PersönlichesNetzfundstücke
Alte Zöp­fe

Die Digi­ta­li­sie­rung der Welt hat bekann­ter­ma­ßen Aus­wir­kun­gen auf die Art, wie wir mit Infor­ma­tio­nen umge­hen, auch dar­auf, wie wir sie ver­ar­bei­ten. Manch­mal, wenn man in der Flut an digi­tal kopier­ten und so für eine eigent­li­che Ewig­keit kon­ser­vier­ten Infor­ma­tio­nen zu ertrin­ken droht, scheint es ein­la­dend, eine oft nicht grund­los getrof­fe­ne Prio­ri­tät man­cher Infor­ma­tio­nen zugun­sten einer jeden­falls tem­po­rä­ren Ord­nung oder des­sen, was man dafür hält, zu ver­wer­fen und den Lösch­knopf zu betä­ti­gen. „Alte Zöp­fe“, die man abschnei­den „müs­se“, sei­en die ent­fern­ten Tex­te, behaup­tet man dann manch­mal, um sein eige­nes Gewis­sen zu beru­hi­gen, dem es natür­lich auch nicht immer recht ist, wenn sein Besit­zer Relik­te von Per­so­nen, deren blo­ße Exi­stenz oft­mals das eige­ne Leben posi­tiv zu beein­flus­sen wuss­te, als „alte Zöp­fe“ bezeich­net.

Und wie beim Coif­feur ist auch das Abschnei­den von Tex­ten aus Momen­ten des Glücks – „I’ve had the time of my life“ – meist end­gül­tig. Lässt man sich, von Emo­tio­nen getrie­ben, dazu bewe­gen, sich von den ver­blie­be­nen Zeug­nis­sen sol­cher Momen­te zu tren­nen, schaut man hin­ter­her weh­mu­tig auf den Boden um sich her­um, auf dem nun­mehr die Säu­be­rungs­rou­ti­ne statt­fin­det, und denkt wie­der an die alten Zei­ten, die man nun eigent­lich hin­ter sich las­sen woll­te, um neu anzu­fan­gen.

Sind die alten Zöp­fe ab, merkt man erst, wie viel ange­neh­mer es war, sie ab und zu noch mal anzu­schau­en und sich wie­der in die alten Zei­ten zurück­zu­ver­set­zen.
Die logi­sche Kon­se­quenz: Man lässt sich neue Zöp­fe wach­sen.


Übri­gens end­lich mal eine sinn­vol­le und fun­dier­te Stu­die: Apple-Kun­den lei­den an einer psy­chi­schen Stö­rung.

PersönlichesNetzfundstücke
„Und sonst so?“

(… und dann fra­gen mich die Leu­te, „tux“, fra­gen sie mich, mei­nen schreck­li­chen Vor­na­men durch einen für Außen­ste­hen­de immer­hin unver­ständ­li­chen bis nied­li­chen Spitz­na­men eige­ner Wahl erset­zend, „was genau machst du eigent­lich den gan­zen Tag?“ – „Nun“, wor­te ich dann ant, „wenn ich nicht gera­de Tuto­ri­en für absur­de The­men for­mu­lie­re oder son­sti­gen Unsinn ins Inter­net schrei­be, sit­ze ich meist in einer Ecke, ärge­re mich über Wör­ter wie ‚Außen­ste­hen­de‘ und ’nied­lich‘ und zäh­le auf dem Kalen­der die Tage zwi­schen den wirk­lich auf­re­gen­den Erleb­nis­sen des Lebens, die sich meist Mona­te im Vor­aus ankün­di­gen und dann, wenn sie sich der Gegen­wart nähern oder die­se sich ihnen, dann kom­men­tar­los aus selt­sa­men Grün­den ver­puf­fen, nicht mehr da sind, und kei­ner weiß dann letzt­end­lich so genau, wie­so. Die Tage mit Träu­men zu ver­brin­gen und nachts unru­hig zu schla­fen in Erin­ne­rung an und im Aus­blick auf schö­ne Zei­ten, weil die Zeit ‚dazwi­schen‘ ja dann doch immer län­ger wird und man sich auch bewusst in Träu­me flüch­tet, weil man sich dort, eine ent­spre­chen­de Erzie­hung vor­aus­ge­setzt, mehr traut, weil die Chan­ce, im Traum einen Korb zu bekom­men, erfah­rungs­ge­mäß eben doch eine eher gerin­ge ist, eben­so wie die, im Traum ver­las­sen zu wer­den; weil sich die Träu­me das Unter­be­wusst­sein zusam­men­strickt und das Unter­be­wusst­sein dafür bekannt ist, neben einem oft zu guten Erin­ne­rungs­ver­mö­gen auch einen unge­sun­den Opti­mis­mus vor­zu­wei­sen, der einem dann nach dem Auf­ste­hen doch wie­der nur trü­be Gedan­ken berei­tet, und eigent­lich wäre es dem­nach schlau, den gan­zen Tag träu­mend zu ver­brin­gen, aber … wie war noch mal die Fra­ge?“ -
„Schon gut“, sagen die Leu­te dann, ver­dre­hen die Augen und tau­schen viel sagen­de Blicke aus, und ich ver­ste­he selbst nicht, wie­so ich mich immer wie­der als einen eso­te­ri­schen Lang­wei­ler dar­stel­le und die Hälf­te mei­nes Lebens­wan­dels grob unter­schla­ge; und dann aber irgend­wie doch.)

Auf selt­sa­men Fund­stücken basie­ren­de Emp­fin­dung des Tages: „Hel­lo Kit­ty“ ist so was von wider­lich nied­lich (da isses wie­der), dass es bei­na­he psy­cho­lo­gi­sche Kriegs­füh­rung genannt wer­den kann und gegen die Grund­re­geln mensch­li­chen Zusam­men­le­bens ver­stößt, der­lei Pro­duk­te zu ver­wen­den.

Hello City

Musik
Medi­en­kri­tik XIX: Bei RTL singt man inter­na­tio­nal.

Dass wir täg­lich von dem um sich grei­fen­den Angli­sie­rungs­wahn umge­ben sind, ist ja schon bei­na­he kei­ner Erwäh­nung mehr wert.
Manch­mal aller­dings fasst man sich dann doch an den Kopf.

