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Mehr Hartz IV für alle!

Heu­te wird wie jedes Jahr der Kampf­tag der Arbei­ter­klas­se zele­briert. Wäh­rend eini­ge Leu­te die­sen Tag nut­zen, um geräusch­reich die NPD zu kri­ti­sie­ren, und ande­re der Ansicht sind, eine poli­zei­lich geneh­mig­te Kund­ge­bung sei total revo­lu­tio­när, haben zumin­dest die Gewerk­schaft­ler und eini­ge Par­tei­en auch den frü­he­ren Sinn die­ses Tages, näm­lich die Ver­tre­tung der Rech­te ein­fa­cher Arbeit­neh­mer, nicht ver­ges­sen.

Zum Bei­spiel die SPD.

Die Gewerk­schaf­ten wol­len durch Mit­be­stim­mung und Tarif­po­li­tik die Lage der arbei­ten­den Men­schen ver­bes­sern. (…) Denn nur gute Arbeit sichert gute Ren­ten.

Des­halb for­dern SPD und Gewerk­schaf­ten unter ande­rem dies:

  • einen gesetz­li­chen Min­dest­lohn von min­de­stens 8,50 Euro – flä­chen­deckend, in allen Bran­chen, in Ost und West
  • die Ver­hin­de­rung des Miss­brauchs von Werk­ver­trä­gen
  • die Abschaf­fung der Mög­lich­keit, befri­ste­te Arbeits­ver­trä­ge ohne Sach­grund abzu­schlie­ßen

Dass die „8,50 Euro“ laut DGB, auf den die SPD sich hier stolz beruft, zu einem Ein­kom­men unter der Armuts­gren­ze füh­ren wür­den, sei mal gnä­dig ver­schwie­gen, immer­hin war von min­de­stens 8,50 Euro die Rede. (Gut, die SPD spricht aus­drück­lich von „guter Arbeit für alle“, nicht von „gut bezahl­ter Arbeit für alle“, inso­fern kann man es ihr ohne­hin nicht begrün­det vor­wer­fen.)

Dass die Agen­da 2010 einen Real­lohn­ver­lust von etwa neun Pro­zent mit sich brach­te, wie der dor­ti­ge Kom­men­ta­tor „Gar­field“ anmerk­te, setzt den For­de­run­gen von SPD und Gewerk­schaf­ten aller­dings die Esels­müt­ze auf. Die Hartz-IV-Gesetz­ge­bung mach­te die Ver­hin­de­rung des Miss­brauchs von Werk­ver­trä­gen eben­so schwie­ri­ger wie die Abschaf­fung der Mög­lich­keit, befri­ste­te Arbeits­ver­trä­ge ohne Sach­grund abzu­schlie­ßen. Im Wesent­li­chen ruft also die SPD die­ses Jahr dazu auf, gegen die Poli­tik der SPD zu demon­strie­ren.

Nicht, dass wir das nicht sowie­so tun soll­ten.

Sonstiges
Von der Unsterb­lich­keit

„Schei­ße, ich frag‘ mich, wel­cher gott­ver­damm­te Zau­ber hält die­se lee­re Hirn­wasch­kul­tur am Leben?“
– Slime: Unsterb­lich


Das Phi­lo­so­phie­ma­ga­zin „Hohe Luft“, des­sen Name sicher irgend­et­was Tief­schür­fen­des zu bedeu­ten hat, stellt in sei­ner aktu­el­len Aus­ga­be die rhe­to­ri­sche Fra­ge, ob der Tod wirk­lich das Ende des Lebens zu bedeu­ten habe, nur um sie sogleich zu ver­nei­nen. Was aber bleibt vom Leben?

Unsterb­li­che Figu­ren unse­rer Tage sind unter ande­rem der olle Jesus, Elvis, Andy War­hol und Mari­lyn Mon­roe. Erste­rer ist viel­leicht auf­grund der nicht zwei­fels­frei gesi­cher­ten Gescheh­nis­se sepa­rat zu betrach­ten. Fan­gen wir doch gleich mal mit ihm an. Jesus (der über­lie­fer­te, nicht ein­mal der histo­risch beleg­te, der ver­mut­lich eher unspek­ta­ku­lär leb­te und starb) ist heu­te unsterb­lich, weil ihm vie­le Wun­der nach­ge­sagt wer­den (eigent­lich soll­te Ras­pu­tin auch eine Reli­gi­on bekom­men) und die Kano­ni­sie­rung des Neu­en Testa­ments nur die vor­teil­haf­ten Geschich­ten über ihn kumu­lier­te. Der Mythos Jesus wur­de also künst­lich auf­ge­baut, um eine Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gur zu haben, die jahr­hun­der­te­lang das stil­le Vor­bild für die Chri­sten sein soll­te. (Aus gutem Grund sind außer­ka­no­ni­sche Schrif­ten heut­zu­ta­ge kaum ver­brei­tet.) Die­se Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gur ist auch vie­le Jahr­hun­der­te nach ihrem Tod den mei­sten Men­schen in ihrem angeb­li­chen Wir­ken bekannt; man­che nen­nen es „Tra­di­ti­on“. Die­se Art der Unsterb­lich­keit ist eine, die dem Unsterb­li­chen ziem­lich pein­lich wäre, wür­de er irgend­wann ins Reich der Leben­den zurück­keh­ren, wie es ja immer wie­der pro­phe­zeit wird. Wäre ich maß­geb­lich dafür ver­ant­wort­lich, dass jahr­hun­der­te­lang ziem­lich unan­ge­neh­me Krie­ge geführt wür­den, ich wür­de mich wohl prompt ein zwei­tes Mal ziem­lich tot füh­len.

