Alles, was es über Attac („das globalisierungskritische Netzwerk“) zu wissen gibt, in einer einzigen E‑Mail übersichtlich zusammengefasst:
![[Aktive-NDS] WG: WG: [Attac-h] Fwd: [Gruppen] Dienstag, 12 Uhr: Apple-Aktionsvideo teilen oder liken (auf FB)!! E-Mail mit der Überschrift: '[Aktive-NDS] WG: WG: [Attac-h] Fwd: [Gruppen] Dienstag, 12 Uhr: Apple-Aktionsvideo teilen oder liken (auf FB)!!'. Inhalt: 'Apple, pay your tax!'](https://tuxproject.de/blog/wp-content/uploads/2018/03/Pay-Your-Tax.png)
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(Vorbemerkung: Dies ist eine etwas ausufernde Fortsetzung einer Twitterdiskussion in Form eines Monologs, der zu lang für dessen Eingabefeld wäre. Wer Twitter und seine Teilnehmer – etwa mich – für bezüglich jedenfalls solcher Themen nicht besonders lesenswert hält, der möge stattdessen zu einem guten Buch greifen.)
Im Verlauf meiner jüngsten Diskussionen über das vermeintlich politische Linkssein und warum es mich stört, wenn Mitglieder der Piratenpartei ihr dieses Etikett aufzudrücken versuchen, sah ich mich dazu bewegt, ausnahmsweise einmal etwas wortreicher darüber zu dozieren, warum ich den Liberalismus für die vernünftigere Alternative zu der soziologischen Träumerei, dass die Zukunft bitteschön links sein möge, halte. ‘Sieben Annahmen zum Linkssein’ weiterlesen »
Es ist Montag. Wenn man diesen Satz oft genug liest, bekommt man spontan Lust auf Wochenende, also empfehle ich einfach weiterzulesen, statt nochmals zum Anfang zu springen. Je weiter man sich von einem geschriebenen Montag entfernt, desto balder ist er vorüber, wenngleich sein Ende zur Stunde noch auf sich warten lässt, als wäre es der noch immer zu seltene Nachwuchs eines Pandabären. Eine Woche sollte sowieso mit der Vorstellung von Pandabären beginnen. Ich erwäge das zu wiederholen.
Auf sich warten lässt auch die oft beschworene Onlinedemokratie, aber diejenigen, die behaupten, sie erfunden zu haben, die Grünen nämlich, wollen sie nicht mehr haben. Und warum wollen sie das nicht? Na, wegen der nicht quotierten Rednerlisten natürlich! – Einzig ihren natürlichen Partner ist es zu verdanken, dass es jemanden gibt, für den man sich noch mehr schämt: Abgeordnete der SPD haben ein Problem mit gezeigtem Rückgrat. An Überraschungen ist dieses noch junge Jahr kaum arm.
Der Unrechtsstaat Türkei präsentiert der kommenden Bundesregierung eine der zahlreichen Möglichkeiten, ihre Überwachungssoftware („Bundestrojaner“) unauffällig im Volk zu verteilen. Wenigstens wird das künftig nicht mehr so schnell gehen. Apropos Unrechtsstaat: In Großbritannien wird man neuerdings vorübergehend eingesperrt, weil man bekannt rechtsflügelig ist. Die politische Verschiebung Europas ist sicherlich nur ein bedauerlicher Zufall und nicht etwa bedingt durch einen totalitären Umgang mit Sokratikern.
Wir leben in einer Zeit, in der das von mir noch zu Beginn der nunmehr vergangenen Woche gescholtene Berlin beinahe wie ein Hort der Vernunft wirkt. Wenn dort auch sonst alles in Trümmern liegt: Die Musik trotzt der Brandung.
Guten Morgen.
1995 wurde in Minneapolis, von der Weltöffentlichkeit unter anderem wegen der bedauerlich fehlenden Vernetzung jener Tage kaum beachtet, die einigermaßen alberne Gruppe Bubblemath gegründet. Ihr Debütalbum „Such Fine Particles Of The Universe“ erschien 2001 und fand einigen Zuspruch für seine klangliche Nähe zu den sowieso überragenden echolyn.