Kürz­lich wur­de ich mit dem kaput­ten Sen­der RTL kon­fron­tiert, der der­zeit nicht mal ein brauch­ba­res Pro­gramm vor­zu­wei­sen hat, das irgend­je­man­den zum Ein­schal­ten bewe­gen soll­te, und es lief aus­ge­rech­net ein Eigen­wer­be­block. In die­sem wur­de wie­der­um dies ange­kün­digt:

Die erfolg­reich­sten Rock-/Pop-Christm­assongs aller Zei­ten soll­ten in Bäl­de auf­ge­führt wer­den.
Ist das nicht grau­sig?

Gehen wir’s mal durch:

„Die erfolg­reich­sten“
Wor­an wird der Erfolg genau gemes­sen? An der Beliebt­heit in der Zuhö­rer­schaft sicher nicht; „Last Christ­mas“ (aus Rück­sicht auf die Ner­ven mei­ner Leser nicht mit einem Hyper­link ver­se­hen) mag bekannt sein, aber nie­mand, der bereits eine voll­stän­di­ge Weih­nachts­zeit mit Musik­un­ter­ma­lung hin­ter sich gebracht hat, legt Wert dar­auf, die­se Gru­sel­mu­sik mit dem Attri­but „erfolg­reich“ zu ver­se­hen. Hof­fe ich jeden­falls.

„Rock-/Pop“
… und dazwi­schen gibt es nichts? „Rock/Pop“ ist die wenig­stens halb­wegs infor­miert klin­gen­de Aus­drucks­wei­se für „halt so Musik“. Alles, was nicht Rock ist, ist Pop; dies scheint die gesell­schaft­lich akzep­tier­te Les­art musi­ka­li­scher Gen­res zu sein.
Bedeu­tet das, dass Rock kei­ne popu­lar music ist? Schön wäre es ja, dann könn­ten sich eini­ge Rock­bands end­lich von dem Ver­such abwen­den, sich anzu­bie­dern, und wie­der gute Musik fabri­zie­ren. In dem Phra­sen­un­ge­tüm, das wir hier vor uns haben, ist „Rock/Pop“ jeden­falls besten­falls über­flüs­sig.

„Christ­mas“
Man mag ja von eng­li­schen Lehn­wör­tern hal­ten, was man will; „Christ­mas“ ist kei­nes. (Jeden­falls nicht nach der mir bekann­ten Defi­ni­ti­on von Lehn­wör­tern, die da besagt: Wenn ein fremd­spra­chi­ges Wort die deut­sche Gram­ma­tik bekommt, ist es ein Lehn­wort. Wie dekli­niert man „Christ­mas“?)
Nein: Hier wur­de ein eng­li­sches Wort mit­ten in den Term geklebt. Weil es eben „coo­ler“ klingt als „Weih­nachts-“, neh­me ich an. „Eek!“, wie der US-Ame­ri­ka­ner zu sagen pflegt.

„-songs“
Hier gilt eigent­lich noch immer der vori­ge Absatz, aber auch inhalt­lich möch­te ich noch eine Ergän­zung anbrin­gen: Dass in Weih­nachts­lie­dern lei­der meist Gesang im Spiel ist, ist eigent­lich nichts, was man sepa­rat durch die Wort­wahl beto­nen müss­te. Und „Ich sin­ge einen Song“ ist doch nun wahr­lich ein höchst alber­ner Satz.

„aller Zei­ten“
Zum Abschluss dann doch noch mal eine ver­meint­lich deut­sche Phra­se, ent­lehnt aus dem eng­li­schen „of all times“ und dort genau so falsch.
Wären es tat­säch­lich „die erfolg­reich­sten … aller Zei­ten“, so könn­te man also guten Gewis­sens davon aus­ge­hen, dass kein zukünf­ti­ges Musik­stück mehr einen grö­ße­ren Erfolg zu ver­bu­chen ver­mag. (Aber ich kann mich des Ein­drucks nicht erweh­ren, dass die Rang­li­ste tat­säch­lich recht unver­än­der­lich ist. Ich hal­te mich vor allem zur Weih­nachts­zeit grund­sätz­lich best­mög­lich von allen Ver­an­stal­tun­gen fern, die Radio­mu­sik spie­len könn­ten, aber ich neh­me an, wenn ich in die­sem Jahr anders vor­ge­he, wer­de ich wie­der mit „Last Christ­mas“, „White Christ­mas“ und „Jing­le Bells“ gequält. Die deutsch­spra­chi­ge Musik­welt hat der­glei­chen nur wenig vor­zu­wei­sen, und ich kann es gar nicht groß genug schrei­ben, um mei­nem erleich­ter­ten Schrei aus­rei­chend schrift­li­chen Aus­druck zu ver­lei­hen: Zum Glück!)

I’m dre­a­ming of a wild busi­ness.
– EAV: Ihr Kin­der­lein kom­met (ver­dammt noch ein­mal)


Lese­tipp, bis mir wie­der was bes­se­res ein­fällt:
Der Super­markt als Spie­gel­bild der Ich-Gesell­schaft.

MusikNetzfundstückeIn den NachrichtenPiratenpartei
Die kana­di­sche Musik­in­du­strie und das mit dem Urhe­ber­recht

Micha­el Geist, laut Bio­gra­fie juri­stisch bewan­dert und kein Kana­di­er, schrieb bereits am Mon­tag etwas, was auf Spiegel.de seit Diens­tag fol­gen­der­wei­se zu lesen ist:

Weil sie jah­re­zehn­te­lang kei­ne Tan­tie­men an Künst­ler aus­zahl­ten, ste­hen eini­ge der größ­ten Labels Kana­das bald vor Gericht. Die Kla­ge liegt schon seit Okto­ber 2008 vor, und immer mehr Klä­ger schlie­ßen sich ihr an: Zuletzt reich­te die Nach­lass­ver­wal­tung des ame­ri­ka­ni­schen Jazz­mu­si­kers Chet Bak­er ihre Ansprü­che gegen den Ver­band der kana­di­schen Musik­in­du­strie CRIA ein. Ins­ge­samt sum­mie­ren sich die aus­ste­hen­den Tan­tie­men­zah­lun­gen zu astro­no­mi­schen Höhen: 50 Mil­lio­nen kana­di­sche Dol­lar, gesteht die CRIA ein, schul­de man den Künst­lern wohl auf jeden Fall. Die Kla­ge geht aber von leicht höhe­ren Sum­men aus: Bis zu 6 Mil­li­ar­den kana­di­sche Dol­lar (cir­ca 3,8 Mil­li­ar­den Euro) könn­ten fäl­lig wer­den – rund 20.000 kana­di­sche Dol­lar pro Urhe­ber­rechts­ver­let­zung.