Die­ser Jesus also ist eine Aus­nah­me, denn er ist nicht unsterb­lich in dem, was er uns hin­ter­las­sen hat. Anders sieht es bei Elvis, Andy War­hol und Mari­lyn Mon­roe aus. Alle drei haben in ihrem Fach­ge­biet („Musik“, „Kunst“ und „Schau­spiel“) Din­ge voll­bracht, an denen wir uns noch ein hal­bes Jahr­hun­dert spä­ter direkt, ohne Umweg über ver­staub­te Bücher oder die stil­le Post, zu erfreu­en ver­mö­gen, so uns denn der Sinn danach steht. Die machten’s, so „Hohe Luft“, offen­bar rich­tig: Sie schu­fen mehr oder weni­ger Gro­ßes für die Nach­welt, die wohl noch über meh­re­re Gene­ra­tio­nen hin­weg das Lob­lied der Erschaf­fer sin­gen wird.

Wir aber, was wird aus uns, die wir nicht viel erschaf­fen, was von Wert ist? Unse­re Tweets wer­den irgend­wann genau so ver­schwin­den wie unse­re län­ge­ren Tex­te, unse­re gele­se­nen E‑Books, unse­re E‑Mails. Nur das E‑Government wer­den wir nicht mehr los. Unse­re Nach­fah­ren wer­den viel­leicht noch unse­re Plat­ten­samm­lung bewun­dern, unse­re Bücher­samm­lung, viel­leicht gar etwas dar­aus in den eige­nen Bestand über­neh­men und sich dar­an erfreu­en. Als Men­schen jedoch wer­den wir wohl über­wie­gend schlicht weg sein. Und war­um soll­te uns das stö­ren?

War­um strebt der Mensch danach, nach dem Tod noch etwas zu bedeu­ten? Viel­leicht ist es die Ver­zweif­lung, die Wei­ge­rung zu akzep­tie­ren, dass das Leben umsonst gewe­sen sein soll. Leben, um unsterb­lich zu wer­den, erscheint mir aller­dings etwas unvoll­kom­men. Jemand, der immer nur nach Ein­fluss, Bekannt­heit oder son­sti­ger Macht strebt, fin­det neben­bei nur schwer­lich Zeit, an sei­nem Leben aktiv teil­zu­neh­men. Was muss ein sol­cher Mensch nur für ein Leid erdul­den! Nein, zum Idol soll­ten wir ihn uns nicht machen, viel­mehr sei­nen Tod als mah­nen­des Bei­spiel ehren: Seht ihn an, den erfolg­rei­chen Men­schen! Auf dem Weg zur Unsterb­lich­keit ver­säum­te er es zu leben, und nun ist er auf ewig gefan­gen in sei­ner Berühmt­heit und weiß doch nichts mehr dar­aus zu machen als sei­nen Erben das Leben zu ver­kom­pli­zie­ren.

Die­se Men­schen wol­len nicht unsterb­lich über den Tod hin­aus wer­den, sie wol­len die­se Unsterb­lich­keit bereits zuvor genie­ßen kön­nen. Die 15 Minu­ten Ruhm, die Andy War­hol jedem Men­schen pro­phe­zei­te, wol­len genos­sen und aus­ge­lebt wer­den. Ich kann mir zwar vor­stel­len, dass es eine erle­bens­wer­te Erfah­rung ist, wenn man auf der Stra­ße erkannt und freu­dig umju­belt wird, aber ist das bereits die­se Unsterb­lich­keit, die bereits Kant in Grund­zü­gen ver­stand?

Tat­säch­lich soll­ten wir unse­re eige­ne Sterb­lich­keit nicht zu besie­gen ver­su­chen, son­dern jeden Tag auf’s Neue vor unse­re Augen hal­ten, denn jeder ver­stri­che­ne Tag ist eine ver­ta­ne Chan­ce. Ihr soll­tet das nut­zen.

(Und ich soll­te auf­hö­ren, Phi­lo­so­phie­ma­ga­zi­ne zu lesen.)


„Das letz­te Hemd hat kei­ne Taschen, er nimmt bestimmt nichts mit.“
– Die Toten Hosen: Ehren­mann

PersönlichesMontagsmusik
Yes – Don’t Go

Tat­säch­lich kann so ein Mon­tag ja dann auch nichts dafür, wenn man Sonn­tag abends zurück­kehrt und der Sod brennt; der Sitz der See­le ist beim Mann offen­kun­dig der Ver­dau­ungs­trakt und nicht der Penis, jeden­falls ver­lebt man hin und wie­der so ein Wochen­en­de vol­ler Obs, Wenns und vor allem Abers in einem oben­drein frem­den Land und lässt sich unbe­merkt mit­rei­ßen. Die immens rele­van­te Lek­ti­on, vor­’m L(i)eben zu ler­nen, lau­tet nicht „Zäh­ne put­zen, dann ins Bett“, son­dern „ein­fach mal was (zum Bei­spiel sich) fal­len las­sen“, nur echt und ehr­lich ohne Netz und dop­pel­ten Boden, denn manch­mal zumin­dest stammt die Tie­fe aus den Augen und nicht aus dem Sinn und der Sinn wie­der­um eben­falls aus ihnen, und alles (steht und) fällt mit dem Moment, der sich par­tout wei­gert zu über­dau­ern. Ein Lob­lied dem (elen­den) Ver­stand und der ver­damm­ten Mensch­lich­keit.

I keep on fal­lin‘ (Ali­cia Keys), denn wenn man schon sein Inner­stes nach außen kehrt, dann wenig­stens so, dass man nie­man­den voll­kotzt außer halt sich selbst. Sehn­sucht ist, wenn man trotz­dem lacht (und lebt und der­glei­chen, cv. Her­bert Grö­ne­mey­er, „Mensch“). Aber der Mon­tag ist ein leich­te­rer Geg­ner als das mor­gend­li­che Spie­gel­bild.

You’­re just foo­ling yours­elf again bzw. eben don’t take love for gran­ted, wie immer ohne Gewähr. Super­zahl: Null.

Guten Mor­gen.

