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Hun­dert Pro­zent (2, in aller Kür­ze): Halb gesi­chert, halb gera­ten

Die Grund­an­nah­me der letz­ten paar Recht­schreib­re­for­men, es sei emp­feh­lens­wert, dass die Leu­te so schrei­ben, wie sie reden, wur­de dadurch ver­wäs­sert, dass die Leu­te nicht so reden, wie sie soll­ten.

Ein pro­mi­nen­tes Bei­spiel: Man nimmt nichts mehr an, man ist sich zu 99 Pro­zent sicher. Detail­lier­ter wird’s dort, wo wirk­lich Leu­te auf­ein­an­der­tref­fen, die Ahnung haben, zum Bei­spiel Short­News: Zu 99,9 % sicher, Goog­le ver­lässt Chi­na. (Dass Goog­le Chi­na auch drei Jah­re spä­ter noch mehr oder weni­ger intakt ist, muss dem Schrei­ber so nicht pein­lich sein – das sind ver­mut­lich die feh­len­den 0,1 Pro­zent.) Nur noch siche­re­re­re­rer ist wirk­lich sicher: Bit­te um Bewer­tung – Rück­be­wer­tung ist euch 1000000% sicher!

Und wenn man etwas schlicht nicht weiß? Dann weiß man es natür­lich trotz­dem: Ich bin mir zu 50 Pro­zent sicher.. dass er was von mir will .

Dar­auf ein Pro­sit mit Hoch­pro­zen­ti­gem. Min­de­stens ein­tau­send!

PolitikIn den Nachrichten
Medi­en­kri­tik LXXXIII: Dro­gen und Klas­sen­kampf / Mit dem Spea­k­er auf die Stra­ße

Für „Cice­ro“, „Maga­zin für poli­ti­sche Kul­tur“, das gele­gent­lich auch mal hoch­ran­gi­ge Vor­den­ker der deut­schen Medi­en­land­schaft, etwa Kai Diek­mann („BILD“), zu Wort kom­men lässt, schrieb der „Publi­zist und Spea­k­er“ (sic!) Mat­thi­as Heit­mann gestern ins Inter­net, was die F.D.P. sei­ner Mei­nung nach tun müs­se, um dem Libe­ra­lis­mus in die­sem Land wie­der ein grö­ße­res Gewicht zu ver­lei­hen. Mat­thi­as Heit­manns aktu­el­les Buch heißt „Mythos Doping“. Ich erken­ne den Zusam­men­hang.

Schon die Über­schrift erschwert es mir, die Hand von der Stirn zu bekom­men:

Libe­ra­le, lasst euch als Staats­fein­de beschimp­fen!

Neh­men wir an, dass die F.D.P. als Par­tei der Gut­si­tu­ier­ten die­se Anre­de nicht auf sich bezie­hen lässt, was ande­rer­seits sowie­so fern­liegt, dann ist die­se Auf­for­de­rung zweck­frei. Libe­ra­lis­mus heißt immer auch Frei­heit von zu viel Staat. Libe­ra­lis­mus ist inso­fern defi­niert als eine mil­de Feind­se­lig­keit „dem Staat“ gegen­über. Ich fän­de die­sen Vor­wurf sehr freund­lich und wür­de ihn nicht als Beschimp­fung wahr­neh­men, aber Mat­thi­as Heit­mann glaubt ja auch, das ver­sam­mel­te Kapi­tal der F.D.P. sei ein Ver­tre­ter des­sen, was er Libe­ra­lis­mus nennt. Nun, „-ismus“ stimmt.

Anfangs hat Herr Heit­mann ja nicht mal Unrecht:

Der Nie­der­gang der FDP bie­tet all jenen eine Chan­ce, die auf­klä­re­ri­sche Wer­te wie Frei­heit, Selbst­be­stim­mung und Fort­schritt­lich­keit ernst neh­men.

Dann biegt er aber völ­lig falsch ab:

Wann kann die Neu­be­stim­mung des­sen, was Frei­heit und Huma­ni­tät im 21. Jahr­hun­dert aus­ma­chen, bes­ser vor­an­ge­trie­ben wer­den als in einer Situa­ti­on, in der weder Koali­ti­ons­zwang noch falsch ver­stan­de­nes Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­sein einen sol­chen Pro­zess läh­men könn­ten? Wie kann die­se Klä­rung bes­ser gelin­gen als in der direk­ten und unvor­ein­ge­nom­me­nen poli­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung mit den Men­schen auf der Stra­ße? (…) Die außer­par­la­men­ta­ri­sche Zukunft frei­heit­li­cher demo­kra­ti­scher Poli­tik könn­te wie ein Elek­tro­schock auf den deut­schen Libe­ra­lis­mus wir­ken: poten­zi­ell töd­lich, aber even­tu­ell auch lebens­ret­tend.

Man kann den Koali­ti­ons­zwang natür­lich als not­wen­di­ges Übel begrei­fen und sein Ende durch Aus­schei­den aus dem Bun­des­tag als Vor­aus­set­zung betrach­ten, den Libe­ra­lis­mus wie­der zu Wort kom­men zu las­sen; man kann ihn aber auch als die all­zu beque­me Aus­re­de betrach­ten, sei­nem auf­klä­re­ri­schen und unbe­que­men Geist kei­ne Platt­form zu bie­ten, die er nun mal ist. Sol­che Wahr­hei­ten auf­zu­zei­gen wäre aber wahr­schein­lich zu auf­klä­re­risch, zu libe­ral für Mat­thi­as „Doping“ Heit­mann.

Ein wenig Revo­lu­ti­ons­geist schlum­mert indes durch­aus in ihm, immer­hin befür­wor­tet er die Aus­ein­an­der­set­zung auf der Stra­ße und nennt die Rol­le als „APO“ einen poten­zi­ell lebens­ret­ten­den Elek­tro­schock. Wel­che Far­be trägt eigent­lich der libe­ra­le Schwar­ze Block? (Und womit bewirft er Poli­zi­sten – mit Schrif­ten von Ador­no?)

Mat­thi­as Heit­mann will sowie­so kei­nen Libe­ra­lis­mus im Par­la­ment:

Poli­ti­sches Frei­heits­den­ken kann heu­te eigent­lich nur außer­par­la­men­ta­risch ent­ste­hen, denn es muss als Gegen­ent­wurf zum herr­schen­den Zeit­geist neu gedacht wer­den.

Der herr­schen­de Zeit­geist ist, glaubt man den Medi­en, eine all­ge­mei­ne Unzu­frie­den­heit mit der Poli­tik als sol­cher. Der Libe­ra­lis­mus als Gegen­ent­wurf wür­de also Dul­dung oder Aver­si­on pro­pa­gie­ren, und das außer­par­la­men­ta­risch, sonst funk­tio­niert es nicht. Schö­ne Demon­stra­tio­nen sind denk­bar: „Wir sind hier und wir sind lei­se, denn wir haben eine Mei­se.“

Ach, nein, nicht ganz:

Die­ser Zeit­geist zeich­net sich durch ein tief­sit­zen­des Miss­trau­en gegen­über den Men­schen, ihren Fähig­kei­ten, Absich­ten und Poten­zia­len aus.

Kon­ser­va­ti­ve Poli­tik bil­de folg­lich den Zeit­geist ab. Libe­ra­lis­mus als außer­par­la­men­ta­ri­sche Über­win­dung der vox popu­li zu defi­nie­ren ist mög­lich, aber mutig. Was die­ses Miss­trau­en zur Fol­ge hat („Frei­heits­rech­te“, „bevor­mun­det“, „kol­lek­ti­ve Schutz­haft“ und so wei­ter und so fort), bekommt Mat­thi­as Heit­mann dann jeden­falls so ein­drucks­voll auf­ge­zählt, dass es mich schau­dert. Zumin­dest kön­ne aber die F.D.P. nichts für ihr eige­nes poli­ti­sches Abseits, in das sie sich mit einem men­schen­fer­nen Selbst­ver­ständ­nis manö­vriert hat, son­dern die da sind schuld, Herr Leh­rer:

Wenn aber die ehe­ma­li­gen Groß­kon­tra­hen­ten (SPD und CDU, A.d.V.) aus Man­gel an Per­spek­ti­ven enger zusam­men­rücken, bleibt in der Mit­te kei­ne Luft zum Atmen.

