
(Abt.: Irgendwann muss ich das mal fotografieren, wenn ich nicht nur dran vorbeifahre.)

(Abt.: Irgendwann muss ich das mal fotografieren, wenn ich nicht nur dran vorbeifahre.)
Heute wird wie jedes Jahr der Kampftag der Arbeiterklasse zelebriert. Während einige Leute diesen Tag nutzen, um geräuschreich die NPD zu kritisieren, und andere der Ansicht sind, eine polizeilich genehmigte Kundgebung sei total revolutionär, haben zumindest die Gewerkschaftler und einige Parteien auch den früheren Sinn dieses Tages, nämlich die Vertretung der Rechte einfacher Arbeitnehmer, nicht vergessen.
Die Gewerkschaften wollen durch Mitbestimmung und Tarifpolitik die Lage der arbeitenden Menschen verbessern. (…) Denn nur gute Arbeit sichert gute Renten.
Deshalb fordern SPD und Gewerkschaften unter anderem dies:
- einen gesetzlichen Mindestlohn von mindestens 8,50 Euro – flächendeckend, in allen Branchen, in Ost und West
- die Verhinderung des Missbrauchs von Werkverträgen
- die Abschaffung der Möglichkeit, befristete Arbeitsverträge ohne Sachgrund abzuschließen
Dass die „8,50 Euro“ laut DGB, auf den die SPD sich hier stolz beruft, zu einem Einkommen unter der Armutsgrenze führen würden, sei mal gnädig verschwiegen, immerhin war von mindestens 8,50 Euro die Rede. (Gut, die SPD spricht ausdrücklich von „guter Arbeit für alle“, nicht von „gut bezahlter Arbeit für alle“, insofern kann man es ihr ohnehin nicht begründet vorwerfen.)
Dass die Agenda 2010 einen Reallohnverlust von etwa neun Prozent mit sich brachte, wie der dortige Kommentator „Garfield“ anmerkte, setzt den Forderungen von SPD und Gewerkschaften allerdings die Eselsmütze auf. Die Hartz-IV-Gesetzgebung machte die Verhinderung des Missbrauchs von Werkverträgen ebenso schwieriger wie die Abschaffung der Möglichkeit, befristete Arbeitsverträge ohne Sachgrund abzuschließen. Im Wesentlichen ruft also die SPD dieses Jahr dazu auf, gegen die Politik der SPD zu demonstrieren.
Nicht, dass wir das nicht sowieso tun sollten.
„Scheiße, ich frag‘ mich, welcher gottverdammte Zauber hält diese leere Hirnwaschkultur am Leben?“
– Slime: Unsterblich
Das Philosophiemagazin „Hohe Luft“, dessen Name sicher irgendetwas Tiefschürfendes zu bedeuten hat, stellt in seiner aktuellen Ausgabe die rhetorische Frage, ob der Tod wirklich das Ende des Lebens zu bedeuten habe, nur um sie sogleich zu verneinen. Was aber bleibt vom Leben?
Unsterbliche Figuren unserer Tage sind unter anderem der olle Jesus, Elvis, Andy Warhol und Marilyn Monroe. Ersterer ist vielleicht aufgrund der nicht zweifelsfrei gesicherten Geschehnisse separat zu betrachten. Fangen wir doch gleich mal mit ihm an. Jesus (der überlieferte, nicht einmal der historisch belegte, der vermutlich eher unspektakulär lebte und starb) ist heute unsterblich, weil ihm viele Wunder nachgesagt werden (eigentlich sollte Rasputin auch eine Religion bekommen) und die Kanonisierung des Neuen Testaments nur die vorteilhaften Geschichten über ihn kumulierte. Der Mythos Jesus wurde also künstlich aufgebaut, um eine Identifikationsfigur zu haben, die jahrhundertelang das stille Vorbild für die Christen sein sollte. (Aus gutem Grund sind außerkanonische Schriften heutzutage kaum verbreitet.) Diese Identifikationsfigur ist auch viele Jahrhunderte nach ihrem Tod den meisten Menschen in ihrem angeblichen Wirken bekannt; manche nennen es „Tradition“. Diese Art der Unsterblichkeit ist eine, die dem Unsterblichen ziemlich peinlich wäre, würde er irgendwann ins Reich der Lebenden zurückkehren, wie es ja immer wieder prophezeit wird. Wäre ich maßgeblich dafür verantwortlich, dass jahrhundertelang ziemlich unangenehme Kriege geführt würden, ich würde mich wohl prompt ein zweites Mal ziemlich tot fühlen.