Es dauerte bis 2017, bevor der Nachfolger „Edit Peptide“, mittlerweile von der gleichfalls überragenden Plattenfirma Cuneiform herausgegeben, eine Hörerschaft erschließen konnte, die sich inzwischen an das Wiederaufleben der verspielten Musik der 1970-er Jahre gewöhnt haben könnte. Der Titel des Albums – inzwischen sind wir bei Chemie statt Physik, nerdig möchte das Quintett aber offensichtlich weiterhin wirken – sieht auf dem Coverbild viel weniger seltsam aus als er klingt.
Immer noch da sind auch nach 16 Jahren die Canterbury-Einflüsse mitsamt des verschachtelten Gesangs („Perpetual Notion“, „The Sensual Con“), der gelegentlich eine leicht angriffslustige Note hat. Für angenehmen Gesang habe ich ja, wie regelmäßige Leser wissen, eine wenig gut versteckte Schwäche. Mitunter wird sich am klassischen Progressive Rock – die Stücke haben treffenderweise Längen von bis zu 12:41 Minuten – wie auch am Sommerrock des letzten Jahrzehnts (Jeavestone) bedient. Ich finde das gut.
Bedauerlicherweise ist das Album gegenwärtig nur auf CD und als Download zu haben, jedoch würde ich annehmen, dass dieser Makel zu verschmerzen ist. Ein Genuss ist „Edit Peptide“ allemal.
Aus der Reihe „unfassbar bescheuerte Werbesprüche“:

Andererseits: Wenigstens kein Cyber.
So widerwärtig wie erhellend: Matthias Streitz („SPIEGEL ONLINE“, Chefredaktion) erläutert in nur einem Tweet zugleich die wesentliche Aufgabe von Onlinejournalismus und warum er sich weitere Verweise auf „SPIEGEL ONLINE“ verbittet.
Die designierte Gedönsministerin Dorothee Bär lässt wissen, welche Impulse von ihr im Land von Datenschutz, EDV-Sicherheit und Breitband in den nächsten Jahren zu erwarten sind: Fliegende Taxis und die Pflicht zum Programmieren für noch mehr stumpfe, aber wirtschaftlich nützliche Bildschirmarbeit nämlich. Was bringt ein Flugtaxi mit Internet in Edge-Geschwindigkeit? (Vorsicht: t3n!)
„Die SPD lebt heute von einem Erbe, zu dem sie nichts mehr beitragen kann.“
Gute Nachrichten für Hamburg und Berlin: Gewaltfreundliche Flachpfeifen, die Autos anzünden, sollen künftig als Terroristen gelten.
Schlechte Nachrichten für Hamburg und Berlin: Das gilt bis auf Weiteres nur für „Rechte“.
Berufsfrau Katarina Barley (SPD) hält es für eine „gravierende Fehlentwicklung“, dass die AfD Gleichstellung (nicht aber Gleichberechtigung) kritisch gegenübersteht, und möchte dies mit einer Entdemokratisierung des Bundestags mittels einer Frauenquote entgegenwirken, als wäre sie nicht selbst ein gelungener Beleg dafür, dass man viele weibliche Abgeordnete besser nicht haben sollte.
Moritz Tschernak vom ansonsten oft zumindest lehrreichen Metablog „BILDblog“ hat, möchte man beim Blick in die einschlägigen sozialen Netzwerke beinahe annehmen, einen Coup gelandet, indem er festgestellt hat, dass Julian Reichelt („BILD“) einen Tweet eines rechten Twitterers mit seinen Followern teilte, der hämisch (sinngemäß) kommentierte, dass es nicht unbedingt für Patrick Gensing („faktenfinder“, tagesschau.de) spreche, dass dieser bereits 2016 der vom mecklenburg-vorpommerischen Verfassungsschutz 2011 als „explizit anti-staatlich“ deklarierten Combo Feine Sahne Fischfilet eine gewisse Stilsicherheit nicht absprechen wollte, ohne sich dabei unbedingt auf die Texte zu beziehen.
