PolitikIn den Nachrichten
“… für dieselbe Sache und das alte Leid …”

Nanu, seit wann stört es die USA in irgen­dein­er Form, wenn eine Welt­macht aus niederen Beweg­grün­den ein kleines Land bom­bardiert?

Die gesamte Regierung Bush gehört vor ein Kriegsver­brecher­tri­bunal, bevor ich ihr in irgen­dein­er Form das (per­sön­liche) Recht zus­preche, sich da ein­mis­chen zu dür­fen.
(Und was das Ganze nun konkret mit Deutsch­land zu tun hat und wieso mich per­sön­lich ein Krieg im Kauka­sus kratzen resp. tang­ieren sollte, kon­nte mir bis­lang auch noch nie­mand einiger­maßen plau­si­bel erk­lären.)

Nichts Besseres weiß ich mir an Sonn- und Feierta­gen,
Als ein Gespräch von Krieg und Kriegs­geschrei,
Wenn hin­ten, weit in der Türkei,
Die Völk­er aufeinan­der schla­gen.

(J. W. v. Goethe)

Aber auf den hört ja mal wieder kein­er.

SonstigesNetzfundstücke
Politkritik und warum dann doch nichts daraus wurde.

Chi­na ist schuld. Immer und über­all.
“Draußen”, in der großen weit­en Welt, wer­den mit der Insze­nierung des olymp­is­chen Geistes Zen­sur und Gewalt zu verdeck­en ver­sucht, und hierzu­lande fall­en erst mal rei­hen­weise Serv­er aus (unter anderem sein­er und mein­er). Zusam­men­hang? Kann sein.

Eigentlich jeden­falls wollte ich an dieser Stelle zeit­nah über von der Öffentlichkeit weit­ge­hend unbe­merk­te Per­ver­sitäten im Rah­men der bis­lang über­trieben­sten Zurschaustel­lung des Egos divers­er Natio­nen bericht­en, aber aus tech­nis­chen Grün­den musste dies fol­glich aus­fall­en. Immer­hin, andere kön­nen das auch, so ent­ge­ht der Welt nichts.

Und wer will schon was von Tibet hören, wenn doch weit drin­gen­deres unter den Nägeln bren­nt?

’s ist ja auch nicht immer leicht, in Zeit­en wach­sender Verblö­dung den kon­ser­v­a­tiv­en Medi­enkon­sumenten die Welt ver­ständlich zu erk­lären, davon kann auch der Boule­vard­sender RTL ein Lied pfeifen.

Es wird alles wieder gut!

Netzfundstücke
Medienkritik VI: Willkommen im prominenten Drogensumpf

Soeben wurde mir von Fr. Gen­er­alfeld­marschall dieses Bild zuge­spielt:

Celebrity? Rehab!

Festzustellen ist, dass man in der Teil­nehmerliste des unsäglichen Schunds Celebri­ty Rehab, der wohl ein neues Erfol­gs­for­mat von MTV darstellen soll, ver­mut­lich tat­säch­lich nur die Frau Nielsen wei­thin ken­nt, und selb­st die nur in frag­würdi­gen Zusam­men­hän­gen; indes ste­ht die Aus­sage der Bil­dun­ter­schrift daher tat­säch­lich nicht zur Diskus­sion.

Was war zuerst da?
Henne oder Ei? Rehab oder Promi­nenz?

Ein Dro­ge­nentzug ist, das jeden­falls ist aus der Sendung ersichtlich, ein ähn­lich unan­genehmer Weg zur Berühmtheit wie die bis­lang führende Meth­ode, Intim­itäten mit Boris Beck­er und/oder Dieter Bohlen auszu­tauschen. Und ob das die anschließende Schmach, in solcher­lei Sendun­gen auftreten zu dür­fen, aus­gle­icht, wage ich nicht zu beurteilen.

Let­z­tendlich aber kom­men, wie so oft, die wichti­gen Dinge nicht zur Sprache.
Was bedeutet schon kurz­er Ruhm, gemessen an der Ewigkeit?

(Ander­er­seits: was weiß das poten­zielle Pub­likum des von mir gescholte­nen Senders von der Ewigkeit, wenn doch jede flüchtige Lieb­schaft den Stem­pel 4ever, also “vür immer”, aufge­drückt bekommt, was dann, je nach Sit­u­a­tion, um von weni­gen Tagen bis zu mehreren Jahren sein Ver­falls­da­tum zu ver­schieben weiß?)

Das war jet­zt vielle­icht etwas zu philosophisch.

MusikIn den Nachrichten
Russische Regierung will “Emo” und Gothic verbieten

Ker­rang! meldete bere­its in der vorigen Woche:

The Russ­ian gov­ern­ment is in the process of draft­ing a law to make emo and goth music ille­gal.

Begrün­det wird dies mit der suizidalen Nei­gung, die durch diese Gen­res ver­mit­telt wird.
Emo Kids - Oh god, why?
Ich per­sön­lich füge dem noch hinzu, dass ich auch die Vor­bild­funk­tion von Jugen­di­dolen, denen aus jed­er Fas­er ihres Daseins der Wun­sch strömt (kön­nen Wün­sche strö­men?), ihrem ungeliebten Leben eigen­mächtig und möglichst öffentlichkeitswirk­sam ein Ende zu set­zen, in Frage stelle.

