PolitikIn den NachrichtenWirtschaft
Plei­te? Ein­fach mehr Geld dazu­er­fin­den!

Ärger­lich:

In der Kri­se um die Erhö­hung der Schul­den­ober­gren­ze der USA steht eine Lösung unmit­tel­bar bevor. Füh­ren­de Demo­kra­ten und Repu­bli­ka­ner im Senat haben eine Eini­gung erzielt.

Die­se „Eini­gung“, die­ser Kom­pro­miss gar, gestal­tet sich wie folgt:

Der Repu­bli­ka­ner John Boeh­ner, der Spre­cher des Reprä­sen­tan­ten­hau­ses, gestand die Nie­der­la­ge ein. (…) Er wer­de die Repu­bli­ka­ner ermu­ti­gen, für das Gesetz zu stim­men. Es gebe kei­nen Grund, mit Nein zu stim­men.

„Eini­gun­gen“ in den USA: Eine Par­tei stampft so lan­ge mit einem Fuß auf, bis der Fuß kaputt ist. Dann nimmt sie den ande­ren. Woher wir das ken­nen? Natür­lich von den geschei­ter­ten Kohl‑, äh, Koali­ti­ons­ver­hand­lun­gen zwi­schen den Grü­nen und den bei­den schwar­zen Par­tei­en; nur dass in die­sem Fall nicht der schwar­ze Fuß es war, der kaputt­ging, son­dern die Grü­nen waren es. Das Stamp­fen war jeden­falls recht über­zeu­gend.

Um was für ein Gesetz geht es eigent­lich? Es geht dar­um, die­ses Sze­na­rio abzu­wen­den:

Wird die Schul­den­ober­gren­ze von der­zeit 16,7 Bil­lio­nen Dol­lar nicht ange­ho­ben, droht ab mor­gen die Zah­lungs­un­fä­hig­keit.

Die USA haben fast 16,7 Bil­lio­nen (16.700.000.000.000) US-Dol­lar Schul­den ange­häuft, mehr dür­fen sie nicht, und ihre Lösung lau­tet nicht etwa, unren­ta­ble Aus­ga­ben (NSA, Mili­tär, Staats­prä­si­den­ten­amt) ein­zu­stel­len, son­dern den Punkt mit dem „Dür­fen“ neu zu kon­zi­pie­ren. Wäre Hans-Wer­ner Sinn US-Ame­ri­ka­ner, er wür­de ein empör­tes Inter­view geben.

Ent­schul­digt mich dann mor­gen mal. Ich muss zur Bank – ich habe eine Eini­gung zu erzie­len.

(Mit Dank an L.!)

NetzfundstückeNerdkramsMir wird geschlecht
Com­pu­ter­fe­mi­nis­mus

War­um ich Libre­Of­fice trotz (oder wegen?) der feh­len­den Cloud­funk­tio­nen auch Micro­soft Office 2013 immer noch vor­zie­he?

Es gen­dert nicht.

Word 2013 gendert

(Hier ist Micro­soft ein Feh­ler unter­lau­fen, natür­lich heißt es „einem/r Dokument/in“. Na, viel­leicht mit dem näch­sten Update.)


Apro­pos Femi­nis­mus: Was kann man mit einer Socke so alles anstel­len? Klar: Men­stru­ie­ren!

(via Nacht­wäch­ter)

Sonstiges
Medi­en­kri­tik LXXXII: Das kann auch jedem ande­ren Inter­net­nut­zer pas­sie­ren.

Mike hat die dies­wö­chi­ge Aus­ga­be des SPIEGEL der­art über­zeu­gend gele­sen, dass ich nicht umhin kam, mir die digi­ta­le Aus­ga­be auch mal zu, nun ja, besor­gen, und zwar wegen eines ein­zi­gen Arti­kels. Die­ser Arti­kel trägt die Über­schrift „Der Tag, an dem ich schwul wur­de“ und beschreibt einen Selbst­ver­such des SPIE­GEL-Mit­ar­bei­ters Uwe Buse – hihi -, der ein paar White-Hat-„Hacker“ (infla­tio­när ver­wen­de­te Berufs­be­zeich­nun­gen genie­ße ich bevor­zugt mit Vor­sicht) auf die Fra­ge ange­setzt hat, was für Mög­lich­kei­ten sich so erge­ben, wenn man vol­len – auch phy­si­schen – Zugriff auf frem­de Hard­ware erhält.

Das macht der inve­sti­ga­ti­ve SPIE­GEL-Mensch dann etwa so:

Zwi­schen uns auf dem Tisch lie­gen ein Lap­top und ein Han­dy. Auf bei­de Gerä­te haben mei­ne Hacker Spio­na­ge­pro­gram­me geschleust (…).

So funk­tio­niert die Infek­ti­on in frei­er Wild­bahn: Drückt den Böse­wich­tern eure Hard­ware in die Hand und geht mal für eine Wei­le aus dem Zim­mer. :D

Dabei hat er doch so schön vor­ge­sorgt:

Der Viren­scan­ner des Lap­tops mel­det: Die­ser Rech­ner ist viren­frei.

Und was die „Hacker“ da nicht so alles Span­nen­des her­aus­fin­den!

Nach­dem die Hacker auch mei­ne E‑Mails durch­for­stet haben, wis­sen sie, dass ich ver­hei­ra­tet bin, zwei Kin­der habe, eine Toch­ter und einen Sohn, der noch in den Kin­der­gar­ten geht. Mei­ne Hacker ken­nen den Namen mei­ner Frau, Bir­git.

Man­che müs­sen dafür Herrn Buses Mails lesen, ande­re nur den SPIEGEL. So kann’s gehen. Und was die „Hacker“ sonst so tun? Sie besor­gen sich Ama­zon- und Goog­le-Pass­wör­ter und gucken mal hin­ein. Das sei aber auch nicht wei­ter schwer:

Den Hackern wer­den all die­se Infor­ma­tio­nen auf sehr kom­for­ta­ble Wei­se gelie­fert. Es ist kaum Exper­ten­wis­sen von­nö­ten.

