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Medienkritik LXXIV: Helmut, die deutsche Riesenschildkröte und die Tragik der Finanzkrise

Hans-Peter Schwarz — wer immer dies sein mag — hat ein Buch geschrieben, und zwar nicht irgen­dein Buch, son­dern eine Biografie von Hel­mut Kohl. Davon gab es offen­bar noch nicht genug.

Bei der Bew­er­tung dieses sicher­lich total span­nen­den Werkes lässt das olle CDU-Haus­magazin WELT.de auch Bern­hard Vogel, einen ehe­ma­li­gen Kom­mili­to­nen Hel­mut Kohls, zu Wort kom­men, der dies zu bericht­en weiß:

“Eine geborene Führernatur” nen­nt er den ein­sti­gen Kan­zler, dessen erste Wahl sich am 1. Okto­ber zum 30. Mal jährt. (…) Nur wenige deutsche Poli­tik­er hät­ten “so viel Zus­tim­mung und so viel Hass auf sich gezo­gen”.

Zur Erin­nerung: Es geht immer noch um Hel­mut Kohl, nicht um den anderen größten Staats­mann aller Zeit­en. Habt ihr’s? Dann weit­er im Text und zurück zum Buchau­toren:

Hans-Peter Schwarz, mit seinen 78 Jahren agil wie eh und je, hat für seine Biografie über 40 Inter­views geführt.

Wenn jemand sein ganzes Leben lang so agil ist wie mit 78 Jahren, ist das nicht unbe­d­ingt eine sportliche Höch­stleis­tung. Für ein kon­ser­v­a­tives Pro­pa­gan­dam­agazin wie WELT.de ist aber natür­lich jemand, der das Leben von Hel­mut Kohl — Hel­mut Kohl! — doku­men­tiert, bere­its eine schillernde Licht­gestalt. So ein Buch zu schreiben schafft eben nicht jed­er.

Die wachen, stets blitzen­den Augen Hans-Peter Schwarz’ inter­essieren sich für Men­schen, deren Herkun­ft, Prä­gung und Charak­ter, Stärken und Schwächen, für Begabun­gen und Defek­te.

Es ist ein biss­chen schade, dass Daniel Friedrich Sturm (allein schon der Name!), der Autor dieses Artikels, im weit­eren Ver­lauf kein Wort über Hans-Peter Schwarz’ sex­uelle Ausstrahlung ver­liert und/oder ihn um ein Ren­dezvous bit­tet, aber vielle­icht hat er das pri­vat gek­lärt. Seine Erek­tion beim Beschreiben eines Mannes, der das Leben von Hel­mut Kohl — Hel­mut Kohl! — doku­men­tiert, ist aber nur schw­er zu überse­hen.

Oh, apro­pos Ger­ma­nen; der Schwarz schreibt des Weit­eren:

In Rhein­land-Pfalz sei Kohl “wie ein junger unge­broch­en­er Siegfried” aufge­treten.

Ein deutsch­er Kan­zler, der auf­trat wie ein ger­man­is­ch­er Sagen­held und eine geborene Führernatur war; dass er neben­bei die deutsche Ein­heit, die Heimkehr des deutschen Ostens, vol­lziehen ließ, passt da ganz beson­ders toll ins Bild.

Selb­stver­ständlich sind die offen­sichtlichen Par­al­le­len gän­zlich unbe­ab­sichtigt, und Hans-Peter Schwarz reißt das Rud­er noch ein­mal herum:

Die Ham­burg­er Medi­en (…) habe er gehas­st und manche Jour­nal­is­ten gle­ich mit. Und doch habe sich Kohl gemausert zu ein­er “Riesen­schild­kröte, die man nicht umw­er­fen kon­nte”, beschreibt Schwarz den Mann, der ein Viertel­jahrhun­dert lang die CDU führte.

Hier stimmt eigentlich gar nichts. Etwas, das sich mausert, ist nor­maler­weise ein Vogel. Vögel mausern sich zu Vögeln, nicht zu Riesen­schild­kröten. Das mit der Biolo­gie üben wir aber noch mal, Herr Sturm, oder?

Die Meta­pher ist aber schon niedlich. Ich stelle mir kich­ernd vor, wie Hel­mut Kohl wie eine Schild­kröte auf dem Rück­en liegt und gemäch­lich mit Armen und Beinen wedelt. Hihi.

Dass Hans-Peter Schwarz, mit seinen 78 Jahren so langsam wie eh und je, kon­ser­v­a­tivis­mustyp­isch etliche Jahre zumin­d­est im infor­ma­tionellen Halb­schlaf ver­bracht hat, wird in Sätzen wie diesem deut­lich:

Ist Kohl also gescheit­ert, wenn der Euro scheit­ert? Zu ein­er “tragis­chen Größe” werde Kohl wohl, sollte der Euro kip­pen, prog­nos­tiziert Schwarz.

Hel­mut Kohl, die deutsche Riesen­schild­kröte — eine tragis­che Größe, weil Bankiers den Hals nicht voll­bekom­men.
Was daran nicht stimmt? Der Kon­junk­tiv.

Ich prog­nos­tiziere übri­gens, dass gestern der 30. August war. Bekomme ich jet­zt auch einen Buchver­trag und eine umfassende Huldigung mit möglichst weni­gen sex­uellen Annäherungsver­suchen seit­ens Her­rn Sturms?

Vielle­icht kann WELT.de ver­mit­teln. Allerd­ings bin ich wahrschein­lich dafür nicht kon­ser­v­a­tiv genug.