Dass die so genan­nte “Emo-Kul­tur” rei­hen­weise Men­schen bei­der­lei Geschlechts her­vor­bringt, die sich alle­samt klei­den und schminken, als wären sie ihre eigene Schwest­er in der Früh­phase der Pubertät (Marken­ze­ichen: Fet­tige Haare, Kirschen und Karos), und sich, der­maßen verun­stal­tet, als wer­weißwie indi­vidu­ell beze­ich­nen, ungeachtet der Tat­sache, dass sie sich bis ins Detail zumin­d­est sehr ähneln — geschenkt, das brin­gen die meis­ten Jugend­kul­turen so mit sich.

Es kann natür­lich dur­chaus sein, dass für die neg­a­tive Entwick­lung der Betrof­fe­nen auch äußer­liche Fak­toren eine Rolle spie­len, dass die Sehn­sucht danach, sich Leid zuzufü­gen, also durch schulis­che oder pri­vate Mis­ser­folge genährt wird, so wie es eben auch bspw. sein kann, dass die mus­lim­is­che Reli­gion an sich nicht dafür ver­ant­wortlich zu machen ist, dass Atten­tate seit­ens ihrer Glauben­den sich in den let­zten Jahren nahezu expo­nen­ziell auch in Deutsch­land ver­mehren; aber einen gewis­sen Anteil an den hohen Selb­st­mor­drat­en (ihr wisst schon, it‘s down the road, not across the street) kann man dieser so genan­nten Jugend­kul­tur nur schw­er­lich absprechen, scheinen doch die Besitzer so manch­er Pro­fil­seit­en in ein­schlägi­gen “dun­klen Por­tal­en” wie bspw. Schwarzes Glück oder ver­gle­ich­baren Seit­en selb­st nicht unbe­d­ingt sich­er, ob sie jeman­den für das ewige Leben oder den sofor­ti­gen Tod her­beisehnen.

Und ich beginne zu ver­ste­hen, wieso die Neue Deutsche Welle gar nicht mal so übel war.

PolitikIn den Nachrichten
Obama II (Soldaten und Republikaner)

Endlich dreht sich die Spi­rale der Poli­tik wieder in ein­er kom­men­tar­würdi­gen Geschwindigkeit:
Während in Ital­ien der Not­stand aus­gerufen wurde, um des Immi­granten­prob­lems — wieso kommt in Deutsch­land eigentlich nie­mand auf solche Ideen? — Herr zu wer­den, bekommt America‘s next Top Pres­i­dent Oba­ma Schelte von seinem Konkur­renten McCain:

Noch bevor Oba­ma in der Nacht zum Son­ntag in Chica­go lan­dete, prangerte sein repub­likanis­ch­er Rivale John McCain einen fehlen­den Besuch des Sen­a­tors bei ver­wun­de­ten US-Sol­dat­en in Deutsch­land an. Poli­tik­er hierzu­lande kri­tisierten Oba­mas Vorschlag, durch mehr Nato-Trup­pen in Afghanistan Steuersenkun­gen in den USA zu finanzieren.

(Quelle)
Das ist aber auch nicht nett. Gegen mörderische Ter­ror­regimes, die die Todesstrafe gar befür­worten, muss man doch mit allen Mit­teln vorge­hen! Wen küm­mert da ein wenig Kol­lat­er­alschaden? Her­rje.

Was mich per­sön­lich aber ver­wun­dert, ist die Kri­tik deutsch­er Poli­tik­er an den Vorschlä­gen eines amerikanis­chen Präsi­dentschaft­skan­di­dat­en. Ger­ade das Entsenden weit­er­er Trup­pen mit dem einzi­gen Ziel, der USA möglichst viel ökonomis­chen Schaden zu ers­paren, war doch bis­lang offen­bar stets im Inter­esse unser­er Regierung.
Sollte sie am Ende aus der immer lauter wer­den­den Kri­tik des Volkes gel­ernt haben? Sollte sie am Ende bemerkt haben, dass es in unserem Land wirtschaftlich auch nicht ger­ade per­fekt ste­ht (apro­pos “per­fekt”)?

Wün­schenswert wäre es ja.
Aber ich fürchte, ein autarkes, fried­lieben­des Deutsch­land mit sta­bil­er Wirtschaft­slage werde ich nicht mehr erleben.

Nach­trag vom 29. Juli:
Wie durch Oba­mas Anwe­sen­heit verse­hentlich der vor­läu­fige Tief­punkt der Live-Über­tra­gun­gen erre­icht wurde, erfährt man immer­hin bei der FAZ, entsprechend grausige Bilder zum Text stellt der Medi­en­pirat zur Ver­fü­gung.

PersönlichesNetzfundstückeIn den Nachrichten
Gina-Lisa und die Erotikfilmerei

Nach­dem ich mehrfach darauf ange­sprochen wurde, dass von ein­er der zahllosen Hob­by­hunger­hak­en aus’m Fernse­hen eine Videoaufze­ich­nung existiert, an der vor allem die Bek­lei­dung des Dreh­part­ners von für das Boule­vard erstaunlich­er Wichtigkeit zu sein scheint, sehe ich mich nahezu dazu genötigt, meine Mei­n­ung zu diesem Film­chen, das ich mir aus ästhetis­chen Grün­den nur auszugsweise anschaute, schriftlich zu fix­ieren:

Die Haupt­darstel­lerin trifft meinen Geschmack nicht im Ansatz, und von einem aufre­gen­den Akt kann auch nicht die Rede sein. Man ist fast ver­sucht, sich an “1 Night in Paris” zu erin­nern; dann lässt man es aber doch lieber. Schön ist das nicht.

