Sonstiges
Medienkritik LXXVII: „JOY“, das Fachmagazin für angewandtes Zickentum

Yetis soll­ten nicht Cos­mo­po­li­tan lesen, Män­ner kei­ne Frau­en­zeit­schrif­ten. So weit der Mythos. Man wür­de als Mann aber manch­mal viel­leicht schon gern wis­sen, was die Frau­en so bewegt, und dabei hilft für wenig Geld ein Tratsch- und Mode­heft­chen wie „JOY“. Auf der Web­site der „JOY“ (Vor­sicht: Web­site der „JOY“!) ist zur­zeit unter ande­rem eine Gale­rie der „Busen­blit­zer“ mit posi­tiv beein­druck­ten Kom­men­ta­ren zu fin­den, somit tei­len die Frau­en mit den Män­nern offen­sicht­lich zumin­dest eine nen­nens­wer­te Vor­lie­be: das Möp­se­gucken.

Aber ich woll­te ja eigent­lich näher auf die gedruck­te „JOY“ ein­ge­hen. Das mache ich jetzt mal.

JOY 02/2013

Grund­sätz­lich hat die „JOY“ gegen­über der bereits an ande­rer Stel­le erwähn­ten „Jolie“ bezüg­lich der grell­bun­ten Auf­ma­chung und des Sprach­stils („Fashion we love“, gut Eng­lisch das ist) kei­ner­lei Ein­schrän­kun­gen, und auch die The­men sind sehr ähn­lich. Sogar Mila Kunis ist wie­der „exklu­siv“ ver­tre­ten; was man eben so „exklu­siv“ nennt.

Beson­ders ange­tan hat’s mir aber das Titel­the­ma „Die Kunst, eine unbe­re­chen­ba­re Frau zu sein“, das genau so tref­fend „Wie man Män­ner auf lan­ge Sicht effi­zi­ent ver­jagt“ hei­ßen könn­te. Womög­lich nicht zufäl­lig lau­tet ein ande­res Titel­the­ma „So ent­waff­nen Sie Ner­ven­sä­gen“. Blö­der­wei­se sind damit immer nur die Ande­ren gemeint. Aber vor­weg gibt’s trends, außer scheuß­li­cher Mode wird hier auch das „sty­li­sche“ („JOY“) Smart­phone Sony Xpe­ria V emp­foh­len, dank des­sen „neu­em LTE-Stan­dard“ man „noch schnel­ler Fil­me gucken“ kön­ne; der genaue Zusam­men­hang wird lei­der nicht näher erläu­tert.

Auf Sei­te 26 gibt es eini­ge Umfra­ge­er­geb­nis­se zu lesen, die mich belu­sti­gen. 69 Pro­zent der umbe­frag­ten Frau­en sind der Ansicht, Hei­rats­an­trä­ge sei­en Män­ner­sa­che, 32 Pro­zent den­ken manch­mal beim Geschlechts­ver­kehr an einen ande­ren Mann, immer­hin 36 Pro­zent sind der Mei­nung, Män­ner und Frau­en könn­ten kei­ne Freun­de sein. 5 der letz­te­ren 36 Pro­zent ver­tre­ten die Ansicht, Freund­schaft zwi­schen den Geschlech­tern sei nur mög­lich, wenn man schon mal mit­ein­an­der in der Kiste gewe­sen sei. Schö­nen Dank auch, Eman­zi­pa­ti­on und ver­meint­li­che Abschaf­fung der Rol­len­bil­der.

(Apro­pos Rol­len­bil­der: Auf Sei­te 22 wird bewor­ben, mit wel­chen Mit­teln die mir völ­lig unbe­kann­te Schau­spie­le­rin Jes­si­ca Cha­stain ihren „Por­zel­lant­eint“ – also ihr Püpp­chen­ge­sicht – betont. Ich zie­he mei­ne Ankla­ge zurück und erklä­re die Eman­zi­pa­ti­on der Frau für geschei­tert. Glück gehabt.)

