In den NachrichtenMusikkritikNerdkrams
Toco­tro­nic – Schall und Wahn

Toco­tro­nic ist eine die­ser Musik­grup­pen, von denen man schon mal irgend­wo irgend­was gehört hat und mit denen man irgend­was asso­zi­ie­ren kann, selbst ohne bewusst ein Lied von ihnen zu ken­nen. Was mir spon­tan bei Toco­tro­nic ein­fällt: Pop­kul­tur. Spex, musik­ex­press und wie sie alle hei­ßen. Und was mir wie­der­um bei Pop­kul­tur ein­fällt: Allein das Wort schon!

Vor drei Jah­ren kam ich erst­mals bewusst mit der Musik von Toco­tro­nic in Berüh­rung, begann mich mit deren frü­hen Alben anzu­freun­den. „Ich möch­te Teil einer Jugend­be­we­gung sein“, zitier­te auch ich schon und emp­fand es schon Jah­re, bevor ich das Lied kann­te, wie wohl die meis­ten Jugend­li­chen bis­wei­len einem Her­den­trieb und dem Wunsch fol­gend, irgend­wo Anschluss zu fin­den. Was das für ein Gen­re war, war mir damals eini­ger­ma­ßen egal; irgend­wie auf­fäl­lig eigen­stän­di­ges Indie­ge­schram­mel mit deut­schen Tex­ten, die nicht immer einen Sinn erga­ben, manch­mal aber auch einen, der nach der Hin­ein­in­ter­pre­ta­ti­on einer mög­lichst Zei­ge­fin­ger schwin­gen­den Bedeu­tung gera­de­zu zu schrei­en schien; „Geschram­mel“ möch­te ich hier übri­gens kei­nes­falls als Wer­tung, ledig­lich als Beschrei­bung ver­stan­den wissen.

Dann kam „Kapi­tu­la­ti­on“, und es stell­te einen Rich­tungs­wech­sel dar: Die Lie­der wur­den nicht län­ger, aber ruhi­ger. Nach dem Abtritt von Blum­feld schie­nen Toco­tro­nic, wenn­gleich noch immer kaum poli­tisch tex­tend, ihr musi­ka­li­sches Erbe antre­ten zu wol­len, und sie mach­ten ihre Sache gut. Stü­cke wie Har­mo­nie ist eine Stra­te­gie oder das Titel­lied zeig­ten eine ver­än­der­te Band, die län­ge­re Tex­te und mehr Melo­die auf auch wei­ter­hin nur kur­zer Lauf­zeit unter­brach­te, und selbst ihre juve­nil-aggres­si­ven, an frü­he Ton Stei­ne Scher­ben erin­nern­den Momen­te (Sag alles ab) klan­gen irgend­wie rei­fer und, letzt­lich, bes­ser. Es blieb Geschram­mel, aber auf hohem Niveau.

Und jetzt also „Schall und Wahn“. Toco­tro­nic haben sich mit „Kapi­tu­la­ti­on“ offen­bar bei den übli­chen Rezen­sen­ten beliebt gemacht, und so über­schla­gen sich die ins Inter­net schrei­ben­den Hörer qua­si vor blin­der Begeis­te­rung, und die wenigs­ten von ihnen ver­su­chen dabei nicht, irgend­wel­chen Sinn hin­ter offen­kun­dig alber­nen Lie­dern wie „Bit­te oszil­lie­ren Sie“ zu fin­den, wirk­li­che Ver­ris­se gibt es nicht ein­mal auf Amazon.de zu lesen, wo sich sonst die Schrei­häl­se der Rezen­sen­ten­sze­ne zu tum­meln pfle­gen. „Schall und Wahn“ ist ein Phä­no­men. Peter nennt die Pres­se­schau hier­zu sinn­ge­mäß eine blin­de Hel­den­ver­eh­rung von schwa­feln­den Ange­bern, und damit hat er ver­mut­lich eben­so Recht wie Sän­ger und Gitar­rist Dirk von Lowtzow, der, nach der Bedeu­tung der Tex­te befragt, eine zu nai­ve Her­an­ge­hens­wei­se kri­ti­siert. (Eine der bes­ten Ant­wor­ten, die ich von einem Musi­ker je auf eine dum­me Fra­ge lesen durf­te: „Ich fin­de [die Fra­ge], ehr­lich gesagt, doof.“)

Das Album ist kei­ne Offen­ba­rung vol­ler kryp­ti­scher Bot­schaf­ten, die ent­schlüs­selt wer­den müss­ten. Es ist aller­dings tat­säch­lich das am aus­ge­reif­tes­ten klin­gen­de Album, das Toco­tro­nic bis­lang ver­öf­fent­licht haben. Der auf „Kapi­tu­la­ti­on“ ein­ge­schla­ge­ne Weg wird wei­ter ver­folgt und geschlif­fen, in den Tex­ten ist die Welt­ver­bes­se­rung Non­sens („Bit­te oszil­lie­ren Sie“, „Macht es nicht selbst“) und Refle­xi­on („Im Zwei­fel für den Zwei­fel“) gewi­chen. Mit „Stürmt das Schloss“, ein Lied in der Tra­di­ti­on von „Sag alles ab“, ist auch ein kra­chen­der Ohr­wurm auf dem Album zu fin­den. (Ist „SdS“ eine Abkür­zung für „Stürmt das Schloss“, oder hat es eine tie­fe­re Bedeu­tung? Ein nicht zu unter­schät­zen­der Vor­teil von Lie­dern, deren Text man ver­steht, ist es ja, dass die Inter­pre­ta­ti­on allein einem selbst über­las­sen bleibt – so kann man einem Lied gleich mehr­fach etwas abge­win­nen und muss dafür nicht ein­mal kryp­ti­sche Musik­ma­ga­zi­ne kaufen.)

Toco­tro­nic sind erwach­sen gewor­den, und sie unter­las­sen es zum Glück, das auch zu zei­gen. Ich neh­me an, „Schall und Wahn“ wird in die­sem Jahr eins der weni­gen guten Indierock­al­ben blei­ben, und ich freue mich über jeden Ver­such, den Gegen­be­weis anzu­tre­ten. Das Album gibt es der­zeit auf Deezer.com zum Pro­be­hö­ren. Nicht übel. Gar nicht übel.