Die F.D.P., jahr­zehn­te­lan­ge Kon­stan­te im Bun­des­tag, zer­drückt von zwei Par­tei­en, die das nicht etwa aus Macht­er­halts­grün­den, son­dern aus Man­gel an Per­spek­ti­ven taten. Man möch­te sie bei­na­he knud­deln. Ganz, ganz fest.

Näch­ste Sei­te. Kotz­ei­mer prä­zi­se plat­zie­ren.

Das Posi­ti­ve an der Ent­wick­lung ist, dass sie dem Frei­heits- und Ent­wick­lungs­drang der Men­schen auf lan­ge Sicht nichts anha­ben kann.

Die­ser Frei­heits- und Ent­wick­lungs­drang der Men­schen mani­fe­stiert sich mehr­heit­lich dar­in, dass sie sich bei Wah­len für eine der bei­den gro­ßen Volks­par­tei­en ent­schei­den. Alle paar Jah­re darf man als Mensch auch mal poli­tisch sein. Wider­ling Hans-Peter Fried­rich wird’s freu­en, er bleibt vor­aus­sicht­lich wei­te­re vier Jah­re Chef­pro­pa­gan­dist der Bun­des­re­gie­rung. In ande­ren Län­dern hät­te man ihn schon vor Jah­ren an die näch­ste Later­ne gehängt. Frei­heit ist aber immer die „Frei­heit des Anders­den­ken­den“ (Rosa Luxem­burg, erschos­sen), und einen anders (i.e. wenig bis über­haupt nicht) Den­ken­den wie Hans-Peter Fried­rich dis­kri­mi­niert man doch als auf­ge­klär­ter Bür­ger nicht. Haupt­sa­che, die Sport­schau läuft.

Ein biss­chen Rea­li­tät muss schon sein:

Ob sich die­ser Drang künf­tig mit dem Wort „Libe­ra­lis­mus“ ver­knüp­fen wird, erscheint indes unrea­li­stisch.

Der Unter­schied zwi­schen „ob“ und „dass“ kann so einem Publi­zi­sten ja eigent­lich auch wurscht sein; neh­men wir an, er hät­te „dass“ geschrie­ben, wäre das jeden­falls nicht gram­ma­ti­ka­lisch, son­dern nur inhalt­lich Quatsch. Neo­li­be­ra­lis­mus und Libe­ra­lis­mus klin­gen ähn­lich, haben aber prin­zi­pi­ell erst mal nicht viel mit­ein­an­der zu tun. Ich wie­der­ho­le mich: Libe­ra­le Par­tei­en ent­ste­hen immer dann, wenn es sie nicht gibt. Die Deut­sche Frei­sin­ni­ge Par­tei, die Pira­ten­par­tei und zuletzt die Alter­na­ti­ve für Deutsch­land ent­stan­den aus ein­an­der ähn­li­chen Idea­len her­aus, näm­lich zur Stär­kung der Bür­ger­rech­te der jewei­li­gen Kli­en­tel, die bis dahin schlicht kei­ne aus­rei­chend star­ke lob­by hat­te.

Besag­te lob­by müs­se sich, schwa­felt Mat­thi­as Heit­mann des Wei­te­ren daher, sowie­so erst ein­mal neu auf­stel­len:

Wahr­schein­lich wer­den die ver­schie­de­nen Ideen zum The­ma Frei­heit anders gewich­tet und neu gemischt. Wenn sich also die Ver­fech­ter einer demo­kra­ti­schen und offe­nen Gesell­schaft künf­tig wie­der Gehör ver­schaf­fen wol­len, soll­ten sie auf­hö­ren, sich als klas­si­sche „Libe­ra­le“ und somit als Puf­fer zwi­schen zwei Par­tei­en zu posi­tio­nie­ren, die gar kei­nen Puf­fer benö­ti­gen.

Für Mat­thi­as Heit­mann besteht der klas­si­sche Libe­ra­lis­mus dar­in, den Kom­pro­miss zwi­schen pro­gres­siv und kon­ver­va­tiv her­zu­stel­len, was allein schon rei­chen soll­te, um auf­zu­zei­gen, dass Mat­thi­as Heit­mann den Libe­ra­lis­mus nicht ver­stan­den hat (oder ver­ste­hen will). Die F.D.P. als reprä­sen­ta­ti­ves Bei­spiel für den „klas­si­schen Libe­ra­lis­mus“ – eine Par­tei der Mit­te?

Libe­ra­lis­mus ist viel­mehr die poli­ti­sche Mani­fe­sta­ti­on der gesell­schaft­li­chen Auf­klä­rung, mit­hin pro­gres­si­ver Wil­le zur Umge­stal­tung zugun­sten einer wie auch immer gera­de bevor­zugt defi­nier­ten Frei­heit. Wenn man unbe­dingt alles in das seit über fünf­zig Jah­ren nicht mehr poli­tisch rele­van­te Links-Rechts-Sche­ma pres­sen will, dann trifft es viel­leicht die­se Dar­stel­lung: Der Libe­ra­lis­mus befin­det sich grund­sätz­lich links vom lin­ken Rand – ganz ohne Bier und Tril­ler­pfei­fen. Mmmh, Puf­fer!

Die poli­ti­sche Mit­te ist besetzt und mit­hin kein zukunfts­fä­hi­ger Ort, schon gar nicht für eine poli­ti­sche Gei­stes­hal­tung, die in Zei­ten der per­spek­tiv­lo­sen Zwangs­kol­lek­ti­vie­rung und des ängst­li­chen Zusam­men­rückens der Gesell­schaft das uner­hör­te Ziel pro­kla­miert, die Frei­heit und die Krea­ti­vi­tät des Indi­vi­du­ums sowie des­sen kon­struk­ti­ves Wir­ken für das Gemein­we­sen zu stär­ken.

Ein groß­ar­ti­ger Satz, zumin­dest struk­tu­rell. (Holen Sie doch zwi­schen­durch mal Luft, Herr Heit­mann!) Schon wie­der sehe ich mich aber gleich­sam über­zeugt von dem Umstand, dass Libe­ra­lis­mus in der „Mit­te“ nichts zu suchen hat. Wer in der „Mit­te“ Libe­ra­lis­mus zu fin­den glaubt, der hat falsch gesucht. Was­ser ist nass und Libe­ra­lis­mus gehört nicht in die „poli­ti­sche Mit­te“. D’ac­cord und sie­he oben! Das war’s dann aber auch schon wie­der mit der Zustim­mung: „Zwangs­kol­lek­ti­vie­rung und ängst­li­ches Zusam­men­rücken“ einer Gesell­schaft, deren Ange­hö­ri­ge in Stand und Ideo­lo­gie so divers sind wie seit Jah­ren nicht mehr, kann es geben, ist aber in Deutsch­land, das nur aus Feig­heit und/oder Bequem­lich­keit („Kon­sens der Demo­kra­ten“, kommt gleich noch) stän­dig einem schwe­ren Bür­ger­krieg ent­rin­nen kann, schlicht­weg Uto­pie. Ein Kli­ma der Angst herrscht vor, aber kei­nes, das die Men­schen zusam­men­rücken lässt. Ganz im Gegen­teil!

Wenn man in Zukunft von den Men­schen als eine tat­säch­lich eigen­stän­di­ge, prin­zi­pi­en­star­ke und wider­bor­sti­ge Kraft der Frei­heit wahr­ge­nom­men wer­den will, wird man den Mut ent­wickeln müs­sen, sich für frei­heits­feind­li­che Par­tei­en (…) als „nicht koali­ti­ons­wil­lig“ zu prä­sen­tie­ren.

Das hat die Pira­ten­par­tei erfolg­los ver­sucht, einer ande­ren Par­tei wird das ganz bestimmt bes­ser gelin­gen: „Wählt uns, wir wol­len ent­we­der allein oder gar nicht regie­ren.“ Weiß der Wäh­ler, dass er das will? Plum­pe Wider­bor­stig­keit – „der klei­ne Chelm ist ein Wider­porst!“, Das Leben des Bri­an – ist blo­ßes Dage­gen­sein, und wer zwar kon­se­quent gegen irgend­et­was ist, aber zu benen­nen ver­säumt, was er als Alter­na­ti­ve bevor­zug­te, der ver­liert nicht nur Zeit, son­dern auch noch Seriö­si­tät. Die Anti­fa nimmt ja auch nie­mand außer ihren Zög­lin­gen mehr ernst.