Das einzig Inter­es­sante an dem Film ist dann, abge­se­hen von den Sock­en des Dreh­part­ners, wohl tat­säch­lich der Name der Darstel­lerin. Aber für den kann die Dame ja nichts. Ohne sie jedoch würde das Mach­w­erk — zu Recht — in der Bedeu­tungslosigkeit ver­schwinden, ohne in diversen Onlineme­di­en wie dem, das Sie soeben kon­sum­ieren, ver­ris­sen zu wer­den.

Und über­haupt, apro­pos Bedeu­tungslosigkeit: Wer ken­nt diese Frau in einem Jahr noch?
Ein weit­eres Sternchen, das seine 15 min­utes of fame mit dem Abdrehen öder Eigen­werbespots ver­tut.

Aber immer­hin singt sie nicht.


In eigen­er Sache:
Warten auf das Come­back. Es gibt nichts zu ver­lieren, man kann nur gewin­nen. Wie son­st sel­ten im Leben.
I love you some­times, always nev­er. Muss was dran sein.

Sonstiges
Medienkritik V: Schade, nichts gelernt.

Derzeit auf MTV:

In diesem MTV Mas­ters gibt’s die größten Momente aus dem Musik-Biz. Unter anderem mit dabei: Der Brit­ney-Madon­na-Kuss, Janet Jack­sons Nip­ple­gate und Kurt Cobains Selb­st­mord.

Also die ungezählte Wieder­hol­ung ein­er Sendung, in der Leute, die den Namen Nir­vana schon mal irgend­wo gehört haben, bekan­nt­geben, dass sie den Namen Nir­vana schon mal irgend­wo gehört haben.

Und jet­zt, liebe Leser, gilt es, sich zu informieren über des Her­rn Cobain Suizidan­lass. Für die Lese­faulen: Es hat­te, wie es heißt, etwas mit den Anforderun­gen der Massen­me­di­en zu tun und dem Druck, den es verur­sacht, ständig in drit­tk­las­si­gen Fernsehsendun­gen erwäh­nt wer­den zu müssen.

Dann hat man den Redak­teuren des Klin­gel­ton­senders einiges voraus, und sei es nur jour­nal­is­tis­ch­er Weit­blick.

Schade drum.

Nerdkrams
Das Ende einer Ära

Kein Scherz, um so trau­riger:
Nach­dem das Ende von Win­dows XP offiziell angekündigt wurde, ist nun auch für Win­dows 3.11, den Vorgänger von Win­dows 95, endgültig Schluss:

for those that were not aware, we recent­ly announced that effec­tive Novem­ber 1st, 2008, OEM’s will no longer be able to license Win­dows for Work­groups 3.11 in the embed­ded chan­nel. Now we all know that it’s been long gone in the stan­dard (retail/OEM) chan­nel, but one of the unique things in the embed­ded busi­ness is that we allow the clas­sic OS prod­ucts to be sold longer than the oth­er chan­nels. it’s *final­ly the end of an era!

(Quelle)

“Sag zum Abschied leise servus…”

Sonstiges
“Vize is’ ja auch was.”

Wie sie alle gegrölt haben, und selb­st Peter war fleißig am Het­zen gegen dieses aus­ländis­che Pack, das ver­sucht, uns arrrrrischem Volk die wodurch auch immer erar­beit­ete Europameis­ter­schaft stre­it­ig zu machen.

Aber Oppor­tunis­mus können’se nach wie vor gut, die Deutschen:
Die BILD wurde pünk­tlich zum ver­di­en­ten Sieg für Spanien unge­wohnt klein­laut und ‑buch­stabig und grölte zum Glück nicht “Wir sind Vize!”, so wie es heute allen­thal­ben auf den hitzegeschädigten Straßen, die bis vor kurzem noch Fan­meter bzw. ‑meilen waren, zu hören war. Und auch Peter wan­delte sich von “die alte Regel lautet, ein Tor mehr als die anderen” zu “Nur Zweit­er — und das zu Recht”.

Ein Hoch auf alle, die ihrer Mei­n­ung von vorn­here­in trotz aller Dro­hun­gen aus ihrem Umfeld treu geblieben sind. Wen­de­hälse sind, das sei gesagt, ein geistig schwach­es Völkchen. Zumal es beim Sport ja auch nicht darum geht, zu ein­er Mannschaft zu hal­ten, nur weil alle anderen sie auch mögen oder mögen zu müssen meinen, man hat ja auch Pflicht­en als Deutsch­er usw., wofür man dann eigentlich nicht mal was kann.

Nun, “Zweit­er is’ ja auch was”. Ja, nur was?
Pokal gibt’s nicht, inter­na­tionale Anerken­nung gibt’s auch nicht, und, nun ja, gewon­nen hat man eben­falls nicht. Aber so etwas prallt an den selb­st ernan­nten Welt­meis­tern der (eige­nen) Herzen natür­lich ab wie kon­struk­tive Kri­tik an der deutschen Vertei­di­gung, man weiß ja genau, was man tut.
Gewin­nen scheint’s allerd­ings, das betone ich hier genussvoll ein weit­eres Mal, nicht zu sein.

Nun ja. ¡Que viva Espaí±a! — ver­di­ent ist’s alle­mal.
Und jet­zt ist endlich Ruhe da draußen. Her­rlich!

KaufbefehleMusikkritik
Musik 06/2008 — Favoriten und Analyse

Dieser Artikel ist Teil 1 von 29 der Serie Jahres­rück­blick

Hal­lo,

im Über­schwang meines derzeit enorm hohen Musikkon­sums habe ich beschlossen, schon jet­zt eine Hal­b­jahre­sanalyse aufzustellen:

Was hat der Musik­markt in diesem Jahr an Perlen zu bieten?

