicht so mit Avant­gar­de hat, der möge den­noch ein­mal rein­hö­ren und mir her­nach für den guten Tipp dan­ken.

Musikkritik
Das scheuß­li­che Cover: Mag­ma – Attahk

(Vor­be­mer­kung: Auf Schallgrenzen.de gibt es die lose Rei­he „Das schö­ne Cover“, in der neu inter­pre­tier­te Lie­der älte­ren Ursprungs vor­ge­stellt wer­den. Mei­ne Replik „Das scheuß­li­che Cover“ hin­ge­gen ist bei­na­he rein visu­ell und befasst sich mit eher wenig sehens­wer­ten Schall­plat­ten- und CD-Auf­drucken eigent­lich ziem­lich guter Musik­grup­pen. Dies nur als Erläu­te­rung, damit es nicht zu Ver­wir­run­gen kommt.)

Der fran­zö­si­schen Musik­grup­pe Mag­ma, von mir an ande­rer Stel­le bereits aus­führ­lich gewür­digt, stand um das Jahr 1977 her­um nach ziem­lich groß­ar­ti­gen, Weg wei­sen­den Alben wie Mekanïk Destruk­tïw Kom­man­döh und Wur­dah Ïtah der Sinn nach weni­ger schrul­lig-sphä­ri­scher Eso­te­rik und mehr Pop.

So sieht das Titel­bild des in der Fol­ge erschie­ne­nen Albums „Attahk“ auch aus.

Von der eigen­ar­ti­gen, rät­sel­haf­ten Bild­spra­che der Vor­gän­ger­al­ben ist nichts mehr geblie­ben, statt­des­sen posie­ren zwei Ava­tare, die nord­ko­rea­ni­schen Dik­ta­to­ren eini­ger­ma­ßen ähn­lich sehen und mit „Gor­go“ und „Our­gon“ auch ziem­lich däm­li­che Namen tra­gen, vor den alber­nen Schrift­zü­gen „Mag­ma“ und „Attahk“.

So rei­ße­risch-anbie­dernd das Titel­bild damals gewe­sen sein mag, so ein­falls­los ist der gebo­te­ne Zeuhl, denn was bis dahin maje­stä­tisch wirk­te, ist auf „Attahk“ zu einer blo­ßen Par­odie auf sich selbst ver­kom­men. Der pein­li­che Höhe­punkt – wenn man das so nen­nen darf, ohne von sei­nen Lesern der Irre­füh­rung bezich­tigt zu wer­den – ist das Lie­bes­lied (Lie­bes­lied!; nicht unbe­dingt vor­stell­bar im Rah­men der von Mag­ma erdach­ten mythi­schen Welt von Kobaïa) „Don­daï“:

Mag­ma „Don­dai (To the eter­nal love)“

Dass die­ser Weg Mag­ma in eine Sack­gas­se füh­ren wür­de, war wohl bald auch den Musi­kern selbst bewusst. Das fol­gen­de Stu­dio­al­bum „Mer­ci“ erschien 1984 und war als Solo­al­bum von Schlag­zeu­ger Chri­sti­an Van­der und eini­gen Mit­mu­si­kern eti­ket­tiert, erst 2001 folg­te dann das näch­ste regu­lä­re Mag­ma-Stu­dio­al­bum „K.A.“ und mit ihm eine Rück­be­sin­nung auf ein­sti­ge Stär­ken.

Nun könn­te man argu­men­tie­ren, dass so ein Titel­bild eigent­lich nicht viel über die Musik aus­sagt, von ver­meint­lich weni­gen Aus­nah­men abge­se­hen. Das Titel­bild von „Attahk“ aber ist eben­so wie die auf dem Album ent­hal­te­ne „Musik“ allen­falls eine Zer­stö­rung erwor­be­ner Meri­ten. Zum Glück hat man dar­aus gelernt – lei­der aber nicht auf die Neu­auf­la­ge von „Attahk“ anläss­lich der Sam­mel­box „Stu­dio Zünd“ ver­zich­tet.

Aber CDs hängt man sich ja auch nicht an die Wand.

