Stefan Krempl („heise online“) findet, ich hätte ein Szeneblog, weil ich zufällig meinen Unmut über die politische Entwicklung des „Congresses“ zu einem passenden Zeitpunkt verschriftlichte. Das ist eigentlich ein bisschen unfair, weil ich es eigentlich zu vermeiden versuche, diese Webpräsenz zu einem dieser elenden Nerdblogs verkommen zu lassen; aber gut, „heise online“ („Das Erwachen der Macht: Star Wars ist endlich erwachsen“, 16. Dezember 2015 u.v.m.) hält sich ja auch für eine Fachpublikation.
Seit meinem Aufreger ist manche Zeit ins Land gegangen und seitdem nicht wieder aufgetaucht, währenddessen geschahen im Wesentlichen zwei Dinge: Zum Ersten wurde der vorläufige „Fahrplan“, also die Vortragsliste, veröffentlicht. Einer meiner Kommentatoren, Thomas Wallutis, zählte auf dieser Liste die Themenblöcke zusammen und stellte fest, dass der mit Abstand größte der Blöcke „Ethics, Society & Politics“ ist, mit 42 Vorträgen liegt dieser Sonderblock für Tagungstouristen, für die das Hackertum allenfalls noch lustige Folklore im Rahmenprogramm ist, sogar noch vor „Security“ (37) und sowieso weit vor „Science“ (17); Politik und Wohlfühlflauschiwatti sind eben wichtig, da sollen die Altnerds sich mal nicht so anstellen. Können ja auf Wahlpartys gehen, wenn sie was mit Computern machen wollen. In „Ethics, Society & Politics“ komme sogar am Rande mal was Technisches vor, stellte er fest, also mal Ruhe bewahren hier. Es werden ja immer noch ein paar EDV-relevante Vorträge reingelassen, so schlimm wird’s dann wohl nicht sein. Das Feigenblatt – Entschuldigung, Sie haben da noch etwas Hacken zwischen den Zähnen – ist von wohlfeiler Art.
Zum Zweiten hat der CCC (da kann man noch so wortreich die Unterschiede zwischen dem Chaos Computer Club und der „Congress“-Veranstaltungs-GmbH zu erklären versuchen) das „Awarenessteam“ für den kommenden „Congress“ noch einmal erklärt; zusammenfassend sind das ein paar Freiwillige, die Hilfe bei Seelenwehwehchen anbieten:
Sexismus, Rassismus, Homo- und Transfeindlichkeit, Ableismus und andere Diskriminierungsformen sind auch dann nicht okay, wenn sie unbeabsichtigt geschehen. (…) Das Awarenessteam steht euch insbesondere zur Seite, wenn:
– ihr euch belästigt oder diskriminiert fühlt
– eure persönlichen Grenzen missachtet wurden
– ihr (akute oder strukturelle) Diskriminierung von anderen Teilnehmenden wahrnehmt
– ihr euch unwohl fühlt und eine Person zum Reden braucht
„Ableismus“, wie Fefe 2014 einmal anschaulich erläutert hat, ist die vermeintliche Diskriminierung von Menschen, die nicht alles können, was man selbst kann; insofern heiße es (siehe ebd.) selbstverständlich „Stand_Sitz_Liegepunkt“ statt „Standpunkt“, denn nicht jeder Mensch ist des Stehens mächtig. Es sei übertrieben, davon zu reden, dass der „Congress“ von Leuten mit einer eher merkwürdigen Agenda in eine bestimmte Richtung gelenkt werde, gaben Leser meines vorherigen Beitrags zum Thema zu bedenken, aber so sicher bin ich mir da keinesfalls.
Wenn sich eines dieser zarten Pflänzchen, die unbedingt auf einem vermeintlichen „Hackerkongress“ sein zu wollen meinen, von einer vermeintlich rüden Zurückweisung, wie sie in introvertiert-technophilen Hackerkreisen durchaus nicht unüblich ist, derart verstört fühlt, dass ein ganzes Team nötig ist, um sein ansonsten irreparabel zerrüttetes Seelenheil wieder auf ein lebensfähiges Niveau zu hieven, dann hat etwas in seiner Entwicklung zu einem gesellschaftstauglichen Menschen dermaßen wenig funktioniert, dass der „Congress“ sich höchstwahrscheinlich eher nicht als geeigneter Therapieplatz anböte. Der da war nicht nett zu mir. Gehaltsverhandlungen mit den Betroffenen stelle ich mir ziemlich anstrengend vor.
Vor ein paar Jahren gab es mit den „Creepercards“ schon einmal eine Aktion, die das „Awarenessteam“ ins öffentliche Bewusstsein brachte, indem ebensolche Orchideen ihr ständiges Beleidigtsein in Kartenform mitbrachten, was zu geradezu bizarren Anschuldigungen führte, allerdings in den folgenden Jahren nicht mehr wiederholt wurde. Nein, die neuen Mittel sind subtiler.
Und sie wirken viel zu gut.