Social-Media-Plattformen wie TikTok oder Instagram sollten nach Ansicht des Grünen-Politikers Cem Özdemir für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren verboten werden. „Wir lassen Jugendliche auch nicht einfach ohne Führerschein hinters Steuer. (…)“, sagte Özdemir der Deutschen Presse-Agentur in Stuttgart.
Aber während wir penibel darauf achten, dass nur verantwortungsbewusste Autofahrer einen Führerschein bekommen, mithilfe dessen sie hinterher Radfahrer totfahren, unternehmen wir erschreckend wenig zum Schutze derjenigen Menschen, die gerade nicht am Straßenverkehr teilnehmen. Mit einer Stimmabgabe bei Wahlen kann man viel größeren Schaden anrichten als mit einem Auto.
Es ist Montag. Ich grüße denjenigen meiner Leser, der heute früh genörgelt hat, dass ich nach seinem Dafürhalten zu selten einen neuen Beitrag veröffentliche. Dazu vielleicht Folgendes: Ätsch.
Softwareempfehlung im Vorbeigehen: noScribe ist eine ziemlich gute Software zum Zwecke der Verschriftlichung gesprochenen Wortes. Läuft wahrscheinlich nicht unter Plan 9, aber sonst unter manchem. – Anderweitige Soft- und/oder Hardware: Auf reddit gibt es neuerdings eine Selbsthilfegruppe für Menschen, die mit einem Chatbot etwas führen, das sie für eine Beziehung halten. Bestimmt lässt sich daraus etwas lernen. Ich weiß nur nicht so genau, was.
Apropos Gesprochenes: An den sprachlichen Umtrieben derer, die es gut meinen, verwirrt mich immer noch am meisten die kühne These, dass, was irgendwie eklig anmutet, einfach nur – freilich in etwas, das sich als Englisch tarnt – übersetzt werden müsse, weshalb heute von „Menschen von Farbe“ (i.e. people of colo(u)r) die Rede ist, weil „man“ „das Wort“ nicht mehr sagt, und von „Consultants“, wo doch „zweckfreie Labertasche“ auch gereicht hätte; was mich zu der Frage führt, was man dann eigentlich macht, wenn das Englische „wegen Trump“ dann jetzt auch nicht mehr geht. Doch lieber wieder Französisch, wie früher?
Ebenfalls wie früher: In Braunschweig möchte sich der Tötungskonzern Rheinmetall ansiedeln. Ich möchte ja nicht unken, aber letztes Mal, als Braunschweig ein für die Rüstung relevanter Standort war, war Braunschweig danach großteils weg. – Mehr oder weniger aus demselben Schoß gekrochen: Die CSU möchte eure Fotos nutzen, um damit eine Terroristenkartei zu füllen. Ob es die Herzchen auf Instagram hinterher wert gewesen sein wird? Ich vermute: Nein.
(Nebenbei: Wenn ich deutscher Tugendwächter wäre, störte mich die Aussicht darauf, dass der Nachwuchs zwecks Mordens an die Front geschickt wird, ja deutlich mehr als die Vermutung, dass der Nachwuchs sich gepflegt einen hobelt, und ich protestierte insofern energisch gegen den Auftritt der elenden Bundeswehr in Schulen, aber doch nicht gegen irgendwelche Hobelwebsites; bin ich ja aber nicht. Prioritäten sind ja immer so eine Sache. Wenn mich also diesbezüglich jemand für den Posten vorschlagen würde: Meine erste Amtshandlung wäre die Kündigung. Aus Protest.)
Apropos Herzchen beziehungsweise Herzilein: Am Wochenende erfuhr ich, dass die Wildecker Herzbuben sich bereits im März getrennt haben. Ich könnte ja jetzt, als Montagsmusik…
Die künstliche Intelligenz ist seit den ersten Entwicklungsschritten in den 1950ern weit gekommen: Wurde sie damals für computergesteuerte Übersetzungen und Problemlösung zu Rate gezogen, beherrscht sie inzwischen – nun – computergesteuerte Übersetzungen und Problemlösung. Neu ist, dass sie außer dem Finden von Lösungswegen auch scheußliche Bilder, belanglose Lieder, fehlerbehafteten Code und inhaltliche falsche Texte hochwürgen kann wie Katzen ihr Fell. Es spricht nicht für die Menschheit, dass sie von einem digitalen Papagei Wiedergekäutes als Surrogat für menschliche Kreativität nicht nur duldet, sondern gar hofiert. Und hinterher wundert man sich über offenbar von Trotteln zu verantwortende Wahlergebnisse.
