Und apropos, die Gräber.
Montag.
Another year and then you’d be happy
Just one more year and then you’d be happy
But you’re cryin‘, you’re cryin‘ now.
Guten Morgen.
Und apropos, die Gräber.
Montag.
Another year and then you’d be happy
Just one more year and then you’d be happy
But you’re cryin‘, you’re cryin‘ now.
Guten Morgen.
Woher nahm Dürer das Geld, sich hier in all der Pracht bestatten zu lassen?
Ist es erstrebenswert, nach seinem Tod in einer prunkvoll verzierten und beschrifteten Gruft dem Pilgertum eine Stätte zu bieten?
Wer war der Herr im nur mit „Adolf“ beschrifteten Grab?
Möchte ich im Alter meine Sonntags damit verbringen, das Grab Toter zu pflegen?
Woher stammt der Totenkult, was hält ihn am Leben?
Ist das Familiengrab eines Pfarrers nicht ein seltsames Relikt?
Würde ich wollen, dass man auf meiner Leiche, gekreuzigt oder nicht, ein Kreuz zwecks späterer Identifikation und, in Konsequenz, etwaiger Verehrung oder einen Baum pflanzt?
Was ist nach dem Tod noch wichtig?
Was hat der Welt, abgesehen von einem zünftigen Atomkrieg, denn noch gefehlt? Richtig:
Facebook will die Sexting-App Snapchat für 3 Milliarden US-Dollar kaufen. (…) Der Begriff Sexting ist ein Kofferwort, das sich aus Sex und Texting zusammensetzt und die private Verbreitung erotischer Aufnahmen des eigenes Körpers über MMS oder Instant Messaging beschreibt.
Ich hatte mich ja kurz gefragt, wieso eine app, die nur dem Zweck der Verbreitung nackter Leiber dient, Facebook 3 Milliarden US-Dollar wert sein sollte. Dann fiel es mir ein: Nackte selfies scheinen kein Nischenphänomen zu sein, sondern sind längst zum Hobby avanciert. Wäre ich jetzt noch ein wenig zynischer, würde ich behaupten, dass es nur wenig beste Freundinnen gibt, die sich einander nicht ständig ihre Brüste präsentieren (irgendeinen Grund muss es ja haben, dass sie bis weit in ihre Dreißiger hinein die Toilette miteinander teilen), aber das wäre vermutlich unfair. Es gibt ja auch Jungs, die sich selbst für so anziehend halten, dass sie mit meist vor dem Badezimmerspiegel im Elternhaus fotografierten Fastnacktbildern um Interessentinnen werben. – Unsereins hat so etwas ja nicht nötig.
Aber was hätte Facebook davon? Einnahmen erzielt dieses „Snapchat“ nach meinem Kenntnisstand mitnichten. Die einfachste Erklärung: Facebook, das schon jetzt Benutzerprofile für Werbematerial hält, kann dann auf einen noch reichhaltigeren Benutzerdatenfundus zurückgreifen. Das Angebot könnte deutlich attraktiver gemacht werden, indem direkt in der Snapchat-App eine Funktion „Teile dieses Foto auf deiner Pinnwand“ verfügbar ist. So lernen die Jugendlichen dann auch, dass es keine gute Idee ist, mit den eigenen Eltern auf Facebook befreundet zu sein. Außerdem hätte sich für Facebook dann die müßige Diskussion über Privatsphäreneinstellungen endlich erledigt.
Der Kauf tät‘ mich wohl schon amüsieren.
(via Nachtwächter)
Die hiesige Tageszeitung berichtet schon heute über allerlei Aktionen zum „Internationalen Tag für Frauenrechte“ (offiziell: „Internationaler Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen“) am 25. November 2013. Als eyecatcher im Artikel dient ein Bild von einer weinenden Frau, wohl (ich habe das nur überflogen) aus einem Theaterstück.
Frauentränen nämlich seien etwas, was es zu vermeiden gelte. Wir normalen Menschen würden sagen, das habe den Grund, dass es sowieso immer und grundsätzlich verkehrt sei, anderen Menschen psychisches Leid zuzufügen, aber wie bekannt sein dürfte, ist nicht jeder Mensch ein normaler solcher, und so gibt es ganz offenbar auch Tränen, über die man lachen kann. Besonders leicht zu belustigen ist offenbar Jasna „Faserpiratin“ Strick (das war die hier), die angesichts von Tränen nicht etwa Mitleid, sondern Hochmut empfindet:
Männertränen sind mein Gummibärensaft.