PolitikIn den NachrichtenPiratenpartei
Kurz ver­linkt XCIII: Netz­ver­eins­meie­rei

Nach der „Digi­ta­len Gesell­schaft“ und dem SPD-nahen Ver­ein „D64“ hat es jetzt auch die CDU geschafft, einen eige­nen Inter­net­ver­ein zu grün­den. Er heißt „CNetz“, aber was schert sich so ein CDU’­ler schon um eta­blier­te Mar­ken­na­men?

SPIEGEL Online so:

Die Netz­po­li­ti­ker der Uni­on orga­ni­sie­ren sich. Unter dem Namen CNetz haben sich Abge­ord­ne­te und Sym­pa­thi­san­ten zu einem Ver­ein zusam­men­ge­schlos­sen, um „bür­ger­li­che und ver­ant­wor­tungs­vol­le“ Netz­po­li­tik zu machen. Es ist auch eine Reak­ti­on auf den Erfolg der Pira­ten­par­tei.

Es ist merk­wür­dig, dass die NPD noch nicht die glei­che Idee hat­te. Immer­hin ist ein Ziel der Pira­ten­par­tei erfüllt: Netz­po­li­tik für die Bür­ger ist in der Poli­tik ange­kom­men und kein Nischen­the­ma mehr. Was aber unter­schei­det das „CNetz“ nun von den ande­ren Netz­ver­ei­nen?

Nun:

Das christ­li­che Men­schen­bild, eine der Grund­la­gen der im Grund­ge­setz nie­der­ge­leg­ten Wer­te, stellt den zur Frei­heit beru­fen Men­schen in den Mit­tel­punkt. Wir wol­len einen Bei­trag dazu lei­sten, die Men­schen dazu zu befä­hi­gen, die­ser Frei­heit mit Ver­ant­wor­tung gerecht zu wer­den – gera­de in der digi­ta­len Gesell­schaft.

Das christ­li­che Men­schen­bild hat unter ande­rem einen Papst her­vor­ge­bracht, der jedem römisch-katho­li­schen Chri­sten sein Sexu­al­le­ben vor­zu­schrei­ben pflegt; Frei­heit, die ich mei­ne.

„Ver­ant­wor­tungs­vol­le“ Netz­po­li­tik bedeu­tet ande­rer­seits dann eben auch kei­ne völ­li­ge Frei­heit ohne gro­ßes Aber. Was „CNetz“ genau for­dert? Das geht dar­aus nicht her­vor. Mir schwant jedoch Böses.


Nach­trag von 22:33 Uhr:

Twit­te­rer „Guen­ter Hack“ schrieb:

Eine wirk­lich kon­ser­va­ti­ve Netz­po­li­tik müss­te dafür sor­gen, dass alles so bleibt, wie es in der guten alten Zeit gewe­sen ist. Also: Netz­neu­tra­li­tät sicher­stel­len, Spit­zel und Abmah­ner raus, Netz­sper­ren ver­un­mög­li­chen, Spam­mer ein­tü­ten. Schon bin ich kon­ser­va­tiv.

So oder so: Die CDU kann sich hier nur ver­he­ben. Ent­we­der gibt sie ihr Pro­fil auf und wird pro­gres­siv und zer­stört so das Inter­net, oder sie bleibt ihrer Linie treu, bleibt kon­ser­va­tiv und zer­stört trotz­dem das Inter­net. Ich darf mich wie­der­ho­len: Mir schwant Böses.

PolitikIn den Nachrichten
Kurz ver­linkt XCII: Die F.D.P. wird gebraucht, die Grü­nen sind grün.

Ach, heu­te ist ja wie­der der Tag der Scherz­bol­de, an dem jedes alber­ne Por­tal ver­sucht, krampf­haft lustig zu sein. Auf dem Blog „Pin­guin­zu­be­hör“ etwa wird wie­der mal die alte „Ubun­tu wird kostenpflichtig“-Schiene befah­ren, und dass der dort genann­te „Trick“, das Hin­ter­grund­bild fest ein­zu­kom­pi­lie­ren, dafür gar nicht nötig wäre, weil die GPL, unter der Linux­dis­tri­bu­tio­nen gezwun­ge­ner­ma­ßen ste­hen, das Erhe­ben von Lizenz­ge­büh­ren aus­drück­lich erlaubt, ver­steht sich von selbst. Wenn April­scher­ze nur nicht immer so offen­sicht­lich wären…!

