NerdkramsWirtschaft
Die Stra­fe der Spiel­geld­mil­lio­nä­re

Eine der weni­gen unbe­schränkt gül­ti­gen Bör­sen­weis­hei­ten lau­tet unge­fähr so: Inve­stie­re nie­mals Geld, das du nicht ver­lie­ren möch­test. Das gilt vor allem dann, wenn das Ziel der Inve­sti­ti­on kei­nen greif­ba­ren Gegen­wert besitzt.

Bezo­gen auf den greif­ba­ren Gegen­wert des­sen, was ver­sier­te Schwaf­ler als „Fiat­geld“ bezeich­nen und was gewöhn­li­chen Men­schen schlicht als Geld bekannt ist, besteht zwei­fels­oh­ne kein beson­ders gro­ßer Dis­kus­si­ons­be­darf: Über gedruck­tes oder gepräg­tes Geld, längst nicht mehr von Edel­me­tal­len gedeckt, besteht inzwi­schen seit Jahr­hun­der­ten ein gesell­schaft­li­cher Kon­sens, der unge­fähr abseh­bar macht, gegen wel­che Waren man es in vie­len Geschäf­ten ein­tau­schen kann. Es han­delt sich somit eigent­lich nur um staat­lich akzep­tier­te Äqui­va­len­te zu Muscheln und Scha­fen. Dass die Umset­zung die­ses Kon­zep­tes mit stei­gen­der Infla­ti­on, sin­ken­den Zin­sen und psy­cho­lo­gisch wir­ken­dem Unsinn wie dem Abzug eines Cents vom Preis, damit die Zahl vor dem Kom­ma klei­ner ist, bis­lang min­de­stens etwas unglück­lich ver­lau­fen ist, hal­te ich auch ohne selbst vor­ge­nom­me­ne vor­he­ri­ge sta­ti­sti­sche Erhe­bung für einen Kon­sens der mei­sten Men­schen, die in der wirt­schaft­li­chen Nah­rungs­ket­te nicht ganz hin­ten ste­hen.

Um zumin­dest einen Teil die­ser kon­zep­tio­nel­len Her­aus­for­de­run­gen zu umge­hen, wur­de zwi­schen 2008 und 2009 die dezen­tra­le Wäh­rung „Bit­co­in“ ins Leben geru­fen. Bei Bit­co­ins han­delt es sich im Wesent­li­chen um eine Art nicht papier­nes Spiel­geld ähn­lich dem in „Mono­po­ly“ ver­wen­de­tes, des­sen rea­ler Gegen­wert in den zur Erzeu­gung nöti­gen Strom­ko­sten, die auf­grund der Art der „Berech­nung“ neu­er Bit­co­ins fort­wäh­rend stei­gen, besteht; man ver­schwen­det also elek­tri­sche Ener­gie, um gehash­te Hexa­de­zi­mal­wer­te in eine immer grö­ßer wer­den­de ver­teil­te Daten­bank („Block­chain“) zu schrei­ben. Wie zum Beweis dafür, wie egal Men­schen ent­ge­gen der all­ge­mei­nen Annah­me rea­ler Besitz wirk­lich ist, bekommt jemand, der einen die­ser Hexa­de­zi­mal­wer­te einer Bit­co­in-Tausch­bör­se oder einem Mit­men­schen ver­kauft, heu­te deut­lich über 2.000 Euro dafür. Weil die­ses Kon­zept so schön ein­fach umzu­set­zen und zu modi­fi­zie­ren ist, gibt es mitt­ler­wei­le über 800 mit­ein­an­der kon­kur­rie­ren­de, teil­wei­se von­ein­an­der abstam­men­de „Block­chains“ bezie­hungs­wei­se dar­in gespei­cher­te Arten von Hash­wer­ten („Kryp­to­wäh­run­gen“), von denen eini­ge nach Groß­in­ve­sti­ti­on durch Ban­ken und/oder EDV-Kon­zer­ne einen höhe­ren Euro­preis erzie­len kön­nen als ande­re. Der nen­nens­wer­te Unter­schied zwi­schen Aktio­nä­ren und Kryp­to­in­ve­sto­ren besteht also dar­in, dass Kryp­to­in­ve­sto­ren nichts zum Gelin­gen der rea­len Wirt­schaft bei­tra­gen, son­dern ihr Geld aus dem Fen­ster wer­fen und hof­fen, dass unten jemand steht, der das Geld frei­wil­lig ver­dop­pelt und wie­der zurück­wirft, statt ein­fach damit weg­zu­ren­nen, was manch­mal funk­tio­niert und mei­stens eben nicht. Die eige­ne Samm­lung an Hash­wer­ten wird in der Regel in so genann­ten wal­lets abge­legt, was Eng­lisch ist und „Porte­mon­naie“ bedeu­tet, aber eigent­lich nur eine lokal her­um­lie­gen­de Datei ist. Es gibt bekannt­lich kaum einen bes­se­ren Abla­ge­platz für „Geld“ als eine lokal her­um­lie­gen­de Datei.

