Kontextsensitiver Spam. Ich fürchte mich nicht vor dieser Ära der künstlichen Intelligenz.
(Mit Dank an F.!)
Och nö, nicht schon wieder die …
Hi
My name is Olga.
I am from Russia.
Look my photo in attachment.
Hallo
Ich bin .tux.
Ich bekam diese Mail.
In Anhang da ist zip mit exe drin.
.tux nicht doof.
Spammer erfolglos.
(Ich finde es ja schon ziemlich sexistisch, dass Kriminelle offenbar zumindest bei manchen wohl zumeist männlichen Internetnutzern schon dadurch Erfolg bei der Verbreitung ihrer Schadsoftware haben, dass sie „hallo, hier ein Bild von mir, tschüss“ dranschreiben. Ich möchte hiermit nochmals eine Gesetzesänderung anregen, die jedem, der doof genug ist, auf so etwas hereinzufallen, den Zugang zum Internet verwehrt. Die CDU verbietet doch sonst auch jeden Käse.)
Wie verrückt ist die Welt geworden? So verrückt: Andrea Nahles (SPD, „man kann nicht alle paar Wochen die Basis fragen“) hat „angedroht“, im Falle einer Ablehnung der Koalition mit der CDU/CSU würde der gesamte SPD-Parteivorstand womöglich zurücktreten. Gerüchte, sie habe außerdem mit Freibier und Steuererlass für jeden gedroht, der mit Nein stimme, konnten bisher aber nicht bestätigt werden.
Wie verrückt ist die Welt geworden? So verrückt:
Es ist offensiv, anmaßend, belästigend und es beleidigt mich, wenn man glaubt, dass das Wackeln mit den sekundären Geschlechtsmerkmalen Einfluss auf meine Notengebung haben könnte. Nein, hat es leider nicht.
(Die Sache hatte natürlich ein Nachspiel mit Aufschrei.)
Wie verrückt ist die Welt geworden? So verrückt:
Guten Morgen!
Die Grundannahme der letzten paar Rechtschreibreformen, es sei empfehlenswert, dass die Leute so schreiben, wie sie reden, wurde dadurch verwässert, dass die Leute nicht so reden, wie sie sollten.
Ein prominentes Beispiel: Man nimmt nichts mehr an, man ist sich zu 99 Prozent sicher. Detaillierter wird’s dort, wo wirklich Leute aufeinandertreffen, die Ahnung haben, zum Beispiel ShortNews: Zu 99,9 % sicher, Google verlässt China. (Dass Google China auch drei Jahre später noch mehr oder weniger intakt ist, muss dem Schreiber so nicht peinlich sein – das sind vermutlich die fehlenden 0,1 Prozent.) Nur noch sichererererer ist wirklich sicher: Bitte um Bewertung – Rückbewertung ist euch 1000000% sicher!
Und wenn man etwas schlicht nicht weiß? Dann weiß man es natürlich trotzdem: Ich bin mir zu 50 Prozent sicher.. dass er was von mir will .
Darauf ein Prosit mit Hochprozentigem. Mindestens eintausend!
Für „Cicero“, „Magazin für politische Kultur“, das gelegentlich auch mal hochrangige Vordenker der deutschen Medienlandschaft, etwa Kai Diekmann („BILD“), zu Wort kommen lässt, schrieb der „Publizist und Speaker“ (sic!) Matthias Heitmann gestern ins Internet, was die F.D.P. seiner Meinung nach tun müsse, um dem Liberalismus in diesem Land wieder ein größeres Gewicht zu verleihen. Matthias Heitmanns aktuelles Buch heißt „Mythos Doping“. Ich erkenne den Zusammenhang.
Schon die Überschrift erschwert es mir, die Hand von der Stirn zu bekommen:
Liberale, lasst euch als Staatsfeinde beschimpfen!
Nehmen wir an, dass die F.D.P. als Partei der Gutsituierten diese Anrede nicht auf sich beziehen lässt, was andererseits sowieso fernliegt, dann ist diese Aufforderung zweckfrei. Liberalismus heißt immer auch Freiheit von zu viel Staat. Liberalismus ist insofern definiert als eine milde Feindseligkeit „dem Staat“ gegenüber. Ich fände diesen Vorwurf sehr freundlich und würde ihn nicht als Beschimpfung wahrnehmen, aber Matthias Heitmann glaubt ja auch, das versammelte Kapital der F.D.P. sei ein Vertreter dessen, was er Liberalismus nennt. Nun, „-ismus“ stimmt.
Anfangs hat Herr Heitmann ja nicht mal Unrecht:
Der Niedergang der FDP bietet all jenen eine Chance, die aufklärerische Werte wie Freiheit, Selbstbestimmung und Fortschrittlichkeit ernst nehmen.
Dann biegt er aber völlig falsch ab:
Wann kann die Neubestimmung dessen, was Freiheit und Humanität im 21. Jahrhundert ausmachen, besser vorangetrieben werden als in einer Situation, in der weder Koalitionszwang noch falsch verstandenes Verantwortungsbewusstsein einen solchen Prozess lähmen könnten? Wie kann diese Klärung besser gelingen als in der direkten und unvoreingenommenen politischen Auseinandersetzung mit den Menschen auf der Straße? (…) Die außerparlamentarische Zukunft freiheitlicher demokratischer Politik könnte wie ein Elektroschock auf den deutschen Liberalismus wirken: potenziell tödlich, aber eventuell auch lebensrettend.
Man kann den Koalitionszwang natürlich als notwendiges Übel begreifen und sein Ende durch Ausscheiden aus dem Bundestag als Voraussetzung betrachten, den Liberalismus wieder zu Wort kommen zu lassen; man kann ihn aber auch als die allzu bequeme Ausrede betrachten, seinem aufklärerischen und unbequemen Geist keine Plattform zu bieten, die er nun mal ist. Solche Wahrheiten aufzuzeigen wäre aber wahrscheinlich zu aufklärerisch, zu liberal für Matthias „Doping“ Heitmann.
