PersönlichesMir wird geschlecht
Gleicher als die anderen (Fortsetzung).

Zu Beginn mein­er Stu­dien­zeit hat­te ich mich teils belustigt, teils ver­wun­dert über das hochschuleigene Frauen- und Gle­ich­stel­lungs­büro geäußert. Es ist Zeit für einen Nach­trag.

Heute näm­lich kam durch Zufall ein Exem­plar der zurzeit gülti­gen Richtlin­ie gegen sex­uelle Beläs­ti­gung und Diskri­m­inierung in meinen Besitz. Darin ste­hen gut gemeinte Hin­weise, was denn alles zu unter­lassen sei. Dabei ist aus­drück­lich nicht von Geschlech­ter­diskri­m­inierung die Rede:

[Zu uner­wün­schtem Ver­hal­ten] zähl[t] unter anderem: (…) sex­uell her­ab­würdi­gende Kom­mentare über Per­so­n­en, deren Intimgeben, deren Kör­p­er sowie deren sex­uelle Iden­tität

Nor­males Her­ab­würdi­gen auf­grund des Geschlechts wird von besagter Richtlin­ie somit nicht ein­mal formell abgedeckt.

Das erk­lärt, wieso im Umfeld der Richtlin­ienex­em­plare zahlre­iche weit­ere Pam­phlete aus­liegen und ‑lagen, etwa “Schutz und Hil­fe für Frauen in Not!” vom lokalen Frauen­schutzhaus (“Frauen­schutzHaus”), denn so ein Mann braucht keine Hil­fe:

Mis­shand­lun­gen durch den Ehe­mann, Lebenspart­ner, Fre­und oder die Fam­i­lie gehören für viele Frauen in Deutsch­land zum All­t­ag.

Vice ver­sa; aber mit eurem Latein seid ihr wohl längst am Ende.

Frauen wer­den: (aus stilis­tis­chen Grün­den gekürzt, A.d.V.)

  • Kon­trol­liert
  • Bedro­ht
  • (…)
  • Geschla­gen
  • Getreten
  • Belei­digt
  • Sex­uell mißhan­delt

(…) Sprechen Sie mit möglichst vie­len Men­schen über Frauen- und Kindesmis­shand­lung sowie Frauendiskri­m­inierung, wie sie über­all und täglich geschieht.

Ich sag’ euch was, “Frauen­schutzhaus Wolfen­büt­tel”: Ich spreche gern mit möglichst vie­len Men­schen darüber, wie ihr eigentlich das Rol­len­mod­ell in der Gesellschaft seht. Ist das eigentlich schon Her­ab­würdi­gen des Geschlechts, wenn Frauen in die Rolle der hil­flosen Opfer gedrängt wer­den? Aber was interessiert’s euch, ihr kämpft ja für die gute Sache. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Auch die “Beratungsstelle gegen sex­uelle Gewalt e. V.” hat neben eurem, “Frauen­schutzhaus Wolfen­büt­tel”, ein eigenes Falt­blatt platzieren lassen, das the­ma­tisiert, wieso Verge­wal­ti­gung schlimm ist. Natür­lich auch hier nur die gegen Frauen und Mäd­chen, denn andere Men­schen ste­hen in dieser Gesellschaft nicht unter Schutz. Die sollen sich gefäl­ligst selb­st wehren!

Zugegeben: Besagte Pam­phlete entstammten nicht direkt der Fed­er des “Frauen- und Gle­ich­stel­lungs­büros”. Dieses hat sein eigenes Scher­flein beige­tra­gen: Ein Falt­blatt namens “Nieder­sach­sen-Tech­nikum — Eine inter­es­sante Per­spek­tive für Abi­turi­entin­nen” beschreibt eine Art Prak­tikum, das vom Land finanziert und nur Frauen ange­boten wird, die vor der Wahl ihrer beru­flichen Zukun­ft ste­hen. “Gle­ich­stel­lung” ist anscheinend eine andere Art, “Frauen brauchen mehr Vorteile gegenüber den Män­nern” auszu­drück­en. Allerd­ings keine viel bessere.

Was das Gle­ich­stel­lungs­büro so macht? Nun, dies erk­lärt ein A4-Blatt: Förderung ein­er geschlechtersen­si­blen Lehre ste­ht darauf, Lit­er­atur zu gen­der­spez­i­fis­chen The­men sei auch im Ange­bot. Außer­dem — nicht zu vergessen — Maß­nah­men zur Förderung der Bal­ance der Geschlechter in den Stu­di­engän­gen, denn in so einem Studi­um geht es nicht um “Inter­esse oder nicht”, son­dern um “Tit­ten oder nicht”. Deshalb ist es auch drin­gend notwendig, in der Infor­matik eine Frauen­quote von min­destens 50 Prozent zu erre­ichen, denn auch als Frau hat man gefäl­ligst Inter­esse an Com­put­ern zu haben und nicht nur an so doofen sozialen Berufen. Nur für Frauen, so das A4-Blatt weit­er, seien Ver­anstal­tun­gen und Work­shops im Ange­bot, Ver­net­zung in Studi­um und Beruf und der­gle­ichen. Män­ner, Trans­sex­uelle und Geschlecht­slose brauchen so was nicht. Oder sie bekom­men es ein­fach nicht.

So flößt man der schweigen­den Masse immer wieder aufs Neue ein, wie die Rol­len­mod­elle in dieser Gesellschaft so laufen, auf dass sie auch weit­er­hin denken möge, es sei schon alles in Ord­nung so.

Falls es noch jemand nicht ver­standen hat: Insti­tu­tio­nen wie dieses “Gle­ich­stel­lungs­büro” sind ein wider­wär­tiges, weil tra­gen­des Ele­ment sex­is­tis­ch­er Auswüchse an staatlichen Ein­rich­tun­gen und gehören daher abgeschafft. Von Steuergeldern bezahlte Heuchelei haben wir in den Par­la­menten bere­its genug.

Politik
Die Revolution scheitert am Kabarett.

Poli­tis­ches Kabarett, wenn es gut gemacht ist (also nicht auf RTL oder Das Erste gesendet wird), hat zwei Funk­tio­nen: Es soll ein­er­seits unter­hal­ten, ander­er­seits aber auch und vor allem Leute mit­tels dieser Unter­hal­tung dazu bewe­gen zu erken­nen, was in der Poli­tik ger­ade falsch läuft. Poli­tis­ches Kabarett, wenn es gut gemacht ist (im Fol­gen­den kurz PK-Weg­gi genan­nt, Lese­fluss und lustiger Klang sind Kri­te­rien), ist so ein mah­nen­des Instru­ment und eine Aus­drucks­form des Protests.

Natür­lich regt PK-Weg­gi zum Lachen an, aber keines­falls, weil es sich um einen guten Witz han­delt. Die Leute lachen ja auch über Mario Barth und Paul Panz­er, die nun wirk­lich alles andere als gute Witze machen.