Um das Zurück­wer­fen des aus dem Fen­ster gewor­fe­nen Gel­des schmack­haf­ter zu machen, gibt es mit „ICOs“, „Initi­al Coin Offe­rings“, eine „Blockchain“-Alternative zur Erst­zeich­nung an einer Bör­se: Jemand wür­de gern eine neue „Block­chain“, eine Tausch­platt­form für Hash­wer­te, eine neue Hash­wert­art oder son­sti­gen vir­tu­el­len Krem­pel pro­gram­mie­ren und sam­melt zur Finan­zie­rung die­ser Unter­neh­mung irgend­wel­che Hash­wer­te (der­zeit wird gern eine Bezah­lung in Ethe­re­um, der momen­tan zweit­plat­zier­ten Hash­wäh­rung, ver­langt) ein. Die Gegen­lei­stung besteht nach Ablauf der Erst­zeich­nungs­frist dann meist in Anteils­schei­nen in Form von oft wie­der­um neu­ar­tig gehash­ten Hexa­de­zi­mal­wer­ten zum Vor­zugs­preis, die dann viel­leicht im Wert stei­gen und viel­leicht auch nicht, was, abhän­gig von der erfolg­ten Ver­wen­dung des ein­ge­nom­me­nen ech­ten Gel­des, dann ein rie­si­ger Ver­lust ist oder viel­leicht auch nicht. Schei­ter­te etwa ein „ICO“, des­sen Ein­künf­te in die För­de­rung einer Pan­da­po­pu­la­ti­on flie­ßen soll­ten, so wäre dies sicher­lich bedrücken­der als das Schei­tern manch ande­rer Geschäf­te. Dass die „ICO“-Idee aus wirt­schaft­li­cher Sicht, berück­sich­tigt man die andau­ern­de Hyper­in­fla­ti­on und ‑defla­ti­on der Wech­sel­kur­se zwi­schen den Hash­wer­ten (allein Bit­co­ins gewin­nen oder ver­lie­ren am Tag mit­un­ter drei­stel­li­ge Dol­lar­be­trä­ge pro „Stück“), eigent­lich nur Idio­ten anzie­hen soll­te, hat bekannt­lich noch fast nie­man­den an irgend­et­was gehin­dert: Allein im Ankün­di­gungs­fo­rum des vir­tu­el­len Sze­ne­treffs bitcointalk.org näh­me das Trink­spiel, für jeden neu­en „Smart Con­tract“, was das gegen­wär­ti­ge Lieb­lings­quatsch­wort der Kryp­te­ria ist und unge­fähr bedeu­tet, dass die Hash­wer­te, die man irgend­wo hin­schickt, beim Gegen­über weni­ger wahr­schein­lich nicht ankom­men als üblich, einen Schnaps frei wähl­ba­rer Men­ge zu trin­ken, bin­nen erschreckend kur­zer Zeit ein töd­li­ches Ende.

Über­ra­schen­der­wei­se ist die dezen­tra­le Schöp­fung von gegen­wert­lo­ser Han­dels­wa­re über ein nicht nur von wohl­wol­len­den Aske­ten genutz­tes Netz aus modi­fi­zier­ba­ren Maschi­nen gar nicht mal aus Sicher­heits­grün­den eine über­ra­gend gute Idee. Ein Wäh­rungs­sy­stem mit mensch­li­cher Betei­li­gung kann und wird frü­her oder spä­ter an der feh­len­den Per­fek­ti­on des Men­schen zugrun­de gehen; und die Unper­fek­te­sten sit­zen meist am lan­gen Hebel.

Eine der belieb­te­ren wal­let-Umset­zun­gen für Ethe­re­um-Hash­wer­te trägt den Namen „Pari­ty“ und läuft dort, wo rea­le Wer­te am schlech­te­sten auf­ge­ho­ben wären, näm­lich inner­halb der meist­an­ge­grif­fe­nen Kom­po­nen­te von Desk­top­com­pu­tern, d.h. im Web­brow­ser. Als gäbe das noch nicht genug Anlass zum Zwei­fel an der Zurech­nungs­fä­hig­keit der Mit­glie­der der um „Pari­ty“ her­um ent­stan­de­nen Gemein­schaft, ver­fügt es oben­drein um eine Funk­ti­on namens „Mul­ti-Sig-Wal­lets“, die im Wesent­li­chen das Gesche­hen dadurch noch span­nen­der macht, dass meh­re­re Leu­te auf das vir­tu­el­le „Porte­mon­naie“ zugrei­fen kön­nen. Eine gran­dio­se Idee. Was kann da schon pas­sie­ren?

Ach, rich­tig:

Unbe­kann­te haben eine inzwi­schen geschlos­se­ne Sicher­heits­lücke im Ethe­re­um-Cli­ent des Unter­neh­mens Pari­ty genutzt, um 153.000 Ether auf ihr eige­nes Kon­to zu über­wei­sen. Beim aktu­el­len Kurs der Kryp­to­wäh­rung sind das umge­rech­net etwa 30 Mil­lio­nen US-Dol­lar. Der Dieb­stahl und die Lücke wur­den sofort ent­deckt. Dar­auf­hin tat sich spon­tan eine Grup­pe namens White Hat Group zusam­men und nutz­te die glei­che Schwach­stel­le, um wei­te­re 377.116 Ether aus noch nicht geplün­der­ten Kon­ten zu sichern.

Wie hier zu sehen ist, ist eine „Kryp­to­wäh­rung“ viel bes­ser als ande­res Geld, denn wenn irgend­je­mand an mein regu­lä­res Porte­mon­naie her­an­kommt, um etwas her­aus­zu­neh­men, wird sich kei­ne Grup­pe zusam­men­fin­den, die den Rest des Gel­des in mei­nem Porte­mon­naie sichert; und wenn doch, dann hie­ßen sie gleich­falls Die­be und nicht Siche­rer. – Zum Glück gibt es mit „ICOs“ eine beque­me und sehr siche­re Anla­ge­mög­lich­keit für die gesam­mel­ten Hash­wer­te, denn wer hat schon gern stän­dig ein vol­les Porte­mon­naie dabei? Das endet dann manch­mal aber statt mit einer Plei­te des Pro­jekts auch so:

Unbe­kann­te Angrei­fer hack­ten die Web­site des Pro­jekts Coin­da­sh und änder­ten dort die Kryp­to­geld-Adres­se, an die Inve­sto­ren bei einem Crowd­fun­ding Geld schicken soll­ten. Die fal­sche Adres­se war nur weni­ge Minu­ten online – genug für einen Mil­lio­nen-Coup.

(Bei­de Mel­dun­gen sind von heu­te.)

Wer sein Geld auf die Fen­ster­bank legt, der soll­te eben bes­ser nicht im Erd­ge­schoss woh­nen.

Dass die jeweils betrof­fe­ne „Wäh­rung“ Ethe­re­um trotz­dem wei­ter im Wert steigt, spricht zumin­dest nicht für ein Pro­blem­be­wusst­sein der Anle­ger, denn nach wie vor sind Web­brow­ser nicht vom Han­del mit Kryp­to­ge­döns aus­ge­schlos­sen. Wer­fen wir ein­fach mehr Geld drauf. Dass das Drauf­wer­fen von mehr Geld auf lan­ge Sicht mehr zer­stört als repa­riert, ist einem Zyni­ker wie mir da ein schwa­cher Trost: Mög­li­cher­wei­se wird sich in weni­gen Wochen die auf gro­ßes Wachs­tum nicht vor­be­rei­te­te Pro­ble­m­ur­sa­che Bit­co­in zwei­tei­len, wie es bei Ethe­re­um schon im Juli 2016 – wenn auch, hihi, aus Sicher­heits­grün­den – pas­siert ist. Wenn das ein­tritt, wer­den die­je­ni­gen, die jetzt noch viel Zeit damit ver­schwen­den, ihren Mit­men­schen unge­fragt von ihrem Reich­tum und/oder ihrem guten Rie­cher zu erzäh­len, was eine Art Neben­wir­kung von Bit­co­in­be­sitz zu sein scheint, mög­li­cher­wei­se vor­über­ge­hend ein wenig lei­ser sein. Das wird schön.