Ein wenig Revolutionsgeist schlummert indes durchaus in ihm, immerhin befürwortet er die Auseinandersetzung auf der Straße und nennt die Rolle als „APO“ einen potenziell lebensrettenden Elektroschock. Welche Farbe trägt eigentlich der liberale Schwarze Block? (Und womit bewirft er Polizisten – mit Schriften von Adorno?)
Matthias Heitmann will sowieso keinen Liberalismus im Parlament:
Politisches Freiheitsdenken kann heute eigentlich nur außerparlamentarisch entstehen, denn es muss als Gegenentwurf zum herrschenden Zeitgeist neu gedacht werden.
Der herrschende Zeitgeist ist, glaubt man den Medien, eine allgemeine Unzufriedenheit mit der Politik als solcher. Der Liberalismus als Gegenentwurf würde also Duldung oder Aversion propagieren, und das außerparlamentarisch, sonst funktioniert es nicht. Schöne Demonstrationen sind denkbar: „Wir sind hier und wir sind leise, denn wir haben eine Meise.“
Ach, nein, nicht ganz:
Dieser Zeitgeist zeichnet sich durch ein tiefsitzendes Misstrauen gegenüber den Menschen, ihren Fähigkeiten, Absichten und Potenzialen aus.
Konservative Politik bilde folglich den Zeitgeist ab. Liberalismus als außerparlamentarische Überwindung der vox populi zu definieren ist möglich, aber mutig. Was dieses Misstrauen zur Folge hat („Freiheitsrechte“, „bevormundet“, „kollektive Schutzhaft“ und so weiter und so fort), bekommt Matthias Heitmann dann jedenfalls so eindrucksvoll aufgezählt, dass es mich schaudert. Zumindest könne aber die F.D.P. nichts für ihr eigenes politisches Abseits, in das sie sich mit einem menschenfernen Selbstverständnis manövriert hat, sondern die da sind schuld, Herr Lehrer:
Wenn aber die ehemaligen Großkontrahenten (SPD und CDU, A.d.V.) aus Mangel an Perspektiven enger zusammenrücken, bleibt in der Mitte keine Luft zum Atmen.
Die F.D.P., jahrzehntelange Konstante im Bundestag, zerdrückt von zwei Parteien, die das nicht etwa aus Machterhaltsgründen, sondern aus Mangel an Perspektiven taten. Man möchte sie beinahe knuddeln. Ganz, ganz fest.
Nächste Seite. Kotzeimer präzise platzieren.
Das Positive an der Entwicklung ist, dass sie dem Freiheits- und Entwicklungsdrang der Menschen auf lange Sicht nichts anhaben kann.
Dieser Freiheits- und Entwicklungsdrang der Menschen manifestiert sich mehrheitlich darin, dass sie sich bei Wahlen für eine der beiden großen Volksparteien entscheiden. Alle paar Jahre darf man als Mensch auch mal politisch sein. Widerling Hans-Peter Friedrich wird’s freuen, er bleibt voraussichtlich weitere vier Jahre Chefpropagandist der Bundesregierung. In anderen Ländern hätte man ihn schon vor Jahren an die nächste Laterne gehängt. Freiheit ist aber immer die „Freiheit des Andersdenkenden“ (Rosa Luxemburg, erschossen), und einen anders (i.e. wenig bis überhaupt nicht) Denkenden wie Hans-Peter Friedrich diskriminiert man doch als aufgeklärter Bürger nicht. Hauptsache, die Sportschau läuft.
Ein bisschen Realität muss schon sein:
Ob sich dieser Drang künftig mit dem Wort „Liberalismus“ verknüpfen wird, erscheint indes unrealistisch.
Der Unterschied zwischen „ob“ und „dass“ kann so einem Publizisten ja eigentlich auch wurscht sein; nehmen wir an, er hätte „dass“ geschrieben, wäre das jedenfalls nicht grammatikalisch, sondern nur inhaltlich Quatsch. Neoliberalismus und Liberalismus klingen ähnlich, haben aber prinzipiell erst mal nicht viel miteinander zu tun. Ich wiederhole mich: Liberale Parteien entstehen immer dann, wenn es sie nicht gibt. Die Deutsche Freisinnige Partei, die Piratenpartei und zuletzt die Alternative für Deutschland entstanden aus einander ähnlichen Idealen heraus, nämlich zur Stärkung der Bürgerrechte der jeweiligen Klientel, die bis dahin schlicht keine ausreichend starke lobby hatte.
Besagte lobby müsse sich, schwafelt Matthias Heitmann des Weiteren daher, sowieso erst einmal neu aufstellen:
Wahrscheinlich werden die verschiedenen Ideen zum Thema Freiheit anders gewichtet und neu gemischt. Wenn sich also die Verfechter einer demokratischen und offenen Gesellschaft künftig wieder Gehör verschaffen wollen, sollten sie aufhören, sich als klassische „Liberale“ und somit als Puffer zwischen zwei Parteien zu positionieren, die gar keinen Puffer benötigen.
Für Matthias Heitmann besteht der klassische Liberalismus darin, den Kompromiss zwischen progressiv und konvervativ herzustellen, was allein schon reichen sollte, um aufzuzeigen, dass Matthias Heitmann den Liberalismus nicht verstanden hat (oder verstehen will). Die F.D.P. als repräsentatives Beispiel für den „klassischen Liberalismus“ – eine Partei der Mitte?
Liberalismus ist vielmehr die politische Manifestation der gesellschaftlichen Aufklärung, mithin progressiver Wille zur Umgestaltung zugunsten einer wie auch immer gerade bevorzugt definierten Freiheit. Wenn man unbedingt alles in das seit über fünfzig Jahren nicht mehr politisch relevante Links-Rechts-Schema pressen will, dann trifft es vielleicht diese Darstellung: Der Liberalismus befindet sich grundsätzlich links vom linken Rand – ganz ohne Bier und Trillerpfeifen. Mmmh, Puffer!
Die politische Mitte ist besetzt und mithin kein zukunftsfähiger Ort, schon gar nicht für eine politische Geisteshaltung, die in Zeiten der perspektivlosen Zwangskollektivierung und des ängstlichen Zusammenrückens der Gesellschaft das unerhörte Ziel proklamiert, die Freiheit und die Kreativität des Individuums sowie dessen konstruktives Wirken für das Gemeinwesen zu stärken.