Ein jeder schöpfe Kraft aus seinem eig’nen Saft.
Die Pointe? Zu lachen gibt es eher nichts. Aber da es um Rechte geht: Das Recht, mich über das jeweilige Leid von Angehörigen des anderen Geschlechts lustig zu machen, weil sie nicht meinem selbstredend vor jeglicher psychischen Pein („Gewalt“) zu beschützenden Geschlecht angehören, und dafür nicht etwa Buhrufe, sondern mannigfaltigen Applaus zu ernten, hätte ich auch gern mal.
Es ist ja nicht alles schlecht im Feminismus. Das ist ein bisschen wie mit der Religion: Ohne die gläubigen Katholiken wäre die katholische Kirche echt eine prima Idee.
Ein Fundstück zum Thema: In Hamburg sollen Männer bevorzugt auf eine Professur berufen werden, wenn ihr Geschlecht an einer Fakultät unterrepräsentiert ist.
Die Landeskonferenz der Gleichstellungsbeauftragten (LaKoG) ist strikt dagegen. (…) Da es eine nachgewiesene Benachteiligung von Frauen, nicht aber von Männern gebe, hält die LaKoG es für fraglich, ob deren Förderung mit dem Grundgesetz vereinbar ist.
Kennt ihr das, wenn euch zu etwas, was ihr lest oder hört, nur noch drei Punkte („…“) einfallen?
Dies ist so ein Moment.
Oh, Twitter regt sich gerade auf. Der Anlass? Ausnahmsweise mal was mit Computern:
Die Deutsche Telekom will auf verschiedene Weise die Sicherheit im Netz erhöhen. Neben einem speziellen Angebot für Unternehmen ist auch ein innerdeutscher Internetverkehr in Vorbereitung.
…, was nach der NSA-Sache natürlich ein an sich verständlicher Schritt ist. Nun gibt es offenbar Leute, denen es gar nicht undeutsch genug sein kann, und auch Mario Sixtus zieht die Nachricht auf eine seltsame Ebene:
Nicht das Internet ist (sic!) muss man reparieren, sondern das Konzept Nationalstaat.
Hübsch, aber Thema verfehlt. Dass Mario Sixtus auf einen konstruktiven Vorschlag, was der Nationalstaat künftig besser machen sollte, verzichtet, ist selbstredend seine eigene Entscheidung; wer „gegen“ etwas ist, muss ja nicht automatisch „für“ irgendetwas anderes sein. „x ist scheiße!“ ist eben eine griffige Parole, die man auch betrunken grölen kann (deswegen sind die Parolen „Nazis raus!“ und „Atomkraft nein danke!“ vermutlich auch so beliebt; „raus aus wo und rein wohin?“ intonierte einst Schorsch Kamerun von den Goldenen Zitronen), denn wer dann noch nach der Lösung y fragt, der ist kein Diskussionspartner mehr, sondern politischer Gegner. „National“ ist anscheinend auch so ein Wort, das die dunklen Seiten menschlicher Ideale zum Vorschein bringt.
Das Konzept Nationalstaat hat mit dem Internet allerdings erst mal nicht viel zu tun. Was die Telekom hier wohl meint, ist ein Routing über Server, die in den Grenzen deutscher Jurisdiktion stehen:
Die technischen Vorbereitungen seien weniger aufwendig als zunächst gedacht. Somit könnte der innerdeutsche Internetverkehr künftig auch allein über rein deutsche Leitungen abgewickelt werden.
Was klingt wie die bekannte Szene aus dem Asterix-Band „Das Geschenk Cäsars“ (ich habe nichts gegen Daten, einige meiner besten Freunde sind Daten; aber diese Daten da, die sind nicht von hier!), ist zumindest nett gemeint. Die Idee dahinter: Daten, die über unsere eigenen Server laufen, können ausländische Dienste weniger leicht mitschneiden als Daten, die wir ihnen quasi auf dem Präsentierteller vorlegen. Bundespudel Friedrich hat auch schon eine tolle Ergänzung vorgeschlagen:
Im Laufe der Koalitionsverhandlungen hatte der amtierende Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) bereits einen regionalen E‑Mail-Verkehr ins Spiel gebracht, der gesetzlich vorgeschrieben werden sollte.