Der soge­nann­te „Kon­sens der Demo­kra­ten“ ist der poli­ti­sche Unter­gang für alle jene, die Demo­kra­tie als dyna­mi­schen Wett­streit um die besten Ideen und Kon­zep­te und nicht als ideen­lo­ses Sta­gna­ti­ons­ma­nage­ment begrei­fen. Der Mut, unbe­que­me Wahr­hei­ten offen aus­zu­spre­chen und nicht mehr­heits­fä­hi­ge Stand­punk­te zu ver­tre­ten, ist dafür eben­so not­wen­dig wie die Bereit­schaft, von die­sen kei­nen Mil­li­me­ter abzu­rücken.

Hier schließt sich Mat­thi­as Heit­mann dem ande­ren gro­ßen Libe­ra­len im Land an:

Das muss man in Deutsch­land noch sagen dür­fen. Alles ande­re ist Sozia­lis­mus.
Gui­do Wester­wel­le

Tat­säch­lich soll­te es dem Libe­ra­lis­mus auch dar­um gehen, ver­meint­li­che Denk­ver­bo­te zu über­win­den. (Die Pira­ten­par­tei han­delt ent­spre­chend etwa in Bezug auf das Urhe­ber­recht.) Dazu zählt aber auch das ver­meint­li­che Denk­ver­bot, dass es Denk­ver­bo­te gar nicht gibt. Den­ken dürft ihr, wonach euch gera­de der Sinn steht – nur äußern dürft ihr eben nur, was das Gesetz her­gibt. Dar­über soll­tet ihr recht froh sein, denn unge­hin­der­tes Spre­chen ist manch­mal nur für den Spre­cher lustig, und das seid nicht immer ihr. (Es sei denn, ihr seid eine Frau; in die­sem Fall neh­me ich das umge­hend zurück.)

Kon­sens als Ant­ago­nist des Wett­streits um Ideen ist im Übri­gen auch ein inter­es­san­tes, aber schwach­sin­ni­ges Bild. Wenn im Wett­streit um Ideen und Kon­zep­te kei­ne Eini­gung (kein Kon­sens) erzielt wird, dann wird kei­ne der Ideen und kei­nes der Kon­zep­te je mehr­heits­taug­lich umge­setzt wer­den. Das Behar­ren auf der jeweils eige­nen Über­zeu­gung als star­res Sche­ma wider kon­trä­rer Posi­tio­nen ist zwar anar­chisch (im posi­ti­ven Sin­ne), hat aber mit Demo­kra­tie nicht mehr viel zu tun. Es gilt schließ­lich die Mehr­heit zu über­zeu­gen und nicht mit einer groß­ar­ti­gen Idee zu schei­tern. Zu mei­den sind Kom­pro­mis­se, zu erzie­len aber der Kon­sens. Na, sind bei­des Fremd­wör­ter mit „Ko“ vor­ne dran. Kann ja mal vor­kom­men.

Es gilt, inhalt­lich die Spreu vom Wei­zen zu tren­nen

…, „Cice­ro“ also von ande­ren Maga­zi­nen.

[V]iele Stand­punk­te, die heu­te vom Zeit­geist der poli­ti­schen Kor­rekt­heit ver­ach­tet wer­den, sind libe­ra­le Stand­punk­te: sei es das Anstre­ben von gesell­schaft­li­chem Fort­schritt und wirt­schaft­li­chem Wachs­tum, sei es das Ver­trau­en in die Frei­heits- und Ent­wick­lungs­fä­hig­keit der Men­schen, sei es die Abkehr von den popu­lä­ren Öko-Mythen wie der Über­be­völ­ke­rung oder der End­lich­keit der Res­sour­cen

Was Öko­lo­gie mit poli­ti­schem Libe­ra­lis­mus zu tun hat, weiß wahr­schein­lich – sofern denn über­haupt – nur Mat­thi­as Heit­mann. Wirt­schaft­li­ches Wachs­tum jeden­falls, Kern­kom­pe­tenz der F.D.P., sei kein „libe­ra­ler Stand­punkt“, hat­te er anfangs noch postu­liert. Aber das ist ja schon wie­der eine gan­ze Sei­te her.

Wer heu­te huma­ni­stisch argu­men­tiert, wird sich damit abfin­den müs­sen, von den Mehr­hei­ten als „radi­kal“, „ver­ant­wor­tungs­los“, „unso­zi­al“ und even­tu­ell sogar als „Staats­feind“ bezeich­net zu wer­den und mit Leu­ten in einen Topf gewor­fen zu wer­den, mit denen man nichts zu tun haben will.

Mit wel­chen Leu­ten wird man denn „in einen Topf gewor­fen“, wenn man „Radi­kal­hu­ma­nis­mus“ (wie auch immer der defi­niert ist) ver­tritt? Hof­fent­lich nicht mit Ihnen, Herr Heit­mann. Das wäre furcht­bar. Dass Huma­nis­mus staats­feind­lich sei, ist zumin­dest im gege­be­nen öko­no­misch gepräg­ten Deutsch­land prin­zi­pi­ell rich­tig, aber etwas, was wohl nur von denen als nega­ti­ves Urteil emp­fun­den wür­de, mit denen wie­der­um ich nicht einen Topf tei­len möch­te, zum Bei­spiel Hans-Peter „es ist alles in Ord­nung“ Fried­rich. Inso­fern auch hier Ein­spruch:

Dar­aus aber die Not­wen­dig­keit zur Anpas­sung an den Main­stream abzu­lei­ten, hie­ße, sich aus Angst vor rück­wärts­ge­rich­te­ten und damit wenig über­zeu­gen­den Argu­men­ten im gro­ßen Pool der „Demo­kra­ten“ selbst zu erträn­ken.

Libe­ra­lis­mus als Gegen­teil des wie auch immer defi­nier­ten „Main­streams“, als lie­bens­wer­ter Außen­sei­ter, des­sen „Anpas­sung“ sein Unter­gang wäre, wird hier im glei­chen Text schon zum wie­der­hol­ten Mal um- und zum wie­der­hol­ten Mal falsch defi­niert. Erwähn­te ich, dass in „Cice­ro“ auch Kai Diek­mann schrei­ben darf? – Wären „rück­wärts­ge­wand­te“ Argu­men­te „wenig über­zeu­gend“, müss­te nun nie­mand unter dem Ein­druck eines unver­min­dert star­ken Kon­ser­va­ti­vis­mus nach dem Libe­ra­lis­mus rufen; sind sie aber augen­schein­lich nicht.

Libe­ra­le Poli­tik, so schließt Mat­thi­as Heit­mann, müs­se als etwas ande­res fun­gie­ren denn als lau­es Fähn­chen im Wind, näm­lich als …

(…) die ein­zi­ge Stim­me, die das Indi­vi­du­um nicht einem ima­gi­nä­ren „Wir“ unter­ord­net, son­dern es als Kern und Trä­ger eines dyna­mi­schen demo­kra­ti­schen Gemein­we­sens ach­tet; als die ein­zi­ge Stim­me, die Frei­heit nicht als Schutz­raum für Unmensch­lich­keit, son­dern als zen­tra­len Kern der Mensch­lich­keit begreift.

Ich para­phra­sie­re: Sobald libe­ra­le Poli­tik also wie­der erstar­ke, sei sie ihr eige­ner Geg­ner, denn ihr gera­de­zu zwang­haf­ter Indi­vi­dua­lis­mus ste­he ihrer Ver­brei­tung im Weg. Wenn Libe­ra­lis­mus selbst zum „Main­stream“ (also zur vor­herr­schen­den poli­ti­schen „Gei­stes­hal­tung“) wer­de, sei er von sich selbst zu bekämp­fen, um die Viel­falt des „dyna­mi­schen demo­kra­ti­schen Gemein­we­sens“ auf­recht­zu­er­hal­ten. Stimmt das so?

Wür­de ich ihm ja fast zutrau­en.