Ein großartiger Satz, zumindest strukturell. (Holen Sie doch zwischendurch mal Luft, Herr Heitmann!) Schon wieder sehe ich mich aber gleichsam überzeugt von dem Umstand, dass Liberalismus in der „Mitte“ nichts zu suchen hat. Wer in der „Mitte“ Liberalismus zu finden glaubt, der hat falsch gesucht. Wasser ist nass und Liberalismus gehört nicht in die „politische Mitte“. D’accord und siehe oben! Das war’s dann aber auch schon wieder mit der Zustimmung: „Zwangskollektivierung und ängstliches Zusammenrücken“ einer Gesellschaft, deren Angehörige in Stand und Ideologie so divers sind wie seit Jahren nicht mehr, kann es geben, ist aber in Deutschland, das nur aus Feigheit und/oder Bequemlichkeit („Konsens der Demokraten“, kommt gleich noch) ständig einem schweren Bürgerkrieg entrinnen kann, schlichtweg Utopie. Ein Klima der Angst herrscht vor, aber keines, das die Menschen zusammenrücken lässt. Ganz im Gegenteil!
Wenn man in Zukunft von den Menschen als eine tatsächlich eigenständige, prinzipienstarke und widerborstige Kraft der Freiheit wahrgenommen werden will, wird man den Mut entwickeln müssen, sich für freiheitsfeindliche Parteien (…) als „nicht koalitionswillig“ zu präsentieren.
Das hat die Piratenpartei erfolglos versucht, einer anderen Partei wird das ganz bestimmt besser gelingen: „Wählt uns, wir wollen entweder allein oder gar nicht regieren.“ Weiß der Wähler, dass er das will? Plumpe Widerborstigkeit – „der kleine Chelm ist ein Widerporst!“, Das Leben des Brian – ist bloßes Dagegensein, und wer zwar konsequent gegen irgendetwas ist, aber zu benennen versäumt, was er als Alternative bevorzugte, der verliert nicht nur Zeit, sondern auch noch Seriösität. Die Antifa nimmt ja auch niemand außer ihren Zöglingen mehr ernst.
Der sogenannte „Konsens der Demokraten“ ist der politische Untergang für alle jene, die Demokratie als dynamischen Wettstreit um die besten Ideen und Konzepte und nicht als ideenloses Stagnationsmanagement begreifen. Der Mut, unbequeme Wahrheiten offen auszusprechen und nicht mehrheitsfähige Standpunkte zu vertreten, ist dafür ebenso notwendig wie die Bereitschaft, von diesen keinen Millimeter abzurücken.
Hier schließt sich Matthias Heitmann dem anderen großen Liberalen im Land an:
Das muss man in Deutschland noch sagen dürfen. Alles andere ist Sozialismus.
Guido Westerwelle
Tatsächlich sollte es dem Liberalismus auch darum gehen, vermeintliche Denkverbote zu überwinden. (Die Piratenpartei handelt entsprechend etwa in Bezug auf das Urheberrecht.) Dazu zählt aber auch das vermeintliche Denkverbot, dass es Denkverbote gar nicht gibt. Denken dürft ihr, wonach euch gerade der Sinn steht – nur äußern dürft ihr eben nur, was das Gesetz hergibt. Darüber solltet ihr recht froh sein, denn ungehindertes Sprechen ist manchmal nur für den Sprecher lustig, und das seid nicht immer ihr. (Es sei denn, ihr seid eine Frau; in diesem Fall nehme ich das umgehend zurück.)
Konsens als Antagonist des Wettstreits um Ideen ist im Übrigen auch ein interessantes, aber schwachsinniges Bild. Wenn im Wettstreit um Ideen und Konzepte keine Einigung (kein Konsens) erzielt wird, dann wird keine der Ideen und keines der Konzepte je mehrheitstauglich umgesetzt werden. Das Beharren auf der jeweils eigenen Überzeugung als starres Schema wider konträrer Positionen ist zwar anarchisch (im positiven Sinne), hat aber mit Demokratie nicht mehr viel zu tun. Es gilt schließlich die Mehrheit zu überzeugen und nicht mit einer großartigen Idee zu scheitern. Zu meiden sind Kompromisse, zu erzielen aber der Konsens. Na, sind beides Fremdwörter mit „Ko“ vorne dran. Kann ja mal vorkommen.
Es gilt, inhaltlich die Spreu vom Weizen zu trennen
…, „Cicero“ also von anderen Magazinen.
[V]iele Standpunkte, die heute vom Zeitgeist der politischen Korrektheit verachtet werden, sind liberale Standpunkte: sei es das Anstreben von gesellschaftlichem Fortschritt und wirtschaftlichem Wachstum, sei es das Vertrauen in die Freiheits- und Entwicklungsfähigkeit der Menschen, sei es die Abkehr von den populären Öko-Mythen wie der Überbevölkerung oder der Endlichkeit der Ressourcen
Was Ökologie mit politischem Liberalismus zu tun hat, weiß wahrscheinlich – sofern denn überhaupt – nur Matthias Heitmann. Wirtschaftliches Wachstum jedenfalls, Kernkompetenz der F.D.P., sei kein „liberaler Standpunkt“, hatte er anfangs noch postuliert. Aber das ist ja schon wieder eine ganze Seite her.
Wer heute humanistisch argumentiert, wird sich damit abfinden müssen, von den Mehrheiten als „radikal“, „verantwortungslos“, „unsozial“ und eventuell sogar als „Staatsfeind“ bezeichnet zu werden und mit Leuten in einen Topf geworfen zu werden, mit denen man nichts zu tun haben will.