Einiges davon habe ich in früheren Ein­trä­gen schon ver­wurstet, bei Inter­esse bitte dort nach­le­sen.
Auf die charts möchte ich aus hof­fentlich ver­ständlichen qual­i­ta­tiv­en Grün­den nicht einge­hen. Zur Erstel­lung der ersten Top 5 der ersten bei­den Quar­tale 2008 dient mir meine eigene playlist, die doch recht prall gefüllt ist.

Anzumerken sei vor­weg, dass nur Alben berück­sichtigt wer­den, die ich ger­ade vor­liegen habe; außer­dem erhebt die Liste keinen Anspruch auf Voll­ständigkeit, das kommt dann erst am Ende des Jahres. Da sich Tex­tein­drücke in ein­er Kurzrezen­sion — für aus­führliche Rezen­sio­nen fehlt mir schlicht die Kom­pe­tenz — nur schw­er ein­fan­gen lassen, habe ich aus jedem Album eine möglichst aus­sagekräftige Textzeile her­aus­ge­sucht. Ich hoffe, das Exper­i­ment gelingt.

Zudem:
2008 bedeutet auch 40 Jahre “’68”. Die Entwick­lung der Musik anhand der jew­eils aktuellen gesellschaftlichen Struk­turen lässt sich anhand eines willkür­lich gewählten, doch markan­ten Beispiels anschaulich nachvol­lziehen, dazu jedoch unten mehr. Und vielle­icht find­et ja ein­er von euch neben­bei auch eine Geschenkidee für musikbe­sessene Fre­unde und Bekan­nte. (Wäre natür­lich ein net­ter Neben­ef­fekt.)

Es fol­gen die Top 5, num­meriert nach per­sön­lich­er Wer­tung:

  1. Dear John Let­ter — Between Leaves | Fore­stal
    “Final­ly time eras­es time, and all I can do is hide” (Clear­ing | Leav­ing)
     
    Ich hat­te es ja vor zwei Beiträ­gen schon angedeutet, daher hier nur die um einige Hörein­drücke erweit­erte Zusam­men­fas­sung:

    Nach der bzw. dem an sich schon wun­der­baren EP der Augs­burg­er Dear John Let­ter fol­gt nun­mehr ein Album, das mit einem gewohnt aufwändi­gen art­work aus der Masse der Plas­tikhüllen-CDs her­aussticht und zudem das erwäh­nte Erstlingswerk an Ton­qual­ität noch zu übertr­e­f­fen ver­mag.

    Die unge­fähre Dreivier­tel­stunde an Musik geht auch wie im Flug vor­bei:
    Wen­ngle­ich Dear John Let­ter sich nur ungern in ein Gen­reko­rsett zwän­gen lassen wollen, so ist hier doch der Postrock all­ge­gen­wär­tig. Gitar­ren­wände schwillen an und ebben ab, immer wieder set­zt der emo­tion­al hochw­er­tige Gesang ein und wieder aus. Keine Sekunde wird ver­schwen­det, auch end­los wirk­ende Schlagzeug­soli wer­den mit Bedacht einge­set­zt. Hier wird nicht gelärmt oder gar gerockt, hier wird musiziert. Die großen Vor­bilder Ocean­size, aber auch Mog­wai lassen in fast jedem Takt grüßen.

    Apro­pos Gesang: Der ist nicht lediglich schmück­endes Bei­w­erk, son­dern trägt auch wesentlich zur Stim­mung bei. So ist nicht nur die verträumt, aber auch verzweifelt wirk­ende Stimme des Her­rn Fis­ch­er ein prä­gen­des Ele­ment des Albums, auch die Texte kön­nen überzeu­gen. Nichts mit “I love you baby”, hier geht’s seel­isch-schmerzvoll zur Sache.

    Hör­probe:
    Ein­drücke vom Album sowie von der/dem EP kann man auf MySpace sam­meln.

    Und wenn man sich nach dem let­zten der ins­ge­samt sechs Stücke von dreiein­halb bis 11 Minuten Spielzeit in ein­er anderen Welt wiederfind­et und sich selt­sam leicht, aber auch leer fühlt, ist es Zeit für ein wenig Abwech­slung:

  2. Nick Cave & the Bad Seeds — Dig Lazarus Dig!!!
    “Pro­lix! Pro­lix! Noth­ing a pair of scis­sors can’t fix.” (We call upon the author)
     
    Der ehe­ma­lige Fürst der Fin­ster­n­is Nick Cave hat Blut geleckt. Nach­dem er schon mit seinem Neben­pro­jekt Grin­der­man ordentlich auf die Kacke gehauen hat, gibt’s mit Dig Lazarus Dig!!! auch wieder eine dur­chaus offen­sichtlich davon bee­in­flusste Scheibe der Bad Seeds zu kaufen.

    Reime sucht man, wie bei Cave üblich, fast vergebens, nur hier und da wird gedichtet; aber Fre­unde dieser Art von Musik, gen­retech­nisch zwis­chen Blues, Rock und Dark Wave einzuord­nen, erfreuen sich ohne­hin ver­mut­lich mehr am zynis­chen Sprechge­sang und düsteren Klang (noch ein Reim!) des Alt­meis­ters als an den Tex­ten.