Ich bringe mal ein konkretes Beispiel: Im Jahr 2007 sprach der großar­tige Kabaret­tist Volk­er Pis­pers vor Pub­likum über Hin­ter­gründe der Lohnbesteuerung. Lasst das Video ein­mal auf euch wirken:

Nut­to vom Bret­to Volk­er Pis­pers

Die Sit­u­a­tion stellt sich fol­gen­der­maßen dar: Da gehen Leute ins PK-Weg­gi, wo man ihnen erzählt, wie ihre gewählte Regierung ihnen das Geld qua­si aus der Tasche zieht. In anderen Län­dern würde der zornige Mob das Richtige tun, in Deutsch­land wird gewiehert. Ja, schlimm, das mit dem Geld, aber, hihi­hi, er hat “Nut­to” gesagt! Denn man hat in all den Jahren vor dem Fernse­her gel­ernt, wie das Spiel läuft: Auf der Bühne macht ein­er Fax­en, vor Beginn der Sendung wird das Pub­likum dazu trainiert, wie es richtig applaudiert (in der Sendung “Zim­mer frei!” etwa beste­ht “Applaus” stets aus ein­er Kom­bi­na­tion aus Klatschen, Tram­peln und Johlen, was merk­würdi­ger­weise in offen­bar nie­man­dem den Ein­druck weckt, dadurch würde richtiger Applaus abgew­ertet), das Gel­ernte wird angewen­det. Als Beloh­nung für’s Mit­spie­len darf man noch eine Weile zuguck­en. Dümm­liche Män­ner-Frauen-Witze, Asozialen­witzchen (“Cindy aus Marzahn”) und ansprechend ver­pack­te Kri­tik am Staat sind ja irgend­wie das Gle­iche.

You're doing it wrong

Und natür­lich sind die staat­stra­gen­den Medi­en, die öffentlich-rechtlichen Regierungssender (die Beteili­gung einiger Parteien an eini­gen Sendern ist ja kein Geheim­nis), darauf erpicht, dass das auch so bleibt. Soll der Typ da vorn doch reden, was er will, so lange die Kasse stimmt. Da set­zt sich schon mal eine Julia Klöck­n­er von der CDU ins Pub­likum und freut sich ganz dolle, wenn ein PK-Weg­gi-Aktivist wie Georg Schramm (hier vor etwa fünf Jahren) ihre Partei und den poli­tisch erwün­scht­en geisti­gen Ver­fall eines Teils der Gesellschaft tadelt. Ist eben Kabarett, da wird gejohlt und geklatscht.

GeorgSchramm — Sys­tem­a­tis­che Volksver­dum­mung durch die Medi­en

Wenn der­selbe Georg Schramm dies fernab von Fernsehkam­eras tut, ist die Stim­mung eine andere, denn wenn keine Kam­era im Saal ist, ist PK-Weg­gi plöt­zlich über­haupt nicht mehr lustig, wie dieser Mitschnitt der Ver­lei­hung des baden-würt­tem­ber­gis­chen Kleinkun­st­preis­es 2011 (maßge­blich mit­fi­nanziert im Auf­trag der CDU) belegt:

Aber im Fernsehsaal, da sitzen sie auch weit­er­hin und lachen und klatschen und gehen nach Hause mit dem guten Gefühl, sich wenig­stens gut amüsiert zu haben. “Endlich sagt’s mal ein­er!”, und damit zurück zur Tage­sor­d­nung.

So wird das nichts mit der Rev­o­lu­tion.

Netzfundstücke
Die Pinguine

Ich bin ja unter anderem auch ein Pin­guin- und Web­comicfre­und, wen­ngle­ich meine Fre­und­schaft in let­zterem Fall nur aus­gewählten Serien gilt.

Zu diesen Serien zählen außer den üblichen Verdächti­gen (Garfield und andere) auch solche, deren Zeich­n­er sich mehr dem Non­sens (NICHTLUSTIG) und der Kun­st des schwarzen Humors (Cyanide & Hap­pi­ness) ver­schrieben haben.

Gele­gentlich finde ich mir noch unbekan­nte Web­comics ähn­lich­er Art, die ich bei Gefall­en dur­chaus im Auge behalte. Twit­ter­nutzer @chriszim besaß die Frech­heit, mich auf die Serie “Die Pin­guine” aufmerk­sam zu machen. Die dor­ti­gen Comics sind nicht nur schlecht geze­ich­net, son­dern auch brachial,

Die Pinguine - Robbenklopper

flach

Die Pinguine - Rede

und voller schlechter Witze.

Die Pinguine - Verhört

Ich mag sie, und ihr soll­tet das auch tun.


Übri­gens kön­nen, apro­pos Twit­ter, diejeni­gen von euch, die mit RSS nicht umge­hen kön­nen, nun stattdessen auch auf Twit­ter lesen, wenn es hier einen neuen Artikel gibt. So weit die The­o­rie.

KaufbefehleMusikkritik
Heino — Mit freundlichen Grüßen

Heino - Mit freundlichen Grüßen“Nun, da sich der Vorhang der Nacht von der Bühne hebt, kann das Spiel begin­nen, das uns vom Dra­ma ein­er Kul­tur berichtet.”
– Heino (Orig­i­nal: Die Fan­tastis­chen Vier): MfG


Eigentlich dürfte ich Heino nicht mögen.

Ich habe meinen musikalis­chen Stolz über Jahre hin­weg hart erar­beit­et, nenne Schlagerver­anstal­tun­gen im Geiste gele­gentlich (zum Beispiel jet­zt ger­ade) pauschal “Totenge­sang” und betra­chte die Pro­tag­o­nis­ten des Gen­res mit ihrem Bumm-Tschack und Gefiedel im Hin­ter­grund als tragikomis­che Fig­uren, nicht jedoch als kün­st­lerisch sym­pa­this­che Musik­er. Allerd­ings gebe ich offen zu, auf­grund dieses Desin­ter­ess­es auch nur wenige “Lieder” der Toten­sänger zu ken­nen. Eines von den Wildeck­er Herzbuben, eines von Mar­i­anne Rosen­berg, eines von Vicky Lean­dros, keines von Andrea Berg. Und Heino war der Typ mit dem Enz­ian.

Dann kam “Mit fre­undlichen Grüßen”. Das “Skan­dal-Album”, voller ver­meintlich­er Urhe­ber­rechts­d­ings beziehungsweise eben Heino-Ver­sio­nen bekan­nter Pop- und Rock- und Ramm­ste­in­stücke, von denen einige selb­st mir bekan­nt sind. Skan­dalös ist indes nicht das uner­laubte Nach­spie­len, denn von § 23 UrhG wären die nachge­spiel­ten Stücke nur dann betrof­fen, würde Heino den Text mod­i­fizieren; skan­dalös ist, dass mit dem Umstand, dass sich im Urhe­ber­recht nur noch wenige Bürg­er (Massen­abmah­nun­gen sei Dank) aus­re­ichend gut ausken­nen, gezielt gewor­ben wird. Ver­mut­lich sind einige Adres­sat­en der viralen Wer­bung für das Album inzwis­chen so verun­sichert, dass sie glauben, es sei ille­gal, sich “Mit fre­undlichen Grüßen” zu kaufen. Na, mit einem Heino-Album sollte man sich ver­mut­lich zumin­d­est nicht draußen blick­en lassen.

