Im Zuge der so genannten “Energiewende” (wo doch schon die letzte “Wende” uns immer noch teuer zu stehen kommt) wetteifern deutsche Unternehmen momentan darum, das grünste aller Unternehmen zu sein, den Schadstoffausstoß also auf ein Minimum reduziert zu haben. Vorn mit dabei sind natürlich Personentransportkonzerne wie die Deutsche Bahn und die MFB MeinFernbus GmbH.
Dabei hat sich in letzter Zeit die merkwürdige Ansicht durchgesetzt, dass sich ein Fahrgast von dem Schadstoffausstoß, den er als Teil der Passagiergruppe zu verantworten hat, quasi freikaufen kann; nicht unähnlich dem Handel mit Ablassbriefen, quasi der Annullierung von Sünden mittels Geldes, wie es vor ein paar Jahrhunderten üblich war. Das Verfahren nennt sich allerdings inzwischen, weit weniger religiös, Klimakompensation:
Der Transfer der Kompensationszahlung zum Klimaschutz-Projekt wird mit sogenannten Zertifikaten gesteuert. (…) Wer Geld für ein Klimaschutzprojekt gibt, erwirbt solche Zertifikate. Der Vorteil dieses Prinzips ist es, dass Emissionen dort eingespart werden, wo es wirtschaftlich am günstigsten umsetzbar ist.
Klimaschutz klingt immer spitze, Ahnung muss man sowieso nicht haben, bereits die bloße Aussage “wir sind ein grünes Unternehmen” verursacht bei gläubigen Zuhörern feuchte Jutehöschen, und so wirbt zum Beispiel auch die MFB MeinFernbus GmbH für diese “Zertifikate”:
Zusätzlich können Sie als Fahrgast die durch Ihre Fahrt entstehenden CO2-Emissionen (sic!) mit einem individuell berechneten Betrag kompensieren und so vollständig klimaneutral sein.
Mit dem eingegangenen Betrag wird dann nicht etwa das Ozonloch zugetackert, sondern er wandert zur myclimate Deutschland gGmbH, die ihn dann in irgendwelche Umweltprojekte in Entwicklungs- und Schwellenländern (vielleicht Griechenland) investiert, wodurch in Deutschland zwar immer noch die Bäume eingehen, aber wenigstens die Wüste wieder blühen kann. Finanziert werden, so prahlt man auf der Website, etwa Biogasanlagen in Indien.
Biogasanlagen, den Leser mag’s interessieren, sind menschengemachte Maschinen, die Gemüse (oder Kuhdung, siehe Nachtrag) in Energie umwandeln und dabei nicht nur viele Vogelarten gefährden, sondern die Kohlenstoffdioxidbilanz obendrein nicht unbedingt verbessern:
Wird Weideland umgepflügt zum Maisacker, dann enthält der Boden zunächst viel Humus. Der darin gespeicherte Kohlenstoff verwandelt sich durch verstärkten Luftkontakt in CO2. Je nach Bodentyp können diese Emissionen so hoch sein, dass man jahrelang Bioenergiepflanzen darauf anbauen muss, um allein diesen Klimaeffekt auszugleichen.
Aber ’s ist eben grün. Da fragt keiner nach dem Wie und Warum und jeder zahlt gern etwas mehr für ein reines Gewissen.
Wie damals bei den Ablassbriefen.
Ich bin Superman und Batman und Spinne
und Hulk, aber schöner, ha! und grüner sowieso!
Ich bin grün und rot!
Die Ärzte: Ich bin reich
Nachtrag: Kai Landwehr von myclimate erklärt in den Kommentaren (hier unten drunter) den Unterschied zwischen Mais- und Kuhdung-Biogasanlagen. Interessenten mögen dies zur Kenntnis nehmen.

Du bist auch Zoni? Das war mir neu :p
_und_ Hulk
Klugscheißer! Du hast vollkommen Recht!
