Das auch sonst einigermaßen wunderliche Magazin NEON, seines Zeichens eine Art BRAVO für den geistigen Mittelstand, hat in seiner neuen Ausgabe für den Juli 2010 eine Titelgeschichte, die mich tatsächlich kurzzeitig überlegen ließ, ob sich zur Belustigung die Investition in ein Exemplar lohnen würde:
Es ist ja wohl kein Problem, wenn man nach ein paar Jahren in einer Beziehung nicht mehr so oft Sex hat. Denkt man.
Doch das ist Quatsch. Die Wahrheit ist: Nichts läuft gut, wenn es im Bett nicht gut läuft. Wer sich berühren mag, der liebt sich noch. Das bestätigen auch Forscher. Beim Sex wird zum Beispiel das Hormon Oxytocin ausgeschüttet, das emotional bindet. So kann Sex dabei helfen, Beziehungskrisen zu lösen. Also los!
“Das bestätigen auch Forscher” ist ohnehin immer eine Phrase, die zur Vorsicht rät; “das ist so, ganz dolle in echt” hätte einen ähnlichen Effekt auf den Wahrheitsgehalt des Satzes. Forscher meinen, genau zu wissen, welchem seelischen Trieb ein Mensch folgt; weil Menschen letztendlich auch nur Tiere sind und somit die uralten Instinkte immer siegen. Ja, der Mensch ist grundsätzlich triebgesteuert, so weit stimmt’s.
Was aber nicht stimmt, ist dieser Zusammenhang zwischen Sex und Beziehungen. Ja, Sex ist oft ein wichtiger Bestandteil einer Beziehung, weil der Akt nicht allein der körperlichen Befriedigung dient, sondern auch und vor allem das höchste gemeinsame Gefühl darstellt, die gemeinsame Intimität gleichsam nicht nur als bloßer Liebesbeweis, sondern quasi als Superlativ des “Ich liebe dich”-Sagens; vorausgesetzt natürlich immer, man schläft nicht nur des Beischlafs wegen miteinander. Bevor man nun allerdings allzu vorschnell Schlüsse zieht, gilt es, sich selbst zu fragen, was man denn überhaupt von einer Beziehung erwartet. Beziehungen funktionieren ebenso gut ohne Sex wie Sex ohne eine Beziehung funktioniert; und einen Menschen, den man wirklich liebt, kann und wird man wohl kaum auf seinen Körper reduzieren wollen, weil das immer die Gefahr birgt, dass das Herz fortan dem Trieb folgt statt, wie es eigentlich sein sollte, andersherum.
So gesehen ist dann auch die Legende von der durch Sex “geretteten” Beziehung Unsinn; weil man sie eben so nicht retten, sondern nur umwandeln kann, weg vom Seelischen hin zum bloßen Körperlichen. (Was dann, andersherum, auch nicht immer schlecht sein muss, allein mir wär’s wohl zu müßig.)
Zwei Sätze aus dem einleitenden Text sind folglich als besonders hanebüchen hervorzuheben, also mache ich das mal; hier sind sie noch mal:
“Beim Sex wird zum Beispiel das Hormon Oxytocin ausgeschüttet, das emotional bindet. So kann Sex dabei helfen, Beziehungskrisen zu lösen.”
Hormone schüttet der Körper ständig aus, nicht nur beim Sex oder beim Küssen, sondern auch bei vielen anderen Tätigkeiten. Gegen die Theorie der emotionalen Bindung spricht auch der kommerzielle Erfolg der Prostitution, will heißen: Geht man zu einer Nutte, kehrt man nicht allzu wahrscheinlich verliebt nach Hause zurück. Und mit Sex löst man keine Beziehungskrisen, sondern ignoriert sie, lässt sie gar sich aufstauen, bis sie sich entladen. “Du, Schatz, ich liebe dich nicht mehr; lass uns ficken, dann merken wir es wenigstens nicht so schnell.” Herrje.
Also: Aus gutem Sex können gute Sexbeziehungen entstehen. In einer guten Beziehung kann man guten Sex haben. All dies bedingt einander jedoch keinesfalls; und spätestens, wenn eine vermeintliche Beziehung trotz all des hochqualitativen Beischlafs unvermeidlich in die Brüche geht, merkt man dies. Ich bin nun kein Forscher mit irgendwelchen Referenzen oder Titeln, aber ich möchte auch einmal eine These wagen: Wenn man sich nicht mehr liebt (Gegenseitigkeit vorausgesetzt), quasi nur noch sexuell miteinander klarkommt, das jedoch einigermaßen prima, ist es vielleicht keine üble Idee, die Beziehung einzig darauf zu reduzieren. (Andere sagen: Lieber ganz beenden. Ich frage: Warum?)
Kein Wunder ist es jedenfalls, dass Beziehungen nur selten Bestand haben, so lange irgendwelche Forscher irgendwas herausfinden. Ich habe mir dann doch lieber einen Garfield-Sammelband gekauft.