In den Nachrichten
Kurz ver­linkt CLVIII: Gewöhn­li­che Behin­de­rung.

Behin­der­ten­park­plät­ze sind eine bemer­kens­wer­te Erfin­dung des Sozi­al­sy­stems, die­nen sie doch meist dazu, es gebrech­li­chen – vul­go eben behin­der­ten – Per­so­nen zu ermög­li­chen, ohne einen all­zu gro­ßen Umweg die Strecke vom Park­platz zum gewünsch­ten eigent­li­chen Ziel zurück­le­gen zu kön­nen. (Ähn­li­ches gilt für Frau­en­park­plät­ze.)

„Wie behin­dert muss man sein?“ ist in der Jugend­spra­che eine häu­fi­ge Flos­kel. Nun: Wie behin­dert muss man sein? Vor­aus­set­zung zur Nut­zung eines Behin­der­ten­park­plat­zes ist eine außer­ge­wöhn­li­che Geh­be­hin­de­rung. Das Ber­li­ner Lan­des­amt für Gesund­heit und Sozia­les etwa erklärt:

Außer­ge­wöhn­lich geh­be­hin­dert ist die Per­son, die sich wegen der Schwe­re ihrer Behin­de­rung dau­ernd nur mit frem­der Hil­fe oder nur mit gro­ßer Anstren­gung außer­halb eines Kraft­fahr­zeu­ges bewe­gen kann.

Dies scheint nur zu gel­ten, wenn bei­de Bei­ne kom­plett feh­len:

Nur noch ein Bein zu haben reicht nicht aus, um auf Behin­der­ten­park­plät­zen par­ken zu dür­fen. Das hat das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Sach­sen-Anhalt ent­schie­den.

„Sie sind doch nicht behin­dert, Sie haben doch immer noch ein Bein!“

Ich wür­de ja sagen, die­se Argu­men­ta­ti­on steht auf wack­li­gen Bei­nen.

In den NachrichtenPolitik
Kurz ver­linkt CLVII: Das kann man sich mal vor­stel­len!

Ein evi­den­tes Bei­spiel dafür, dass Ergeb­nis­se von (zumal poli­ti­schen) Umfra­gen schon auf­grund ihrer Fra­ge­stel­lung auch dann nicht reprä­sen­ta­tiv sind, wenn man „reprä­sen­ta­ti­ve Umfra­ge“ drü­ber­schreibt, hat ZEIT ONLINE – nur echt mit Brüll­buch­sta­ben – Mit­te vori­ger Woche so unauf­fäl­lig publi­ziert, dass erst die­ser Tage jemand (zum Bei­spiel das Han­dels­blatt) dar­aus zitiert.

Umfrage AfD

Dem­nach könn­ten sich 27 Pro­zent der (befrag­ten) Deut­schen vor­stel­len, die neue Par­tei „Alter­na­ti­ve für Deutsch­land“ zu wäh­len, was ver­se­hent­lich für eine Wahl­pro­gno­se gehal­ten wird.

Ich zum Bei­spiel kann mir auch vor­stel­len, die CDU zu wäh­len. Ich wür­de es trotz­dem unter kei­nen Umstän­den frei­wil­lig tun. Ich kann mir sogar vor­stel­len, wie es wohl aus­sieht, wenn Jesus Chri­stus auf einem mit einer Laser­pi­sto­le bewaff­ne­ten Dino­sau­ri­er auf die Erde zurück­kehrt (näm­lich ziem­lich lustig). Der Fan­ta­sie sind nur sel­ten phy­si­sche Gren­zen gesetzt.

Denkt dar­an, wenn ihr näch­stes Mal eine Wahl­pro­gno­se lest. Und an Dino­sau­ri­er.

KaufbefehleMusikkritik
La Dis­pu­te – Wild­life

La Dispute - WildlifeNoch’n Musik­ar­ti­kel, da ich gera­de in der Stim­mung dazu bin. Momen­tan erfül­len die Geräu­sche auf „Wild­life“, dem 2011 ver­öf­fent­lich­ten zwei­ten Album des US-ame­ri­ka­ni­schen Quin­tetts La Dis­pu­te, den Raum. Der Band­na­me stammt angeb­lich von der Komö­die glei­chen Namens, in der es irgend­wie um Part­ner­tausch oder so geht. „La dis­pu­te“ heißt auf Deutsch (eben­falls angeb­lich) „der Streit“, und so klingt „Wild­life“ auch.

In der Wiki­pe­dia fabu­lie­ren die Autoren irgend­wel­che Gen­res, „Screa­mo“ und „Post-Hard­core“ und son­sti­ges, her­bei. Nun, ich behaup­te: Gen­res exi­stie­ren nicht. Ein gutes Bei­spiel ist der Post­rock (manch­mal auch „Post-Rock“ geschrie­ben). Sigur Rós machen Post­rock, Talk Talk mach­ten Post­rock, Mog­wai machen Post­rock. Was sagt das über den Post­rock aus? Rich­tig: Nichts.

„Screa­mo“ also. Dabei scheint es sich um eine Art „Emo­mu­sik“ zu han­deln, also Musik mit ver­zwei­fel­ten, wei­ner­li­chen Tex­te, die gern geschrien (scream) wer­den. Das ist nun weni­ger schreck­lich als es sich anhört und kann oft auch zu erstaun­li­chen Ent­wick­lun­gen füh­ren; die ziem­lich groß­ar­ti­gen …And You Will Know Us by the Trail of Dead haben mit „Fake Fake Eyes“ am Anfang ihrer Kar­rie­re auch ähn­li­che Musik auf­ge­nom­men und sind inzwi­schen zu einer über­durch­schnitt­lich guten Musik­grup­pe zwi­schen den Gen­res avan­ciert. Auch Toco­tro­nic, die sym­pa­thisch dilet­tan­ti­sche Rock­band, ist oft nicht fern. Kri­ti­ker wür­den „Wild­life“ als „Geschep­per mit Geschrei“ zusam­men­fas­sen. Aber so leicht ist das nicht.