Um für den SPIEGEL zu schrei­ben, muss man offen­bar auch nicht viel wis­sen. Eine stei­le Kar­rie­re steht so jedem Men­schen offen, der leid­lich gut lesen und schrei­ben kann. Wenn da nur nicht der Ekel­fak­tor wäre!

Zumin­dest hat sich der Autor ein paar höf­li­che „Hacker“ aus­ge­sucht, die vor­her nach­fra­gen:

Mei­ne Hacker las­sen mich wis­sen, dass sie mir nun noch Kin­der­por­nos auf den Rech­ner schie­ben kön­nen, danach könn­ten sie die Poli­zei alar­mie­ren. Ich bit­te sie drin­gend, von die­ser Idee Abstand zu neh­men.

Scha­de, viel­leicht wäre der Arti­kel dann doch noch was gewor­den.

Gibt es eine Moral von der Geschich­te? Klar:

Um künf­tig bes­ser auf sol­che Angrif­fe vor­be­rei­tet zu sein, fra­ge ich mei­ne Hacker ein paar Tage spä­ter, wie ich mich schüt­zen kann. (…) Kei­ne Win­dows-Rech­ner mehr benut­zen, sagen sie, son­dern Linux als Betriebs­sy­stem. Soft­ware-Updates immer instal­lie­ren, und zwar schnell, das gilt vor allem für den Viren-Scan­ner.

Linux, nicht erst seit 2003 ein beque­mes Angriffs­ziel von Schuf­ten, sieht so ein „Hacker“ natür­lich beson­ders gern auf frem­den Gerä­ten. Da hilft auch nicht, dass die im Arti­kel ver­wen­de­te Mal­wa­re namens Mobiste­alth „für Android, nicht für Linux“ – das las­se ich der Däm­lich­keit wegen ein­fach mal als Zitat ste­hen – ver­füg­bar ist. Und Viren­scan­ner („Viren-Scan­ner“)? Ihr wisst schon, das war das, das den Rech­ner anfangs viren­frei nann­te.

Der SPIEGEL hat im Print­res­sort halt nicht so fähi­ge Autoren wie Frank Pata­long.

Montagsmusik
Die Gol­de­nen Zitro­nen – Schein­wer­fer und Laut­spre­cher

Wor­über man sich ja auch mal wie­der auf­re­gen könn­te:

Die Gol­de­nen Zitro­nen – Schein­wer­fer und Laut­spre­cher

Viel­leicht will ich auch nicht andau­ernd begrüßt wer­den! Ich will auch nicht stän­dig, dass man mir gra­tu­liert, ich will auch nichts gewon­nen haben! Ich will auch kei­nen Vor­sprung haben! Ich möch­te nicht, dass man mir mei­ne Vor­tei­le auf­zählt! Ich will auch nicht mit Gele­gen­hei­ten in Ver­le­gen­heit gebracht wer­den! Ich will auch nicht mei­ne Ruhe haben – ich will in Ruhe gelas­sen wer­den!

Was bleibt, ist Resi­gna­ti­on.

Guten Mor­gen.

NerdkramsMir wird geschlechtPersönliches
Eine gan­ze Wiki­pe­dia vol­ler Mani­pu­la­to­ren

Eine der lusti­ge­ren Beschimp­fun­gen, die mir im Lau­fe mei­ner Kar­rie­re als Inter­net­nut­zer bis­her so ent­ge­gen­ge­schleu­dert wur­den, ist übri­gens Mani­pu­la­tor.

Was war pas­siert? Ich hat­te es nach aus­führ­li­cher Dis­kus­si­on mit ande­ren Autoren gewagt, den von ver­schie­de­nen Quel­len als ten­den­zi­ös und den Radi­kal­fe­mi­nis­mus (zur Bedeu­tung die­ses Begriffs bit­te Vale­rie Sol­a­nas erfor­schen) ver­harm­lo­sen­den Wiki­pe­dia­ar­ti­kel über Femi­nis­mus der­ge­stalt zu ändern, dass er eine kla­re Tren­nung zwi­schen „dem Femi­nis­mus“ – den es als homo­ge­nes Kon­strukt nicht gibt – und den ver­schie­de­nen sexi­sti­schen bis gemä­ßig­ten Strö­mun­gen des­sel­ben vor­nimmt. In der Fol­ge wur­de ich mehr­fach, unter ande­rem auf Twit­ter, der Mani­pu­la­ti­on bezich­tigt.

Da ken­nen sie eben kei­nen Spaß, die Ver­fech­ter der neu­en Offen­heit: Frei­heit ist super, aber sie möge nur dem eige­nen heh­ren Zweck die­nen. Wer Arti­keln in der Wiki­pe­dia einen neu­tra­len Anstrich zu ver­pas­sen ver­sucht, ist kein Wiki­pe­dia­au­tor, son­dern ein Mani­pu­la­tor (ach, nein: ein Möch­te­gern-Mani­pu­la­tor, was dann sogar dop­pelt Käse ist), als han­de­le es sich um jeman­den, der wider­recht­lich in die Wiki­pe­dia­da­ten­bank ein­ge­bro­chen ist und da uner­laubt her­u­me­di­tiert hat.

Inter­es­san­tes Gedan­ken­spiel: Wenn das Edi­tie­ren von Tex­ten, um deren Bear­bei­tung aus­drück­lich gebe­ten wird, bereits mit Mani­pu­la­ti­on gleich­ge­setzt wird, wie schlimm muss es erst um freie Soft­ware bestellt sein? Man steu­ert in der Welt der frei­en Soft­ware also kei­nen Code mehr bei, man mani­pu­liert an Soft­ware her­um. Wer es wagt, Code­än­de­run­gen vor­zu­neh­men, die nicht jedem Benut­zer des jewei­li­gen Pro­gramms gefal­len, ist mani­pu­la­tiv.

