In den Nachrichten
Medienkritik in Kürze: Das kürzeste Jahrhundert der Welt.

Die meiste Jahrhun­dert­flut aller Zeit­en rollt durch das deutschsprachige Inter­net (ich berichtete). Und weil der Umstand, dass Großstädte seit Tagen meter­hoch unter Wass­er ste­hen, offen­bar ohne irgendwelche ‑lative nicht gut genug verkauft wird, müssen eben Übertrei­bun­gen her­hal­ten.

Insofern kann man Denise Peik­ert von der FAZ zu ihrem Jahrhun­dert­text nur beglück­wun­schen, bedarf­sweise begleit­et von sarkastis­chem Jahrhun­der­tap­plaus:

Als 2002 schon ein­mal eine Jahrhun­dert­flut durch Dres­den rollte, stieg Sebas­t­ian Kretschmar in seine Wattho­sen und zog los.

(Her­vorhe­bung von mir.)

Möge das Gelächter noch jahrhun­derte­lang nicht verklin­gen!

PolitikIn den Nachrichten
Schmalhans des Tages: Ulf Homeyer, Junge Union Hessen

Dieser Artikel ist Teil 7 von 18 der Serie Schmal­hans des Tages

Zu den unan­genehmen Gewal­texzessen anlässlich der “Blockupy”-Proteste in — unter anderem — Frank­furt merkt die Junge Union Hes­sen — wer son­st? — an:

Beson­ders erschüt­tert sei man von der Welle der Sol­i­darisierung mit gewalt­täti­gen Link­sex­tremen, die ver­mummt und bewaffnet zu ein­er ver­meintlich friedlichen Demon­stra­tion gekom­men seien. „Nie­mand darf der Illu­sion ver­fall­en, dass es sich dabei um friedliche Aktivis­ten gehan­delt hat. Wer mit Farbe gefüllte Glas­flaschen auf Polizis­ten wirft, nimmt schw­er­ste Ver­let­zun­gen in Kauf“, so der stel­lvertre­tende Lan­desvor­sitzende Ulf Home­y­er.

Waren es nicht die hes­sis­chen Polizis­ten, die ver­mummt und bewaffnet zu ein­er ver­meintlich friedlichen Demon­stra­tion gekom­men sind? Das sind also alles gewalt­bere­ite Link­sex­treme! Von denen sollte man sich dis­tanzieren!

Die Forderung der Grü­nen Jugend Hes­sen nach ein­er Kennze­ich­nung der Polizis­ten sei blanker Hohn. Man dürfe nicht vergessen, dass bei dem Ein­satz am Woch­enende Polizis­ten zum Teil schw­er ver­let­zt wor­den seien – unter anderem wurde ein Beamter mit einem Schrauben­zieher ange­grif­f­en und ver­let­zt.

Die Ver­anstal­ter sprechen von mehreren Hun­dert Ver­let­zten, davon einige bewusst­los. Die Polizei gibt an, dass 21 Polizis­ten ver­let­zt wur­den. Klar­er Fall: Hier haben sich einige Hun­dert dieser radikalen Link­sex­trem­is­ten selb­st Ver­let­zun­gen zuge­fügt, um das Anse­hen der ehrbaren Polizei zu schmälern. Wo soll das nur hin­führen?

„Wer gewalt­tätige Link­sex­treme in ein­er solchen Art und Weise in Schutz nimmt dis­qual­i­fiziert sich von jeglich­er poli­tis­chen Diskus­sion“, so die JU Hes­sen, die sich seit jeher gegen jeglichen Extrem­is­mus ausspricht.

Die gewalt­täti­gen Link­sex­tremen waren, wenn ich mich recht entsinne (siehe oben), die hes­sis­chen Polizis­ten, richtig? In Schutz nimmt diese Gewalt­täter der stel­lvertre­tende Lan­desvor­sitzende Ulf Home­y­er. Ich empfehle die War­nung der Jun­gen Union Hes­sen ernst zu nehmen und jede poli­tis­che Diskus­sion mit Ulf Home­y­er kün­ftig zu mei­den. Ein Idiot ist bekan­ntlich in der Lage, eine Diskus­sion auf sein Niveau her­abzuziehen und dort auf­grund sein­er Erfahrung zu bril­lieren.