Hallo,
guter Schreibstil. Der Hinweis auf Griechenland scheint mir unnötig, aber sei’s drum.
Ein wenig an Information zu den Biogasanlagen wär aber gar nicht schlecht. Das Biogas in dne Anlagen aus Indien wird aus Kuhdung gewonnen, nicht aus Biomasse. Könnte man richtig stellen, so als Anregung.
Gruss aus Zürich
Kai Landwehr
myclimate
‘oi, Herr Landwehr,
der Hinweis auf Griechenland ist bewusst provokant und populistisch. Herzlich willkommen auf meiner Internetseite.
Ich bin kein Biofachmann (mag allerdings Atomenergie). Aber da Sie wohl vom Fach sind: Inwiefern ändert Kuhdung die monierte Energiebilanz von Biogasanlagen?
Hallo .tux,
danke für den herzlichen Empfang und sorry für die späte Rückmeldung.
Die Frage beantworte ich aber gerne.
Entscheidend ist immer der Vergleich mit “Was geschähe ohne”. Dort wo die Biogasanlagen gebaut und verkauft werden, kochen die Familien auf offenen Feuerstellen. Das Holz, das CO2 gebunden hat, kommt erstens von irgendwo her. Zweitens wird bei der Verbrennung das CO2 wieder freigesetzt.
Gleichzeitig liegt der Kuhdung einfach gesagt “rum”. Dabei entsteht Methan (hat einen recht hohen CO2-Äquivalent). Der Kuhdung (plus weitere, organische Abfälle, z.B. aus Latrinen) wandert in die Biogasanlage, die soviel Gas produziert, wie zum täglichen Kochen benötigt wird. Holz wird nicht mehr benötigt, was den Familien Geld und v.a. Zeit spart. Für die Gesundheit ist weniger Russ auch ganz gut… Schlussendlich ergeben die Fermentationsreste einen guten Dünger.
Das Modell der Biogasgrossanlagen, wie Sie/Du es beschreiben, funktioniert vollkommen anders. Das steht in dem Zeitartikel ja auch drin. Energieproduktion darf unserer Meinung niemals in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion stehen. HIer handelt es sich um Kleinbiogasanlagen — technisch relativ einfach i.ü. -, eine völlig andere Sache.
Besten Gruss,
Kai Landwehr
Guten Abend!
Dass CO2 in jeder Art von Biogasanlagen das Klima schädigt, ist also zumindest etwas, worin wir uns einig sind. — Da hinter diesen Biogasanlagen oft wirtschaftliche Interessen liegen (die Betreiber machen das ja sicher nicht nur für Luft und Liebe), wäre die nächste Frage natürlich, inwiefern die “theoretisch bevorteilten” Familien auch tatsächlich profitieren, ohne finanzielle oder lebensqualitative Einbußen hinnehmen zu müssen. Kein Ökonom handelt aus Menschlichkeit.
Wir können mit Eurem Einverständnis
hier gern beim Du bleiben. So wichtig nehme ich mich nicht.
Guten Tag,
und eijeijei, jetzt habe ich Deinen – gerne übrigens Du, meine Eitelkeit ist auch überschaubar – Einwand nicht registriert. Auch wenn die Diskussion nun seit mehreren Tage ruht, bin ich eine Antwort schuldig.
Zumal ich Deinen Punkt als Replik auf meinen Kommentar nicht ganz verstehe. Die Biogasanlagen, von denen ich sprach, sind geschlossene Systeme, das dort entstehende Methan entweicht nicht. Es wird über ein einfaches Rohr in das Haus geführt und dort zum Kochen eingesetzt. Die Menge des entstehenden Methans reicht zum Kochen pro Tag, bei besonderen Anlässen ist es tatsächlich zu wenig. Dieses Mehtan würde aus dem Kuhdung eh entstehen, allerdings ohne die Anlagen ungehindert in die Atmosphäre entweichen – hieraus errechnet sich ja die Einsparung.