Trotz­dem schrei­be ich mal etwas, und weil es heu­te all­zu offen­sicht­lich wäre, gezielt ach-so-lusti­ge Unwahr­hei­ten zu ver­brei­ten (reimt sich!), ver­lin­ke ich dafür nur mal kurz ein wenig Poli­tik.

Obwohl das hier natür­lich einen guten April­scherz abgä­be. Rena­te Kün­ast – zum Leid­we­sen der Grü­nen weni­ger ner­vig als Clau­dia Roth – hat näm­lich gesagt:

Wir Grü­nen haben ein inhalt­li­ches Pro­fil, da scheue ich die Debat­te nicht.

Die­ses inhalt­li­che Pro­fil kon­kre­ti­siert sie ein­drucks­voll:

Welt am Sonn­tag: Erin­nern Sie die Pira­ten an die Anfän­ge der Grü­nen?

Kün­ast: Es gibt Par­al­le­len, aber in eini­gen Punk­ten unter­schei­den wir uns deut­lich. Die Pira­ten sind nun die Neu­en. Wir sind die Grü­nen.

Aber nicht nur die Grü­nen sind ein wich­ti­ger Bestand­teil des deut­schen Par­tei­en­sy­stems, auch die F.D.P. ist rele­vant:

FDP-Lan­des­chef Dani­el Bahr sag­te, die FDP müs­se bei der Land­tags­wahl am 13. Mai dafür sor­gen, dass die Libe­ra­len in Deutsch­land eine star­ke Stim­me blei­ben. „Die FDP wird gebraucht.“

Eine „star­ke Stim­me“ also; Haupt­sa­che, laut kra­kee­len, wenn man schon mit lei­sen Wor­ten nie­man­den mehr beein­druckt. Beein­druckend ist es aber, dass man in Nord­rhein-West­fa­len tat­säch­lich noch 395 stimm­be­rech­tig­te F.D.P.-Mitglieder auf­trei­ben konn­te:

Lind­ner, der kei­nen Gegen­kan­di­da­ten hat­te, erhielt fast 100 Pro­zent der Stim­men – näm­lich 394 von 395 gül­ti­gen Stim­men.

„Fast 100 Pro­zent“ ohne einen Gegen­kan­di­da­ten ist natür­lich auch eher ein „leck mich“ als ein „ich ste­he voll hin­ter dir“ sei­tens der Basis; aber sei’s drum.

Musik
Musik­ma­so­chi­sten

Auf einer mit vor­an­schrei­ten­der Uhr­zeit zuse­hends anstren­gen­de­ren Rei­se dräng­te sich mir heu­te wie­der die Fra­ge auf, was eigent­lich einen Jung­men­schen dazu ver­an­lasst, „Musik“ – und sei es nur blö­des Com­pu­ter­ge­stamp­fe – über den inter­nen Laut­spre­cher eines Mobil­te­le­fons oder eines ähn­lich unge­eig­ne­ten Gerä­tes abzu­spie­len statt einen Kopf- oder wenig­stens Ohr­hö­rer zu ver­wen­den. Ich mei­ner­seits betrach­te es als Fol­ter und nicht als gute Unter­hal­tung, wenn man mir per MP3-Codec kaputt­kom­pri­mier­te Dance-Klän­ge über einen quä­ki­gen Audio­aus­gang vor­spielt, und käme nie­mals auf die Idee, dies aus eige­nem Antrieb her­aus selbst zu tun; ganz davon abge­se­hen, dass Dance mei­ne prä­fe­rier­te Musik­rich­tung nun wahr­lich nicht ist.

Das bis dahin letz­te Musik­al­bum, das ich hör­te, war weni­ge Stun­den zuvor das Album „Plumb“ von den ziem­lich guten Indie-Pop-Musi­kern Field Music, und von jenen ist der Schritt ein nicht gerin­ger.

Was also gibt den Anlass für die weit­flä­chi­ge Ver­brei­tung furcht­bar ver­zerr­ter Tanz­mu­sik in öffent­li­chen Ver­kehrs­mit­teln? Mit­tei­lungs­drang kann es nicht sin, denn man teilt ja sei­nen Mit­rei­sen­den so abge­se­hen von dem Umstand, dass die eige­ne musi­ka­li­sche Sozia­li­sie­rung erst noch statt­fin­den muss, nicht viel mit. Auch der Hedo­nis­mus schei­det aus, denn spa­ßig ist die­se Ohren­fol­ter wohl nur für die­je­ni­gen, die, selbst mit Kopf­hö­rern und Scha­den­freu­de aus­ge­stat­tet, das Mie­nen­spiel der Gequäl­ten beob­ach­ten kön­nen.