Mit welchen Leuten wird man denn „in einen Topf geworfen“, wenn man „Radikalhumanismus“ (wie auch immer der definiert ist) vertritt? Hoffentlich nicht mit Ihnen, Herr Heitmann. Das wäre furchtbar. Dass Humanismus staatsfeindlich sei, ist zumindest im gegebenen ökonomisch geprägten Deutschland prinzipiell richtig, aber etwas, was wohl nur von denen als negatives Urteil empfunden würde, mit denen wiederum ich nicht einen Topf teilen möchte, zum Beispiel Hans-Peter „es ist alles in Ordnung“ Friedrich. Insofern auch hier Einspruch:
Daraus aber die Notwendigkeit zur Anpassung an den Mainstream abzuleiten, hieße, sich aus Angst vor rückwärtsgerichteten und damit wenig überzeugenden Argumenten im großen Pool der „Demokraten“ selbst zu ertränken.
Liberalismus als Gegenteil des wie auch immer definierten „Mainstreams“, als liebenswerter Außenseiter, dessen „Anpassung“ sein Untergang wäre, wird hier im gleichen Text schon zum wiederholten Mal um- und zum wiederholten Mal falsch definiert. Erwähnte ich, dass in „Cicero“ auch Kai Diekmann schreiben darf? – Wären „rückwärtsgewandte“ Argumente „wenig überzeugend“, müsste nun niemand unter dem Eindruck eines unvermindert starken Konservativismus nach dem Liberalismus rufen; sind sie aber augenscheinlich nicht.
Liberale Politik, so schließt Matthias Heitmann, müsse als etwas anderes fungieren denn als laues Fähnchen im Wind, nämlich als …
(…) die einzige Stimme, die das Individuum nicht einem imaginären „Wir“ unterordnet, sondern es als Kern und Träger eines dynamischen demokratischen Gemeinwesens achtet; als die einzige Stimme, die Freiheit nicht als Schutzraum für Unmenschlichkeit, sondern als zentralen Kern der Menschlichkeit begreift.
Ich paraphrasiere: Sobald liberale Politik also wieder erstarke, sei sie ihr eigener Gegner, denn ihr geradezu zwanghafter Individualismus stehe ihrer Verbreitung im Weg. Wenn Liberalismus selbst zum „Mainstream“ (also zur vorherrschenden politischen „Geisteshaltung“) werde, sei er von sich selbst zu bekämpfen, um die Vielfalt des „dynamischen demokratischen Gemeinwesens“ aufrechtzuerhalten. Stimmt das so?
Würde ich ihm ja fast zutrauen.
Apropos Liberalismus: Mit Thorsten Wirth hat die Basis der Piratenpartei Deutschland heute einen „Kernpiraten“ zum Vorsitzenden gewählt. Ich finde diese Wahl gut und richtig. Da der Vizevorsitz allerdings an eine Frau gefallen ist, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die üblichen Medien (SPIEGEL ONLINE, Süddeutsche Zeitung und dergleichen) anfangen, wie bei den Grünen von einer „Doppelspitze“ zu reden. Auch im kommenden Jahr ist also nicht davon auszugehen, dass die Medien plötzlich journalistische Tätigkeit aufnehmen. Alles andere würde mich auch erschrecken.
Ich bin seit einer Weile in einer dieser start-up-Firmen tätig, die irgendwas mit mobilen Anwendungen machen. Ursprünglich sollte ich dort die Backendentwicklung übernehmen; blöderweise hatte ich in meiner Bewerbung angegeben, dass ich auch schon mal einen Server gewartet habe, was dazu führte, dass man mir außerdem die Installation und Wartung eines Servers (in Form eines ausrangierten Mini-Towers) auftrug. Kein Problem, dachte ich, macht ja durchaus Spaß. (Dass die Firma ausnahmslos auf eine Mac-OS-X-Umgebung setzt, hätte mich schon stutzig machen sollen.)
Nach einigen Stunden war der ausrangierte Mini-Tower zu einem voll funktionstüchtigen FreeBSD-PHP-Entwicklungsserver herangereift, der genau das tat, was er sollte, regelmäßige Datenbank- und Webserver-Backups per rsync (also auf ein beliebiges Netzlaufwerk) inklusive. Dieser Server verrichtete anstandslos seinen Dienst und überstand auch größere updates ohne Probleme, wie man es eben von FreeBSD so kennt.
Trotz alldem gab es seitens der Entscheider (zwar keine „Schlipsis“, aber doch sehr ökonomisch denkend) vier Punkte an der Installation zu kritisieren: FreeBSD lasse sich nicht ohne Handarbeit in die sowieso herumstehende „Time Machine“ (so ein appleeigenes Backupsystem) einbinden, was immens wichtig sei, falls mal die Festplatte „abrauche“ (ein rsync-Backup erfordere ja manuelles Zurückspielen der Dateien, das sei viel zu umständlich); es sei eher blöd, wenn ich als Einziger im Haus wisse, wie man den Server wieder zum Laufen bekomme, wenn er mal streiken sollte (ich war bis dahin ernsthaft der Meinung, genau dafür seien Administratoren ja da); man könne auf FreeBSD (ich hatte kein GUI installiert) nicht so einfach neue virtuelle Hosts anlegen wie unter Mac OS X, wo ein einziger Klick genüge; im Übrigen passe der Minitower nicht in den „Serverschrank“ (die Anführungszeichen sind ernst gemeint; in diesem „Serverschrank“ stehen vor allem Mac minis herum), sondern müsse danebengestellt werden, was natürlich unzumutbar sei.