Das „Geschep­per“, anders­wo „unglaub­lich fili­gra­ne Gitar­ren­ar­beit“ genannt, ent­wickelt einen sprö­den Charme, wie man ihn auch von den wirk­li­chen Glanz­ta­ten von Nir­va­na („Milk It“) kennt. Die Ver­bin­dung zur Emo-Sze­ne (etwa Jim­my Eat World) wird schon dadurch gekappt, dass La Dis­pu­te gar nicht erst ver­su­chen, den Ansprü­chen der Radio- und Fern­seh­sen­der zu genü­gen. Als „Refe­ren­zen“ wer­den da auch schon mal At The Dri­ve-In, vie­len bekannt als Keim­zel­le von The Mars Vol­ta, genannt, was schon eher passt.

Zumal sowie­so eben die Tex­te im Vor­der­grund ste­hen: „Can I still get into hea­ven if I kill mys­elf?“ („King Park“). Zuge­ge­ben: Die­se Art von Tex­ten gefällt nicht jedem und ent­spricht viel­leicht auch nicht unbe­dingt dem Ide­al eines Musik­al­bums, das man gern und immer wie­der hören möch­te. Ande­rer­seits ist das inzwi­schen ja auch egal, bedenkt man, dass im Radio tag­ein, tag­aus noch ganz ande­re Lie­der lau­fen; sei’s Lou Reeds „Walk On The Wild Side“ („in the back­room she was everybody’s dar­ling / but she never lost her head / even when she was giving head“), sei’s Inner Cir­cles „Sweat“ („girl I want to make you sweat / sweat till you can’t sweat no more / and if you cry out / I’m gon­na push it / push it, push it some more“), um fröh­li­che Som­mer­spaß­tex­te geht es den Medi­en nicht. Wer ach­tet auch auf so was?

Und so wird auch wie­der völ­lig unter­ge­hen, dass wir es hier mit einem Kon­zept­al­bum zu tun haben:

Wie ein roter Faden zie­hen sich „A Depar­tu­re“, „A Let­ter“, „A Poem“ und „A Bro­ken Jar“ durch das Album: Die­se Songs prä­sen­tie­ren die ver­zwei­fel­te und ver­lo­re­ne Exi­stenz eines Erzäh­lers, der eine ande­re Per­son zu errei­chen ver­sucht und dabei sowohl an sich selbst als auch an den Umstän­den schei­tert und zer­bricht. Die Wort­lo­sig­keit und die bered­te Sprach­kri­se hin­sicht­lich des Ver­lusts der eige­nen Iden­ti­tät und des ver­zwei­fel­ten Ver­suchs ein gelieb­tes Gegen­über zu errei­chen wur­de wohl sel­ten der­ar­tig emo­tio­nal und herz­ze­rei­ßend for­mu­liert und vor­ge­tra­gen. Songs wie das her­aus­ra­gen­de „The Most Beau­tiful Bit­ter Fruit“ sind eben­so per­sön­li­che Geschich­ten und loten die­ses Feld in einem brei­te­ren Kon­text wei­ter aus.

Wer vor­ge­nann­te ver­gleich­ba­re Musik­grup­pen mag, all­ge­mein ein Freund ver­ton­ten Lie­bes­kum­mers ist oder auch nur ein wenig Krach benö­tigt, der soll­te hier unbe­dingt mal rein­hö­ren. Fest steht: „Wild­life“ ist sicher­lich kein Album für einen ent­spann­ten Fei­er­abend.

Aber wer will sich schon immer nur ent­span­nen?

In den Nachrichten
Medi­en­kri­tik LXXVIII: Du sollst nicht hin­ter­zie­hen dei­nes Staa­tes Steu­er­geld!

Der kennt sich aus mit Geld.Ihr habt es wahr­schein­lich bereits mit­be­kom­men: „Aus­ge­rech­net“ (Augs­bur­ger All­ge­mei­ne, RP Online, SPIEGEL ONLINE) Fuß­ball­funk­tio­när Ulrich „Uli“ Hoe­neß, der 2005 angeb­lich der wider­wär­ti­gen „BILD“ mit­teil­te, er wis­se, dass das doof sei, aber er zah­le wei­ter­hin Steu­ern, hat nun beschlos­sen, doch lie­ber nicht doof zu sein, und sich selbst wegen Hin­ter­zie­hung einer Kapi­tal­ertrag­steu­er ange­zeigt. Das Wort „Kapi­tal­ertrag­steu­er“ scheint auch so ein Pro­blem der Rei­chen zu sein, mein Kapi­tal zum Bei­spiel ertra­ge ich oft nicht. Mit denen möcht‘ ich nicht tau­schen!

Von Steu­er­hin­ter­zie­hung ist ja häu­fi­ger in den Nach­rich­ten zu lesen. Bekannt wur­de 2011 etwa der Fall einer Haus­frau aus Was­sen­berg, die es ver­säumt hat­te, das Finanz­amt über eine grö­ße­re Erb­schaft zu infor­mie­ren. Die Frau wur­de zu einer Bewäh­rungs­stra­fe ver­ur­teilt. In der media­len Bericht­erstat­tung wur­de, so weit ich das sehen kann, über die­sen Fall weit­ge­hend nüch­tern und sach­lich infor­miert. Anders sieht es aus, wenn jemand wie „aus­ge­rech­net“ Ulrich „Uli“ Hoe­neß Steu­ern hin­ter­zieht. Das betrifft dann kei­ne Haus­frau, son­dern Herrn Hoe­neß selbst. Viel­leicht kann er so nied­lich gucken; nach media­lem Dafür­hal­ten ist er dann jeden­falls kein Ver­bre­cher. Er ist laut Frank­fur­ter Rund­schau etwas ganz ande­res:

Uli Hoe­neß, Mana­ger und Prä­si­dent des FC Bay­ern Mün­chen, ist ein Steu­er­sün­der.

