In den NachrichtenPiratenpartei
Medienkritik LXVI: Diebe und Piraten

Ach, das ist ja aller­liebst: 100 „Prominente“ haben sich zusam­men­ge­tan, um gegen die Piratenpartei zu demon­strie­ren. Unter ihnen sind auch Frau Leutheusser-Schnarrenberger, die wohl ihre F.D.P. gegen ver­meint­li­che Fressfeinde zu ver­tei­di­gen beab­sich­tigt, und, was mich ganz beson­ders amü­siert, Hans-Hermann Tiedje, ehe­mals Chefredakteur des Schmierblattes „Bild“.

Dieser Hans-Hermann Tiedje kam sich, wohl erfah­rungs­be­dingt, offen­bar nicht zu blöd vor, als er die­ses Bonmot beisteuerte:

Wer im Internet klaut, der stiehlt! So ein­fach ist das. Die Piraten könn­ten ihr bis­her ziem­lich nutz­lo­ses Dasein sinn­voll ent­wickeln, wenn sie ihren Anhängern einen belast­ba­ren Eigentumsbegriff ver­mit­teln wür­den. Andernfalls wer­den sie sehr schnell einen neu­en Namen bekom­men: Partei der Diebe.

Wer klaut, der klaut - so eine bril­lan­te Hirnwichse hät­te ich Herrn Tiedje bei­na­he nicht zuge­traut. Blöd nur, dass man im Internet nicht klau­en kann.

Wenn ich etwas steh­le bzw. „klaue“, wech­selt es den Besitzer. (Den Unterschied zwi­schen „Besitz“ und „Eigentum“ ist, hof­fe ich, all­ge­mein bekannt.) Wenn ich aber im Internet zum Beispiel ein Lied uner­laubt her­un­ter­la­de, das vor­her jemand hoch­ge­la­den hat, dann bemerkt der Initiator das nicht, er ist auch wei­ter­hin im Besitz des hoch­ge­la­de­nen Stückes und kann sich sogar wei­ter­hin Kopien davon anfertigen.

Das „Stehlen“ von Ergebnissen krea­ti­ver Tätigkeit mit­tels digi­ta­ler Reproduktion ist also kein „Stehlen“, son­dern „Kopieren“. Wenn alle Diebe die­ser Welt aber kopier­ten statt klau­ten, wäre ich als Pirat sogar ziem­lich stolz auf die­sen neu­en Untertitel. Na ja; „Bild“ eben.

Von einem ehe­ma­li­gen „Bild“-Chefredakteur - die „Bild“ ist das Medium, das gern mal Bilder von Tätern und/oder Opfern im Internet fin­det und ver­viel­fäl­tigt - ein­mal die Forderung nach einem „belast­ba­ren Eigentumsbegriff“ - Zitat H.-H. Tiedje - zu lesen ist übri­gens ein ziem­lich sur­rea­les Gefühl. Wie aber muss ein Eigentumsbegriff aus­se­hen, damit er dem Anspruch auf „Belastbarkeit“ genügt? Viel scheint nicht dazu­zu­ge­hö­ren, über den Terminus des „gei­sti­gen Eigentums“ echauf­fie­ren sich die 100 „Prominenten“ näm­lich anschei­nend nicht. (Warum anstel­le wirk­lich Kreativer zahl­rei­che Schauspieler, Politiker und der­glei­chen zu Wort kom­men, fra­ge ich mich schon nicht mehr; ich ver­mu­te jedoch, es hat damit zu tun, dass vie­le von ihnen mit der Piratenpartei sym­pa­thi­sie­ren und das nicht den gewünsch­ten Tenor her­vor­ge­bracht hätte.)

Wenn ich einen Vorschlag unter­brei­ten dürf­te: Wie wäre es mit gei­sti­gen Monopolrechten? Dass dies etwas ande­res bedeu­tet als „gei­sti­ges Eigentum“, ist gut und rich­tig, denn eine blo­ße Umetikettierung wäre nicht ziel­füh­rend:

Aber es ist ein Fehler, „gei­sti­ges Eigentum“ durch irgend­ei­nen ande­ren Begriff zu erset­zen. Ein ande­rer Name könn­te die Voreingenommenheit besei­ti­gen, wür­de aber nicht das tiefer[gehende] Problem des Begriffes besei­ti­gen: Überverallgemeinerung. Ein der­art ein­heit­li­ches Ding wie „gei­sti­ges Eigentum“ exi­stiert nicht. Es ist eine Illusion, die nur des­we­gen eine kohä­ren­te Existenz zu haben scheint, weil der Begriff selbst dies nahelegt.

„Geistiges Eigentum“ sug­ge­riert eine Anwendbarkeit des mate­ri­el­len Eigentumsbegriffs auf imma­te­ri­el­le Güter. (Kann man Eigentümer einer Idee sein?) Gegen gei­sti­ge Monopolrechte aber hat nie­mand etwas, auch nie­mand aus dem bösen Internet, das vol­ler Diebe steckt. Aber wenn man anfin­ge, dar­über ernst­haft nach­zu­den­ken, statt alles zu tun, um mal wie­der in einer Zeitung zu ste­hen, erkänn­te man womög­lich, dass die mit dem nutz­lo­sen Dasein in den ver­gan­ge­nen Jahren pro­duk­ti­ver waren als man selbst in einem Jahrzehnt.

Natürlich stellt jede Partei Forderungen, die einer bestimm­ten Menschengruppe jeweils nicht pas­sen; natür­lich gibt es vie­le Gründe, die Piratenpartei zu kri­ti­sie­ren, wie es sicher auch vie­le Gründe gibt, zum Beispiel die CDU zu wäh­len (und sei es nur die gro­ße Wahrscheinlichkeit auf den Wahlerfolg). Es aber der­art lai­en­haft zu tun erreicht das Gegenteil des Gewünschten. Es mag gera­de en vogue sein, die Piratenpartei blöd zu fin­den, aber nicht jede Chance soll­te man ergreifen.

Zöge Natalie Portman sich für den „Playboy“ aus, bekä­me sie ver­mut­lich viel Geld und Anerkennung, täte ich es, wür­de dies wohl eher ungern gese­hen. Ihr ver­steht, wor­auf ich hin­aus will?

Das wun­dert mich nicht.

(Auf den Rest des „Handelsblatt“-Kuriosums geht, etwas aus­führ­li­cher, auch Thomas Knüwer ein; ich emp­feh­le, dort wei­ter­zu­le­sen.)

Senfecke:

  1. Schade, dass Deine juri­sti­schen Ergüsse mit Politik behaf­tet sind. Sonst hät­te ich mich u. U, geäußert.

  2. Schade, dass Deine poli­ti­schen Ergüsse mit Juristik behaf­tet sind. Sonst hät­te ich mich u. U, geäußert.

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