Dabei ist aus­nahms­wei­se nicht ein­mal die Audio­kom­pres­si­on der – im Wort­sin­ne – Aus­schlag geben­de Aspekt, das Aus­ga­be­ge­rät ist es. Selbst eine hoch­auf­lö­sen­de Ver­si­on von Gent­le Giants „Fun­ny Ways“ gerät, durch die­sen Fil­ter gejagt, zu quä­ki­gem Klang­brei; und wenn dann noch der übli­che Fick­beat dar­un­ter gelegt wür­de (was den Dar­un­ter­le­ger zu einem mei­ner ärg­sten Fein­de mach­te, wes­halb ich davon abra­te), könn­te nie­mand mehr mit Bestimmt­heit sagen, ob er da gera­de mit Gent­le Giant, den Beat­les, Madon­na oder Skrillex (im Musik­le­xi­kon unter „S“ wie „scheuß­lich“ zu fin­den) belä­stigt wird. Es mag Kon­sum sein, Genuss aber kei­nes­wegs; zumin­dest bin ich mög­li­cher­wei­se wil­lens, nicht aber fähig dazu, gegen­tei­li­ge Behaup­tun­gen als unein­ge­schränkt zutref­fend zu begrei­fen.

Als Kon­trast zu uns Musik­fa­schi­sten bin ich geneigt, die Prot­ago­ni­sten sol­chen Tuns als Musik­ma­so­chi­sten zu bezeich­nen; die eben „Musik“ auch und gera­de dann und der­ge­stalt hören, wenn und dass es das größt­mög­li­che Miss­fal­len erzeugt. (In US-ame­ri­ka­ni­schen Fol­ter­ge­fäng­nis­sen wen­det man bekannt­lich eine ähn­li­che Stra­te­gie an.)

Ich emp­feh­le Her­stel­lern min­der­wer­ti­ger Klangaus­ga­be­ge­rä­te, jeg­li­che Musik­wie­der­ga­be allein über die Klin­ken­buch­se aus­zu­füh­ren, um wei­te­res Leid zu redu­zie­ren, und bedan­ke mich herz­lichst im Vor­aus.

PolitikNetzfundstücke
Nor­bert Rött­gen: Poli­tik auf Kin­disch

Nur mal so gefragt:

  1. Ist es nicht ein wenig gewagt, nach den diver­sen Geschich­ten über CDU-Poli­ti­ker und min­der­jäh­ri­ge Gespie­lin­nen mit einem sol­chen Pla­kat auf­zu­war­ten?
  2. Wo hat der Onkel Nor­bert da eigent­lich sei­ne Hän­de? (Ist das Kind echt, oder ist es eine Bauch­red­ner­pup­pe? Und wie lau­te­te in die­sem Fall die Ant­wort auf die Fra­ge?)
  3. Wenn die CDU Poli­tik „aus den Augen eines Kin­des“ macht, was bedeu­tet das eigent­lich?

Na ja; CDU eben. Wenig­stens das kön­nen sie: Sich stil­voll selbst in die Pfan­ne hau­en.

(via Twit­ter, unter ande­rem @fraeulein_tessa)

Netzfundstücke
Kurz ver­linkt XCI: Haa­rig: Hit­ler­sham­poo nur für Män­ner.

Max Goldt hat ein­mal geschrie­ben, es gebe kei­nen schlech­ten tür­ki­schen Fri­sör, was man dar­an sehe, dass es kei­ne schlecht fri­sier­ten tür­ki­schen Män­ner gebe.

Nun könn­te man dar­aus fol­gern, dass die Beob­ach­tung, tür­ki­sche Män­ner hät­ten Ein­heits­fri­su­ren, nicht ganz falsch ist, und dass das an die Dis­zi­plin in einer Armee erin­nert, schweift viel­leicht ein biss­chen zu weit ab.