Ein biss­chen welt­fremd wird es auf Sei­te 30, auf der „20 Din­ge, die Sie ab 30 kei­nes­falls mehr tun soll­ten“ auf­ge­zählt wer­den. Ding Num­mer 5 ist „In einer WG woh­nen (Aus­nah­me: Model-WG)“; damit das Püpp­chen (Sei­te 22) jen­seits der magi­schen 30 bloß nicht die Hoff­nung ver­lie­ren möge, jemals eine Chan­ce auf gemein­sa­mes Kot­zen zu haben. Models über 29 wei­hen doch nur noch Geschäf­te für mol­li­ge Mode ein, dach­te ich. Inter­es­sant sind aber auch die Punk­te 13 („Irgend­et­was von Hel­lo Kit­ty besit­zen“) und 14 („Sich Sonn­tag­mor­gens [sic!] für den Gang zum Bäcker schmin­ken“). Das sind so die Din­ge, von denen ich als Mann ja immer hof­fe, dass es noch Frau­en unter 30 gibt, die nie auch nur auf die Idee kämen, gegen eine die­ser Emp­feh­lun­gen zu ver­sto­ßen. Aber man will ja gut aus­se­hen beim Bröt­chen­kau­fen. Kein Wun­der, dass ich meist solo bin: Ich kau­fe Brot immer unge­schminkt. Ver­dammt.

Den lang­wei­li­gen Arti­kel über Mila Kunis – sie sehe „sich selbst gar nicht als Sex­bom­be“, und damit hat sie voll­kom­men Recht – genügt es zu über­flie­gen, es geht um Ash­ton Kut­cher, Knut­schen in der Öffent­lich­keit und ähn­lich irrele­van­ten Quark. Auch die Auf­li­stung der „star­ken Män­ner 2013“ kann man getrost bei­sei­te las­sen, zu sehen sind alle­samt mus­kel­be­pack­te Schön­lin­ge, bevor­zugt wohl ober­kör­per­frei. Ober­fläch­li­che Män­ner, die nur auf den Kör­per ach­ten, sei­en wirk­lich schlimm, wur­de mir ein­mal gesagt. Dank der „JOY“ weiß ich nun wenig­stens, was damit gemeint war.

Der Text, auf den ich mich beson­ders gefreut hat­te – der mit der unbe­re­chen­ba­ren Frau – ent­puppt sich beim Lesen als mehr­sei­ti­ge Ansamm­lung von Plat­ti­tü­den („Ero­tik kann alles sein“, „Män­ner hören beim Sex eh nicht so rich­tig zu“, aber „Reden ist Sex“ – wie auch immer). Der Tenor lau­tet: Mit einem Mann muss man spie­len, man muss ihn bet­teln las­sen. Frau­en, die sich an einen sol­chen Rat­ge­ber hal­ten, brau­chen ihn wahr­schein­lich noch häu­fi­ger. Übri­gens fin­de ich das in die­sem Arti­kel infla­tio­när ver­wen­de­te Wort „Schwanz“ für das männ­li­che Glied nicht sehr ero­tisch. Gibt es dazu eigent­lich auch schon einen Rat­ge­ber in einer Aus­ga­be der „JOY“?

Für die­se Ent­täu­schung ent­schä­digt der Fol­ge­ar­ti­kel „Rote Kar­te für Ner­ven­sä­gen“. Er ent­hält 16 Tipps, wie man ner­vi­ge Mit­men­schen effi­zi­ent anzicken kann, und soll­te somit im Port­fo­lio kei­ner Frau feh­len, die als sol­che wahr­ge­nom­men wer­den möch­te. Dass einer­seits aus dem Buch „Sor­ry, hier sitzt schon mei­ne Tasche“ zitiert wird (Tipp Num­mer 7), ande­rer­seits aber Leu­te, die einen Sitz­platz mit ihrer Tasche bele­gen, selbst als „Ner­ven­sä­gen“ iden­ti­fi­ziert wer­den (Tipp Num­mer 15), ist wahr­schein­lich sogar beab­sich­tigt. Immer­hin möch­te man ja die größ­te Ner­ven­sä­ge von allen wer­den; auch eine Art von joy.