Aber ohne diesen Skan­dal wäre auch mir “Mit fre­undlichen Grüßen” wahrschein­lich nicht mal aufge­fall­en.

Geschützt durch Not­fall­musik, die nur wenige Tas­ten­drücke ent­fer­nt ist, bin ich das Wag­nis einge­gan­gen, mir zwecks Mei­n­ungs­bil­dung ein­mal selb­st besagtes Album anzuhören. Eigentlich dürfte ich es nicht mögen.

Heino, der Typ mit dem Enz­ian, inzwis­chen seit bald einem Jahrzehnt im Rentenal­ter und immer noch mit, zugegeben, krankheits­be­d­ingter Son­nen­brille und Perücke vor dem öffentlichen Ver­fall (und davor, auf Konz­erten sein öffentlich ver­fal­l­en­des Pub­likum allzu gut sehen zu müssen) geschützt, macht nun also, wie schon vor eini­gen Jahren der gle­ich­falls beruf­sju­gendliche Thomas Gottschalk (“What Hap­pened to Rock’n’Roll”) in Led­erk­luft gewan­det, das mit der Rock­musik.

Seine Abschied­s­tournee (2005) war offen­sichtlich eher eine Pausen­tournee. Die Ärzte haben dieses Konzept im Jahr 2012 (auf das “Abschied­skonz­ert” fol­gte die “Come­back-Tour”) gecovert, gle­ich­sam als Revanche ist das erste Lied auf “Mit fre­undlichen Grüßen” nun deren “Junge”, vor­ge­tra­gen mit tiefer Stimme und rol­len­dem “R”. Tiefe Stimme, rol­len­des “R”? Ach, Ramm­stein, ja. “Sonne” klingt tat­säch­lich der Vor­lage recht ähn­lich. “Leucht­turm” von ehe­mals Nena geht mir in der Heino-Ver­sion deut­lich weniger auf die Ner­ven. Und falls sich jemand fragt, warum das Album “Mit fre­undlichen Grüßen” heißt: “MfG” von den Fan­tastis­chen Vieren ist auch drauf, aus rechtlichen Grün­den (ich erwäh­nte es oben) mit gesproch­en­er Ein­leitung und Hin­ter­grund­chören.

THC in OCB ist, was ich dreh’.

Als Die Toten Hosen in den 1980-er Jahren mit dem “wahren Heino” Nor­bert Häh­nel (etwa für “Eis­gekühlter Bom­mer­lun­der”) zusam­me­nar­beit­eten, war das eine der weniger schlecht­en Heino-Par­o­di­en. Lei­der wur­den Die Toten Hosen nicht in das Reper­toire aufgenom­men. “Eis­gekühlter Bom­mer­lun­der” hätte in der Wirk­lich-wahrer-Heino-Ver­sion ver­mut­lich erst recht an Komik gewon­nen. Man kön­nte “Mit fre­undlichen Grüßen” trotz­dem als Par­o­die auf­fassen. Ob Heino die Pop­musik-Szene, sich selb­st oder die Par­o­di­en auf sich selb­st par­o­dieren wollte, weiß ich lei­der nicht.

Klar ist: “Mit fre­undlichen Grüßen” ist schräg; eigentlich zu schräg, um noch zu gefall­en, aber doch schräg genug, um wieder zu gefall­en. Ich bin zumin­d­est nach einem Hör­durch­gang ziem­lich amüsiert, vielle­icht aber auch nur über den Umstand, dass ich ger­ade Heino höre. Eigentlich dürfte ich das nicht mögen.

“Mit fre­undlichen Grüßen” ist kein Rock im Schlagerge­wand, wie oft behauptet wird; es ist Rock im Heino­gewand. Heino ver­al­bert Leute, die Heino ver­al­bern. Dafür hat er zumin­d­est den Respekt des Troll­freudi­gen ver­di­ent. Und er hat es ver­di­ent, dass man mal rein­hört. Doof find­en und im Inter­net ver­reißen kann man es später immer noch.

Man muss es ja nicht mögen.


“Was soll das? Was soll das?”
– Heino (Orig­i­nal: Her­bert Gröne­mey­er): Was soll das

Sonstiges
Pastor Pritzke und die Kinder

Verse­hentlich halte ich, während ich an diesem Text feile, das “Klee­blatt” (Aus­gabe Dezem­ber 2012 bis Feb­ru­ar 2013, also vor der let­zten Wei­h­nacht veröf­fentlicht), den Gemein­de­brief der evan­ge­lisch-lutherischen Kirchenge­meinde in irgend­soeinem Goslar­er Vorort in der Hand und bin über das edi­to­r­i­al recht amüsiert.

Pas­tor Pritzke (das klingt wie eine Fig­ur aus den Micky-Maus-Comics, oder?) schreibt dort aller­lei über das Wei­h­nachts­fest und seine ver­meintliche Bedeu­tung. Da ste­hen dann — nein, die Sache mit den Mess­di­enern wird der Kirche so schnell sich­er nicht verziehen — Sätze wie:

Auch das kann uns die Adventszeit lehren: Große Freude braucht Vor­bere­itung.

Bis man so einen Min­is­tran­ten herum­bekom­men hat, dauert das eben manch­mal ein wenig. Die zieren sich aber auch immer!

Oder Sätze wie:

Und wie schnell geht dann, beson­ders wenn kleine Kinder da sind, das Aus­pack­en unter dem Tan­nen­baum!

So ein wenig Stim­mung muss ja schon sein. Auch Priester haben einen Sinn für Roman­tik!

Aber es ist nicht nett, immer und immer wieder auf der Pädophilengeschichte herumzure­it­en (hehe). Vielle­icht wird Pas­tor Pritzke Unrecht getan, vielle­icht weiß er tat­säch­lich nicht, was seine Kol­le­gen so, hihi­hi, treiben, wenn sie auf Mess­di­ener­fahrt ver­reisen. Also gehen wir die Sache mal anders an:

Wei­h­nacht­en heißt: Gott schenkt uns seinen Sohn. Wir wis­sen, was wir bekom­men.

“Wei­h­nacht­en heißt: Alles schon mal da gewe­sen. Drei Tage Ödnis, halb­herzig seit Monat­en bekan­nte Geschenke aus­pack­en und sich auf die Zeit danach freuen.”

Wei­h­nacht­en ist das Fest des Kindes. Gott schenkt uns seinen Sohn. In ihm kommt er uns näher, (sic!) als wir uns selb­st sind.

Muss… Witz… verkneifen.

Und so ist Wei­h­nacht­en auch für uns das Fest der neuen Geburt, des neuen Anfangs.

“Und so fängt nach Wei­h­nacht­en das Dunkel und das mit den Toten wieder an.”