Ich möchte ja wirklich nicht immer zynisch sein, deswegen habe ich an dieser Stelle zu der Vorstellung, depressive Teenager seien infolgedessen sogar für eigene Abschiedsbriefe zu blöd, weder eine Frage noch eine Anmerkung. Dass aber der Oberdruide von GitHub der Ansicht ist, es stimme hoffnungsvoll, dass immer mehr Programmcode von Maschinen geschrieben wird, die schon daran scheitern, kurz mal in die Wikipedia zu gucken, lässt meinen Lästerfinger (ja, ich habe einen Lästerfinger) dann doch zucken.
Ich möchte mich heute darauf beschränken, den jeweils ersten Satz der jeweiligen Textbeilage zweier Folgen desselben Podcasts zu zitieren.
Blut im Treppenhaus, Patronenhülsen auf dem Boden und mehrere Tote, die über mehrere Etagen verteilt sind: Der Tatort, zu dem die Polizei in Rotenburg in einer kalten Nacht im Februar 2007 gerufen wird, sucht seinesgleichen.
Triggerwarnung: In dieser Folge geht es um Essstörungen.
Eins davon ist ja irgendwie eklig; und aber: das Wesen von Triggerwarnungen lässt sich vermutlich am besten verstehen, indem man sie in freier Wildbahn beobachtet.
Apropos Werbeblocker; was ich ja auch nicht verstehe: Muss ich eigentlich mit empfindlichen Strafen rechnen, wenn ich aus einer von mir gekauften Zeitung (also sozusagen meiner lokalen Kopie) eine Werbeanzeige ausschneide? Hat der BGH dazu eine Meinung?
Es ist Montag. In British Columbia sorgen fallende Fische für Brände. Alles wie immer.
(Nicht wie immer: Der frühere CDU-Politiker Thomas Gens, heute im Wählergemeinschaftsmilieu zu finden sowie schon recht lange Bürgermeister auf Hiddensee, findet trotzdem, es reiche jetzt mit dem Kriegsgespiele. Schöner offener Brief, wenn auch als Petition gestaltet und damit so folgen- wie daher sinnlos wie alle übrigen Bestrebungen dieser Art eben auch.)
Computernachrichten: Die da oben sind schon wieder der Meinung, man müsse Menschen, die ungefähr wissen, wie Vögeln funktioniert, mit unwirksamen Maßnahmen davon abhalten, andere Menschen bei selbigem zu beobachten. Weil staatliche Internetzensur auch aus nett gemeinten Motiven heraus aber etwas wirklich Kotzübles ist, habe ich dieser Tage mal auf einer Website anderer Leute eine der zahlreichen Möglichkeiten, diese unwirksamen Maßnahmen technisch komplett ignorieren zu können, kurz beschreiben. Es möge von Nutzen sein.
Apropos EDV: Mittlerweile, habe ich den Eindruck, gibt es mehr Blogbeiträge über die allgemeine Scheißigkeit von Matrix als darüber, wie viel toller als die IRC-Server es doch sei und warum man unbedingt da hinmüsse. Es war ja lange verpönt, für das freie IRC-Protokoll zu argumentieren. Das sei sooo 2000er und überhaupt nicht mehr cool. Als jemand, der „funktioniert“ irgendwie lieber mag als „ist cool“, stelle ich hierzu fest: Stimmt. Zum Glück.
Ist (trotz allem immer noch) cool und funktioniert: Musik.
Die konkreten Folgen des Umstands, dass Menschen im Internet „Seggs“ schreiben, wenn sie „Bumsen“ meinen, und aber (wahrscheinlich weniger sexuell gemeint) auch „Kadse“ oder, schlimmer noch, „Gadse“, wenn sie eine Katze sehen, als liefe irgendwo ein mir bisher erfreulich unbekannter Wettbewerb darüber ab, wer seinem Umfeld mittels schriftlichen Säuselns am subtilsten auf den Sack gehen kann, zu ermitteln ist eine Aufgabe, um die ich künftige Sozialforscher, so‘s künftig überhaupt noch Forschung gibt, nicht beneide.
(Wo sich doch ein scharfes S für‘s Vögeln eher anbietet!)