Tipp Num­mer 10 ist eben­falls beacht­lich: Man sucht auf Face­book nach wich­ti­gen Din­gen, ver­mut­lich Schmink­tipps oder was „JOY“-Leserinnen halt so suchen, und fin­det nur doo­fes Geschwätz von einer Face­book-Freun­din. Zwei Lösungs­mög­lich­kei­ten wer­den vor­ge­schla­gen: Man sol­le ent­we­der „nie­man­den interessiert’s!“ drun­ter­schrei­ben oder die Mel­dun­gen der „Freun­din“ ein­fach aus­blen­den. Man könn­te statt­des­sen auch ein­fach die Freund­schaft kün­di­gen, aber so was macht man ja als Frau nicht. Da muss man ja zusam­men­hal­ten. Nur kon­se­quent erscheint da Tipp 16 gegen „hart­näcki­ge Anbag­ger-Idio­ten“: „Glot­zen Sie ihn unver­wandt mit einem Gesichts­aus­druck zwi­schen Schock und Debi­li­tät an – und zwar min­de­stens 30 Sekun­den.“ Der typi­schen „JOY“-Leserin genügt es nicht, als Zicke iden­ti­fi­ziert zu wer­den. Es muss schon min­de­stens zu einer gei­stes­ge­stör­ten Zicke genü­gen.

Wei­ter­hin in der „JOY“: Bezie­hun­gen las­sen sich ret­ten, indem man sich regel­mä­ßig zu „Sex­dates“ trifft, sen­si­ble Haut ist „die Diva unter den vier Haut­ty­pen“, außer­dem Tipps zum „Figur­pro­blem Bir­ne“ (kein Witz!) und ein Trench­coat als „Trend fürs Büro“.

Und ich dach­te immer, Män­ner­ma­ga­zi­ne sei­en bescheu­ert.

Kaufbefehle⁠Musikkritik
Ariel Pink’s Haunted Graffiti – Mature Themes

Ariel Pink's Haunted Graffiti - Mature ThemesBeacht­lich ist übri­gens auch das Album „Matu­re The­mes“ von Ari­el Pink’s Haun­ted Graf­fi­ti, erschie­nen bereits im August 2012 und von mir, Ver­zei­hung!, zu spät bemerkt.

Ari­el Pink ist das Alter Ego des Kali­for­niers Ari­el Rosen­berg, der schon diver­se sehr merk­wür­di­ge Lo-Fi-Musikal­ben ver­öf­fent­licht hat­te. Zusam­men mit sei­ner Haun­ted Graf­fi­ti Band macht er immer noch Musik, für die „inter­es­sant“ ein treff­li­ches Adjek­tiv ist.

Das erste Stück, „Kin­ski Ass­as­sin“, klingt nach dem Can­ter­bu­ry Sound à la Egg mit weni­ger Geor­gel und mehr Gegi­tar­re, das Titel­stück „Matu­re The­mes“ könn­te auch von einem der Beat­les stam­men, „Only In My Dreams“ von einer die­ser 60-er-Jah­re-Beat­bands. „Drift­wood“ lehnt sich mit domi­nan­tem Bass­spiel und aller­lei merk­wür­di­gen Effek­ten an den Psy­che­de­lic Rock und den Kraut­rock an. Das abschlie­ßen­de Don­nie-und-Joe-Emer­son-Cover „Baby“ ist ver­gleichs­wei­se gerad­li­ni­ger Soul. Eine musi­ka­li­sche Gemein­sam­keit aller ande­ren Stücke: Frank Zap­pa lässt grü­ßen.

Dar­an trägt nicht nur die Stim­me Herrn Rosen­bergs die Schuld, auch sti­li­sti­sche Merk­ma­le stim­men über­ein. „Schnit­zel Boo­gie“ (allein der Titel schon!) etwa könn­te direkt von Zap­pas „Joe’s Gara­ge“ stam­men, und sonst so:

Es gibt kei­nen Punkt, kei­nen Sinn, kei­ne Rich­tung und kei­nen Stil. Es ist alles ein gro­ßer, bun­ter Freak-out, der ent­we­der im Nar­ziss­mus oder in der para­no­iden Psy­cho­se mün­det.

Ziem­lich groß­ar­ti­ges und dabei nicht mal all­zu ver­que­res, son­dern gele­gent­lich schnell ein­gän­gi­ges Zeug.

Ein biss­chen scha­de ist es nur, dass die Stücke über­wie­gend recht kurz sind, nur „Nost­rad­amus & Me“ fällt mit etwa sie­ben­ein­halb Minu­ten Lauf­zeit ein wenig aus dem Rah­men. Aber die feh­len­de Quan­ti­tät tut der her­aus­ra­gen­den Qua­li­tät kei­nen Abbruch. Emp­feh­le Rein­hö­ren.