Ich schla­ge zur bes­se­ren Tren­nung zwi­schen guter und böser Mani­pu­la­ti­on an die­ser Stel­le das Wort „wiki­pu­la­tiv“ nebst Dekli­na­ti­on und Ablei­tun­gen vor. Den Vor­wurf, wiki­pu­la­tiv zu sein, las­se ich mir zumin­dest gern gefal­len.

PolitikIn den Nachrichten
Nor­ma­li­täts­ge­bot

Am 30. Juni ver­öf­fent­lich­te Peter Wel­che­ring einen Arti­kel, der gestern auch den Medi­en auf­ge­fal­len ist. Er beschreibt aktu­el­le Metho­den zur Ver­bre­chensprä­ven­ti­on anhand von Algo­rith­men, die mich wirk­lich über­zeu­gen:

Ein­mal kann man den Com­pu­ter ein­fach eine Sze­ne, einen Platz ein­fach beob­ach­ten las­sen und dann lernt er selbst, was Nor­ma­li­tät ist, also die Men­schen bewe­gen sich gera­de vom Ein­kaufs­zen­trum zum Bahn­hof oder so. Und der Com­pu­ter lernt, was die­se Nor­ma­li­tät ist. Und dann kann abwei­chen­des Ver­hal­ten erkannt wer­den, auto­ma­ti­siert.

Da wir ja alle wis­sen, dass Nicht­kri­mi­nel­le sich grund­sätz­lich nor­mal bewe­gen, ist die Hälf­te des Pro­blems schon mal gelöst. Jetzt müs­sen wir nur noch hof­fen, dass Ter­ro­ri­sten gemein­sam einen Kodex erar­bei­ten, der vor­schreibt, sich auf öffent­li­chen Plät­zen unnor­mal zu bewe­gen, und die Welt ist ein für alle­mal sicher. Wenn wir das nur vor zwölf Jah­ren schon gewusst hät­ten!

Na, hin­ter­her ist man klü­ger.

Musikkritik
Con­ti­nen­tal – All A Man Can Do

Zur Vor­ge­schich­te bit­te hier ent­lang.


Continental - All A Man Can DoAn man­chem kommt man ja doch nicht ein­fach vor­bei. An Ver­kehrs­un­fäl­len, an Explo­sio­nen und an CDs, die seit meh­re­ren Wochen unge­dul­dig neben dem Lap­top lie­gen und dar­auf war­ten, dass man sich end­lich mal mit ihnen beschäf­tigt. Ich gebe nun nach und wid­me mich mal die­sem Album, Felix wird’s freu­en.

Con­ti­nen­tal also, irgend­wie aus dem Dunst­kreis der Drop­kick Mur­phys empor­ge­stie­gen, mischen, so behauptet’s der Pres­se­text, „ehr­li­ches Song­wri­ting mit ein­gän­gi­gen Melo­dien, die sich irgend­wo zwi­schen Blues, Folk, Coun­try und dem Spi­rit der 77-Punk Ära (sic!) bewe­gen“. Eigent­lich könn­te man den Gen­re­quark ja ganz weg­las­sen, aber dann wird der Zet­tel halt nicht voll. (Im Aus­land wird „All A Man Can Do“ übri­gens mit einem noch häss­li­che­ren Cover­bild ver­kauft.) Auf einem bei­geleg­ten Foto der Band sind Vater und Sohn Bar­ton zu sehen. Schlag­zeu­ger Tom Maza­lew­ski bleibt eben­so unsicht­bar wie die sechs Gast­mu­si­ker, von denen ich kei­nen ein­zi­gen nament­lich ken­ne. Wie kli­schee­haft!

Kli­schee­haft sind zumin­dest nicht die Tex­te zur Musik. Kei­ne Coun­try­tex­te, nichts mit Kühen. Ein Glück! Ein­zig „Hey Baby“ erfüllt mit der rela­ti­ven Kür­ze sei­nes Texts und des­sen Inhalt alle Vor­aus­set­zun­gen, dass man es sich eben­so gut von einem ande­ren Musi­ker vor­stel­len könn­te. Zum Bei­spiel Elvis.

One minu­te I feel alright, next minu­te I don’t feel alright;
hey baby, would you say, I’m doing a‑OK?
Hey Baby

Aber zur Musik. Die geht recht kli­schee­los, äh, los: „Curious Spell“, sozu­sa­gen eine Eigen­co­ver­ver­si­on Rick Bar­tons, beginnt mit 80er-Ärz­te-Gitar­re, bekommt einen beschleu­nig­ten Refrain drü­ber­ge­stülpt und ist sonst nicht wei­ter schlimm. Ich möch­te posi­tiv erwäh­nen, dass mir der Gesang der bei­den Bar­tons erfri­schend wenig auf den Sack geht. Das ist ja durch­aus nicht selbst­ver­ständ­lich. (Neben­bei bemerkt fin­de ich es immer ein wenig nied­lich, wie es klingt, wenn man einen gan­zen Satz auf dem Wort „shit“ betont, was auch hier pas­siert. Ha, ich bin so unan­stän­dig. Shit, hihi. Herr­je.)

Näch­stes Lied: „Shi­ne“. Schon bes­ser, kei­ne Coun­try­po­p­gi­tar­re mehr als Intro. Erin­nert mich ein biss­chen an die Blues­rock­schei­ben im väter­li­chen Besitz. Soli­de, mit „aaaaaahhhhh“-Hintergrundgesang in der bridge. Na ja, sagen wir, ich hab schon Schlech­te­res gehört. „Down­town Lounge“: Erin­nert mich an die frü­hen Rol­ling Stones, etwas ener­ge­ti­scher viel­leicht, aber der Text („All I want is some­day to be next to you“) ist blö­de. Was mir hier im Übri­gen auch auf­fällt, sind die text­li­chen Wie­der­ho­lun­gen, die „All A Man Can Do“ wie ein roter Faden durch­zie­hen. Das Ende vom Lied? Ein­fach noch mal den Anfang hören. Das ist mal zwi­schen­durch in Ord­nung, aber nutzt sich irgend­wann dann schon ein biss­chen ab, spä­te­stens jetzt. „Red“: Je län­ger ich die­ses Album höre, desto deut­li­cher wird die klang­li­che Nähe zu den Rol­ling Stones (dies­mal aller­dings zu den etwas neue­ren). War­um ste­hen sol­che Ver­glei­che, mit denen der lei­den­de Rezen­sent sich eher anfreun­den kann als mit Coun­try­schei­ße, nie auf Wer­be­zet­teln?