Regionaler Mailverkehr ließe sich ja zum Beispiel schon umsetzen, indem man sich einfach einen Mailserver auf ’nem im Inland gemieteten System einrichtet, aber ich befürchte, Hans-Peter Friedrich steht der Sinn vielmehr nach der chronisch defekten „E‑Mail Made in Germany“ – natürlich mit ausländischem Motto – oder wie auch immer man das hinterher nennen möchte.
Das geplante System solle, so heißt es, Teil eines Gesamtkonzepts werden, dessen Zweck es sei, NSA, GCHQ und so weiter auszusperren:
Um Hintertüren auszuschließen, stammen demnach sensible Komponenten vom Internetrouter bis zum Cloud Computing von deutschen Anbietern, die nicht mit ausländischen Geheimdiensten kooperieren.
Von deutschen Geheimdiensten und Behörden fällt kein Wort, was wenig überrascht, bedenkt man, dass Hans-Peter Friedrich noch vor wenigen Jahren vornehmlich als Verfechter des Einsatzes von Schadsoftware seitens deutscher Kriminalbeamter gegen deutsche Bürger die Titelseiten von Nachrichtenmagazinen aller Art geschmückt hat. Klar, dass man sich von so einem Typen – ich möchte nochmals das mit dem Ausdemamtjagen vorschlagen – seine Kommunikation standardisieren lassen möchte, oder?
Zurück zum Thema: Die Telekom möchte also künftig so wenige Daten wie möglich unnötigerweise durch’s Ausland transportieren. Das ist, wie schon erwähnt, grundsätzlich lobenswert, aber es wird am Benutzer scheitern. Deutsche Leitungen hin und/oder her: So lange Facebook, Google, Microsoft und Apple ihre clouds von Amerika aus betreiben, opfert die vielzitierte Oma Lieschen lieber ihre digitale Mündigkeit als sich mit so Computerkram zu beschäftigen. Die quelloffenen Lösungen wie Diaspora*, ownCloud und Roundcube Mail stehen für die Generation „Hauptsache schnell“ in keinem praktikablen Kosten-Nutzen-Verhältnis.
„Alle meine Freunde sind auf Facebook“, was man eben so „Freunde“ nennt, und das deutsche Internet hat dafür auch keine Lösung. Wie kann man es besser machen? Nun, zum Beispiel, indem man nicht die Symptome, sondern die Ursache an der Wurzel bekämpft: Auf diplomatische Beziehungen mit dem Schurkenstaat USA kann Deutschland gut und gern verzichten. Wir haben keine billigen Rohstoffe, für die sich eine Bombardierung lohnen würde.
Aber wer kauft uns dann die Panzer ab?
Montag. Och, nö.
Obwohl: Doch.
Guten Morgen!
Im Zuge der so genannten „Energiewende“ (wo doch schon die letzte „Wende“ uns immer noch teuer zu stehen kommt) wetteifern deutsche Unternehmen momentan darum, das grünste aller Unternehmen zu sein, den Schadstoffausstoß also auf ein Minimum reduziert zu haben. Vorn mit dabei sind natürlich Personentransportkonzerne wie die Deutsche Bahn und die MFB MeinFernbus GmbH.
Dabei hat sich in letzter Zeit die merkwürdige Ansicht durchgesetzt, dass sich ein Fahrgast von dem Schadstoffausstoß, den er als Teil der Passagiergruppe zu verantworten hat, quasi freikaufen kann; nicht unähnlich dem Handel mit Ablassbriefen, quasi der Annullierung von Sünden mittels Geldes, wie es vor ein paar Jahrhunderten üblich war. Das Verfahren nennt sich allerdings inzwischen, weit weniger religiös, Klimakompensation:
Der Transfer der Kompensationszahlung zum Klimaschutz-Projekt wird mit sogenannten Zertifikaten gesteuert. (…) Wer Geld für ein Klimaschutzprojekt gibt, erwirbt solche Zertifikate. Der Vorteil dieses Prinzips ist es, dass Emissionen dort eingespart werden, wo es wirtschaftlich am günstigsten umsetzbar ist.