    Die sind indes bis­sig bis belan­g­los, doch wen kümmert’s?
    Nach mehreren Durch­läufen macht’s Klick, und es wer­den Rem­i­niszen­zen erkan­nt, unter anderem an das fast schon leg­endäre The Gift von den noch leg­endär­ereren Vel­vet Under­ground. Düstere Erzäh­lun­gen im Vorder­grund, und im Hin­ter­grund gibt’s Rück­kop­plun­gen, “Lärm” en masse. Eine willkommene Abwech­slung zu all dem rosaroten Weich­spülpop im Radio.

    Hör­probe:
    Bei YouTube lässt sich der oben angedeutete Ver­gle­ich zwis­chen The Gift und We call upon the author anhand zweier Live­v­ideos hof­fentlich nachvol­lziehen.

    Und wem das dann doch zu anstren­gend ist, für den hält auch der erfreulicher­weise kon­stant aufgew­ertete Indie-Markt einiges bere­it, was zwar dur­chaus radio­tauglich wäre, aber sich gegen Super­stars, Pop­stars und ähn­lich arme Würstchen nur schw­er zu behaupten weiß:

  3. Black­mail — Tem­po Tem­po
    “You might die from med­ica­tion, but it’ll sure­ly kill the pain” (False Med­ica­tion)
     
    Black­mail aus Koblenz sind ein weit­er­er Beleg dafür, dass die deutsche Musikszene weitaus mehr zu bieten hat als nur Dieter Bohlen und die Flip­pers. Auf Tem­po Tem­po gibt’s zwar für Black­mail-Ken­ner keine Über­raschun­gen, aber soli­den Poprock zu hören, der kaum Erwartun­gen offen lässt.

    Ken­ner wür­den vielle­icht bessere Ver­gle­iche find­en, ich jedoch würde Black­mail irgend­wo zwis­chen The Killers und den Dandy Warhols einord­nen. Der Gesang bewegt sich zwis­chen den Spätwerken der Bea­t­les, Place­bo und Under the Influ­ence of Giants, während Bass- und Schlagzeugspiel mit den Gitar­ren­bret­tern Schritt zu hal­ten ver­suchen. Hier und da blitzt sog­ar Postrock auf, bspw. die Laut-Leise-Wech­sel in Speed­luv. Ins­ge­samt also solide Som­mer­musik für anspruchsvolle Musik­fre­unde, denen auch Place­bo-ähn­liche Texte, wie sie auf diesem Album dominieren, nichts aus­machen.

    Hör­probe:
    Das Video zu Shshshame (welch ein Titel!) gibt’s, wie üblich, bei YouTube.

    Und falls das zu anspruch­s­los ist: Im Jahr 2008 wird auch wieder mächtig gefrick­elt.

  4. The Tan­gent — Not as good as the book
    “It’s half past nine on Tues­day morn­ing, and still nobody“â„¢s land­ed yet on Mars” (Not As Good As The Book)
     
    Da nun das geplante Büh­nen-Come­back der Pro­gres­sive-Rock-Dinosauri­er Yes auf unbes­timmte Zeit ver­schoben wer­den muss, trifft es sich gut, dass die britis­che For­ma­tion The Tan­gent wie bish­er jedes Jahr ein neues Album veröf­fentlicht hat.

    Und das hat’s in sich:
    Über 94 Minuten Spielzeit, verteilt auf zwei CDs und konzip­iert als ein, nun ja, Konzep­tal­bum. Das Konzept des Albums zu ver­ste­hen fällt mit der Spe­cial Edi­tion ver­mut­lich am leicht­esten, enthält diese neben den CDs zusät­zlich eine 85-seit­ige Sci­ence-Fic­tion-Geschichte, die die Hin­ter­gründe der Lied­texte umfasst und erweit­ert.

    Diese Geschichte ist abstrus genug, aber schnell erzählt:
    Der Pro­tag­o­nist Dave, in den 70-ern Pro­gres­sive-Rock-Anhänger, ver­nichtet am 20. Juni 2008 (scheint also tat­säch­lich nur Sci­ence Fic­tion zu sein) verse­hentlich mit dem Album Relay­er von Yes die Welt. 80.000 Jahre später ver­suchen His­torik­er, mith­il­fe von 298 CDs aus unser­er Zeit zu rekon­stru­ieren, wie die Men­schen im 21. Jahrhun­dert gelebt haben.

    Hierzu wird inhaltlich fleißig zitiert und ange­spielt, es geht unter anderem um Microsoft, Mobil­tele­fone, Yes und Gen­e­sis. Durch Yes und Gen­e­sis scheinen auch die acht beteiligten Musik­er inspiri­ert wor­den zu sein, die die Inspi­ra­tio­nen mit mas­sig Can­ter­bury-Prog, Jaz­zrock und schep­pern­dem 70-er-Jahre-Rock ver­mis­cht und in einzelne Stücke ver­packt haben, die gen­re­typ­isch zwis­chen fast vier und über zwanzig Minuten lang sind.

    Dabei schaf­fen sie das Kun­st­stück, dass selb­st das Stück The full Gamut über die gesamte Spielzeit von 22:42 Minuten wie ein ein­heitlich­er Klangkos­mos klingt und immer wieder zum Kern­the­ma zurück­find­et — Ken­ner dieser Musikrich­tung wer­den sich an YesTales from topo­graph­ic oceans erin­nern.

    Aber hier gilt wie schon bei Dear John Let­ter:
    Dieses Album ist nicht fürs Aut­o­fahren, Buch­le­sen oder für die Hausar­beit geeignet. Man muss sich darauf ein­lassen, denn auch beim zehn­ten Hör­durch­lauf sind hier und da noch neue Details, neue Anspielun­gen und Zitate zu ent­deck­en.