20.000 Dol­lar pro „Urhe­ber­rechts­ver­let­zung“; woher ken­ne ich sol­che Sum­men?
Ach ja, rich­tig:

Rund zwan­zig Jah­re gerier­ten sich also kana­di­sche Plat­ten­la­bels wie Raub­ko­pie­rer, die Ansprü­che ein­fach mit einem Ver­weis auf die Wird-irgend­wann-bezahlt-Liste abwehr­ten. Das könn­te sie nun teu­er zu ste­hen kom­men.

Dass das Urhe­ber­recht, das der­zeit vor allem dazu zu die­nen scheint, die finan­zi­el­len Inter­es­sen der Rech­te­ver­wer­ter zu wah­ren, drin­gend einer Erneue­rung bedarf, ist bekannt und wur­de ja auch im letz­ten Wahl­kampf the­ma­ti­siert. Dass die Nach­richt über eine sol­che Kla­ge nun aus­ge­rech­net aus Kana­da, wo die regel­mä­ßig über die Strän­ge schla­gen­de GEMA nicht wütet, zu uns dringt, ist scha­de, aber immer­hin ein Anfang; man darf gespannt sein.

Hier­zu­lan­de han­deln die Rech­te­ver­wer­ter auch nicht unbe­dingt zum Woh­le der All­ge­mein­heit und oft nicht ein­mal im Inter­es­se der Künst­ler. Der gro­ße Knall ist lan­ge über­fäl­lig. Wer fängt an?


Klei­ner Nach­trag zu einem ganz ande­ren The­ma:
Die ange­kün­dig­te „Schweinegrippe“-Pandemie mit den Tau­sen­den Toten scheint schon wie­der vor­bei zu sein, und all die schö­ne Panik war völ­lig ver­ge­bens. Götz Wie­den­roth hat wie­der eine tref­fen­de Kari­ka­tur hier­zu erschaf­fen.

PolitikNetzfundstückeIn den Nachrichten
Kurz ver­linkt II: Stu­den­ten, Spio­ne, SPD (oh, eine Alli­te­ra­ti­on!)

Eine wirk­lich zau­ber­haf­te Idee hat Pro­Sie­ben da:

In der Sen­dung geht es dar­um, dass fünf männ­li­che Stu­den­ten inner­halb eines Seme­sters 50 Frau­en oder Män­ner ins Bett bekom­men sol­len. Wer das schafft, gewinnt und geht als Frau­en­schwarm durch.

(via, Her­vor­he­bung von mir)

Mal ganz abge­se­hen davon, dass ich noch nicht so ganz ver­ste­he, wie­so man als Frau­en­schwarm gilt, wenn man wahl­wei­se 50 Män­ner ins Bett bekom­men hat, was natür­lich auch schlicht­weg eine Fehl­in­for­ma­ti­on sein kann, fal­len mir noch zwei wei­te­re Fra­gen ein:

Erstens: Wel­che Frau schwärmt für einen Mann, der beim Schnack­seln eine Strich­li­ste führt?
Zwei­tens: Wird da eigent­lich auch Beweis­ma­te­ri­al auf­ge­nom­men?

(Wahl­wei­se natür­lich auch drit­tens: Wel­che arme Sau ist ver­zwei­felt genug, um da teil­zu­neh­men und sich vor dem Pre­ka­ri­at voll­ends zum Clown zu machen? Ande­rer­seits wur­de die Ziel­grup­pe sicher­lich nicht ganz zufäl­lig gewählt.)

Nach­trag vom 11. Dezem­ber 2009:
Die Sen­dung wur­de nun erst ein­mal ver­scho­ben.


Das CDU-Haus­ma­ga­zin Welt Online berich­tet:

Die Bun­des­re­gie­rung und die Inter­net-Wirt­schaft pla­nen eine Art ver­pflich­ten­den Viren­schutz für die Ver­brau­cher. Pro­vi­der wie die Tele­kom, 1&1 oder Arcor sol­len ihre Kun­den auto­ma­tisch war­nen, wenn sie sich Viren ein­ge­fan­gen haben. Wer die Schäd­lin­ge nicht ent­fernt, muss mit Sank­tio­nen rech­nen.

Nur wenig erstaun­lich ist, dass die ange­hef­te­te Umfra­ge („Soll­ten Ver­brau­cher bestraft wer­den, wenn sie Viren nicht von ihrem Com­pu­ter ent­fer­nen?“) der­zeit 20 Pro­zent Ja-Stim­men ver­bu­chen kann. Viel Zuspruch also für eine Tech­nik, die es vor­aus­setzt, dass Drit­te auf den eige­nen Com­pu­ter schau­en dür­fen. (Und an Fehl­alar­me, die in der Anti­vi­ren­welt bekannt­lich immer auf­tre­ten kön­nen, hat natür­lich auch wie­der kei­ner gedacht.)


Apro­pos Bun­des­re­gie­rung:

Lars Kling­beil, für die SPD im Bun­des­tag, for­dert das Ende der Netz­sper­ren. Die glei­chen Netz­sper­ren, die die SPD höchst­per­sön­lich befür­wor­tet hat, übri­gens. Will­kom­men in der Oppo­si­ti­on!

PersönlichesMusik
Der Sil­ve­ster­bei­trag 2009, aus belang­lo­sen Grün­den frü­her ver­öf­fent­licht

Das Jahr 2009 ist gera­de etwas mehr als elf Mona­te alt, und schon sind die ersten Jah­res­rück­blicke im Fern­se­hen zu sehen. Der Ein­druck, dass also im Dezem­ber kei­ne „Men­schen des Jah­res“ mehr die Chan­ce bekom­men, sich recht­zei­tig als sol­che her­vor­zu­tun, ist sicher kei­ner, den man gewin­nen möch­te. Und was da auch immer für grau­si­ge Per­so­nen als Prot­ago­ni­sten auf­tre­ten! Wenn so das Jahr 2009 aus­sieht, habe jeden­falls ich auf das Jahr 2010 schon jetzt kei­ne Lust mehr.

