WirtschaftIn den Nachrichten
Mit Sicher­heit ver­lo­ren

In der heu­ti­gen Aus­ga­be der „Braun­schwei­ger Zei­tung“ weiß Chri­sti­an Kerl nach dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts­ur­teil zum „ESM“, das sich etwa so zusam­men­fas­sen lässt, dass die deut­schen Steu­er­zah­ler wei­ter­hin für die Miss­wirt­schaft ande­rer Staa­ten ble­chen dür­fen müs­sen, jedoch nur bis zu einem Haf­tungs­ri­si­ko von 190 Mil­li­ar­den Euro, fol­gen­de Aus­sa­ge Ange­la Mer­kels zu ver­mel­den:

Die Bekräf­ti­gung der Par­la­ments­rech­te gebe Bun­des­tag und Bür­gern Sicher­heit.

Das ist nicht ein­mal falsch: Was die Bür­ger ehe­dem befürch­ten muss­ten, wis­sen sie nun mit Sicher­heit.
Auch eine Art von Fort­schritt.

In der glei­chen Aus­ga­be der „Braun­schwei­ger Zei­tung“ wird Ange­la Mer­kel übri­gens mit den Wor­ten zitiert:

Ich habe immer gesagt, wir wol­len stär­ker aus der Kri­se her­vor­ge­hen, (sic!) als wir hin­ein­ge­gan­gen sind – genau das ist uns gelun­gen.

Wer „Wir“ ist? Nun, ich bin es nicht.
Ist es womög­lich einer von euch?

Ange­la Mer­kel jeden­falls ist es, sie sitzt fest im Sat­tel.
Scha­de, dass das Pferd längst gestor­ben ist.

Sonstiges
Prinz Wil­liam: Jetzt zeigt er uns sein Bäuch­lein

Und da wir gera­de bei alber­nen Zeit­schrif­ten waren, noch ein Kur­zer hin­ter­her:

Kate zeigt uns qua­si ihre front­row; und wenn ich das mache, bekom­me ich die Schuld an bei­na­her Erstickung auf­grund von Lachens zuge­scho­ben, aber kei­nen Platz auf der Titel­sei­te einer Frau­en­zeit­schrift „für Frau­en zwi­schen 30 und 59“. Ande­rer­seits weiß ich auch nicht, ob mir das gefal­len wür­de.

Sonstiges
Medi­en­kri­tik LXXV: Jolie: Nichts für Weich­ei­er.

Der Zufall woll­te es, dass mir beim Stö­bern die (inzwi­schen trotz Sep­tem­bers bereits ver­al­te­te) dies­jäh­ri­ge Sep­tem­ber­aus­ga­be der Zeit­schrift „Jolie“ in die Hän­de fiel. Die „Jolie“ ist eine Frau­en­zeit­schrift, die irgend­wie mit den grau­en­vol­len Teen­ager­ma­ga­zi­nen „Pop­corn“ und „Mäd­chen“ – das ist das hier – zusam­men­hängt. Ihre Titel­sei­te ist über­dies der­ma­ßen bescheu­ert, dass ich mich genö­tigt sah, sie – die Zeit­schrift – zu erwer­ben.

Das Mot­to der „Jolie“ lau­tet „THE BEAUTIFUL LIFE GUIDE“, „der schö­ne Lebens­füh­rer“ also, und dafür, dass der Füh­rer (also die „Jolie“) schön ist, sind die ent­hal­te­nen Mode­tipps ziem­lich scheuß­lich. (Im Übri­gen sei ange­merkt: Jemand, der ohne Anlei­tung nicht lebens­fä­hig ist, soll­te kei­ne Zeit­schrif­ten lesen.) Immer­hin sind die stärk­sten Augen­krebs­er­re­ger auf ein bei­lie­gen­des mehr­sei­ti­ges Falt­blatt namens „Jolie STYLING BIBEL“ kon­zen­triert, die erklärt, wie man „DIE NEUESTEN TRENDS TRÄGT“, lei­der aber nicht, wie man sie erträgt. Auf die­sem Falt­blatt sind über­wie­gend unför­mi­ge, unge­sund aus­se­hen­de Frau­en in scheuß­li­cher Klei­dung zu sehen, die offen­bar bei der klein­sten Regung der Gesichts­mus­ku­la­tur erschos­sen wer­den oder jeden­falls so gucken. „Traum­haft schön“ stel­le ich mir weni­ger beäng­sti­gend vor.

In der „Jolie STYLING BIBEL“ – gehei­ligt wer­de ihr Name, und wer dar­an glaubt, ist selbst schuld – ste­hen dann auf­re­gen­de jun­ge Din­ge wie „Ber­lin intim: Die wich­tig­sten NEWS und der hei­ße­ste GOSSIP aus der Front­row“, und mir wird auch schon ganz heiß in mei­ner Front­row. Dabei ist es gut zu wis­sen, dass Klei­der Leu­te machen: „Kri­se? Wel­che Kri­se? Mit üppi­gen Prints und opu­len­ten STICKEREIEN gehö­ren wir alle zur High Socie­ty“. Statt Gel­des könn­ten wir also ein­fach ein paar Sticke­rei­en nach Grie­chen­land schicken – Pro­blem gelöst.