    Hör­probe:
    Das erste Lied A cri­sis in mid life, das zwar eingängig­ste, aber durch die 80-er-Jahre-Key­boards auch untyp­is­chste Stück des Werkes, gibt es bei YouTube zu hören.

    Zu fröh­lich? Bitte sehr, Abhil­fe schafft fol­gen­des Werk:

  5. Thee Sil­ver Mt. Zion Memo­r­i­al Orches­tra & Tra-La-La Band — 13 Blues For Thir­teen Moons
    “We’re build­ing train wrecks in the set­ting sun” (Black Waters Blowed/Engine Broke Blues)
     
    Allein schon der Name der Gruppe, aus ver­ständlichen Grün­den oft zu A Sil­ver Mt. Zion gekürzt, ist eine Auf­nahme in diese Liste wert.

    Nie gehört? Dur­chaus ver­ständlich, han­delt es sich doch um ein Neben­pro­jekt der zurzeit für eine unbes­timmte Dauer auf Eis liegen­den und alles andere als radiokom­pat­i­blen Postrock-Heroen God­speed You! Black Emper­or. Während die Musik von GY!BE, so die offizielle Abkürzung des Namens, jedoch eben­so sper­rig ist wie der Name selb­st und mehr mit Sig­ur Rós als mit Ocean­size gemein hat, ist es bei A Sil­ver Mt. Zion eher umgekehrt:

    Der Name des Albums ist Pro­gramm. Blues, wen­ngle­ich in ein­er zap­paesk schrä­gen Dar­bi­etungs­form, gibt’s hier reich­lich, gepaart mit brachialen Wut- und Verzwei­flungsaus­brüchen sowohl der Instru­mente als auch des Sängers. Anders aus­ge­drückt: Hier wird rück­gekop­pelt, draufge­hauen und gejam­mert, dass es eine wahre Freude ist. Die vier Lieder, zwis­chen 13 und fast 17 Minuten lang, beschwören eine Nico-ähn­liche Stim­mung her­auf; das Wort “beschwören” scheint angesichts der bewusst her­beige­führten Trost­losigkeit und Verzwei­flung indes fast schon lächer­lich.

    Auf den Baby­blauen Seit­en wird dies tre­f­fend beschrieben:

    Die zer­brech­liche Schön­heit, die noch die ersten Alben der Band bes­timmt hat, ist über weite Streck­en einem des­per­at-melan­cholis­chen Gitar­ren-Stre­ichergelärme gewichen, in dem sich ab und zu auch noch Orgel- und Trompe­ten­klänge ger­ade noch aus­machen lassen. Wie sich E‑Gitarren und elek­trisch ver­stärk­te Stre­ich­er aneinan­der reiben und schep­pern, erin­nert gele­gentlich an die Briten von High Tide, die vor über 35 Jahren eigentlich ganz andere Musik gemacht haben.

    Hör­probe:
    Bei YouTube gibt’s Livev­er­sio­nen von 13 Blues For Thir­teen Moons und Engine Broke Blues zu hören und zu sehen. Die sind zwar aus qual­i­ta­tiv­en Grün­den nicht so druck­voll wie die CD-Ver­sio­nen, aber genü­gen für einen Ein­blick. Fes­thal­ten!

Ohne Bew­er­tung, für Inter­essierte zum Rein­hören, nur der Voll­ständigkeit wegen:

  • Van der Graaf Gen­er­a­tor — Tri­sec­tor
     
    Als Van der Graaf Gen­er­a­tor sich 2005 nach über 20 Jahren Pause mit einem neuen Album zurück­gemeldet hat­ten, weck­te dies Hoff­nun­gen auf ein neues H to He who am the only one; die Gruppe um den charis­ma­tis­chen Sänger Peter Ham­mill mit dem markan­ten Klang von David Jack­sons Sax­o­fon hat­te die Entwick­lung des Pro­gres­sive Rock mit diesem Album maßge­blich bee­in­flusst. Nun haben sie ihr zweites Album nach der Wiedervere­ini­gung veröf­fentlicht, und erst­mals seit 1968 wurde das Sax­o­fon durch E‑Gitarre und ver­stärk­ten Orgelein­satz erset­zt. Die Gründe für die Tren­nung von ihrem Sax­o­fon­is­ten will die Gruppe noch immer nicht bekan­nt­geben, jedoch ste­ht außer Frage, dass die neue Instru­men­tal­isierung den typ­is­chen VdGG-Klang stark bee­in­flusst.

    Tat­säch­lich ist von dem son­st all­ge­gen­wär­ti­gen Klang der frühen Meis­ter­w­erke Killer und Pio­neers over c. außer Ham­mills Stimme nicht mehr viel übrig, dafür haben die nun­mehr drei Musik­er neben dem bewährten Rock (Drop Dead) jet­zt auch Can­ter­bury-ähn­liche Klänge (The Hurly­burly) für sich ent­deckt, teil­weise wirkt das Album gar uner­wartet radiokom­pat­i­bel (All that before).

    Hör­probe:
    Vor allem für Ein­steiger, aber auch für etwas erfahrenere VdGG-Hör­er ist vor dem Blind­kauf ein Ver­gle­ich des Klas­sik­ers Killer mit dem neuen All that before zu empfehlen.

