Politik
Sieben Annahmen zum Linkssein

(Vorbe­merkung: Dies ist eine etwas ausufer­nde Fort­set­zung ein­er Twit­ter­diskus­sion in Form eines Monologs, der zu lang für dessen Eingabefeld wäre. Wer Twit­ter und seine Teil­nehmer — etwa mich — für bezüglich jeden­falls solch­er The­men nicht beson­ders lesenswert hält, der möge stattdessen zu einem guten Buch greifen.)

Im Ver­lauf mein­er jüng­sten Diskus­sio­nen über das ver­meintlich poli­tis­che Links­sein und warum es mich stört, wenn Mit­glieder der Piraten­partei ihr dieses Etikett aufzu­drück­en ver­suchen, sah ich mich dazu bewegt, aus­nahm­sweise ein­mal etwas wortre­ich­er darüber zu dozieren, warum ich den Lib­er­al­is­mus für die vernün­ftigere Alter­na­tive zu der sozi­ol­o­gis­chen Träumerei, dass die Zukun­ft bitteschön links sein möge, halte. Meinen keineswegs als endgültig zu ver­ste­hen­den Stand des Ver­ste­hens — ich ahne bere­its jet­zt, wer das Stöckchen als solch­es begreifen wird — ver­schriftliche ich hier unter dem Vor­be­halt später­er Mei­n­ungsko­r­rek­turen zwecks kün­ftiger Ref­erenz:

Erstens: Die “Linke” ist ein the­o­retis­ches, jedoch nicht als solch­es beste­hen­des Kon­strukt.

Annahme: Die zwin­gende Voraus­set­zung für die Exis­tenz ein­er “linken” poli­tis­chen Gemein­schaft wäre ein Min­dest­maß an gemein­samen ideellen Werten. Betra­chtet man das, was sich als “links” Iden­ti­fizierende aber als Werte stif­tende Gemein­samkeit­en ein­stufen, so zer­fällt diese fra­g­los max­i­mal het­ero­gene Gruppe in zwei zueinan­der in Konkur­renz ste­hende Clans, näm­lich zum einen die Lib­eralen und zum anderen die im Grunde regres­siv-kon­ser­v­a­tiv­en Sozial­is­ten, über deren ver­meintlich­es Links­sein und seine nach­halti­gen Auswirkun­gen längst Büch­er gefüllt wur­den.

Zweit­ens: Das Etikett “links” ist ein Vehikel der­er, die zu ängstlich für Lib­er­al­is­mus sind.

Annahme: Eine der ver­meintlich Werte stif­ten­den Gemein­samkeit­en der Linken, so wurde es mir aus jenen Kreisen erzählt, sei das dreifache Nein, das seit jeher die Geschichte der “Linken” in irgen­dein­er Form begleit­et: “Kein Gott, kein Staat, kein Kap­i­tal.” Vergessen wird, dass dies let­ztlich die Frei­heit des Einzel­nen, mithin den klas­sis­chen Lib­er­al­is­mus, bedeutet, der zwar das ist, was die meis­ten “Linken” ver­mut­lich meinen, wenn sie vom “Links­sein” reden, dem jedoch seit einem unfeinen Par­a­dig­men­wech­sel inner­halb der F.D.P. vor ein paar Jahrzehn­ten der Ruf anhängt, den Staat über den Men­schen stellen zu wollen. Dafür aber kann der Lib­er­al­is­mus zunächst ein­mal über­haupt nichts.

Drit­tens: “Linke” Parteien kann es nicht geben.

Annah­men:

a) Kar­ri­eris­tis­che Poli­tik­er, die ein­er­seits ein gut bezahltes Leben als Mit­glied oder Sym­pa­thisant “link­er” Parteien auf Kommunal‑, Lan­des- oder Bun­de­sebene anstreben, ander­er­seits aber etwas von “no bor­ders, no nations” in ihre “Biografie” in irgendwelchen “Net­zw­erken” oder gar auf ihre Klei­dung schmieren, haben den Zweck von Parteipoli­tik nicht ver­standen und gehören dort auch nicht hin.

b) Parteipoli­tik an sich ist nicht die Poli­tik der Zukun­ft.

c) Die Partei “Die Linke”, die sich, wie es sich für die Vertreter der Arbeit­er und Armen geziemt, durch absurd hohe Mit­glieds­beiträge ausze­ich­net, hat ihre Exis­ten­z­grund­lage mit dem Ende der deutschen Staa­ten­teilung ver­loren und ihr Weit­erbeste­hen schafft für “linke” Sam­mel­be­we­gun­gen keinen zusät­zlichen Wert.

d) Das Konzept ein­er “Arbeit­er­partei” ist im 21. Jahrhun­dert auf­grund des im All­t­ag weit­ge­hend abgeschafften sozialen Klassen­sys­tems bei gle­ichzeit­iger Vorherrschaft reich­er Tau­genichtse in eben­solchen Parteien gegen­stand­s­los gewor­den und sein allmäh­lich­es Verge­hen für eine vor­wärts­ge­wandte Gesellschaft unbe­d­ingt notwendig.