Aber genug der bibli­schen Pracht, wen­den wir uns statt­des­sen wie­der der „Jolie“ zu. Eines ihrer Titel­the­men heißt „glow for it!“, also „leuch­te dafür!“, und es geht angeb­lich um strah­len­de Tängs. Was genau „it“ ist, geht für mich nicht aus dem Text her­vor, viel­leicht liegt das auch an den quä­len­den Kopf­schmer­zen, die sich ein­stel­len, wenn ich ver­su­che, in dem Sprach­quark der „Jolie“ sei­ne etwa­ige inhalt­li­che Bedeu­tung zu erken­nen fin­den.

Wirk­lich reiz­voll waren aber zwei ande­re The­men. Zunächst ist von einem Inter­view mit Mila Kunis die Rede, in des­sen Ver­lauf sie gesagt haben soll: „Ich ste­he total auf Kinds­köp­fe“. Ob Mila Kunis Deutsch spricht, weiß ich nicht, aber auch, wenn man von einem eng­lisch­spra­chi­gen Inter­view aus­geht, ist die Über­set­zung mit „schlud­rig“ noch nett umschrie­ben. Dort steht eigent­lich dies:

Könn­ten Sie sich in einen Kinds­kopf ver­lie­ben?
Wenn es einen Aus­gleich dafür gibt, durch­aus.

Das mit dem Text­ver­ständ­nis soll­ten die Autoren Anto­nia Stef­fens und Dierk Sin­der­mann noch mal üben. Das Wort „Aus­gleich“ fin­de ich an die­ser Stel­le aller­dings auch dis­kus­si­ons­wür­dig. Wer möch­te anfan­gen?

Wenig, aber immer­hin inter­es­san­ter ist das zwei­te der bei­den ande­ren The­men: „Alles Loser? – War­um Frau­en schuld sind, wenn Män­ner zu Weich­ei­ern mutie­ren“. Der Arti­kel fängt gut an:

Wie kön­nen wir Män­nern vor­wer­fen, dass sie alles falsch machen – wenn wir ganz offen­sicht­lich selbst nicht so genau wis­sen, was wir wol­len?

Die Arti­kel­au­to­rin Johan­na Schuh­mann spielt hier dar­auf an, dass die Män­ner heut­zu­ta­ge, unter­drückt beein­druckt von der als „Eman­zi­pa­ti­on der Frau“ getarn­ten Sexis­mus­wel­le, die seit den 1970er Jah­ren das Land nervt, Weich­ei­er sei­en, Heul­su­sen und viel zu sen­si­bel. Es sei salon­fä­hig gewor­den, über sie her­zu­zie­hen, und irgend­wo in Deutsch­land macht sich eine (selbst­ver­ständ­lich weib­li­che) Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­te beim Lesen die­ser Zei­len viel­leicht ein zwei­tes Alster auf.

Aber wer will schon den per­fek­ten Mann?

Typisch weib­lich: Der Hang zur Ver­bes­se­rung

(…) Frau­en defi­nie­ren ihren Selbst­wert viel mehr aus männ­li­cher Bestä­ti­gung als umge­kehrt.

Das heißt: Eine Frau fin­det sich vor allem dann wert­voll, wenn ein Mann ihr applau­diert, wäh­rend ein Mann kei­nen son­der­lich gro­ßen Wert dar­auf legt, ob sei­ne gegen­wär­ti­ge Part­ne­rin ihn nun für brad­pit­tig hält oder nicht. Kon­se­quen­ter­wei­se sind damit alle Schön­heits- und Mode­tipps für Frau­en, die nicht von einem Mann ver­fasst wur­den, eigent­lich irrele­van­ter Quatsch. Doof, dass es bei der Erkennt­nis blieb und die „Jolie“ trotz­dem wohl wei­ter­hin erschei­nen wird.

Män­ner haben sich in die­se Welt, so behaup­te der Köl­ner Sozio­lo­ge Rai­ner Neu­tz­ling, behaup­tet Johan­na Schuh­mann, not­ge­drun­gen ein­ge­fügt: „Die männ­li­che Rol­le hat sich ver­än­dert, aber die mei­sten arran­gie­ren sich gut mit ihren neu­en Auf­ga­ben.“; die da ver­mut­lich lau­ten: Ab und zu mal die Schön­heit des Weib­chens beklat­schen. Und weil das bereits alles ist, was ein Mann über sei­ne neue Rol­le als bemit­lei­dens­wer­tes Weich­ei wis­sen muss, gibt es zum Abschluss nur noch einen Rat­schlag an die Frau­en:

Bemü­hen Sie sich! Dabei kann tat­säch­lich auch die Läster­run­de im Café hel­fen. Denn: „So kann man sei­ne Bezie­hung mit denen der ande­ren ver­glei­chen“, sagt der Sozio­lo­ge. Und fest­stel­len: So schlimm ist der Typ zu Hau­se gar nicht.

Wenn der Sozio­lo­ge das sagt, gibt es natür­lich kei­nen ratio­na­len Grund, nach­zu­fra­gen. Sehens­wer­te Sze­nen sind vor­stell­bar: „Mein Kerl ist weni­ger doof als eurer! Ätsch!“.

Frau­en defi­nie­ren ihren Selbst­wert somit auch aus der Bestä­ti­gung, dass ihr Mann weni­ger einen an der Klat­sche hat als die Män­ner ihrer Freun­din­nen, sagt der Sozio­lo­ge.