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NetzfundstückeIn den NachrichtenNerdkrams
Medi­en­kri­tik XXI: Sprachschuld

Eins der inter­es­san­tes­ten Sprach­bil­der, die Jus­tiz­be­richt­erstat­tun­gen zie­ren, ist das Schul­dig­spre­chen, das mir soeben wie­der ein­mal auf SPIEGEL Online auffiel:

Mord an Abtrei­bungs­arzt: Todes­schüt­ze schul­dig gespro­chen lau­tet die Über­schrift. Die Vor­ge­schich­te wird kurz erwähnt:

Acht Mona­te nach der Ermor­dung des pro­mi­nen­ten ame­ri­ka­ni­schen Abtrei­bungs­arz­tes Geor­ge Til­ler ist der Todes­schüt­ze von einem Gericht im US-Bun­des­staat Kan­sas schul­dig gespro­chen worden.

(…) Til­ler war im Mai ver­gan­ge­nen Jah­res im Foy­er sei­ner Kir­che in Wichi­ta erschos­sen wor­den. Der 67-Jäh­ri­ge hat­te eine von drei Kli­ni­ken in den USA gelei­tet, die auf Schwan­ger­schafts­ab­brü­che im fort­ge­schrit­te­nen Sta­di­um spe­zia­li­siert sind.

Die von mir her­vor­ge­ho­be­nen Satz­tei­le sind hier beson­ders inter­es­sant, denn wir lernen:

1. Ein „Todes­schüt­ze“ ist noch nicht per se schuldig.
2. US-ame­ri­ka­ni­sche Ärz­te besit­zen eige­ne Kirchen.

Und so ein Mord­pro­zess ist in den Hand­feu­er­waf­fen nicht unbe­dingt kri­tisch gegen­über ste­hen­den Ver­ei­nig­ten Staa­ten auch sonst recht seltsam:

Er gestand in sei­nem Pro­zess, den Arzt im Ein­gangs­be­reich der Kir­che erschos­sen zu haben, bekann­te sich aber nicht schul­dig, weil der Mord an dem Abtrei­bungs­arzt in sei­nen Augen gerecht­fer­tigt war. Er habe Til­ler davon abhal­ten wol­len, „wei­te­re Babys zu töten“. Er bereue die Tat nicht.

Dar­aus erge­ben sich wie­der­um zwei Folgerungen:

1. Auch ein beken­nen­der „Todes­schüt­ze“ ist noch nicht per se schuldig.
2. Reue scheint ein nöti­ger Aspekt zu sein, um unschul­dig zu morden.

Bei SPIEGEL Online stimmt man die­sem Aspekt zu, immer­hin ist in Fett­schrift bereits in der Ein­lei­tung zu lesen:

Der Ange­klag­te zeig­te kei­ne Reue vor Gericht: (…)

Hät­te er es getan, was hät­te sich geän­dert? Wäre er womög­lich also nur schuld, nicht jedoch schul­dig gewe­sen? Ich bin kein Jura­stu­dent oder gar dar­über hin­aus in juris­ti­schen Fra­gen bewan­dert, jedoch hof­fe ich, dass die deut­sche Recht­spre­chung da ein wenig undif­fe­ren­zier­ter vor­geht. (Nach­trag: Auf­klä­rung vom Fach­mann gibt’s in den Kommentaren.)

(Apro­pos undif­fe­ren­ziert: Die­ses unsäg­li­che iPad-Dings ist nicht nur min­des­tens über­flüs­sig, son­dern zudem vor neun­zehn Jah­ren schon bes­ser da gewe­sen. Nur, damit sich kei­ner beschwert, dass ich mich zu wenig mit die­sem Hype befas­se. Das soll’s dann jetzt aber auch gewe­sen sein.)

PersönlichesSonstiges
Wie­der Spaß im ÖPNV

Man for­der­te kür­ze­re Ein­trä­ge von mir. Ich ver­su­che es mal:

Ich fuhr heu­te zwecks pro­fes­sio­nel­ler Unter­su­chung mei­ner Äußer­lich­kei­ten und trotz der zu all­zu viel Bequem­lich­keit ein­la­den­den Semes­ter­fe­ri­en mit dem Bus, und dies gleich mehr­fach (eben hin und zurück). Die Rück­fahrt war weit­ge­hend unspek­ta­ku­lär, ich lern­te nur unfrei­wil­lig eini­ge wei­te­re Sprech­stü­cke irgend­ei­nes mir nicht nament­lich bekann­ten Aggro-Ber­lin-arti­gen Rap­pers ken­nen und stell­te fest, dass rei­ner Schlud­rig­keit zuschul­den kom­men­de Sprach­stö­run­gen („sch“ statt „ch“, „isch“ statt „ig“ usw.) offen­bar eine zwin­gen­de Vor­aus­set­zung dar­stel­len, um es in die­sem Gen­re wenigs­tens zu aus­rei­chen­der Bekannt­heit zu brin­gen; aber die Hin­fahrt, um wie­der ein­mal ein Max-Goldt-Zitat anzu­brin­gen, war super:

Die initia­le Hal­te­stel­le des von mir gewähl­ten Ver­kehrs­mit­tels befin­det sich vor einer Grund­schu­le, und so hat­te ich nicht das Glück, eini­ge schö­ne Sät­ze für die Nach­welt fest­hal­ten zu kön­nen. Es ging offen­bar um einen Mit­schü­ler namens Nico, und die klei­nen Strol­che, die sich spä­ter noch gegen­sei­tig die Namen diver­ser Poké­mon an den Kopf war­fen, spra­chen, teils bewaff­net mit Schnee­hau­fen, also wie folgt:

„Wo is‘ Nico?“ – „In seim Arsch!“ – „Ich muss ihn abwer­fen, damit er nicht abhaut!“

Die Spra­che ein­mal bei­sei­te gelas­sen – für zu wenig Sprach­übung kön­nen sie noch nichts -, hat mir beson­ders die Selbst­ver­ständ­lich­keit gefal­len, mit der die Logik der­ma­ßen ver­dreht wur­de. Ich habe gelernt:

1) Ist ein Mensch nicht auf­zu­fin­den, soll­te man in des­sen Gesäß suchen.
2) Um einen Mit­men­schen am Gehen zu hin­dern, ist es hilf­reich, ihn mit Schnee zu bewerfen.

Ich kom­me mir so furcht­bar alt vor.

(Ganz tol­le Ankün­di­gung für eine Fern­seh­re­por­ta­ge übri­gens: „Fesche Jungs in Uni­for­men und ihre lan­gen Roh­re“. Ieks.)

PolitikIn den NachrichtenNerdkrams
Frei­heit für den Schurkenstaat!