Montagsmusik
Gisbert zu Knyphausen – Spieglein, Spieglein

Zum nie­der­säch­si­schen Wahl­sonn­tag (die über­wäl­ti­gen­de Wahl­be­tei­li­gung von über 50 Pro­zent sei ein „gutes Zei­chen für die Demo­kra­tie“, sal­ba­der­te Ste­phan „Inner­par­tei­li­che Demo­kra­tie“ Weil in die Phoe­nix-Kame­ras, ohne zu lachen – mei­nen Glück­wunsch zu die­ser Selbst­be­herr­schung!) nur noch so viel:

zu Knyphausen – Spieg­lein Spieg­lein

Du bist immer so fixiert auf das, was noch fehlt.
Und jetzt schau nicht so gequält – das sieht schei­ße aus.

Guten Mor­gen.

Politik
Wenn Sprache politisch wird

Die heu­ti­ge „ZEIT“ begrün­det wort­reich – auf immer­hin drei Sei­ten – die jüngst bekannt gege­be­nen Ände­run­gen in Kin­der­bü­chern betreffs der Neger­kin­der.

Ich habe mir den Quatsch nun nicht durch­ge­le­sen, möch­te die Auf­merk­sam­keit mei­ner geschätz­ten Leser jedoch auf den Ein­füh­rungs­text len­ken:

Unse­re lieb­sten Kin­der­bü­cher wer­den poli­tisch kor­rekt umge­schrie­ben – ist das ein Fort­schritt?

Poli­tisch kor­rek­te Spra­che also, hier wie auch bei der unsäg­li­chen Mode­er­schei­nung „Gen­dern“.

Spra­che war zu allen Zei­ten ein Mit­tel des Vol­kes, nicht etwa der Herr­schen­den. Natür­lich haben immer wie­der Herr­schen­de ver­sucht, sich der Spra­che zu bemäch­ti­gen, von Dau­er war jedoch kei­ner die­ser Ver­su­che.

Was hät­te die Poli­tik davon, die Spra­che des Vol­kes zu regu­lie­ren? Vor allem hät­te sie Macht. Nicht erst Orwells „1984“ mit der mini­ste­ri­ums­ge­steu­er­ten Spra­che soll­te uns da vor­sich­tig wer­den las­sen. Wer ver­sucht zu bestim­men, wie man rich­tig spricht, ver­sucht auch das Wert­ur­teil zu beein­flus­sen, wel­cher Gedan­ke gut und wel­cher böse ist. Staa­ten, die das ver­su­chen, sind gefähr­lich.

Poli­ti­sche Kor­rekt­heit, wenn­gleich nicht immer obli­ga­to­risch, geht stets mit Ent­mün­di­gung ein­her.

Seid wach­sam.

Politik⁠In den Nachrichten
Kurz verlinkt CXL: Das Internet war voll.

Zur SPD einer­seits und zu Frau Mei­ritz vom „SPIEGEL“ ande­rer­seits möch­te ich mich übri­gens nicht wei­ter äußern, behin­der­te Kin­der und Frau­en schubst man als anstän­di­ger Mensch nicht.

Statt­des­sen wäre das hier fast unbe­merkt an mir vor­bei­gerauscht: Der CDU-Bun­des­tags­frak­ti­ons­vi­ze­vor­sit­zen­de (tol­ler Titel übri­gens) Micha­el Fuchs hat bezüg­lich sei­ner frü­he­ren Beschäf­ti­gung bei einer irgend­wie mit dem bri­ti­schen Geheim­dienst ver­floch­te­nen Fir­ma gelo­gen, weil die ent­spre­chen­de Spal­te in der Excel­ta­bel­le zu klein war.

In den Excel­li­sten sei der kom­plet­te Name “Hak­luyt & Com­pa­ny” auf­grund von “Platz­grün­den” abge­kürzt wor­den. Feh­len­der Platz in einer Excel­li­ste – das klingt in etwa so schlüs­sig wie die Aus­sa­ge “das Inter­net ist voll”.