Ich soll­te die „Jolie“ häu­fi­ger lesen. Ich erfah­re Din­ge, die ich sonst nie­mals auch nur in Betracht gezo­gen hät­te.
Die „BRAVO“ kann ein­packen. Das mit der Auf­klä­rung machen jetzt die ande­ren Ver­la­ge.

Und was zu lachen gibt es auch.

PersönlichesLyrik
Sie. (Frag­ment 6.2, Kli­max)

„You can get addic­ted to a cer­tain kind of sad­ness,
like resi­gna­ti­on to the end, always the end.“
– Gotye: Some­bo­dy I used to know


… Als er aus sei­nem Traum erwach­te, war sie fort.

Es schien alles so aus­sichts­reich. Er hat­te es nicht geschafft, sie davon zu über­zeu­gen, dass er trotz sei­nes äuße­ren Erschei­nungs­bil­des jemand war, von dem sie sich fern­hal­ten soll­te. Sie glaub­te ihm nicht. Sie sah ihn für eine gefühl­te Ewig­keit aus ihren gro­ßen, jeden noch so star­ken Wider­stand augen­blick­lich zer­schla­gen­den Augen an und sag­te, sie wür­de ihm eines Tages Schmer­zen berei­ten.

Er hat­te kei­ne Ahnung, wor­auf er sich ein­las­sen wür­de.

Einen Groß­teil sei­nes Lebens seit Ende sei­ner Jugend, die auch alles ande­re als glor­reich ver­lau­fen war, hat­te er damit ver­bracht, sich selbst zu ent­decken. Immer wie­der war er geschei­tert und letz­ten Endes wie­der und wie­der zer­bro­chen an dem, was er für Halt hielt. Die fal­schen Frau­en, die fal­schen Freun­de, die fal­schen Gele­gen­hei­ten lie­ßen ihn kurz auf­flam­men und blie­ben doch nicht mehr als ein Fun­ke. Eine Beglei­te­rin frü­he­rer Jah­re hat­te ein­mal zu ihm gesagt, es sei erschreckend, wie ver­bit­tert er sei, und tat­säch­lich fühl­te er sich einer Exi­stenz als gran­teln­der Greis näher als der Jugend, die für ihn nur mehr wie eine ver­blas­sen­de Erin­ne­rung schien.

Für sie, das wuss­te er, muss­te er mehr sein als das; nein, er woll­te es. In den weni­gen Wochen, die seit ihrem ersten Auf­ein­an­der­tref­fen ver­gan­gen waren, hat­te sie fast jeden sei­ner Feh­ler erkannt, auf­ge­zeigt und zu sei­ner Behe­bung bei­getra­gen. Sie konn­te ihm etwas geben, was ihm seit einem Jahr­zehnt gefehlt hat­te; sie konn­te ihn auf­bau­en und ihm den Weg zei­gen, den er so lan­ge gesucht hat­te. Dass auch sie nicht frei von Makeln war, war ihm egal. Wer, dach­te er, wol­le schon per­fekt und ohne Kan­ten sein?

Die ange­kün­dig­ten Schmer­zen lie­ßen auf sich war­ten. Ihr Lächeln beglei­te­te ihn bis in sei­ne Träu­me, die Tage, die zwi­schen ihnen lagen, fühl­ten sich zäh an wie ein gekau­ter Kau­gum­mi. Längst waren es mehr als nur die gemein­sa­men Inter­es­sen, die sie ver­ban­den, obwohl er nur schwer leug­nen konn­te, dass die­se plötz­lich einen spür­bar grö­ße­ren Raum in sei­nem Leben ein­nah­men als es bis dahin der Fall war.

Als er sie zum ersten Mal ver­ab­schie­det hat­te und frag­te, wann er sie wie­der­se­hen wür­de, ant­wor­te­te sie aus­wei­chend. Des­sen unge­ach­tet muss­te er nicht auf die näch­ste Ver­samm­lung der Inter­es­sens­ge­mein­schaft war­ten, die sie bei­de letzt­lich zusam­men­fin­den ließ. Sie tausch­ten noch am glei­chen Wochen­en­de Kon­takt­da­ten aus, und es ergab sich, dass er einer pri­va­ten Fei­er bei­woh­nen soll­te, an der auch sie teil­nahm. Der Abend ver­lief über­ra­schend, und obwohl kei­ner von ihnen das, was mit ihnen geschah, mit Wor­ten in Gän­ze zu erfas­sen ver­moch­te, genoss er es, sich fal­len las­sen zu kön­nen. So wenig sie bei­de auch zu Lie­be bereit waren, so sehr ver­such­ten sie doch, ein­an­der zu hal­ten.

Aber obwohl sie sich in den Wochen danach immer wie­der sahen, sei es auf grö­ße­ren Ver­samm­lun­gen, sei es im klei­nen Kreis, ging ihm doch ihre War­nung vor ihr nicht aus dem Kopf.