„Ja, spin­ne ich denn?“, so soll­te eigent­lich der ers­te Satz die­ses Arti­kels lau­ten, aber all­zu leicht woll­te ich es mei­nen Kri­ti­kern auch nicht machen, also hole ich lie­ber etwas wei­ter aus:

Wie eini­ge mei­ner treu­en Leser womög­lich bereits bemerkt haben, bin ich Ent­wick­ler diver­ser Pro­jek­te, von denen eini­ge auf dem bis­lang als zuver­läs­sig und der Ent­wick­lung frei­er Soft­ware för­der­lich bekann­ten Por­tal SourceForge.net (sf.net, bewusst nicht ver­linkt) lagen, was ins­be­son­de­re für Team­ar­beit eini­ge unschätz­ba­re Vor­tei­le mit sich brach­te. Eine der wich­tigs­ten Eigen­schaf­ten frei­er Soft­ware ist eben ihre Frei­heit, die nicht durch loka­le Geset­ze wie zum Bei­spiel ein all­zu enges Urhe­ber­recht ein­ge­schränkt wer­den kann. Laut dem GNU-Pro­jekt, Weg­be­rei­ter der frei­en Soft­ware, ist an „frei“ wie in „frei­er Rede“ und nicht wie in „Frei­bier“ zu den­ken, was freie Soft­ware von blo­ßer Free­ware (also Gra­tis­pro­gram­me mit Lizenz­be­schrän­kun­gen) unterscheidet.

Dies war eigent­lich eine unum­stöß­li­che Wahr­heit, die nicht zuletzt dank mil­li­ar­den­schwe­rer För­de­rer wie eben sf.net auf­recht erhal­ten wer­den konnte.

Nun aber haben sich die Ver­ant­wort­li­chen in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten zu Wort gemel­det, die von Frei­heit (Stich­wort: Guan­tá­na­mo) unge­fähr so viel ver­ste­hen wie unse­re zustän­di­gen Minis­ter vom Inter­net, und fan­den es natür­lich gar nicht gut, dass im eige­nen Land so viel von die­ser Frei­heit herrscht, von der auch ande­re pro­fi­tie­ren, selbst so genann­te „Schur­ken­staa­ten“, die vor eini­gen Jah­ren jemand so bezeich­ne­te, der den USA selbst einen nicht all­zu guten Leu­mund ein­fuhr; und sie schwan­gen also ihren län­ge­ren Hebel (was ich mir wahr­lich nicht vor­stel­len möch­te) und beschlos­sen unge­fähr folgendes:

sf.net sol­le fort­an den fünf Staa­ten Kuba, dem Iran, Nord­ko­rea, dem Sudan und Syri­en jeg­li­chen Zugang zu den eige­nen Ange­bo­ten ver­weh­ren, da dies als „Export in Schur­ken­staa­ten“ gewer­tet wür­de, und sf.net gehorch­te; nicht aus Über­zeu­gung, ver­steht sich, son­dern weil die GPL und ver­gleich­ba­re Lizen­zen eben weni­ger Wert besä­ßen als US-ame­ri­ka­ni­sche Imper­ti­nenz Gesetzgebung.

Eine am Mon­tag erfolg­te Stel­lung­nah­me ende­te im Wort­laut so:

We reg­ret deep­ly that the­se sanc­tions may impact indi­vi­du­als who have no mali­cious intent along with tho­se whom the rules are desi­gned to punish. Howe­ver, until eit­her the desi­gna­ted govern­ments alter the prac­ti­ces that got them on the sanc­tions list, or the US government’s poli­ci­es chan­ge, the situa­ti­on must remain as it is.

Frei über­setzt und zusam­men­ge­fasst: Tja, scha­de, kann man aber nichts machen; sol­len halt die bösen Schur­ken­staa­ten sich koope­ra­tiv ver­hal­ten, dann ist alles wie­der in Ord­nung. Es muss dann doch sein: Ja, spin­ne ich denn?

Von welt­weit ansäs­si­gen Pro­gram­mie­rern erstell­te Web­sei­ten, Pro­gram­me und Daten­ban­ken unter­lie­gen seit neu­es­tem US-ame­ri­ka­ni­schen Export­be­stim­mun­gen („[t]he spe­ci­fic list of sanc­tions that affect our users con­cern the trans­fer and export of cer­tain tech­no­lo­gy to for­eign per­sons and govern­ments on the sanc­tions list“, Her­vor­he­bung von mir) und dür­fen nicht aus fie­sen Staa­ten wie Nord­ko­rea her­un­ter­ge­la­den wer­den, weil die US-ame­ri­ka­ni­sche Regie­rung das nicht so mag?

Wer irgend­et­was auf eine US-ame­ri­ka­ni­sche Web­sei­te hoch­lädt (Goog­le Code, heißt es, habe ähn­li­che Beschrän­kun­gen ein­ge­führt), betreibt also nicht nur Export (komisch; ich war bis­lang der Ansicht, „Expor­tie­ren“ hie­ße „hin­ter­her isses in einem ande­ren Land“), son­dern über­trägt auch noch die Voll­macht zur Lizenz­än­de­rung auf die zustän­di­ge Regie­rung. Micha­el Mans­ke stellt rich­tig fest:

Man muss sich lei­der fra­gen inwie­weit man sich bei in den USA betrie­be­nen Platt­for­men noch des „Open“ in Open Source sicher sein kann.

Da bleibt es einem nur noch übrig, sich an den Kopf zu fas­sen, lang­sam bis 10 zu zäh­len und den geord­ne­ten Rück­zug anzu­tre­ten. Meh­re­re Ent­wick­ler haben bereits Kon­se­quen­zen gezo­gen, ich mei­ner­seits schaue mich auch bereits nach einer neu­en, adäqua­ten Hei­mat für die letz­ten mei­ner dort ver­blie­be­nen Pro­jek­te um.

Ich rate allen Lesern, die eben­falls unter einer frei­en Lizenz ent­wi­ckeln, dazu, es mir gleich­zu­tun. Freie Soft­ware ist kein Poli­ti­kum, und sie darf es nie­mals wer­den. Und das Wich­tigs­te ist: Frei­heit gilt auch für „Schur­ken­staa­ten“.

Um das zu erken­nen, muss man wahr­lich kein Schur­ke sein.