Gareth Joswig, voller Sorge über die Datenschutzminderungssoftware von Palantir, menetekelt:
Niemand kann zu einhundert Prozent versichern, ob die US-Firma in die Software nicht doch ein Hintertürchen eingebaut hat. In Zeiten der globalen autoritären Wende auf die Einführung von Autokraten-Überwachungssoftware zu setzen, ist ein Riesenfehler.
Was mich ja jetzt hier schon interessiert, ist zweierlei: ob erstens eine Überwachungssoftware von einem anderen Hersteller weniger übel wäre, die Überwachung der Bürger betreffend, und wie überhaupt zweitens ein Hintertürchen in einer Software, die dem Zweck dient, den Datenschutz ihrer Opfer möglichst effizient zu mindern, aussehen soll. Wäre das dann nicht vielmehr ein Vordertürchen, gar ganz normaler Einsatzzweck?
(Und was sagt es eigentlich über wen aus, dass SPD und Grüne, deren Abgeordnete öffentlich verkünden [Archivversion], dass der Einsatz dieser Software abzulehnen sei, in einigen ihrer Landesregierungen überhaupt kein Problem darin sehen?)
Es ist Montag. Lustiges Spiel für JavaScript-Programmierer: Das Datumsquiz. Manchmal frage ich mich, warum es Menschen gibt, die so etwas aus freien Stücken beruflich machen. War zum Zeitpunkt der Berufswahl gerade keine Domina in der Nähe und man brauchte schnell einen Ersatz?
In Großbritannien gibt es neuerdings wohl ein System zur automatischen Erkennung des Alters, bisweilen mithilfe „künstlicher Intelligenz“. Das funktioniert genau so gut wie angenommen: Ist man einigermaßen EDV-interessiert, und das halte ich bei einem Großteil der britischen Minderjährigen für nicht völlig ausgeschlossen, dann ist die „Verifikation“ binnen Sekunden auch für eigentlich nicht zu Verifizierende erfolgreich. Ich finde das prinzipiell gut, ist doch das Alter ganz grundsätzlich im freien, globalen Internet als relevantes Persönlichkeitsmerkmal ungeeignet. (Mal ganz von der Frage abgesehen, wovor diese „Prüfung“ wen überhaupt schützen sollte. Haben die, die so etwas für zielführend halten, überhaupt schon mal mit richtigen Jugendlichen geredet?)
Zum Thema auch: Die Europäische Union überreguliert wohl ab August besagte „künstliche Intelligenz“, indem mehr Transparenz derselben vorgeschrieben werden soll. Wer jetzt nörgelt, dass das den Wettbewerb behindere, den Markt gar, und das alles dazu führe, dass den bescheuerten ChatGPT-Konkurrenzangeboten in Deutschland Steine in den Weg gelegt werden, dem entgegne ich: na, hoffentlich. Der überzogene Hype, allenfalls noch von demjenigen um Labubus übertroffen (man versprach mir den Weltuntergang, allmählich werde ich ungeduldig), um virtuelle Papageien mit riesigem Wortschatz, deren einziges feature es ist, an die Stelle menschlicher Kreativität das Neuabmischen von Kunst und Kultur treten zu lassen, mag auf gewisse Weise ein Fortschritt sein; ob aber jeder Fortschritt etwas Gutes sei oder ob nicht eine technische Lösung für ein eigens hierfür ersonnenes Problem – als wären zu viel Kreativität und zu viel Fantasie ernsthafte Gefahren für das menschliche Miteinander! – mitunter das Etikett „Kuriosität“ eher verdient hätte als das Etikett „Bereicherung“, wird in all der blinden Begeisterung für etwas, dessen Betrieb schon jeden Umweltschutzgedanken verspottet, nicht vergessen, sondern verdrängt. Man möchte ja nicht der Miesepeter sein. (Warum eigentlich nicht?)
Weitere gute Nachrichten aus China: Die dortige Staatspartei erhebt ernstliche Einwände gegen Missionare. Ich halte zwar viel von Religionsfreiheit, jedoch betrachte ich Menschen, die ohne Not in die Religion anderer Leute reinquatschen wollen, als für diese eher hinderlich. Wer mir ungebeten was verkaufen will, der ist letztlich wenig mehr als ein Spammer. Mich würde unironisch interessieren, wie viele derer, die dieses Missionieren verteidigen, einen „Bitte keine Werbung“-Aufkleber am Briefkasten haben. Gibt es dazu schon Erhebungen? Habe ich entsprechende Leser? (Trotzdem? Immer noch?)