Dass der gro­ße Knall irgend­wann kom­men wür­de, erschien ihm immer unwahr­schein­li­cher, je län­ger sein Weg ihn an ihrem Haus vor­bei führ­te. Sie hät­te es längst tun kön­nen. Sie hät­te ihn in den Gra­ben sto­ßen und dort ver­ges­sen kön­nen, wie es all die Frau­en vor ihr irgend­wann getan hat­ten. Aber sie war anders. Sie war bes­ser in allem, was sie tat und wie sie war. Sie gab ihm zu ver­ste­hen, dass das, was er war, dem, was sie woll­te, recht nahe kam; und obwohl es immer wie­der Momen­te gab, in denen er den Weg ver­ließ und sich in den Brenn­nes­seln am Weges­rand ver­fing, stör­te sie sich nicht an den Quad­deln, die er davon­trug.

Er hät­te ihre War­nung nicht ver­drän­gen sol­len. …


„But you did­n’t have to cut me off,
make out like it never hap­pen­ed
and that we were not­hing.“
– Gotye: Some­bo­dy I used to know

In den NachrichtenMontagsmusik
Wise Guys – Deut­sche Bahn

Und dann sitzt man nach einem Wochen­en­de vol­ler inter­es­san­ter Bege­ben­hei­ten im Zug nach Hau­se und die Bahn sagt, nö, guter Mann, lie­ber las­sen wir unse­re Lok bren­nen als Sie pünkt­lich nach Hau­se zu brin­gen.

Natür­lich ist Bet­ti­na Wulff schuld, denn das Geld, das sie dafür bekommt, kein Flitt­chen zu sein, fehlt nun eben der Bahn, um ihre Züge instand zu hal­ten.

Wise Guys – Deut­sche Bahn

Guten Mor­gen!

PolitikIn den Nachrichten
Kurz ver­linkt CXIX: Kin­der­quatsch mit Barack

Lustig: Barack Oba­ma hat wie­der was gesagt.

Natür­lich über­höht er sei­ne eige­ne Bedeu­tung wie üblich, indem er die US-Ame­ri­ka­ner als Ange­hö­ri­ge der „größ­ten Nati­on auf der Erde“ bezeich­ne­te. Hof­fent­lich haben kei­ne Chi­ne­sen zuge­hört. Als Ergän­zung zu sei­nem Bob-der-Bau­mei­ster-Duk­tus („jau, wir schaf­fen das“) hat sich der gute Herr Prä­si­dent jeden­falls offen­bar nun auch Xavier-Naidoo-„Lieder“ („Die­ser Weg“) rein­ge­zo­gen:

Ich will nicht so tun, als ob der Weg, den ich anbie­te, schnell oder leicht ist.

Sei­ne Her­aus­for­de­rer täten gut dar­an, es ihm gleich­zu­tun. Wür­den sie zum Bei­spiel Spon­geB­ob Schwamm­kopf sehen und deut­schen Aggrorap hören, wäre das eine Kom­bi­na­ti­on, der selbst ich als an US-ame­ri­ka­ni­scher Innen­po­li­tik qua­si gänz­lich des­in­ter­es­sier­ter Mensch mei­ne vol­le Auf­merk­sam­keit wid­me­te.

„Ich will nicht so tun, als ob dies hier die Kros­se Krab­be ist, bitch, aber ich bin bereit!“

Wäre ich US-Ame­ri­ka­ner, mei­ne Stim­me hät­te er.

(teil­wei­se via @schlenzalot)

PolitikNetzfundstückeIn den Nachrichten
Gerecht – bigott – grün

Das Han­dels­blatt so:

Einen öko­lo­gi­schen Umbau der Wirt­schaft haben die Grü­nen-Frak­ti­ons­chefs Rena­te Kün­ast und Jür­gen Trit­tin zum Auf­takt der Klau­sur­ta­gung der Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten am Mitt­woch in Han­no­ver ver­langt. Die drei­tä­gi­gen Bera­tun­gen ste­hen unter dem Mot­to „gerecht – glaub­wür­dig – grün“. (…) Trit­tin warf in der „Han­no­ver­schen All­ge­mei­nen Zei­tung“ Umwelt­mi­ni­ster Peter Alt­mai­er (CDU) wegen sei­nes Kon­zepts einer „green eco­no­my“ Eti­ket­ten­schwin­del vor.

(Her­vor­he­bun­gen von mir.)

Wisst ihr übri­gens, wer sonst noch so Eti­ket­ten­schwin­del betreibt? Kommt ihr NIE drauf!

Links prä­sen­tie­ren Kün­ast und Trit­tin ein Ener­gie­spar­au­to – rechts um die Ecke war­ten die Fah­rer vor den Dienst­wa­gen.

Das sind sicher die neu­en Ener­gie­spar-Limou­si­nen, von denen man so viel hört.

Netzfundstücke
Für die Katz.

Und dann war da noch „Felix Schmitt“ aus Kai­sers­lau­tern, der unter ver­schie­de­nen Inter­net­adres­sen Ama­zon-Part­ner­lä­den (also Wei­ter­lei­tun­gen auf Ama­zon mit ange­häng­ter Part­ner­ken­nung) betreibt. Das ist so weit nicht ver­werf­lich, zumal ein aus­rei­chen­der Hin­weis hier­auf auf jeder sei­ner Inter­net­sei­ten erscheint:

GEWISSE INHALTE, DIE AUF DIESER WEBSITE ERSCHEINEN, STAMMEN VON AMAZON EU SARL.

(„Gewis­se Inhal­te“ fin­de ich put­zig.)