Wie sich dann am tat­säch­li­chen Jah­res­en­de ohne­hin her­aus­stel­len wird, dass man so ziem­lich alles, was man sich für die ver­gan­ge­nen zwölf Mona­te vor­ge­nom­men hat­te, mal wie­der gründ­lich ver­geigt hat. Auch kur­ze Momen­te der Freu­de und des Ver­ges­sens kön­nen nur schwer­lich dar­über hin­weg­täu­schen, dass man noch immer der glei­che Mensch ist wie im letz­ten Jahr. Man hat noch immer die glei­chen Inter­es­sen, den glei­chen Musik­ge­schmack und die glei­che Ein­sam­keit, die an einem nagt wie der Zahn der Zeit in merk­wür­di­gen Sprich­wör­tern, die einen selbst zum Glück ohne­hin noch nicht betref­fen. (Und dann geht es ande­rer­seits doch immer schnel­ler, als man es selbst bemerkt.)

Vor dem nur wenig befüll­ten Text­fen­ster, in dem ich Zei­len wie die­se übli­cher­wei­se ent­wer­fe, sit­ze ich nun also, weil mir die eigent­li­che Idee zu die­sem Bei­trag gekom­men ist, und mache mir eigent­lich über­flüs­si­ge Gedan­ken dar­über, ob ihn über­haupt jemand lesen möch­te. Ich schrei­be Tex­te um des Schrei­bens Wil­len. Gedan­ken, die raus müs­sen, in die Öffent­lich­keit tra­gen und war­ten, bis sie im Archiv ver­schwin­den. Das uralte Prin­zip des Tage­buch­schrei­bens im digi­ta­len Zeit­al­ter, in dem man nicht noch nach Jahr­zehn­ten dar­aus zitiert. Gut so.

Ich wün­sche mir manch­mal, ich hät­te mehr Ideen. Schrei­ben ist eine lieb gewor­de­ne Tätig­keit. Das The­ma ist fast egal, so lan­ge es mich inter­es­siert. Manch­mal kommt dann eben auch was raus, was für den Betrach­ter nur unter Dro­gen Sinn ergibt. Das zählt dann als Krea­ti­vi­tät und stört mich also nicht.
Sel­ten erhal­te ich auch Vor­schlä­ge, zu wel­chen Lebens­be­rei­chen ich mich an die­ser Stel­le äußern könn­te. Vor eini­gen Tagen unter­hielt ich mich im IRC mit einer Lese­rin, die befürch­te­te, ich wür­de sie und ihren zwei­fels­oh­ne inter­es­san­ten Cha­rak­ter the­ma­ti­sie­ren wol­len. Ich äußer­te mich wie folgt:

(@Tux^verdreifelt) nein, ich blog­ge nicht über die cha­rak­ter­ei­gen­schaf­ten von frau­en. als ich das letz­tes mal tat, hab ich danach nur gehört „du hast doch kei­ne ahnung .. bla­fa­sel … du bist ein dum­mes arsch­loch.. bla .. sülz .. fick dich“

Die Außen­wir­kung mei­ner Bei­trä­ge inter­es­siert mich sonst nur wenig. Aber wenn ich Gefahr lau­fe, auf­grund ihrer Ver­öf­fent­li­chung von sonst eigent­lich wohl­ge­son­ne­nen Per­so­nen nach­hal­tig beschimpft zu wer­den, sehe ich oft davon ab, sie zu schrei­ben. Das macht nichts, damit kann ich mich arran­gie­ren.

Und schon wie­der bin ich vom The­ma abge­kom­men. Zurück zu ihm:

Was bedeu­tet ein neu­es Jahr? Man nimmt sich irgend­was vor, schiebt es nach hin­ten, und irgend­wann ist schon wie­der viel zu wenig Jahr übrig. Wenn auf­ge­stell­te Plä­ne nicht mehr stim­men, ist der klüg­ste Vor­satz für das kom­men­de Jahr, kei­ne Plä­ne mehr zu machen.
Wo doch über­haupt ein „neu­es Jahr“ meist am Fern­seh­pro­gramm zu erken­nen ist. Auf Sat.1 und RTL unter­bie­tet man sich gegen­sei­tig mit den unlu­stig­sten Spaß­ma­chern der letz­ten vier­zig Jah­re (Mario Barth, Rudi Car­rell und lei­der auch fast alle dazwi­schen), und dann immer die­se sau­däm­li­chen Schla­ger­charts. (Und an Neu­jahr füllt sich dann immer mei­ne Fest­plat­te mit Lie­dern, die ich im Sekt­rausch total toll fand. Favo­rit im vor­vor­letz­ten Jahr: Lisa Stans­field – Been around the world. Favo­rit im letz­ten Jahr: Mouth & Mac­Ne­al – How do you do?. Vor­letz­tes Jahr wur­de mit so Leu­ten ver­bracht, ver­mut­lich zum Glück. Mal sehen, wie es die­ses Mal läuft.)

Statt allein fern­zu­se­hen, kann man an Sil­ve­ster auch zu ande­ren Leu­ten, die man nüch­tern nicht erträgt, fah­ren und mit ihnen zusam­men fern­se­hen. (Oder sich gegen­sei­tig Wit­ze erzäh­len, die man letz­tes Sil­ve­ster im Fern­se­hen gehört hat.) Das macht tie­risch Freu­de, wenn man gemein­sam über Wit­ze lacht, für die man sich schämt, sobald man sie ver­stan­den hat, was aber meist erst viel spä­ter ein­tritt.

Der Welt­geist will es, dass zu die­sen ande­ren Leu­ten nur sel­ten der im Grun­de ein­zi­ge Mensch gehört, der einem wirk­lich was bedeu­tet. Das hat sicher auch Vor­tei­le, man macht sich unter zu viel Alko­hol­ein­fluss nur vor Leu­ten zum Affen, denen man letzt­end­lich ohne­hin egal ist (vice ver­sa), aber es hält auch die Ein­sam­keit jung und frisch. Dann steht, sitzt oder liegt man da mit einem Glas bil­li­gen Fusels und fragt sich, was sie gera­de macht, und man schreibt ihr viel­leicht im nicht mehr all­zu nüch­ter­nen Zustand eine Nach­richt und erhält einen fra­gen­den Blick, und dann, am näch­sten Tag, liest man sei­ne Nach­richt noch mal und ver­steht sie selbst nicht. Es war schlau von der Natur, unse­re Kom­mu­ni­ka­ti­ons­be­reit­schaft und ‑fähig­keit unse­rem Alko­hol­pe­gel anzu­pas­sen. Guter Vor­satz für die­ses Sil­ve­ster: Mehr auf die eige­ne Natur hören.

