Wirtschaft
Trink, Brüderle, trink: Mit Schulden gegen Schulden?

Gegen­wär­tig wer­den ver­schiedene Haushalte in Deutsch­land mit Wer­be­prospek­ten der F.D.P. beglückt, begleit­et von einem per­sön­lichen Anschreiben von Rain­er Brüder­le, dem Vor­sitzen­den der erstaunlich lan­glebi­gen F.D.P.-Bundestagsfraktion, in dem er her­vorhebt, wie nüt­zlich die F.D.P. in den ver­gan­genen Jahren war. (Par­al­le­len zu Erich Mielkes unge­fährem “Aber ich liebe doch alle Men­schen!” in ähn­lich­er Sit­u­a­tion wie der, in der sich die F.D.P. momen­tan befind­et, sind sich­er nur Zufall.)

Ein Leser war so zuvork­om­mend, mir das Anschreiben zukom­men zu lassen, und ich bin ziem­lich amüsiert, aber mein Humor ist auch eher düster.

Wer hat Lust auf ein Such­spiel und find­et alle Dümm­lichkeit­en im Text? — Anschließend bitte mit dem Lesen fort­fahren.

Schon im ersten richti­gen Satz schafft es Rain­er Brüder­le, sich über die Empfänger seines Briefes lustig zu machen.

[S]icher ken­nen Sie das auch: Wir kön­nen uns nicht immer all das leis­ten, was wir uns wün­schen.

Ja, das muss hart sein, auf die — bis 2011 — gewohn­ten Einkün­fte von über 7.500 Euro, die man als Bun­desmin­is­ter so bekommt, verzicht­en zu müssen, und ein Bun­destags­man­dat wird eben nicht ganz so gut bezahlt. Rain­er Brüder­le, ständig nahe an der Armutsgren­ze.

Staatss­chulden sind das süße Gift der Poli­tik. (…) Für die Lib­eralen ist deshalb klar: Mit der Schulden­poli­tik in Deutsch­land muss endgültig Schluss sein. Unser Ziel ist Schulden­ab­bau! Die schwarz-gelbe Koali­tion kämpft dafür.

Und da gehen sie, die “Lib­eralen”, ja mit gutem Beispiel voran: Die ver­sproch­enen Steuersenkun­gen wollen Union und FDP ange­blich über höhere Schulden finanzieren. Dafür soll ein Schat­ten­haushalt im Vol­u­men von 50 bis 60 Mil­liar­den Euro neben dem eigentlichen Bun­de­shaushalt ein­gerichtet wer­den. Schlimm, diese unver­ant­wortliche Schulden­poli­tik.

Gegen wen kämpft die schwarz-gelbe Koali­tion eigentlich? Offen­bar meist gegeneinan­der. Nur in der Steuer­poli­tik sind sie sich einig, uneinig zu sein; wie bei einem alten Ehep­aar.

Wenig­stens liefert Rain­er Brüder­le im beiliegen­den Falt­blatt konkrete Zahlen:

Die schwarz-gelbe Bun­desregierung hat­te 2011 tat­säch­lich nur eine Neu­ver­schul­dung von 17,3 Mil­liar­den Euro.

(Her­vorhe­bung von mir.)

Apro­pos alt: Zum Zwecke der Bestau­nung führt Rain­er Brüder­le oben­drein auf, was die Bundes‑F.D.P. denn so alles dafür getan hat, dass die Schulden “sinken”. Beson­ders gut gefällt mir dieser Punkt:

Unsere Grund­sätze, unsere Schulden­bremse, unsere wach­s­tum­sori­en­tierte Poli­tik sind inzwis­chen Vor­bild für ganz Europa.

Wieder ein­mal schafft Deutsch­land es, ganz Europa in Schwierigkeit­en zu brin­gen, dies­mal sog­ar ohne Leutetotsch­ießen. “Wach­s­tum” sieht in Ital­ien etwa momen­tan so aus:

Ein Land ver­liert den Lebens­mut: Wirtschafts­flaute und Sparkurs set­zen den Ital­ienern zu, das Land wird in diesem Jahr wohl noch tiefer in die Rezes­sion rutschen. (…) “Die Römer lachen nicht mehr”, sagt Loredana, 45, “so viele deprim­ierte Men­schen wie jet­zt habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gese­hen”.

Deutsch­land, ein prä­gen­des Vor­bild für einen deprim­ierten, insol­ven­ten Kon­ti­nent. Glück­wun­sch, Herr Brüder­le!

Immer­hin sind Sie nicht betrof­fen:

Vor allem Kleins­par­er, Ger­ingver­di­ener und Rent­ner wer­den um ihr Geld gebracht. Die Infla­tion trifft immer die Falschen, führt zu Ver­ar­mung und ver­hin­dert Wach­s­tum und Entwick­lung.

Insofern bedanke ich mich im Namen mein­er Leser nochmals her­zlich für die “Steuersenkun­gen” Ihrer, Herr Brüder­le, F.D.P.

Wir haben weniger als drei Mil­lio­nen Arbeit­slose, sehr gute Steuere­in­nah­men und ein solides Wirtschaftswach­s­tum.

Drei Mil­lio­nen plus x Arbeit­slose freuen sich sich­er über das solide Wirtschaftswach­s­tum.

Das mit der Satire muss Rain­er Brüder­le aber noch üben.


Bonus­pointe: Herr Brüder­le ver­weist auf jeman­den, der die Piraten­partei als Steuer­erhöhungspartei beze­ich­net und der Ansicht ist, die F.D.P. sei somit die einzige deutsche Partei, die die Steuern senken wolle. Dass die Erhöhung von Tabak- und Alko­hol­s­teuern für die F.D.P. kein Prob­lem darstellte und darstellt, ist eventuell nur eine Aus­nahme und kein Wider­spruch. Kön­nen diese Augen lügen?

Senfecke:

  1. Auja, aber fast Jed­er über­sieht die Genial­ität vom Her­rn Brüder­le. Als Volk­swirt weiß jen­er natür­lich, dass Steuern senken und damit dem Staat noch weniger Geld zukom­men zu lassen ein genialer Klou ist. Denn da das Lohn­niveau in Deutsch­land immer und immer geringer wird, bekommt der Staat dann noch weniger vom Weni­gen. Und diese Down­ward Spi­ral dreht sich dann automa­tisch weit­er in die Tiefe! Abso­lut Genial!
    Wer will auch hohe Löhne und hohe Steuern und damit einen gesun­den Staat und glück­liche Bürg­er mit ordentlich­er Kaufkraft? Pah, das kön­nen nur diese komis­chen Schweiz­er. Und wie es denen und deren Rico­la geht, sehen wir ja. Pah, Hin­ter­wäldler *spuck*

  2. Und wie es denen und deren Rico­la geht, sehen wir ja.

    Na ja: Gut? :?:

    Die haben keine Eurokrise. — Ach, wir ja “auch nicht”, hat­te ich vergessen. :twisted:

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