Klimaschutz klingt immer spitze, Ahnung muss man sowieso nicht haben, bereits die bloße Aussage „wir sind ein grünes Unternehmen“ verursacht bei gläubigen Zuhörern feuchte Jutehöschen, und so wirbt zum Beispiel auch die MFB MeinFernbus GmbH für diese „Zertifikate“:
Zusätzlich können Sie als Fahrgast die durch Ihre Fahrt entstehenden CO2-Emissionen (sic!) mit einem individuell berechneten Betrag kompensieren und so vollständig klimaneutral sein.
Mit dem eingegangenen Betrag wird dann nicht etwa das Ozonloch zugetackert, sondern er wandert zur myclimate Deutschland gGmbH, die ihn dann in irgendwelche Umweltprojekte in Entwicklungs- und Schwellenländern (vielleicht Griechenland) investiert, wodurch in Deutschland zwar immer noch die Bäume eingehen, aber wenigstens die Wüste wieder blühen kann. Finanziert werden, so prahlt man auf der Website, etwa Biogasanlagen in Indien.
Biogasanlagen, den Leser mag’s interessieren, sind menschengemachte Maschinen, die Gemüse (oder Kuhdung, siehe Nachtrag) in Energie umwandeln und dabei nicht nur viele Vogelarten gefährden, sondern die Kohlenstoffdioxidbilanz obendrein nicht unbedingt verbessern:
Wird Weideland umgepflügt zum Maisacker, dann enthält der Boden zunächst viel Humus. Der darin gespeicherte Kohlenstoff verwandelt sich durch verstärkten Luftkontakt in CO2. Je nach Bodentyp können diese Emissionen so hoch sein, dass man jahrelang Bioenergiepflanzen darauf anbauen muss, um allein diesen Klimaeffekt auszugleichen.
Aber ’s ist eben grün. Da fragt keiner nach dem Wie und Warum und jeder zahlt gern etwas mehr für ein reines Gewissen.
Wie damals bei den Ablassbriefen.
Ich bin Superman und Batman und Spinne
und Hulk, aber schöner, ha! und grüner sowieso!
Ich bin grün und rot!
Die Ärzte: Ich bin reich
Nachtrag: Kai Landwehr von myclimate erklärt in den Kommentaren (hier unten drunter) den Unterschied zwischen Mais- und Kuhdung-Biogasanlagen. Interessenten mögen dies zur Kenntnis nehmen.
Nehmen wir mal an, ihr wärt aus irgendwelchen widrigen Umständen heraus für Recht und Ordnung in Halle und Umgebung zuständig und folgender Fall würde euch zugetragen: Eine Mutter missbraucht ihren dreizehnjährigen Sohn sexuell und zeichnet diesen Vorgang auf, weil sie von einer Internetbekanntschaft (männlich) darum gebeten wurde.
Wie würdet ihr entscheiden?
Richtig: Gefängnis für den Mann, Bewährung für die Mutter. Recht muss eben Recht bleiben.
Der Sohn braucht seine Mutter wahrscheinlich noch.
(Vorbemerkung: Die Geschichte mit der Süddeutschen Zeitung scheint doch noch nicht vorüber zu sein. Ich protokolliere das hier mal. Wenn ihr die Erstfassung dieses Textes schon auf Twitter oder Diaspora oder im IRC gelesen habt: Es geht noch weiter. Und ja, ich bin auch im „real life“ so ein komischer Kauz wie hier.)
Dienstag
„Politiklehre kostenlos? :D“
Ich ging heute durch Braunschweig (also durch den dortigen Bahnhof). Dort traf ich, nicht sehr überrascht, auf die üblichen drei Süddeutsche-Zeitung-Verkaufsstudenten (ein Dunkelhäutiger unbekannter Abstammung, eine Quotenfrau und ein Typ ohne besonders hervorstechende Eigenschaften). Sie machten diesmal den Fehler, mich anzusprechen. „Süddeutsche kostenlos? :D“. Menschen, die Grins-Emoticons quasi mitsprechen, sind mir ja grundsätzlich suspekt.