Dass jeder die­ser online­shops einen mehr oder weni­ger the­men­be­zo­ge­nen Namen trägt (rasurenthaarung.com, uhren-schmuck-laden.de und der­glei­chen), ist schön. Undurch­dacht ist allen­falls die tat­säch­li­che Pro­dukt­aus­wahl. Ich bin zum Bei­spiel davon über­zeugt, dass der Kopf­hö­rer Bey­er­dy­na­mic DT-770 PRO kein Scher­kopf ist oder eine Kat­ze ihn tra­gen soll­te.

Ande­rer­seits weckt Ange­bots­viel­falt ja auch so etwas wie Ver­trau­en, nicht wahr?

In den NachrichtenMir wird geschlecht
Medi­en­kri­tik in Kür­ze: Skan­dal: Unter­neh­men unter­schied­lich groß!

Und da wir gera­de bei unter­drück­ten Min­der­hei­ten waren, wird auf SPIEGEL ONLINE die­se Woche wie­der Gen­der­kä­se ser­viert:

EU-Justiz­kom­mis­sa­rin Vivia­ne Reding dringt auf eine Frau­en­quo­te von 40 Pro­zent in den Auf­sichts­rä­ten bör­sen­no­tier­ter Kon­zer­ne. (…) Män­ner haben im Schnitt 33, Frau­en nur 20 Mit­ar­bei­ter unter sich.

Es ist also nur noch eine Fra­ge der Zeit, bis die Frau­en- und Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­ten (Män­ner sind bekannt­lich stets selbst schuld) eine Ver­grö­ße­rung von Unter­neh­men for­dern, in deren Vor­stand sich Frau­en befin­den. Immer­hin kön­nen Frau­en nichts dafür, dass die Unter­neh­men so klein sind. Chau­vi­ni­sti­sche Macho­schwei­ne: Hal­ten das Unter­neh­men absicht­lich klein, um Frau­en den Erfolg zu ver­weh­ren!

Dabei sind Frau­en allein schon wegen ihres Geschlechts deut­lich bes­ser qua­li­fi­ziert:

Frau­en haben zwar weni­ger Berufs­er­fah­rung – das aber vor allem des­halb, weil sie jün­ger in Füh­rungs­po­si­tio­nen auf­rücken.

Da wer­den also Men­schen mit weni­ger Berufs­er­fah­rung schnel­ler beför­dert als die­je­ni­gen des ande­ren Geschlechts mit womög­lich mehr Berufs­er­fah­rung. Kla­rer Fall von Unter­drückung.

Trotz­dem sind die Erfolgs­frau­en von heu­te sich immer noch ihrer natür­li­chen Rol­le in der Gesell­schaft bewusst, weiß Elke Holst, „Exper­tin“ im Deut­schen Insti­tut für Wirt­schafts­for­schung:

Füh­rungs­po­si­tio­nen sei­en meist mit über­lan­gen Arbeits­zei­ten ver­bun­den, die mit Haus- und Fami­li­en­ar­beit schwer in Ein­klang zu brin­gen sei­en.

Gleich­zei­tig put­zen, kochen und ein Unter­neh­men lei­ten geht halt nicht. Dan­ke, Frau Holst, für die­se Erkennt­nis.

„Ich wer­de reich und berühmt, wenn ich ein Gerät erfin­de, das es ermög­licht, Leu­te über das Inter­net ins Gesicht zu ste­chen.“
– Anony­mus „Hatfu­l­Of­Hol­low“ im IRC

In den Nachrichten
Und jetzt alle aus Soli­da­ri­tät mit Ein­ar­mi­gen einen Arm abhacken!

(Vor­be­mer­kung: Dies ist nur teil­wei­se Medi­en­kri­tik, wes­halb ich es nicht drü­ber­schrei­be. Abwechs­lung muss ja auch mal sein.)

Die momen­ta­nen Gescheh­nis­se rund um das Juden­tum machen es uns Nicht­ju­den nicht leicht, Posi­ti­on zu bezie­hen; wenn eben Mus­li­me in Ber­lin einen Juden ver­prü­geln, weil er Jude ist, darf man es sich sozu­sa­gen aus­su­chen, ob man laten­ter Anti­se­mit ist, indem man sich her­aus­hält, oder laten­ter Ras­sist, indem man sich ein­mischt und so die betei­lig­ten Mus­li­me in der frei­en Aus­übung ihrer Prü­gel­kul­tur behin­dert.

Die Lösung, so schlägt die Autorin Melo­dy Sucha­rewicz auf WELT ONLINE vor, lau­tet, dass fort­an alle Nicht­ju­den sich soli­da­risch als Juden tar­nen:

Anstatt, dass die Juden nach die­sem Angriff ihre Kip­pa ver­stecken, soll­ten die Nicht­ju­den in Ber­lin mit Kip­pa auf die Stra­ße gehen und damit zei­gen, was sie von Hass und Extre­mis­mus hal­ten.

Ken­ner erin­nern sich an die­ser Stel­le viel­leicht an die South-Park-Epi­so­de Schö­ner wär ’ne War­ze, deren Poin­te dar­in besteht, dass alle Ein­woh­ner des fik­ti­ven Dor­fes South Park sich aus Soli­da­ri­tät mit der Kran­ken­schwe­ster, der ihr sia­me­si­scher, tot gebo­re­ner Zwil­ling am Kopf fest­ge­wach­sen ist, einen eben­sol­chen Fötus dort­hin kle­ben und sie so unbe­ab­sich­tigt stig­ma­ti­sie­ren.