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Kurz ver­linkt V: Von welt­li­chen Wer­ten, Welt­kon­zer­nen und Weltsprachen

Welt­li­che Wer­te hal­ten Ein­zug in das „Web 2.0“, das Netz, in dem man intims­te Details mit „Freun­den“ teilt oder zumin­dest mit irgend­wel­chen Leu­ten, die in einer „Freun­des­lis­te“ ste­hen; im Zwei­fel also mit der gan­zen Welt. Und weil man ja nichts zu ver­ber­gen hat und man die „neue“ Tech­nik gern dazu nutzt, Men­schen glei­cher Inter­es­sen ken­nen zu ler­nen, hat man in den USA einen neu­en Trend der dor­ti­gen Netz­be­woh­ner auf­ge­spürt:

Dank Blip­py kön­nen Nach­barn und Freun­de im Inter­net sehen, was der Ein­zel­ne per Kre­dit­kar­te bezahlt: Musik, Schu­he, Hotel mit der Gelieb­ten. Das soll Spaß machen (…). Seit weni­gen Tagen ist der Zugang für alle offen.

Spaß! Fei­ern! Gute Lau­ne! Die­se alber­nen bun­ten Hüt­chen auf­set­zen, der Welt sei­ne Rech­nun­gen prä­sen­tie­ren und pau­sen­los dümm­lich grin­sen. (Hat irgend­ein ver­rück­ter Wis­sen­schaft­ler eigent­lich irgend­wann mal Ner­ven­gas in US-ame­ri­ka­ni­sche Belüf­tungs­an­la­gen gekippt? Anders kann ich mir das nicht erklären.)

Der eben­falls US-ame­ri­ka­ni­sche Welt­kon­zern Apple wirft mal wie­der ein neu­es, nutz­lo­ses Pro­dukt auf den Markt, und die berich­ten­den Pres­se­ver­tre­ter über­schla­gen sich mal wie­der gera­de­zu in Lob­hu­de­lei­en. Eine Ana­ly­se des SPIE­GEL-Online-Berich­tes hat Nico­las Neu­bau­er vor­ge­nom­men, die zeigt, war­um man Bericht­erstat­tun­gen über Apple-Pro­duk­te grund­sätz­lich kri­tisch gegen­über ste­hen soll­te. Lesens­wert und amüsant.

Apro­pos amü­sant: Ein Leser wies mich mit den Wor­ten „sel­ten so fremd­ge­schämt wie in die­sem vid, und zeit­gleich kriegs­te übelst wut“ (in Ori­gi­nal­schreib­wei­se) auf die­ses Video hin, in dem der zur End­la­ge­rung in Brüs­sel vor­ge­se­he­ne baden-würt­tem­ber­gi­sche Minis­ter­prä­si­dent Gün­ther Oet­tin­ger die so genann­te Welt­spra­che Eng­lisch als Amts­spra­che der Euro­päi­schen Uni­on (deren Mit­glieds­staa­ten eben immer noch mehr­heit­lich deutsch­spra­chig sind, was gern ver­ges­sen wird) anpreist und sei­ne eige­nen Kennt­nis­se die­ser Spra­che demons­triert. Um Him­mels Wil­len, möch­te ich da bei­na­he aus­ru­fen, nein, bit­te nicht!

PersönlichesMusik
Sein oder ich sein?

(Und da wäre dann noch die zwi­cken­de Erin­ne­rung an die immer wei­ter ticken­de Lebens­uhr, und bei jedem Ticken freut man sich, dass es noch nicht zu spät ist, vor lau­ter Per­spek­ti­ven sieht man sich selbst schon nicht mehr im Spie­gel und will das auch eigent­lich gar nicht, man setzt sich dann also lie­ber hin auf den gemüt­li­chen Stuhl, der sich „Lebens­weg“ nennt, und schaut fröh­lich in alle Rich­tun­gen. Ich soll­te mal, ich könn­te eigent­lich, aber was soll’s, ist ja noch Zeit. Man ist noch lan­ge kei­ne 30, jeder Tag kommt einem ohne­hin ewig vor. Nur kei­ne Hek­tik. Der Herr­gott hat die Zeit gemacht, von Eile hat er nichts gesacht. Bis­her hat alles gut funk­tio­niert, und man könn­te, wenn man woll­te, also war­um beei­len, die ande­ren ver­sump­fen ja auch. Leben ist jetzt, und wenn’s mor­gen auch noch ist, den­ken wir mor­gen noch mal drü­ber nach und begin­nen wie­der bei „Und da wäre dann noch“. Man könn­te Musi­ker wer­den, Tex­te kann man und eine Gitar­re hat man auch schon mal gese­hen, ach ja, eine Band oder wenigs­tens ein Auf­nah­me­ge­rät wäre mal toll; suche ich dann nach­her oder kau­fe ich dann spä­ter. Viel­leicht. Bis dahin: Lyri­ker. Gedich­te und Pro­sa ver­fas­sen und sich unge­heu­er wich­tig dabei vor­kom­men, irgend­wer wird’s schon lesen wol­len. Und wenn nicht? Dann ver­dient man sich eben was dazu. Pro­gram­mie­ren, klar, macht man ja eh den gan­zen Tag und ver­dient manch­mal, wenn man Glück hat, sogar ein paar Wäh­rungs­ein­hei­ten damit, dies ist eine freie Welt, wenn du es nicht machst, macht es wer anders, also las­sen wir das mit dem Risi­ko mal, und die unfer­ti­gen Lebens­ent­wür­fe lie­gen beschrif­tet und säu­ber­lich ein­ge­hef­tet bereit, man ist ja noch jung und muss sich noch nicht fest­le­gen, aber man hat dann schon mal was, womit man was anfan­gen kann, wenn man mal ange­fan­gen hat. Und in ruhi­gen Momen­ten, in denen man denkt, so, jetzt könn­test du dann mal anfan­gen, fragt man sich dann lie­ber, war­um man denn über­haupt noch nicht ange­fan­gen hat, und schreibt Tex­te wie die­se. Suche Moti­va­ti­on, gern auch gebraucht.)

Du hast wie­der alles gege­ben, hast alles genommen,
warst nicht nur dane­ben, hast dich auch so benommen,
bist wenigs­tens dei­nem Leben ’ne Nacht lang entkommen;
das Pro­blem ist nur, eben hat es zu däm­mern begonnen…

(Die Fan­tas­ti­schen Vier: Hey!)

Piratenpartei
Hil­fe, Unterwanderung!

Und das Neu­es­te aus der Welt der wir­ren Blogs (bewusst nicht ver­linkt): Ich wer­de unter­wan­dert. Und mit mir eine gan­ze Partei.