You go the­re, you’­re gone fore­ver, I go the­re, I’ll lose my way,
if we stay here we’­re not tog­e­ther, any­whe­re is.

– Enya

MusikkritikKaufbefehle
Musik 12/2009 – Favo­ri­ten und Ana­ly­se

Die­ser Arti­kel ist Teil 4 von 29 der Serie Jah­res­rück­blick

Fast hät­te ich es ver­ges­sen: Ein wei­te­res Kalen­der­jahr ist bald vor­bei, und das bedeu­tet außer arsch­kal­tem Wet­ter und auf­ge­wärm­tem Bil­lig­fu­sel auf so genann­ten „Weih­nachts­märk­ten“ auch, dass ich wie üblich die for­mi­da­bel­sten Ton­trä­ger des Jah­res – jeden­falls die unter ihnen, die nicht zum Halb­jahr schon Erwäh­nung fan­den – in Kür­ze vor­stel­le.

Und es waren so vie­le! – So sehr man eine sol­che Liste auch kür­zen möch­te, man wird immer das Gefühl nicht los, dass ein Album, das man raus­wer­fen möch­te, eigent­lich doch ganz wun­der­bar gewor­den ist. Also muss­ten ande­re Kri­te­ri­en her. So fiel der Kür­zung zum Bei­spiel das Album The Inci­dent von Por­cupi­ne Tree zum Opfer, weil ich mich nur ungern wie­der­ho­len woll­te.

Auch dies­mal möch­te ich neben aktu­el­len Alben anhand zeit­lo­ser Klas­si­ker auch ein wenig Musik­ge­schich­te der letz­ten 40 Jah­re betrei­ben und eini­ge Ton­trä­ger auf­füh­ren, die trotz zahl­rei­cher guter Kri­ti­ken mei­ne per­sön­li­chen Qua­li­täts­kri­te­ri­en lei­der nicht erfül­len konn­ten.

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Netzfundstücke
Das Affen­theo­rem

Apro­pos Affen:

Eine Orang-Utan-Dame aus Wien hat das Foto­gra­fie­ren für sich ent­deckt.

Künstler bei der Arbeit

Die Dai­ly Mail weiß mehr:

Her pic­tures have won over more than 8,500 fans on Face­book sin­ce the zoo laun­ched an online pho­to album of her work on Tues­day.

Eins der der­zeit welt­weit bekann­te­sten Face­book­pro­fi­le ist also das eines foto­gra­fie­ren­den Affen.
Die Blü­ten, die die­ses „Web 2.0″ so treibt, sind manch­mal sehr bezeich­nend.

Spaß mit Spam
Und wie es jedoch am Namen!

Die E‑Mails sen­den­den Rus­sin­nen haben sich lan­ge nicht mehr bei mir gemel­det, offen­bar haben die zahl­rei­chen Ver­ur­tei­lun­gen von Spam­mern in die­sem Jahr doch etwas bewirkt. Aber man wäre ja auch in der­ar­ti­gen Zir­keln kein moder­ner Mensch, wenn man sich auf einen ein­zi­gen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­weg beschrän­ken wür­de, und so fand ich heu­te in einem Post­ein­gang eines mei­ner sel­ten genutz­ten „Web‑2.0“-Profile fol­gen­de Nach­richt:

Und wie es jedoch am Namen!

Es hat ein biss­chen gedau­ert, bis ich so ganz ver­stan­den habe, was die Gute da eigent­lich von mir woll­te.
Ob es am Jen­ni­fer mit Namen lag?

Nach einer Wei­le habe ich es dann, so hof­fe ich, ver­stan­den: Sie sucht offen­bar einen Mann.
Und sie war von vorn­her­ein sehr fas­zi­niert von mei­ner über­aus männ­li­chen Aus­strah­lung, dass sie sich gar nicht an mir satt­se­hen konn­te, und da sie irgend­ei­ne höhe­re Macht dar­an hin­dert, mich jeder­zeit wie­der auf die­ser omi­nö­sen Web­sei­te zu besu­chen, bin ich nun­mehr herz­lich dazu ein­ge­la­den, mich bei ihr per E‑Mail zu mel­den.

Nicht schlecht, dach­te ich, noch kein Wort mit ihr gewech­selt und schon habe ich ihre pri­va­te und sicher­lich total gehei­me Mail­adres­se. Dass sie kein Bild von sich in ihrem eige­nen Pro­fil hat, hat sicher­lich auch gute Grün­de.
(Viel­leicht liegt es am Namen.)

Ich war eigent­lich fest ent­schlos­sen, mich bei der Dame zu mel­den; immer­hin hielt sie mich für inter­es­sant mög­li­cher­wei­se in Ord­nung.
Aber irgend­was sagt mir, dass sich da noch schwer über­wind­ba­re Hür­den auf­tun:

Ich fürchte, das wird nichts mit uns.

Sie für mei­ne E‑Mail war­ten. Sie kön­nen.

SonstigesNetzfundstückeIn den Nachrichten
Medi­en­kri­tik XVIII inkl. Wet­ter zum Weg­lau­fen

Mal ehr­lich: Wer auch immer mir ernst­haft erzäh­len will, das kal­te, trü­be Mist­wet­ter im Dezem­ber ver­brei­te eine „total weih­nacht­li­che“ Stim­mung und habe allein schon des­we­gen dem kal­ten, trü­ben Mist­wet­ter im Novem­ber eini­ges vor­aus, der hat min­de­stens einen furcht­bar häss­li­chen Humor.

(Such­be­griff des Tages, frisch aus mei­ner Sta­ti­stik gefischt: „freund der mich olym­pisch f*ckt“. Wer­den da eigent­lich auch Medail­len ver­lie­hen? Und war­um lan­det man mit einem sol­chen Such­an­lie­gen auf die­ser Inter­net­prä­senz? Ich habe Angst.)

Und apro­pos Sport:

Laut einer Umfra­ge des US-Sport­sen­ders ESPN sind 75 Pro­zent der Mei­nung, dass Woods der Öffent­lich­keit kei­ner­lei Erklä­run­gen für sei­ne Hand­lun­gen als Pri­vat­per­son schul­det.