Tat­säch­lich aber bre­chen in der Tür­kei jetzt haar­te Zei­ten für die Anhän­ger der Dämo­ni- und Tabui­sie­rung Haar­dolf Adolf Hit­lers und schlech­ter Fri­su­ren an, denn:

„War­um benutzt Du ein Frau­en­sham­poo, wenn Du kei­ne Frau bist?“, don­nert Adolf Hit­ler in einem neu­en tür­ki­schen Wer(b)espot. „Bist Du ein Mann, benutzt Du Bio­men!“ Im Off bran­det tosen­der Applaus der Volks­mas­sen auf.

(…)

Hit­ler wird im Spot frei­lich nicht aus­drück­lich als Juden­mör­der geprie­sen, son­dern soll als Sym­bol für Viri­li­tät her­hal­ten, oder was man in der Tür­kei dar­un­ter ver­steht. Als betont männ­lich gilt auch Erdo­gan, beson­ders wenn er gegen Isra­el zu Fel­de zieht.

Der tür­ki­sche Mann: Viril wie Hit­ler und garan­tiert kein Frau­en­sham­poo in den gegel­ten Haa­ren.

(Mit Dank an M.!)

Lyrik
… weil er lacht, weil er lebt …

Eines Tages kam der Mensch an einen Fluss, der sei­nen Weg kreuz­te. „Ei“, sprach der Mensch, „viel­leicht hilft mir der Fluss, mei­ne Sor­gen zu ver­ges­sen.“ Und so setz­te sich der Mensch an den Fluss und nahm die gleich­för­mi­gen Bewe­gun­gen des Was­sers in sich auf.

Als er eine Wei­le so geses­sen hat­te, kam eine Ente des Weges geschwom­men. Sie frag­te den Men­schen: „Ach, Mensch, war­um schaust du so betrübt drein?“ Der Mensch erschrak, von der uner­war­te­ten Anre­de über­rascht. „Ente, war­um kannst du spre­chen?“ frag­te er.

Die Ente erwi­der­te: „Sind wir nicht alle­samt Lebe­we­sen? Wäre es nicht absurd, sprä­chen wir kei­ne gemein­sa­me Spra­che, wir Enten und ihr Men­schen? Wir Enten kön­nen schon immer mit euch Men­schen reden. Außer­dem bist du betrun­ken.“

„Ach so“, sag­te der Mensch. „Betrübt bin ich, weil ich mit dem Leben unzu­frie­den bin und dich nun hier sehe, wie du sorg­los -“

„Halt!“, unter­brach ihn die Ente. „Wie­so soll­te ich sorg­los sein, nur weil ich nicht jedem mein Leid kla­ge?“

„Ent­schul­di­ge, Ente; wie du hier also ent­lang­schwimmst, als kön­ne dich nichts erschüt­tern, wäh­rend mich die Sor­gen pla­gen.“

„Sor­gen sind kein Grund, sich der Trüb­sal hin­zu­ge­ben. Wich­tig ist, dass man sein Leben lebt. Jeder ist sei­nes Glückes Schmied, und wenn das Leben dir Melo­nen gibt, mach Mar­me­la­de dar­aus. Lass die Son­ne rein!“

Nach kur­zem Zögern erhell­te sich das Gesicht des Men­schen. „So habe ich das noch gar nicht gese­hen!“ rief er. „Ich dan­ke dir viel­mals, Ente! Kommst du noch mit auf einen Kaf­fee?“

„Nein, ich muss noch fah­ren“, sprach die Ente, „aber ich dan­ke dir für die Ein­la­dung!“

„Scha­de!“ bedau­er­te der Mensch die Ente. „Den­noch dan­ke ich dir für alles, mein Freund!“

Und fro­hen Mutes schritt er davon. Die Ente aber sah ihm noch lan­ge nach und seufz­te.

(Nimm das, Antoine de Saint-Exupé­ry!)

PiratenparteiPolitikIn den Nachrichten
Kurz ver­linkt XC: Frei­heits­die­be!

Hihi:

Sabi­ne Leu­theu­sser-Schnar­ren­ber­ger hat die Pira­ten­par­tei ange­grif­fen. Die Pira­ten sei­en nur „Tritt­brett­fah­rer des Enga­ge­ments für die Frei­heit und gegen einen über­bor­den­den Sicher­heits­staat“ der FDP.

Ach so.