Der Herr hat eine beein­drucken­de Kar­rie­re hin­ter sich: „Erfolg­rei­cher Wurst­fa­bri­kant und Fuß­ball-Mana­ger – und nun Steu­er­sün­der?“ (RP Online); in Kurz­form eben auch: „Ein Sau­ber­mann wird zum Steu­er­sün­der“ (Ham­bur­ger Abend­blatt). Ein sol­cher Sün­den­fall geht schon tra­di­tio­nell auch an der Christ­lich-Demo­kra­ti­schen Uni­on nicht vor­über: Kanz­le­rin Mer­kel (ist) ent­täuscht von Steu­er­sün­der Hoe­neß und distan­ziert sich von Steu­er­sün­der Hoe­neß.

Und so wird „Steu­er­sün­der Hoe­neß“ (WAZ), sofern denn sei­ne Selbst­an­zei­ge über­haupt berech­tigt war, vom Dieb – Steu­er­hin­ter­zie­hung ist letzt­end­lich nur Dieb­stahl ohne phy­si­schen Trans­fer – zum Sün­der. Wäh­rend Die­be in der Gesell­schaft eher wenig will­kom­men sind, sind Sün­den bei­na­he Vor­aus­set­zung, um gleich­be­rech­tigt an ihr teil­neh­men zu dür­fen. Und wie leicht das ist!

Ein durch­schnitt­lich auf­merk­sa­mer Mensch soll­te in den letz­ten paar Jah­ren aus Wer­bung und akzep­ta­blen Medi­en näm­lich aller­lei über Sün­den erfah­ren haben und längst wis­sen, wie schwie­rig es ist, nicht zum Sün­der zu wer­den: Scho­ko­la­de ist eine Sün­de, Häkeln ist eine Sün­de, Metal ist eine Sün­de, Gum­mi­bä­ren sind eine Sün­de, Kaf­fee ist eine Sün­de, Sexua­li­tät vor der Ehe ist eine Sün­de, Lie­be ist eine Sün­de, Abtrei­bung ist eine Sün­de, Alko­hol­ge­nuss ist eine Sün­de, aus­blei­ben­der Alko­hol­ge­nuss ist auch eine Sün­de, alle Untu­gend ist Sün­de und offen­bar ist auch Steu­er­hin­ter­zie­hung eine Sün­de. Zum Glück ist wenig­stens eines kei­ne Sün­de: Micky Maus.

Wenn also all­ge­mein in die­ser vor­geb­lich säku­la­ri­sier­ten Medi­en­welt dar­auf bestan­den wird, „Uli“ Hoe­neß sei kein Dieb, son­dern ein Sün­der, wäre es dann nicht viel­leicht ange­bracht, anstel­le des Finanz­amts die Inqui­si­ti­on zu benach­rich­ti­gen? Ein posi­ti­ver Neben­ef­fekt wäre es, dass die Zah­lungs­mo­ral mit­tels sanf­ten psy­chi­schen Drucks deut­lich stei­gen dürf­te. Das hat doch frü­her auch funk­tio­niert.

„I’m a win­ner, I’m a sin­ner / Do you want my auto­graph?“
– Super­tramp: Take A Look At My Girl­fri­end

Montagsmusik
Tou­lou­se Lautrec – Irra­tio­nal

Hen­ri Marie Ray­mond de Tou­lou­se-Lautrec-Mon­fa war ein fran­zö­si­scher Maler und Gra­fi­ker des Post-Impres­sio­nis­mus im aus­ge­hen­den 19. Jahr­hun­dert. War­um sich eine Musik­grup­pe nach die­sem Herrn benannt hat, weiß ich nicht. Die Namens­wahl war ver­mut­lich irra­tio­nal.

Tou­lou­se Lautrec – Irra­tio­nal

Und nein, eine blö­de­re Über­lei­tung ist mir nicht ein­ge­fal­len.

Guten Mor­gen.

SonstigesNetzfundstücke
War­um Text, wenn man auch ein Bild benut­zen kann?

Ein ziem­lich merk­wür­di­ges Phä­no­men zieht sich durch die so genann­ten „sozia­len Netz­wer­ke“.

Dort ist es, sei es nun per „Pinn­wand“, „Gäste­buch“ oder „Zeit­ach­se“, mög­lich, jeman­dem (Ein­zel­per­so­nen oder einer gan­zen Per­so­nen­grup­pe) kur­ze Nach­rich­ten, aber auch Bil­der zu hin­ter­las­sen. Wäh­rend kur­ze Tex­te als Bild­un­ter­schrift durch­aus gele­gent­lich Sinn erge­ben (etwa für (De-)Motivational Posters), stammt die etwa im Blog „Sheng Fui“ prak­ti­zier­te Eigen­art, gan­ze Tex­te als Gra­fik ein­zu­bin­den, noch aus der Zeit, als Web­fonts (also vom Web­de­si­gner bereit­ge­stell­te Schrift­ar­ten) noch nicht ver­brei­tet waren, es jedoch gele­gent­lich nötig war, einen Text auf jedem System in iden­ti­scher For­ma­tie­rung anzu­zei­gen. (Dass auch ver­gleichs­wei­se klei­ne .gif-Gra­fi­ken in einer Zeit der ana­lo­gen Modems im Ver­gleich zu rei­nem Text nicht gera­de schnell gela­den und ange­zeigt wur­den, hin­ter­fragt die dama­li­gen Ange­wohn­hei­ten ins­be­son­de­re.)