  • Radius Sys­tem — Escape / Restart
     
    Ich hat­te bere­its in eini­gen Foren sowie hier auf diese grandiose Musik­gruppe hingewiesen, möchte daher nurmehr erneut Peter von den Schall­gren­zen zitieren:

    Mächtige Gitar­ren­wände wer­den hochge­zo­gen, hin und wieder wieder ein­geris­sen und von neuem tür­men sich Sounds auf Sounds. Große Vor­bilder der Fran­zosen dürfte Ocean­size sein. Eben­so kom­pro­miss­los wie die Briten wer­den die üblichen Struk­turen über Bord gewor­fen und mit Gitarre, ambi­en­ten Elek­tron­iksounds, Sam­ples und wuchtigem Rhyth­mus­fun­da­ment Songs fürs Leben gemeißelt.

    Hör­probe:
    Fällt dies­mal aus, den Spaß gibt’s kom­plett kosten­los ohne Verpflich­tun­gen oder dubiose Umwege.

  • The Kills — Mid­night Boom
     
    Was ist das für ein Stil? Min­i­mal­is­tic-Elec­tro-Poprock? Egal, die spex find­et das Duo The Kills klasse, und ich als eigentlich bevorzugt rock­affin­er Audio­philer stelle fest, dass mich die ein­fachen Klänge des Albums auch mitreißen. Warum? Wer weiß! Ist jeden­falls mal was anderes, ver­gle­ich­bar allen­falls mit dem, was die über­tolle Sendung Tracks all­wöchentlich emp­fiehlt.

    Und so bleibt mir auch nur ein Ver­weis auf die Hör­probe:
    Auf YouTube gibt’s das meines Eracht­ens über­aus gute Lied Sour Cher­ry zu hören, inklu­sive Text zum Mitsin­gen.

  • King’s X — XV
     
    Irgend­wo zwis­chen Pro­gres­sive Met­al und Hardrock musiziert das tex­anis­che Trio King’s X. Und obwohl die Gen­reeinord­nung sowohl eine Nähe zu Tool als auch zu Rush umfasst, so schafft diese Gruppe es den­noch seit über 25 Jahren, trotz des sel­ten vari­ierten typ­is­chen King’s X-Klanges nie nach der eige­nen Cover­band, son­dern immer wieder frisch und neu zu klin­gen. Benei­denswert.

    Musikalisch geht’s hier gewohnt zur Sache, nur der Gesang nervt mich per­sön­lich ein wenig. Stellt euch eine Met­alver­sion von Rush mit viel, viel Head­bang­ing (Deutsch: Kopf­bum­sen, Hirn­fick qua­si) und einem dem Gothrock entstam­menden Sänger vor, der bisweilen wie Rod (Die Ärzte bzw. Abwärts) klingt (Pray).

    Aber das ist zum Glück Geschmackssache, und darüber lässt sich bekan­ntlich nicht immer stre­it­en. Daher als Kom­pro­miss die let­zte Hör­probe:
    Auf Amazon.de lässt sich jedes Lied auf dem Album auss­chnittsweise probe­hören.

Rückschau:

  • Vor 40 Jahren:
    The Unit­ed States of Amer­i­ca — The Unit­ed States of Amer­i­ca
     
    In die Zeit der Stu­den­te­nauf­stände fiel auch die ver­stärk­te hal­luzino­gen­er Dro­gen zur Erweiterung der eige­nen Kreativ­ität und des Bewusst­seins. Zu den bekan­ntesten von LSD bee­in­flussten Grup­pen zählen Grate­ful Dead und Quick­sil­ver Mes­sen­ger Ser­vice.
    Das einzige Album der Gruppe The Unit­ed States of Amer­i­ca, erschienen zur Hochzeit der LSD-Ver­bre­itung, ist ein musikalis­ch­er Dro­gen­trip mit Bea­t­les-Gesang und schweben­den Psy­che­del­ic-Klän­gen. Die Gruppe exper­i­men­tiert mit Klang­col­la­gen und Syn­the­siz­ern und per­fek­tion­iert qua­si neben­bei das Konzept eines Musikalbums als in sich geschlossenes Gesamtkunst­werk.
    2004 erschien eine Neuau­flage des Albums mit zehn zusät­zlichen Liedern.
     
  • Vor 30 Jahren:
    Hinn í­slenski Þur­saflokkurinn — Hinn í­slenski Þur­saflokkurinn
     
    Gegen Ende der 70-er Jahre waren Vertreter von Psy­che­del­ic und Pro­gres­sive Rock an einem kreativ­en Tief­punkt ange­langt. Es gab, so schien es, nichts mehr zu sagen, und während Yes sich in gefäl­ligere Rock­ge­filde begaben und King Crim­son sich erst­mals kom­plett auflösten — es soll­ten noch mehrere Auflö­sun­gen fol­gen -, wandte sich die Zuhör­erschaft dem Folk zu.
    Und davon gab es reich­lich: In Deutsch­land ver­trat­en Ougen­wei­de den Mit­te­lal­ter-Folk, in Großbri­tan­nien bracht­en Jethro Tull dem Pub­likum die Flö­ten­töne bei, und in Island schließlich nahm sich Hinn í­slenski Þur­saflokkurinn, der isländis­che Troll­haufen, klas­sis­ches Liedgut vor.
    Vielle­icht ist es die isländis­che Sprache, die dem Album seinen Zauber ver­lei­ht, vielle­icht ist es auch die für Folkrock unge­wohnte, vor­wiegend akustis­che Instru­men­tierung, aber es ent­fal­tet eine befremdliche Schön­heit schon in den ersten paar Minuten. Die Traumwelt isländis­ch­er Folk­lore wird in diesem Album einge­fan­gen und kom­prim­iert, und der Chorge­sang tut ein übriges. Schade, dass die Gruppe trotz aller Ambi­tio­nen keine Bekan­ntheit erzie­len kon­nte.
     