Dies schrei­ben die SPIE­GEL-Online-Redak­teu­re „jdl“ und „sid“ mit­ten in einem Arti­kel, der klatsch­blatt­ar­tig Gerüch­te über eine Liai­son des kürz­lich ver­un­glück­ten Sport­lers Eld­rick „Tiger“ Woods mit der 9/11-Wit­we Rachel Uchitel ver­brei­tet. Dazu passt die Über­schrift:

Angeb­li­che Woods-Gelieb­te: „Lasst mich alle in Ruhe“

Wie funk­tio­niert eigent­lich so eine Online­re­dak­ti­on?
Sagt der Chef: „So, du und du und du, ihr lauft mal und holt ’n brauch­ba­res Zitat von der Ollen, das macht sich immer gut.“

Und dann sagt die Olle aber nichts außer, dass man sie gefäl­ligst mit sei­ner Sen­sa­ti­ons­lust und sei­nen Unter­stel­lun­gen in Ruhe las­sen soll, und dann sagt der Chef, tja, dann kann man nix machen, neh­men wir halt das als Zitat, damit es wenig­stens so aus­sieht, als wäre sie ver­däch­tig, das lesen dann direkt mehr Leu­te. Stimmt das so weit?

Arti­kel, die mit „angeb­lich“ oder „ver­mut­lich“ begin­nen, sind in den sel­ten­sten Fäl­len jour­na­li­stisch akzep­ta­bel und als Nach­rich­ten nicht zu gebrau­chen. Ver­meint­lich sen­sa­tio­nel­le Neu­ig­kei­ten sind oft kei­ne (also weder sen­sa­tio­nell noch eigent­li­che Neu­ig­kei­ten), und ein vor­geb­lich seriö­ses Nach­rich­ten­ma­ga­zin soll­te sich hüten, sie als sol­che zu bezeich­nen.

Wobei das mit der Seriö­si­tät ohne­hin eine heik­le Ange­le­gen­heit ist, da wan­dert SPIEGEL Online schon seit eini­ger Zeit auf einem schma­len Grat. Der­zeit zum Bei­spiel wirbt man dort mit „wit­zi­gen“ Vide­os (die man irgend­wo auch schon mal gese­hen hat) und einem Quiz, das irgend­was mit Blitz­männ­chen zu tun hat. Kann es sein, dass man sich bei SPIEGEL Online dafür schämt, „irgend­was mit Nach­rich­ten“ zu machen?

(‚tschul­digt, gibt hier viel zu lesen in letz­ter Zeit. Ich hof­fe, das ist nicht all­zu stö­rend.)

Nach­trag: Das Wort im zwei­ten Absatz wur­de bewusst teil­zen­siert, um einer wei­te­ren Fehl­lei­stung gro­ßer Such­ma­schi­nen vor­zu­beu­gen.

In den NachrichtenPiratenpartei
Die Pira­ten und das mit dem Sche­men­den­ken

Was mich gera­de ziem­lich erzürnt:

Aaron Koe­nig, Mit­glied des Bun­des­vor­stands der Pira­ten­par­tei Deutsch­land, hat das basis­de­mo­kra­ti­sche Votum der Schwei­zer – auch dort leben­der Mus­li­me übri­gens! – gegen den Bau von Mina­ret­ten befür­wor­tet, und der Mob schäumt vor Wut. Dabei hat Koe­nig sich nicht ein­mal reli­gi­ons­feind­lich geäu­ßert oder den Islam als sol­chen dif­fa­miert, son­dern die archai­schen Struk­tu­ren, die in ihm teil­wei­se vor­herr­schen, kri­ti­siert, und selbst das nur in einem Neben­satz; pri­mär ging es ihm dar­um, dass die­se demo­kra­ti­sche Abstim­mung als sol­che, die wir in Deutsch­land bekannt­lich so nicht ken­nen, grund­sätz­lich lobens­wert und ihr Ergeb­nis zu respek­tie­ren ist. Allein das Wort „Islam“ genüg­te wie­der ein­mal, um in alte Links-Rechts-Muster zurück­zu­fal­len und irgend­was von „Unwähl­bar­keit“ zu faseln.

Vor allem auch bedrückend ist es, dass eine Pri­vat­mei­nung ein­zel­ner Per­so­nen gleich­wel­chen Ran­ges, die gegen kein mir bekann­tes gel­ten­des Gesetz ver­stößt, mit der Mei­nung der Par­tei ver­wech­selt wird. Nicht alles, was der Vor­stand der Pira­ten­par­tei Deutsch­land von sich gibt, ist eine Stel­lung­nah­me der Par­tei. (Anders aus­ge­drückt: Ist es für die katho­li­sche Kir­che von Bedeu­tung, wenn der Papst ein­kau­fen geht?)

Die­je­ni­gen, die bei jeder Klei­nig­keit von irgend­wel­chen abzu­weh­ren­den Anfän­gen sal­ba­dern, sind herz­lich ein­ge­la­den, mir mal zu erläu­tern, was an Herrn Koe­nigs Wor­ten von „Faschis­mus“ und „Ras­sis­mus“ zeugt und was eigent­lich die Pira­ten­par­tei Deutsch­land damit zu tun hat. Aus sei­ner Abhand­lung geht kei­ner­lei Ver­bin­dung zu den Pira­ten her­vor, so dass ich einen Zusam­men­hang mit sei­ner Par­tei­ar­beit, an der jeden­falls ich nichts aus­zu­set­zen habe, ernst­haft bezweif­le.

Übel für die Pira­ten wird es erst, wenn Quer­köp­fe ihre eige­ne Mei­nung im Krei­se radi­ka­ler Grup­pen mit „wir Pira­ten“ begin­nen, wie zuletzt Frau Ange­li­ka Beer gesche­hen. Die Pira­ten­par­tei Deutsch­land ent­sagt in ihrer Sat­zung jeg­li­cher Nähe zu Schlä­ger­trup­pen bei­der „Sei­ten“ aus­drück­lich:

Tota­li­tä­re, dik­ta­to­ri­sche und faschi­sti­sche Bestre­bun­gen jeder Art lehnt die Pira­ten­par­tei Deutsch­land ent­schie­den ab.

Natür­lich wird es immer wie­der Men­schen in der Pira­ten­par­tei geben, die sich aus dem klas­si­schen Links-Rechts-Modell nicht lösen kön­nen oder wol­len und die irgend­ei­ne am poli­ti­schen Rand behei­ma­te­te Mei­nung in der Öffent­lich­keit ver­tre­ten und sie in Rela­ti­on zu ihrer Mit­glied­schaft in der Pira­ten­par­tei set­zen. Aaron Koe­nig jeden­falls gehört sicher nicht dazu.