Vor­hin stieß ich über aller­lei ver­wor­re­ne Umwe­ge auf den hier aus daten­schutz­re­le­van­ten Grün­den nicht ver­link­ten (immer­hin jedoch öffent­lich ein­seh­ba­ren) Face­book-Account „Mein Kopf­ki­no ist der rein­ste Por­no­schup­pen“. Hier­bei scheint es sich um ein rei­nes Spaß­kon­to zu han­deln, des­sen Akti­vi­tä­ten dar­auf beschränkt sind, unfass­bar dum­me Sprü­che (ähn­lich wie „Mein Kopf­ki­no ist der rein­ste Por­no­schup­pen“) in Bild­form zu publi­zie­ren.

Dort fin­den sich zum Bei­spiel fol­gen­de wit­zi­ge Bild­chen:

Was Hand und Fuß hat Geblickfickt

Nicht erst in der Ver­grö­ße­rung gut zu erken­nen sind die JPEG-Arte­fak­te, die der Sinn­lo­sig­keit des Vor­ha­bens, eine gerin­ge Text­men­ge in eine Gra­fik ein­zu­bin­den, die kei­nen qua­li­ta­ti­ven oder poin­ten­be­zo­ge­nen Mehr­wert mit sich bringt, eine wei­te­re Nuan­ce hin­zu­fü­gen. Falls hier einer der­je­ni­gen, die die­sem Face­book­ac­count gele­gent­lich ihre Auf­merk­sam­keit schen­ken, mit­liest: Was soll der Quatsch?

Selbst, wenn man dem bar­rie­re­frei­en Web kei­nen Vor­schub lei­sten möch­te (Bil­der kön­nen halt nicht vor­ge­le­sen wer­den), ist der­lei Tun höchst absurd. Der ein­zi­ge erkenn­ba­re „Vor­teil“ der Ver­wen­dung eines Bil­des ist, dass es sich optisch von rei­nem Text abhebt. Dum­me Sprü­che wie „Hast du mich gera­de geblick­fickt?“ (sie­he oben) wür­den auch in einen Tweet pas­sen, jedoch unter Umstän­den im all­ge­mei­nen Rau­schen sofort unter­ge­hen. War­um man aller­dings wol­len soll­te, dass sol­che (nicht mal beson­ders amü­san­ten) Klo­wand­sprü­che beson­de­re Auf­merk­sam­keit auf sich zie­hen, ist mir ein Rät­sel.

Anders aus­ge­drückt: Hört auf damit. Ihr habt das Inter­net nicht ver­stan­den.

(Und ja, ich habe tat­säch­lich kurz dar­über nach­ge­dacht, die­sen Text als Bild ein­zu­fü­gen.)

KaufbefehleMusikkritik
Gua­po – Black Oni

Guapo - Black Oni„Black Oni“ ist das sech­ste Stu­dio­al­bum der 1994 gegrün­de­ten bri­ti­schen Musik­grup­pe „Gua­po“, die auch schon mal mit Ruins und Cer­be­rus Sho­al zusam­men musi­ziert haben. Wer die­se Bands kennt, der weiß, was er hier zu erwar­ten hat. Zur Ety­mo­lo­gie: Ein Oni ist in der japa­ni­schen Mytho­lo­gie eine Art Mon­ster oder Dämon gut- oder bös­wil­li­ger Natur. Ob ein schwar­zer Oni etwas ande­res tut als ein anders­far­bi­ger, ist mir nicht geläu­fig. Hübsch ist er jedoch eher nicht.

Zurück zum Album: Bereits das cover, ein Schwarzg­rau­bild eines ent­wur­zel­ten Bau­mes mit­ten im Wald, lässt hof­fen. Fröh­li­chen Indie­mist möge man bit­te woan­ders suchen.

Und tat­säch­lich: Es beginnt mit bedroh­lich anschwil­len­den Geräu­schen, elek­tro­nisch und nach der Ver­to­nung der Arbeit in einer Metall­fa­brik klin­gend. Ein Pfeif­ton gesellt sich dazu, der nach etwa zwei Minu­ten, kurz bevor dem Hörer der Kopf platzt, sei­ne Kli­max erreicht. Es fol­gen etwa eine Minu­te lang Bass, Schlag­zeug und merk­wür­di­ge Gitar­re, anschlie­ßend wie­der Fabrik­ge­räu­sche.

Gerad­li­ni­ger ver­läuft da schon Stück 2 („II“), das von einem trei­ben­den Schlag­zeug und einem für mich als Lai­en nicht sofort zu iden­ti­fi­zie­ren­den Tasten­in­stru­ment geführt wird. Es wech­seln sich immer wie­der die Stim­mun­gen, Span­nungs­bö­gen wer­den immer wie­der neu errich­tet. Das Mello­tron, das bis dahin nur spo­ra­disch zu iden­ti­fi­zie­ren war, hat sei­nen gro­ßen Auf­tritt jedoch im fol­gen­den Stück „III“, das in einem wah­ren Zeuhl-Feu­er­werk (lei­der ohne Gesang) endet. Mello­tron? Ja, King Crims­on (ins­be­son­de­re die Impro­vi­sa­tio­nen der frü­hen 1970er Jah­re) lugen hier und da ums Eck.

Nach die­ser Explo­si­on ist Stück Num­mer 4 („IV“), ein wabern­des, elek­tro­ni­sches Klang­ge­mäl­de, das Freun­den frü­her Krautrock­prot­ago­ni­sten wie Klaus Schul­ze oder Tan­ge­ri­ne Dream zusa­gen könn­te, gleich­sam die Ruhe nach dem Sturm; oder vor ihm? Das abschlie­ßen­de – na, wer errät es? rich­tig – „V“ ist wie­der­um unver­mit­telt ein­set­zen­der Retro-Prog mit aller­lei Syn­the­si­zer-Fines­sen, der mit stei­gen­der Dau­er („V“ ist immer­hin knapp 13 Minu­ten lang) an Geschwin­dig­keit abnimmt und über einen Doom-Mit­tel­teil wie­der­um im Kraut(-rock) endet.