Wei­h­nacht­en ist Geburt­stag für alle.

“An Wei­h­nacht­en kom­men viele unein­ge­ladene Gäste und fressen einem die Torte weg.”

Lei­der beschränkt sich der Humorge­halt des Gemein­de­briefs auf diesen Text; der Rest beste­ht aus Buchtipps (keine Bibeln oder pornografis­che Romane, 1 von 24 Seit­en), Klein- (6 von 24 Seit­en) und Tode­sanzeigen (“nur” eine halbe Seite, wahrschein­lich, weil man zur Wei­h­nacht­szeit nicht an Tote denkt oder so) und irgendwelchen son­sti­gen Bekan­nt­machun­gen (Gottes­di­enst ist immer am gle­ichen Tag, danke für’s Lesen). Was für eine Ver­schwen­dung von (Holz und) Druck­e­tat.

Und für so was brauchen die jew­eils vier Monate. Wen wundert’s da noch?

Netzfundstücke
Kurz verlinkt CXLIV: Facebums.

(Niveau­volle Über­schriften sind zu ein­fach.)

Dass “soziale Net­zw­erke” nicht primär dem vorge­blichen Aus­tausch im Fre­un­des- oder Fam­i­lienkreis dienen, son­dern sich in den dor­ti­gen Kon­tak­tlis­ten im Laufe der Zeit vor allem heim­liche und weniger heim­liche Flam­men ansam­meln, war nie ein allzu großes Geheim­nis. Diejeni­gen, die post-pri­va­cy zur Lebens­maxime erko­ren haben, kön­nen nun noch ein­fach­er dazu ste­hen:

“Bang Your Friends” heißt die Anwen­dung, zu Deutsch “Bums deine Fre­unde”. Sie soll ein­schlägig Inter­essierte ohne große Umwege zu gewün­scht­en Begeg­nun­gen ver­helfen. Unter den eige­nen Face­book-Kon­tak­ten kann der Nutzer die begehrten Fre­unde markieren. Sollte ein­er dieser Face­book-Fre­unde umgekehrt einen ähn­lichen Wun­sch äußern, wer­den bei­de via E‑Mail über das gegen­seit­ige Inter­esse informiert.

Anders gesagt: Wenn im eige­nen “Fre­un­deskreis” jemand Bock auf Pop­pen hat und — jeden­falls zurzeit noch — dem anderen Geschlecht ange­hört und bei­de Teil­nehmer ihr Begehren der app mit­geteilt haben, bekom­men sie vol­lau­toma­tisch und ohne störende vorherige Kon­tak­tauf­nahme untere­inan­der ’ne Mail, dass sie den jew­eils anderen doch mal ganz unverbindlich fra­gen soll­ten. Wenn’s halt die eige­nen Eltern oder Kinder sind, ist das nur vorüberge­hend pein­lich. Ich wüsste allerd­ings wirk­lich gern, wie diejeni­gen, die diese app nutzen, bish­er Frauen ken­nen gel­ernt haben, wenn bere­its eine höfliche, aber direk­te Frage (“ey, fick­en?”) die Teil­nehmer über­fordert.

Ach, apro­pos Eltern oder Kinder; der Unter­hal­tungswert wurde kür­zlich per Aktu­al­isierung beseit­igt:

Nun soll dafür gesorgt sein, dass als Fam­i­lien­mit­glieder markierte Face­book-Kon­tak­te von der App-Auswahl ausgenom­men sind.

Ich nehme ja sowieso an, dass die Ziel­gruppe der app über­wiegend aus Leuten beste­ht, die mit dem Anbah­nen von Sexkon­tak­ten im Fam­i­lienkreis am wenig­sten Prob­leme hät­ten. Unglaublich.

Nerdkrams
Ponys sind scheiße.

Gele­gentlich scheint es eine gute Idee zu sein, den Medi­en wieder ein­mal darzule­gen, warum die Net­zbürg­er keine homo­gene Masse (“die Net­zge­meinde”, als wäre das eine Sek­te) sind. Aus aktuellem Anlass mache ich das heute ein­mal am Beispiel der Meme.

Also: Ich bin Net­zbürg­er. Und obwohl ich seit “gei­lo, mein neues 56k-Modem geht ja richtig ab” im Inter­net herumkaspere und gele­gentlich auch am dor­ti­gen Sozialleben teil­nehme, finde ich die meis­ten Meme ziem­lich bescheuert.

Ein “Mem” (ety­mol­o­gisch irgend­wie mit “mem­o­ry” ver­wandt) ist unter anderem ein Kurz­wort für Inter­net­phänomene. Dies beze­ich­net wiederkehrende Bilder, Texte, Videos oder auch und Phrasen, die sich über das Inter­net ver­bre­it­en und sich zum Teil auch ins wirk­liche Leben aus­bre­it­en, etwa das recht bekan­nte “Troll­face” als Erken­nungsmerk­mal eines Pro­voka­teurs, das sich längst auch auf Demon­stra­tio­nen und T‑Shirts wiederfind­et, eben­so die anderen Gesichter.

Und bevor jet­zt jemand behauptet, die im Inter­net hät­ten kom­plett bescheuerte Ideen und ohne das Inter­net wären sie weis­er: Das mit den Memen geht auch ander­sherum. Ein bekan­ntes Mem aus dem wirk­lichen Leben ist zum Beispiel der Satz “Nie­mand hat die Absicht, eine Mauer zu erricht­en”, bis heute in abge­wan­del­ter Form weit­er­ge­tra­gen und vieltausend­fach per­si­fliert. Ein “Mem” ist also eigentlich nichts anderes als ein geflügeltes Wort in dig­i­taler Dar­re­ichung. Und auch die Leute aus dem wirk­lichen Leben haben oft keine besseren Meme im Ange­bot, denn sie stam­men meist aus dem Fernse­hen (oder zumin­d­est von YouTube).

Ein paar Beispiele: Im Früh­jahr 2012 macht­en sich im Inter­net Ponya­vatare bre­it, entlehnt aus der Fernsehserie “My Lit­tle Pony”. Für mich als Net­zbürg­er ist das trotz­dem unge­fähr so nachah­menswert und attrak­tiv wie Bar­bie und Poké­mon. Auch andere Fernseh- und weit­ere Serien und Filme schafften es zu ger­adezu viralen Memen, das Rick­rolling mit Rick Ast­ley hat es gar zu einem eige­nen Wikipedia-Artikel geschafft. Andere YouTube-Phänomene wie Boxxy sind irgend­wann weit­ge­hend in Vergessen­heit ger­at­en, während sich das Xzib­it-Mem “Yo dawg”, ver­mut­lich ent­standen aus der Fernsehserie “Pimp My Ride”, erstaunlich lange hält.

Dabei reißen Meme auch Leute mit, die es son­st mit dem Inter­net nicht so haben. Der Film “V wie Vendet­ta” etwa, in dem ein mask­iert­er Mann aus Rache für die Mis­shand­lung durch die Regierung Gebäude in die Luft sprengt und durch seinen Tod let­zten Endes die Dik­tatur been­det, inspiri­erte die Grün­dung und das Auftreten von “Anony­mous”. Ken­nen sollte man zumin­d­est die Szene, in der alle Bürg­er der Stadt, eben­falls mit solchen Masken aus­ges­tat­tet, das Mil­itär umrin­gen.