Die Vorteile für die Familien liegen klar auf der Hand und sind sowohl ökonomischer Natur als auch lebensumstandsbedingt. Klar ist: die Anlagen und deren Errichtung kostet Geld. Der Kaufpreis für die Familien bedeutet schon eine gewisse Investition, die sich aber dadurch nach einer Zeit automatisch refinanziert, da die Familien eben kein Feuerholz mehr kaufen müssen. Ihren Kuhdung kriegen sie ja gratis. Das System funktioniert aber nur, weil der Betreiber die Anlagen den Familoen zu einem subventionierten Preis anbieten kann, da er seine Deckungslücke mit dem Verkauf der CO2-Reduktionszerfikate schliessen kann.
Mal ganz davon abgesehen, dass es menschliche Ökonomen, bzw. mit “Social Business” (unbedingt mal drüber schlau machen) ein grossartiges System hierfür gibt: Der Betreiber kann und darf mit seiner Idee Geld verdienen – im Gegensatz zu uns, da wir eine gemeinnützige Stiftung sind. Warum auch nicht, wenn alle Parameter stimmen. D.h. die Familien können die Anlagen zu einem vernünftigen Preis erwerben. Die CO2-Reduktionen werden streng geprüft, unabhängig verifiziert und validiert (das kostet i.ü. ordentlich Geld). Und, wir als Projektmitentwickler müssen die Zertifikate zu einem Preis anbieten können, den Abnehmer hier auch bereit sind zu zahlen. Das hat direkten Einfluss auf die Marge.
Ich muss Dir vermutlich nicht erklären, dass Du für äusserst bescheidene Beträge hier Reduktionszertifikate erwerben kannst. Diese sind meist in Folge von geringen Transaktionskosten und industrieller Dimensionen einzelner, sonst wenig nachhaltiger Projekte so günstig. Kunden, die aber bereit sind, bewusst mehr Geld auszugeben, entscheiden sich aus oben genannten Gründen für Projekte wie die unsrigen.
Gruss
kai
PS. Solltest Du hierauf mir antworten, verspreche ich, mich diesmal zügiger zu melden (was nicht bedeutet, dass ich unbedingt das letzte Wort haben muss…)
Ach, Kai, mach’ dir keine Sorgen. Ich sehe auch jetzt erst, dass du mir geantwortet hast.
(Manchmal dauert es etwas länger.) Außerdem ist ja niemand zu einer Antwort gezwungen. Das würde so vieles leichter machen.
Ich bin ja nicht so der Ökologieökonom — insofern muss ich deine Erläuterungen gerade unwidersprochen zur Kenntnis nehmen. Zu der Methansache also bis hierhin schon deswegen kein weiterer Einwand, weil mich die Informationsflut gerade überfordert. (“Social Business” halte ich allerdings eher für ein Oxymoron — schon, weil ich weiß, wie Menschen Entscheidungen treffen; meist zumindest hintergründig egoistisch.) Die “Faszination Öko” kann ich mir auch nur so erklären, dass es zur seelischen wellness beiträgt, viel Zeit und Geld in “grüne” Projekte zu investieren, egal, wie effizient sie letztlich sind.
Den Sinn von Reduktionszertifikaten stelle ich, wie dargelegt, ja sowieso in Frage. Wird auch nicht weniger Schmutz davon, dass man anderswo saubere Anlagen baut. (Wobei das mit der Sauberkeit auch noch zu hinterfragen ist.) Energiebilanz hin oder her, letztendlich ist das nicht anders als der Verkauf von Ablassbriefen zu bewerten. Hat auch einen ähnlichen Effekt — denn ob die Fabriken in Deutschland nun mit meinem oder ohne mein Geld zu viele Kohlenstoffverbindungen in die Luft pusten, ist letztendlich ja wurscht.
(Ich mag das zu kritisch sehen, aber vielleicht lerne ich ja noch, wo mein Denkfehler liegt.)