“Gewalt erzeugt Gegenge­walt, hat man dir das nicht erzählt?”
– Die Ärzte — Schun­der-Song

Nerdkrams
Todo.txt und Orgmode: Warum kompliziert, wenn’s auch einfach geht?

Zu den Din­gen, die den durch­schnit­tlichen Benutzer mehrerer Com­put­er (etwa Lap­top und Smart­phone und Spiel-PC) trotz (oder wegen) all des Webzwein­ul­lquatsches immer noch zu über­fordern scheinen, gehört es offen­bar, eine Liste zu erledi­gen­der Dinge anzufer­ti­gen, die auf allen benutzten Sys­te­men gle­icher­maßen zur Ver­fü­gung ste­ht. Wie son­st ist es zu erk­lären, dass immer wieder neue Vari­anten des Konzepts “Liste von Din­gen mit Datum­sangabe” als neues kom­mendes Ding ange­priesen wer­den?

All die Wun­derlists, Too­dle­dos und Astrids haben jeden­falls eines gemein­sam: Sie machen es zu kom­pliziert.

Früher, bevor der Com­put­er Dinge verkom­plizierte, bestanden solche Lis­ten noch aus reinem Text, wichtige dead­lines wur­den gele­gentlich auch in papier­nen Kalen­dern notiert. Beson­dere Spe­icher­for­mate waren nicht notwendig, auch keine Dechiffrier­meth­o­d­en: Benötigt wur­den lediglich Lese- und Schreibken­nt­nisse.

Im Jahr 2003 ent­stand mit dem orgmode ein erstaunlich später Ver­such, dieses ein­fache Konzept in dig­i­taler Form nachzu­bilden. Die entste­hen­den Dateien enthal­ten Pri­or­itäten, Datum­sangaben und auch son­st aller­lei Infor­ma­tio­nen, die man für ein todo benöti­gen kön­nte. Der essen­zielle Vorteil gegenüber oben genan­nten Alter­na­tiv­en: Die .org-Dateien sind reine Text­dateien ohne beson­dere For­matan­weisun­gen — sie lassen sich in jedem Texte­d­i­tor fehler­los und ein­fach bear­beit­en. Mit Mobile­Org gibt es auch eine Android-app inklu­sive ein­er Möglichkeit, die .org-Dateien per Inter­net freizugeben, was für uns Mehrg­erätenutzer ein deut­lich­es Plus ist. (Ob diese app ein wid­get zur schnellen Über­sicht noch zu erledi­gen­der Auf­gaben besitzt, weiß ich lei­der nicht.)

Doof am orgmode ist es, dass man mehr oder weniger an Emacs gebun­den ist. Einige weit­ere Texte­d­i­toren neben Emacs, der die Ref­eren­z­im­ple­men­tierung des orgmodes bis heute beherbergt, haben inzwis­chen auch Syn­tax­high­light­ing und weit­ere Unter­stützung für das orgmode-For­mat als Plu­g­in erhal­ten; stets aktuell ist jedoch nur die Orig­i­nalver­sion, Inkom­pat­i­bil­itäten nicht aus­geschlossen. Außer­dem hat die Aufteilung in mehrere Dateien zwar struk­turelle Vorteile, aber den Nachteil, dass es kom­pliziert­er wird, alle Auf­gaben im Blick zu behal­ten.