Ihr seht: „Black Oni“ als Gan­zes sti­li­stisch ein­zu­ord­nen ist nicht leicht. Ich erken­ne Post­rock, Zeuhl, Space-/Kraut­rock und das alt­be­kann­te RIO/Avant. Art­ver­wandt? Gong, King Crims­on, viel­leicht auch Frank Zap­pa. Der geht als Ver­gleich ja immer. Allen Stücken gemein­sam ist der feh­len­de, nein, aus­blei­ben­de Gesang. Schlimm? Nein. Im Gegen­teil: Ich mag es. Und ihr soll­tet das auch tun.

PolitikIn den Nachrichten
Kurz ver­linkt CLVI: Zwei­mal Tamm­tamm!

Ale rauß wärfen!Zwei Säue wur­den mit gro­ßem Tamm­tamm die­se Woche durch’s Dorf getrie­ben, und es wer­den vor­aus­sicht­lich nicht die letz­ten blei­ben. Da ich emp­fahl, Nach­rich­ten zu mei­den, fas­se ich die Gescheh­nis­se im Fol­gen­den kurz zusam­men.

Sau Num­mer eins: Die geschlech­ter­ge­rech­te Erneue­rung der Stra­ßen­ver­kehrs­ord­nung. Denn – Stich­wort „Pira­tin­nen­Kon“ – wir erin­nern uns: Bereits in der All­tags­spra­che wer­den Frau­en offen­siv mit­tels patri­ar­cha­li­scher Kon­struk­te wie dem gene­ri­schen Mas­ku­li­num aktiv unter­drückt. Nach­dem das sit­ten­wid­ri­ge Zei­chen „Mann mit Kind“ bereits 1971 durch ein offen­bar okayes „Frau mit Kind“ ersetzt wur­de, wird jetzt auch die Spra­che der StVO aktu­el­len Bedürf­nis­sen ange­passt. Dass es der Fuß­gän­ger heißt, ist so böse sexi­stisch, dass es einen untrag­ba­ren Zustand dar­stellt. Die Lösung: Eine mög­lichst kom­pli­zier­te Umschrei­bung des Sub­jekts im Satz. Natür­lich ohne „man“, denn das klingt wie „Mann“, und das ist bekannt­lich böse. Nein, das geht bes­ser:

Damit Frau­en ab jetzt von der ver­kehrs­po­li­ti­schen Amts­spra­che mit­ge­meint sind, heißt es jetzt nicht mehr „Fuß­gän­ger“, son­dern „wer zu Fuß geht“.

Denn „wer etwas tut“, ist selbst­ver­ständ­lich unbe­kann­ten Geschlechts. Schon Luther schrieb:

Als sie nu anhiel­ten jn zu fra­gen / rich­tet er sich auff / vnd sprach zu jnen / Wer vnter euch on sun­de ist / der werf­fe den ersten stein auff sie.

Ach so, „wer“ ist (noch) auch ein fies mas­ku­li­sti­sches Wort? Dann will ich mal nichts gesagt haben. Aber wenig­stens ist der patri­ar­cha­li­sche „Fuß­gän­ger“ aus­ge­merzt.

Sau Num­mer zwei: Bom­ben in Bos­ton. Irgend­ein Knall­kopf (schon wie­der so ein fies mas­ku­li­sti­sches Wort!) hat am Mon­tag wäh­rend eines Mara­thon­laufs in Bos­ton zwei Bom­ben gezün­det, es gab min­de­stens drei Tote. Das Resul­tat war vor­her­seh­bar, die deut­schen Medi­en ken­nen seit Tagen kaum ein wich­ti­ge­res The­ma. Wer tue denn so etwas, war­um tue er (mer­ke: im Ver­bre­chens­fall gilt offen­bar das gene­ri­sche Mas­ku­li­num) es, und über­haupt wur­den Kin­der gefähr­det, Kin­der!, das sei gera­de­zu bestia­lisch.

Etwa zur glei­chen Zeit explo­dier­ten im Irak diver­se Auto­bom­ben, rund 40 Men­schen sei­en getö­tet wor­den, heißt es. Die tage­lan­ge Trau­er­be­flag­gung der deut­schen Medi­en blieb trotz­dem aus. Ach, dort ist sowie­so Krieg, da ster­ben stän­dig Leu­te, das ist nor­mal und kei­ne Mel­dung wert? Dann zie­he ich mei­nen Ein­wand natür­lich zurück.

Irgend­wo muss so eine Gesell­schaft ja auch ihre Prio­ri­tä­ten set­zen. Oink!

Persönliches
Kin­der statt Jugend? (Ein Nach­trag.)

Letz­te Woche mut­maß­te ich, es gebe ein Feind­bild Jugend. So weit, so begrün­det. Heu­te nun schrieb Nut­ze­rin „07elfe“ fol­gen­den Tweet:

Solan­ge ich nicht Mut­ter bin, darf ich selbst das Kind blei­ben, so seh ich das.

Wäh­rend mir nicht ganz klar ist, wie viel Humor in die­sem Tweet steckt, lässt er mich doch nach­denk­lich wer­den. Ist das Selbst­bild wer­den­der Eltern tat­säch­lich, dass die Zeit für Jux nun vor­über ist? Wie trost­los muss es sein, nicht mehr Kind sein zu dür­fen, weil man voll auf­geht in der Rol­le des Vor­bilds! Natür­lich ist es für die Ent­wick­lung eines Kin­des als nicht kom­pa­ti­bel mit gesell­schaft­li­chen Nor­men anzu­se­hen, wenn die Eltern bedröhnt durch den Tag wan­deln und gele­gent­lich flu­chen und/oder unschö­ne Din­ge tun, zum Bei­spiel alte Men­schen schub­sen oder BILD „lesen“.

Aber war­um soll­te man den Nor­men stets ent­spre­chen?