Die „Lösung“ für diese Herausforderungen: Ein weiterer Mac mini wurde angeschafft und dem Zuständigen (mir) kurz erklärt, wie das Teil denn funktioniert, wie man also per Klick neue Webseiten hinzufügt (was offenbar nichts anderes ist als ein GUI zur Verwaltung von virtuellen Hosts im mitgelieferten Apache), sogar mit „hübscher“ blauer checkbox zum An- und Abschalten von PHP (natürlich in einer Uraltversion; wer will schon aktuelle Software auf ’nem Server nutzen? Mac-OS-Nutzer jedenfalls nicht). „Dann mal viel Spaß!“
Was ich per Versuch und Irrtum schnell herausfand: Das GUI für die Serverwartung in Mac OS X scheint tatsächlich einen gewissen Zweck zu erfüllen. Eine httpd.conf existiert zwar dort, wo man sie erwarten würde (es gibt tatsächlich ein Konfigurationsverzeichnis namens apache2), aber sie scheint für irgendwas anderes benutzt zu werden. Das (mittels homebrew; ein passender Name, denn die Benutzung macht Lust auf ein Bier) händisch nachinstallierte PHP 5.5 ließ sich über sie jedenfalls nicht aktivieren. „Mein“ Projekt setzt im Übrigen auf MariaDB (also MySQL-Syntax) auf, Mac OS X bringt natürlich nur PostgreSQL mit (selbstverständlich ohne GUI, das wäre vermutlich zu einfach); auch hier war also Handarbeit nötig. Ob das ebenfalls per brew eingerichtete MariaDB korrekt mit dem Webserver zusammenarbeitet, ist mehr oder weniger ein Ratespiel, da ich noch nicht herausgefunden habe, wie ich an „meine“ PHP-Installation komme. Das „PHP“-Häkchen schaltet ja nur die wo auch immer versteckte httpd.conf um, nicht die, die dort liegt, wo sie liegen sollte. Toll, so’n Mac. (Es sieht aber gut aus: Die Installation von Adminer im Ordner der Website „Default“ ließ mich zumindest auf die Datenbank zugreifen, mysqladmin verrichtet auf der Konsole auch anstandslos seinen Dienst. Glück gehabt!)
Die Software war zumindest theoretisch erst mal installiert. Jetzt galt es das bestehende PHP-Projekt vom „alten“ auf den „neuen“ Server zu migrieren. Die Benutzung von scp bot sich an. Natürlich liegen Mac-OS-X-Websites nicht in /var/www oder irgendwo innerhalb von /usr oder /etc, sondern in einem merkwürdigen Sonderordner namens /Library (und auch nicht unter /Library/WebServer, was ebenfalls existiert, sondern unter /Library/Server), man will es Nicht-Mac-Nutzern ja nicht zu leicht machen, von BSD auf Mac OS X zu wechseln. Da könnte ja jeder kommen! Insofern ist es nur konsequent, dass Mac OS X nicht die tcsh, sondern die bash als Standardshell verwendet. Die bash verhält sich aber gelegentlich so, wie man es am Wenigsten erwarten würde (was einer der Gründe sein könnte, warum sie unter Linux so beliebt ist).
Ein Beispiel: Was, denkt ihr, tut folgender Befehl in einer Mac-OS-X-Shell?
scp -r root@bsdserver:/var/www/projekt/* ./*
Der gesunde Menschenverstand sieht, dass ./* eigentlich redundant ist und . genügen sollte, hat aber ansonsten keine weiteren Einwände. Die bash sieht das mit dem Globbing aber anders als der gesunde Menschenverstand. Obiger Befehl kopiert also rekursiv (-r) den Inhalt von /var/www/projekt auf dem BSD-Server in das aktuelle Verzeichnis – und zwar in einen Unterordner namens *, den er hierfür extra anlegt.
Oh, jetzt habe ich vor Schreck die Betonung vergessen: In einen Unterordner namens *! (Für die weniger Technikversierten: Das ist, als würde man sein Kind „Leerzeichen“ nennen. Oder „Jeder“.)
Wie beseitigt man dieses Malheur? Erst mal alles einen Ordner höher kopieren, dann den Ordner namens * entfernen:
cd "*"; cp -R * ..; cd ..; rm -rf "*"
Fiese Falle: rm ‑rf * würde auch funktionieren, aber anders als gewünscht.
Mac OS X überrascht mich immer wieder. Incredible!
Zum Glück ist Wochenende.
Wenn man dann überhaupt einfach mal darüber nachdenkt, was das alljährliche Weihnachtsbohei – Kaufhausfassaden sind bereits seit Wochen mit grünem Plastik „verziert“, und mir wird davon schon ganz festlich in der Hose – eigentlich ist, bekommt man ja durchaus leichte Zweifel daran, dass man daran teilnehmen sollte, weil man das eben so macht.
Es gibt eigentlich nur zwei valide Gründe, zeitlichen oder anderweitigen Aufwand in Weihnachtsvorbereitungen zu investieren. Der volkstümliche der beiden Gründe ist die Tradition im christlichen Abendland. (Wer die Weihnacht als billige Ausrede benutzt, etwas mit der Familie zu unternehmen, der hat das mit der Familie übrigens noch nicht so ganz verstanden.) Diese Tradition sieht von außen wahrscheinlich etwas seltsam aus: Christlich Sozialisierte in Deutschland – hier hat das mit den Bäumen wohl seinen Ursprung – gedenken der Geburt eines Toten, indem sie einen ebenso toten Nadelbaum in ihr Wohnzimmer stellen und Plastikspielzeug um ihn herum verteilen. Da platzt einem doch der Kopf.
Ein Blick nach Osten: Religiös am nächsten kommt dem Weihnachtsfest im Buddhismus wahrscheinlich das Vesakhfest, an dem Geburt, Erleuchtung und Verlöschen von Siddharta Gautama („Buddha“) gefeiert werden. Anlässlich dieses Festes wird unter anderem auch geschenkt:
Ein wichtiges Element des Festtages ist die Übung in Gebefreudigkeit, also das Schenken – so werden Spenden an Klöster gegeben und vor allem Bedürftige und Pilger mit Lebensmittel versorgt und verpflegt.
Diese merkwürdige Angewohnheit des Schenkens – dieses Jahr sollen’s pro Kopf durchschnittlich 288 Euro sein, von denen nur in Ausnahmefällen Bedürftige Malteser, Rotkreuzler, Peruaner sowie Zirkusbedienstete mit und ohne Kamel, Esel und Panflöte profitieren – ist also keine Eigenheit kapitalistischer Staaten, sondern weltweit akzeptiertes Brauchtum. Verständlich: Wer den Rest des Jahres ein selbstsüchtiges Ekelpaket ist, dem ist jede ihm aufgedrängte Gelegenheit zur Revanche eventuell gerade gut genug.