Ich mag nun nicht jedes ein­zel­ne Lied sepa­rat bespre­chen, mit stei­gen­der Spiel­dau­er pen­delt sich „All A Man Can Do“ offen­bar bei erwähn­tem Blues­rock ein, der Coun­try traut sich nach dem ersten Lied nur sel­ten (beson­ders schreck­lich in „Wrecking Ball“) all­zu auf­dring­lich raus. Gra­vie­ren­de Aus­fäl­le gibt es außer „Hey Baby“ (das auch musi­ka­lisch voll­kom­men unin­ter­es­sant ist) nicht, lobend erwäh­nen möch­te ich aller­dings noch das recht ein­gän­gi­ge „Dog­fight“ und das abschlie­ßen­de „Mon­day Mor­ning“, das mit Hard-Rock-Refrain und ‑Gitar­re auf­war­tet. Davon hät­te ich mir auf den Album etwas mehr gewünscht.

Mein Fazit? Tja nun: Folk und „77-Punk“ suche ich ver­ge­bens, der Coun­try erfüllt aber auch trotz der Ankün­di­gun­gen eher eine Fei­gen­blatt­funk­ti­on. Es hät­te also schlim­mer kom­men kön­nen. Ich betrach­te „All A Man Can Do“ aus der Per­spek­ti­ve eines Musik­hö­rers, der nor­ma­ler­wei­se eher zu Gent­le Giant, Yes, The Dil­lin­ger Escape Plan und King Crims­on als zu Papas Blues­rock­plat­ten greift, daher möge man mir nach­se­hen, wenn mein Jubel sich in Gren­zen hält. Als ein sol­cher bin ich zumin­dest posi­tiv über­rascht. Wer so Blues­rock­zeug (und die Rol­ling Stones in ihren unex­pe­ri­men­tel­len Pha­sen) mag, der soll­te mal nach­se­hen, ob er irgend­wo rein­hö­ren kann. Die ein­schlä­gi­gen Rein­hör­web­sei­ten blei­ben stumm, auch Spo­ti­fy weiß nahe­zu kei­nen Rat. (Das, frei­lich, ver­mag nicht zu über­ra­schen.)

Damit wäre das auch erle­digt.

Sonstiges
Medi­en­kri­tik LXXXI: Mein lie­ber Schol­li! „Jolie“ und der täg­li­che Penis.

Erin­nert ihr euch noch an die „Jolie“, das Mode- und Tratsch­kä­se­blatt, das ich letz­tes Jahr schon mal ver­se­hent­lich gele­sen habe? Jetzt ist mir die­ses Mal­heur bei der Novem­ber­aus­ga­be 2013 (ist ja schon Anfang Okto­ber, da wird’s Zeit) doch glatt ein zwei­tes Mal pas­siert!

Ange­sichts die­ser Titel­ge­schich­te mag man mir das aller­dings auch ver­zei­hen:

Jolie-11-13

„Ein typi­scher Tag im Leben eines Penis“ wird also in die­ser Aus­ga­be – natür­lich aus der Sicht einer Frau – beschrie­ben. Zum Glück wis­sen wir, dass Sexis­mus gegen Män­ner nicht exi­stiert, sonst wäre ich ernst­haft ver­wun­dert; auch wegen der Leser­brie­fe: Eine Lese­rin schreibt, ihr Blick sei in der vor­he­ri­gen Aus­ga­be an „sexy Davey“, einem ober­kör­per­frei­en Mus­kel­protz, hän­gen geblie­ben, und es sei „scha­de“, dass er schwul sei. Ja, so ein Ärger­nis, dass nicht jeder Schön­ling bereit ist, eure Flei­sches­lust zu stil­len.

Nack­te männ­li­che Ober­kör­per laden offen­bar dazu ein, die Män­ner auf’s Kör­per­li­che zu redu­zie­ren. Wenn die Män­ner aller­dings nicht den gän­gi­gen Schön­heits­idea­len ent­spre­chen, sol­len sie lie­ber ange­zo­gen blei­ben, sonst sind sie ekli­ge Sexi­sten und dür­fen nicht mehr öffent­lich Schlag­zeug spie­len. Will you be a small weak woman and suck my dick? You know… while we’­re all being sexist here.

Aber wir waren ja beim The­ma „ein Tag im Leben eines Penis“, und ohne dar­über zu sin­nie­ren, ob es nicht „eines Penis­ses“ hei­ßen müss­te (denn von Leu­ten, die für die „Jolie“ mit „6 sexy Fri­su­ren Trends“ schrei­ben, ist kein gepfleg­ter Umgang mit der deut­schen Spra­che mehr zu erwar­ten), neh­me ich euch gleich eine Über­ra­schung: Es steht genau das dar­in, was ihr ver­mu­tet.

Dabei sind Stel­len wie die­se hier (8:45 Uhr) noch nicht ein­mal das Schlimm­ste:

Da benei­de ich mei­ne weib­li­chen Kol­le­gen, die haben ihre Eier IM Kör­per, wie sich das gehört. Nur wir müs­sen uns mit die­sem anhäng­li­chen, nutz­lo­sen Miss­ge­schick der Evo­lu­ti­on her­um­schla­gen.

Dafür haben Män­ner nor­ma­ler­wei­se kei­ne Brü­ste, ätsch. Aber die­ser Penis­prot­ago­nist meckert nicht nur, er freut sich durch­aus auch über die Annehm­lich­kei­ten in sei­nem Leben:

(15:20 Uhr) Hur­raaaa! TITTEN!!!

Die gibt’s natür­lich nicht immer:

(19:00 Uhr) Hät­te ich Hän­de, wür­de ich eher mich selbst rei­ben. 24 Stun­den am Tag, sie­ben Tage die Woche.