Apro­pos Libe­ra­lis­mus: Mit Thor­sten Wirth hat die Basis der Pira­ten­par­tei Deutsch­land heu­te einen „Kern­pi­ra­ten“ zum Vor­sit­zen­den gewählt. Ich fin­de die­se Wahl gut und rich­tig. Da der Vize­vor­sitz aller­dings an eine Frau gefal­len ist, ist es nur noch eine Fra­ge der Zeit, bis die übli­chen Medi­en (SPIEGEL ONLINE, Süd­deut­sche Zei­tung und der­glei­chen) anfan­gen, wie bei den Grü­nen von einer „Dop­pel­spit­ze“ zu reden. Auch im kom­men­den Jahr ist also nicht davon aus­zu­ge­hen, dass die Medi­en plötz­lich jour­na­li­sti­sche Tätig­keit auf­neh­men. Alles ande­re wür­de mich auch erschrecken.

PersönlichesNerdkrams
mkdir * ; wun­dern ; spren­gen

Ich bin seit einer Wei­le in einer die­ser start-up-Fir­men tätig, die irgend­was mit mobi­len Anwen­dun­gen machen. Ursprüng­lich soll­te ich dort die Backend­ent­wick­lung über­neh­men; blö­der­wei­se hat­te ich in mei­ner Bewer­bung ange­ge­ben, dass ich auch schon mal einen Ser­ver gewar­tet habe, was dazu führ­te, dass man mir außer­dem die Instal­la­ti­on und War­tung eines Ser­vers (in Form eines aus­ran­gier­ten Mini-Towers) auf­trug. Kein Pro­blem, dach­te ich, macht ja durch­aus Spaß. (Dass die Fir­ma aus­nahms­los auf eine Mac-OS-X-Umge­bung setzt, hät­te mich schon stut­zig machen sol­len.)

Nach eini­gen Stun­den war der aus­ran­gier­te Mini-Tower zu einem voll funk­ti­ons­tüch­ti­gen Free­BSD-PHP-Ent­wick­lungs­ser­ver her­an­ge­reift, der genau das tat, was er soll­te, regel­mä­ßi­ge Daten­bank- und Web­ser­ver-Back­ups per rsync (also auf ein belie­bi­ges Netz­lauf­werk) inklu­si­ve. Die­ser Ser­ver ver­rich­te­te anstands­los sei­nen Dienst und über­stand auch grö­ße­re updates ohne Pro­ble­me, wie man es eben von Free­BSD so kennt.

Trotz all­dem gab es sei­tens der Ent­schei­der (zwar kei­ne „Schlip­sis“, aber doch sehr öko­no­misch den­kend) vier Punk­te an der Instal­la­ti­on zu kri­ti­sie­ren: Free­BSD las­se sich nicht ohne Hand­ar­beit in die sowie­so her­um­ste­hen­de „Time Machi­ne“ (so ein app­le­ei­ge­nes Back­up­sy­stem) ein­bin­den, was immens wich­tig sei, falls mal die Fest­plat­te „abrau­che“ (ein rsync-Back­up erfor­de­re ja manu­el­les Zurück­spie­len der Datei­en, das sei viel zu umständ­lich); es sei eher blöd, wenn ich als Ein­zi­ger im Haus wis­se, wie man den Ser­ver wie­der zum Lau­fen bekom­me, wenn er mal strei­ken soll­te (ich war bis dahin ernst­haft der Mei­nung, genau dafür sei­en Admi­ni­stra­to­ren ja da); man kön­ne auf Free­BSD (ich hat­te kein GUI instal­liert) nicht so ein­fach neue vir­tu­el­le Hosts anle­gen wie unter Mac OS X, wo ein ein­zi­ger Klick genü­ge; im Übri­gen pas­se der Mini­tower nicht in den „Ser­ver­schrank“ (die Anfüh­rungs­zei­chen sind ernst gemeint; in die­sem „Ser­ver­schrank“ ste­hen vor allem Mac minis her­um), son­dern müs­se dane­ben­ge­stellt wer­den, was natür­lich unzu­mut­bar sei.

Die „Lösung“ für die­se Her­aus­for­de­run­gen: Ein wei­te­rer Mac mini wur­de ange­schafft und dem Zustän­di­gen (mir) kurz erklärt, wie das Teil denn funk­tio­niert, wie man also per Klick neue Web­sei­ten hin­zu­fügt (was offen­bar nichts ande­res ist als ein GUI zur Ver­wal­tung von vir­tu­el­len Hosts im mit­ge­lie­fer­ten Apa­che), sogar mit „hüb­scher“ blau­er check­box zum An- und Abschal­ten von PHP (natür­lich in einer Uralt­ver­si­on; wer will schon aktu­el­le Soft­ware auf ’nem Ser­ver nut­zen? Mac-OS-Nut­zer jeden­falls nicht). „Dann mal viel Spaß!“

Was ich per Ver­such und Irr­tum schnell her­aus­fand: Das GUI für die Ser­ver­war­tung in Mac OS X scheint tat­säch­lich einen gewis­sen Zweck zu erfül­len. Eine httpd.conf exi­stiert zwar dort, wo man sie erwar­ten wür­de (es gibt tat­säch­lich ein Kon­fi­gu­ra­ti­ons­ver­zeich­nis namens apache2), aber sie scheint für irgend­was ande­res benutzt zu wer­den. Das (mit­tels home­brew; ein pas­sen­der Name, denn die Benut­zung macht Lust auf ein Bier) hän­disch nach­in­stal­lier­te PHP 5.5 ließ sich über sie jeden­falls nicht akti­vie­ren. „Mein“ Pro­jekt setzt im Übri­gen auf MariaDB (also MySQL-Syn­tax) auf, Mac OS X bringt natür­lich nur Post­greS­QL mit (selbst­ver­ständ­lich ohne GUI, das wäre ver­mut­lich zu ein­fach); auch hier war also Hand­ar­beit nötig. Ob das eben­falls per brew ein­ge­rich­te­te MariaDB kor­rekt mit dem Web­ser­ver zusam­men­ar­bei­tet, ist mehr oder weni­ger ein Rate­spiel, da ich noch nicht her­aus­ge­fun­den habe, wie ich an „mei­ne“ PHP-Instal­la­ti­on kom­me. Das „PHP“-Häkchen schal­tet ja nur die wo auch immer ver­steck­te httpd.conf um, nicht die, die dort liegt, wo sie lie­gen soll­te. Toll, so’n Mac. (Es sieht aber gut aus: Die Instal­la­ti­on von Admi­ner im Ord­ner der Web­site „Default“ ließ mich zumin­dest auf die Daten­bank zugrei­fen, mysqlad­min ver­rich­tet auf der Kon­so­le auch anstands­los sei­nen Dienst. Glück gehabt!)

Die Soft­ware war zumin­dest theo­re­tisch erst mal instal­liert. Jetzt galt es das bestehen­de PHP-Pro­jekt vom „alten“ auf den „neu­en“ Ser­ver zu migrie­ren. Die Benut­zung von scp bot sich an. Natür­lich lie­gen Mac-OS-X-Web­sites nicht in /var/www oder irgend­wo inner­halb von /usr oder /etc, son­dern in einem merk­wür­di­gen Son­der­ord­ner namens /Library (und auch nicht unter /Library/WebServer, was eben­falls exi­stiert, son­dern unter /Library/Server), man will es Nicht-Mac-Nut­zern ja nicht zu leicht machen, von BSD auf Mac OS X zu wech­seln. Da könn­te ja jeder kom­men! Inso­fern ist es nur kon­se­quent, dass Mac OS X nicht die tcsh, son­dern die bash als Stan­dardshell ver­wen­det. Die bash ver­hält sich aber gele­gent­lich so, wie man es am Wenig­sten erwar­ten wür­de (was einer der Grün­de sein könn­te, war­um sie unter Linux so beliebt ist).

Ein Bei­spiel: Was, denkt ihr, tut fol­gen­der Befehl in einer Mac-OS-X-Shell?

scp -r root@bsdserver:/var/www/projekt/* ./*

Der gesun­de Men­schen­ver­stand sieht, dass ./* eigent­lich red­un­dant ist und . genü­gen soll­te, hat aber anson­sten kei­ne wei­te­ren Ein­wän­de. Die bash sieht das mit dem Glob­bing aber anders als der gesun­de Men­schen­ver­stand. Obi­ger Befehl kopiert also rekur­siv (-r) den Inhalt von /var/www/projekt auf dem BSD-Ser­ver in das aktu­el­le Ver­zeich­nis – und zwar in einen Unter­ord­ner namens *, den er hier­für extra anlegt.

