In Teilen der USA ist seit der Wahl des amtierenden Präsidenten das Mem von weinenden Liberalen ungewöhnlich beliebt. Ich habe dieses Mem sehr lange nicht verstanden, denn ich hielt gerade uns Liberale immer für eine zwar heterogene, aber zumindest in dem Punkt, dass „links“ und „rechts“ keine existenten Bewertungsschemen sein dürfen, recht einige Gruppe.
Nun hat es sich ergeben, dass der bei Google wegen überschäumender Realität unsanft entglittene James Damore seinen ehemaligen Arbeitgeber, hämisch begleitet von sich dem Feminismus anbiedernden, offensichtlich also von Selbstzweifeln zerfressenen weißen Männern auf Boulevardblogs, mithilfe der Zusammentragung allerlei unappetitlicher Details aus dem rassistisch-sexistischen Arbeitsalltag von und mit hochrangigen Googlemitarbeitern verklagt. Außer der „FAZ“, die anscheinend ungelesen eine entsprechende dpa-Meldung übernommen hat, schwadroniert auch „heise online“ davon, dass bei Google eine „liberale Ethik“ herrsche, hier allerdings wenigstens als Zitat gekennzeichnet:
die Dominanz liberaler Ideologie bei Google verhindere eine offene Diskussion
Dass eine dominant liberale Ideologie überhaupt erst die Bedingung für das Entstehen einer wirklich offenen Diskussion ist, steht dabei sicherlich außer Frage. Ist James Damore blöd? Nein, die Übersetzer seiner Klage sind es: Der US-amerikanische Begriff des „liberalism“ hat mit unserem guten Liberalismus, der dort wohl eher „libertarianism“ heißt und wiederum nicht identisch mit Libertarismus ist, nichts zu tun und wird von so Blogs eher in die Nähe von Sozialdemokratie gerückt, wobei die real existierende deutsche Sozialdemokratie den dortigen „Liberalen“ wie allerdings auch mir vermutlich viel zu rechts wäre. Mit einer „liberalen Ideologie“ weist der geschlechts- und ethniefokussierte Kampf für die einzig richtige Meinung, dass nämlich weiße Heteromänner das personifizierte Unglück seien und dringend jeweils durch einen durchschnittlichen „Congress“-Besucher (wissenschon: grüne Haare, schrille Stimme, Identifikation als Apache-Kampfhubschrauber) ersetzt werden müssen, auf dass es dem Land, das unter der Knechtschaft Donald Trumps, unter dem die Arbeitslosigkeit eigentlich nahezu verschwunden und der Wohlstand auf einem Zehnjahreshoch angekommen ist, endlich besser (lies: weiblicher) gehen möge, keine ersichtliche Übereinstimmung auf; außer eben: Ideologie.
Ich würde mir von politischem Journalismus (wenn schon nicht von „heise online“) wünschen, den Unterschied zwischen liberalism, libertarianism und Liberalismus mindestens zu verstehen, im Bestfall beim Verfassen von angeblich der Information der Leser dienenden Texten auch irgendwie ersichtlich zu machen. Nicht alles, was im Englischen so heißt wie im Deutschen, hat dort auch die gleiche Bedeutung. Zu fish and chips gibt es ja auch keinen Salsadip.
Eine Kompetenzquote würde dem Journalismus auch mal gut tun.
(Siehe auch: Warum Deutschland den Liberalismus braucht.)
Apropos Quote: Im „Morgenmagazin“ fragte der in meiner Achtung plötzlich merklich gestiegene „Grünen“-Politiker Cem Özdemir, ob es nicht vielleicht ratsam sei, bei der künftigen Besetzung der Parteispitze zur Abwechslung einmal Kompetenz anstelle Geschlecht und Flügelzugehörigkeit zu berücksichtigen. Punk ist nicht tot.