Ich sah auf die Uhr, ich hatte noch etwas Zeit, und sprach: „Wie viele Argumente dagegen braucht ihr?“. Der Typ entgegnete siegessicher: „Ich widerlege alle :D“. Ich antwortete schlicht: „Leistungsschutzrecht?“.
Die drei blickten mich fragend an. Offenbar waren sie nicht damit vertraut, dass so ein Zeitungsverlag auch noch etwas anderes macht als die Zeit von Studenten zu verschwenden.
Es ergab sich ein Gespräch, in dem ich erklärte, dass mich das Thema vor allem als „Blogger“ interessiert, was, Piratenpartei – der Anstecker fiel jedenfalls der Frau auf – hin oder her, ja nicht einmal gelogen war. „Aber die Gesetze sind halt so“ war der einzige zaghafte Versuch der drei, mich davon zu überzeugen, mir doch trotzdem die Süddeutsche Zeitung zu kaufen. Wenn die Welt schon scheiße ist, dann wenigstens noch ’ne schlechte Zeitung dazu, um das auch so richtig genießen zu können.
Keine fünf Minuten später war es drei Süddeutsche-Zeitung-Verkaufsstudenten sichtlich unangenehm, wofür sie da gerade Werbung machten.
Wenn ihr solchen Vertretern begegnet, würdigt sie nicht keines Blickes, sondern redet mit ihnen. Die Welt wird keine bessere dadurch, dass die Wissenden unter sich bleiben. Jeden Tag eine gute Tat.
Mittwoch
„Come for the lulz, stay for the pirates.“
Mich erwarteten heute im Bahnhof zwei der drei „Süddeutschen“. Ich war wohl doch weniger überzeugend als erhofft. Immerhin war der Typ mit dem gesprochenen Grinsen diesmal nicht dabei. Während sich der Dunkelhäutige potenzieller Kundschaft widmete, bat mich die Frau mit schwäbischem Dialekt, ihr meinen gestrigen Vortrag noch einmal zu halten – sie habe nicht zugehört. Darauf war ich nicht vorbereitet. Von meinem anschließend improvisierten Referat schien sie dennoch beeindruckt, aber das heißt ja nichts, wie ich seit heute weiß.
Ich nutzte die Gelegenheit, um mich ausführlich darüber zu wundern, wieso man als Mensch Mitte 20 denn aus dem Süden nach ausgerechnet Braunschweig geschickt werde, um eine Zeitung in einem Bahnhof zu bewerben. Na ja, es bringe eben Geld, aber sie werde, wenn ihr Engagement für die Süddeutsche Zeitung vorüber sei, nie wieder promotion für eine Zeitung machen. Über die Ursachen blieb ich im Unklaren; vielleicht verbietet es ihr der Arbeitsvertrag, sie zu äußern.
Mittlerweile waren viele Leute in weitem Bogen beschleunigten Schrittes um den Stand herumgegangen, wie es Menschen eben so machen, die nicht unhöflich wirken wollen. Das müsste ich eigentlich auch mal ausprobieren: Wenn ich in einer belebten Innenstadt gern meine Ruhe hätte, einfach „entschuldigen Sie…“ rufen. Ich berichte bei Erfolg.
Aber zurück zu der Frau von der „Süddeutschen“, die sich inzwischen lauthals kichernd hinter ihrem Stand krümmte (ich hoffe inständig, dass das an meinem Charme und nicht an meiner lustigen Nase lag): Da man sich, so ihre Argumentation, ja nun schon kenne, halte sie es für angebracht, unsere Namen einander preiszugeben, und wollte, mit Blick auf das Piratenemblem auf meiner Jacke, wissen, ob ich denn „bei den Piraten so richtig aktiv“ sei. Nee, log ich, sei ich nicht, auf Parteitage ginge ich dennoch des Öfteren, aber das könne auch an meinem Humor liegen. Ob sie denn mal mitkommen könne, also mit mir, wollte sie wissen. Ichso: „Ein Pirat in weiblicher Begleitung? Und dann auch noch einer einzigen und nicht mindestens drei von ihnen?“ Wieder kringelte sie sich vor Lachen. Sie schien mit den Gepflogenheiten in der Piratenpartei nicht vertraut zu sein. Sie musste noch viel lernen.