Das staat­li­che Ide­al­bild eines Men­schen ist der Jasa­ger, der sein spie­ßi­ges klei­nes Leben unter dem Damo­kles­schwert der Nor­men ver­bringt. Wer sich dane­ben­be­nimmt, begeht damit sozia­len Selbst­mord oder begibt sich zumin­dest frei­wil­lig in die Qua­ran­tä­ne. In die­sen Trott gilt es nicht zu ver­fal­len. War­um sich selbst den Spaß neh­men las­sen?

So ungern ich das auch an die­ser Stel­le zuge­be, aber die Serie „Gilm­o­re Girls“ habe ich kurz­zei­tig ver­folgt. Eine allein­er­zie­hen­de Mut­ter in einer sit­com führt zwar wahr­schein­lich ein meist etwas ande­res Leben als die deut­sche Haus­frau mit vor­über­ge­hend voll­stän­di­ger Fami­lie, aber es gilt zu erken­nen, wo die Über­schnei­dun­gen lie­gen kön­nen. Wem ist gehol­fen, wenn der eige­ne Nach­wuchs sei­ne Vor­fah­ren für lang­wei­lig, für wenig nach­ah­mens­wert hält? Letzt­end­lich möch­te man in einer Pha­se sei­nes Lebens oft anders sein als sei­ne Eltern, denn die sind nor­ma­ler­wei­se nicht cool. War­um nicht posi­tiv über­ra­schen?

Der Hedo­nis­mus ist wahr­lich kein schlech­ter Rat­ge­ber, wenn die Lebens­füh­rung selbst einen Füh­rer braucht. Das Leben ist zu kurz für Kom­pro­mis­se mit sich selbst. Wenn man anders sein, sei­ne Kin­der bes­ser erzie­hen will als man es selbst in der Kind­heit erfah­ren hat, war­um dann nicht mit Kon­se­quenz? – Tat­säch­lich soll­te man stets ein Kind blei­ben, um sei­ne eige­nen Kin­der zu ver­ste­hen. Nur wenig ver­führt mehr zu Mis­se­ta­ten als der Reiz des Ver­bo­te­nen und das Bewusst­sein, dass das, was man tut, die Eltern ziem­lich ver­är­gern wür­de, wären sie dabei.

So ist auch erklärt, war­um die Jugend­li­chen, die lie­ben Jugend­li­chen, aus erwähn­tem Vor­bei­trag stets die Böse­wich­te sind, deren Trei­ben es Ein­halt zu gebie­ten gilt. Natür­lich näm­lich waren die Erwach­se­nen, die Spie­ßer unter dem Schwert, nie­mals jung, hat­ten nie­mals Spaß. Spaß war damals unter Stra­fe ver­bo­ten. Beat­mu­sik wur­de natür­lich nicht gehört, die Röcke blie­ben immer unten, die Schu­he an den Füßen, und an Dro­gen war damals nicht zu den­ken; der anstän­di­ge Jugend­li­che von frü­her trank natür­lich nur Kräu­ter­tee und hat­te Spaß mit Büchern und Wan­dern. In wes­sen Dro­gen­hal­lu­zi­na­ti­on die­se Wirk­lich­keit sich einst befand, ist mir jedoch nicht bekannt.

Wer ein Vor­bild für ein Kind sein will, muss zunächst ein­mal in der Lage sein, selbst Kind zu sein; wer will schon ein Kind haben, das sich benimmt wie sei­ne Erzie­her?

Wenn es oben­drein wohl­erzo­gen ist und im Bus und in der Bahn auch mal die Klap­pe hält, fän­de ich das ziem­lich spit­ze. Es wäre mir eine gro­ße Freu­de, hier­für den Aus­lö­ser gelie­fert zu haben. Die Bla­gen gehen mir näm­lich wirk­lich enorm auf die Ner­ven.

In den Nachrichten
Kurz ver­linkt CLV: Schlech­te Nach­rich­ten!

Letz­te Woche im Guar­di­an, übri­gens:

Nach­rich­ten sind schlecht für Sie, und wenn Sie auf­hö­ren, sie zu lesen, wer­den Sie glück­li­cher.

Schon das erste Argu­ment (frei über­setzt) gefällt mir:

Nach­rich­ten füh­ren in die Irre. Betrach­ten Sie fol­gen­des Ereig­nis: Ein Auto fährt über eine Brücke, und die Brücke bricht zusam­men. Wor­auf kon­zen­trie­ren sich die Medi­en? Das Auto. Die Per­son im Auto. Woher sie kam. Wohin sie fah­ren woll­te. (…) Aber das alles ist irrele­vant. Was ist rele­vant? Die struk­tu­rel­le Sta­bi­li­tät der Brücke. (…) Aber das Auto ist auf­fäl­lig, es ist dra­ma­tisch, es ist eine Per­son (nicht abstrakt), und es ist eine Neu­ig­keit, die bil­lig zu pro­du­zie­ren ist. Nach­rich­ten ver­lei­ten uns dazu, mit einer völ­lig fal­schen Risi­ko­kar­te in unse­ren Köp­fen her­um­zu­lau­fen.

Unbe­dingt lesens­wert.

Montagsmusik
Ein­stür­zen­de Neu­bau­ten – Was ist ist

Und weil Mon­tag auch nur die Nacht­ru­he der Irra­tio­na­li­tät ein­läu­tet, ist er ande­rer­seits der Beginn des final count­down, des letz­ten Run­ter­zäh­lers bis zur wei­te­ren Eska­la­ti­on.

Über­haupt, Eska­la­ti­on.

Ein­stür­zen­de Neu­bau­ten – Was Ist Ist

… ein Welt­ge­bäu­de ohne Wän­de, so viel Platz muss sein,
einen Mor­gen ohne Kater, ohne Reue, nicht allein.

Guten Mor­gen.

PersönlichesFotografiePiratenpartei
#lmvnds132

Gif­horn. Kann man mal hin, muss man aber nicht.

Jeden­falls nicht unvor­be­rei­tet.

#LMVNDS132

Man­che(*) nen­nen es Poli­tik.

* Pira­ten