WELT Online (ich weigere mich, den neuen, bekloppten Markennamen “DIE WELT” anzuerkennen) hat sich ein Buch von Peter Bofinger, Ökonom und Wirtschaftsweiser und somit also Fachidiot, ausgeborgt. Dieser findet, wie für WELT Online üblich ganz im Tenor der CDU, den Euro echt prima.
Das schreibt Herr Bofinger natürlich nicht einfach so, sondern er hat einen ganz konkreten Anlass, den WELT Online immerhin zu kennen glaubt:
Die Deutschen zweifeln zunehmend an den Vorteilen der Europäischen Union. Zwei von drei Deutschen wünschen sich sogar die D‑Mark zurück.
Dass die europäische Wirtschafts- und Währungsunion (EWWU) zwar ein Teil der, aber nicht identisch mit der Europäischen Union (EU) ist, ist ein kleines Detail, das hier nicht weiter von Bedeutung sein, aber mal erwähnt worden sein soll. Auch dass die Zweifel an der Europäischen Union zunehmen und nicht etwa seit Jahren auf hohem Niveau stagnieren, halte ich nicht für eine unumstößliche Wahrheit. Herr Bofinger aber hat da irgendwo “D‑Mark” gelesen, und als seine Schnappatmung nachgelassen hatte, hat er ein Buch geschrieben. Ärgerlich, erst Frau Schramm, dann Frau Wulff, jetzt auch noch er; in einer Reihe mit Klassikern wie der Autobiografie von Justin Biebers Mutter zu nennen sind zumindest zwei besagter Bücher bereits jetzt.
Und aber jedenfalls: Die D‑Mark. Nein: Sogar die D‑Mark! (Dass das Ausrufezeichen im Text fehlt, ist sicher nur ein Flüchtigkeitsfehler.) Das waren wirklich dunkle Zeiten für dieses Land: Alles kostete ungefähr die Hälfte (dank Inflation inzwischen noch weitaus weniger). Das waren untragbare Zustände, und wir sollten alle froh sein, dass sie geändert wurden von denen, die nur das Beste für uns wollen.
Natürlich gibt es europäische Länder, die auch in der Euro-Zeit eine eigene Währung besitzen und ziemlich erfolgreich mit ihr handeln, etwa die Schweiz, die seit Jahren den Global Competitiveness Index, also die Rangliste der wettbewerbsfähigsten Staaten, anführt. “Schweiz” scheint auch so ein Reizwort für Herrn Bofinger zu sein, denn er beeilt sich zu versichern, dass es der Schweiz mit 3,4 Prozent Arbeitslosigkeit, dem weltweit vierhöchsten Bruttoinlandsprodukt pro Kopf (Deutschland ist auf dem 20. Rang) sowie einer stabilen Währung, die sich nur ungern an irgendwelchen Krisen orientiert, eigentlich gar nicht gut geht:
Ohne größere Markteingriffe hielt sich der Schweizer Franken über Jahre hinweg recht stabil bei rund 1,50 Franken je Euro.
Das hat sich mit dem Ausbruch der Griechenland-Krise im Frühjahr 2010 grundlegend geändert. Innerhalb von 15 Monaten wertete sich der Schweizer Franken so stark auf, dass er im August 2011 die Parität zum Euro zu erreichen drohte.
Nach längerem Zögern zog die Schweizerische Nationalbank am 6. September 2011 die Notbremse und kündigte eine Kursuntergrenze von 1,20 Franken pro Euro an. Seither bewegt sich der Kurs knapp oberhalb dieses Zielwertes. Die Intervention war im Prinzip erfolgreich, aber der Schweiz ist damit nicht wirklich geholfen.
Die Währung der Schweiz ist so stark, dass sie seitens der Nationalbank zwangsweise gezähmt (und somit geschwächt) werden muss. Damit ist der Schweiz “nicht geholfen”? Glückwunsch zu dieser Erkenntnis dem Wirtschaftsweisen und etwas Mitgefühl für die Schweiz bitte!
Was aber, wenn die Warnungen der “renommierten Ökonomen” (Peter Bofinger über Peter Bofinger) in den Wind geschlagen werden? An der D‑Mark hätten die Deutschen sicherlich keine Freude!
Die wiedereingeführte D‑Mark würde (…) über Jahre hinweg sehr kräftig aufgewertet. Da dies die Wettbewerbsfähigkeit unserer Exportwirtschaft gravierend beeinträchtigen würde, träten alsbald renommierte Ökonomen auf den Plan, die massive Lohnkürzungen forderten.
Zwei wirklich total schreckliche Vorstellungen treffen hier aufeinander:
- Eine eigene Währung würde eingeführt, die aufgrund von Markttendenzen zunächst immer stärker würde. Eine schauderhafte Vorstellung: Ein Land, dessen Bürger von ihrem Gehalt problemlos leben und sich sogar mal etwas kaufen können! Die Folge: Der Wert von Waren würde sinken, wenn die Kaufkraft stiege. Eine Aufwertung der Währung würde also automatisch den Handel abwerten; das heißt, diejenigen, die sich bisher exklusiv Luxuslimousinen und Villen leisten konnten, müssten ihre Managerboni mit dem gemeinen Pöbel teilen. Und wer teilt schon gern?
- Renommierte Ökonomen (das sind die, die nicht gern teilen möchten) würden alsbald protestieren, dass der gemeine Pöbel doch bitte wieder weniger Geld für seine Arbeit bekommen soll, damit sie jemanden haben, den sie als Beispiel herannehmen können, um die Auswirkungen der Krise zu versinnbildlichen.
Die Leute könnten sich im Inland also mehr kaufen, wodurch weniger für den Export übrigbliebe. Das wäre unerträglich! — Ich habe irgendwann einmal gelernt, die wichtigste Aufgabe des Staates sei es, für das Wohlergehen seiner Bürger (derer im Inland) zu sorgen. Das war allerdings vor der Krise. Mir scheint, ich sollte mein Staatsverständnis an das des Herrn Bofinger anpassen.
Denn wie Wirtschaft funktioniert, das hat er schon ganz gut verstanden:
Wie in Japan wäre außerdem zu befürchten, dass auf jede Lohnzurückhaltung eine neue Aufwertungswelle folgt.
Je weniger Geld da ist, desto mehr ist das Geld wert. Wie lange muss man studieren, bis man für solche Erkenntnisse einen Buchvertrag bekommt? — Andererseits, mit Blick auf Julia Schramm, … — aber ich schweife ab. Wahrscheinlich sehe ich das gerade nur aus der engstirnigen Sicht eines Mitglieds des dummen Pöbels, der für sein Geld mehr oder weniger hart arbeiten muss, aber ich wäre persönlich durchaus bereit, das Risiko in Kauf zu nehmen, dass das Geld, das ich besitze, dazu tauglich ist, mir davon Sachen zu kaufen. Es muss ja nicht gleich eine Villa sein.
Aber damit wäre der Schweiz wohl auch nicht geholfen.
(mit Dank an L.)