Den Spieß jedenfalls konnte ich umdrehen: Statt mir irgendeine Verschwendung von Druckerfarbe aufzuhalsen, bat sie mich nun darum, ihr Piraten-merchandising zukommen zu lassen („oh, krieg ich auch so einen Anstecker?“). Zum Glück gehe ich nur selten ohne solches aus dem Haus. Also: Meidet diese Menschen nicht, sondern nutzt die Gelegenheit, um sie mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Ihr könnt eigentlich nur gewinnen.
Bevor ich ging, fragte ich, wie oft diese Gruppe denn noch in Braunschweig zu finden sei. Mindestens bis Dienstag, so wurde mir gesagt, würden sie noch an gewohnter Stelle um Kunden werben. Unser nächstes Aufeinandertreffen wird also voraussichtlich am Freitag stattfinden. Ich sollte dann womöglich mehr Informationsmaterial der Piratenpartei mitnehmen. Je mehr Zeit die armen Seelen damit verbringen, sich um Innenpolitik zu scheren, desto weniger Menschen drehen sie eine LSR-Zeitung an.
Das wird ein Spaß.
Nachtrag, Freitag: Es ist nichts passiert.
Susanne Gaschkes (SPD) Versuch, sich – ihr habt es sicher mitbekommen – aufgrund ihres Quasirauswurfs als Kieler Oberbürgermeisterin als Opfer einer patriarchischen Struktur zu gebärden, war nur mäßig erfolgreich.
Schon besser hat es Yasmina Banaszczuk (Eigenbezeichnung: „Frau für Dingens und Gedöns“) gemacht, deren Austritt aus (wiederum) der SPD auf Twitter nicht etwa hämisch bejubelt, sondern als konsequenter Schritt gelobt wurde. Vielleicht ist sie einfach niedlicher als Susanne Gaschke. Dabei sieht auch sie sich als Opfer des Patriarchats:
Dieses System von Parteivorsitzenden, die sich von jungen Frauen so bedroht fühlen, dass sie ihnen einfach pauschal unterstellen, dass sie keine Ahnung von politischen Prozessen im Allgemeinen hätten (und so weiter und so fort, A.d.V.).
’s ist ja auch frech, wenn die SPD ihr nicht einfach irgendwelche Beauftragungen und sonstige Annehmlichkeiten schenkt (Hervorhebung von mir):
Ich würde gerne irgendwann in die Partei zurück kommen, wenn es denn Hoffnung auf wahren Einfluss gäbe und darauf, dass sich irgendetwas ändern würde.
Das liegt sicher nur an den Männern!!1
Heute in Ihrer TL: junge gut vernetzte Männer geben Tipps, wie man in der SPD erfolgreich wird
Immer diese Frauenquotenparteien mit ihrem Sexismus! (Sicher nicht zufällig äußert sich Frau Banaszczuk in ihrem Jammertext nur am Rande zu Dennis Morhardt, der, wie sie immerhin selbst zugibt, auch nicht wesentlich weniger Arbeit und Lebenszeit in die Partei gesteckt hat als sie. Der ist nämlich auch kein hohes Tier in der SPD geworden, obwohl er gar keine Frau ist.)
Julia Seeliger (Grüne, oh the irony) fasst treffend zusammen:
Fühlt sich Sigmar Gabriel tatsächlich bedroht von jungen Frauen aus dem Internet? Wohl kaum. Und damit hat er recht. Ist ziemlich arschlochhaft, hier die Geschlechterkarte zu ziehen, wo doch gar keine notwendig ist. Aber klar: Yasmina könnte mit diesem populistischen Gepöbel gut Juso-Vorsitzende werden.
Yasmina Banaszczuk schloss ihren Artikel mit einem Versprechen:
Wenn eine andere Partei eine ernsthafte Option wäre, wäre ich dort schon längst.
Da haben wir Piraten noch mal Glück gehabt.
Am kommenden Sonnabend, dem 9. November 2013, ist die Reichskristallnacht genau 75 Jahre her. Wer an dem Tag jedenfalls abends noch nichts vor hat, den lädt der Sauna-Wellnesspark namens „Kristall“ zu einem entspannten Erlebnis ein, nämlich Romantik zu Feuerschein:

Ich nehme ja an, dort wird es weniger heiß hergehen als prophezeit. (Nachtrag von 12:53 Uhr: Sie haben es bemerkt. Schade.)