Erin­nert sich noch jemand an „Second Life“?

(Offen­le­gung: Ich habe gele­gent­lich den einen oder ande­ren Cent in eine die­ser weni­ger medi­al bewor­be­nen Spiel­wäh­run­gen inve­stiert, die sich nach wie vor wei­gert, mich zu einem arro­gan­ten rei­chen Schnö­sel wer­den zu las­sen. Das stört mich aus vor­ge­nann­ten Grün­den jedoch nicht im Gering­sten.)

PolitikIn den Nachrichten
Medi­en­kri­tik CV: Pro­test­na­zis im Wan­del der „ZEIT“

Dass das media­le Bild von Kri­tik an staat­li­cher Zen­sur digi­ta­ler Medi­en sich seit den noch eini­ger­ma­ßen wohl­wol­len­den Berich­ten über die „Zensursula“-Demonstrationen ver­än­dert hat, bedarf ver­mut­lich kei­ner wei­te­ren Bele­ge. Seit der Flücht­lings­sa­che – ob nun damit begrün­det oder nicht – ist den Medi­en jeder Vor­stoß der rich­ti­gen poli­ti­schen Sei­te gegen das Böse ein guter, denn als welt­of­fe­nes Land soll­te man es mit der Tole­ranz nicht zu weit trei­ben.

Lei­der gibt es hier­für ein aktu­el­les Bei­spiel.

‘Medi­en­kri­tik CV: Pro­test­na­zis im Wan­del der „ZEIT“’ wei­ter­le­sen »

In den NachrichtenPolitik
Knall­kopf Neit­zels ethi­sches Töten

Auf „SPIEGEL ONLINE“ darf heu­te – die nicht wirk­sa­me „Paywall“ bit­te per Script umge­hen – der „Mili­tär­hi­sto­ri­ker“ Sön­ke Neit­zel Fol­gen­des zu einer fried­li­che­ren Gesell­schaft bei­tra­gen:

Wir sind eine auf­ge­klär­te Gesell­schaft, in der Bun­des­wehr die­nen fast aus­nahms­los auf­ge­klär­te Bür­ger. (…) Reden Sie mal mit Pan­zer­gre­na­die­ren oder Fall­schirm­jä­gern. Die lau­fen nicht mit Schaum­gum­mi­bäl­len durch die Gegend, die sol­len kämp­fen und töten kön­nen, und zwar weil die Bun­des­re­pu­blik das von ihnen ver­langt. Im Gegen­zug muss ich akzep­tie­ren, dass die­se Leu­te, alles Frei­wil­li­ge, über ein bestimm­tes Ethos ver­fü­gen. Die sagen nicht: Es ist schreck­lich, dass ich Scharf­schüt­ze bin. (…) Die­sen Leu­ten kann ich doch nicht lau­ter nicht kämp­fen­de Vor­bil­der anbie­ten.

Schlimm wäre das, wenn die auf­ge­klär­ten – wenig­stens hat er nicht „zivi­li­sier­ten“ gesagt – und ethisch zum Kämp­fen und Töten ver­pflich­te­ten Bür­ger in der Bun­des­wehr nur noch Vor­bil­der haben dür­fen, die noch nie irgend­wen gemeu­chelt haben. Mit Weich­ei­ern gewinnt man kei­nen Krieg!

Im Übri­gen bin ich der Mei­nung, dass die Bun­des­wehr abge­schafft gehört.

In den NachrichtenMontagsmusikMir wird geschlecht
Gold­ray – Rising // Doc­tress Who // Rame­lows Prä­zi­si­on

Bitte zurück ins Nest bringen.Es ist Mon­tag. Pünkt­lich zum Wochen­en­den­de hat sich auch der Kopf­schmerz wie­der beru­higt, auf dass man fro­hen Mutes zur immer­hin bezahl­ten Tat schrei­ten kann. Pan­da­bär in Ber­lin müss­te man sein, dann bekä­me man jetzt Eis mit Gemü­se, aber statt­des­sen ist man weit von Ber­lin ent­fernt und denkt als blo­ßer Mensch über Pan­das nach. So kann es gehen.

Und die Nach­rich­ten so? Der seit 54 Jah­ren männ­li­che Titel­held aus „Doc­tor Who“ ist ab Ende die­ses Jah­res eine Femi­ni­stin, was der Serie, die in jün­ge­rer Zeit neben dem erst­mals weib­li­chen Ant­ago­ni­sten mit „Bill“ auch eine Neben­dar­stel­le­rin („Com­pa­n­ion“) bekom­men hat, deren wesent­li­che Eigen­schaft es war, eine les­bi­sche Femi­ni­stin zu sein, zwar eine gewis­se Kon­ti­nui­tät ver­leiht, mich hin­ge­gen skep­tisch min­de­stens eine Augen­braue heben lässt, denn, wenn­gleich die schau­spie­le­ri­sche Lei­stung eines „Doc­tors“ bis­lang kei­nes­wegs geschlechts­be­zo­gen zu beur­tei­len war, die Seri­en­ma­cher schei­nen in letz­ter Zeit das drin­gen­de Bedürf­nis zu haben, dem ver­damm­ten Patri­ar­chat über­ra­gend selbst­si­che­re Frau­en­fi­gu­ren ent­ge­gen­zu­stel­len, die außer dem Frau­sein nichts wirk­lich gut kön­nen. Haben die „Ghost­bu­sters“ ver­passt?