Warum eigentlich “Anony­mous”? Nun, das ist der angezeigte “Name” nicht angemelde­ter Benutzer im Forum “4chan”, wo sich die meis­ten Meme ini­tial ver­bre­it­en, sei’s nun Boxxy, sei’s die Vendet­ta. 4chan muss man nicht ken­nen, das Niveau dort ist über­schaubar, und auch wenn es qua­si für jedes The­ma ein eigenes Forum gibt (selb­st ein Musik­fo­rum ist dort rege aktiv) und ich das Konzept “Anony­mous” und einige ihrer “Oper­a­tio­nen”, selb­st LulzSec, aus­drück­lich gutheiße: Man muss schon reich­lich pubertär sein, um länger als nötig dort zu ver­brin­gen. (Ähn­lich­es gilt für das deutschsprachige Pen­dant Krautchan, wo die “Anonymous”-Benutzer schlicht “Bernd” heißen — damit wurde dieser Name eben­falls zu einem allerd­ings sel­ten benutzten Mem.)

Intellek­tuell inter­es­sant sind allerd­ings die Meme, die his­torischen oder lit­er­atis­chen Bezug aufweisen. Dass diese Meme nor­maler­weise Teil von Creep­y­pas­ta (also im Wesentlichen Hor­rorgeschicht­en) sind, ist bemerkenswert, aber nicht störend. Einige von ihnen sind dur­chaus gut gemacht.

Ein Beispiel ist die Leg­ende vom Slen­der Man, einem großgewach­se­nen, fahlen Mann ohne bekan­ntes Gesicht, der nachts Kinder holt oder so. Eine faszinierende Fig­ur, auf die wir stolz sein kön­nen: Das Vor­bild war der Groß­mann, ein vor mehreren Jahrhun­derten im Schwarzwald leben­der, geheimnisvoller Kinde­sent­führer, dessen Exis­tenz bis heute nur belegt, nicht jedoch bewiesen wurde. Endlich mal ein erfol­gre­ich­es deutsches Exportgut!

Diejeni­gen, die der inter­na­tionalen Bel­letris­tik näher ste­hen als deutsch­er Lokalgeschichte, sind wom­öglich mit den Werken H. P. Love­crafts wie dem Necro­nom­i­con und dem Cthul­hu-Mythos ver­traut. Die Span­nung, die H. P. Love­craft erzeugt, liegt darin begrün­det, dass das Böse meist zu erah­nen, aber nie greif­bar ist. So funk­tion­ieren die meis­ten Romane von Stephen King, so funk­tion­ieren zahlre­iche Fol­gen von “Akte X”, so funk­tion­iert “Creep­y­pas­ta” und so funk­tion­iert Zal­go. Zal­go? “Zal­go” ist ein Wort ohne nähere Bedeu­tung, das seit 2004 belegt ist. Zal­go ist der Name ein­er kör­per­losen Entität, die in jed­er Wand wohnt und darauf wartet, zu leben; deren baldige Ankun­ft sich man­i­festiert in andauern­den Geräuschen, blu­ten­den Augen, zer­fließen­dem Text bis hin zu völ­liger Unken­ntlich­machung der Wirk­lichkeit, mithin das Ende der Welt, wie wir sie ken­nen. Zal­go is͔̦̟̳͔̹̓̋͗ͯͭ͡tͥͩ ̂̕Ķ̼͙͔̭̙̙̆ͭ̈̃ͫ͂ọ̙̼̱̿̽ͫ̍r̮͇̰͇͙͉͌͢r̝̠̽̓ͬͬ̂̂uͥ͑p̉ͯ͏̸̛̪̻̯͙̦̙͙t̷̬͉͎̰̟̙͕̩ͪ͗̅ͭ̐̇̓ͮi̶̢̗̪͉͛̓ͫͅo̴̰̺̤̲̥̪͆̉ͣ̈̌n̂̆҉̸͖̲͙̼͡.̡̼͉̬͚̎̾͒̉͛ ̇̂̉ͨ͒҉͚̲̲̯̱͖͝Z̧̡̡̥͈̻͕̞̤̺͔̼͂ͭ̽ͩͫ̔͘͢a̷͉͓̲͉̻̦̖̦̟̠̼͉̬̟̪͎͑ͪ̈̄̌̀͠͡l̶̛̞̯̯̞͉̘̦̲͊̾̒ͯ͒̾͆ͬ̆͐̆ͭ̿͗̀g̷̢̯̻͔̘̯̬̰̽̽ͭ͗̔̾̿ͨo̡̗͚͖͔ͨ͗̑ͩ̈́̀ͫͪ̂ͮ͂̽ͯͨ́̚̚̕͞ ͎̪͍͓͈̳͖̩̤͉̻͖̤͉͖̪͙͓̓̌̿̅̒͗̏̽̌̍̋̐̀̋̍̔͑̈ͦ̕͢͠i̒͆̏ͮ̔̃͊͛ͩ͐͌ͭ̀̃ͣ҉̷̢̨̣̖̝͚̹̹͕̜̪̩̱̻͍̙̻̗̙̹͠ͅs̈͌̃̅ͥ͒̒̚҉̩̟̩͎̭̙͖̳̝̮͘͟͜t̶̶̙̱̞̫̟̼̖͈͑͗̃ͩ͆ͫ͋ͭ̍͟͞ͅ ̬̤͔̣̝̮͉̗̮̲͖̝̝̺̯͋̈ͦ̽̽͐͐ͦ̍̆͘͜͢͝C̶̸̡̘̰̘̯͈̘̭͔̘̈́̃̀̑͑ͦͨ̕h͚̯͎͕̻͍̻̙̫̲̙̬̪̰̪̓ͩͯ̇ͥ̓̌́a̒͊̿ͣͯ͗͗̔̔̈͂̊͟҉҉͎̳̪̹̮̦̰̰̤͇̗̠̩̖̙͉͙̕͠ȏ̏̍̀̆́͑ͯ͑҉̶̡͚̙̺̘̙ͅş̵̴̯̼͎̞̩͉͚̳̯̪͈̤͍̹̫̖̯̃̏̓̒ͭ̈́ͩͧ.̸̢̛͙̹̬̼̦̬̠̫̤͉̦͙͕͔̘̉̈́̔͛̍̉͑̑͗͛̓ͦͯ͡

Zalgo

Verzei­hung, ich schweife gele­gentlich ab. Nun, so weit, so gut.