Viel heißer: Rock. Zum Beispiel von Tracer.
Guten Morgen!
Die Bundesregierung löst dann mal das Spionageproblem:
Die Bundesregierung will von der US-Regierung eine Zusicherung, dass amerikanische Geheimdienste künftig nicht mehr ohne Erlaubnis auf deutschem Boden technische Aufklärung betreiben.
(Hervorhebung von mir; E‑Mails von deutschen Bürgern dürfen also künftig nur noch im Ausland abgefangen werden. Gut gemacht!)
Was man für diese Erlaubnis tun muss, ist nicht bekannt; wahrscheinlich wird es genügen, vor Terror zu warnen. „Hallo, wir sind von der NSA, und die Terroristen wollen…“, und wenn sie’s halt notfalls selber sind. Tun sie es nicht, dann tun sie es nicht. Bei Zuwiderhandlung ist Frau Merkel jedoch sicherlich empört.
Nach einer solchen Zusicherung dürfte die NSA in Deutschland nicht mehr mit moderner Lauschtechnik abhören.
Muss ja auch nicht – die alte Lauschtechnik funktioniert ja auch immer noch. Immerhin wird auf die wirklich wichtigen Aspekte ausdrücklich Rücksicht genommen:
Teil des bilateralen Abkommens soll auch eine gegenseitige Zusicherung sein, nicht den jeweiligen Regierungschef zu überwachen.
Die schwammige „Zusicherung“ ist natürlich auch putzig ausgedrückt. Und: Den Rest der Leute halt schon.
Aber wahrscheinlich mache ich mir zu viele Gedanken. Wenn es ausländischen Spionen ausdrücklich verboten ist, in anderen Ländern zu spionieren, dann liegt es nahe, diese „Scheiße“ (Ronald Pofalla, anderer Zusammenhang) ein für allemal für beendet zu erklären. So einfach ist das!
Eigentlich sollte die Bundesregierung noch viel mehr schlimme Dinge verbieten, zum Beispiel Mord und Diebstahl. Dann hört das sicherlich auch auf.
Wenigstens haben bei all dem Wahnsinn in den Nachrichten ein paar Leute noch den Überblick behalten und wissen, wo die wirklich wichtigen Probleme liegen:
im teeladen „caliban“ frankfurter allee (fhain, berlin) hatten se ne teesorte „M*kopf“. ich hab d. angesprochen (erfolglos) noch wer bock?
Gemeint ist natürlich „Mohrenkopf“, ein Wort, das man als aufrechter Linker natürlich nicht schreiben darf, auch nicht als Zitat, und wer es trotzdem tut, der ist mindestens ein Verharmloser des Holocausts oder was eben gerade so in ist im rotierenden Beleidigungsfundus der Sprachweltverbesserer. (Ich würde ja gern mal einen von ihnen zum Bäcker begleiten. „Hallo, ich hätte gern einen… äh… einen schönen Tag noch!“)
Mohrenkopftee, dies sei kurz erläutert, ist – hihi, haha, hoho – ein Schwarztee, der geschmacklich wohl an die gleichnamige Süßspeise erinnern soll. Dass der Tee so heißt, hat also eher mit dem Gebäck als mit dem dunkelhäutigen Zeitgenossen unklarer aktuell zu bevorzugender Fremdbezeichnung zu tun, besagtes Teegeschäft („Caliban“) deshalb nun zu behelligen halte ich für nicht zielführend. Erschießt den Boten! Dass der Name „Mohrenkopf“ ungefähr so viel mit Rassismus zu tun hat wie der Name „Schwarzer“ (i.e. Alice), könnte zwar eine bedenkenswerte Information sein, aber der deutsche Michel empört sich eben gern.