Die von mir zurzeit bevorzugte Alter­na­tive ist Todo.txt. Dieses For­mat fol­gt ähn­lichen Zielset­zun­gen wie der orgmode, ist jedoch frei von den erwäh­n­ten Nachteilen: Zum Einen gibt es keinen Stan­dard­ed­i­tor für das For­mat (es ist nicht ein­mal ein offizielles Plu­g­in vorhan­den), zum Anderen beschränkt sich das For­mat auf eine einzige Datei (eben die Datei Todo.txt), was nicht nur die Über­sicht, son­dern auch das Syn­chro­nisieren erle­ichtert. (Offiziell wird zurzeit nur Drop­box unter­stützt, natür­lich funk­tion­iert aber auch jed­er andere ähn­liche cloud-Dienst.) Dafür ist es möglich, für jeden Ein­trag eine Pri­or­ität, Anfangs- und End­da­tum, einen “Kon­text” und ein “Pro­jekt” festzule­gen. Es gilt: Jede Auf­gabe entspricht ein­er Zeile.

Ein Beispiel:

(A) 2013-06-04 Schreibe Artikel über Todo.txt +nichtblog @online

Diese Zeile besagt: Die höch­st­pri­or­isierte (“(A)”) Auf­gabe — Teil des Pro­jek­ts “nicht­blog” im Kon­text “online” — wurde am 4. Juni 2013 geplant. Hier­bei sind fast alle Angaben option­al — valide wäre also auch ein­fach:

Schreibe Artikel über todo.txt

Eine aus­führliche For­matbeschrei­bung (englis­chsprachig) ist im Pro­jek­twi­ki zu find­en.

Es gibt diverse Desk­to­pe­d­i­toren für Todo.txt, unter anderem für Win­dows und Lin­ux. Einige von ihnen sind auf der Pro­jek­tweb­site ver­linkt. Ich mein­er­seits benutze in der Regel den von mir bere­its 2011 gepriese­nen Edi­tor Sub­lime Text für diese Auf­gabe — immer­hin han­delt es sich bekan­ntlich um “nor­male” Text­dateien. Um mir das trotz­dem ein biss­chen zu vere­in­fachen, entwick­le ich gele­gentlich ein Syn­tax-High­light­ing-Plu­g­in für Sub­lime Text, das Far­bkodierun­gen für die einzel­nen Ele­mente hinzufügt.

Außer dem recht mächti­gen Kom­man­dozeilen­skript “Todo.txt CLI” gibt es von der Entwick­lerin auch eine mobile app für iOS und Android, die ein Drop­boxkon­to zwar zwin­gend voraus­set­zt, aber alles Nötige mit­bringt. Auch ein wid­get ist ver­füg­bar:

Todo.txt-Widget (Screenshot von Gina Trapani, lizenziert unter by-nc-sa)

Natür­lich ist das alles weniger cool als die umfan­gre­ich gestal­tete Hype-app der Wahl zu benutzen. Ander­sherum betra­chtet aber: Todo.txt und .org-Dateien wer­den noch ver­füg- und benutzbar sein, wenn die kleinen Unternehmen, die für die Alter­na­tiv­en ver­ant­wortlich sind, längst nicht mehr existieren.

Man kann es auch übertreiben mit dem ver­meintlichen Kom­fort.

PolitikIn den Nachrichten
Kurz verlinkt CLXIV: “Wann kommt die Flut?”

Was macht eigentlich Angela Merkel ger­ade? Da Wahl­jahr ist, macht sie das mit der Volk­snähe:

Bei ihrer Reise in die Hochwasserge­bi­ete hat Bun­deskan­z­lerin Angela Merkel den geschädigten Men­schen Gelder des Bun­des zuge­sagt.

Das Wort “Reise” finde ich hier wie auch den “Besuch” in der Über­schrift “Kan­z­lerin besucht über­flutete Gebi­ete” sehr gelun­gen — Angela Merkel als Katas­tro­phen­touristin? Dann fühlt sie sich in der “ehe­ma­li­gen” DDR ja gle­ich dop­pelt zu Hause. (Im Folge­satz ist von ein­er “Tour” die Rede. Sportlich!)

Merkel trug Wan­der­schuhe statt Gum­mistiefel und ver­sprach den Men­schen schnelle Hil­fe.