Sabi­ne Leu­theu­sser-Schnar­ren­ber­ger ist, dies zur Erin­ne­rung, die Frau, die gegen die Vor­rats­da­ten­spei­che­rung nichts hat, so lan­ge sie „maß­voll“ ange­wen­det wird. Das bür­ger­na­he Enga­ge­ment ihrer frei­heits­lie­ben­den F.D.P. ist auch sonst ziem­lich beein­druckend:

Die FDP hat ihren Anfang des Jah­res noch publik­ge­mach­ten Wider­stand gegen die Ein­füh­rung des elek­tro­ni­schen Per­so­nal­aus­wei­ses auf­ge­ge­ben.

Wegen des Kapi­tals halt:

Staat und Unter­neh­men hät­ten schon „erheb­li­che Sum­men“ dafür auf­ge­wen­det. Hät­ten die Libe­ra­len die Reiß­lei­ne gezo­gen, wäre ein „gigan­ti­sches Mil­lio­nen­grab“ ent­stan­den.

Und so ein Sicher­heits­staat ist nicht im Inter­es­se der F.D.P., wes­halb Frau Leu­theu­sser-Schnar­ren­ber­ger es lie­ber unsi­cher mag:

Bei ACTA han­de­le es sich um kein Ein­falls­tor für Netz­sper­ren, erklär­te Bun­des­ju­stiz­mi­ni­ste­rin Sabi­ne Leu­theu­sser-Schnar­ren­ber­ger (FDP). Damit weist sie die Kri­tik von Geg­nern des Han­dels­ab­kom­men, das nach deren Auf­fas­sung die Ein­schrän­kung von Frei­heits­rech­ten zufol­ge hat, zurück.

Nur, falls sich noch wer fragt, wie­so es mit der F.D.P. so rapi­de berg­ab gehen konn­te.

Nerdkrams
Gedan­ken zur gras­sie­ren­den Linux­ma­nie

Seit bekannt ist, dass Win­dows 8 vor­aus­sicht­lich – das ist ein wich­ti­ges Detail – das Fen­ster­kon­zept zugun­sten einer geka­chel­ten Umge­bung nur noch stief­müt­ter­lich behan­deln wird und eigent­lich also kein „Win­dows“ mehr ist, tönen wie­der die Fan­fa­ren der Linux­frak­ti­on.

Zuvör­derst natür­lich kra­kee­len die Nut­zer von Ubun­tu, die den Umstand, dass Ubun­tu es selbst war, des­sen „Unity“-Oberfläche erfolg­los gleich­zei­tig Desk­top- und Tablet­um­ge­bung zu sein ver­such­te und so reich­lich Benut­zer zu ande­ren Dis­tri­bu­tio­nen trieb, gern ver­ges­sen, dass die ver­blie­be­nen Win­dows­nut­zer doch jetzt bit­te end­lich auf die hel­le Sei­te wech­seln soll­ten, bevor es zu spät sei.

Aber: War­um?

Dass Win­dows 8 even­tu­ell tat­säch­lich über­sprun­gen wer­den soll­te, ist dabei nicht ent­schei­dend, das ist ledig­lich Objekt sub­jek­ti­ver Ent­schei­dun­gen. War­um aber soll­te aus­ge­rech­net Linux die rich­ti­ge Ant­wort auf mög­li­cher­wei­se unge­lieb­te Ände­run­gen an einem Betriebs­sy­stem sein, wenn es selbst stän­dig mutiert und so die Benut­zer von einer Dis­tri­bu­ti­on zur näch­sten treibt? War­um nicht BSD, war­um nicht Mac OS X, war­um über­haupt etwas ande­res?

Sicher ist Linux frei. Na und? Die mei­sten Men­schen in mei­nem Umfeld bekom­men eine neue Win­dows­ver­si­on allein mit einem neu­en Rech­ner ins Haus, die bei­lie­gen­den OEM-Lizen­zen kosten sie also „nichts“. Wel­chen Vor­teil zieht der typi­sche End­nut­zer aus dem Umstand, dass sein System frei ist, wenn ihm Quell­codes, wie meist, eini­ger­ma­ßen egal sind? Lizenz­ge­büh­ren spa­ren kann er so nicht, die hat er ja beim Rech­ner­kauf schon ent­rich­tet.