Infolge der Veröffentlichung des Artikels entwickelte sich eine ziemlich langweilige und vorhersehbare Diskussion, die vor allem auf Twitter geführt wurde und sich darum drehte, ob man zum Gutfinden einer Musikgruppe deren vorrangig ausgedrückte Weltanschauung unbedingt teilen müsse; als wäre ein Hörer der Toten Hosen automatisch auch ein Partylöwe mit Affinität zu Bioläden, Alkohol und Reimverlust, als wäre ein Hörer von Philipp Poisel automatisch auch ein trauriger Langweiler, als wäre ein Hörer von Sebkha-Chott automatisch auch ein geisteskranker Franzose. Ich kann auch der einigermaßen linken Band FJØRT etwas abgewinnen und habe bisher dennoch noch nicht das Bedürfnis verspürt, ein (zumal in fremdem Besitz befindliches) Automobil in Flammen aufgehen zu lassen.
Nicht, dass die Gegenseite weniger kurz dächte: Moritz Tschernaks Artikel dreht sich maßgeblich um die Frechheit, dass ein hochrangiges Redaktionsmitglied eines Revolverblattes sich weigert, rechten Twitterern nicht allein deswegen keine weitere „Reichweite“ zu verschaffen, weil sie rechte Dinge, mitunter gar die Unwahrheit, publizieren. Leider schreibt der Autor nicht in seinen Artikel hinein, wessen Tweets stattdessen „geteilt“ werden dürfen – die vom „BILDblog“ und die von Feine Sahne Fischfilet vermutlich schon, aber welche noch? Zählt der Bote vor der Botschaft, ist der Himmel also grün, wenn ein Rechter ihn blau nennt, wie es tatsächlich aus linken Kreisen seit Jahren vorgeschlagen wird? Ist, was fast noch interessanter zu erfahren ist, der Musikgeschmack endlich erlaubterweise ein wesentlicher Faktor bei der Bewertung eines Menschen? Über wen sagt dieser Faktor was aus?
Fest steht: Weniger Wie und mehr Was täte dem politischen Diskurs in den „sozialen Medien“ mitunter gut. 2019 ist wieder ein bundesweites Wahljahr. Welche Musik hört eigentlich Andrea Nahles am liebsten? Ist das wichtig und wofür?
Ich warte einfach, bis die beiden sich für irgendwas entscheiden,
und solang hör ich Musik.
Die Ärzte: Worum es geht
Eine einzige Nachricht, zwei gegensätzliche Informationen:
Der Ausbildungseinsatz im Irak zur Unterstützung des Kampfes gegen die Terrororganisation Islamischer Staat soll auf das ganze Land ausgeweitet werden. (…) Bundesverteidigungsministerin von der Leyen sagte im ARD-Fernsehen, es gelte, den Irak zu einem stabilen Land zu machen.
Denn wo man viele Soldaten hinschickt, da ist bald auch viel Frieden. Das kennen wir aus Afgh-
In Afghanistan will die Bundesregierung die Obergrenze des deutschen Kontingents von 980 auf 1.300 Soldaten anheben. Dort gilt die Sicherheitslage als zunehmend schlechter.
Ach, schon gut.
Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Bundeswehr abgeschafft gehört.
Wohlüberlegte Protestform des Tages: Aktivistin beschimpft Berlusconi unter Zuhilfenahme ihrer Brüste. Das ist kein erfreutes Lächeln, das ist Schockstarre!
Es ist Montag. Es wird Frühling, die Russen kommen raus. Der beliebteste Pandabär sitzt in Berlin, was über Pandabären, die bekanntlich über jeden Zweifel erhaben sind, wie gewohnt mehr aussagt als über die schäbigste Stadt östlich von Hannover.
Andere Städte tun ihr Bestes, den Wettbewerb um die berlinigste Stadt wenigstens als Zweitplatzierte abzuschließen: Wer in Mannheim künftig hinfällt, der wird überwacht, berichteten schon im Februar verschiedene Medien. Endlich tut der Staat mal was! Der allerdings hat gerade ganz andere Sorgen: Geht es nach der SPD, dann ist bald Schluss mit der lästigen Männlichkeit in der Nationalhymne. Deutschland, einig Muttererde. Mondgefülltes Ohmwasser für alle!
Der S.-Fischer-Verlag („S. Fischer Verlag“, Deutsch war aus) hat ein ähnliches Problem mit dem verflixten Urheberrecht wie die so genannten „Raubkopierer“, nur andersrum. Da freut sich Heinrich Mann bestimmt, dass seine Rechte in Deutschland noch lange genug gewahrt bleiben, um über ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod noch jemandem ohne geistige Gegenleistung das Konto vollzumachen.