Mit dem Christentum hat das alles sowieso nicht viel zu tun; der biblische Jesus fand für jene, die ihre Menschlichkeit in verfügbarem Geld bemessen wollten, recht deftige Worte: Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.
Da sich die Menschen somit einig sein sollten, dass das Christentum in ihrer persönlichen Feierlichkeit normalerweise keine Rolle mehr spielt (und gleichzeiig bigott aufheulen, wenn jemand anstrebt, den Stuss aus den Kalendern tilgen zu lassen), fällt es auch nicht weiter ins Gewicht, dass man selbst im fundamentalistisch christlichen Staatenbund USA inzwischen darauf verzichten, die selbstdefinierte Christlichkeit (rattattattatta!, wissenschon) an die – *Sonnenbrille aufsetz* – große Glocke – yeah – zu hängen, und seine Weihnachtsbäume „holiday trees“, also „Feiertagsbäume“, nennt. Anhänger anderer Religionen (außer den Muslimen, die haben in den USA nicht viel Grund zu feiern) werden somit nicht mit störenden westlichen Werten konfrontiert und begehen statt Weihnachten eben ein religionsübergreifendes Fest, das man nur zufällig wie Weihnachten feiert. O Mägdelein, o Mägdelein, wie falsch ist dein Gemüte. Konsequent sollte der Weihnachtsmann („Santa Claus“) künftig den Namen „Holiday Man“ tragen. Superhelden sind ja immer mal wieder im Kommen.
Anhänger späterer Religionen werden eines Tages vor ihren Geschichtsbüchern sitzen und sich über die Christen scheckig lachen. Das sieht dann sicher total witzig aus.
Der vorübergehende Konsens von CDU, CSU und SPD sei nicht so gut, heißt es. Das Leistungsschmutzrecht solle ausgebaut, die Vorratsdatenspeicherung wieder mal eingeführt werden, und auch sonst bekommt der Wähler genau das, was er von seiner Wahl zu erwarten hatte.
Kevin Price, Landesvorsitzender der Piratenpartei Niedersachsen, beklagte, dass CDU-Politiker das tun, was CDU-Politiker immer tun (Stillstand immer, vorwärts nimmer!), und gab die Schuld den gewählten Volksvertretern, die das tun, was ihre Wähler von ihnen erwarten; ähnlich agieren auch weite Kreise der übrigen Netzgemeinschaft.
Da tritt also eine konservative Partei zur Wahl an, die schon vorher kein Geheimnis daraus macht, dass sie im Falle einer Regierungsbeteiligung auch weiterhin kein Interesse an progressiver Politik haben wird, wird trotzdem gewählt und bekommt dann die Schuld daran, dass über vierzig Prozent der Wähler in Deutschland zum Frühstück anscheinend Lack saufen, zugewiesen. Nein, der Wähler ist nicht dafür verantwortlich zu machen, wenn er Arschlöcher wählt, er hat ja keine Wahl.
Kodos: Ja, stimmt. Wir sind Außerirdische. Aber was wollt ihr dagegen machen? Ihr habt ein Zweiparteiensystem. Einen von uns beiden müsst ihr wählen.
Ein Zuschauer: Dann wähl ich eben den Kandidaten einer dritten Partei!
Kang: Bitte, wenn du deine Stimme unbedingt wegwerfen willst.
Die Simpsons, Treehouse of Horror VII
Sich nun aber über diesen Vertrag aufzuregen wäre vorerst nicht zielführendes Tun: Schon die vorherige „schwarz-gelbe“ Regierung hat den ihren sehr liberal ausgelegt.
[Einige] Punkte aus dem Koalitionsvertrag wurden von der Bundesregierung nicht wie geplant umgesetzt. Bei manchen Punkten macht man sogar das Gegenteil.
Die AfD sieht aufgrund des Koalitionsvertrags die Zukunftsfähigkeit Deutschlands bedroht. Mit Zukunftsfähigkeit kennt sie sich ja aus. Mich beschleicht jedoch der Verdacht, nicht der Vertrag ist es, der die Zukunftsfähigkeit unter einer CDU-Regierung (man versuche nun bitte nicht die Realität zu verwirren, indem man den Juniorpartner SPD als Feigenblatt ins Feld führt; wir sind doch schon groß und können mit der Realität umgehen, nicht wahr?) bedroht, sondern das Gegenteil ist der Fall.
Das scheint andererseits die Beständigkeit der Wahlergebnisse zu festigen. Wenig progressive Politik führt zu wenig Wunschdenken im Volk, das dann wiederum wenig progressiv wählen möchte.
Wie der Herr, so’s Gescherr.
Carponizer erotischer Karpfenkalender 2014 (…) Angelkalender mit 12 erotischen Frauen und hübschen Karpfen
Mama, das Internet ist kaputt!
(mit „Dank“ an S.!)
Junge Frauen lassen sich zunehmend gern auf ihr Äußeres reduzieren.
Meredith Haaf
Das Magazin „freundin“ informierte im Juni 2013 seine Leserinnen darüber, dass es durchaus positiv sei, sich nicht zu verbiegen: „Ich bin gut, so wie ich bin!“
Und weil der Zustand, dass es gut ist, weil man ist, wie man ist, ein doch eher langweiliger ist, wird Monat für Monat an den Kiosken vorgebeugt. Momentan hat’s dort Dezemberausgaben einiger namhafter Frauenzeitschriften. Auszüge gefällig?
Die – ausgerechnet – „freundin“ empfiehlt „edle Make-ups“ gegen allzu natürliches Aussehen:

Die „myself“, die die Vorliebe für Natürlichkeit ja schon im Namen trägt, empfiehlt „Abnehmen – einfach wie nie“ (sogar an den Feiertagen), denn die Zielgruppe der „myself“ scheinen Frauen zu sein, die sich beim Essen nicht beherrschen können:
Die „Women’s Health“ („It’s Good to Be You“, vulgo sei, wie du bist) hat außer den 27 Seiten Extra-Beauty (heißt nicht irgendein bekanntes Pferd so ähnlich?) auch einen besonders wichtigen Tipp für den Winter: „Das bringt Ihre Beine in Bestform“.