So ein Tage­buch ist ohne eine ordent­li­che Sex­sze­ne natür­lich nicht voll­stän­dig; die folgt um 23:20 Uhr:

Oh, Vor­sicht mit den Zäh­nen, Prin­zes­sin. Ja, so ist es bes­ser. Oh ja. Ja. Genau so. Mmmmm. Jaaa. (usw.)

Im „Intro“ zur Rubrik „Pssst …!“, in der es um „Lie­be, Lust, Leben“ geht, wird erklärt:

Neu­ro­wis­sen­schaft­ler (…) haben ent­deckt, dass Müdig­keit durch die Aus­schüt­tung des Glücks­hor­mons Sero­to­nin ver­ur­sacht wird (…). Also egal ob Lachen oder Gäh­nen – Haupt­sa­che hap­py!

Das Gäh­nen, das mich gera­de über­kommt, hat also nichts damit zu tun, dass die „Jolie“ ein furcht­bar ödes Gro­schen­heft­chen ist. Sie macht mich nur total fröh­lich. Schön, dass das geklärt ist.


Laut die­ser Aus­ga­be der „Jolie“ ist Top­mo­del Miran­da Kerr („Hoch­ka­rä­ter der Modelsze­ne“, jolie.de, 19. August 2013; „die schö­ne Austra­lie­rin“, jolie.de, Anfang 2013; „die sty­lisch­ste Mut­ter“, jolie.de, Ende 2011; „die Aller­schön­ste“, „mei­ne Inspi­ra­ti­on“ und so wei­ter und so fort, jolie.de-Nutzerinnen, Ende 2012) übri­gens „nun wirk­lich kein Anhalts­punkt für irgend­was“. Ist was dran – wel­che Frau will schon ein schö­nes Model und/oder eine gut aus­se­hen­de Mut­ter wer­den?

In den NachrichtenNerdkrams
Eigent­lich suchen wir doch alle nur nach dem auf­dring­lich­sten Wer­ber.

Mit­un­ter gera­te ich in ein Gespräch mit Mit­men­schen, die Goog­le Chro­me für gar nicht so schlimm hal­ten wie ich es im Sep­tem­ber zu erklä­ren ver­sucht habe – immer­hin sei es open source, wenn Goog­le irgend­wel­chen Quatsch damit anstel­le, kön­ne man zwar nichts dage­gen tun, aber es zumin­dest sofort bemer­ken. Nun, wie wäre es damit?

Goog­le could crea­te an anony­mous iden­ti­fier, tied to users of its Chro­me brow­ser on a spe­ci­fic device, that adver­ti­sers would use to tar­get ads, accor­ding to a per­son briefed on the plan who declined to be iden­ti­fi­ed becau­se the plan is young and one of seve­ral opti­ons being con­side­red.

Das, was Goog­le Chro­me künf­tig also von ande­ren Brow­sern maß­geb­lich unter­schei­den wird, ist, dass sei­ne Benut­zer der Daten­sam­mel­wut von Wer­bern (und der NSA) nicht mehr ent­ge­hen kön­nen. Das sei aber auch gut so, denn die momen­ta­ne Situa­ti­on sei auch für con­su­mers (denn ein Inter­net­nut­zer wird als Kon­su­ment und nicht als mün­di­ger Mensch wahr­ge­nom­men) schier uner­träg­lich:

Jor­dan Mit­chell, co-chair of the group and a vice pre­si­dent at the Rubicon Pro­ject, a digi­tal ad agen­cy, cal­led the cur­rent situa­ti­on for adver­ti­sers unre­lia­ble and uneco­no­mic­al and “a lose-lose-lose situa­ti­on for adver­ti­sers, con­su­mers, publishers and plat­forms.”

Gut, dass Goog­le sich die­ses Pro­blems annimmt!

(via Fefe)


In wei­te­ren Nach­rich­ten: Mer­kel­pho­ne angeb­lich nicht mer­kel­taug­lich. Frü­her hieß das noch „idio­ten­si­cher“.

Persönliches
„Schnell, macht mal den Fern­se­her an, da kommt scheuß­li­cher Schund!“

Twit­ter­nut­zer wis­sen es: Wenn im Fern­se­hen „Wet­ten, dass…?“ oder „Tat­ort“ läuft, herrscht Hoch­be­trieb bei den Mikro­blog­gern. Jede Sze­ne wird spöt­tisch kom­men­tiert, wozu Mar­kus Lanz und Til Schwei­ger, zuge­ge­ben, gera­de­zu ein­la­den. Nicht, dass ich mich an der kol­lek­ti­ven Selbst­enthir­nung betei­li­gen wür­de, denn ich habe kein Inter­es­se dar­an, mit Schmud­del­kin­dern zu spie­len. Ich muss Schei­ße nicht fres­sen, um zu wis­sen, dass sie mir nicht schmeckt.

Kon­sens scheint es ohne­hin zu sein, dass zumin­dest erst­ge­nann­te Sen­dung qua­li­ta­tiv das Adverb „qua­li­ta­tiv“ nicht ein­mal in Kom­bi­na­ti­on mit „schlecht“ ver­dient. Nach dem – hihi – Aus­schei­den von Tho­mas Gott­schalk kann­ten die Medi­en auch nur noch die­ses eine The­ma: Mit der Sen­dung sei’s vor­bei, das wer­de nix mehr, es war sowie­so schon immer schlecht und wur­de nicht bes­ser. Ja, damals, als deut­sches Fern­se­hen noch einen gewis­sen Anspruch hat­te und Mode­ra­to­ren noch nicht jeden Satz mit „hehe­he“ been­de­ten, war „Wet­ten, dass…?“ noch eine ernst zu neh­men­de show und kein net­ter Zeit­ver­treib für Leu­te, die zu blöd sind, um sich mit einer Spi­ri­tuo­se und einem Buch und/oder Lap­top vor den Kamin zu set­zen und/oder zu legen.