Natür­lich trug sie keine Gum­mistiefel, denn sie war ja auch nicht dort, um anzu­pack­en. Während etwa Mit­glieder der Piraten­partei Sand­säcke schleppten, schwadronierte die Kan­z­lerin vom Geld:

Der Bund werde 100 Mil­lio­nen Euro als Soforthil­fe für die betrof­fe­nen Regio­nen bere­it­stellen, sagte Merkel am Mittwoch in Pas­sau. (…) “Wenn die Mit­tel sehr schnell abfließen, wer­den wir sich­er noch mal berat­en”, fügte Merkel hinzu.

Hehe, “abfließen”. Hehe­he.

Par­don.

Pas­saus Ober­bürg­er­meis­ter Jür­gen Dup­per (SPD) dank­te der Kan­z­lerin für das “klare Sig­nal” (…).

Die Bürg­er arbeit­en schw­er und ver­suchen irgend­wie ihr Hab und Gut vor dem Totalver­lust zu bewahren; die Kan­z­lerin trägt Wan­der­schuhe und schaut mal vor­bei. Auch ich als Wäh­ler danke für das “klare Sig­nal”.

Gern wieder!

Musikkritik
Kurzkritik: Mr Averell — Gridlock

Mr Averell - GridlockWas macht eigentlich David Jack­son? Nun, seit seinem Ausstieg bei Van der Graaf Gen­er­a­tor vor eini­gen Jahren blieb der Stil prä­gende Sax­o­phon­ist nicht musikalisch untätig und tat sich mit ver­schiede­nen anderen Kün­stlern zusam­men. Ein­er dieser Kün­stler ist René van Com­menée, ein nieder­ländis­ch­er Kün­stler, der gele­gentlich auch was mit Musik macht. Sein neuestes Pro­jekt, eher liedori­en­tiert, heißt Mr Averell (offen­bar ohne den Punkt). Ich hab’s mir mal ange­hört.

Dass das Album mit der Geräuschcol­lage “Lock” begin­nt, ist zwar ein viel ver­sprechen­der Anfang, lei­der fällt das Niveau schnell. Der Gesang Her­rn van Com­menées erin­nert an Joe Cock­er, Tom Waits und den späten Bob Dylan, jedoch deut­lich jünger. So klingt “Break the mir­ror” auch eher nach einem See­mannslied als nach ein­er Avant­gardekom­po­si­tion. Gele­gentlich dür­fen aber auch andere Per­so­n­en ans Mikro­fon, im fol­gen­den “Kiss the girl!” zum Beispiel die mir bis­lang unbekan­nte Lene Lovich. David Jack­son steuert Dop­pel­horn­spiel dazu bei, neben ihm sind auf dem Album auch Hugh Ban­ton (Orgel), Stu­art Gor­don (Geige, Elek­tron­ik), John Ellis (diverse Sait­enin­stru­mente) und Judge Smith (Eupho­ni­um) zu hören, alle­samt aus ver­schiede­nen Inkar­na­tio­nen von Van der Graaf Gen­er­a­tor bekan­nt. “Kiss the girl!” klingt entsprechend wie eine sehr fröh­liche, beina­he dem Pop zuge­hörige Tanzver­sion von Van der Graaf Gen­er­a­tor. (Warum wird so etwas eigentlich nie als Sin­gle veröf­fentlicht?)

Weite Streck­en von “Grid­lock” wer­den von René van Com­menées Akko­rdeon (See­mannslieder — da sind sie wieder) dominiert. Das klingt nur ober­fläch­lich lang­weilig. Immer wieder wird der Hör­er davor bewahrt, einzuschlafen, etwa mit dem belusti­gen­den, plöt­zlichen Refrain von “Box­es”. René van Com­menée kann aber auch den Ham­mill: Der schon vom Titel her ham­mil­lesque “The fear of dream­ing (For Mar­ijke)” kön­nte eben­so wie das dreizehnsekündi­ge “100 presents” von dessen Solow­erken stam­men. Fröh­lich­er wird’s dann wieder im Titel­stück (“Grid­lock”), in dem wiederum Lene Lovich Her­rn van Com­menées Duettpart­ner­in ist, und auch das abschließende “Ridee­hoo!!” ist wohl fröh­lich gemeint, klingt aber eher nach ein­er Mis­chung aus Kirmes- und Coun­try­musik.