Worauf ich eigentlich — außer, dass es deut­lich zu viele Meme gibt — hin­aus­wollte? Das habe ich, ehrlich gesagt, vergessen. Ich impro­visiere: Auf — wieder mal — Twit­ter wer­den zurzeit gern neue Meme kreiert, so genan­nte “Film­meme”. Unter Hash­tags wie #FDP­Filme, #wurst­filme und #Waf­felfilme wer­den Film­na­men entstellt, etwa “Waf­feln im Sturm”. Das sei zum Abbrechen lustig, heißt es, und bleibt nicht bei eini­gen weni­gen Aus­nah­men, son­dern schafft es in jed­er Reinkar­na­tion in die trend­ing top­ics. In anderen Worten: Bin­nen weniger Minuten ist auch eine gut sortierte Twit­terliste voller total lustiger Ein­wortwitze. Aber ihr irrt: Das ist nur zum Brechen. Hört auf damit.

Und, ihr Medi­en, schreibt endlich mit: Auch, wenn man als Net­zbürg­er Meme ken­nt und die beste­hende Regierung nicht mag, ist man noch lange kein typ­is­ch­er Ver­bre­it­er von grauen­voll schlecht­en Memen.

Und Ponys sind auch scheiße.

Spaß mit Spam
du bist die eine, die ich gesucht habe!

Nee, fehlgeleit­et, “Her­da”, die Sie mir unter obigem Betr­e­ff eine Mail zukom­men ließen; an mir ist nach­weis­lich ’n Penis dran. Frauen (schreibt man das nicht “Her­ta”?), die per Mail andere Frauen suchen, sind mir allerd­ings bish­er neu gewe­sen. Das klingt nach Spaß.

Hal­lo, wen Sie ?

Na, die Eine, die Sie, “Her­da”, gesucht haben, ich zumin­d­est ver­mut­lich nicht.

Wie Sie uber mich hort­en? Von den Web­seit­en der Bekan­ntschaften?

Von den Web­seit­en der Bekan­ntschaften horte ich nicht eine; die besitzen sie alle ganz allein. Besitzen Sie auch eine? Dann horte ich auch die natür­lich nicht.

Erzahlen Sie uber Sie und was Sie, zu suchen?

Über sie habe ich schon viel­er­lei erzahlt erzählt. Was das hier zu suchen hat? Ich weiß es nicht — sagen Sie es mir. Wortkarg scheinen Sie ja nicht zu sein; obwohl Sie Ihrem Wortschwall eine ZIP-Datei mit ein­er enthal­te­nen Bild­schirm­schon­er­datei namens “sexy.scr” beifügten. Meinen Bild­schirm schone ich später, vorher wüsste ich gern, was es damit auf sich hat.

Ach so, natür­lich:

Ich schicke Ihnen wasche die Fotografie in diesem Brief.

Sehr schön. Frisch gewasch­ene Fotografien machen keinen Dreck.

Ich werde froh sein, die Antwort von Ihnen zu sehen.Victoria
29.01.201312:02:56

Damit wäre meine gute Tat für heute erfüllt.Ich
Sternzeit neg­a­tiv

PolitikNetzfundstücke
Kurz verlinkt CXLIII: Internet ist auch nur Sport

Die Grü­nen — die juve­nilen Kriegstreiber, die auch gern mal Face­booknutzung für Bürg­er­beteili­gung hal­ten — sind immer wieder für einen Lach­er gut. Ihre neueste Pein­lichkeit ist das hier:

Daniel Mack war so nett mir unaufge­fordert eine E‑Mail mit dem Link zum entsprechen­den Blog­a­r­tikel zu senden […] Wie unschw­er zu erken­nen ist (“sehr geehrte Damen und Her­ren”) versendet Daniel Mack ein Serien-E-Mail (oder Newslet­ter), Absender ist der Sprech­er für Net­zpoli­tik und Sport Bünd­nis 90/Die Grü­nen – gefühlsmäs­sig für mich ein kom­merzieller Absender. Ich hat­te mit Daniel Mack bis heute keine kom­merzielle Beziehun­gen, auch habe ich mich nie in eine entsprechende Newslet­terliste einge­tra­gen, noch son­st irgend­wo den Wun­sch geäussert, Infor­ma­tio­nen zu seinen poli­tis­chen The­men zu erhal­ten. Daniel Mack schreibt mich (als Aus­län­der, äh Schweiz­er) also an, weil ich einen Blog zu Face­book betreibe. Die Idee dahin­ter ist offen­sichtlich, berichte ich darüber, erhält er zusät­zliche Aufmerk­samkeit.

Bere­its seit Anfang 2007 dro­hen Versendern von Spam, und sei sie poli­tisch motiviert, für sel­biges Tun bis zu 50.000 Euro Bußgeld ins Haus zu ste­hen. Eine poli­tis­che Partei — und ger­ade ihr Net­zsprech­er — sollte das wis­sen.

Aber was ist von ein­er Partei auch zu erwarten, die einen Sprech­er für Net­zpoli­tik und Sport in ihren Rei­hen hat? Klar: Wer zwei Dinge gle­icher­maßen schlecht beherrscht, der kann es auch in dieselbe Schublade wer­fen. So sind sie, die Grü­nen: Haupt­sache, das mit den Win­drädern klappt. Mit heißer Luft ken­nt man sich nach ein paar Jahren im Bun­destag eben immer noch am besten aus.

PersönlichesNetzfundstücke
Der bessere Sexismus

Ich wollte mich hier zum The­ma Sex­is­mus beziehungsweise der aktuellen Debat­te zu diesem The­ma eigentlich nicht weit­er äußern, das habe ich an ander­er Stelle bere­its mehr als deut­lich getan. Die Big­ot­terie, die diesem The­ma anhängt, haben unter anderem Klopfer und die Mut­ti tre­f­fend the­ma­tisiert.

Eigentlich hätte ich es damit auf sich beruhen lassen kön­nen.

Nun wurde mir die Web­site alltagssexismus.de — bewusst nicht ver­linkt — in meinen Nachrich­t­entick­er gespült. Dort ste­ht zu lesen:

Hier wer­den Erleb­nisse zu Sex­is­mus, Homo‑, Queer- und Trans­feindlichkeit, zu Ras­sis­mus und Ableis­mus, den Frauen erleben, gesam­melt. Das kön­nen Kleinigkeit­en sein, die sich wie All­t­ag anfühlen oder sex­u­al­isierte Über­griffe und Gewalt, Sachen, die euch läh­men oder aufre­gen, die euch ner­ven oder stören. Beschreibt sie so lang oder kurz wie ihr wollt, gerne anonym, wenn ihr möchtet. Sex­is­mus ist keine Bagatelle son­dern ein ern­sthaftes Prob­lem, das wir nicht akzep­tieren wollen.

(Her­vorhe­bun­gen von mir.)