Der auf­ge­bran­de­te Jubel auf Twit­ter, end­lich dür­fe eine Frau mal einen sowie­so unsterb­li­chen Hel­den mit einer lan­gen Ver­gan­gen­heit und vor­aus­sicht­lich Zukunft ver­kör­pern, was unab­hän­gig von der cha­rak­ter­li­chen Ent­wick­lung schon des­halb gut sei, weil sie kein Mann sei, ist jeden­falls ein schlech­tes Zei­chen, belegt er doch, dass vie­le der Zuschau­er eine Fern­seh­se­rie nicht als Unter­hal­tung, son­dern als poli­ti­sches Mit­tel zur Macht­ver­schie­bung begrei­fen, als habe irgend­ei­ne Welt­an­schau­ung plötz­lich gewon­nen, nur, weil in einer Serie, in der das aller­dings schon mehr­fach pas­siert ist, eine Figur das Geschlecht wech­selt. Dem Patri­ar­chat dürf­te das jeden­falls eini­ger­ma­ßen egal sein und den ver­blie­be­nen nicht ret­tungs­los bescheu­er­ten Zuschau­ern bleibt zu hof­fen, dass es end­lich mal wie­der eine Neu­be­set­zung in „Doc­tor Who“ gibt, die der Serie inhalt­li­che Tie­fe zurück­gibt. Apro­pos: In Ber­lin-Lich­ten­berg ist der anti­pa­tri­ar­cha­li­sche Vor­stoß der ört­li­chen „Grü­nen“, poten­zi­el­len Red­nern im Bezirks­par­la­ment nach Geschlecht statt Inhalt das Wort zu ertei­len, nun vor­erst geschei­tert. Wie viel wäre auf die­ser Welt gewon­nen, ach­te­te man nur mehr auf die Qua­li­tät des Erbrach­ten statt auf das Geschlecht des Erbrin­gers!

Wäh­rend die ehe­mals qua­li­täts­fo­kus­sier­te Pira­ten­par­tei in Kon­stanz, Mün­chen und Leip­zig anläss­lich der jewei­li­gen Chri­sto­pher-Street-Day-Para­de um netz­po­li­tisch eben­so des­in­ter­es­sier­te Unter­stüt­zer für die kom­men­de Bun­des­tags­wahl warb, gin­gen unbe­merkt zwei Nach­rich­ten von letz­ter Woche fast ver­lo­ren: Die CIA hackt völ­lig über­ra­schend auch Linux, was ich hier nur ver­lin­ke, weil das Didi immer so schön her­aus­for­dert; schlim­mer jedoch: es wur­de die Nach­fol­ge­rin von Gün­ther Oet­tin­ger, also die neue EU-Digi­tal­kom­mis­sa­rin, ver­ei­digt, die gern „schär­fe­re Regeln gegen Hassäu­ße­run­gen und Falsch­mel­dun­gen“ („hei­se online“) durch­set­zen las­sen wür­de. In einer gesun­den Gesell­schaft wür­de sich zahl­rei­cher Wider­stand for­mie­ren, aber es ist Wahl­kampf, da macht man nichts mit Poli­tik.

Der thü­rin­gi­sche Mini­ster­prä­si­dent Bodo Rame­low („Lin­ke“), der auch nichts mit Poli­tik macht, hat gestern vor­ge­schla­gen, man möge, um den Erfolg von lan­des­an­säs­si­gen „Rechts­rock­kon­zer­ten“ (als sei­en Schla­ger leich­ter zu ertra­gen) ein­zu­däm­men, das Ver­samm­lungs­recht, für Ost­deut­sche bekannt­lich kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit, doch bit­te „prä­zi­sie­ren“; mit ande­ren Wor­ten: Zu vie­le Din­ge gehen der­zeit als „Ver­samm­lung“ durch. Unklar bleibt, wel­che Art von Kon­zer­ten künf­tig noch als legi­ti­me Ver­samm­lung gel­ten darf. Hof­fent­lich nichts mit Phil Coll­ins!

Här nix Ton, nix Musik.

Gold­ray – Rising – [Offi­ci­al Video]

Guten Mor­gen.

KaufbefehleMusikkritik
Kurz­kri­tik: Ex Eye

Ex Eye (Coverbild)For­dern wir wie­der ein­mal unse­ren Geist und hören wir ein wenig Musik.

Aus aus­ge­rech­net den Ver­ei­nig­ten Staa­ten stammt das Quar­tett Ex Eye, des­sen Schlag­zeu­ger Greg Fox, den Pop­Mat­ters mit John Bon­ham zu ver­glei­chen sich nicht scheut, sich bereits bei Zs und Lit­ur­gy aus­to­ben durf­te. Statt klas­si­scher Rock­band­be­set­zung schar­ten Ex Eye, die sich selbst als Post-Alles-Band beschrei­ben, sich um den kana­di­schen Saxo­pho­ni­sten Colin Stet­son, der bis­lang unter ande­rem mit Tom Waits, Fred Frith und Mats Gustafs­son zusam­men­ge­ar­bei­tet hat und also durch­aus weiß, wie gute Musik klin­gen soll­te.

EX EYE – „Xen­o­lith; The Anvil“ (Offi­ci­al Music Video)

Beschrei­ben lässt sich das auf dem im Juni prä­sen­tier­ten Debüt­al­bum Gehör­te als instru­men­ta­ler Jazz­me­tal, mit­un­ter lässt sich aber auch ein­mal New Art­rock im Sti­le der unver­ges­se­nen Por­cupi­ne Tree aus­ma­chen. Dass es kei­nen Gesang gibt, ist hier kaum ein auf­fäl­li­ges Kri­te­ri­um, denn der wür­de wahr­schein­lich auch nur stö­ren.

Ex Eye — Anai­tis Hym­nal; The Arko­se Disc

Ich bin durch­aus ange­tan.