Eine Reli­gi­on ist nor­ma­ler­wei­se zwar eine ziem­lich bescheu­er­te Sache, aber nicht aus­rei­chend bescheu­ert, um als Behin­de­rung gewer­tet wer­den zu dür­fen, obwohl eini­ge Gläu­bi­ge dar­auf hin­ar­bei­ten, dass sich die­ser Zustand als­bald ändern möge. In Ver­bin­dung mit der South-Park-Ana­lo­gie zeigt das das Pro­blem auf: Frau Sucha­rewicz for­dert, dass ihre Reli­gi­on ihre Exklu­si­vi­tät frei­wil­lig auf­gibt. Heu­te sind wir alle Juden.

Wir zei­gen unse­re Soli­da­ri­tät mit dis­kri­mi­nie­rungs­ge­fähr­de­ten Grup­pen von Min­der­hei­ten, indem wir so tun, als sei­en wir selbst Mit­glie­der die­ser Grup­pen? Ja, das wird den mus­li­mi­schen Anti­se­mi­tis­mus auf­hal­ten, wenn er kon­fron­tiert wird mit einem Staat vol­ler Juden, zum Bei­spiel Isra­el. (In man­chen mus­li­mi­schen „Kul­tu­ren“ ist es übri­gens Brauch, Leu­ten, die ver­su­chen, ein­zel­ne Regio­nen oder gar einen gan­zen Staat nicht­mus­li­misch zu mis­sio­nie­ren, die Rübe abzu­hacken. Für Mis­sio­nie­rung und Pro­pa­gan­da hat­te der Sprin­ger-Ver­lag ande­rer­seits schon immer ein offe­nes Ohr.)

Viel­leicht ist die­se Lösung auch auf ande­re Berei­che des täg­li­chen Lebens aus­zu­wei­ten. Um der For­de­rung nach einer Frau­en­quo­te Nach­druck zu ver­lei­hen, soll­ten alle deut­schen Nicht­frau­en künf­tig in Frau­en­klei­dern im Büro oder am Fließ­band erschei­nen – ein­fach das Shirt aus­stop­fen (oder, je nach Frau, auch nicht) und es kann los­ge­hen; ande­rer­seits auch nach hin­ten: Wenn annä­hernd 100 Pro­zent der Beschäf­tig­ten vor­ge­ben, weib­lich zu sein, ist das mit der Quo­te ja sozu­sa­gen erle­digt. (Vor­bild­lich geht aus­nahms­wei­se der NDR vor: NDR führt Män­ner­quo­te ein.)

Ich bevor­zu­ge eine ande­re Lösung: Wir den­ken ein­fach mal nach, bevor wir Unsinn schrei­ben. Ich fan­ge an, wer macht mit?

(Und in einem anson­sten deutsch­spra­chi­gen Satz nur der hüb­schen Alli­te­ra­ti­on wegen „What went wrong“ anstel­le „Was ging schief“ lesen zu müs­sen berei­tet mir ernst­haf­te kör­per­li­che Beschwer­den, Frau Sucha­rewicz. Die Arzt­rech­nung ist unter­wegs.)

Montagsmusik
666 – Alar­ma

Gestern Abend schwa­dro­nier­ten in einer Gesprächs­run­de mit Gün­ther „Bügel­fal­te“ Jauch angeb­lich diver­se Blitz­bir­nen jen­seits des Alters­schnitts von 50 Jah­ren dar­über, ob das Inter­net dumm mache. Zu wel­chem Schluss sie gekom­men sind, ist mir nicht bekannt, aller­dings ist mein Inter­es­se an die­sem Wis­sen auch über­schau­bar gering. (Seht ihr: Das Inter­net macht „dumm“ – Inter­net­nut­zer haben kein Inter­es­se mehr an öffent­lich-recht­li­cher „Bil­dung“.)

Um kei­nen GEZ-Zah­ler zu ent­täu­schen, gibt es als Auf­takt zum Mon­tag von mir heu­te mal ein blö­des Stück „Musik“, von dem man schön dumm wird, wenn man es oft genug hört.

Alar­ma – 666

Guten Mor­gen.

In den NachrichtenWirtschaft
Kurz ver­linkt CXVIII: Wie der Herr, so’s G’scherr.

Auf SPIEGEL Online ist man erschüt­tert:

Die grie­chi­schen Ver­brau­cher ver­zö­gern die Bezah­lung ihrer offe­nen Rech­nun­gen beson­ders lan­ge: Im euro­päi­schen Ver­gleich lie­gen sie einer Stu­die zufol­ge auf dem letz­ten Platz. Aber auch die Deut­schen haben nicht die beste Zah­lungs­mo­ral – sie schaf­fen es nur auf den drit­ten Rang.

Dass die Zah­lungs­mo­ral des Lan­des Grie­chen­land dar­in besteht, anstel­le einer Rück­zah­lung wei­te­re Kre­di­te auf­zu­neh­men, und die des Lan­des Deutsch­land dar­in, dass die Staats­schul­den pro Sekun­de um über 800 Euro anwach­sen, wird mit kei­ner Sil­be erwähnt. Lusti­ger­wei­se inter­es­siert das offen­sicht­lich nie­man­den.