Beim Tat­ort kann ich es noch ver­ste­hen: Fern­seh­zu­schau­er …

(…) brau­chen, so scheint es, stets das Bild des Grau­ens vor ihren Augen.

Dabei geht es, wohl­ge­merkt, um tote Lei­chen, nicht um Mar­kus Lanz. Was also ist das für ein selt­sa­mes Phä­no­men, das die Leu­te dazu treibt, der gan­zen Welt stolz mit­zu­tei­len, dass sie nun­mehr begin­nen, eine Fern­seh­sen­dung zu kon­su­mie­ren, die sie weder wert­schät­zen noch ande­ren zumin­dest sym­pa­thi­schen Men­schen emp­feh­len wür­den? Was bewegt Non­sens­me­di­en wie SPIEGEL ONLINE dazu, aller­lei belang­lo­ses Gesche­hen rund um die­ses in Sze­ne gesetz­te Lei­den (ebd.) zu doku­men­tie­ren?

Viel­leicht ist es Tra­di­ti­on. Leu­te gucken „Wet­ten, dass…?“, weil sie das vor 20 Jah­ren schon getan haben, sie wäh­len CDU, weil sie das vor 20 Jah­ren schon getan haben, sie lesen Tages­zei­tung (oder die jeweils gän­gi­ge Online­fas­sung der­sel­ben), weil sie das vor 20 Jah­ren schon getan haben. Grug Crood wäre ihnen ein stol­zer Vater. Wir aber, wir jun­gen Wil­den, sind anders auf­ge­wach­sen. Wir haben gelernt, unser Leben selbst zu gestal­ten. Will nicht jede Gene­ra­ti­on ganz anders sein als die Gene­ra­ti­on ihrer Eltern? Wir lesen nicht die Zei­tung unse­rer Eltern. Wir wäh­len nicht die Lieb­lings­par­tei unse­rer Eltern. Wenn nur Grüt­ze im Fern­se­her läuft, las­sen wir den Scheiß­fern­se­her ganz ein­fach mal aus oder kau­fen uns am Besten gar nicht erst einen.

Aber wahr­schein­lich löst sich die­ses Pro­blem bald von selbst.

PolitikIn den Nachrichten
Kurz ver­linkt CXCIX: Kei­ne Atten­ta­te. Nur Mor­de.

Da hat Edward Snow­den noch mal Glück gehabt:

„Atten­ta­te sind per Ver­fü­gung des Prä­si­den­ten ver­bo­ten. Wir machen kei­ne Atten­ta­te.“ Man füh­re aber sehr wohl „geziel­te Tötun­gen geg­ne­ri­scher Kom­bat­tan­ten“ durch, das Land sei immer­hin „im Krieg“.

Soll­te er in abseh­ba­rer Zeit plötz­lich ver­schwin­den, war es zumin­dest kein Atten­tat. Puh!

Politik
Ja, wo isser denn? War­um Deutsch­land den Libe­ra­lis­mus braucht.

Schland.Rai­ner Hank schrieb gestern auf FAZ.net, die Schuld am Nie­der­gang der F.D.P. kön­ne gar nicht aus­schließ­lich ver­ur­sacht wor­den sein von so jäm­mer­lich schwa­chen Gestal­ten wie Phil­ipp Rös­ler, Dani­el Bahr oder Dirk Nie­bel, die Ursa­chen lägen somit tie­fer in der Geschich­te ver­bor­gen. In die­sem Zusam­men­hang taucht auch immer wie­der der Begriff des „Libe­ra­lis­mus“ auf, der nun­mehr am Boden lie­ge. Das stimmt so nicht.

Die F.D.P. ist seit ihrer Grün­dung nach dem Krieg eine Par­tei, die ver­schie­de­ne For­men des Libe­ra­lis­mus ver­tritt und dabei auch eine 180-Grad-Wen­dung sel­ten aus­schließt. Der star­ke natio­nal­li­be­ra­le Flü­gel der Par­tei etwa, beson­ders stark in Nord­rhein-West­fa­len, konn­te es nicht ver­hin­dern, dass sich die Bun­des­par­tei trotz der Alt­na­zi-Stamm­wäh­ler­schaft poli­tisch auf die SPD zube­weg­te; die sozi­al­li­be­ra­le Koali­ti­on aus der (damals noch sozia­len) SPD und der (damals noch sozi­al­li­be­ra­len) F.D.P. hielt immer­hin bis 1982 an und ließ sich erst von Hel­mut Kohl, der in sei­ner ersten Regie­rungs­er­klä­rung „Weni­ger Staat – mehr Markt“ for­der­te und damit zugleich den so genann­ten Neo­li­be­ra­lis­mus form­te und den neu­en Koali­ti­ons­part­ner, der im Begriff war, sich poli­tisch frei­zu­schwim­men, an die kur­ze Lei­ne nahm, die die­ser bis heu­te nicht durch­zu­bei­ßen geschafft hat, von ihrem Weg abbrin­gen. Über­haupt liest sich die­se Regie­rungs­er­klä­rung wie ein best of der neue­ren F.D.P.-Wahlplakate:

Ins­ge­samt stel­len wir mit die­sem Dring­lich­keits­pro­gramm die Wei­chen zur Erneue­rung: weg von mehr Staat, hin zu mehr Markt; weg von kol­lek­ti­ven Lasten, hin zur per­sön­li­chen Lei­stung; weg von ver­kru­ste­ten Struk­tu­ren, hin zu mehr Beweg­lich­keit, Eigen­in­itia­ti­ve und ver­stärk­ter Wett­be­werbs­fä­hig­keit.

Lei­stung muss sich wie­der loh­nen! 2006 griff Kurt Beck (SPD, muss man nicht ken­nen) die­sen Satz auf, die F.D.P. druck­te ihn kaum modi­fi­ziert auf gro­ße gelb-blaue Pla­ka­te neben ein Kon­ter­fei der Lei­stungs­trä­ge­rin Sil­va­na Koch-Mehrin, die, von ihrem ergau­ner­ten Dok­tor­ti­tel befreit, inzwi­schen auf län­der­über­grei­fen­der Ebe­ne in der ALDE (dazu kom­me ich wei­ter unten noch) vor sich hin­oxi­diert, wenn sie mal da ist. Wir sehen erneut: Die CDU war schon immer recht gut dar­in, nicht die Schuld an den Fol­gen ihres eige­nen Tuns zu tra­gen.