Dieser Jesus also ist eine Ausnahme, denn er ist nicht unsterblich in dem, was er uns hinterlassen hat. Anders sieht es bei Elvis, Andy Warhol und Marilyn Monroe aus. Alle drei haben in ihrem Fachgebiet („Musik“, „Kunst“ und „Schauspiel“) Dinge vollbracht, an denen wir uns noch ein halbes Jahrhundert später direkt, ohne Umweg über verstaubte Bücher oder die stille Post, zu erfreuen vermögen, so uns denn der Sinn danach steht. Die machten’s, so „Hohe Luft“, offenbar richtig: Sie schufen mehr oder weniger Großes für die Nachwelt, die wohl noch über mehrere Generationen hinweg das Loblied der Erschaffer singen wird.
Wir aber, was wird aus uns, die wir nicht viel erschaffen, was von Wert ist? Unsere Tweets werden irgendwann genau so verschwinden wie unsere längeren Texte, unsere gelesenen E‑Books, unsere E‑Mails. Nur das E‑Government werden wir nicht mehr los. Unsere Nachfahren werden vielleicht noch unsere Plattensammlung bewundern, unsere Büchersammlung, vielleicht gar etwas daraus in den eigenen Bestand übernehmen und sich daran erfreuen. Als Menschen jedoch werden wir wohl überwiegend schlicht weg sein. Und warum sollte uns das stören?
Warum strebt der Mensch danach, nach dem Tod noch etwas zu bedeuten? Vielleicht ist es die Verzweiflung, die Weigerung zu akzeptieren, dass das Leben umsonst gewesen sein soll. Leben, um unsterblich zu werden, erscheint mir allerdings etwas unvollkommen. Jemand, der immer nur nach Einfluss, Bekanntheit oder sonstiger Macht strebt, findet nebenbei nur schwerlich Zeit, an seinem Leben aktiv teilzunehmen. Was muss ein solcher Mensch nur für ein Leid erdulden! Nein, zum Idol sollten wir ihn uns nicht machen, vielmehr seinen Tod als mahnendes Beispiel ehren: Seht ihn an, den erfolgreichen Menschen! Auf dem Weg zur Unsterblichkeit versäumte er es zu leben, und nun ist er auf ewig gefangen in seiner Berühmtheit und weiß doch nichts mehr daraus zu machen als seinen Erben das Leben zu verkomplizieren.
Diese Menschen wollen nicht unsterblich über den Tod hinaus werden, sie wollen diese Unsterblichkeit bereits zuvor genießen können. Die 15 Minuten Ruhm, die Andy Warhol jedem Menschen prophezeite, wollen genossen und ausgelebt werden. Ich kann mir zwar vorstellen, dass es eine erlebenswerte Erfahrung ist, wenn man auf der Straße erkannt und freudig umjubelt wird, aber ist das bereits diese Unsterblichkeit, die bereits Kant in Grundzügen verstand?
Tatsächlich sollten wir unsere eigene Sterblichkeit nicht zu besiegen versuchen, sondern jeden Tag auf’s Neue vor unsere Augen halten, denn jeder verstrichene Tag ist eine vertane Chance. Ihr solltet das nutzen.
(Und ich sollte aufhören, Philosophiemagazine zu lesen.)
„Das letzte Hemd hat keine Taschen, er nimmt bestimmt nichts mit.“
– Die Toten Hosen: Ehrenmann
Tatsächlich kann so ein Montag ja dann auch nichts dafür, wenn man Sonntag abends zurückkehrt und der Sod brennt; der Sitz der Seele ist beim Mann offenkundig der Verdauungstrakt und nicht der Penis, jedenfalls verlebt man hin und wieder so ein Wochenende voller Obs, Wenns und vor allem Abers in einem obendrein fremden Land und lässt sich unbemerkt mitreißen. Die immens relevante Lektion, vor’m L(i)eben zu lernen, lautet nicht „Zähne putzen, dann ins Bett“, sondern „einfach mal was (zum Beispiel sich) fallen lassen“, nur echt und ehrlich ohne Netz und doppelten Boden, denn manchmal zumindest stammt die Tiefe aus den Augen und nicht aus dem Sinn und der Sinn wiederum ebenfalls aus ihnen, und alles (steht und) fällt mit dem Moment, der sich partout weigert zu überdauern. Ein Loblied dem (elenden) Verstand und der verdammten Menschlichkeit.