Was ist pas­siert? Nun, unter dem rei­ße­ri­schen Titel Dres­den nazifrei! rufen eini­ge Pro­mi­nen­te und weni­ger Pro­mi­nen­te, dar­un­ter auch Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te der Par­tei „Die Lin­ke.“, der­zeit dazu auf, eine am 13. Febru­ar geplan­te Demons­tra­ti­on im Geden­ken an die Opfer der Bom­bar­die­rung deut­scher Städ­te zu blo­ckie­ren. (Ja, es geht wört­lich um Blo­cka­den, nicht um blo­ße Gegen­de­mons­tra­tio­nen.) Und weil das „irgend­was mit Hit­ler“ zu tun hat, papp­te man das Sie­gel „Anti­fa­schis­mus“ oben­drauf, ließ es von aus­ge­rech­net der bekannt­lich Demo­kra­tie und Rechts­staat lie­ben­den Anti­fa­schis­ti­schen Akti­on orga­ni­sie­ren und such­te sich Mit­strei­ter für die­se anti­de­mo­kra­ti­sche Straf­tat Akti­on zur Wah­rung der Demokratie.

Nun hat sich auch ein Lan­des­ver­band der Pira­ten­par­tei bereit erklärt, die­se Akti­on zu unter­stüt­zen. Da das akti­ve Blo­ckie­ren einer legi­ti­men Demons­tra­ti­on jedoch weder mit den Grund­sät­zen der Pira­ten­par­tei („wir sind nicht links und nicht rechts, wir sind vor­ne!“) noch mit gel­ten­dem Gesetz in Ein­klang zu brin­gen ist, wur­de nach einer hei­ßen Dis­kus­si­on im Pira­ten­fo­rum (die gern ver­linkt, aber wohl nie so ganz gele­sen wird) die­se Unter­stüt­zung vor­erst wie­der zurückgerufen.

Und schon haben wir den Salat und die nega­ti­ve Pres­se von den gewohn­ten Schrei­häl­sen und Burgtrompetern:

Die Pira­ten­par­tei sym­pa­thi­sie­re nicht mehr nur mit der NPD, weil sie nicht bereit ist, links­mo­ti­vier­te Straf­ta­ten zu unter­stüt­zen; nein, sie wer­de gar von ihr, so schreibt der übli­che (absicht­lich nicht ver­link­te) Quatsch­blog­ger, unter­wan­dert. Die gute, alte George‑W.-Bush-Mentalität (eit­her you are with or you are against us, weil’s halt zwi­schen Links­au­to­no­men und Rechts­ra­di­ka­len nichts geben darf) schlägt wie­der zu. Außer Fré­dé­ric vom Spree­blick kommt auch nie­mand auf die Idee, die ent­spre­chen­de Stel­lung­nah­me der Pira­ten­par­tei auch nur zu erwäh­nen. Recher­chen? Pustekuchen.

Da kann man eigent­lich nur noch die Nase rümpfen.

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The Natio­nal – Alligator

Eigent­lich hät­te jetzt hier ein geschlif­fen for­mu­lier­ter Text voll zyni­scher Wort­spie­le ste­hen sol­len, der die der­zeit durch die Blogs geis­tern­de Geschich­te von der bis­lang blö­des­ten Abmah­nung des Jahr­zehnts zum The­ma hät­te und in dem ich mich über die eigent­lich über­aus unan­ge­neh­me Ver­bin­dung aus feh­len­der tech­ni­scher Sach­kennt­nis und Geld für Anwäl­te bekla­gen woll­te, aber bevor ich ihn schließ­lich fixier­te, beschloss ich, noch ein­mal einen Blick in den immer noch ste­tig wach­sen­den Sam­mel­ord­ner noch zu hören­der Musikal­ben zu wer­fen, schob also das erst­bes­te Werk in mein Abspiel­ge­rät, setz­te die Kopf­hö­rer auf und war aus­rei­chend fas­zi­niert, um statt­des­sen einen Text über die gehör­te Musik zu verfassen.

Das Album „Alli­ga­tor“ der US-ame­ri­ka­ni­schen Band The Natio­nal ist inzwi­schen fünf Jah­re alt, aber es hat sich bis­lang erfolg­reich mei­nen Ohren ent­zo­gen; wohl auch, weil mir das Nach­fol­ge­werk „Boxer“ eher ab- als zusa­gen woll­te und weil ich des­halb erst mal ver­drängt habe, je etwas von die­ser Musik­grup­pe kon­su­miert zu haben. Ich hof­fe nicht, dass es ein Zei­chen fort­schrei­ten­den Alters ist, aber „Alli­ga­tor“ trifft der­zeit genau neben mei­nen musi­ka­li­schen Nerv. (Wür­de es mei­nen Nerv tref­fen, wür­de es schmer­zen, daher ist dane­ben gera­de gut. Ach, Wort­spie­le, die man erklä­ren muss, sind kei­ne guten solchen.)

Peter ver­gleicht The Natio­nal mit den Edi­tors (die ich nicht mag) und Inter­pol (die ich nicht ken­ne), auf Amazon.de zieht man mit Joy Divi­si­on und den Tin­der­sticks dann immer­hin Ver­glei­che, die ich eini­ger­ma­ßen ver­ste­he und für rich­tig hal­te. Mischt man alles zusam­men, was man so über die­ses Album liest, so ent­hält es min­des­tens melan­cho­li­schen Indie-Ame­ri­ca­na-Post-Punk-Rock, und weil sich das ver­mut­lich dann doch lie­ber kei­ner mer­ken will, nen­ne ich es ein­fach mal eine Melan­ge aus letz­te­ren bei­den Bands und freue mich tie­risch dar­über, so eine schö­ne kur­ze Beschrei­bung for­mu­liert zu haben. Die ist wenigs­tens schön griffig.

Die­ses Album also, das (schrieb ich das schon?) mir sehr gefällt, drückt in Text, Gesang und Instru­men­tie­rung eine ver­zwei­fel­te Melan­cho­lie aus, wie sie mir in all mei­ner Melo­dra­ma­tik gera­de recht kommt. Musik für ein­sa­me See­len, die für fei­ge Depres­sio­nen dann doch wie­der nicht ein­sam genug sind.

I got two sets of head­pho­nes, I miss you like hell
Won’t you come here and stay with me
Why don’t you come here and stay with me

Unge­küns­tel­te Lyrik ist gute Lyrik, und ver­tont klingt sie so oder auch so. Kau­fen, hören und auf die Tex­te ach­ten. Ers­te­res und zwei­te­res in die­ser Rei­hen­fol­ge, drit­te­res gleich­zei­tig mit zwei­te­rem. (Davor oder danach geht natür­lich auch.)