PolitikIn den Nachrichten
Die nie­mals gezo­ge­ne Leh­re aus dem Bochu­mer Brüll­auf­stand

„Das Pro­blem bei den Lin­ken“, so schätz­te es Chri­sti­an Lind­ner ange­sichts der kürz­lich erfolg­ten Anbrül­le­rei durch eine lin­ke Stu­den­tin, die über eine Stim­me, mit der sie viel­leicht lie­ber etwas ande­res machen soll­te als Paro­len zu brül­len, ver­füg­te oder noch immer ver­fügt, ein, sei es, „dass nur sie glau­ben, Wahr­heit zu besit­zen“, und wäh­rend die Medi­en von den Axel-Sprin­ger-Blät­tern über die „Huf­fing­ton Post“ bis hin zu „RP ONLINE“ sei­ne die­ser Fest­stel­lung fol­gen­de sou­ve­rän-läs­si­ge Reak­ti­on auf das Gebrül­le nicht zu Unrecht, wenn auch mit gewohnt schlei­mi­ger Atti­tü­de, als sou­ve­rän-läs­si­ge Reak­ti­on auf das Gebrül­le beschrie­ben, so fehlt es doch an einem Hin­weis auf die eine wesent­li­che Wahr­heit, die mit jedem medi­al rezi­pier­ten Gebrüll erneut den Fokus auf sich zu zie­hen ver­sucht und es trotz­dem nicht in die Rei­he der gesell­schaft­lich als Kon­sens akzep­tier­ten Regeln für einen zivi­li­sa­to­ri­schen Min­dest­stan­dard auf allen Sei­ten des poli­ti­schen und sozia­len Spek­trums geschafft hat, weil ver­mut­lich jene, die sie vor­zu­tra­gen ver­such­ten, schlicht nicht zu Wort kamen: dass näm­lich eine als sonst­wie poli­tisch miss­ver­stan­de­ne Aus­sa­ge, die lau­ten Gebrülls bedarf, um ver­mit­telt zu wer­den, nie­mals näm­lich von Lei­sen und kei­nes­falls ohne offen­sicht­lich mit­schwin­gen­de Aus­ru­fe­zei­chen (oft und gern im Plu­ral) münd­lich, vor­ge­tra­gen wird, einen auf­merk­sa­men Adres­sa­ten nicht ver­dient haben kann.

NetzfundstückeNerdkrams
Kurz ver­linkt: „Pro­gram­mie­rer“ / Chrom­e­fox‘ Goo­g­le­ana­ly­se

Was über Python-„Programmierer“ und Git­Hub-Nut­zer im Übri­gen noch zu ver­lin­ken bleibt:

Ein Python-Modul, das auto­ma­tisch den erst­be­sten leid­lich rele­van­ten Code von StackOverflow.com her­un­ter­lädt und ein­bin­det – best­ernt von über 1.400 Git­Hub-Kon­ten.

:wallbash:


Die zivi­li­sa­to­ri­sche Decke unter Daten­schüt­zern wird dün­ner: Fire­fox bin­det Goog­le Ana­ly­tics ein.

"Genießen Sie den Browser mit den meisten integrierten Datenschutzfunktionen" (Quelle: https://www.mozilla.org/de/firefox/new/)

Da wächst zusam­men, was zusam­men gehört.

Mir wird geschlechtIn den Nachrichten
Initia­ti­ve D21: Eine fast rich­ti­ge Pres­se­mit­tei­lung

Ber­lin, 04. Juli 2017. Die Mit­glie­der des Initia­ti­ve D21 e. V. haben zur heu­ti­gen Mit­glie­der­ver­samm­lung ein­stim­mig das Außer­kraft­tre­ten der Kom­pe­tenz­quo­te für den Gesamt­vor­stand beschlos­sen. Ab sofort darf min­de­stens ein Drit­tel der Per­so­nen des Vor­stan­des nicht mehr nach qua­li­ta­ti­ven Kri­te­ri­en aus­ge­wählt wer­den. Zusätz­lich zur Ein­schrän­kung der Quo­te wird die Rege­lung des „lee­ren Stuhls“ ein­ge­führt. Wenn sich nur kom­pe­ten­te Per­so­nen zur Wahl stel­len oder gewählt wer­den, blei­ben die ent­spre­chen­den Plät­ze frei.

Prä­si­dent Han­nes Schwa­de­rer begrüßt es sehr, dass die bereits seit Jah­ren statt­fin­den­den Bestre­bun­gen, den Kom­pe­tenz­an­teil im Vor­stand zu sen­ken, nun per Sat­zung fest­ge­schrie­ben sind: „Zum einen soll mit der festen Höchst­quo­te ein deut­li­ches Signal nach außen gesen­det wer­den und sich auch ande­re Ver­bän­de ent­spre­chend fest­le­gen. Zum ande­ren haben unse­re Mit­glieds­un­ter­neh­men und ‑Insti­tu­tio­nen aus­rei­chend Inkom­pe­ten­te im Kol­le­gi­um und wir möch­ten ihre gerin­ge­re Kom­pe­tenz auch für das Wir­ken der Initia­ti­ve D21 gewin­nen“.

Auch Schatz­mei­ste­rin Prof. Bar­ba­ra Schwar­ze zeigt sich erfreut: „Noch immer ist die sozia­le und poli­ti­sche Gleich­stel­lung von Kom­pe­ten­ten und Inkom­pe­ten­ten in Deutsch­land nicht erreicht. Dass nun min­de­stens ein Drit­tel der Posi­tio­nen im Vor­stand der Initia­ti­ve D21 durch Inkom­pe­ten­te besetzt wer­den müs­sen, wird auch auf unse­re Mit­glieds­un­ter­neh­men wir­ken, denn schluss­end­lich setzt sich der Gesamt­vor­stand aus den Füh­rungs­po­si­tio­nen die­ser Unter­neh­men und Insti­tu­te zusam­men“. Da die Ver­än­de­run­gen nur sehr lang­sam von allein kämen, sei die Sen­kung der Quo­ten ein erster Schritt in Rich­tung gesell­schaft­li­chem Wan­del, stimmt Schwa­de­rer zu. Die Initia­ti­ve D21 sei bemüht, auch über die beschlos­se­ne Inkom­pe­tenz­quo­te hin­aus, den Gesamt­vor­stand pari­tä­tisch zwi­schen Kom­pe­ten­ten und Inkom­pe­ten­ten zu beset­zen.

Die För­de­rung der Chan­cen­gleich­heit zwi­schen Begabt und Unbe­gabt ist eine der zen­tra­len Auf­ga­ben der Initia­ti­ve D21. Bereits zur Grün­dung des Ver­eins 1999 wur­de die För­de­rung der Gleich­be­rech­ti­gung von Kom­pe­ten­ten und Inkom­pe­ten­ten in der Sat­zung fest­ge­schrie­ben. So enga­gie­re sich die Initia­ti­ve D21 gemein­sam mit den Mit­glie­dern u. a. im Rah­men der Auf­takt­ver­an­stal­tung zum bun­des­wei­ten Incom­pet­ents‘ Day spe­zi­ell für Chan­cen­gleich­heit von Unbe­gab­ten durch das Auf­zei­gen von beruf­li­chen Alter­na­tiv­mo­del­len und erfas­sen und bekämp­fen unab­läs­sig den digi­ta­len Gra­ben zwi­schen den unter­schied­lich Begab­ten.