I keep on fallin‘ (Alicia Keys), denn wenn man schon sein Innerstes nach außen kehrt, dann wenigstens so, dass man niemanden vollkotzt außer halt sich selbst. Sehnsucht ist, wenn man trotzdem lacht (und lebt und dergleichen, cv. Herbert Grönemeyer, „Mensch“). Aber der Montag ist ein leichterer Gegner als das morgendliche Spiegelbild.
You’re just fooling yourself again bzw. eben don’t take love for granted, wie immer ohne Gewähr. Superzahl: Null.
Guten Morgen.
Behindertenparkplätze sind eine bemerkenswerte Erfindung des Sozialsystems, dienen sie doch meist dazu, es gebrechlichen – vulgo eben behinderten – Personen zu ermöglichen, ohne einen allzu großen Umweg die Strecke vom Parkplatz zum gewünschten eigentlichen Ziel zurücklegen zu können. (Ähnliches gilt für Frauenparkplätze.)
„Wie behindert muss man sein?“ ist in der Jugendsprache eine häufige Floskel. Nun: Wie behindert muss man sein? Voraussetzung zur Nutzung eines Behindertenparkplatzes ist eine außergewöhnliche Gehbehinderung. Das Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales etwa erklärt:
Außergewöhnlich gehbehindert ist die Person, die sich wegen der Schwere ihrer Behinderung dauernd nur mit fremder Hilfe oder nur mit großer Anstrengung außerhalb eines Kraftfahrzeuges bewegen kann.
Dies scheint nur zu gelten, wenn beide Beine komplett fehlen:
Nur noch ein Bein zu haben reicht nicht aus, um auf Behindertenparkplätzen parken zu dürfen. Das hat das Landessozialgericht Sachsen-Anhalt entschieden.
„Sie sind doch nicht behindert, Sie haben doch immer noch ein Bein!“
Ich würde ja sagen, diese Argumentation steht auf wackligen Beinen.
Ein evidentes Beispiel dafür, dass Ergebnisse von (zumal politischen) Umfragen schon aufgrund ihrer Fragestellung auch dann nicht repräsentativ sind, wenn man „repräsentative Umfrage“ drüberschreibt, hat ZEIT ONLINE – nur echt mit Brüllbuchstaben – Mitte voriger Woche so unauffällig publiziert, dass erst dieser Tage jemand (zum Beispiel das Handelsblatt) daraus zitiert.
Demnach könnten sich 27 Prozent der (befragten) Deutschen vorstellen, die neue Partei „Alternative für Deutschland“ zu wählen, was versehentlich für eine Wahlprognose gehalten wird.
Ich zum Beispiel kann mir auch vorstellen, die CDU zu wählen. Ich würde es trotzdem unter keinen Umständen freiwillig tun. Ich kann mir sogar vorstellen, wie es wohl aussieht, wenn Jesus Christus auf einem mit einer Laserpistole bewaffneten Dinosaurier auf die Erde zurückkehrt (nämlich ziemlich lustig). Der Fantasie sind nur selten physische Grenzen gesetzt.
Denkt daran, wenn ihr nächstes Mal eine Wahlprognose lest. Und an Dinosaurier.
Noch’n Musikartikel, da ich gerade in der Stimmung dazu bin. Momentan erfüllen die Geräusche auf „Wildlife“, dem 2011 veröffentlichten zweiten Album des US-amerikanischen Quintetts La Dispute, den Raum. Der Bandname stammt angeblich von der Komödie gleichen Namens, in der es irgendwie um Partnertausch oder so geht. „La dispute“ heißt auf Deutsch (ebenfalls angeblich) „der Streit“, und so klingt „Wildlife“ auch.
In der Wikipedia fabulieren die Autoren irgendwelche Genres, „Screamo“ und „Post-Hardcore“ und sonstiges, herbei. Nun, ich behaupte: Genres existieren nicht. Ein gutes Beispiel ist der Postrock (manchmal auch „Post-Rock“ geschrieben). Sigur Rós machen Postrock, Talk Talk machten Postrock, Mogwai machen Postrock. Was sagt das über den Postrock aus? Richtig: Nichts.