Wer sich von der illus­tren Gästeliste hat täuschen lassen, der sei vor “Grid­lock” gewarnt. Für ein RIO-Album ist es zu liedori­en­tiert, einem VdGG-Anhänger dürfte es deut­lich an Span­nung fehlen. Licht­blicke sind die sel­te­nen starken Momente von David Jack­son eben­so wie die Duette mit Lene Lovich, eine Frau, zu der ich wahrschein­lich auch mal Genaueres erlesen sollte; lei­der gibt es zu wenige von diesen.

Die Musik­presse find­et “Grid­lock” ziem­lich klasse. Aber was kann man von denen auch erwarten?

Persönliches
Rhabarberfrauen / Warum es “das” und nicht “der” Bahnservice heißt

Gele­gentlich bin ich, bed­ingt durch den Man­gel an ver­gle­ich­baren Alter­na­tiv­en, in Zügen der Deutschen Bahn unter­wegs. Nicht immer lässt es sich da ver­mei­den, ein Abteil mit Men­schen mit obskur­er Erschei­n­ung und/oder obskurem Ver­hal­ten zu teilen.

So auch heute, als mir gegenüber eine Frau in ihren geschätzten Vierzigern saß. Das Erste, was ich von ihr allerd­ings nach ihrem Ein­stieg bemerk­te, war ein auf­fal­l­end forsch auf den Tisch zwis­chen uns gelegtes “Emma”-Magazin. Nun, der erste Ein­druck zählt. Dass das Mag­a­zin nach der Platzierung sein­er Besitzerin selb­st in deren Tasche ver­schwand (sie hat­te mich alles Notwendi­ge ja bere­its wis­sen lassen), macht Gese­henes also nicht ungeschehen. Nun saß ich ab ein­er Sta­tion — Hamm, wenn ich mich recht entsinne — ein­er Frau gegenüber, die Elke Hei­den­re­ich ähn­lich sah, ständig irgendwelche Noti­zen machte und gele­gentlich zu Recht mis­strauisch zu mir herüberblick­te. Aus ihrem Ruck­sack aber ragte nicht etwa besagtes Mag­a­zin her­vor, son­dern Rhabar­ber. Den Schaffn­er, der fragte, ob sich unter den Fahrgästen auch Zugestiegene befän­den (ver­mut­lich gehen Schaffn­er inzwis­chen davon aus, dass die meis­ten Pas­sagiere bere­its im Zug geboren wer­den), würdigte sie indes keines Blick­es.

Wahrschein­lich schwarz fahrende Frauen über dreißig, die im Ruck­sack “Emma” und Gemüse trans­portieren — der neue Fem­i­nis­mus treibt gele­gentlich skur­rile Blüten.

Aber auch ohne diese Begeg­nun­gen ist das Fahren mit der Bahn oft ein Vergnü­gen für uns Lei­dens­fro­he. Ein Beispiel: Vor eini­gen Wochen machte ich den Fehler, aus der Gegend um Dort­mund nach Nieder­sach­sen fahren zu wollen. Dass diese Strecke für ihre Attrak­tiv­ität auf Selb­st­töter bekan­nt ist, war bis dahin zwar ein Gerücht, das ich häu­fig gehört hat­te, mehr jedoch auch nicht.

Nun, an diesem Tag wurde ich eines Besseren belehrt. (Men­schen, die sich so umbrin­gen, dass es möglichst vie­len anderen Men­schen den Abend verdirbt, sind nicht meine lieb­sten.) Infolge eines entsprechen­den Zwis­chen­falls ver­passte ich meinen Anschlusszug eben­so wie einen alter­na­tiv­en Zug wenig später. Die zumin­d­est ver­ständi­ge Schaffner­in ver­wies mich nach eini­gen Tele­fonat­en darauf, dass sie nicht weit­er­wisse, und damit auf das Bah­n­per­son­al am Bahn­hof Han­nover. Aus­gerech­net Han­nover.