Alter­na­ti­ve Les­art hier.

Netzfundstücke
Kurz ver­linkt: Penis!

Da hat­te jemand Spaß:

Zer­stör­ter Fels „Troll­pe­nis“: Er steht wie­der (…) Er woll­te – ja, es ist wirk­lich nicht ein­fach, die­se gan­ze Sache ohne Zoten zu erzäh­len – er woll­te also den „Troll­pe­nis“ wie­der ste­hen sehen. (…) Nun muss die gan­ze Sache – sor­ry auch hier für die Wort­wahl – noch ein paar Tage aus­här­ten. (…) Die Tou­ri­sten kön­nen also – und das ist jetzt wirk­lich die letz­te zwei­deu­ti­ge For­mu­lie­rung die­ses Tex­tes – kom­men.

„SPON“-Redakteure. Da steckt man auch nicht drin.

In den NachrichtenMontagsmusik
Ulver – So Falls the World

Wach wie ein PandaEs ist Mon­tag. Die Welt fin­det zur gewohn­ten Brä­sig­keit zurück und die­ses eigen­ar­ti­ge Gefühl, der bei Wei­tem Aller­brä­sig­ste zu sein, ist vor­über wie eines die­ser schwer erträg­li­chen Lie­bes­lie­der, die man sich aus­denkt, wäh­rend man so über sein Leben sin­niert. Leben ist Fir­le­fanz, aber ein immer­hin not­wen­di­ger, seufzt ein Käuz­chen.

Zum nun­mehr end­lich ver­gan­ge­nen Wochen­en­de blie­be noch man­ches anzu­mer­ken, aber da reg­te man sich dann doch wie­der nur unnö­tig auf, was selbst der staub­be­deck­te­ste Bun­des­prä­si­dent der letz­ten paar Jah­re, ent­sä­ku­la­ri­sier­ter Dodo des Monats Juni und auch sonst stets für Geschwätz zu haben, kaum zu lin­dern ver­mag. Schwei­fen wir also lie­ber in die Fer­ne: Die NASA hat in den Wei­ten des Welt­raums Din­ge ent­deckt, die die bis­he­ri­gen Vor­stel­lun­gen von den Anfän­gen „unse­res“ Uni­ver­sums ein wenig kor­ri­gie­ren. Eine rea­li­sti­sche Mög­lich­keit zur schnel­len Anrei­se ist bis­her aller­dings nicht ent­hal­ten.

Apro­pos Zukunft: In den USA sind mehr­fach blue­tooth­fä­hi­ge Hand­krei­sel („Fidget Spin­ner“) explo­diert, was die Ver­mu­tung, zum lang­fri­sti­gen Über­le­ben müs­se man nicht nur stark, son­dern auch eini­ger­ma­ßen schlau sein, selbst heu­te, da der Mensch sich als weit­ge­hend domi­nan­te Ras­se erwie­sen hat, noch als bedeut­sam kenn­zeich­net. Die „Neue Zür­cher Zei­tung“ fragt in eigent­lich nicht aus­schließ­lich die­sem Zusam­men­hang, ob die moder­ne Gesell­schaft zu doof für den Fort­schritt gewor­den ist. Dass sie nicht von den Klüg­sten ange­führt wird, mag als Argu­ment nicht aus­rei­chen, und so lan­ge sie noch wun­der­ba­re Musik her­vor­bringt, ist jeden­falls das Wesent­li­che gesi­chert; zum Bei­spiel eben so:

Guten Mor­gen.

PolitikIn den Nachrichten
Abschlie­ßen­de Bemer­kung zu G20: Feu­er und Flam­me fürs Kli­ma

Die anti­ka­pi­ta­li­sti­sche Lin­ke, leben­des Beleg­ex­em­plar der Huf­ei­sen­theo­rie, hat end­lich neue iPho­nes und denkt sogar mal über Kör­per­pfle­ge nach. Durch die Ankur­be­lung der Gla­se­rei- und Auto­wirt­schaft mit­tels der Zer­stö­rung von Schau­fen­stern und Dienst­fahr­zeu­gen von Kran­ken­pfle­gern wur­de dem Kapi­ta­lis­mus ein Schnipp­chen geschla­gen und es ist sicher nur noch eine Fra­ge der Zeit, bis die Ban­ken frei­wil­lig dem Frei­heits­drang der Bür­ger nach­ge­ben. Die Ver­scho­nung von Geschäf­ten, deren Besit­zer recht­zei­tig bekannt gege­ben haben, auf der rich­ti­gen Sei­te zu ste­hen, hat in Deutsch­land bekannt­lich eine bald acht­zig Jah­re alte Tra­di­ti­on und Tra­di­ti­on ist wich­tig.

Dass nicht etwa die inter­na­tio­na­le Hoch­fi­nanz, son­dern klei­ne Geschäfts­leu­te, Jour­na­li­sten und Poli­zi­sten teils rui­niert, teils schwer ver­letzt wur­den, war auf dem Weg zu einer bes­se­ren Welt unver­meid­lich, denn nie­mand muss Geschäfts­mann, Jour­na­list oder Poli­zist sein oder in Ham­burg woh­nen. Nach­dem das Kli­ma jetzt geret­tet und der Kapi­ta­lis­mus end­gül­tig besiegt ist, bleibt nur noch eine Fra­ge unge­klärt:

Wie dumm ist Wer­ner Rätz?

KaufbefehleMusikkritik
Kurz­kri­tik: Far­flung – 5

Das eng­li­sche Wort „far-flung“ bedeu­tet unge­fähr „breit­flä­chig“. Unter die­sem spre­chen­den Namen wur­de 1992 in Los Ange­les eine Spa­ce­rock­band gegrün­det, die aktu­ell als Trio musi­ziert und 2016 mit „5“ ihr aktu­el­les (nach mei­ner Zäh­lung jedoch längst nicht mehr ihr fünf­tes) Stu­dio­al­bum (Amazon.de, TIDAL) ver­öf­fent­lich­te.