In den kommenden Ausgaben, ich wäre fast willens darauf zu wetten, wird es voraussichtlich dann schockierende Studien darüber zu lesen geben, dass ein Großteil der Frauen unzufrieden mit ihrem Aussehen ist. Wer trägt die Schuld daran? Die Männer, versteht sich. Frauen machen so was ja nicht.
Frauen reduzieren Männer darauf, dass Männer Frauen auf ihr Äußeres reduzieren.
Luca Raimondo
Man kann sich quasi den Kalender danach stellen: Der Winter hat offiziell begonnen, wenn Malteser, Rotkreuzler, Peruaner, Zirkusbedienstete und sonstige sich menschlich nennende Bettler mit und ohne Kamel, Esel und Panflöte aus dem Warmen in die soziale Kälte auf Bahnhöfen und in Fußgängerzonen migrieren.
Wieso aber glauben sie eigentlich, dass Menschen besonders dann hilfsbereit sind und sich Zeit für soziale Interaktion im Freien nehmen, wenn es kalt ist? Klar, es geht auf Weihnachten zu, auf das so genannte „Fest“, anlässlich dessen die Leute ohnehin schon regelmäßig ehrliche Wertschätzung mit teuren Geschenken verwechseln und also, da sie innerstädtisch unterwegs sind, meist bereits sowieso dabei sind, Geld für allen möglichen Plunder auszugeben, womit die Wahrscheinlichkeit, dass sie dann auch für die Bedürftigen – womit natürlich mal wieder nicht die deutschen Steuerzahler gemeint sind – ein paar Euro erübrigen können, um ein Vielfaches steigt.
Ob das die richtige Vorgehensweise ist? Ich bezweifle es. Zwar ist es durchaus möglich, dass einige Angesprochene genervt (die Wenigsten wohl überzeugt) dem Bitten nachgeben, um nur endlich weitergehen zu können, ohne unhöflich zu wirken (warum fürchten sich so viele eigentlich vor diesem Eindruck gegenüber Unsympathen?), und sich irgendwelche Unterstützung zu leisten bereit erklären, und wenn das einzige Ziel der Malteser (o. Ä.) lautet, schnell an Geld zu kommen, können sie damit zufrieden sein; allein: Missionsarbeit stelle ich mir etwas anders vor. Der Geist der Weihnacht hat einen Subtext, der nicht nur mit‑, sondern den ganzen Geist umherschwingt.
Die wenigstens geringfügig menschlich entschuldbare alternative Erklärung für den zeitlichen Zusammenfall von Frost und Bittstellerei lautet, dass den Maltesern (o. Ä.) wohl bekannt sei, dass den Bürgern das Geld momentan großteils nicht locker in den Taschen liege und man im Winter zumindest auf den Mitleidsfaktor setzen könne. Bei genauerer Betrachtung stürzt dieses Selbstlügengebilde aber vorbildlich in sich zusammen.
Man stelle sich folgendes hoffentlich fiktives Gespräch an einem Bahnhof bei 30 Grad im Schatten vor:
Malteser (o. Ä.): Eine Spende für Obdachlose bitte!
Passant (genervt): Wie schlimm geht es denen?
Malteser (o. Ä.): Nun, sie haben Hunger, kein Dach über dem Kopf und sind in schlechter körperlicher Verfassung.
Passant (genervt): Frieren sie auch?
Malteser (o. Ä.): Nein, es ist ja warm.
Passant (genervt): Dann spende ich nicht. Versuchen Sie es im Winter noch einmal.
Entweder sind solche Dialoge tatsächlich üblich oder die Malteser (o. Ä.) treiben doch erschreckend niedere, manipulative Instinkte zu ihrem Tun. Beides wäre erschreckend, aber wenig überraschend, in keinem Fall aber überzeugend. Die Menschen sollten auch zur „Weihnachtszeit“ nicht vergessen, dass die reine Vernunft nicht verkäuflich ist. (Noch so ein Satz, den man in einer Kirche wohl selten hören würde.)
Habt ihr eigentlich dieses Jahr schon für Kakapos gespendet?
Die Qualität des Wortschatzes der Jugendlichen habe ich hier ja schon anlässlich manchen Tuns belustigt oder bestürzt zur Kenntnis genommen. Die Entscheidung der Wahl zum Jugendwort des Jahres 2013 erfüllt mich insofern mit großer Hoffnung.
Dieses Jugendwort wird alljährlich von einer Jury gekürt, der mehrheitlich einigermaßen junge Leute (ab 13 geht’s los) angehören, die Frauenquote beträgt etwa 61,5 Prozent. Die Kriterien sind einleuchtend:
Wörter, die ihr in die engere Wahl gevotet (sic! A.d.V.) habt, werden von der Jury nach folgenden Kriterien bewertet:
_ sprachliche Kreativität
_ Originalität
_ Verbreitungsgrad des Wortes
_ gesellschaftliche und kulturelle Ereignisse
(Formatierung geringfügig angepasst.)
Dass diese Kriterien schon 2010 sehr frei ausgelegt wurden, hatte ich damals dokumentiert. In diesem Jahr ist’s nicht besser:
„Babo“ ist Jugendwort des Jahres 2013
„Babo“ also, das ostanatolische slang-Wort für „Chef“, hat es zum deutschen „Jugendwort des Jahres“ geschafft. Dass es hingegen das weit häufiger gehörte „Döner“ noch nicht in die „Top 5“ geschafft hat, überrascht mich, erfüllt es doch die vier Kriterien viel eher als „Babo“. Bei letzterem Wort sieht es da eher mau aus:
Die Wahl des Wortes „Babo“ ist somit nicht nur blöde, sondern auch noch falsch. Langenscheidt eben. Mit dem Wahrig wär‘ das nicht passiert. (Auf Platz 2 und 4 stehen mit „fame“ und „in your face“ – zählt das als ein Wort‽ – Begriffe, auf die im Übrigen Ähnliches zutrifft. Das fünftplatzierte „hakuna matata“ als Swahili-Begriff, der seit der Veröffentlichung des Films „Der König der Löwen“ vor bald 20 Jahren Teil der Jugendsprache ist, spottet hier ohnehin jeder Beschreibung.)