„Screamo“ also. Dabei scheint es sich um eine Art „Emomusik“ zu handeln, also Musik mit verzweifelten, weinerlichen Texte, die gern geschrien (scream) werden. Das ist nun weniger schrecklich als es sich anhört und kann oft auch zu erstaunlichen Entwicklungen führen; die ziemlich großartigen …And You Will Know Us by the Trail of Dead haben mit „Fake Fake Eyes“ am Anfang ihrer Karriere auch ähnliche Musik aufgenommen und sind inzwischen zu einer überdurchschnittlich guten Musikgruppe zwischen den Genres avanciert. Auch Tocotronic, die sympathisch dilettantische Rockband, ist oft nicht fern. Kritiker würden „Wildlife“ als „Geschepper mit Geschrei“ zusammenfassen. Aber so leicht ist das nicht.
Das „Geschepper“, anderswo „unglaublich filigrane Gitarrenarbeit“ genannt, entwickelt einen spröden Charme, wie man ihn auch von den wirklichen Glanztaten von Nirvana („Milk It“) kennt. Die Verbindung zur Emo-Szene (etwa Jimmy Eat World) wird schon dadurch gekappt, dass La Dispute gar nicht erst versuchen, den Ansprüchen der Radio- und Fernsehsender zu genügen. Als „Referenzen“ werden da auch schon mal At The Drive-In, vielen bekannt als Keimzelle von The Mars Volta, genannt, was schon eher passt.
Zumal sowieso eben die Texte im Vordergrund stehen: „Can I still get into heaven if I kill myself?“ („King Park“). Zugegeben: Diese Art von Texten gefällt nicht jedem und entspricht vielleicht auch nicht unbedingt dem Ideal eines Musikalbums, das man gern und immer wieder hören möchte. Andererseits ist das inzwischen ja auch egal, bedenkt man, dass im Radio tagein, tagaus noch ganz andere Lieder laufen; sei’s Lou Reeds „Walk On The Wild Side“ („in the backroom she was everybody’s darling / but she never lost her head / even when she was giving head“), sei’s Inner Circles „Sweat“ („girl I want to make you sweat / sweat till you can’t sweat no more / and if you cry out / I’m gonna push it / push it, push it some more“), um fröhliche Sommerspaßtexte geht es den Medien nicht. Wer achtet auch auf so was?
Und so wird auch wieder völlig untergehen, dass wir es hier mit einem Konzeptalbum zu tun haben:
Wie ein roter Faden ziehen sich „A Departure“, „A Letter“, „A Poem“ und „A Broken Jar“ durch das Album: Diese Songs präsentieren die verzweifelte und verlorene Existenz eines Erzählers, der eine andere Person zu erreichen versucht und dabei sowohl an sich selbst als auch an den Umständen scheitert und zerbricht. Die Wortlosigkeit und die beredte Sprachkrise hinsichtlich des Verlusts der eigenen Identität und des verzweifelten Versuchs ein geliebtes Gegenüber zu erreichen wurde wohl selten derartig emotional und herzzereißend formuliert und vorgetragen. Songs wie das herausragende „The Most Beautiful Bitter Fruit“ sind ebenso persönliche Geschichten und loten dieses Feld in einem breiteren Kontext weiter aus.
Wer vorgenannte vergleichbare Musikgruppen mag, allgemein ein Freund vertonten Liebeskummers ist oder auch nur ein wenig Krach benötigt, der sollte hier unbedingt mal reinhören. Fest steht: „Wildlife“ ist sicherlich kein Album für einen entspannten Feierabend.
Aber wer will sich schon immer nur entspannen?
Ihr habt es wahrscheinlich bereits mitbekommen: „Ausgerechnet“ (Augsburger Allgemeine, RP Online, SPIEGEL ONLINE) Fußballfunktionär Ulrich „Uli“ Hoeneß, der 2005 angeblich der widerwärtigen „BILD“ mitteilte, er wisse, dass das doof sei, aber er zahle weiterhin Steuern, hat nun beschlossen, doch lieber nicht doof zu sein, und sich selbst wegen Hinterziehung einer Kapitalertragsteuer angezeigt. Das Wort „Kapitalertragsteuer“ scheint auch so ein Problem der Reichen zu sein, mein Kapital zum Beispiel ertrage ich oft nicht. Mit denen möcht‘ ich nicht tauschen!
Von Steuerhinterziehung ist ja häufiger in den Nachrichten zu lesen. Bekannt wurde 2011 etwa der Fall einer Hausfrau aus Wassenberg, die es versäumt hatte, das Finanzamt über eine größere Erbschaft zu informieren. Die Frau wurde zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. In der medialen Berichterstattung wurde, so weit ich das sehen kann, über diesen Fall weitgehend nüchtern und sachlich informiert. Anders sieht es aus, wenn jemand wie „ausgerechnet“ Ulrich „Uli“ Hoeneß Steuern hinterzieht. Das betrifft dann keine Hausfrau, sondern Herrn Hoeneß selbst. Vielleicht kann er so niedlich gucken; nach medialem Dafürhalten ist er dann jedenfalls kein Verbrecher. Er ist laut Frankfurter Rundschau etwas ganz anderes:
Uli Hoeneß, Manager und Präsident des FC Bayern München, ist ein Steuersünder.