Spa­ce­rock? Neh­men wir das mit den Gen­res mal lie­ber nicht so genau, denn was die Musik der drei Her­ren von Far­flung aus­macht, ist nicht etwa der hun­dert­ste Auf­guss von Hawkwind’schem Spiel, son­dern es ist die gekonn­te Ein­flech­tung hete­ro­gen­ster Sti­le in ein von jeden­falls mir bis­lang noch unge­hör­tes musi­ka­li­sches Rezept, aus dem Tanz­mu­sik im besten Sin­ne ent­stand.

Far­flung – Hive

Das auf „5“ zu Hören­de wird bei all sei­ner Hete­ro­ge­ni­tät von flir­ren­den Klang­ef­fek­ten in Form gehal­ten, die Musik prescht zügel­los nach vorn und reißt dabei alles mit, was ihr im Weg liegt: Spa­ce­rock, Hard­rock, Shoe­ga­ze, Ame­ri­ca­na, in „Being Boi­led“ – hier mit beson­ders bemer­kens­wer­tem Bass­spiel – darf es auch mal Doom sein. Das Repe­ti­tiv-Hyp­no­ti­sche auf „5“ ist mehr als nur Mit­tel zum Zweck. Das Star-Wars-Wüsten­co­ver­bild ver­mag das Ohr nicht zu trü­gen.

Far­flung – 044MPZ

Ich habe kei­ne Ahnung, was die ein­schlä­gi­gen Medi­en momen­tan als pas­sen­des Album zum Cock­tail am Strand und/oder zum wil­den Sitz­tanz emp­fiehlt. Gehört zu den übli­chen Emp­feh­lun­gen jedoch nicht „5“, so möch­te ich es hier­mit zu die­sen hin­zu­ge­fügt wis­sen.

Persönliches
Sel­ber hyg­ge!

Nach Son­die­rung des diesmo­na­ti­gen Ange­bots an Frau­en­zeit­schrif­ten – regel­mä­ßi­ge Leser die­ser Web­site wis­sen um deren humo­ri­sti­sche Qua­li­tä­ten – ließ es sich nicht ver­mei­den, dass auch mir als von Trends nicht viel hal­ten­dem Wirr­kopf das Hyg­ge­s­ein als Lebens­stil begeg­ne­te, immer­hin gera­de mal ein hal­bes Jahr, nach­dem es die „ZEIT“ umfang­reich the­ma­ti­sier­te. Was also ist ein Hyg­ge?

So heißt Gemüt­lich­keit in Däne­mark. Die hal­be Welt will von den Dänen ler­nen, wie man es sich drin­nen nett macht, wenn es drau­ßen unge­müt­li­cher wird.

Ver­ste­he: Weil Deutsch­land sei­ne Gemüt­lich­keitseit 1892 auch im anglo­pho­nen Raum ein Begriff – abhan­den gekom­men ist, ver­su­chen wir es statt­des­sen mit einem Import aus einer ande­ren Gesell­schaft als der unse­ren.

Um die­ser Gemüt­lich­keit äuße­ren Nach­druck zu ver­lei­hen, wird der Pres­se­markt mit Erzeug­nis­sen wie dem Maga­zin „hyg­ge“ aus der Ver­lags­grup­pe „Deut­sche Medi­en-Manu­fak­tur“, die sonst auch Welt­erfol­ge wie die Küchen­heft­chen „essen & trin­ken“, „essen & trin­ken mit THERMOMIX“ und „flow“, als „eine Zeit­schrift ohne Eile, über klei­nes Glück und das ein­fa­che Leben“ bereits eine eta­blier­te Kon­kur­renz aus eige­nem Hau­se, in ihrem Port­fo­lio auf­führt, und jedes Mal, wenn irgend­ein Kack­un­ter­neh­men, in dem von Hand­ar­beit noch kaum jemand auch nur etwas gehört hat, sich „Manu­fak­tur“ nennt, emp­fin­de ich ein biss­chen weni­ger Gemüt­lich­keit als noch zuvor. Dage­gen hilft auch kein nicht alko­hol­hal­ti­ges Maga­zin die­ses Lan­des mehr. Hat nur noch die­se Zeit­schrift gefehlt, als sei tur­nus­mä­ßig repro­du­zier­tes, mehr­sei­ti­ges Gequat­sche ein wert­vol­le­rer Rat­ge­ber als fünf ein­fa­che Wor­te.

Laut Amazon.de wer­den seit Herbst 2016 nicht nur unge­zähl­te Zeit­schrif­ten, son­dern vor allem auch Bücher über die jeweils beste Art zu hyg­gen publi­ziert, der dor­ti­ge „Best­sel­ler“ wie auch der der „Sun­day Times“ und der „New York Times“ ist der­zeit „The Litt­le Book of Hyg­ge: The Danish Way to Live Well“, ein­sor­tiert in die Kate­go­rie „Skan­di­na­vi­sche Küche“, als gin­ge es bloß ums Essen und nicht um eine qua­si voll­stän­di­ge Lebens­an­lei­tung.

„Hyg­ge­lig“, fasel­te Alix Ber­ber für „ben­to“, sei­en „auf dem Sofa Fil­me schau­en“, „selbst backen“ und „kla­re Struk­tu­ren“, und beim Gebäck sei es nicht etwa irgend­ein Kuchen, son­dern „eigens kre­ierte Zimt­kek­se mit gesun­dem Voll­korn­mehl“, und dazu ein ver­mut­lich ent­kof­fe­inier­ter Kaf­fee aus hand­ge­roll­ten Kaf­fee­boh­nen und ein „Bild­band über Wäl­der“. Frü­her nann­te man das sprö­den Wal­dorf­char­me oder Prenz­lau­er-Berg-Habi­tus, heu­te ist es eben „hyg­ge­lig“. Sel­ten fand ich mein ent­tren­de­tes Leben so inter­es­sant.

Sub­jek­ti­ve Gemüt­lich­keit her­zu­stel­len, indem man Feng-Shui-mäßi­ge Ein­rich­tungs­tipps von Frem­den befolgt, erscheint mir jeden­falls nicht als ein ver­stän­di­ger Weg zum Glück. Das hat nun immer­hin auch die Lebens­stil­ver­mark­tungs­bran­che erkannt und mel­det selbst Zwei­fel an der von ihr geschaf­fe­nen Hyg­ge­bla­se an – denn schon bald ist alles hal­lyu.