Ich wäre gern ein Staat.

PolitikWirtschaft
Medi­en­kri­tik LXXIV: Hel­mut, die deut­sche Rie­sen­schild­krö­te und die Tra­gik der Finanz­kri­se

Hans-Peter Schwarz – wer immer dies sein mag – hat ein Buch geschrie­ben, und zwar nicht irgend­ein Buch, son­dern eine Bio­gra­fie von Hel­mut Kohl. Davon gab es offen­bar noch nicht genug.

Bei der Bewer­tung die­ses sicher­lich total span­nen­den Wer­kes lässt das olle CDU-Haus­ma­ga­zin WELT.de auch Bern­hard Vogel, einen ehe­ma­li­gen Kom­mi­li­to­nen Hel­mut Kohls, zu Wort kom­men, der dies zu berich­ten weiß:

„Eine gebo­re­ne Füh­rer­na­tur“ nennt er den ein­sti­gen Kanz­ler, des­sen erste Wahl sich am 1. Okto­ber zum 30. Mal jährt. (…) Nur weni­ge deut­sche Poli­ti­ker hät­ten „so viel Zustim­mung und so viel Hass auf sich gezo­gen“.

Zur Erin­ne­rung: Es geht immer noch um Hel­mut Kohl, nicht um den ande­ren größ­ten Staats­mann aller Zei­ten. Habt ihr’s? Dann wei­ter im Text und zurück zum Buch­au­to­ren:

Hans-Peter Schwarz, mit sei­nen 78 Jah­ren agil wie eh und je, hat für sei­ne Bio­gra­fie über 40 Inter­views geführt.

Wenn jemand sein gan­zes Leben lang so agil ist wie mit 78 Jah­ren, ist das nicht unbe­dingt eine sport­li­che Höchst­lei­stung. Für ein kon­ser­va­ti­ves Pro­pa­gan­da­ma­ga­zin wie WELT.de ist aber natür­lich jemand, der das Leben von Hel­mut Kohl – Hel­mut Kohl! – doku­men­tiert, bereits eine schil­lern­de Licht­ge­stalt. So ein Buch zu schrei­ben schafft eben nicht jeder.

Die wachen, stets blit­zen­den Augen Hans-Peter Schwarz’ inter­es­sie­ren sich für Men­schen, deren Her­kunft, Prä­gung und Cha­rak­ter, Stär­ken und Schwä­chen, für Bega­bun­gen und Defek­te.

Es ist ein biss­chen scha­de, dass Dani­el Fried­rich Sturm (allein schon der Name!), der Autor die­ses Arti­kels, im wei­te­ren Ver­lauf kein Wort über Hans-Peter Schwarz‘ sexu­el­le Aus­strah­lung ver­liert und/oder ihn um ein Ren­dez­vous bit­tet, aber viel­leicht hat er das pri­vat geklärt. Sei­ne Erek­ti­on beim Beschrei­ben eines Man­nes, der das Leben von Hel­mut Kohl – Hel­mut Kohl! – doku­men­tiert, ist aber nur schwer zu über­se­hen.

Oh, apro­pos Ger­ma­nen; der Schwarz schreibt des Wei­te­ren:

In Rhein­land-Pfalz sei Kohl „wie ein jun­ger unge­bro­che­ner Sieg­fried“ auf­ge­tre­ten.

Ein deut­scher Kanz­ler, der auf­trat wie ein ger­ma­ni­scher Sagen­held und eine gebo­re­ne Füh­rer­na­tur war; dass er neben­bei die deut­sche Ein­heit, die Heim­kehr des deut­schen Ostens, voll­zie­hen ließ, passt da ganz beson­ders toll ins Bild.

Selbst­ver­ständ­lich sind die offen­sicht­li­chen Par­al­le­len gänz­lich unbe­ab­sich­tigt, und Hans-Peter Schwarz reißt das Ruder noch ein­mal her­um:

Die Ham­bur­ger Medi­en (…) habe er gehasst und man­che Jour­na­li­sten gleich mit. Und doch habe sich Kohl gemau­sert zu einer „Rie­sen­schild­krö­te, die man nicht umwer­fen konn­te“, beschreibt Schwarz den Mann, der ein Vier­tel­jahr­hun­dert lang die CDU führ­te.

Hier stimmt eigent­lich gar nichts. Etwas, das sich mau­sert, ist nor­ma­ler­wei­se ein Vogel. Vögel mau­sern sich zu Vögeln, nicht zu Rie­sen­schild­krö­ten. Das mit der Bio­lo­gie üben wir aber noch mal, Herr Sturm, oder?

Die Meta­pher ist aber schon nied­lich. Ich stel­le mir kichernd vor, wie Hel­mut Kohl wie eine Schild­krö­te auf dem Rücken liegt und gemäch­lich mit Armen und Bei­nen wedelt. Hihi.

Dass Hans-Peter Schwarz, mit sei­nen 78 Jah­ren so lang­sam wie eh und je, kon­ser­va­ti­vis­mus­ty­pisch etli­che Jah­re zumin­dest im infor­ma­tio­nel­len Halb­schlaf ver­bracht hat, wird in Sät­zen wie die­sem deut­lich:

Ist Kohl also geschei­tert, wenn der Euro schei­tert? Zu einer „tra­gi­schen Grö­ße“ wer­de Kohl wohl, soll­te der Euro kip­pen, pro­gno­sti­ziert Schwarz.