Oh, jetzt habe ich vor Schreck die Beto­nung ver­ges­sen: In einen Unter­ord­ner namens *! (Für die weni­ger Tech­nik­ver­sier­ten: Das ist, als wür­de man sein Kind „Leer­zei­chen“ nen­nen. Oder „Jeder“.)

Wie besei­tigt man die­ses Mal­heur? Erst mal alles einen Ord­ner höher kopie­ren, dann den Ord­ner namens * ent­fer­nen:

cd "*"; cp -R * ..; cd ..; rm -rf "*"

Fie­se Fal­le: rm ‑rf * wür­de auch funk­tio­nie­ren, aber anders als gewünscht.

Mac OS X über­rascht mich immer wie­der. Incre­di­ble!

Zum Glück ist Wochen­en­de.

SonstigesNetzfundstücke
Das Fest, des­sen Name nicht genannt wer­den darf

Wenn man dann über­haupt ein­fach mal dar­über nach­denkt, was das all­jähr­li­che Weih­nachts­bo­hei – Kauf­haus­fas­sa­den sind bereits seit Wochen mit grü­nem Pla­stik „ver­ziert“, und mir wird davon schon ganz fest­lich in der Hose – eigent­lich ist, bekommt man ja durch­aus leich­te Zwei­fel dar­an, dass man dar­an teil­neh­men soll­te, weil man das eben so macht.

Es gibt eigent­lich nur zwei vali­de Grün­de, zeit­li­chen oder ander­wei­ti­gen Auf­wand in Weih­nachts­vor­be­rei­tun­gen zu inve­stie­ren. Der volks­tüm­li­che der bei­den Grün­de ist die Tra­di­ti­on im christ­li­chen Abend­land. (Wer die Weih­nacht als bil­li­ge Aus­re­de benutzt, etwas mit der Fami­lie zu unter­neh­men, der hat das mit der Fami­lie übri­gens noch nicht so ganz ver­stan­den.) Die­se Tra­di­ti­on sieht von außen wahr­schein­lich etwas selt­sam aus: Christ­lich Sozia­li­sier­te in Deutsch­land – hier hat das mit den Bäu­men wohl sei­nen Ursprung – geden­ken der Geburt eines Toten, indem sie einen eben­so toten Nadel­baum in ihr Wohn­zim­mer stel­len und Pla­stik­spiel­zeug um ihn her­um ver­tei­len. Da platzt einem doch der Kopf.

Ein Blick nach Osten: Reli­gi­ös am näch­sten kommt dem Weih­nachts­fest im Bud­dhis­mus wahr­schein­lich das Vesakhfest, an dem Geburt, Erleuch­tung und Ver­lö­schen von Sid­dhar­ta Gaut­ama („Bud­dha“) gefei­ert wer­den. Anläss­lich die­ses Festes wird unter ande­rem auch geschenkt:

Ein wich­ti­ges Ele­ment des Fest­ta­ges ist die Übung in Gebe­freu­dig­keit, also das Schen­ken – so wer­den Spen­den an Klö­ster gege­ben und vor allem Bedürf­ti­ge und Pil­ger mit Lebens­mit­tel ver­sorgt und ver­pflegt.

Die­se merk­wür­di­ge Ange­wohn­heit des Schen­kens – die­ses Jahr sollen’s pro Kopf durch­schnitt­lich 288 Euro sein, von denen nur in Aus­nah­me­fäl­len Bedürf­ti­ge Mal­te­ser, Rot­kreuz­ler, Perua­ner sowie Zir­kus­be­dien­ste­te mit und ohne Kamel, Esel und Pan­flö­te pro­fi­tie­ren – ist also kei­ne Eigen­heit kapi­ta­li­sti­scher Staa­ten, son­dern welt­weit akzep­tier­tes Brauch­tum. Ver­ständ­lich: Wer den Rest des Jah­res ein selbst­süch­ti­ges Ekel­pa­ket ist, dem ist jede ihm auf­ge­dräng­te Gele­gen­heit zur Revan­che even­tu­ell gera­de gut genug.

Mit dem Chri­sten­tum hat das alles sowie­so nicht viel zu tun; der bibli­sche Jesus fand für jene, die ihre Mensch­lich­keit in ver­füg­ba­rem Geld bemes­sen woll­ten, recht def­ti­ge Wor­te: Ihr könnt nicht Gott die­nen und dem Mam­mon.

Da sich die Men­schen somit einig sein soll­ten, dass das Chri­sten­tum in ihrer per­sön­li­chen Fei­er­lich­keit nor­ma­ler­wei­se kei­ne Rol­le mehr spielt (und gleich­zei­ig bigott auf­heu­len, wenn jemand anstrebt, den Stuss aus den Kalen­dern til­gen zu las­sen), fällt es auch nicht wei­ter ins Gewicht, dass man selbst im fun­da­men­ta­li­stisch christ­li­chen Staa­ten­bund USA inzwi­schen dar­auf ver­zich­ten, die selbst­de­fi­nier­te Christ­lich­keit (rattattattat­ta!, wis­sen­schon) an die – *Son­nen­bril­le auf­setz* – gro­ße Glocke – yeahzu hän­gen, und sei­ne Weih­nachts­bäu­me „holi­day trees“, also „Fei­er­tags­bäu­me“, nennt. Anhän­ger ande­rer Reli­gio­nen (außer den Mus­li­men, die haben in den USA nicht viel Grund zu fei­ern) wer­den somit nicht mit stö­ren­den west­li­chen Wer­ten kon­fron­tiert und bege­hen statt Weih­nach­ten eben ein reli­gi­ons­über­grei­fen­des Fest, das man nur zufäl­lig wie Weih­nach­ten fei­ert. O Mäg­de­lein, o Mäg­de­lein, wie falsch ist dein Gemü­te. Kon­se­quent soll­te der Weih­nachts­mann („San­ta Claus“) künf­tig den Namen „Holi­day Man“ tra­gen. Super­hel­den sind ja immer mal wie­der im Kom­men.

Anhän­ger spä­te­rer Reli­gio­nen wer­den eines Tages vor ihren Geschichts­bü­chern sit­zen und sich über die Chri­sten scheckig lachen. Das sieht dann sicher total wit­zig aus.

PolitikIn den Nachrichten
Der Koali­ti­ons­ver­trag ist da.

Der vor­über­ge­hen­de Kon­sens von CDU, CSU und SPD sei nicht so gut, heißt es. Das Lei­stungs­schmutz­recht sol­le aus­ge­baut, die Vor­rats­da­ten­spei­che­rung wie­der mal ein­ge­führt wer­den, und auch sonst bekommt der Wäh­ler genau das, was er von sei­ner Wahl zu erwar­ten hat­te.

Kevin Pri­ce, Lan­des­vor­sit­zen­der der Pira­ten­par­tei Nie­der­sach­sen, beklag­te, dass CDU-Poli­ti­ker das tun, was CDU-Poli­ti­ker immer tun (Still­stand immer, vor­wärts nim­mer!), und gab die Schuld den gewähl­ten Volks­ver­tre­tern, die das tun, was ihre Wäh­ler von ihnen erwar­ten; ähn­lich agie­ren auch wei­te Krei­se der übri­gen Netz­ge­mein­schaft.

Da tritt also eine kon­ser­va­ti­ve Par­tei zur Wahl an, die schon vor­her kein Geheim­nis dar­aus macht, dass sie im Fal­le einer Regie­rungs­be­tei­li­gung auch wei­ter­hin kein Inter­es­se an pro­gres­si­ver Poli­tik haben wird, wird trotz­dem gewählt und bekommt dann die Schuld dar­an, dass über vier­zig Pro­zent der Wäh­ler in Deutsch­land zum Früh­stück anschei­nend Lack sau­fen, zuge­wie­sen. Nein, der Wäh­ler ist nicht dafür ver­ant­wort­lich zu machen, wenn er Arsch­lö­cher wählt, er hat ja kei­ne Wahl.