:irre:

In den Nachrichten
Kurz notiert zur römi­schen Selbstin­qui­si­ti­on

Und sie­he, Gott sand­te ein Zei­chen und ließ die Ver­tre­ter der Ver­tre­ter sei­nes Ver­tre­ters auf Erden im Dro­gen­rausch dort, wo noch bis 1908 der Name der hei­li­gen Inqui­si­ti­on sei­ne Ver­kör­pe­rung fand, der Unzucht frö­nen, als besit­ze das Neue Testa­ment im Stamm­land der weni­ger anti­se­mi­ti­schen Hälf­te des euro­päi­schen Chri­sten­tums nur für jene Men­schen Gül­tig­keit, die sich mit dem Gedan­ken an ein kon­ser­va­ti­ves Fami­li­en­le­ben anfreun­den kön­nen, und als sei eben­je­ne hei­li­ge Inqui­si­ti­on, die im Ein­klang mit den Glau­bens­nor­men die betei­lig­ten Pfaf­fen als Ket­zer wenig­stens einer gött­li­chen Todes­stra­fe hät­te unter­wer­fen müs­sen, nie gesche­hen; und dann sei aber zu ihrer mora­li­schen Ent­la­stung erwähnt, dass, so wenig man auch von der katho­li­schen oder über­haupt irgend­ei­ner Kir­che hält, dies­mal nur zwar gei­stig unrei­fe (denn sonst wären sie nicht katho­lisch), wohl aber kör­per­lich erwach­se­ne Men­schen Teil der Aus­übung der höchst unchrist­li­chen sexu­el­len Frei­heit waren, was, wenn die Sexua­li­tät von Katho­li­ken in den Nach­rich­ten ist, ja durch­aus nicht als Regel­fall ange­se­hen wer­den soll­te.

(via Schwerdt­fe­gr)

WirtschaftIn den Nachrichten
Von Voll­be­zah­lung hat ja nie­mand etwas gesagt.

Im Sep­tem­ber steht die näch­ste Bun­des­tags­wahl an; Zeit also, schon ein­mal dar­über nach­zu­den­ken, wen es zu wäh­len gilt. Wäh­rend die frü­he­ren Mit­re­gen­ten „Die Grü­nen“ längst Spott und Scha­den auf sich ver­ei­nen, ist die der­zei­ti­ge Regie­rungs­ko­ali­ti­on aus CDU/CSU und SPD pro­duk­tiv damit beschäf­tigt, poten­zi­el­len Wäh­lern im Fal­le eines Wahl­sie­ges Ver­spre­chen hin­sicht­lich der zu erwar­ten­den Poli­tik zu machen. Wenn sie doch nur eine Gele­gen­heit gehabt hät­te, auch mal Din­ge umzu­set­zen!

Wäh­rend die SPD schon vor etwas län­ge­rer Zeit unter dem Bei­fall ihrer tra­di­tio­nell ver­gess­li­chen Anhän­ger mit­teil­te, wenn sie doch nur end­lich regie­ren dürf­te, wür­de sie die unmensch­li­che Sozi­al­po­li­tik der SPD grund­le­gend revi­die­ren, nebel­te es aus CDU/C­SU-Krei­sen noch eher zurück­hal­tend, denn eini­gen konn­te man sich zwar dar­auf, wei­ter­hin inhu­man und sonst­wie grau­sam zu sein, nicht aber auf eine kon­kre­te Aus­prä­gung. Der put­zi­ge CDU-Gene­ral­se­kre­tär Peter Tau­ber ließ gestern – noch vor der Vor­stel­lung des gemein­sa­men Wahl­pro­gramms – zumin­dest den Hin­weis fal­len, dass die­je­ni­gen, die meh­re­re schlecht bezahl­te Arbeits­plät­ze haben, halt eine anstän­di­ge Aus­bil­dung hät­ten machen sol­len, denn dann hät­ten sie das Pro­blem jetzt nicht, was er spä­ter revi­dier­te, indem er zumin­dest die Zahl, nicht aber die Exi­stenz von schlecht bezahl­ten Arbeits­plät­zen kri­ti­sier­te: „Mini-Jobs“ sei­en näm­lich „an sich gut“, sie betref­fen ja nie­man­den, der lie­ber in Voll­zeit und anstän­dig bezahlt arbei­ten wür­de, nicht wahr?

Seit gestern Abend jeden­falls gibt es ein gemein­sa­mes Wahl­pro­gramm („Regie­rungs­pro­gramm“) von CDU und CSU, in dem mein spa­ßi­ges Lieb­lings­ka­pi­tel die Über­schrift „Gute Arbeit auch für mor­gen – Voll­be­schäf­ti­gung für Deutsch­land“ trägt. Voll­be­schäf­ti­gung kennt die Kanz­le­rin, ein Kind der DDR, noch von frü­her, als es in ihrer Hei­mat eine staat­lich ver­ord­ne­te Arbeits­lo­sen­zahl von 0 Pro­zent und ein Pro­duk­ti­vi­täts­ni­veau von 40 Pro­zent gab. Das, frei­lich, ist nicht merk­lich anders als heu­te: Men­schen, deren dau­er­haf­te Arbeits­kraft dem Markt kei­nen Mehr­wert bringt, wer­den statt­des­sen zu unpro­duk­ti­ver Arbeit über­re­det, die nur exi­stiert, um die Arbeits­lo­sen­zahl zu sen­ken. „Sozi­al ist, was Arbeit schafft“, heißt es im Pro­gramm, und um die all­zu plum­pe Pro­vo­ka­ti­on, dass somit auch NS- und Sowjet­la­ger eine Fol­ge erfolg­rei­cher Sozi­al­po­li­tik gewe­sen sein müss­ten, zu ver­mei­den, mag mir der Hin­weis genü­gen, dass mir zur Sozi­al­po­li­tik der gegen­wär­ti­gen „gro­ßen Koali­ti­on“, die so viel Arbeit schafft, dass vie­le Leu­te sogar drei davon haben, so man­ches Adjek­tiv ein­fällt, „sozi­al“ aber nicht dar­un­ter ist.

Aus dem glei­chen Kapi­tel des Wahl­pro­gramms:

Die Zahl der offe­nen Stel­len wächst bestän­dig.

Die von der „Uni­on“ haben auch eine gewis­se Stel­le offen, wie mir scheint.


Könn­te man auch mal gele­sen haben: Oba­ma war immer total höf­lich.