Moment – sozi­al­li­be­ral? Da war doch was! Ja, auch die Pira­ten­par­tei (bezie­hungs­wei­se ihr stets zu unüber­leg­tem Geschwätz in Mikro­fo­ne hin­ein berei­ter Vor­sit­zen­der Bernd Schlö­mer) hat erst vor gefühlt kur­zer Zeit bekannt­ge­ge­ben, sie sei sozi­al­li­be­ral. Die Pira­ten­par­tei ist schon auf­grund ihrer Struk­tur eine pro­gres­si­ve, mit­hin defi­ni­ti­ons­ge­mäß lin­ke, inhalt­lich libe­ra­le bis liber­tä­re Par­tei, die anson­sten ver­mut­lich selbst mit dem lin­ken Flü­gel der CDU mehr poli­ti­sche Über­ein­stim­mung fin­det als mit der Duckmäuser‑F.D.P.; damit wäre das im Übri­gen auch geklärt. Sozia­ler Libe­ra­lis­mus ist sicher­lich nicht ver­kehrt, aber wer hier noch immer an eine Liai­son von SPD und F.D.P. denkt, also an Alters­ar­mut für alle, denen kein Hotel gehört, die haben da etwas falsch ver­stan­den. Und das ist nur eines der Pro­ble­me, die der Nie­der­gang der F.D.P. so mit sich brach­te: Der Begriff des Libe­ra­lis­mus ist dau­er­haft beschä­digt. (Nach­trag, Sep­tem­ber 2016: Bernd Schlö­mer ist mitt­ler­wei­le ein erfolg­rei­cher Abge­ord­ne­ter der Ber­li­ner F.D.P.; da wächst zusam­men, was schon viel frü­her hät­te zusam­men­wach­sen sol­len.)

Und dabei brau­chen wir die F.D.P. so sehr wie noch nie, sagt die F.D.P.:

Die Lücke, die durch das Aus­schei­den der FDP aus dem Deut­schen Bun­des­tag in der poli­ti­schen Land­schaft ent­stan­den sei, wer­de bereits sicht­bar[.]

Was der Wäh­ler zumin­dest offen­sicht­lich nicht braucht, ist einen Markt, der alles regelt. Inso­fern wäre es nur kon­se­quent gewe­sen, hät­te er die CDU, die dem Markt über­haupt erst die Posi­ti­on zuge­stan­den hat, die die F.D.P. fort­an zu hal­ten beab­sich­tig­te, abge­wählt, aber kon­se­quen­tes Han­deln erwar­te zumin­dest ich von deut­schen Wäh­lern schon lan­ge nicht mehr. Tat­säch­lich fehlt in der deut­schen Poli­tik nicht die F.D.P., son­dern der Libe­ra­lis­mus in sei­ner rei­nen, nicht wirt­schafts­ge­trie­be­nen Form. (Die Pira­ten­par­tei hät­te jetzt ver­mut­lich leich­tes Spiel, wür­de sie, man­chen per­so­nel­len Wech­sel natür­lich vor­aus­ge­setzt, die­sen Platz annek­tie­ren, aber wer passt dann auf’s Inter­net auf?) Aber was ist Libe­ra­lis­mus über­haupt? Der „Veggie Day“ sei Libe­ra­lis­mus, postu­liert Chri­sto­pher Gohl, F.D.P.-Bundestagsdirektkandidat im Wahl­kreis 290 und somit jemand, der es eigent­lich bes­ser wis­sen soll­te, für ZEIT ONLINE. Leit­ziel des Libe­ra­lis­mus sei die Frei­heit des Indi­vi­du­ums vor­nehm­lich gegen­über staat­li­cher Gewalt, so steht’s momen­tan in der Wiki­pe­dia, und staat­lich auf­er­leg­te Spei­se­plä­ne zäh­len nun nicht zu den Din­gen, die mir beim Stich­wort „Frei­heit gegen­über dem Staat“ als Erstes ein­fal­len wür­den.

Der Libe­ra­lis­mus – ja, sogar die F.D.P. – ist außer­halb Deutsch­lands auch ein Erfolgs­mo­dell. Die libe­ra­le Frak­ti­on ALDE im Euro­päi­schen Par­la­ment ist zumin­dest die dritt­größ­te der dor­ti­gen Frak­tio­nen. (Die Euro­päi­sche Uni­on ist im Übri­gen auch nicht gera­de das, was der Wiki­pe­dia- oder der „neo­li­be­ra­len“ Defi­ni­ti­on von Libe­ra­lis­mus ent­ge­gen­kommt. Der Markt hat sich die Ener­gie­spar­lam­pen sicher­lich eben­so wie der Ein­zel­ne nicht aus­ge­sucht.) Libe­ra­lis­mus ist also kei­nes­wegs tot; im Gegen­teil: Da der zu Recht geschol­te­ne Neo­li­be­ra­lis­mus, sei­ner­zeit von Lud­wig Erhard (wie­der­um CDU) als „sozia­le Markt­wirt­schaft“ ange­prie­sen, sich jeden­falls in Deutsch­land bis auf Wei­te­res erle­digt hat (der Markt hat’s höh­nisch gere­gelt), kann sich der Libe­ra­lis­mus nun nach den Jahr­zehn­ten, in denen er sich der Gel­deli­te fügen muss­te, neu auf­stel­len.