Fast bin ich versucht, zivilen Ungehorsam mittels Musikhörens auf YouTube gutzuheißen. Die Musik macht es mir leichter, denn sie ist viel zu gut, um ungehört zu bleiben.
Guten Morgen.
Es wäre vermessen, anzunehmen, die Partei des Hungerns habe mit ihrer beinahe erreichten Zweidrittelmehrheit zugunsten weiterer dreieinhalb Jahre des Sozialabbaus bei regelmäßiger Gehaltserhöhung der Schuldigen nun den Bogen endlich so weit überspannt, dass die Verfechter einer eigenständigen Politik ihr den Rücken kehren würden.
Es spricht der Hoffnungsträger der anderen SPD, der medial für seinen Idealismus bewundert wurde und noch immer wird, wie folgt:
Übrigens: Aus der #SPD tritt man nicht aus, aus der SPD stirbt man raus. (…) Es gibt keine Reserve-SPD. Es gibt diese, (sic! A.d.V.) oder keine.
Der Treueeid wird nicht gebrochen. Unpolitisch zu sein ist eine Pflicht und eine Ehre zugleich. Verstand ist zwecklos.
Zum Glück haben die nicht auch noch eine Reserve.
Im Land der staatlich gewünschten Infektion von privaten Computern bei gleichzeitiger durch die aus mir unbekanntem Grund noch immer nicht aufgehobene Teilverstaatlichung des tragikomischen Konzerns Deutsche Telekom verursachter Abwesenheit von Bandbreite, die diesen Namen auch verdient, verkündet die EDV-Presse ohne jedes sichtbare Anführungszeichen:
Wie das Nachrichtenmagazin Der Spiegel berichtet, soll CSU-Chef Horst Seehofer bei Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) durchgesetzt haben, dass seine Partei den Posten eines Staatsministers für
CyberDigitales im Kanzleramt erhält.
Um die Eignung der momentan favorisierten Kandidatin für diesen Posten soll es mir nicht gehen, geeignete Minister wählt man hierzulande sowieso nirgendwo hin; spannender ist die Frage, wofür nun eigentlich ein „Staatsminister für Digitales“ in einer Zeit und Gegend, in der selbst Klodeckel versmartet und damit digital sind, genau zuständig sein soll: Für alles mit Computer drin oder wieder nur für programmierende Sechsjährige?
Und warum kann das eigentlich kein Roboter übernehmen?
Naja, fast:
Deutsche TV-Journalisten fordern Österreichs Kanzler mit offenem Brief zum Eingreifen auf
Sie bitten nicht höflich, sie fragen nicht nett nach, sie fordern auf. Ist nur so ein schäbiges Oberhaupt einer ausländischen Regierung, da stehe man als deutscher Journalist doch drüber, so moralisch, impliziert „Meedia“ ebenso wie „WELT ONLINE“, der Deutschlandfunk sowie „Die Presse“, die das allesamt ähnlich blöd formulieren, nämlich ungefähr so:
Deutsche Journalisten fordern Kurz zum Handeln auf
Nun verfügt letztere Publikation über eine Kopie des fraglichen Dokuments, in der nicht von einer Aufforderung, sondern in der Tat nur von einer Bitte um Befassung mit dem als gegenwärtig empfundenen Problem die Rede ist. Richtig macht es ausgerechnet „SPIEGEL ONLINE“, das eine Forderung von Nobelpreisträgern an den türkischen Präsidenten völlig zutreffend als „Forderung“ beschrieb.
Aber warum sollte jemand, der Menschen Nachrichten aufschreibt, sich auch Gedanken über Wortbedeutungen machen wollen?
Erinnert sich noch jemand an Minds?