Das so genan­nte “Ser­vi­ceper­son­al” in Han­nover, wo ich irgend­wann doch noch ankam, erk­lärte mir, ich könne auf der let­zten Teil­strecke ein Taxi auf, immer­hin, Bahnkosten nutzen, wenn ich das im Fol­gezug bekan­nt­geben würde, wo man mir ein entsprechen­des “Tick­et” ausstellen könne. Der Zug­be­gleit­er im Fol­gezug jedoch sah das anders; ihm zufolge sei die Schaffner­in im ersten Zug dafür zuständig gewe­sen.

Kurz­fas­sung des Vor­gangs, um die tem­po­ralen Kausal­itäten bess­er darstellen zu kön­nen: Zug 1 ver­weist mich an Per­son­al auf dem Bahn­hof, Per­son­al dort ver­weist mich an Zug 2, Zug 2 sagt, Zug 1 wäre zuständig gewe­sen, tja, Pech gehabt. Angesichts dieser Logikkette ist die selt­same bahn­seit­ige Auf­fas­sung davon, wie viele Sekun­den eine Minute hat, immer­hin ver­ständlich: Zeitliche Zusam­men­hänge sollte man kon­se­quent mit gle­ich­er Ein­heit messen.

Die Bahn hat auch nicht mehr jedes Teeser­vice im Schrank.

“Die Erhal­tung der Reichs­bahn und ihre möglichst schnelle Zurück­führung in die Macht des Reich­es ist eine Auf­gabe, die uns nicht nur wirtschaftlich, son­dern auch moralisch verpflichtet.”
– Adolf Hitler, 23. März 1933

PolitikIn den Nachrichten
Kurz verlinkt CLXIII: Na, auch antidemokratisch?

Ihr engagiert euch in ein­er dieser “NGOs”, dieser Arbeit­skreise und Arbeits­grup­pen, etwa dem AK Zen­sur oder dem Vere­in “Mehr Demokratie”? Dann hat unser Innen­min­is­ter schlechte Nachricht­en für euch:

Das Dossier zur “Neuaus­rich­tung der Beobach­tung­sprax­is” beschreibt dem Bericht zufolge sechs Linken-Grup­pierun­gen als ver­fas­sungs­feindlich. (…) Indizien für eine anti­demokratis­che Gesin­nung seien (sic!) bere­its der Ver­such, mit außer­par­la­men­tarischen Bewe­gun­gen zu pak­tieren (…).

“Wir sind Ter­ror­is­ten, wir bomben euch ins All.”
– Heit­er bis Wolkig: “Ter­ror­is­ten”

In den Nachrichten
Andrej Holm, relativ recherchiert.

Auf SPIEGEL ONLINE ver­wiesen zwei Autoren gestern auf eine Studie, die belegt, dass häus­liche Gewalt gegen Män­ner dur­chaus gele­gentlich vorkommt. Gemäß der Studie — die sex­uelle Gewalt wurde lei­der nicht berück­sichtigt — sind Frauen und Män­ner beina­he gle­ichauf.

Manchen Autoren scheint es schw­erz­u­fall­en, dem Grund­satz zu fol­gen, der Leser möge Gebrauch von sein­er eige­nen Medi­enkom­pe­tenz (ger­ade in Bezug auf Stu­di­en und den SPIEGEL im All­ge­meinen) machen, und so dauerte es nicht lange, bis Andrej Holm für den “Fre­itag” die Studie ver­riss. Sein­er Absicht, die SPIEGEL-Autoren als frauen­feindliche Mies­linge darzustellen, kommt der Ver­riss aber eher nicht zupass:

Nur ein knappes Vier­tel der Gewal­ter­fahrun­gen gegen Frauen (1,2%) wird von den einge­s­tande­nen Gewalt­tätigkeit­en von Män­nern (0,3%) gedeckt.