„Die Pira­ten“ als Par­tei sind nicht links, sie sind auch nicht rechts und sie ver­bit­ten es sich, dass „gegen Rechts“ auto­ma­tisch links und „gegen Links“ auto­ma­tisch rechts sein muss. Was ein Herr Koe­nig in sein pri­va­tes Blog schreibt oder was zum Bei­spiel ich hier nie­der­schrei­be, ist kei­ne Par­tei­mei­nung und soll­te auch nicht als sol­che ver­stan­den wer­den, denn die­se ist klar fest­ge­legt:

Die Pira­ten­par­tei ist weder links noch rechts, sie ist „vor­ne“ (Pro­to­koll vom 12. Juli 2009).

Ist doch nicht so schwer.

Nach­trag vom 2. Dezem­ber:
Es war eigent­lich vor­her­seh­bar: Der Geschol­te­ne erläu­tert even­tu­el­le Miss­ver­ständ­nis­se und ern­tet dafür die immer­glei­che har­sche Kri­tik von den immer­glei­chen Kom­men­ta­to­ren. Wer sich in die­ser Geschich­te zum wil­li­gen Sprach­rohr macht und wer nicht, ist jeden­falls offen­sicht­lich. Es ist nicht die Pira­ten­par­tei.

Netzfundstücke
Medi­en­kri­tik XVII: Mario Barth und die Fähig­keit zur Refle­xi­on

Der durch wir­res Gestam­mel („kenn­ta, kenn­ta“) lei­der bekannt gewor­de­ne Come­di­an Witz­bold Mario Barth durf­te auf irgend­ei­nem Quatsch­sen­der (aus­schnitts­wei­se zitiert auf SPON, das als Quel­le für den fol­gen­den Text dient) sein Humor­ver­ständ­nis illu­strie­ren, und er sprach also wie folgt:

Harald Schmidt ist für mich die größ­te Pfei­fe unter Got­tes Son­ne.

Kennt ihr den?: Setzt sich eine Flie­ge in einen Mist­hau­fen, sagt der Mist­hau­fen zur Flie­ge: „Du stinkst!“

Ein igno­ran­ter, alter, zor­ni­ger Mann, der nur noch die GEZ-Gebüh­ren ein­streicht.

So viel Inhalt auf so engem Raum bedarf einer aus­führ­li­che­ren Ana­ly­se:

Barth nennt Schmidt „igno­rant“, „alt“ und „zor­nig“. Was er, Barth, mit „igno­rant“ meint, lässt der Text offen, aber zumin­dest „alt“ und „zor­nig“ ver­wen­det er offen­bar als nega­ti­ves Kri­te­ri­um. Dass Harald Schmidt ein alter Mann gewor­den ist, mag in der Natur lie­gen, und dass Mario Barth das nicht gut fin­det, zeigt doch immer­hin ein­drucks­voll, auf wel­chem Niveau sein Humor sich bewegt.

Mit „Zorn“ scheint Barth auch aus­schließ­lich nega­ti­ves zu asso­zi­ie­ren, was jeden­falls mich erstaunt:

Barth bezeich­ne­te sich als Kaba­rett-Fan.

Zorn ist ein wich­ti­ger Bestand­teil des poli­ti­schen Kaba­retts und oft ein wich­ti­ger Kata­ly­sa­tor und auch Motor für sel­bi­ges. Wenn Barth Kaba­rett auf nur in gerin­gen Dosen nicht albern wir­ken­de Humo­ri­sten wie Flo­ri­an Schroe­der („fin­de ich klas­se“) und Mathi­as Rich­ling („auch“) beschränkt, wäre jeden­falls in mei­nen Augen die logi­sche Kon­se­quenz eine Nen­nung von Oli­ver Pocher.

Soll­te Herr Barth hier zufäl­lig ein­mal rein­schau­en, so möch­te ich ihm dazu raten, sich einen Auf­tritt von Georg Schramm (unter ande­rem im Ensem­ble von „Neu­es aus der Anstalt“, GEZ-finan­ziert) anzu­se­hen und dann gege­be­nen­falls sei­ne nega­ti­ve Mei­nung von Zorn im poli­ti­schen Kaba­rett – das der von ihm geta­del­te Schmidt ja noch immer prak­ti­ziert! – zu revi­die­ren.

Und apro­pos GEZ: Was ihn, Barth, der als Wer­be­trä­ger und Pri­vat­sen­der­ver­trags­part­ner pri­mär von den nie­de­ren Instink­ten der Kon­su­men­ten finan­ziert wird, dar­an stört, dass Harald Schmidt sei­ne Bezah­lung immer­hin sei­nem eige­nen Publi­kum zu ver­dan­ken hat, ist mir trotz Nach­den­kens auch noch immer nicht klar gewor­den. Wer kann hel­fen?

Sei­ne Brü­der sei­en ganz ruhig, er hin­ge­gen schon immer sehr aktiv gewe­sen. „Frü­her hat man mir einen Fuß­ball gege­ben.“

Gebt dem Mann sei­nen Fuß­ball zurück!

(Lustig und auch noch im wei­te­ren Sin­ne the­men­be­zo­gen, da auch auf SPON ent­deckt: Die auto­ma­ti­sche Twit­ter-Aus­druck­ma­schi­ne. Hat was.)

MusikSonstiges
Kauf­nix­tag 2009

Aus­nahms­wei­se mal pünkt­lich und weil wir gera­de über Aktio­nen frag­wür­di­gen Zie­les spe­ku­lier­ten, ver­wei­se ich nun mit bekräf­ti­gen­dem Gesichts­aus­druck auf den heu­ti­gen welt­wei­ten Kauf­nix­tag:

Die Grund­idee ist eigent­lich ganz ein­fach und ein­leuch­tend: Wenn Ende November/Anfang Dezem­ber die krän­ke­ste Kon­sum­pha­se des Jah­res ein­ge­lei­tet wird, weil es auf das Fest des Kau­fens und Schen­kens („Weih­nach­ten“) zu geht, sol­len die Men­schen wenig­stens für einen Tag inne­hal­ten und 24 Stun­den lang nichts kau­fen. Statt den Kon­sum anzu­hei­zen geht es also dar­um, sich mit ande­ren Din­gen im Leben zu beschäf­ti­gen.

Mehr Zeit für das Leben, weni­ger Zeit für Kon­sum; das kann ich unter­stüt­zen und tra­ge hier­mit mein Scherf­lein bei.
Und ich hof­fe, wenig­stens bei eini­gen Exem­pla­ren der­je­ni­gen, die sich dar­an aktiv betei­li­gen, bleibt eine Nach­wir­kung haf­ten.