Hel­mut Kohl, die deut­sche Rie­sen­schild­krö­te – eine tra­gi­sche Grö­ße, weil Ban­kiers den Hals nicht voll­be­kom­men.
Was dar­an nicht stimmt? Der Kon­junk­tiv.

Ich pro­gno­sti­zie­re übri­gens, dass gestern der 30. August war. Bekom­me ich jetzt auch einen Buch­ver­trag und eine umfas­sen­de Hul­di­gung mit mög­lichst weni­gen sexu­el­len Annä­he­rungs­ver­su­chen sei­tens Herrn Sturms?

Viel­leicht kann WELT.de ver­mit­teln. Aller­dings bin ich wahr­schein­lich dafür nicht kon­ser­va­tiv genug.

KaufbefehleMusikkritik
Ghost – In Stor­my Nights

Soeben lau­sche ich dem 2007 ver­öf­fent­lich­ten Musik­al­bum „In Stor­my Nights“ des japa­ni­schen Sex­tetts Ghost, genau­er: dem 5. ent­hal­te­nen Stück „Cale­do­nia“, das mit sei­ner Dudel­sack­be­glei­tung trotz der selt­sa­men Gitar­ren­klän­ge iri­scher Tanz­mu­sik nicht unähn­lich klingt, und beschlie­ße, es hier zu wür­di­gen. Zum Glück singt Front­mann Masa­ki Batoh auf Eng­lisch – mein Japa­nisch ist nicht das Beste.

Der Titel des Albums taucht ledig­lich in der abschlie­ßen­den Folk­bal­la­de „Gri­saille“, benannt wohl nach dem Gemäl­de­stil, der nur aus schwar­zen, wei­ßen und grau­en Far­ben besteht, und auch nach einer ver­ton­ten Umset­zung die­ses Stils klin­gend. Es regiert die Tri­stesse.

Das ist nach dem bis dahin recht stür­mi­schen Rest des Albums ziem­lich unge­wöhn­lich, denn der hat es in sich.

In der eng­lisch­spra­chi­gen Wiki­pe­dia wer­den Ghost zur­zeit in die Schub­la­den Acid Folk, Expe­ri­men­tal Rock und Psy­che­de­lic Rock gescho­ben. Ich wür­de noch eine Pri­se Postrock/Shoegaze dazu­ge­ben wol­len. Fast die Hälf­te der Spiel­zeit nimmt das impo­san­te, 28-Kom­ma-noch­was-minü­ti­ge Instru­men­tal­stück „Hemicy­clic Ant­he­l­ion“ ein. Sel­bi­ges wird über fast die gan­ze Län­ge von einem mono­to­nen, metal­li­schen Grund­rau­schen wie von einer Maschi­ne unter­malt, das erst nach 22 Minu­ten ver­stummt. Dar­über flir­ren aller­lei Syn­the­si­zer- und ähn­li­che Klän­ge, wie sie in der elek­tro­ni­schen Musik der frü­hen 1970er Jah­re üblich waren.

Das fol­gen­de „Water Door Yel­low Gate“ schlägt die Brücke zum Folk: Wäh­rend der Rhyth­mus, der jenen gefal­len dürf­te, die auch an Colos­se­um (II) ihre Freu­de haben, vor­an­ge­trie­ben wird, ertö­nen aller­lei Tasten­in­stru­men­te, (ver­mut­lich) Kazuo Ogi­no erzeugt Chor­ge­räu­sche, und fast bis zur Unkennt­lich­keit ver­zerr­te Gitar­ren beglei­ten das bun­te Trei­ben; über­dies ruft Masa­ki Batoh mit akzen­tu­ier­tem Gesang zu den Waf­fen und erzählt von ver­brann­ter Erde in einem Nie­mands­land. Wäre ich Musik­jour­na­list und wür­de mein erbärm­li­ches Geld damit ver­die­nen, sol­chen Momen­ten Eti­ket­ten anzu­hef­ten, ich ent­schie­de mich ver­mut­lich für Psy­che­de­lic Folk. Da haben wir es wie­der. „Water Door Yel­low Gate“ wird gefolgt von „Gare­ki No Toshi“, das nach einem ähn­li­chen Muster funk­tio­niert, die (weni­gen) Sprach­ein­wür­fe – ver­zerrt und eher geru­fen als gesun­gen – klin­gen eher nach Scoo­ter (Scoo­ter?!) als nach Tan­ge­ri­ne Dream. Skur­ril.

„In Stor­my Nights“ ist sicher­lich nichts, was dem Gele­gen­heits­hö­rer umge­hend Freu­de zu berei­ten ver­mag, wenn er mit genann­ten Gen­res (oder Musik­grup­pen) nicht viel anzu­fan­gen weiß. Dass Ghost hier­zu­lan­de aber nicht unbe­dingt zu den bekann­te­sten Musik­grup­pen der schrä­gen Folk­mu­sik gehö­ren, fin­de ich ein wenig scha­de. Möge die­ser Bei­trag sei­nen Teil dazu bei­tra­gen, dass sich die­ser Zustand als­bald ände­re!