Jetzt ver­sucht Micha­el Fuchs, die­sen Umstand anwalt­lich zu ver­schlei­ern. Natür­lich – wer möch­te schon zuge­ben, dass er in der CDU ist nicht mal Text voll­stän­dig in eine Excel­ta­bel­le bekommt? Ich wüss­te aller­dings wirk­lich gern, auf wel­cher gesetz­li­chen Grund­la­ge der Anwalt argu­men­tiert hat. So weit ich weiß, ist Dumm­heit noch nicht straf­bar.

Scha­de eigent­lich.

(via Nacht­wäch­ter)

Politik⁠In den Nachrichten
Kurz verlinkt CXXXIX: Innerparteiliche Demokratie

Weil Demokratie nicht funktioniertIn Nie­der­sach­sen über­schla­gen sich die Ereig­nis­se kurz vor der anste­hen­den Land­tags­wahl gera­de­zu. Nun ist eine pro­mi­nen­te „Sozi­al­de­mo­kra­tin“ (merk­wür­di­ge, aber histo­risch begrün­de­te Eigen­be­zeich­nung von SPD-Mit­glie­dern) zur Links­par­tei gewech­selt, weil sie gegen Doris Schrö­der-Köpf, Pio­nie­rin der Pfer­de­wit­ze, ver­lo­ren hat. Dies aber wohl nicht ganz zu Recht:

Nach dem Votum der fünf Orts­ver­ei­ne hat­te Leu­sch­ner zwar mit 21 zu 19 Stim­men zunächst vorn gele­gen, die Dele­gier­ten hat­ten sich aber nicht an die­se Ent­schei­dung gebun­den gefühlt. Sie hat­ten Leu­sch­ner am Ende nur 14 Stim­men gege­ben.

(Falls noch jemand Grün­de brauch­te, war­um das Dele­gier­ten­sy­stem sel­ten eine gute Idee ist.)

Und was sagt der „Spit­zen­kan­di­dat“ der SPD zu die­sem Vor­fall? Ach, das sei doch alles nicht so schlimm. Demo­kra­tie sei auf Sozi­al­de­mo­kra­tisch eben nicht unbe­dingt das mit der Mehr­heit.

„Die Kan­di­da­ten­kür sei nach allen Regeln der inner­par­tei­li­chen Demo­kra­tie ver­lau­fen, sag­te dage­gen Weil. „Wer das nicht akzep­tiert, der hat ganz am Ende ein Pro­blem mit der Demo­kra­tie.“

„Inner­par­tei­li­che Demo­kra­tie“. Den Begriff soll­te man sich mer­ken.

Netzfundstücke⁠Persönliches⁠Politik
Alles Käse, die Ästhese.

Dass das Schön­heits­emp­fin­den der Gesell­schaft sich in den letz­ten Jahr­zehn­ten nicht zum Bes­se­ren gewen­det hat, habe ich ja hier bereits des Öfte­ren the­ma­ti­siert. Zusam­men­fas­send sei wie­der­holt: Der momen­ta­nen modi­schen und ideel­len Ent­wick­lung von Schön­heits­idea­len kann ich nichts abge­win­nen. Ich bin ein visu­el­ler Mensch; ande­re mögen es ober­fläch­lich nen­nen.

Die mensch­li­che Spe­zi­es ist eine von jahr­tau­sen­de­al­ten Instink­ten getrie­be­ne. Ein brei­tes Becken bei Frau­en signa­li­siert die Fähig­keit, reich­hal­ti­gen Nach­wuchs zu gebä­ren, was erklä­ren könn­te, war­um Frau­en mit dicken Hin­tern zu den mei­s­t­umwor­be­nen gehö­ren. Ande­re Fak­to­ren? Der Geruch, die Bewe­gung, die Stim­me, der Intel­lekt. Ein even­tu­ell anschau­li­ches Bei­spiel ist Sabi­ne Leu­theu­sser-Schnar­ren­ber­ger. Ich habe nie­mals an Sabi­ne Leu­theu­sser-Schnar­ren­ber­ger gero­chen, sie nie gese­hen und nie gehört, mich nie mit ihr unter­hal­ten. Ich bin jedoch, wie bereits erwähnt, ein visu­el­ler Mensch, und da Frau Leu­theu­sser-Schnar­ren­ber­ger für jeden­falls mich optisch in kei­ner Wei­se anspre­chend ist, gehe ich fest davon aus, dass ich ihr, bäte sie mich um ein Ren­dez­vous, einen Korb gäbe. War­um gera­de Sabi­ne Leu­theu­sser-Schnar­ren­ber­ger? Geduld, das erklärt sich mög­li­cher­wei­se gleich von selbst.