Ras­sis­mus als Form von Sex­is­mus zu betra­cht­en ist bere­its eine lustige Idee; der Ein­fall, eine Seite namens “Auf­schreien gegen Sex­is­mus” nur Frauen zu wid­men, ließ mich vor Lachen fast kol­la­bieren. Das ist doch Absicht, Mädels. Ander­er­seits: Auf­schreien kön­nt ihr ja her­vor­ra­gend, zum Beispiel dann, wenn ’ne manns­große Spinne an der Zim­mer­wand sitzt. Dann ruft ihr selb­stver­ständlich den starken Mann, denn ihr seid die schwache Frau. Eben­so, wie ihr die Män­ner ruft, wenn irgend­was mit dem Com­put­er ist. Oder mit dem Fernse­her. Oder es Möbel zu schlep­pen gilt. Denn ihr seid ja nur Frauen, und Män­ner ken­nen sich bekan­ntlich schon rein genetisch mit Möbelschlep­pen und Elek­tron­ik aus.

Es ist müßig zu erwäh­nen, dass ich diese alltäglichen Kleinigkeit­en (neben ein­er ander­swo beschriebe­nen weniger kleinen Igkeit — allein an der Bedeu­tungslosigkeit sollte es nicht scheit­ern) gerne anonym auf der Seite “Auf­schreien gegen Sex­is­mus” zu melden ver­sucht habe.

Sie wur­den alle­samt nicht freigeschal­tet.

Auf Twit­ter riet man mir, für größeren Erfolg meine Berichte als Frau einzure­ichen. Natür­lich hätte ich sie dafür so umschreiben müssen, dass die bei­den beteiligten Grup­pen die Rollen getauscht hät­ten. Wahrschein­lich wäre in diesem Fall die Freis­chal­tung wirk­lich kein Prob­lem gewe­sen.

Merkt ihr selb­st, oder?

In den NachrichtenWirtschaft
Kurz verlinkt CXLII: Viel Kohle, viel G’schrei.

SPD und Grüne wür­den gern, wie in den meis­ten anderen Bun­deslän­dern längst geschehen, die Stu­di­enge­bühren in Nieder­sach­sen abschaf­fen. Offen­bar sind diese nicht notwendig, selb­st in Nor­drhein-West­falen (keine Stu­di­enge­bühren) gibt es ange­blich Akademik­er mit ein­er aus­re­ichend pro­fes­sionellen Aus­bil­dung.

Das gefällt den Hochschulen aber nicht.

Die Ost­falia befürchtet, dass ihr nach dem Regierungswech­sel in Han­nover weniger Geld zur Ver­fü­gung ste­ht. Falls die Stu­di­enge­bühren weg­fall­en soll­ten und es dafür keinen entsprechen­den Aus­gle­ich gebe, sei die Wet­tbe­werb­s­fähigkeit gefährdet. (…) Durch das Geld aus den Stu­di­enge­bühren sei die Qual­ität von Lehre und Forschung gestiegen. Ohne finanziellen Aus­gle­ich fie­len die Hochschulen wieder zurück, befürchtet [Hochschul­präsi­dent Wolf-Rüdi­ger] Umbach.

Wie “finanzieller Aus­gle­ich” unge­fähr aussieht? Nun, etwa so:

Nieder­sach­sens Hochschulen lassen immer mehr Stu­di­enge­bühren ungenutzt auf ihren Kon­ten liegen. (…) Am Stich­tag 1. Juli 2010 legten Nieder­sach­sens Hochschulen ins­ge­samt 78.732.172 Euro Ein­nah­men aus den Stu­di­enge­bühren auf die hohe Kante. Zum Ver­gle­ich: Am 31. Dezem­ber 2008 betrug diese Summe noch 75.627.638 Euro.

Anders aus­ge­drückt: Ohne Stu­di­enge­bühren kön­nten sich die Wür­den­träger der Hochschulen nur noch alle zwei Jahre einen neuen Mer­cedes leis­ten statt (wie bish­er) jedes Jahr. Diesen Zus­tand kann nie­mand gutheißen. Vielle­icht soll­ten die nieder­säch­sis­chen Hochschulen mal höflich nach­fra­gen, ob nicht vielle­icht der ESM noch ein, zwei Mil­liärd­chen…

Nicht? Na gut — war nur ein Vorschlag.

In den NachrichtenPiratenpartei
Kopfgeldjäger und Piraten

Das eher weniger erfol­gre­iche Abschnei­den der Piraten­partei bei der let­zten Land­tagswahl in Nieder­sach­sen lässt die Medi­en wieder süff­isant fra­gen: Wie lange wird das Piraten­schiff noch segeln, und warum ist Johannes Pon­ad­er noch im Amt?

Ich möchte den lächer­lich verquas­ten Blo­gein­trä­gen der Für- und Widerred­ner nun nicht mehr allzu viel hinzufü­gen, und das, obwohl ich als ein­er der­er, die ein Ver­har­ren unter fünf Prozent für den ide­alen Ans­porn zur pro­duk­tiv­en Arbeit hal­ten, in die Defen­sive gedrängt werde. Kommt kurz her, Kinder, set­zt euch um mich herum und hört mir zu. Ich möchte nur drei kurze Anmerkun­gen machen, danach lasse ich euch in Ruhe weit­er mit Förm­chen wer­fen, ver­sprochen.

1. Per­son­elles

Ihr Presse­hei­nis, die ihr sab­bernd und geifer­nd den ganzen Tag vor Twit­ter hockt und auf die neuesten unge­heuer­lichen Ver­fehlun­gen des Bun­desvor­stands wartet, geht jet­zt alle an die Tafel und schreibt hun­dert­mal:

Der poli­tis­che Geschäfts­führer der Bun­despartei, der sich im Wahlkampf in Nieder­sach­sen viele Stun­den lang den Hin­tern an Infos­tän­den im ganzen Bun­des­land ab- und wieder drange­froren hat, ist nicht “schuld” daran, dass die Bürg­er Nieder­sach­sens von den Pirat­en nicht aus­re­ichend überzeugt waren.

2. Trans­parenz, Sex­is­mus und was alles dazuge­hört

Piraten­partei: Etwa zwei Prozent. Ein ural­ter Tweet eines Mit­glieds wurde bis kurz vor der Wahl von der Presse warm gehal­ten und rechtzeit­ig aus­gepackt. Resul­tat: Buh, den sex­is­tis­chen Haufen kann man doch nicht wählen!

F.D.P.: Etwa zehn Prozent. Spitzenkan­di­dat äußert sich vor der Wahl sex­is­tisch. Resul­tat: Ja, hm, schade.

Weil die Piraten­partei sich öffentlich und trans­par­ent gibt, gelan­gen solche Vor­fälle natür­lich meist sofort an die Öffentlichkeit. Aber nur, weil im Inter­net mehr Ver­fehlun­gen von Pirat­en als von tra­di­tionell eher offline agieren­den CDU- oder SPD-Mit­gliedern ste­hen, heißt das nicht, dass let­ztere sich bess­er benehmen kön­nen. (Dass “Sex­is­mus”, wie auch immer man ihn definiert, eine zutief­st men­schliche Eigen­schaft ist, die nicht an Parteien, Geschlechter oder Gen­er­a­tio­nen gebun­den ist, führt an dieser Stelle wahrschein­lich zu weit.) Aber ich ver­ste­he schon, ihr Presse­hei­nis seid es ja gewohnt, beim Kasper­lethe­ater mitzuwirken — die Hände in den Hin­tern der Pup­pen ver­stören euch nur. Kein Wun­der, dass euch die Piraten­partei über­fordert.