Oöphoi war ein „italienischer Musiker, Produzent und Labelbetreiber“, der unter anderem mit Klaus Wiese zusammen mancherlei elektronische Musik aufgenommen hatte. 1999 arbeitete er mit Amir Baghiri (Stimme, Perkussion) und dem deutschen Musiker Mathias Grassow (Stimme, Klangschalen, Glocken) zusammen, setzte sich hierfür selbst an den Synthesizer und nahm in dieser Zusammensetzung ein 65-minütiges Stück namens „Upuaut“ auf, das, wie ich gerade feststelle, eine ganz gute Begleitung zu einem verregneten Sommertag ist. Es passiert sehr lange sehr wenig, aber das auf sakrale, beinahe außerweltliche Weise. Ambientmusik haftet der Ruf an, für Kaufhausfahrstühle bestens geeignet zu sein, für’s Bügeln auch. Ich glaube, müsste ich zu diesem Stück bügeln, hätte ich keine unverbrannten Hemden mehr. Die Frequenzen pulsieren wie die Psyche.
Tolle Scheibe, wenn man in der richtigen Laune dafür ist. So wie ich jetzt. (Wahrscheinlich ungeeignet für Depressionen. Nicht ausprobieren.) Ich mag’s.
Zur Abwechslung mal wieder gute Nachrichten für Musikfreunde, die Schlimmes befürchtet haben: King Crimson sind wohl so was ähnliches wie immer noch da.
„Plötzlich wollen alle nur noch elektrische Fahrräder, weil es ihnen mit deren Verfügbarkeit ganz plötzlich zu anstrengend geworden ist, selbst zu treten.“
Kannte ich noch nicht: Hier hat jemand Space Cadet, ein recht lange Windows beigelegen habendes Flipperspiel, auf andere Systeme portiert.
Pythonesque Diplomatie der Woche: „Wenn die Hamas dich lobt, bist du auf der falschen Seite“, informiert der Außenminister eines Staates, der humanitäres Völkerrecht bricht und sich damit auf der richtigen Seite wähnt.
Es gibt eine halbwegs professionelle Bestrebung, WordPress mittels eines Plugins sanft dazu zu bewegen, die Abhängigkeit von Matt Mullenwegs Konzern schrittweise zu verringern. Ich heiße gut, setze ein und empfehle weiter.
Dazu vielleicht auch: Hier fragt jemand (auf Englisch), ob es wirklich immer die allerklügste Idee sei, alles auf einem selbst betriebenen Server zu hosten, oder ob die Cloud (= die Computer anderer Leute) nicht für vieles eigentlich reichen würde. Ich bin zumindest überrascht davon, wie wenig ich gegen den Text argumentativ einzuwenden habe.
Es ist Montag. In Berlin trauen sich Frauen ohne Wassermelone künftig nicht mehr in den Bus, denn nur in Begleitung einer Wassermelone darf man dorthin Pfefferspray mitnehmen oder so. Berlin ist seltsam.
Seltsam auch: Am vergangenen Sonnabend fanden an mehreren Orten in Deutschland „Linux-Installationspartys“ statt, im Rahmen derer mehrere Organisationen gleichzeitig versucht haben, den Leuten irgendwie zu erklären, wie man Linux halbwegs sturzfrei installiert bekommt. Abgesehen von der Debatte darüber, ob das Wort „Party“ für solcherlei Veranstaltungen nicht etwas arg euphemistisch ist und/oder ob ich Leute, die dieses Verständnis von einer „Party“ haben, auf eine tatsächliche Party überhaupt einladen wollen würde: Wenn ich Computerlaie wäre (denn an solche richten sich diese Angebote meist) und meine erste Begegnung mit einem Betriebssystem diejenige wäre, dass ich schon bei der Installation Hilfe brauche, dann würde ich lächelnd abwinken und wie jeder normale Mensch einfach bei Windows bleiben. Das Jahr des Linuxdesktops ist immer nächstes Jahr und das hat ziemlich gute Gründe.