Denn nicht nur ich bin ein visu­el­ler Mensch, die Viel­zahl der Män­ner scheint es zu sein. Wie sonst kön­nen sich Dut­zen­de Tit­ten­heft­chen seit Jah­ren, gar Jahr­zehn­ten auf dem hart – hehe, „hart“ – umkämpf­ten Markt hal­ten? Geruch, Bewe­gung, Stim­me, Intel­lekt der abge­bil­de­ten Per­so­nen sind nicht von Belang. Irgend­wo muss man die Mess­lat­te – hehe – ja anset­zen.

Bei Men­schen, die sich selbst zur Kli­en­tel besag­ter Heft­chen zäh­len, ist beim Betrach­ten der­sel­ben ledig­lich das Sehen von Belang, und das ändert sich auch nicht, wenn die­se Heft­chen irgend­was mit Poli­tik machen. Das Tit­ten­heft­chen „Play­boy“ etwa ließ jüngst ermit­teln, wel­che deut­sche Poli­ti­ke­rin auf die Umfra­ge­teil­neh­mer den größ­ten visu­el­len Reiz aus­übe. (Ohne die Ori­gi­nal­be­fra­gung zu ken­nen, neh­me ich an, dass die Fra­ge­stel­lung unge­fähr „Mit wel­cher deut­schen Poli­ti­ke­rin wür­den Sie am lieb­sten mal in die Kiste hüp­fen?“ lau­te­te.)

Nun kann mir nie­mand glaub­wür­dig erklä­ren, inwie­fern das die Wäh­ler­gunst nicht beein­flus­sen soll. Poli­tik­ver­dros­sen­heit in Hoch­glanz­bil­dern bleibt Poli­tik­ver­dros­sen­heit. Mei­ne per­sön­li­che Favo­ri­tin stand ver­mut­lich nicht zur Wahl und kommt nur aus die­sem Grund nicht ein­mal vor, die Rang­li­ste ist ent­spre­chend unauf­re­gend.

Die Vor­zei­ge-Pira­tin Mari­na Weis­band und Sahra Wagen­knecht von der Links­par­tei sind laut einer Umfra­ge die attrak­tiv­sten Poli­ti­ke­rin­nen Deutsch­lands.

„Vor­zei­ge-Pira­tin“, Schnick­schnack; die Pira­ten­par­tei zeigt nie­man­den vor, auch dann nicht, wenn die Pres­se nach einer reprä­sen­ta­ti­ven Pira­ten­frau fragt. (Es scheint ja immer noch die Vor­stel­lungs­kraft der Boulevard-„Journalisten“ zu über­stei­gen, wenn sie auf Par­tei­ta­gen der Pira­ten­par­tei eine Frau ohne männ­li­che Füh­rung sehen.) Bemer­kens­wert ist hier das Wort „attrak­tiv“, denn Attrak­ti­on ist nicht nur ein auf’s Visu­el­le bezo­ge­ne Begriff. Ob das die Teil­neh­mer wuss­ten?

Die übri­gen Resul­ta­te las­sen mich dar­an zwei­feln:

Nur drei Pro­zent der Befrag­ten nann­ten Ange­la Mer­kel (CDU) als „sexie­ste Pol­ti­ke­rin“ (sic!), Schluss­licht wur­de die Bun­des­vor­sit­zen­de der Grü­nen, Clau­dia Roth, mit nur einem Pro­zent Zustim­mung.

„Sexy“ näm­lich ist schon etwas ganz ande­res als „attrak­tiv“. Auf die Grund­be­deu­tung redu­ziert heißt der zitier­te Satz: Etwa 30 von ein­tau­send Män­nern wür­den von allen deut­schen Poli­ti­ke­rin­nen am lieb­sten eine Nacht mit Ange­la Mer­kel ver­brin­gen, etwa 10 mit Clau­dia Roth. (Das sind – mal kurz die Hand aus der Hose und mit­rech­nen – weni­ger als 30. Das möch­te ich nur noch mal beto­nen.)

Zwei­fels­oh­ne hat Ange­la Mer­kel von bei­den Schluss­lich­tern die ange­neh­me­re Stim­me. Mir per­sön­lich wür­de das aber nicht rei­chen.