Ob es das See­len­heil nach­hal­tig beein­flusst, wage ich nicht zu ver­mu­ten; aber dem Kon­to­stand wird’s gut­tun. :)

(Apro­pos nichts kau­fen: Da das Kalen­der­jahr sich wie­der dem Ende zuneigt, gibt es bei Peter und Nico­ro­la wie­der CDs zu gewin­nen, hier­für müsst ihr nur eure drei jewei­li­gen Lieb­lings-CDs 2009 nen­nen. Viel Erfolg allen, die teil­neh­men!)

‘Kauf­nix­tag 2009’ wei­ter­le­sen »

In den Nachrichten
Inter­es­sier­te Fra­ge zur poli­ti­schen Ver­ant­wor­tung

SPON:

„Ich über­neh­me die poli­ti­sche Ver­ant­wor­tung“
Der Druck nach dem Bekannt­wer­den der Infor­ma­ti­on­s­pan­nen war zu groß. Mini­ster Franz Josef Jung hat sei­nen Rück­tritt bekannt gege­ben.

War­um, um Him­mels und mei­net­we­gen auch aller ande­ren glau­bens­be­ding­ten vir­tu­el­len Auf­ent­halts­or­ten Wil­len, fal­len die Begrif­fe „poli­ti­sche Ver­ant­wor­tung“ und „Kon­se­quen­zen zie­hen“ immer erst, nach­dem der jewei­li­ge Ver­ant­wort­li­che den durch irgend­wel­che Wir­ren im Anse­hen arg beschä­dig­ten Posten längst geräumt hat?

(Sein Nach­fol­ger hat’s aber auch nicht leicht, immer­hin muss er irgend­wie das Ver­spre­chen ein­hal­ten, Deutsch­lands Armee nicht in einem Krieg, son­dern in einem „kriegs­ähn­li­chen Zustand“ anzu­füh­ren. Ist eh ’n Brül­ler, oder?)

MusikSonstigesNetzfundstückeIn den Nachrichten
Rabatzzzz und Rem­mi­dem­mi

Eine Fra­ge beschäf­tigt mich: Wel­che Kli­en­tel spricht eigent­lich ein Ener­gie­ver­sor­gungs­un­ter­neh­men an, das eine Preis­re­duk­ti­on als „Rabatzzzz“ bezeich­net? Aber der Rei­he nach:

Heu­te war ich wie­der ein­mal mit mei­nem Notiz­buch in der „City“ – ein Ter­mi­nus, der das wahr­lich unpas­sen­de „Innenstadt“ aus­nahms­wei­se zu Recht ersetzt – unter­wegs und such­te nach Berich­tens­wer­tem. Beim übli­chen Durch­blät­tern der neu erschie­ne­nen Musik­ma­ga­zi­ne stieß ich auf eine Mel­dung, die für Freun­de ein­hei­mi­scher Polit­com­bos für Auf­se­hen – sofern sie zuvor zu Boden geblickt hat­ten – sor­gen dürf­te: Zum 30-jäh­ri­gen Grün­dungs­ju­bi­lä­um der Ham­bur­ger Punk­band SLiME (kennt man: „Mol­lies und Stei­ne / gegen Bul­len­schwei­ne“), die 1994 aus ethi­schen Grün­den ihre Auf­lö­sung beschlos­sen hat­te, fin­den sich die alten Her­ren im kom­men­den Jahr noch­mals zu einer Tour­nee zusam­men. Ob dies gemein­sam mit der eben­falls ange­kün­dig­ten Reuni­on von WIZO zu einem erneu­ten Auf­flam­men der Deutsch­punksze­ne füh­ren wird, bleibt abzu­war­ten; Zeit wür­de es ja mal wie­der.

Noch über shmoo­ve Scher­ze über die­se Ankün­di­gung nach­den­kend wur­de ich eines Wer­be­pla­ka­tes gewahr, des­sen krei­schen­des Grün mir arge Kopf­schmer­zen zu berei­ten droh­te. Ein mir zuvor noch nicht begeg­ne­ter (also immer­hin auch noch nicht nega­tiv auf­ge­fal­le­ner) Ener­gie­kon­zern ver­such­te, mit einem sti­li­sier­ten Frosch­ge­sicht mit Blitz auf der unge­fäh­ren Stirn um neue Kun­den zu wer­ben. Fas­zi­niert an die­ser Wer­be­bot­schaft hat mich nicht der Frosch, obwohl ich mir bis­lang nicht erklä­ren kann, wie­so die­ses eher strom­emp­find­li­che Tier – vor­aus­ge­setzt, ich habe es kor­rekt iden­ti­fi­ziert – als Wer­be­trä­ger für solch ein Ansin­nen dient, son­dern ein Text­ka­sten, der ohne umfas­sen­de­re Erklä­rung einen „BONUS RABATZZZZ“ (sic!) ver­sprach. Aus der Gesamt­heit des Pla­ka­tes fol­ger­te ich, dass hier wohl eine Preis­er­mä­ßi­gung und kein Auf­stand gemeint sein soll­te, aber – und damit wären wir wie­der am Anfang ange­langt – war­um ver­un­zie­ren die Pla­kat­ma­cher ein durch­aus wer­be­wirk­sa­mes Wort durch das Anhän­gen wohl ver­se­hent­lich für jugend­lich gehal­te­ner Buch­sta­ben­ket­ten und sor­gen so dafür, dass poten­zi­ell inter­es­sier­ten Pla­kat­be­trach­tern gar nicht klar wird, was sie eigent­lich ange­bo­ten bekom­men?

So wird das nixxxx, bit­te noch­mals über­den­ken.
(Ich habe Kopf­weh.)


Lesens­wert auch: Frank beob­ach­tet wie­der den All­tag.

nie­mand hier hat ein ipho­ne, und das ist das ein­zig ver­söhn­li­che, was einem auf­fällt, wäh­rend man dabei­steht und einem die­ser ver­su­che nach­gibt, die welt ver­ste­hen zu wol­len. jeder hier hat aber einen medi­on-mp3­play­er (tür­kis), geschwi­ster (nicht tür­kis), eine schlech­te mei­nung über „die da oben“, und das gefühl, im und vom leben per­ma­nent „ver­arscht“ zu wer­den.

Will­kom­men in der Tri­stesse. Es ist ein Graus.