Kodos: Ja, stimmt. Wir sind Außer­ir­di­sche. Aber was wollt ihr dage­gen machen? Ihr habt ein Zwei­par­tei­en­sy­stem. Einen von uns bei­den müsst ihr wäh­len.
Ein Zuschau­er: Dann wähl ich eben den Kan­di­da­ten einer drit­ten Par­tei!
Kang: Bit­te, wenn du dei­ne Stim­me unbe­dingt weg­wer­fen willst.
Die Simpsons, Tree­hou­se of Hor­ror VII

Sich nun aber über die­sen Ver­trag auf­zu­re­gen wäre vor­erst nicht ziel­füh­ren­des Tun: Schon die vor­he­ri­ge „schwarz-gel­be“ Regie­rung hat den ihren sehr libe­ral aus­ge­legt.

[Eini­ge] Punk­te aus dem Koali­ti­ons­ver­trag wur­den von der Bun­des­re­gie­rung nicht wie geplant umge­setzt. Bei man­chen Punk­ten macht man sogar das Gegen­teil.

Die AfD sieht auf­grund des Koali­ti­ons­ver­trags die Zukunfts­fä­hig­keit Deutsch­lands bedroht. Mit Zukunfts­fä­hig­keit kennt sie sich ja aus. Mich beschleicht jedoch der Ver­dacht, nicht der Ver­trag ist es, der die Zukunfts­fä­hig­keit unter einer CDU-Regie­rung (man ver­su­che nun bit­te nicht die Rea­li­tät zu ver­wir­ren, indem man den Juni­or­part­ner SPD als Fei­gen­blatt ins Feld führt; wir sind doch schon groß und kön­nen mit der Rea­li­tät umge­hen, nicht wahr?) bedroht, son­dern das Gegen­teil ist der Fall.

Das scheint ande­rer­seits die Bestän­dig­keit der Wahl­er­geb­nis­se zu festi­gen. Wenig pro­gres­si­ve Poli­tik führt zu wenig Wunsch­den­ken im Volk, das dann wie­der­um wenig pro­gres­siv wäh­len möch­te.

Wie der Herr, so’s Gescherr.

SonstigesMir wird geschlecht
Medi­en­kri­tik in Kür­ze: „freun­din“, „mys­elf“, „Women’s Health“: Bleibt alles anders.

Jun­ge Frau­en las­sen sich zuneh­mend gern auf ihr Äuße­res redu­zie­ren.
Mer­edith Haaf

Das Maga­zin „freun­din“ infor­mier­te im Juni 2013 sei­ne Lese­rin­nen dar­über, dass es durch­aus posi­tiv sei, sich nicht zu ver­bie­gen: „Ich bin gut, so wie ich bin!“

Und weil der Zustand, dass es gut ist, weil man ist, wie man ist, ein doch eher lang­wei­li­ger ist, wird Monat für Monat an den Kios­ken vor­ge­beugt. Momen­tan hat’s dort Dezem­ber­aus­ga­ben eini­ger nam­haf­ter Frau­en­zeit­schrif­ten. Aus­zü­ge gefäl­lig?

Die – aus­ge­rech­net – „freun­din“ emp­fiehlt „edle Make-ups“ gegen all­zu natür­li­ches Aus­se­hen:

freundin 25-2013

Die „mys­elf“, die die Vor­lie­be für Natür­lich­keit ja schon im Namen trägt, emp­fiehlt „Abneh­men – ein­fach wie nie“ (sogar an den Fei­er­ta­gen), denn die Ziel­grup­pe der „mys­elf“ schei­nen Frau­en zu sein, die sich beim Essen nicht beherr­schen kön­nen:

Myself 12-2013

Die „Women’s Health“ („It’s Good to Be You“, vul­go sei, wie du bist) hat außer den 27 Sei­ten Extra-Beau­ty (heißt nicht irgend­ein bekann­tes Pferd so ähn­lich?) auch einen beson­ders wich­ti­gen Tipp für den Win­ter: „Das bringt Ihre Bei­ne in Best­form“.

Women's Health 12-2013

In den kom­men­den Aus­ga­ben, ich wäre fast wil­lens dar­auf zu wet­ten, wird es vor­aus­sicht­lich dann schockie­ren­de Stu­di­en dar­über zu lesen geben, dass ein Groß­teil der Frau­en unzu­frie­den mit ihrem Aus­se­hen ist. Wer trägt die Schuld dar­an? Die Män­ner, ver­steht sich. Frau­en machen so was ja nicht.

Frau­en redu­zie­ren Män­ner dar­auf, dass Män­ner Frau­en auf ihr Äuße­res redu­zie­ren.
Luca Rai­mon­do

Persönliches
„Wo Sie grad frie­ren: Darf ich Sie kurz stö­ren?“

Man kann sich qua­si den Kalen­der danach stel­len: Der Win­ter hat offi­zi­ell begon­nen, wenn Mal­te­ser, Rot­kreuz­ler, Perua­ner, Zir­kus­be­dien­ste­te und son­sti­ge sich mensch­lich nen­nen­de Bett­ler mit und ohne Kamel, Esel und Pan­flö­te aus dem War­men in die sozia­le Käl­te auf Bahn­hö­fen und in Fuß­gän­ger­zo­nen migrie­ren.

Wie­so aber glau­ben sie eigent­lich, dass Men­schen beson­ders dann hilfs­be­reit sind und sich Zeit für sozia­le Inter­ak­ti­on im Frei­en neh­men, wenn es kalt ist? Klar, es geht auf Weih­nach­ten zu, auf das so genann­te „Fest“, anläss­lich des­sen die Leu­te ohne­hin schon regel­mä­ßig ehr­li­che Wert­schät­zung mit teu­ren Geschen­ken ver­wech­seln und also, da sie inner­städ­tisch unter­wegs sind, meist bereits sowie­so dabei sind, Geld für allen mög­li­chen Plun­der aus­zu­ge­ben, womit die Wahr­schein­lich­keit, dass sie dann auch für die Bedürf­ti­gen – womit natür­lich mal wie­der nicht die deut­schen Steu­er­zah­ler gemeint sind – ein paar Euro erüb­ri­gen kön­nen, um ein Viel­fa­ches steigt.

Ob das die rich­ti­ge Vor­ge­hens­wei­se ist? Ich bezweif­le es. Zwar ist es durch­aus mög­lich, dass eini­ge Ange­spro­che­ne genervt (die Wenig­sten wohl über­zeugt) dem Bit­ten nach­ge­ben, um nur end­lich wei­ter­ge­hen zu kön­nen, ohne unhöf­lich zu wir­ken (war­um fürch­ten sich so vie­le eigent­lich vor die­sem Ein­druck gegen­über Unsym­pa­then?), und sich irgend­wel­che Unter­stüt­zung zu lei­sten bereit erklä­ren, und wenn das ein­zi­ge Ziel der Mal­te­ser (o. Ä.) lau­tet, schnell an Geld zu kom­men, kön­nen sie damit zufrie­den sein; allein: Mis­si­ons­ar­beit stel­le ich mir etwas anders vor. Der Geist der Weih­nacht hat einen Sub­text, der nicht nur mit‑, son­dern den gan­zen Geist umher­schwingt.

Die wenig­stens gering­fü­gig mensch­lich ent­schuld­ba­re alter­na­ti­ve Erklä­rung für den zeit­li­chen Zusam­men­fall von Frost und Bitt­stel­le­rei lau­tet, dass den Mal­te­sern (o. Ä.) wohl bekannt sei, dass den Bür­gern das Geld momen­tan groß­teils nicht locker in den Taschen lie­ge und man im Win­ter zumin­dest auf den Mit­leids­fak­tor set­zen kön­ne. Bei genaue­rer Betrach­tung stürzt die­ses Selbst­lü­gen­ge­bil­de aber vor­bild­lich in sich zusam­men.

Man stel­le sich fol­gen­des hof­fent­lich fik­ti­ves Gespräch an einem Bahn­hof bei 30 Grad im Schat­ten vor:

Mal­te­ser (o. Ä.): Eine Spen­de für Obdach­lo­se bit­te!
Pas­sant (genervt): Wie schlimm geht es denen?
Mal­te­ser (o. Ä.): Nun, sie haben Hun­ger, kein Dach über dem Kopf und sind in schlech­ter kör­per­li­cher Ver­fas­sung.
Pas­sant (genervt): Frie­ren sie auch?
Mal­te­ser (o. Ä.): Nein, es ist ja warm.
Pas­sant (genervt): Dann spen­de ich nicht. Ver­su­chen Sie es im Win­ter noch ein­mal.