Viertens: Nation­al­is­mus ist eine Voraus­set­zung für Vielfalt.

Annahme: Trotz der vorherrschen­den Auf­fas­sung, der “Iden­ti­taris­mus”, also der Wille, die eigene Kul­tur als wertvolles Gut zu würdi­gen und gegenüber supra­na­tionalen Kul­turen zu stärken, ste­he im Wider­spruch zu dem, was vielfach als “unsere Werte” fehlin­ter­pretiert wird, bleibt festzuhal­ten, dass es der daraus fol­gende Nation­al­is­mus, also der Wille zur Bil­dung ein­er deutschen Nation als Aus­druck von kul­tureller Iden­tität eines Teils der “Heili­gen Allianz”, war, der die Entwick­lung ein­er (wenn auch par­la­men­tarischen) deutschen Demokratie über den Umweg der eben von Lib­eralen vor­angetriebe­nen Märzrev­o­lu­tion über­haupt erst ermöglichte.

Fün­ftens: “Linke” Poli­tik lebt von sozialen Unruhen.

Annah­men:

a) Wo Kon­ser­v­a­tive bewahren und Lib­erale sich entziehen möcht­en, bleibt Raum für sich “links” Veror­tende, soziale oder physis­che Unruhen zu schaf­fen. Es gibt keinen Anlass zu der Ver­mu­tung, das häu­fige Auftreten von Bürg­erkriegen in “linken” Regimes sei ein bedauer­lich­er Zufall.

b) Auch ist es kein Zufall, dass die gesellschaftliche Entwick­lung Berlins, näm­lich die Spal­tung durch die Gen­tri­fizierung eben­so wie eine zuse­hends mar­o­dere Infra­struk­tur mit­samt einem untoten Großbaupro­jekt, zeitlich mit einem ungekan­nten Erstarken der “Linken” zusam­men­fällt.

Sech­stens: Die Hufeisen­the­o­rie ist wahr.

Annah­men:

a) Eine “Linke”, die der ange­blichen Pro­voka­tion, dass poli­tis­che Konkur­renten (zur Schär­fung des Feind­bilds gemein­hin als “Rechte” para­phrasiert) ihr Rede- oder gar Ver­samm­lungsrecht frei auszuüben im Sinn haben, mit ver­baler oder oft auch kör­per­lich­er Gewalt begeg­net, belegt (wenn schon nicht: beweist) damit meine bere­its im Feb­ru­ar an ander­er Stelle in dieser Pub­lika­tion geäußerte Ver­mu­tung, dass diese “Recht­en” in vie­len Din­gen mehr inhaltliche Sub­stanz vorzuweisen haben.

b) Die Anerken­nung folk­loris­tisch recht­sradikaler Leit­fig­uren als nicht durch­weg schau­rige Gestalt durch Iko­nen der “Linken” wird von diesen — anders, als sie es selb­st ver­lan­gen — nicht zum Anlass genom­men, von ihrer Verehrung in Straßen- oder Gebäu­de­na­men merk­lich abzurück­en.

Siebtens und let­ztens: “Linke” Gesellschaft­sethik beruht auf fehlen­dem Ver­ständ­nis von Zivil­i­sa­tion.

Annahme: Ein völ­liges Unver­ständ­nis für die Sozial­i­sa­tion eines Men­schen in Ein­heit mit möglichst früher staatlich­er Erziehung eines Bürg­ers scheint auch fast dreißig Jahre nach dem Ende des bish­er let­zten der­ar­ti­gen auf gegen­wär­tig deutschem Boden ein­gerichteten Staates noch zwin­gende Voraus­set­zung für “linke” Gesellschaft­sethik zu sein. Dass ein mündi­ges Volk nicht erzo­gen wer­den möchte, ist eine lib­erale Erken­nt­nis, die selb­st Kon­ser­v­a­tive der “Linken” inzwis­chen voraus haben.

Fol­gerung: “Links” ist ein Adjek­tiv, das im Straßen­verkehr eben­so Anwen­dung find­en mag wie bei der Def­i­n­i­tion wie auch immer geart­eten Zusam­men­lebens im kleinen Kreis. Als poli­tis­che Rich­tung ist es auf­grund sein­er aus­bleiben­den inhaltlichen Bedeu­tung gän­zlich ungeeignet.

Senfecke:

  1. » (…) der möge stattdessen zu einem guten Buch greifen.)«

    Haben Sie einen Tipp? Ichwarte hier und lese bis dahin den Blog-Ein­trag.

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