Der Herr hat eine beeindruckende Karriere hinter sich: „Erfolgreicher Wurstfabrikant und Fußball-Manager – und nun Steuersünder?“ (RP Online); in Kurzform eben auch: „Ein Saubermann wird zum Steuersünder“ (Hamburger Abendblatt). Ein solcher Sündenfall geht schon traditionell auch an der Christlich-Demokratischen Union nicht vorüber: Kanzlerin Merkel (ist) enttäuscht von Steuersünder Hoeneß und distanziert sich von Steuersünder Hoeneß.
Und so wird „Steuersünder Hoeneß“ (WAZ), sofern denn seine Selbstanzeige überhaupt berechtigt war, vom Dieb – Steuerhinterziehung ist letztendlich nur Diebstahl ohne physischen Transfer – zum Sünder. Während Diebe in der Gesellschaft eher wenig willkommen sind, sind Sünden beinahe Voraussetzung, um gleichberechtigt an ihr teilnehmen zu dürfen. Und wie leicht das ist!
Ein durchschnittlich aufmerksamer Mensch sollte in den letzten paar Jahren aus Werbung und akzeptablen Medien nämlich allerlei über Sünden erfahren haben und längst wissen, wie schwierig es ist, nicht zum Sünder zu werden: Schokolade ist eine Sünde, Häkeln ist eine Sünde, Metal ist eine Sünde, Gummibären sind eine Sünde, Kaffee ist eine Sünde, Sexualität vor der Ehe ist eine Sünde, Liebe ist eine Sünde, Abtreibung ist eine Sünde, Alkoholgenuss ist eine Sünde, ausbleibender Alkoholgenuss ist auch eine Sünde, alle Untugend ist Sünde und offenbar ist auch Steuerhinterziehung eine Sünde. Zum Glück ist wenigstens eines keine Sünde: Micky Maus.
Wenn also allgemein in dieser vorgeblich säkularisierten Medienwelt darauf bestanden wird, „Uli“ Hoeneß sei kein Dieb, sondern ein Sünder, wäre es dann nicht vielleicht angebracht, anstelle des Finanzamts die Inquisition zu benachrichtigen? Ein positiver Nebeneffekt wäre es, dass die Zahlungsmoral mittels sanften psychischen Drucks deutlich steigen dürfte. Das hat doch früher auch funktioniert.
„I’m a winner, I’m a sinner / Do you want my autograph?“
– Supertramp: Take A Look At My Girlfriend
Henri Marie Raymond de Toulouse-Lautrec-Monfa war ein französischer Maler und Grafiker des Post-Impressionismus im ausgehenden 19. Jahrhundert. Warum sich eine Musikgruppe nach diesem Herrn benannt hat, weiß ich nicht. Die Namenswahl war vermutlich irrational.
Und nein, eine blödere Überleitung ist mir nicht eingefallen.
Guten Morgen.
Ein ziemlich merkwürdiges Phänomen zieht sich durch die so genannten „sozialen Netzwerke“.
Dort ist es, sei es nun per „Pinnwand“, „Gästebuch“ oder „Zeitachse“, möglich, jemandem (Einzelpersonen oder einer ganzen Personengruppe) kurze Nachrichten, aber auch Bilder zu hinterlassen. Während kurze Texte als Bildunterschrift durchaus gelegentlich Sinn ergeben (etwa für (De-)Motivational Posters), stammt die etwa im Blog „Sheng Fui“ praktizierte Eigenart, ganze Texte als Grafik einzubinden, noch aus der Zeit, als Webfonts (also vom Webdesigner bereitgestellte Schriftarten) noch nicht verbreitet waren, es jedoch gelegentlich nötig war, einen Text auf jedem System in identischer Formatierung anzuzeigen. (Dass auch vergleichsweise kleine .gif-Grafiken in einer Zeit der analogen Modems im Vergleich zu reinem Text nicht gerade schnell geladen und angezeigt wurden, hinterfragt die damaligen Angewohnheiten insbesondere.)