Hakuna matata / gilt stets als modern.
Timon & Pumbaa
Wenden wir uns also amüsiert und abschließend dem drittplatzierten Wort zu, gleichsam dem Bronzejugendwort des Jahres. Es lautet: „gediegen“.
„Gediegen“ stammt laut Duden aus dem Mittelhochdeutschen und ist wahlweise ein Synonym für „solide“, für „rein“ (bezüglich eines Metalls, adverbial verwendet) sowie für „wunderlich“, im alltäglichen Sprachgebrauch (wenn man nicht gerade Reinheitsgrade festzustellen pflegt) kommt es meist in Verbindung mit einem Ambiente und/oder dessen Atmosphäre vor. Die Jury vom Jugendwort des Jahres 2013 hält dagegen, in Jugendkreisen stehe „gediegen“ für super, cool, lässig (warum statt „lässig“ nicht das lässige „leger“ verwendet wurde, entzieht sich momentan meiner Kenntnis), und was „cool“ ist, verstehen Jugendliche in der Regel durchaus. („Gediegen“ allerdings – auch dies zeigte eine meinerseits durchgeführte Umfrage – eher nicht; was das für die Anwendbarkeit der vorgeblichen Kriterien bedeutet, könnt ihr euch sicherlich vorstellen. Der Online-Duden bescheinigt „gediegen“ jedenfalls eine Worthäufigkeit von „2 von 5“, was alle möglichen Bedeutungen umfasst.)
Es gab vor einigen Jahren eine StudiVZ-Gruppe namens „Obacht, du Schelm, nun ist’s genug der Firlefanzerey!“, in der man das Aussterben etablierter deutscher Begriffe beklagte. Inwiefern diese Gruppe in anderen „sozialen Netzwerken“ weiterlebt, weiß ich nicht; ich gehe aber davon aus, dass eine Nominierung von „Firlefanz“ gute Chancen auf ein positives Votum haben würde. Vielleicht versuche ich gediegener Schelm das nächstes Jahr mal.
Ein Gutes hat die Kür von „Babo“ allerdings: „Yolo“, das eklige „Wort“ des Jahres 2012, wird nun, da es nicht mehr cool ist, aus dem alltäglichen Sprachgebrauch verschwinden.
Chabos wissen das.
Was macht eigentlich Eminem gerade so?
Nun, nach diversen Entzugskuren immer noch Rap. Und womit könnte so ein Montag besser beginnen als mit einem Beleg dieses Tuns? (Nicht mein bevorzugtes Schaffen: Rhetorische Fragen stellen und gar nicht so meinen.)
Mayhem to the a.m.
Guten Morgen!
Pünktlich zur Weihnachtszeit wird das geistige – laut Duden-Verlag „nur gedachte, allein in der Vorstellungswelt vorhandene“ – Eigentum wieder angemessen geschützt:
Das niederländische GEMA-Pendant hat eine Grundschule heimgesucht, weil sie gehört hatten, dass die Weihnachtslieder spielen. Dafür hatten sie keine Aufführrechte.
Aus unbekanntem Grund haben sich über diese angemessene Reaktion auf dreiste Verletzung von Urheberrechten seitens der auf ihre kindliche Unschuld pochenden Raubkopierterroristen mehrere Leute empört, was nur daran liegen kann, dass sie über die rechtliche Lage in den Niederlanden nicht informiert scheinen. In weiser Voraussicht hat die abzuwählende deutsche Regierung in spe den Plan gefasst, Empörungen zumindest im eigenen Land mittels Aufklärungskampagnen vorzubeugen:
Das Bewusstsein für den „Wert geistigen Eigentums“ in der Gesellschaft müsse gestärkt werden. (…) Die geplante große Koalition will zum Erreichen dieses Ziels „entsprechende Maßnahmen unterstützen“. Ob es sich dabei um eine Verpflichtung für Provider handeln könnte, Warnhinweise an die Nutzer zu schicken und dafür den Netzverkehr großflächig zu überwachen, lassen die Kulturpolitiker offen.
Wenn’s halt schon nicht für eigene geistige Leistungen genügt.
Für Leute mit starkem Magen: Weitere Gründe zum Auswandern (zum Beispiel in die Schweiz) für jedenfalls vier Jahre werden hier gesammelt.
Die Firma LG, die sonst total tolle Techniken wie „HbbTV“ (so eine Art ungesichertes Fernbedienungssystem) in ihre Fernseher einbaut, erklärt der Welt endlich, warum die „Privatsphäreneinstellung“ von Fernsehern gar nichts mit der Privatsphäre des Konsumenten zu tun haben muss:
Jason Huntley aus Großbritannien hat entdeckt, dass sein LG-Fernseher Daten über Programmwechsel und sogar die Videodateinamen eines angeschlossenen USB-Sticks an einen Server schickt. Das passiere auch, wenn im Menü die Privatsphäre-Einstellung aktiviert sei, so Huntley.
Als er das südkoreanische Unternehmen kontaktierte, erhielt er nach eigenen Angaben die Antwort, dass er den Lizenzbedingungen von LG zugestimmt habe, die beinhalteten, dass Daten an das Unternehmen zurückgeschickt würden.
Das war natürlich aber alles nur ein bedauerliches Missverständnis, der Fehler werde demnächst natürlich behoben. Aber warum möchte LG eigentlich all diese Daten einsehen können?
LG bewirbt in einem Video die Funktion LG Smart Ad. Damit können Werbetreibende Anzeigen in der Smart-TV-Oberfläche einblenden. Im Video heißt es:
„LG Smart Ad analysiert die Lieblingsprogramme des Nutzers, dessen Onlineverhalten, Suchworte und andere Informationen, um dem Zielpublikum relevante Werbung zu zeigen.“
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In der verbleibenden Viertelstunde des diesjährigen Welttags der Philosophie sollten wir uns alle eine Frage stellen: Was sagt der Erfolg von LG-Fernsehern über uns als Gesellschaft aus?
Sind wir wirklich so bescheuert?