  • Vor 20 Jahren:
    Die Toten Hosen — Ein kleines biss­chen Hor­rorschau
     
    Im Jahr 1988 wurde das damals bere­its 26 Jahre alte Buch A Clock­work Orange an den Kam­mer­spie­len Bad Godes­berg mit Beteili­gung der Toten Hosen aufge­führt. Passend hierzu ent­stand auch dieses Album, das zwar nur schw­er­lich mit der damals aktuellen poli­tis­chen Sit­u­a­tion in Verbindung zu brin­gen ist, jedoch die musikalis­che Entwick­lung jen­er Jahre wider­spiegelt:
    Nach Rock (60-er Jahre), Pro­gres­sive Rock und Dis­cofieber (70-er Jahre) sowie Syn­thie-Pop und NDW (80-er Jahre) hat­te man genug von den musikalis­chen Exper­i­menten. Der Stel­len­wert der Musik änderte sich: Sie diente nicht mehr als Aus­drucks­form von Protest und als Iden­ti­fika­tion­sin­stru­ment einzel­ner Grup­pen, son­dern wurde zunehmend massen­tauglich. Die Toten Hosen bilde­ten als etablierte (also auch “massen­taugliche”) Punkrock-Gruppe da keine Aus­nahme, allein der inhaltlich exper­i­mentelle Charak­ter dieses Albums, das A Clock­work Orange nacherzählt, lässt noch ein wenig musikalis­chen Wage­mut erah­nen.
     
  • Vor 10 Jahren:
    Die Ärzte — 13
     
    Das Ende der 90-er Jahre stand im Zeichen von Baller­mann und Kom­merz. Alle innen­poli­tis­chen Katas­tro­phen schienen über­wun­den, den Kampf gegen die Poli­tik der USA hat­te man aufgegeben, als jugendlich­er “Rebell” wollte man im All­ge­meinen nur noch seinen Spaß haben.
    Das belegt auch dieses Album, dessen bekan­nteste Lieder Män­ner sind Schweine und Rebell gesellschafts- und musikkri­tisch als direk­te Ref­eren­zen herange­zo­gen wer­den kön­nen. “Punk” gab’s nur noch in Verbindung mit “Fun” — keine Gewalt, keine Pro­voka­tion und vor allem keine Poli­tik mehr. Fun­punk-Grup­pen wie Die Ärzte hat­ten hier ihre musikalis­che und vor allem auch kom­merzielle Blütezeit. Und erst gegen Mitte unseres Jahrzehnts began­nen die Ansprüche an musikalis­che Qual­ität mit der Brit­pop- und Indiewelle wieder zu wach­sen…

KaufbefehleMusikkritik
dear john letter: Between Leaves — Forestal

Wun­der­bar, ganz vergessen:
Die von mir vor einiger Zeit hoch gelobte Postrock­gruppe dear john let­ter hat in diesem Jahr das erste reg­uläre Album veröf­fentlicht.

Sein Name Between Leaves | Fore­stal, auf Deutsch unge­fähr “Zwis­chen Blät­tern / Wald­be­zo­gen”, spiegelt die Musik schon recht gut wieder:
Die Stim­mung wech­selt zwis­chen malerisch-lyrischen Momenten und verzweifel­ter Wut, wird aber nie schwül­stig oder brachial. Das Album lebt von der For­ten­twick­lung des bere­its auf der EP im Ansatz vorhan­de­nen, offen­sichtlich von Gen­re­größen wie Ocean­size bee­in­flussten, aber den­noch eigen­ständi­gen Stils der Gruppe.

Schw­er­mütige, nach­den­kliche Musik also, die zu Som­mer, Sonne, Strand nicht so recht passen mag, den Hör­er jedoch schon nach weni­gen Minuten auf eine Reise der Gedanken schickt, die auch in ein­er End­loss­chleife des CD-Spiel­ers nie ein­tönig wird. Eine Auswahl der Lieder gibt es wie immer hier zu hören.

Nun aber das art­work:
Vor­bei ist’s mit selb­st­gek­leis­terten Buch­col­la­gen, nun ist Zeit für Kun­st.

Und auch dies­mal ist es ein Gesamtkunst­werk:

Das Album von außen: Blatt mit Vogel. Das Album von innen: Einschübe und Titelliste.

In den bei­den Seit­en des genäht­en Etu­is — “CD-Hülle” wäre unter­trieben! — gibt’s ein Textblatt, die CD selb­st und ein paar aus schwarz­er Pappe aus­geschnit­tene Tier­fig­uren, für die dear john let­ter selb­st auf ihrer Web­seite eine zur Musik passende Ver­wen­dung vorschla­gen:

Zur Nachah­mung wärm­stens emp­fohlen!


Nachah­men kann man übri­gens auch hier.

Persönliches
Zwei Cents auf Fußball.

Im Vor­feld des ver­muteten deutschen Ver­sagens möchte ich anmerken, dass ich per­sön­lich immer für den Geg­n­er Deutsch­lands bin, gle­ich, wer dies sein mag. Die kollek­tive Ablenkung von innen- und außen­poli­tis­chem Scheiß­dreck (Krieg, Ölpreis­er­höhun­gen usw. wie u. a. während der WM 2006) entspricht genau so wenig meinen Vorstel­lun­gen von Freizeitvergnü­gen wie der Fußball­sport selb­st mein­er Vorstel­lung von Ästhetik und Verehrenswürdi­gem.

Danke für die Aufmerk­samkeit.