Vorhin stieß ich über allerlei verworrene Umwege auf den hier aus datenschutzrelevanten Gründen nicht verlinkten (immerhin jedoch öffentlich einsehbaren) Facebook-Account „Mein Kopfkino ist der reinste Pornoschuppen“. Hierbei scheint es sich um ein reines Spaßkonto zu handeln, dessen Aktivitäten darauf beschränkt sind, unfassbar dumme Sprüche (ähnlich wie „Mein Kopfkino ist der reinste Pornoschuppen“) in Bildform zu publizieren.
Dort finden sich zum Beispiel folgende witzige Bildchen:
Nicht erst in der Vergrößerung gut zu erkennen sind die JPEG-Artefakte, die der Sinnlosigkeit des Vorhabens, eine geringe Textmenge in eine Grafik einzubinden, die keinen qualitativen oder pointenbezogenen Mehrwert mit sich bringt, eine weitere Nuance hinzufügen. Falls hier einer derjenigen, die diesem Facebookaccount gelegentlich ihre Aufmerksamkeit schenken, mitliest: Was soll der Quatsch?
Selbst, wenn man dem barrierefreien Web keinen Vorschub leisten möchte (Bilder können halt nicht vorgelesen werden), ist derlei Tun höchst absurd. Der einzige erkennbare „Vorteil“ der Verwendung eines Bildes ist, dass es sich optisch von reinem Text abhebt. Dumme Sprüche wie „Hast du mich gerade geblickfickt?“ (siehe oben) würden auch in einen Tweet passen, jedoch unter Umständen im allgemeinen Rauschen sofort untergehen. Warum man allerdings wollen sollte, dass solche (nicht mal besonders amüsanten) Klowandsprüche besondere Aufmerksamkeit auf sich ziehen, ist mir ein Rätsel.
Anders ausgedrückt: Hört auf damit. Ihr habt das Internet nicht verstanden.
(Und ja, ich habe tatsächlich kurz darüber nachgedacht, diesen Text als Bild einzufügen.)
„Black Oni“ ist das sechste Studioalbum der 1994 gegründeten britischen Musikgruppe „Guapo“, die auch schon mal mit Ruins und Cerberus Shoal zusammen musiziert haben. Wer diese Bands kennt, der weiß, was er hier zu erwarten hat. Zur Etymologie: Ein Oni ist in der japanischen Mythologie eine Art Monster oder Dämon gut- oder böswilliger Natur. Ob ein schwarzer Oni etwas anderes tut als ein andersfarbiger, ist mir nicht geläufig. Hübsch ist er jedoch eher nicht.
Zurück zum Album: Bereits das cover, ein Schwarzgraubild eines entwurzelten Baumes mitten im Wald, lässt hoffen. Fröhlichen Indiemist möge man bitte woanders suchen.
Und tatsächlich: Es beginnt mit bedrohlich anschwillenden Geräuschen, elektronisch und nach der Vertonung der Arbeit in einer Metallfabrik klingend. Ein Pfeifton gesellt sich dazu, der nach etwa zwei Minuten, kurz bevor dem Hörer der Kopf platzt, seine Klimax erreicht. Es folgen etwa eine Minute lang Bass, Schlagzeug und merkwürdige Gitarre, anschließend wieder Fabrikgeräusche.
Geradliniger verläuft da schon Stück 2 („II“), das von einem treibenden Schlagzeug und einem für mich als Laien nicht sofort zu identifizierenden Tasteninstrument geführt wird. Es wechseln sich immer wieder die Stimmungen, Spannungsbögen werden immer wieder neu errichtet. Das Mellotron, das bis dahin nur sporadisch zu identifizieren war, hat seinen großen Auftritt jedoch im folgenden Stück „III“, das in einem wahren Zeuhl-Feuerwerk (leider ohne Gesang) endet. Mellotron? Ja, King Crimson (insbesondere die Improvisationen der frühen 1970er Jahre) lugen hier und da ums Eck.
Nach dieser Explosion ist Stück Nummer 4 („IV“), ein waberndes, elektronisches Klanggemälde, das Freunden früher Krautrockprotagonisten wie Klaus Schulze oder Tangerine Dream zusagen könnte, gleichsam die Ruhe nach dem Sturm; oder vor ihm? Das abschließende – na, wer errät es? richtig – „V“ ist wiederum unvermittelt einsetzender Retro-Prog mit allerlei Synthesizer-Finessen, der mit steigender Dauer („V“ ist immerhin knapp 13 Minuten lang) an Geschwindigkeit abnimmt und über einen Doom-Mittelteil wiederum im Kraut(-rock) endet.