Um die bei­den Prozen­twerte jedoch gegeneinan­der aufrech­nen zu kön­nen, ist es notwendig, dass die absoluten Zahlen iden­tisch sind, also gle­ichviel Männlein und Weiblein befragt wur­den. Der Studie ist zu ent­nehmen, dass das Quatsch ist:

Aktive und pas­sive Erfahrun­gen kör­per­lich­er und psy­chis­ch­er Gewalt wur­den im Alters­bere­ich von 18 bis 64 Jahren bei ins­ge­samt 5939 Teil­nehmerin­nen und Teil­nehmern, davon 3149 Frauen und 2790 Män­ner (ungewichtete Angaben) erhoben.

Somit ist davon auszuge­hen, dass Andrej Holm die Zahlen sehr wohl bekan­nt sind — die bloßen Prozen­twerte, die ver­hält­nis­mäßig ger­ing scheinen, besitzen also kaum rel­e­vante Aus­sagekraft. 0,3 Prozent von 3149 sind eben nicht 0,3 Prozent von 2790. Somit macht Andrej Holm den gle­ichen Fehler, den er den SPIEGEL-Autoren vor­wirft, wenn er bloße Ver­hält­nisse bemüht:

Die Dif­ferenz zwis­chen Gewal­ter­fahrung von Män­nern (6,9%) und ihren eige­nen Gewalt­tätigkeit­en (3,9%) fällt dabei deut­lich größer aus als bei den Frauen (3,3% vs. 3,4%).

(Dass die Dif­ferenz bei Frauen ins Neg­a­tive geht, die Gewaltver­hält­nisse also kon­trär sind, sei hier aus didak­tis­chen Grün­den nicht weit­er berück­sichtigt.)

Ob die Unter­schiede in den absoluten Zahlen nun eher für Her­rn Holm oder für die SPIEGEL-Autoren sprechen, sei außer Acht gelassen. Gewitzt und somit beachtlich ist vor diesem Hin­ter­grund jedoch Her­rn Holms Fest­stel­lung, dass “mehr Frauen als Män­ner von Gewal­ter­fahrun­gen in der Part­ner­schaft bericht­en”; Kun­st­stück, wenn mehr Frauen als Män­ner befragt wer­den, nicht wahr?

Jour­nal­is­mus: Die Fähigkeit, Medi­enkom­pe­tenz der gewün­scht­en Diskus­sion­srich­tung unterzuord­nen.

Und ich nehme doch so ungern den SPIEGEL in Schutz!

In den NachrichtenPolitik
Kurz verlinkt CLXII: Ein klares Signal; wie aus der Pistole geschossen.

Was macht eigentlich Gui­do West­er­welle (F.D.P., das war die Partei mit dem lusti­gen Vor­sitzen­den) ger­ade? Nun, er ist immer noch Außen­min­is­ter Deutsch­lands, und als ein solch­er hat­te er sich jüngst mit seinen Amt­skol­le­gen aus dem Rest der Europäis­chen Union zusam­menge­set­zt und sich darüber unter­hal­ten, wie man mit Syrien, in dem ger­ade ein Bürg­erkrieg stat­tfind­et, umzuge­hen hat.

Endlich gibt es eine Lösung:

Am Ende kon­nten sich die Außen­min­is­ter nicht auf eine Ver­längerung des EU-Waf­fen­em­bar­gos eini­gen — und damit ihren Stre­it in der Frage von Waf­fen­liefer­un­gen bei­le­gen. Damit läuft das Embar­go gegen Syrien automa­tisch an diesem Fre­itag um Mit­ter­nacht aus.

Eigentlich löst das nicht nur das Syrien‑, son­dern auch das Krisen­prob­lem: Deutsch­land als treibende Kraft im weltweit­en Waf­fen­han­del benötigt drin­gend einen neuen Auf­schwung, und der wäre so zumin­d­est sichergestellt, wenn auch nicht lange. Jeden­falls für Erle­ichterung ist so gesorgt:

In deutschen Ver­hand­lungskreisen herrschte danach große Erle­ichterung über den Kom­pro­miss. “Alles andere wäre ein fatales Sig­nal gewe­sen, des Nichthandels an Assad und der Hand­lung­sun­fähigkeit der EU”, hieß es am Dien­stag.