Ent­we­der sind sol­che Dia­lo­ge tat­säch­lich üblich oder die Mal­te­ser (o. Ä.) trei­ben doch erschreckend nie­de­re, mani­pu­la­ti­ve Instink­te zu ihrem Tun. Bei­des wäre erschreckend, aber wenig über­ra­schend, in kei­nem Fall aber über­zeu­gend. Die Men­schen soll­ten auch zur „Weih­nachts­zeit“ nicht ver­ges­sen, dass die rei­ne Ver­nunft nicht ver­käuf­lich ist. (Noch so ein Satz, den man in einer Kir­che wohl sel­ten hören wür­de.)

Habt ihr eigent­lich die­ses Jahr schon für Kaka­pos gespen­det?

In den Nachrichten
Jurys wis­sen, wer gedie­gen ist!

Die Qua­li­tät des Wort­schat­zes der Jugend­li­chen habe ich hier ja schon anläss­lich man­chen Tuns belu­stigt oder bestürzt zur Kennt­nis genom­men. Die Ent­schei­dung der Wahl zum Jugend­wort des Jah­res 2013 erfüllt mich inso­fern mit gro­ßer Hoff­nung.

Die­ses Jugend­wort wird all­jähr­lich von einer Jury gekürt, der mehr­heit­lich eini­ger­ma­ßen jun­ge Leu­te (ab 13 geht’s los) ange­hö­ren, die Frau­en­quo­te beträgt etwa 61,5 Pro­zent. Die Kri­te­ri­en sind ein­leuch­tend:

Wör­ter, die ihr in die enge­re Wahl gevo­tet (sic! A.d.V.) habt, wer­den von der Jury nach fol­gen­den Kri­te­ri­en bewer­tet:

_ sprach­li­che Krea­ti­vi­tät
_ Ori­gi­na­li­tät
_ Ver­brei­tungs­grad des Wor­tes
_ gesell­schaft­li­che und kul­tu­rel­le Ereig­nis­se

(For­ma­tie­rung gering­fü­gig ange­passt.)

Dass die­se Kri­te­ri­en schon 2010 sehr frei aus­ge­legt wur­den, hat­te ich damals doku­men­tiert. In die­sem Jahr ist’s nicht bes­ser:

„Babo“ ist Jugend­wort des Jah­res 2013

„Babo“ also, das ost­ana­to­li­sche slang-Wort für „Chef“, hat es zum deut­schen „Jugend­wort des Jah­res“ geschafft. Dass es hin­ge­gen das weit häu­fi­ger gehör­te „Döner“ noch nicht in die „Top 5“ geschafft hat, über­rascht mich, erfüllt es doch die vier Kri­te­ri­en viel eher als „Babo“. Bei letz­te­rem Wort sieht es da eher mau aus:

  1. sprach­li­che Krea­ti­vi­tät: Ent­fällt. „Babo“ ist bei­spiels­wei­se so „krea­tiv“ wie „bli­mey!“ – ein gleich­wie umgangs­sprach­li­ches Wort aus einer ande­ren Spra­che mit­samt der Bedeu­tung unre­flek­tiert und unver­än­dert zu über­neh­men erfüllt kein Kri­te­ri­um, das ich an Krea­ti­vi­tät anle­gen wür­de. (Dok­tor­ar­bei­ten abzu­schrei­ben fällt ja auch nicht unter künst­le­ri­sche Frei­heit.) Krea­tiv waren allen­falls die ost­ana­to­li­schen Pre­ka­ri­er, die dem Wort „babo“ ursprüng­lich zu sei­ner in ihren Krei­sen übli­chen Bedeu­tung ver­hol­fen haben. Das waren aber ver­mut­lich eher kei­ne deut­schen Jugend­li­chen.
  2. Ori­gi­na­li­tät: Ent­fällt aus vor­be­zeich­ne­ten Grün­den.
  3. Ver­brei­tungs­grad des Wor­tes: Gemäß einer von mir durch­ge­führ­ten Kurz­stu­die in der Umgangs­spra­che der Jugend­li­chen nur als Zitat eines Herrn „Haft­be­fehl“ geläu­fig, meist jedoch völ­lig unbe­kannt.
  4. gesell­schaft­li­che und kul­tu­rel­le Ereig­nis­se: „Babo“ erfuhr auf­grund des Hip-Hop-Stücks „Chab­os wis­sen wer der Babo ist“ kurz­zei­ti­ge Beliebt­heit unter den Jugend­li­chen, deren Wort­schatz sich im Rezi­tie­ren der Hit­pa­ra­de erschöpft. Besag­tes Stück erreich­te ledig­lich Platz 30 und hielt die­sen nur eine Woche lang, einen Jugend­li­chen, der in mei­ner Gegen­wart hier­aus zitiert hät­te, konn­te ich bis­lang nicht wahr­neh­men.

Die Wahl des Wor­tes „Babo“ ist somit nicht nur blö­de, son­dern auch noch falsch. Lan­gen­scheidt eben. Mit dem Wah­rig wär‘ das nicht pas­siert. (Auf Platz 2 und 4 ste­hen mit „fame“ und „in your face“ – zählt das als ein Wort‽ – Begrif­fe, auf die im Übri­gen Ähn­li­ches zutrifft. Das fünft­plat­zier­te „haku­na mata­ta“ als Swa­hi­li-Begriff, der seit der Ver­öf­fent­li­chung des Films „Der König der Löwen“ vor bald 20 Jah­ren Teil der Jugend­spra­che ist, spot­tet hier ohne­hin jeder Beschrei­bung.)

Haku­na mata­ta / gilt stets als modern.
Timon & Pum­baa

Wen­den wir uns also amü­siert und abschlie­ßend dem dritt­plat­zier­ten Wort zu, gleich­sam dem Bron­ze­ju­gend­wort des Jah­res. Es lau­tet: „gedie­gen“.

„Gedie­gen“ stammt laut Duden aus dem Mit­tel­hoch­deut­schen und ist wahl­wei­se ein Syn­onym für „soli­de“, für „rein“ (bezüg­lich eines Metalls, adver­bi­al ver­wen­det) sowie für „wun­der­lich“, im all­täg­li­chen Sprach­ge­brauch (wenn man nicht gera­de Rein­heits­gra­de fest­zu­stel­len pflegt) kommt es meist in Ver­bin­dung mit einem Ambi­en­te und/oder des­sen Atmo­sphä­re vor. Die Jury vom Jugend­wort des Jah­res 2013 hält dage­gen, in Jugend­krei­sen ste­he „gedie­gen“ für super, cool, läs­sig (war­um statt „läs­sig“ nicht das läs­si­ge „leger“ ver­wen­det wur­de, ent­zieht sich momen­tan mei­ner Kennt­nis), und was „cool“ ist, ver­ste­hen Jugend­li­che in der Regel durch­aus. („Gedie­gen“ aller­dings – auch dies zeig­te eine mei­ner­seits durch­ge­führ­te Umfra­ge – eher nicht; was das für die Anwend­bar­keit der vor­geb­li­chen Kri­te­ri­en bedeu­tet, könnt ihr euch sicher­lich vor­stel­len. Der Online-Duden beschei­nigt „gedie­gen“ jeden­falls eine Wort­häu­fig­keit von „2 von 5“, was alle mög­li­chen Bedeu­tun­gen umfasst.)

Es gab vor eini­gen Jah­ren eine Stu­diVZ-Grup­pe namens „Obacht, du Schelm, nun ist’s genug der Fir­le­fan­zerey!“, in der man das Aus­ster­ben eta­blier­ter deut­scher Begrif­fe beklag­te. Inwie­fern die­se Grup­pe in ande­ren „sozia­len Netz­wer­ken“ wei­ter­lebt, weiß ich nicht; ich gehe aber davon aus, dass eine Nomi­nie­rung von „Fir­le­fanz“ gute Chan­cen auf ein posi­ti­ves Votum haben wür­de. Viel­leicht ver­su­che ich gedie­ge­ner Schelm das näch­stes Jahr mal.

Ein Gutes hat die Kür von „Babo“ aller­dings: „Yolo“, das ekli­ge „Wort“ des Jah­res 2012, wird nun, da es nicht mehr cool ist, aus dem all­täg­li­chen Sprach­ge­brauch ver­schwin­den.

Chab­os wis­sen das.