Ihr seht: „Black Oni“ als Ganzes stilistisch einzuordnen ist nicht leicht. Ich erkenne Postrock, Zeuhl, Space-/Krautrock und das altbekannte RIO/Avant. Artverwandt? Gong, King Crimson, vielleicht auch Frank Zappa. Der geht als Vergleich ja immer. Allen Stücken gemeinsam ist der fehlende, nein, ausbleibende Gesang. Schlimm? Nein. Im Gegenteil: Ich mag es. Und ihr solltet das auch tun.
Zwei Säue wurden mit großem Tammtamm diese Woche durch’s Dorf getrieben, und es werden voraussichtlich nicht die letzten bleiben. Da ich empfahl, Nachrichten zu meiden, fasse ich die Geschehnisse im Folgenden kurz zusammen.
Sau Nummer eins: Die geschlechtergerechte Erneuerung der Straßenverkehrsordnung. Denn – Stichwort „PiratinnenKon“ – wir erinnern uns: Bereits in der Alltagssprache werden Frauen offensiv mittels patriarchalischer Konstrukte wie dem generischen Maskulinum aktiv unterdrückt. Nachdem das sittenwidrige Zeichen „Mann mit Kind“ bereits 1971 durch ein offenbar okayes „Frau mit Kind“ ersetzt wurde, wird jetzt auch die Sprache der StVO aktuellen Bedürfnissen angepasst. Dass es der Fußgänger heißt, ist so böse sexistisch, dass es einen untragbaren Zustand darstellt. Die Lösung: Eine möglichst komplizierte Umschreibung des Subjekts im Satz. Natürlich ohne „man“, denn das klingt wie „Mann“, und das ist bekanntlich böse. Nein, das geht besser:
Damit Frauen ab jetzt von der verkehrspolitischen Amtssprache mitgemeint sind, heißt es jetzt nicht mehr „Fußgänger“, sondern „wer zu Fuß geht“.
Denn „wer etwas tut“, ist selbstverständlich unbekannten Geschlechts. Schon Luther schrieb:
Als sie nu anhielten jn zu fragen / richtet er sich auff / vnd sprach zu jnen / Wer vnter euch on sunde ist / der werffe den ersten stein auff sie.
Ach so, „wer“ ist (noch) auch ein fies maskulistisches Wort? Dann will ich mal nichts gesagt haben. Aber wenigstens ist der patriarchalische „Fußgänger“ ausgemerzt.
Sau Nummer zwei: Bomben in Boston. Irgendein Knallkopf (schon wieder so ein fies maskulistisches Wort!) hat am Montag während eines Marathonlaufs in Boston zwei Bomben gezündet, es gab mindestens drei Tote. Das Resultat war vorhersehbar, die deutschen Medien kennen seit Tagen kaum ein wichtigeres Thema. Wer tue denn so etwas, warum tue er (merke: im Verbrechensfall gilt offenbar das generische Maskulinum) es, und überhaupt wurden Kinder gefährdet, Kinder!, das sei geradezu bestialisch.
Etwa zur gleichen Zeit explodierten im Irak diverse Autobomben, rund 40 Menschen seien getötet worden, heißt es. Die tagelange Trauerbeflaggung der deutschen Medien blieb trotzdem aus. Ach, dort ist sowieso Krieg, da sterben ständig Leute, das ist normal und keine Meldung wert? Dann ziehe ich meinen Einwand natürlich zurück.
Irgendwo muss so eine Gesellschaft ja auch ihre Prioritäten setzen. Oink!
Letzte Woche mutmaßte ich, es gebe ein Feindbild Jugend. So weit, so begründet. Heute nun schrieb Nutzerin „07elfe“ folgenden Tweet:
Solange ich nicht Mutter bin, darf ich selbst das Kind bleiben, so seh ich das.
Während mir nicht ganz klar ist, wie viel Humor in diesem Tweet steckt, lässt er mich doch nachdenklich werden. Ist das Selbstbild werdender Eltern tatsächlich, dass die Zeit für Jux nun vorüber ist? Wie trostlos muss es sein, nicht mehr Kind sein zu dürfen, weil man voll aufgeht in der Rolle des Vorbilds! Natürlich ist es für die Entwicklung eines Kindes als nicht kompatibel mit gesellschaftlichen Normen anzusehen, wenn die Eltern bedröhnt durch den Tag wandeln und gelegentlich fluchen und/oder unschöne Dinge tun, zum Beispiel alte Menschen schubsen oder BILD „lesen“.