Die Frei­heit scheint auch allein finan­zi­el­ler Natur zu sein: Aus­ge­rech­net die Open-Source-Apo­lo­ge­ten, die von ideel­ler Frei­heit über­zeugt sind oder dies zumin­dest behaup­ten, sind der Mei­nung, sie müss­ten die­je­ni­gen, die sich bewusst für ein ande­res System ent­schie­den haben, bekeh­ren; lusti­ger­wei­se gehö­ren zu der Grup­pe der Pre­di­ger sogar Nut­zer von Mac OS X und iOS, die trotz der par­ti­el­len BSD-Basis geschlos­se­ne­re Syste­me sind als Win­dows es je sein könn­te.

Der erste eige­ne Rech­ner ist stets der prä­gen­de. Ist dort zum Bei­spiel Fedo­ra Linux vor­in­stal­liert, so wird man spä­ter mit Win­dows ähn­li­che Pro­ble­me bekom­men wie sogar mit Ubun­tu Linux oder ande­ren Dis­tri­bu­tio­nen. Aber nicht immer ist Bedien­bar­keit das ein­zig ent­schei­den­de Kri­te­ri­um: Spie­len, Bild­be­ar­bei­tung und Video­schnitt – kurz­um: Din­ge, für die man als Heim­an­wen­der eben gern mal am Rech­ner, sei er nun mit Win­dows oder mit Mac OS aus­ge­stat­tet, sitzt – machen unter Linux kei­nen Spaß. Um Anony­mus „Tiles“ zu zitie­ren:

Klar, wenn du nichts am PC machst außer Musik zu hören und hier und da ein wenig an Con­fig­files rum­zu­fin­gern, ist Linux für dich per­fekt. Ein OS ist aber kein Selbst­zweck. Es ist die Platt­form, auf der mei­ne Soft­ware lau­fen soll. Tut es das nicht, dann brauch ich’s auch nicht.

(Tipp­feh­ler­kor­rek­tu­ren mei­ner­seits ent­hal­ten.)

Je län­ger man also einen eige­nen Com­pu­ter besitzt, desto flüs­si­ger kann man dem eige­nen work­flow fol­gen. Man soll­te sich dar­über im Kla­ren sein, dass ein unter Win­dows erlern­ter Arbeits­ab­lauf unter jedem ande­ren System ver­mut­lich gänz­lich weg­fällt und neu erdacht wer­den muss, was umge­kehrt natür­lich auch gilt. (Nicht jeder Auto­fah­rer kann auch ein Motor­rad bedie­nen.)

Eine Par­al­lel­in­stal­la­ti­on hilft zwar, hier­über zunächst weit­ge­hend gefahr­los Infor­ma­tio­nen zu sam­meln, aber das par­al­lel instal­lier­te Erst­sy­stem setzt hier die Hür­de, dass man nicht gezwun­gen ist, mit dem neu­en System zu arbei­ten. Wenn man sich immer wie­der dabei ertappt, „nur mal eben“ wie­der das Erst­sy­stem zu star­ten, ist das Zweit­sy­stem auf jeden Fall die fal­sche Wahl.

Man ver­ste­he mich nicht falsch: Kei­nes­falls soll dies hier ein flam­men­des Plä­doy­er für mehr Win­dows und weni­ger Linux sein. Ich emp­feh­le nur, die Weis­heit „fass ein lau­fen­des System nicht an“ zu beher­zi­gen. Auf Linux umzu­stei­gen, weil das jetzt alle machen, ist defi­ni­tiv der fal­sche Weg. Linux ist eine Alter­na­ti­ve und kein Ersatz, und Mac OS X, BSD, Hai­ku und Win­dows sind es auch – und kei­nes davon ist das beste Betriebs­sy­stem. (Ich käme zum Bei­spiel nie­mals auf die Idee, die­se Inter­net­sei­te hier unter Win­dows zu betrei­ben.)

Der Umstieg auf ein ande­res System braucht vor allem viel freie Zeit, die Ein­ar­bei­tung in das neue Öko­sy­stem ist in kei­nem Fall mal eben in der Mit­tags­pau­se erle­digt. Zuvor gilt es aller­dings abzu­wä­gen, ob der enor­me Mehr­auf­wand den Mehr­wert wirk­lich recht­fer­tigt. „Win­doof ist uncool“ wird lang­fri­stig nicht genü­gen. Denn die Leid­tra­gen­den sind im Zwei­fel die, die sich mit dem gan­zen Brim­bo­ri­um aus­ken­nen.