Ich bin ein visu­el­ler Mensch. Ich fin­de Lind­say Lohan, Miley Cyrus, Scar­lett Johans­son und die ande­ren Schab­racken geschminkt zu künst­lich und unge­schminkt zu häss­lich. Ich fin­de die sexiest woman ali­ve – Mila Kunis – unge­fähr so anzie­hend wie einen Schup­pen­dra­chen­fisch. Trotz alle­dem stel­le ich kei­ne Rang­li­ste der attrak­tiv­sten Poli­ti­ker auf. Es ist mir voll­kom­men gleich­gül­tig, in wel­cher Par­tei eine hüb­sche Frau ist, wie es mir eben auch egal ist, ob eine Poli­ti­ke­rin, die viel Gutes und Wah­res sagt, gut aus­sieht oder nicht. Ich wer­de nie­mals die CDU wäh­len, obwohl Kri­sti­na Schrö­der es auf Platz 3 geschafft hat.

Und ich möch­te, das will ich hier­mit aus­drück­lich beto­nen, nicht mit Ange­la Mer­kel schla­fen.

In den Nachrichten
Diese Wichser!

Frü­her, lan­ge vor „Twilight“ und „Har­ry Pot­ter“, spra­chen Prot­ago­ni­sten in Kin­der­bü­chern noch sturz­frei­es Deutsch. Pip­pi Lang­strumpf unter­hielt sich fröh­lich nicht etwa mit der Toch­ter des afro­ame­ri­ka­nisch­stäm­mi­gen Königs, son­dern mit der Neger­prin­zes­sin im Taka-Tuka-Land, und Kin­der, die ihre Schu­he nicht wich­sen woll­ten, beka­men eine gewichst.

Mit der Neger­kö­ni­gin ist es schon lan­ge vor­bei, der Thie­ne­mann-Ver­lag („Thie­ne­mann Ver­lag“, sau­doo­fer Name) arbei­tet nun oben­drein an einem Wichs­ver­bot:

Der Stutt­gar­ter Thie­ne­mann Ver­lag streicht das Wort „wich­sen“ aus den Kin­der­buch­klas­si­kern Otfried Preuß­lers. In einer Erklä­rung heißt es, dass Kin­der die­sen Begriff heu­te nicht mehr im Sinn von „put­zen“, „polie­ren“ ken­nen wür­den oder gar als Syn­onym für die Prü­gel­stra­fe. Frü­her aber sei­en Stie­fel „gewichst“ wor­den – und Kin­der wur­den „durch­ge­wichst“. In die­sem spe­zi­el­len Fall, so der Ver­lag, „erscheint es uns sinn­voll, dar­aus ‚ver­hau­en‘ zu machen.“

In jedem ande­ren Fall wird der Ver­lag künf­tig von „von der Pal­me wedeln“ spre­chen, neh­me ich an. Inter­es­san­te Schul­hof­ge­sprä­che sind denk­bar: „Gib uns dein Pau­sen­brot, oder du wirst gewichst!“ – Ach nein, Pau­sen­brot sagt man ja heu­te auch nicht mehr. Pau­sen­dö­ner viel­leicht.

Die für den Sprach­wan­del zustän­di­gen Mit­ar­bei­ter des Thie­ne­mann-Ver­lags („Thie­ne­mann Ver­lag“, noch­mals; ernst­haft‽) haben womög­lich selbst kei­ne Kin­der. Ich hof­fe dies instän­dig. Ein nor­ma­les Kind, das alters­mä­ßig der Grup­pe derer ange­hört, die die Kin­der­buch­klas­si­ker Otfried Preuß­lers (Thie­ne­mann-Ver­lag [„Thie­ne­mann Ver­lag“, kann doch nicht wahr sein] über sel­bi­ge) übli­cher­wei­se lesen, kennt das Wort „wich­sen“ nicht, weder als Prü­geln noch als Ona­nie­ren, sofern elter­li­che Auf­merk­sam­keit nicht fehl­te. Feh­len­de elter­li­che Auf­merk­sam­keit durch poli­tisch kor­rek­te – was an „wich­sen“ poli­tisch inkor­rekt ist, möge mir ein Klü­ge­rer erklä­ren – Spra­che kom­pen­sie­ren zu wol­len hal­te ich für wenig sinn­voll.