War nie wirk­lich weg, hab‘ mich nur ver­steckt.
Mari­us Mül­ler-Western­ha­gen: Wie­der hier

Ein neu­er sozia­ler Libe­ra­lis­mus, der die wirt­schafts­li­be­ra­len Aspek­te außer Acht lässt, wäre der gegen­wär­ti­gen poli­ti­schen Land­schaft in Deutsch­land tat­säch­lich zuträg­lich. Von CDU und Grü­nen müs­sen wir hier gar nicht wei­ter reden, dass sel­bi­ge nicht libe­ral sind, soll­te erkenn­bar sein; und auch die SPD, die Libe­ra­lis­mus und Neo­li­be­ra­lis­mus nicht aus­ein­an­der­hal­ten kann, wird das nicht lei­sten kön­nen. Es fehlt eine Par­tei, die den Frei­heits­be­griff auch in Wirt­schaft und Außen­po­li­tik zur Maxi­me erklärt, ohne ihn einer höhe­ren Instanz (etwa den Märk­ten, wer auch immer das sein soll) unter­zu­ord­nen. Die Alter­na­ti­ve für Deutsch­land hat das zumin­dest erkannt und ver­sucht, die Feh­ler der F.D.P. aus­zu­glei­chen; doof nur, dass sie nur sel­ten die durch­aus fach­lich bewan­der­ten Wirt­schafts­po­li­ti­ker in ihren Rei­hen mit der Pres­se spre­chen lässt, son­dern meist die Popu­li­sten mit Pro­fil­neu­ro­se zu Wort kom­men. So wird das nichts mit der libe­ra­len Erneue­rung; und in einer Zeit, in der die Mit­te, der Ein­heits­brei aus kon­ser­va­tiv-reak­tio­nä­rer Bestän­dig­keits­po­li­tik, unwi­der­spro­chen den Ton angibt, ist es um die Bereit­schaft mün­di­ger Bür­ger, sich über­haupt noch für Poli­tik zu inter­es­sie­ren, ver­mut­lich nicht zum Besten bestellt. Also muss doch die F.D.P. den Libe­ra­lis­mus in Deutsch­land ret­ten. Das wird noch lustig.

Das wird nur funk­tio­nie­ren, indem die Idee von der sozia­len Markt­wirt­schaft kei­ne domi­nan­te Kon­stan­te mehr ist. Die Märk­te sind gesät­tigt, das Ange­bot über­steigt, Opti­mie­run­gen sei Dank, längst bei Wei­tem die Nach­fra­ge. Viel­leicht ist es also an der Zeit, Märk­te und Ban­ken in Ruhe mit­ein­an­der spie­len zu las­sen, die Tür hin­ter ihnen zu schlie­ßen und sich end­lich wie­der um den Bür­ger und sei­ne Frei­heit zu küm­mern – nicht nur die Frei­heit im Inter­net und die Herr­schaft über die eige­ne Iden­ti­tät (dar­um küm­mern sich die Pira­ten schon ganz gut), son­dern vor allem auch um die Frei­heit, die­se Iden­ti­tät, also das Leben, selbst zu gestal­ten. Bür­ger­rechts­li­be­ra­lis­mus, wie ihn unter ande­rem Sabi­ne Leu­theu­sser-Schnar­ren­ber­ger, der man anson­sten häu­fi­ger mal ein Mikro­fon unter die Nase hal­ten soll­te, das man Wind­beu­teln wie Phil­ipp Rös­ler dafür getrost weg­neh­men kann, ver­tritt, soll­te die libe­ra­le Aus­prä­gung sein, die sich durch­setzt. Frei wie in „freie Rede“, nicht wie in „Frei­bier“.

Wie groß die Lücke, die die F.D.P. 1982 hin­ter­las­sen hat, eigent­lich ist, fällt dem Wäh­ler, der sei­ne poli­ti­sche Bil­dung zur Gän­ze von Wahl­pla­ka­ten und aus den Medi­en bezieht, erst 2013 auf; falls er’s denn über­haupt bemerkt. Gut, dass die­se Lücke nun auch sicht­bar gewor­den ist. Jetzt hat der Libe­ra­lis­mus wie­der eine Chan­ce. Die Nach­fra­ge regelt den Rest.

Immer wie­der fin­det man in den intel­li­gen­te­sten Men­schen zugleich die libe­ral­sten und in den Unge­bil­det­sten die radi­kal­sten.
Sul­ly Prud­hom­me

KaufbefehleMusikkritik
Kurz­kri­tik: Esme­ri­ne – La lechu­za

Esmerine - La lechuzaMusik gewor­de­ne Trau­er. „La lechu­za“. Die Eule. Das kommt mir spa­nisch vor; Esme­ri­ne, gegrün­det vor nun­mehr zehn Jah­ren, kom­men trotz­dem aus Kana­da. Das Duo ist kein unbe­kann­tes: Bruce Caw­dron war vor­her vor­nehm­lich bei God­speed You! Black Emper­or, Rebec­ca Foon bei A Sil­ver Mt. Zion aktiv, wobei letz­te­res wie­der­um ein Neben­pro­jekt der umtrie­bi­gen GY!BE-Musiker ist, was per­so­nel­le Über­schnei­dun­gen eben­so erklärt wie den Umstand, dass sich in Mon­tré­al alle Musi­ker gegen­sei­tig zu ken­nen schei­nen. Mon­tré­al, Stadt der GY!BE-Nebenprojekte.

Die­ses Duo jeden­falls ver­öf­fent­lich­te 2011 mit „La lechu­za“ ein Album, das mit dem mit­un­ter ver­spiel­ten Post­rock des Haupt­pro­jekts nicht all­zu viel zu tun hat. Ähn­lich­kei­ten? Klar. Esme­ri­ne machen Kam­mer­mu­sik mit Cel­lo, Per­kus­si­on, Marim­ba und Melan­cho­lie. Auch ein schö­nes Instru­ment eigent­lich. Gesang? Ja.

Son­sti­ge Asso­zia­tio­nen? Viel­leicht A Whisper In The Noi­se. Noch so’n Duo. Musi­ka­li­sche Jah­res­zeit: Herbst.

Das aktu­el­le Album „Dal­mak“ erschien am 3. Sep­tem­ber 2013. Ich neh­me an, es ist eben­falls sehr gut. Rein­hö­ren? Hier ent­lang. Musik für Kopf­hö­rer und ein Wohn­zim­mer mit Kamin. Schön.