Aber warum sollte man den Normen stets entsprechen?
Das staatliche Idealbild eines Menschen ist der Jasager, der sein spießiges kleines Leben unter dem Damoklesschwert der Normen verbringt. Wer sich danebenbenimmt, begeht damit sozialen Selbstmord oder begibt sich zumindest freiwillig in die Quarantäne. In diesen Trott gilt es nicht zu verfallen. Warum sich selbst den Spaß nehmen lassen?
So ungern ich das auch an dieser Stelle zugebe, aber die Serie „Gilmore Girls“ habe ich kurzzeitig verfolgt. Eine alleinerziehende Mutter in einer sitcom führt zwar wahrscheinlich ein meist etwas anderes Leben als die deutsche Hausfrau mit vorübergehend vollständiger Familie, aber es gilt zu erkennen, wo die Überschneidungen liegen können. Wem ist geholfen, wenn der eigene Nachwuchs seine Vorfahren für langweilig, für wenig nachahmenswert hält? Letztendlich möchte man in einer Phase seines Lebens oft anders sein als seine Eltern, denn die sind normalerweise nicht cool. Warum nicht positiv überraschen?
Der Hedonismus ist wahrlich kein schlechter Ratgeber, wenn die Lebensführung selbst einen Führer braucht. Das Leben ist zu kurz für Kompromisse mit sich selbst. Wenn man anders sein, seine Kinder besser erziehen will als man es selbst in der Kindheit erfahren hat, warum dann nicht mit Konsequenz? – Tatsächlich sollte man stets ein Kind bleiben, um seine eigenen Kinder zu verstehen. Nur wenig verführt mehr zu Missetaten als der Reiz des Verbotenen und das Bewusstsein, dass das, was man tut, die Eltern ziemlich verärgern würde, wären sie dabei.
So ist auch erklärt, warum die Jugendlichen, die lieben Jugendlichen, aus erwähntem Vorbeitrag stets die Bösewichte sind, deren Treiben es Einhalt zu gebieten gilt. Natürlich nämlich waren die Erwachsenen, die Spießer unter dem Schwert, niemals jung, hatten niemals Spaß. Spaß war damals unter Strafe verboten. Beatmusik wurde natürlich nicht gehört, die Röcke blieben immer unten, die Schuhe an den Füßen, und an Drogen war damals nicht zu denken; der anständige Jugendliche von früher trank natürlich nur Kräutertee und hatte Spaß mit Büchern und Wandern. In wessen Drogenhalluzination diese Wirklichkeit sich einst befand, ist mir jedoch nicht bekannt.
Wer ein Vorbild für ein Kind sein will, muss zunächst einmal in der Lage sein, selbst Kind zu sein; wer will schon ein Kind haben, das sich benimmt wie seine Erzieher?
Wenn es obendrein wohlerzogen ist und im Bus und in der Bahn auch mal die Klappe hält, fände ich das ziemlich spitze. Es wäre mir eine große Freude, hierfür den Auslöser geliefert zu haben. Die Blagen gehen mir nämlich wirklich enorm auf die Nerven.
Letzte Woche im Guardian, übrigens:
Nachrichten sind schlecht für Sie, und wenn Sie aufhören, sie zu lesen, werden Sie glücklicher.
Schon das erste Argument (frei übersetzt) gefällt mir:
Nachrichten führen in die Irre. Betrachten Sie folgendes Ereignis: Ein Auto fährt über eine Brücke, und die Brücke bricht zusammen. Worauf konzentrieren sich die Medien? Das Auto. Die Person im Auto. Woher sie kam. Wohin sie fahren wollte. (…) Aber das alles ist irrelevant. Was ist relevant? Die strukturelle Stabilität der Brücke. (…) Aber das Auto ist auffällig, es ist dramatisch, es ist eine Person (nicht abstrakt), und es ist eine Neuigkeit, die billig zu produzieren ist. Nachrichten verleiten uns dazu, mit einer völlig falschen Risikokarte in unseren Köpfen herumzulaufen.
Unbedingt lesenswert.
Und weil Montag auch nur die Nachtruhe der Irrationalität einläutet, ist er andererseits der Beginn des final countdown, des letzten Runterzählers bis zur weiteren Eskalation.
Überhaupt, Eskalation.
… ein Weltgebäude ohne Wände, so viel Platz muss sein,
einen Morgen ohne Kater, ohne Reue, nicht allein.
Guten Morgen.