Minds ist, ruft eine kurze Recherche zum Beispiel beim ebenfalls zu Recht wieder vergessenen Magazin „WIRED“ in Erinnerung, zwar „ein Social Network wie viele andere auch“, aber „etwas ist anders als bei Facebook oder Google+. Denn Minds wendet sich vor allem an Online-Aktivisten – und wird sogar von Anonymous unterstützt“, wer auch immer „Anonymous“ in diesem Fall jetzt eigentlich war. Das klingt interessant, ist aber egal: Wie auch bei Ello, GNU Social und Diaspora, wobei sich wenigstens Ello inzwischen eines zweiten Lebens als modernere Alternative zu DeviantArt erfreut, blieb auch für es der dauerhafte Zuspruch merklich geringer als der für das anfangs belächelte und zu spät entstandene, in der Androidwelt aber erstaunlich dominante Google+ es bis heute geblieben ist.
Man hätte daraus lernen können, dass es für nur wenige Menschen sinnvoll ist, das „soziale Netzwerk“, in dem sie sich einmal häuslich eingerichtet haben, ohne Not durch ein anderes zu ersetzen oder auch nur zu erweitern. Wer schon unbedingt Wildfremde damit belästigen möchte, welchen zuckrigen Kaffeeersatz er sich gerade reinpfeift oder in welcher Trendfarbe er sich heute angemalt hat (das nennt man dann „Influencer“, wenn ich das so weit richtig verstanden habe), der tut das zumeist dort, wo man mit dem geringsten Aufwand das Profitmaximum erreichen kann. Aktuell scheinen das Instagram und YouTube zu sein.
Ein tritt Vero. Vero, tippt man auf „heise online“ aus dem Waschzettel ab, ist ein nur auf Smartphones verfügbares und somit für die meisten normalen Menschen nur zeitweise brauchbares „soziales Netzwerk“, das drei Jahre lang unbeachtet herumlag, bis irgendwelche Lautsprecher („Influencer“) es auf Instagram plötzlich zu einem „Hype“ machten. Wenn etwas ein „Hype“ ist, nimmt man das einfach hin und fragt nicht mehr als nötig nach, wie es sich für ein gutes EDV-Fachmagazin gehört. Der Mehrwert liege, behauptet man dort, darin, dass angeblich keine intransparenten Algorithmen für die Sortierung der Inhalte sorgten, woran freilich gezweifelt wird, sondern der Nutzer sich wie einst bei Diaspora und Google+ en detail aussuchen könne, wer welchen seiner Beiträge sehen darf. Auf der Website von Vero faselte eine Vermarktungsnull gar etwas davon, dass überhaupt keine Algorithmen zum Einsatz kämen, was mich daran zweifeln lässt, dass die Macher von Vero überhaupt so genau wissen, was ein Algorithmus eigentlich ist.
Natürlich hat Vero auch eines dieser „Manifeste“ veröffentlicht, das dem Besucher in Majuskeln entgegenbrüllt, dass Vero das „natürliche Bedürfnis“ der Menschen zu stillen versuche, alles, was in ihrem Leben geschieht, mit allen anderen Menschen zu „teilen“, wie man das im echten Leben halt auch so mache, wofür aber diese allen anderen Menschen, anders als im echten Leben, auch mit einem Smartphone ausgestattet und auf Vero angemeldet sein müssen. Wie Leben, nur beschränkt. Vero selbst wirbt so konsequent wie dumm mit hipstergefilterten Fotos von zu teurer Hardware auf rustikalen Möbeln, damit auch diejenigen, die bisher gar kein Interesse an so einem Kram hatten, verstehen, worin der Einsatzzweck von Vero liege: im Teilen von hipstergefilterten Fotos von zu teurer Hardware auf rustikalen Möbeln natürlich. Dit is Berlin bzw. Libanon.