PersönlichesNetzfundstücke
De futu­ra.

Gera­de in der Wer­bung auf­ge­fal­len: „Bun­des­wehr – Kar­rie­re mit Zukunft“. Eine sol­che Zukunft wün­sche ich tat­säch­lich niemandem.

Wie das mit den Wün­schen doch ohne­hin nicht immer ganz ein­fach ist. Man stei­gert sich in sie hin­ein und plant unbe­wusst oder auch bewusst, und man ver­spricht sich selbst, dass das nächs­te Mal bes­ser ver­lau­fen mag, weil man ja nun wis­se, wo die Feh­ler lagen, und dann schei­tert es doch nur an der eige­nen Unzulänglichkeit.

Ludi­te, si sapi­tis, solas impu­ne puellas:
Hac minus est una frau­de tuen­da fides.

(Ovid: Ars ama­to­ria I)


Noch ein kur­zer Nach­trag zum The­ma Goog­le: Mir scheint, dem The­ma Goog­le wid­me man sich der­zeit in deut­schen Medi­en mit erhöh­ter Auf­merk­sam­keit, mit weni­gen Aus­nah­men hat sich da inzwi­schen auch ein gewis­ser Kon­sens herausgebildet.

Selbst Susan­ne Gasch­ke, Redak­teu­rin des ansons­ten eher min­der­qua­li­ta­ti­ven Nach­rich­ten­ma­ga­zins Die Zeit, ruft zum Pro­test gegen Goog­le auf.

Was heißt »Pri­vat­heit« noch, wenn kei­ne Bewe­gung mehr inko­gni­to ist?

Für lesens­wert befun­den und aus­drück­lich zu sol­chem empfohlen.


(Und dann noch mal das übli­che Apro­pos, dies­mal Roman­tik: Wie man das, was eine Frau als „roman­ti­schen Moment“ und ein Mann als „kit­schi­ges Kli­schee“ betrach­tet, erfolg­reich zu einem gera­de­zu kin­di­schen Spaß für alle Betei­lig­ten umwan­delt, erläu­tert Kirs­ten Fuchs. Hihi.)

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In den NachrichtenMusik
Dei­ne Mud­da wählt CSU, Alter.

Was müs­sen mei­ne trü­ben Augen da wie­der zur Kennt­nis nehmen?:

Rap­per Bushi­do (31) und Bay­erns Minis­ter­prä­si­dent Horst See­ho­fer (60, CSU) hat­ten sich beim Film­ball in Mün­chen so eini­ges zu erzäh­len. Anschlie­ßend ver­riet der Baye­ri­sche Lan­des­va­ter in „Bild“: „Ich wür­de mir wün­schen, dass Bushi­do einen Wahl­kampf­song für uns macht“.

Der bou­le­var­deske Stil, Per­so­nen­nen­nun­gen grund­sätz­lich mit ein­ge­klam­mer­ten Alters­an­ga­ben zu ver­se­hen, weil sie für den Trans­port der eigent­li­chen Inhal­te bekannt­lich essen­zi­ell sind, ist mir (24) durch­aus nicht ent­gan­gen und bei­na­he Stoff für eine wei­te­re Medi­en­kri­tik, aber ich bin heu­te ein wenig schreib­faul. Soll­te sich aller­dings der Inhalt der Nach­richt als authen­tisch erwei­sen, so möch­te ich hier­mit mei­ne Erhei­te­rung ob die­ses Umstan­des zum Aus­druck bringen.

So eine Wahl­kampf­hym­ne stel­le ich mir von aus­ge­rech­net Bushi­do ja auch nicht all­zu unhu­mo­rig vor; die CSU ist zum Bei­spiel voll Ghet­to, ey.

Offen­bar berei­tet das dem Poli­ti­ker kei­ne gro­ßen Sor­gen: „Ich ken­ne sei­ne Musik von mei­nen Kin­dern. Er ist ein sehr höf­li­cher jun­ger Mann.“

Dass Bushi­do trotz all sei­ner ver­ton­ten Gewalt­fan­ta­sien nicht unbe­dingt all­zu falsch tickt, hat­te ich ja vor einer Wei­le schon zuge­ge­ben; aber aus wel­chem sei­ner bis­lang auf Ton­trä­ger gepress­ten Wer­ke das her­vor­geht oder ob Horst See­ho­fer even­tu­ell von etwas völ­lig ande­rem sprach, als er aus­ge­rech­net sei­ne Musik ins Spiel brach­te, hät­te ich dann doch schon gern mal erfah­ren. Wer kann mir da weiterhelfen?

(Apro­pos komi­sche Arti­ku­la­ti­on; SPIEGEL Online lie­fert mir heu­te das Rap­zi­tat der Woche: „Dies ist eine Geschich­te aus alter Zeit, über mein kos­mi­sches Idol, das in mei­nen Träu­men weilt, über wen rede ich, Kum­pel? Yeah, ich rede über Bud­dha, yo.“ Dan­ke, kei­ne wei­te­ren Fragen.)

MusikPolitikNetzfundstücke
Kurz ver­linkt IV: Kath­rin Pas­sig und, „hur­ra!“, das neue Ding

Der­zeit auf tagesschau.de zu lesen:
Die „Web-Exper­tin“ (was wie­der ein­mal sehr schön zeigt, dass man, um heut­zu­ta­ge als „Exper­te“ dum­mes Zeug in irgend­ein Mikro­fon schwa­feln zu dür­fen, nur unge­fähr wis­sen muss, wie der abs­trak­te Gegen­stand, mit dem man sich angeb­lich aus­kennt, unge­fähr buch­sta­biert wird; gemäß Urban Pri­ol: „ein­mal in der Eis­die­le vom Zitro­nen­sor­bet naschen, schon ist man Exper­te für Polar­for­schung“) Kath­rin Pas­sig erklärt, wie­so sämt­li­che „sozia­len Netz­wer­ke“ dazu bei­tra­gen, dass sie nicht sozi­al ver­küm­mert, und dass jedem die­ser Por­ta­le, das aus der Mode kommt, min­des­tens ein neu­es „kom­men­des Ding“ folgt.