Denn, genau!, was sollen die Leute denken, wenn die EU sich nicht ein­mal dafür entschei­den kann, Waf­fen in ein Kriegs­ge­bi­et zu liefern? Undenkbar, sage ich.

Auf die EU ist eben Ver­lass.

Montagsmusik
SchizofrantiK — Men Without Souls

Was machen momen­tan eigentlich High Wheel, die nach meinem Dafürhal­ten viel zu wenig beachteten bayrischen Retro-Prog-Musik­er, die zulet­zt 2006 das Liveal­bum “Live Before The Storm” veröf­fentlicht haben?

Nun, so genau weiß ich es nicht. Der Gitar­rist und der Bassist jedoch taucht­en unlängst als Hin­ter­grund­chor bei den gle­ich­falls bayrischen Funk-Prog-Ver­rück­ten Schizofran­tiK auf:

Schizofran­tiK — “men with­out souls”

Dieses Bay­ern sollte man wahrschein­lich im Auge behal­ten.

Zunächst aber: Guten Mor­gen!

Netzfundstücke
Gute Laune dank Bahn-App!

Als gele­gentlich­er Bah­n­reisender werde ich häu­fig Zeuge der Qual­ität­sof­fen­sive der Deutschen Bahn. Aktuell spülte mir diese Offen­sive eine Umfrage zu den diversen Dien­sten der Deutschen Bahn ins Post­fach, die zweifel­sohne ihres­gle­ichen sucht.

“Ihre Schaffn­er sind unfre­undlich, Ihre Preise zu hoch und Ihre Fahrpläne nicht mal als Klopa­pi­er tauglich” lautete lei­der keine Auswahlmöglichkeit; stattdessen fragte man mich unter anderem nach meinen Erfahrun­gen mit den mobilen apps der Deutschen Bahn. Ach, die Funk­tion­al­ität? Weit gefehlt!

Bahnumfrage

“Jede Zelle meines Kör­pers ist glück­lich, jede Kör­perzelle fühlt sich wohl.”
– aus bekan­ntem Video mir unbekan­nten Ursprungs


Apro­pos glück­lich: Drüben auf Geras­po­ra erk­lärte ich aber­mals, warum der Zauber der Piraten­partei ver­flo­gen scheint.

MusikIn den Nachrichten
Medienkritik in Kürze: Der SPIEGEL und die Begleitsolisten

Nein, Hans Hielsch­er (SPIEGEL ONLINE), ein­fach nein:

Der Jazz-Kon­tra­bassist Char­nett Mof­fett ent­pup­pt sich mit seinem Album als vir­tu­os­er Solist. Auch andere Kün­stler befreien sich von ihrer Rolle als Hin­ter­grund­musik­er.

Der Kon­tra­bassist ist im Jazz keineswegs dazu ver­dammt, ein Hin­ter­grund­musik­er zu sein, nur, weil sein Name nicht promi­nent auf dem Schallplat­ten­cov­er zu find­en ist. Seine Arbeit ist ein tra­gen­des Ele­ment eines jeden Jaz­zal­bums, gern auch erset­zt durch einen E‑Bass-Spiel­er — der dann wiederum eben­falls kein bloßer Hin­ter­grund­musik­er ist, auf ewig dafür zuständig, dem Sänger zur Promi­nenz zu ver­helfen.

Aber ich ver­ste­he Sie, Hans Hielsch­er, schon, wenn Sie davon aus­ge­hen, dass nur rel­e­vant ist, wer die Kam­eras auf sich fix­ieren lässt. Es ist aber nicht die Schuld der Bassis­ten, wenn “Musikjour­nal­is­ten” wie Sie, Hans Hielsch­er, immer nur die Front­per­son abzu­bilden pfle­gen. Wenn Sie sich nicht dafür inter­essieren, dass eine Musik­gruppe nicht nur aus einem Sänger oder einem Gitar­ris­ten beste­ht, soll­ten Sie das mit der Musik bei SPIEGEL ONLINE ander­er­seits vielle­icht ein­fach lassen.