Vielleicht habe ich inzwischen das Alter erreicht, in dem mich solche Erfindungen nicht mehr locken, vielleicht hat mir aber auch einfach ohnehin immer schon das Mitteilungsbedürfnis gefehlt, um mich virtuell besser zu vernetzen als bloß meinen Stuss wie bisher einbahnstraßig ins Web zu kippen: Ich habe noch nie ein Foto auf Instagram hochgeladen, noch nie eine Website auf Knuddels gepflegt, noch nie ein Konto bei Ello besessen, und das bis heute Letzte, was mir in „sozialen Netzwerken“ einigermaßen nachhaltig Freude gemacht hat, war Gruscheln auf studiVZ, denn das war zwar damals eine schlecht gemachte Kopie des „Stupsens“ auf dem in Deutschland noch nicht verbreiteten Facebook, aber da war man halt, wenn man Langeweile zu vertreiben hatte. Da hing man aber auch nicht den ganzen Tag vor seinem Telefon ab und fotografierte mit ihm sein Essen, sondern schrieb – nicht einmal in Echtzeit – einander auf vernünftigen Tastaturen Nachrichten mit richtiger Grammatik und ohne Emojis, denn Emojis gab es auf vernünftigen Tastaturen noch nicht und ein Smartphone hatte allgemein noch kaum jemand – wofür auch? Den Sprung in die Zeit des ständig verfügbaren Taschengesprächs hätte studiVZ allerdings sicherlich geschafft, wenn es das nur gewollt hätte. Dass Dienste dieser Art nicht unsterblich sind, hatte noch vor der Gründung von studiVZ schon uboot.com (für Internetarchäologen vielleicht interessant) unter Beweis gestellt, das von den drei „VZs“, MySpace und schließlich auch Facebook selbst so nachdrücklich ausgepresst wurde, dass es vor fünf Jahren vollständig zu existieren aufhörte, obwohl dort auch irgendwann einmal jeder sein musste. Dass die Jugendlichen von damals – jedenfalls: ich – sich heute zu alt für Vero fühlen, gibt diesem Monolog eine bittere Note.
Aber zurück zu Vero: Der Wildwuchs an „sozialen Netzwerken“, den ein Einsteiger heute vorfinden kann, untergräbt die vollmundige Behauptung, Vero erfülle das „natürliche Bedürfnis“ der Menschen, alles ungefragt für ein erwähnenswertes Erlebnis zu halten, denn während diese Behauptung eigentlich von mir bisher nur aus Zügen und Bussen bezeugt werden kann, wiesen auch die bezeugten Ereignisse bislang die Eigenheit auf, dass der Adressat stets eine handverlesene Auswahl an Personen war, oft sogar nur eine einzige. Die Menschen – bezahlte Reklameschergen auf Instagram und YouTube einmal ausgenommen – teilen gern Dinge, die ihnen wichtig sind oder wenigstens zu sein scheinen, mit den Menschen, die ihnen wichtig sind oder wenigstens zu sein scheinen. Die Menschen teilen nicht gern irgendwelchen Firlefanz mit fremden Schuften. Bei Edeka am „schwarzen Brett“ hängt ja auch selten ein Foto von einem Gänseblümchen am Wegesrand. Man ist vielleicht manchmal auch einfach gern allein mit seiner Welt.
Früher hieß unser soziales Netzwerk noch „rausgehen“.
Es tut sich was in armen Regionen.
Am Tag nach der fremdenfeindlichen Enteignung weißer Bauern in Südafrika berichtete auch „SPIEGEL ONLINE“ über die Probleme in einer anderen armen Region, nämlich in Berlin, und ließ ein paar Aktivisten gleich eine unter dem Eindruck der antikapitalistischen iPhone-Demonstrationen in Hamburg geradezu vernünftig wirkende Lösung vorschlagen:
Mit dem Slogan „Deutschland geht klauen“ ruft [ein Werbespot] zum Diebstahl bei den Lebensmittelhändlern Edeka, Rewe, Lidl und Aldi auf, die rund 80 Prozent des Marktes abdecken. Das nicht bezahlte Geld sollen die Diebe über eine Internetseite direkt an Gewerkschaften spenden, die Produzenten der Lebensmittel vertreten. Begründung: Wenn Discounter und Supermärkte nicht selbst für faire Löhne sorgen, müssen es die Konsumenten tun.
Die Freude in den Augen der Supermarktangestellten, wenn ihre Löhne entsprechend umverteilt werden, wird umwerfend sein.
Ich nehme noch heute Abend einen Werbespot namens „Deutschland geht tasern“ auf, in dem zu sehen ist, wie ein paar von diesen Witzbolden im „schwarzen Kostüm mit Waschbären-Logo“ (ebd.) bis zum Eintreffen der Polizei vom Ladenbesitzer mit ein paar gezielten Stromstößen daran gehindert werden, vorzeitig den Discounter oder Supermarkt zu verlassen. Begründung: Wenn die Polizei nicht selbst für die Gewährleistung unternehmerischer Rechte sorgt, müssen es die Unternehmer tun.