In Deutsch­land zum Bei­spiel ent­wi­ckel­te sich die all­ge­mei­ne Auf­merk­sam­keit von MySpace über *VZ zu Face­book, und was danach kom­men wird, möch­te ich mir gar nicht so recht vor­stel­len müssen:

Die schlech­te Nach­richt für Anhän­ger des „Nur-eine-Phase“-Glaubens: An die Stel­le von Face­book wird nicht der Prä-Face­book-Zustand tre­ten, son­dern Ange­bo­te, die noch viel stär­ke­re Ver­wer­fun­gen in unse­ren sozia­len Gepflo­gen­hei­ten mit sich bringen.

Ich hat­te es neu­lich schon ange­deu­tet:
So schlecht lebt es sich in der digi­ta­len Ein­sam­keit ohne Face­book nicht. :)

(Und, apro­pos Ein­sam­keit, dem Lied Wor­te feh­len des Farin Urlaub Racing Teams wird viel zu wenig Auf­merk­sam­keit geschenkt. Ich hof­fe, mit die­sem Ver­weis zur Ände­rung die­ses Umstan­des bei­tra­gen zu können.)


Ein poli­ti­scher Witz als Nachtrag:
„Die SPD hat den gro­ßen Feh­ler gemacht, die Dis­kus­si­on um Inter­net­sper­ren zu ver­schla­fen“, und das tut ihr jetzt, in der Oppo­si­ti­on, so rich­tig Leid; weil es kei­nes­falls abzu­se­hen war, dass die zahl­rei­chen Bür­ger­pro­tes­te inklu­si­ve des Erfol­ges der Pira­ten­par­tei irgend­et­was mit den Inter­net­sper­ren zu tun gehabt haben könn­ten, aber jetzt hät­te man eben doch gern wie­der ein paar Wäh­ler­stim­men, wenn es schon nicht für Inhal­te reicht, ach, herrje.

PolitikIn den Nachrichten
Goog­le und das lei­di­ge The­ma Datenschutz

Lan­ge schon habe ich hier nichts mehr über den gefähr­li­chen Groß­kon­zern Goog­le geschrie­ben (ihr wisst schon, das ist die klei­ne Gara­gen­fir­ma, die sich zu unge­fähr 97 Pro­zent aus den Ein­nah­men jener Wer­bung finan­ziert, die es anhand der Mailin­hal­te und so ziem­lich jeder wei­te­ren gleich­wie per­sön­li­chen Eigen­schaft sei­ner Nut­zer gene­riert), und da der ansons­ten ent­täu­schend unre­vo­lu­tio­nä­re SPIEGEL in sei­ner dies­wö­chi­gen Aus­ga­be (2/2010) umfas­send dar­über infor­miert, war­um es kei­ne gute Idee ist, einem Unter­neh­men, das kom­mer­zi­el­le Inter­es­sen ver­tritt, etwas ande­res als einen Ein­trag auf sei­ner Sperr­lis­te zu gewäh­ren, neh­me ich das mal zum Anlass, um ein wenig über die Nach­rich­ten­si­tua­ti­on zu reflektieren.

Goog­le ist ja die­ser Tage auch in den eher poli­tisch ori­en­tier­ten Nach­rich­ten­sen­dun­gen ein The­ma, da die chi­ne­si­schen Goo­gle­mit­ar­bei­ter als Reak­ti­on auf die umfas­sen­de staat­li­che Zen­sur erst mal beur­laubt wur­den und es gar im Gespräch ist, die chi­ne­si­sche Goo­g­le­ver­si­on ganz ein­zu­stel­len; sicher­lich nicht die schlech­tes­te Ent­schei­dung (und eigent­lich ein kla­rer Plus­punkt für Chi­na), aber das Pro­blem hier ist, dass mit die­ser Nach­richt wie­der ein­mal der Zei­ge­fin­ger in Rich­tung Aus­land geschwun­gen wird, wodurch man geschickt ein ganz ande­res Pro­blem übergeht.

Dass man tun­lichst davon abse­hen soll­te, einem Unter­neh­men, das nicht an EU-Geset­ze gebun­den ist, all­zu vie­le Infor­ma­tio­nen über sich preis­zu­ge­ben, steht auf einem ganz ande­ren Blatt (gera­de auch im Hin­blick dar­auf, dass das Google-„Adsense“-Werbesystem eben auch Goog­le-Mail-Inhal­te und unter Umstän­den ver­trau­li­che Geschäfts­do­ku­men­te bei die­sem unsäg­li­chen Lotus-Notes-Klon Goog­le Wave durch­fors­ten darf; „wer nicht will, dass wir alles über ihn erfah­ren kön­nen, wenn wir woll­ten, soll­te bes­ser auf sei­ne Daten auf­pas­sen“, albern die Kon­zern­spre­cher sinn­ge­mäß in der Pres­se her­um), aber Goog­le ist nun nicht unbe­dingt ein Kon­zern, der „böse Zen­surchine­sen“ flu­chen sollte.

Es folgt ein Bildschirmausschnitt:

„Recht­li­che Grün­de“ hal­te ich zwar für einen selt­sa­men (das Inter­net kennt kei­ne Staats­gren­zen), aber immer­hin für einen nicht völ­lig aus der Luft gegrif­fe­nen Grund. Nur sind es in Chi­na eben­falls „recht­li­che Grün­de“, die dazu füh­ren, dass man­che Web­sei­ten schlicht nicht in einer Such­ma­schi­ne auf­ge­führt wer­den dür­fen. Was also den­ken sich deut­sche Medi­en dabei, wenn sie sich über Chi­na echauf­fie­ren, nur weil die Such­ma­schi­nen dort staat­li­cher Kon­trol­le unterliegen?

Ver­mut­lich gar nichts.

PersönlichesMusikNetzfundstückeIn den Nachrichten
Heu­te kei­ne Milch. (Und, womög­lich, nie mehr.)

Aus aktu­el­lem Anlass ein Lied:

How could they know just what this mes­sa­ge means
The end of my hopes, the end of all my dreams
How could they know a palace the­re had been
Behind the door whe­re my love reig­ned as queen

Hach.

Ein­at­men, aus­at­men und dar­an den­ken, dass man ja eigent­lich etwas völ­lig ande­res schrei­ben wollte.
Gedan­ken­pau­se sym­bo­li­sie­ren, Strich ein­fü­gen, noch mal atmen und wei­ter­tip­pen. Und zwar jetzt:


Der Grün­der von Face­book hält Pri­vat­sphä­re und Daten­schutz für nicht mehr zeit­ge­mäß; kein Wun­der, leben doch Diens­te wie der sei­ne pri­mär davon, dass sei­ne Benut­zer sich öffent­lich ent­blö­ßen. Dass Face­book hier­zu­lan­de die eta­blier­ten *VZ-Net­ze zu ver­drän­gen beginnt, seit immer mal wie­der Nach­rich­ten über die Daten­schutz­pro­ble­me sel­bi­ger auf­tau­chen, zeugt von dem Unver­ständ­nis ihrer Nut­zer; weil die­se Net­ze ja auch alle­samt völ­lig unter­schied­lich funk­tio­nie­ren, einer ande­ren Phi­lo­so­phie fol­gen und weil Nach­rich­ten­bei­trä­ge immer reprä­sen­ta­tiv sind, das wird’s sein.