Killerspiel der Woche: Im ukrainischen Militär bekommt man jetzt virtuelle Gummipunkte für das Meucheln anderer Menschen mit einer Drohne. Beim nächsten Amoklauf bitte ich darüber nachzudenken, ob das nicht erheblich zur Verrohung der unschuldigen Kinderlein beiträgt. Wer Transport Tycoon spielt, der baut danach ja auch keine Straßen. (Dazu passt als positive Gegennachricht: Jemand hat einen Odysseusschrein gefunden. Die „Odyssee“ war vielleicht doch eine Dokumentation.)
Es wäre wahrscheinlich allzu billig von mir, die Woche mit einem Lied von Coldplay einzuläuten. Es ist nicht so, dass ich Coldplay etwas abgewinnen könnte, es ist nur vielmehr so, dass ich für das öffentliche Beömmeln über anderer Leute Liebesleben außer grobem Unverständnis wenig übrig habe. Über 80 Millionen Beziehungsprofis allein in einem Land, dessen Sprache die beiden Delinquenten vermutlich nicht mal sprechen; man wundert sich, doch schweigt.
In Hannover wurde ich heute einer zumindest bemerkenswerten Szene gewahr; dass nämlich die AfD einen Informationsstand abhielt, im Rahmen dessen sie für ihre Ideen warb, während den Infostehenden ein Pulk von Menschen gegenüberstand, ein Banner mit der Aufschrift „FCKAFD“ sowie ein paar sonderbare Flaggen, deren Bedeutung nachzuschlagen mir nicht wichtig genug war, schwenkten und irgendetwas plärrten. Bin ich in Hannover unterwegs, höre ich jedoch lieber Sula Bassana aus dem Kopfhörer als Geplärr aus wutverzerrten Mündern. Ich gehe davon aus, das beidseitig Geäußerte war aber ohnehin nicht hörenswert.
An diesem Gebaren ärgert mich zweierlei: dass nämlich erstens das gegenseitige Angiften als „politisches Engagement“ missverstanden wird, wo doch ein konstruktiver Gesellschaftsentwurf mehr Antworten birgt (aber sicher ist das Blödfinden des Gegners einfacher als das Präsentieren einer Idee, ich kenne das ja auch von mir), und dass zweitens das verschämt seines Vokals befreite Ficken für etwas Übles gehalten wird, als sei man katholischer Fundamentalist und als halte man sich nicht für im Dienste der Aufklärung tätig.
(Ist man ja auch nicht.)
Die auf gewisse Weise drollige Idee, „kein Sex mit Rechten“ und – ich paraphrasiere – „fick die Rechten“ seien zwei dialektisch harmonische Aussagen und lassen ihren Verwender nicht etwa dümmlich, sondern vielmehr engagiert für das Gute erscheinen, ist nur zu erklären, indem man davon ausgeht, dass diese Zeit der Ungewissheiten neben manch anderem Opfer auch den Verlust der Errungenschaften unserer Eltern zu beklagen hat. Das vermeintlich englische „fuck dieses“, „fuck jenes“ heißt eben nicht „scheiß drauf“, sondern wird allenfalls von verklemmten Hobbypuritanern als solches umschrieben, weil Sex nämlich hihihi oder, wahlweise, pfui ist. Kiffen und die Polizei hassen wie die 68er wollen sie immer alle, aber Beischlaf ist ihnen wieder so beschämend, dass sie konsequent zu solchem auffordern, weil sie glauben, das nehme den Üblen die Würde, und nicht erkennen, dass das Gegenteil der Fall ist.
Politische Agitation braucht sicher keinen sprachlichen Schliff; aber wirken würd‘ sie mit ihm wohl doch nachhaltiger. Tucholsky hätte auch nicht „ficken“ gesagt, das macht seinen Charme aus. Ob aber wohl noch in einem Jahrhundert jemand wissen wird, wer heute in Hannover was gebrüllt hat?
Unter dem im gegebenen Kontext brüllend komischen Titel „Wichtiger Erfolg für Datenschutz und Teilhabe“ freut sich (Archivversion) der Landesseniorenrat Baden-Württemberg e.V. zumindest nicht ganz zu Unrecht:
Der Hessische Verwaltungsgerichtshof hat letzte Woche entschieden: Die Pflicht zur Angabe von E‑Mail-Adresse oder Handynummer beim Kauf eines Bahntickets ist rechtswidrig! (…) Wir freuen uns sehr über dieses wichtige Signal für mehr Datenschutz, Wahlfreiheit und Teilhabe im öffentlichen Verkehr (…).
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