Klar ist aller­dings: Wenn die­se Sprach­ver­dre­her mir auf der Stra­ße begeg­nen, werd‘ ich auch mal wen durch­wich­sen.
Dann gibt’s a Fotzn!

In den Nachrichten
Kurz verlinkt CXXXVIII: Einmauern hätt‘ vielleicht geholfen

Wofür wir mehr Über­wa­chung brau­chen? Na, um Ver­bre­chen zu ver­hin­dern!

Zum Bei­spiel die­ses:

Er soll ein sie­ben­jäh­ri­ges Mäd­chen miss­braucht haben, nur vier Mona­te nach dem Ende sei­ner Siche­rungs­ver­wah­rung. (…) Andre­as R. trug eine Fuß­fes­sel.

Natür­lich: Fuß­fes­seln tau­gen nix, Ver­ge­wal­ti­gen würd‘ auch funk­tio­nie­ren, wenn die Bei­ne kom­plett ab wären.

Viel­leicht hät­te man Herrn R. statt­des­sen eine Kame­ra an den Penis nähen sol­len. Oder gleich zehn davon. Viel hilft viel, sagt die Regie­rung.

Netzfundstücke
Schon TAZahlt?

Die Voll­pro­fis des Tages „arbei­ten“ bei der „tages­zei­tung“. Deren Web­auf­tritt taz.de wird von einer paywall umhüllt, das heißt, wer einen Arti­kel dort (etwa den hier) lesen möch­te, der wird zunächst ange­bet­telt. Löb­lich: Man kann’s weg­klicken.

Schon TAZahlt?

Wirk­lich doof nur, dass man über den Wert des Arti­kels kei­ne zuver­läs­si­gen Aus­sa­gen tref­fen kann, so lan­ge die paywall ihn qua­si unle­ser­lich macht. Ande­rer­seits: Der abge­bil­de­te Herr mit dem Shirt, des­sen Auf­druck an GEZ-Wer­bung erin­nert, ist viel­leicht ein noch bes­ser gewähl­tes Sinn­bild als ange­nom­men.

Wobei ich öffent­lich-recht­li­ches Fern­se­hen doch gele­gent­lich noch ein wenig bes­ser fin­de als die „taz“.

Kaufbefehle⁠Musikkritik
Of Monsters and Men – My Head Is an Animal

Of Monsters and Men - My Head Is an AnimalUnd dann war da noch die islän­di­sche Musik­grup­pe „Of Mon­sters and Men“, derer Lied „Litt­le Talks“ heu­te ver­se­hent­lich mei­nen Weg kreuz­te. Es han­delt sich um ein Pop­stück, des­sen Text ich mag. Man möge mir nach­se­hen, dass es nicht vor­ran­gig um Mon­ster und Män­ner geht.

Though the truth may vary, this
ship will car­ry our
bodies safe to shore.

Zu dem Lied gehö­ren ein/e EP des Titels „Into the Woods“ sowie ein 2011 ver­öf­fent­lich­tes Album namens „My Head Is an Ani­mal“ („Mein Kopf is’n Viech“ oder so), das vol­ler so Pop­mu­sik ist. „Ürks, so Pop­mu­sik“ sagen nun die Hip­ster unter mei­nen Lesern. Wer­te Hip­ster, ich spa­re mir nun den offe­nen Brief und fas­se mich kurz: Ich mag euch. Aber ihr liegt falsch.

Of Mon­sters and Men – „Litt­le Talks“ (Live at WFUV)

Wahr ist, dass „My Head Is an Ani­mal“ nicht unbe­dingt für den anspruchs­vol­len Kon­su­men­ten taugt, der unbe­dingt immer und über­all avant­gar­de­s­que Beschal­lung benö­tigt. Wahr ist aber auch, dass das zu Hören­de qua­li­ta­tiv so man­ches schlägt, was sonst so in den Hit­pa­ra­den ist, weil irgend­wel­che Plat­ten­fir­men viel Geld hin­ein inve­stie­ren. (In Deutsch­land hat es zumin­dest für Platz 4 gereicht.)

Ver­glei­che: Arca­de Fire, Mum­ford & Sons. Mag ich bei­de nicht – Of Mon­sters and Men mag ich hin­ge­gen.
Und sei’s nur für „Litt­le Talks“.