3. Was die Piraten­partei ler­nen sollte

Was die Piraten­partei in Nieder­sach­sen nun falsch gemacht hat, würdet ihr sich­er gern wis­sen. Ich kann euch das unge­fähr so gut und zuver­läs­sig beant­worten wie jed­er andere Bürg­er, aber wenn ich einen Tipp abgeben muss: Kein zurech­nungs­fähiger Bürg­er — ich wieder­hole mich — wählt aus­gerech­net die Piraten­partei, die auf dem Papi­er mit Trans­parenz, Inter­net­frei­heit und dig­i­tal­en Bürg­er­recht­en wirbt, nur wegen ihrer tollen Umwelt‑, Finanz‑, Sozial- oder Bil­dungspoli­tik. Lernt daraus und macht es näch­stes Mal richtig.

So, und nun zurück in den Sand­kas­ten mit euch.

In den Nachrichten
Kurz verlinkt CXLI: Jabba the Turk?

Prust:

In der Wei­h­nacht­szeit soll sich ein öster­re­ichis­ch­er Vater bei der Türkischen Kul­turge­meinde in Öster­re­ich gemeldet und eine Beschw­erde vorge­bracht haben. Seine Schwest­er habe seinem Sohn den Lego-Bausatz “Jab­bas Palace” des dänis­chen Spiele­herstellers Lego gekauft, “in guter Absicht”. Es habe sich jedoch her­aus­gestellt, dass die Lego-Ver­pack­ung “päd­a­gogis­chen Sprengstoff” enthalte. (…) Die Kul­turge­meinde ist den Bedenken des Vaters offen­bar nachge­gan­gen und erhebt nun ihrer Web­seite zufolge gegen Lego den Vor­wurf der Volksver­het­zung. Begrün­dung: “Jab­bas Palace” gle­iche ein­er Moschee, der Wach­turm einem Minarett. Die Fig­uren seien Ori­en­tal­en nachge­bildet, mit Gewehren, Schw­ert­ern und Kanonen.

Ein hüb­sches Bild hat die Türkische Kul­turge­meinde in Öster­re­ich da von den eige­nen Mit­gliedern, wenn sie Fig­uren mit Gewehren, Schw­ert­ern und Kanonen automa­tisch für die Ihren hält. Warum genau ein offen­bar also dem Islam nahe ste­hen­der Vater seinem Kind ein Wei­h­nachtsgeschenk macht, weiß ich lei­der nicht. Vielle­icht mit der Absicht, die Kaufkraft des ver­has­sten West­ens zu schwächen.

Bei genauer­er Betra­ch­tung sei das fer­tig zusam­menge­baute Lego-Haus und der dazuge­hörige Turm tat­säch­lich “ein 1:1‑Abklatsch der Hagia Sophia in Istan­bul oder der Moschee Jami al-Kabir in Beirut und eines Minaretts. Kurz, das Mod­el ähnelt Sakral­baut­en, egal ob Kirche, Moschee, Syn­a­goge oder Tem­pel.”

Zur Hagia Sophia hält die Wikipedia ein paar in diesem Kon­text amüsante Anek­doten bere­it, beson­ders erwäh­nenswert ist es vielle­icht, dass es sich um eine ehe­ma­lige byzan­ti­nis­che (also christliche) Kirche han­delt, die im 15. Jahrhun­dert von plün­dern­den Türken qua­si gewalt­sam zur Moschee umge­baut wurde und heute ein Muse­um ist. Es ist wirk­lich eine pietät­lose Unver­schämtheit von Lego, dieses Gebäude zu entwei­hen.

(Dass das Vor­bild, näm­lich Jab­bas Palast, gar nicht von Lego stammt, sei mal dahingestellt. Ein from­mer Vater guckt eben keine bösen Kriegs­filme und kann so was nicht wis­sen. Allerd­ings stimmt zumin­d­est der Vor­wurf, dass Ähn­lichkeit­en zu Sakral­baut­en beste­hen: Das haben Paläste eben so an sich.)

Und weit­er:

Und weit­er: Es sei offen­sichtlich, dass man sich für die Fig­ur des “hässlichen Bösewichts Jab­ba” ras­sis­tis­ch­er Vorurteile und gemein­er Unter­stel­lun­gen gegenüber den Ori­en­tal­en und Asi­at­en als hin­terlistige und krim­inelle Per­sön­lichkeit­en bedi­ent habe.

“Offen­sichtlich” hat der Ankla­gende noch nie einen Asi­at­en gese­hen. Oder einen Ori­en­tal­en. Oder die alten Star-Wars-Filme. Das ist zwar nicht schlimm, immer­hin sind die ziem­lich lang­weilig, aber Lego deswe­gen Ras­sis­mus vorzuw­er­fen ist absurd. Ich werfe den Mach­ern von “Avatar” ja auch keinen anti­s­chlump­fi­gen Ras­sis­mus vor, obwohl die Fig­uren auch blau sind. (Außer­dem habe ich den Film nie gese­hen.)

Die Kom­bi­na­tion aus Tem­pel­bau und Bunker­an­lage, aus der geschossen werde, könne für Kinder zwis­chen 9 und 14 Jahren sich­er nicht geeignet sein, “vor allem in Hin­blick auf ein friedlich­es Zusam­men­leben ver­schieden­er Kul­turen in Europa”.

Und daher:

“Wir fordern Eltern und Päd­a­gogen auf, kein Kriegsspielzeug oder diskri­m­inieren­des Spielzeug zu kaufen oder zu schenken, geschweige denn es zu ver­wen­den!”

Und um den Druck ein biss­chen zu erhöhen, kündigt die Kul­turge­meinde mögliche juris­tis­che Kon­se­quen­zen an. Sie behalte sich juris­tis­che Schritte vor und über­lege, in Deutsch­land, in Öster­re­ich und in der Türkei Klage bei der jew­eili­gen Staat­san­waltschaft wegen Volksver­het­zung einzure­ichen.

Die Geschichte der Hagia Sophia sollte man spätestens jet­zt noch mal nach­le­sen, um das mit dem friedlichen Zusam­men­leben im Kon­text erfassen zu kön­nen. Aber auch, wenn man die Prämisse set­zt, dass die heutige Türkische Gemeinde in Öster­re­ich sich von den dama­li­gen Vorgän­gen dis­tanziert: Irgen­dein ver­rück­ter Filmemach­er erfind­et Jab­ba the Hutt und seinen Palast. Jahrzehn­te­lang passiert nichts. Ein Spielzeugher­steller baut die Szener­ie nach. Eine türkische Gemeinde find­et diese Darstel­lun­gen ras­sis­tisch, nen­nt Lego einen Volksver­het­zer und dro­ht mit Klage.

So ganz nor­mal sind die da alle nicht in Öster­re­ich, oder?

(Mit Dank an L. und B.!)