Die Frage „Noch wer Bock?“ ist insofern auch eine recht interessante. Wie läuft das empörte „Ansprechen“ dann eigentlich ab – zahlreiche smartphonebewehrte Twitterer scharen sich um das Geschäft und verlangen eine Umbenennung oder sortimentsweiter Entfernung besagten Tees und werfen bei Zuwiderhandlung und/oder Nichtbeachtung Tomaten und/oder Eier ans Eingangsportal? So ähnlich läuft das doch bei Klamottenläden ab, sofern mich entsprechende Berichte in den Medien nicht völlig fehlinformierten. (Ich nehme an, ein Aufruf zum gleichzeitigen Boykott von Amazon ist auch bereits im Internet zu finden.) „Nie wieder darf etwas Leckeres einen politisch nicht korrekten Namen tragen.“
Ein Mohrenkopf ist – in manchen Regionen vielleicht anders bezeichnet – ein Gebäck, das mehr oder weniger wie ein Kopf geformt und mit Pudding gefüllt ist. Ich überlege gerade, woran mich das erinnert.
Zunächst die Wirtschaftsnachrichten: Das Finanzministerium der USA (das waren die hier) hat endlich den Schuldigen am verkorksten Weltwirtschaftssystem gefunden – Deutschland.
Die Gazetten dieses Landes berichten heute zwar nur wenig über so überflüssigen Käse wie das Wirtschaftssystem (dem geht’s doch gut, sofern man zum Beispiel in der Schweiz wohnt), dafür aber zahlreich über Gina-Lisa Lohfink. Selbige ist – ich musste das jetzt glücklicherweise recherchieren – erst als Teilnehmerin der abscheulichen Serie „Germany’s Next Topmodel“ (Platz 12), dann als Darstellerin in irgendeinem ominösen Erwachsenenfilm bekannt geworden; heute ist sie, wie es heißt, trotzdem irgendein „Topmodel“, was wieder einmal belegt, dass man für diesen Beruf nicht sonderlich gut aussehen muss.
Dabei ist sie, dies verkünden die Nachrichten, bescheiden geblieben:
(…) ich bin echt – bis auf meine Brüste, okay.
Und bis auf den überwiegenden Rest des Oberkörpers, aber so genau müssen wir das ja jetzt nicht nehmen. Journalismus in Deutschland (auch): Eigenlob irgendwelcher ehemals mittelmäßig „Prominenter“ unhinterfragt in die Klatschspalten schmieren. Dass sie echt ist, ist ansonsten natürlich erwähnenswert. Manchmal möchte man es lieber nicht glauben.
Ich weiß nun (ebenfalls glücklicherweise) nicht, was für eine Stimme Frau Lohfink hat, aber es fällt mir nicht leicht, mir obiges Zitat in einer anderen Tonlage als kurzatmigem Piepsen vorzustellen. Dazu stelle ich mir das Gefuchtel vor, das die Mädchen heutzutage offenbar von US-amerikanischen Popsternchen abgeschaut haben, und mein Bild von Gina-Lisa Lohfink ist perfekt.
Warum kurzatmiges Piepsen? Nun, als jemand, der auch wegen der menschlichen Katastrophen, die dort stattfinden, mit öffentlichen Verkehrsmitteln fährt, habe ich in letzter Zeit häufiger bemerkt, dass junge Mädchen, die beisammen sitzen und pausenlos plappernd über ihre Freundinnen lästern, zwecks Imitation derselben ihre Stimme mehrere Oktaven höher schrauben, sofern ihnen das möglich ist. Die Absurdität der Situation, dass Mädchen mit Piepsstimme eine noch piepsigere Stimme annehmen, um Zitate unliebsamer Zeitgenossinnen zu kennzeichnen (und liebsame Zeitgenossinnen scheint man im Alter von 14, vielleicht 15 Jahren nur zu kennen, wenn sie gerade in Hörweite sind), solltet ihr euch jetzt einfach mal vorstellen.
Mit dem Konjunktiv wäre Busfahren viel angenehmer.
(Eigentlich hatte ich für das Gepiepse einen viel ausführlicheren Artikel im Sinn, aber da ich vergessen habe, den aufzuschreiben, bleibt es nun bei diesem kurzen Aufreger. So.)
Noch etwas Politik mit Lesebefehl zum Abschluss: Nico Lumma, wohl das beinahe einzige SPD-Mitglied, das leidlich gut mit dem Internet umgehen kann, sülzte heute selbiges Internet damit voll, dass wir die Digitalisierung verschlafen hätten. Nico Lumma von der Vorratsdatenspeicherungs-SPD.
![]()