(Apro­pos „sein“: „Man braucht es nicht“ schrieb 1984 eine deut­schen Zeit­schrift, die für ihre Pro­dukt­ver­glei­che bekannt gewor­den ist, über die­se Pro­dukt­gat­tung. Was mag das gewe­sen sein? Die Auf­lö­sung für Unge­dul­di­ge gibt es hier.)

LyrikPersönliches
Sie. (Frag­ment 2)

… Es war dun­kel und es reg­ne­te, als er wie­der auf die Stra­ße trat. Kein Mensch war mehr zu sehen, fast kein Geräusch mehr zu hören; nur in der Fer­ne unter­hielt sich eine Eule mit der Nacht. „Wie pas­send“, dach­te er.

Was hat­te er erwar­tet, als er noch kurz zuvor mit Herz­klop­fen vor ihrer Tür stand? Er hät­te sich ohr­fei­gen kön­nen. Wie ein Narr hat­te er sich benom­men. Alles war an sei­ner Angst zer­bro­chen, auch damals im Früh­ling, als er noch nicht alles rui­niert hat­te. Angst war sein Beglei­ter, seit er den­ken konn­te, und hat­te ihn schon oft in Gefahr gebracht. Eine Angst jedoch war neu: Die Angst, die ihn nun seit Mona­ten quäl­te und die ihm heu­te auch die­se eine, letz­te Chan­ce ver­sagt hat­te. Die Angst, sie end­gül­tig zu verlieren.

Sie war fort, dar­an zwei­fel­te er nicht, und es war sei­ne eige­ne Schuld. Sie war die Frau sei­nes Lebens, und eigent­lich hät­te er jetzt eben­so gut ein­fach tot umfal­len kön­nen. Dabei hat­te alles so gut begon­nen. Sei­ner Bit­te um die längst fäl­li­ge Aus­spra­che woll­ten sie bei­de end­lich – und nach lan­gem end­lich wie­der gemein­sam – nach­kom­men. Viel­leicht schwan­gen Über­mut und Leicht­sinn mit, als er es sich aus­mal­te, wie es wohl aus­ge­hen wür­de, viel­leicht war es auch nur sei­ne Ver­zweif­lung; er wuss­te jeden­falls, dass es für ihn, nein: für sie bei­de an die­sem Abend um alles ging, um eine gemein­sa­me Zukunft oder um ein Leben ohne ein „Wir“, an das er in die­sen Tagen stän­dig dach­te. Wochen­lang hat­te er sich vor­be­rei­tet, Fra­gen, Ant­wor­ten und Erin­ne­run­gen sorg­fäl­tig sor­tiert. Er hat­te schon zu viel Glück gehabt, dies­mal durf­te er sich nicht auf es verlassen.

Er hat­te es mal wie­der über­trie­ben. Je näher der Tag rück­te, auf den er all sei­ne Hoff­nun­gen, Wün­sche und Träu­me pro­ji­ziert hat­te, des­to unge­dul­di­ger wur­de er. Als er es schließ­lich nicht mehr aus­hielt, begann er wie­der zu schrei­ben. Er schrieb Gedich­te und zitier­te Lie­der, er offen­bar­te dem Papier in Pro­sa sein Gefühls­le­ben. Der Sta­pel an Auf­zeich­nun­gen wuchs zuse­hends. „War­um war­ten?“, dach­te er sich, als er dies bemerk­te. Er woll­te ihr zei­gen, was sie ihm bedeu­te­te. Der Aus­sicht dar­auf, all dies noch unaus­ge­spro­chen las­sen zu müs­sen, behag­te ihm nicht. Hin und wie­der also, wenn ihm ein Text beson­ders gut gefiel, ver­pack­te er ihn und sand­te ihn ihr zu. Er hoff­te, dass sie ihn ver­ste­hen würde.

End­lich war sein Tag gekom­men. Geschla­fen hat­te er seit meh­re­ren Näch­ten nur noch wenig, er lag stun­den­lang wach und dach­te an sie. Was wür­de pas­sie­ren, wenn sie sich in die Augen sähen – er in ihre dunk­len, tie­fen, sie in sei­ne hel­len, klaren?

Zögernd trat er vor ihre Tür und betä­tig­te die Klin­gel. Erst nach, so kam es ihm vor, meh­re­ren Minu­ten bemerk­te er, dass an ihr ein Brief befes­tigt war, auf dem sein Name stand. Er zit­ter­te, wäh­rend er ihn öff­ne­te. Er war von ihr.

Mit jedem Satz, den er las, zit­ter­ten die Buch­sta­ben ein wenig mehr. Sie habe, schrieb sie, sich ent­schie­den. Sie füh­le sich von ihm noch immer – oder schon wie­der? – ein­ge­engt und unter Druck gesetzt; genau wie damals, als sie ihn ver­ließ. „Die Brie­fe!“, dach­te er und riss die Augen auf. Die­se ver­damm­ten Brie­fe, die er ihr immer wie­der zukom­men ließ, hat­ten ihn um den letz­ten Gras­halm gebracht. Den letz­ten hat­te er erst am Vor­tag geschrie­ben, die Tin­te war noch nicht lan­ge getrock­net. „Ges­tern“, dach­te er, und die alte, unge­lieb­te Schall­plat­te in sei­nem Kopf begann sich wie­der zu dre­hen. „Why she had to go I don’t know, she would­n’t say; I said some­thing wrong, now I long for yesterday.“

Nur mit Mühe konn­te er durch die Schlei­er, die sei­ne Augen und sei­nen Ver­stand zu umhül­len began­nen, ihre letz­ten Wor­te entziffern:
Sie wol­le ihn nie mehr wiedersehen.

Er atme­te tief durch. Das Geschrei der Eule, die noch immer unauf­hör­lich mit der Nacht sprach, klang jetzt, als lach­te sie ihn aus. Das Was­ser, das ihm über das Gesicht lief, schmeck­te salzig. …