Montagsmusik
Emi­nem – Berz­erk

Was macht eigent­lich Emi­nem gera­de so?

Nun, nach diver­sen Ent­zugs­ku­ren immer noch Rap. Und womit könn­te so ein Mon­tag bes­ser begin­nen als mit einem Beleg die­ses Tuns? (Nicht mein bevor­zug­tes Schaf­fen: Rhe­to­ri­sche Fra­gen stel­len und gar nicht so mei­nen.)

Emi­nem – Berz­erk Live For BBC Radio 1

May­hem to the a.m.

Guten Mor­gen!

PolitikIn den Nachrichten
Alle Jah­re wie­der… / Hihi: Poli­ti­ker reden über gei­sti­ges Eigen­tum.

Pünkt­lich zur Weih­nachts­zeit wird das gei­sti­ge – laut Duden-Ver­lag „nur gedach­te, allein in der Vor­stel­lungs­welt vor­han­de­ne“ – Eigen­tum wie­der ange­mes­sen geschützt:

Das nie­der­län­di­sche GEMA-Pen­dant hat eine Grund­schu­le heim­ge­sucht, weil sie gehört hat­ten, dass die Weih­nachts­lie­der spie­len. Dafür hat­ten sie kei­ne Auf­führ­rech­te.

Aus unbe­kann­tem Grund haben sich über die­se ange­mes­se­ne Reak­ti­on auf drei­ste Ver­let­zung von Urhe­ber­rech­ten sei­tens der auf ihre kind­li­che Unschuld pochen­den Raub­ko­pier­ter­ro­ri­sten meh­re­re Leu­te empört, was nur dar­an lie­gen kann, dass sie über die recht­li­che Lage in den Nie­der­lan­den nicht infor­miert schei­nen. In wei­ser Vor­aus­sicht hat die abzu­wäh­len­de deut­sche Regie­rung in spe den Plan gefasst, Empö­run­gen zumin­dest im eige­nen Land mit­tels Auf­klä­rungs­kam­pa­gnen vor­zu­beu­gen:

Das Bewusst­sein für den „Wert gei­sti­gen Eigen­tums“ in der Gesell­schaft müs­se gestärkt wer­den. (…) Die geplan­te gro­ße Koali­ti­on will zum Errei­chen die­ses Ziels „ent­spre­chen­de Maß­nah­men unter­stüt­zen“. Ob es sich dabei um eine Ver­pflich­tung für Pro­vi­der han­deln könn­te, Warn­hin­wei­se an die Nut­zer zu schicken und dafür den Netz­ver­kehr groß­flä­chig zu über­wa­chen, las­sen die Kul­tur­po­li­ti­ker offen.

Wenn’s halt schon nicht für eige­ne gei­sti­ge Lei­stun­gen genügt.


Für Leu­te mit star­kem Magen: Wei­te­re Grün­de zum Aus­wan­dern (zum Bei­spiel in die Schweiz) für jeden­falls vier Jah­re wer­den hier gesam­melt.

In den NachrichtenComputer
Pri­vat( )fern­se­hen

Die Fir­ma LG, die sonst total tol­le Tech­ni­ken wie „HbbTV“ (so eine Art unge­si­cher­tes Fern­be­die­nungs­sy­stem) in ihre Fern­se­her ein­baut, erklärt der Welt end­lich, war­um die „Pri­vat­sphä­ren­ein­stel­lung“ von Fern­se­hern gar nichts mit der Pri­vat­sphä­re des Kon­su­men­ten zu tun haben muss:

Jason Hunt­ley aus Groß­bri­tan­ni­en hat ent­deckt, dass sein LG-Fern­se­her Daten über Pro­gramm­wech­sel und sogar die Video­da­tei­na­men eines ange­schlos­se­nen USB-Sticks an einen Ser­ver schickt. Das pas­sie­re auch, wenn im Menü die Pri­vat­sphä­re-Ein­stel­lung akti­viert sei, so Hunt­ley.

Als er das süd­ko­rea­ni­sche Unter­neh­men kon­tak­tier­te, erhielt er nach eige­nen Anga­ben die Ant­wort, dass er den Lizenz­be­din­gun­gen von LG zuge­stimmt habe, die beinhal­te­ten, dass Daten an das Unter­neh­men zurück­ge­schickt wür­den.

Das war natür­lich aber alles nur ein bedau­er­li­ches Miss­ver­ständ­nis, der Feh­ler wer­de dem­nächst natür­lich beho­ben. Aber war­um möch­te LG eigent­lich all die­se Daten ein­se­hen kön­nen?

LG bewirbt in einem Video die Funk­ti­on LG Smart Ad. Damit kön­nen Wer­be­trei­ben­de Anzei­gen in der Smart-TV-Ober­flä­che ein­blen­den. Im Video heißt es:

„LG Smart Ad ana­ly­siert die Lieb­lings­pro­gram­me des Nut­zers, des­sen Onlin­ever­hal­ten, Such­wor­te und ande­re Infor­ma­tio­nen, um dem Ziel­pu­bli­kum rele­van­te Wer­bung zu zei­gen.“

Kauft unse­re Fern­se­her! Jetzt auch mit rele­van­ter kosten­lo­ser Wer­bung zwi­schen den Wer­be­blöcken!

In der ver­blei­ben­den Vier­tel­stun­de des dies­jäh­ri­gen Welt­tags der Phi­lo­so­phie soll­ten wir uns alle eine Fra­ge stel­len: Was sagt der Erfolg von LG-Fern­se­hern über uns als Gesell­schaft aus?

Sind wir wirk­lich so bescheu­ert?

ProjekteNerdkrams
ZenT­weet. Twit­tern für’s Kar­ma.

Twit­ter nervt?

Alles dort geht im wei­ßen Rau­schen unter, in all den Erwäh­nun­gen und Direkt­nach­rich­ten und Ret­weets und Ret­weets von Ret­weets und Hash­tags und Dia­lo­gen und bun­ten Bil­dern?

ZenT­weet ist die Lösung. Kein Rau­schen. Nur ihr und eure time­line.

Twit­ter als Dada-Kunst­werk. Twit­ter, wie es sein soll­te.

Quell­code? Fragt mich.

Allen ande­ren: Viel Spaß.

Netzfundstücke
Hun­dert Pro­zent

100% GratisNach­dem Wer­be­trei­ben­de sich frü­her noch mit wenig­stens halb­wegs the­men­be­zo­ge­nen Vor­tei­len eines anzu­prei­sen­den Pro­dukts („er läuft und läuft und läuft“) zufrie­den­ge­ge­ben haben, wenn es dar­um ging, irgend­ei­nen bil­li­gen Quatsch mög­lichst breit­flä­chig im Volk zu ver­tei­len, scheint es ihnen heu­te schwer­zu­fal­len, die­ses eini­ger­ma­ßen bewähr­te Kon­zept auf­recht­zu­er­hal­ten.

Heut­zu­ta­ge, da die Indu­stria­li­sie­rung und Digi­ta­li­sie­rung die Men­schen bequem und unin­no­va­ti­ons­freu­dig wer­den ließ, schei­nen neue Pro­duk­te ein­fach nicht mehr genug Vor­tei­le gegen­über Bestehen­dem zu bie­ten. Auf dem Wasch­mit­tel­markt war schon Mit­te der 1960-er Jah­re klar, dass mit der Eigen­schaft, noch wei­ßer als weiß (im Hexa­de­zi­mal­code also wahr­schein­lich #GGGGGG) zu waschen, das Non­plus­ul­tra erreicht sein dürf­te, in ande­ren Bran­chen sieht es wohl sel­ten völ­lig anders aus. Fin­di­ge Wer­ber ent­deck­ten also schon bald die Kosten­los­kul­tur (lan­ge vor dem bösen „Inter­net“) für sich: Wenn man schon kein bes­se­res Pro­dukt mehr bie­ten konn­te, dann soll­te das Nach­fol­ge­pro­dukt – war­um auch immer ein sol­ches über­haupt benö­tigt wur­de – wenig­stens aus Preis­grün­den ähn­lich zahl­reich ver­kauft wer­den kön­nen.

Bis zur näch­sten Devo­lu­ti­on hat es dann tat­säch­lich ein paar Jahr­zehn­te gedau­ert. Irgend­wann in den letz­ten Jah­ren wur­de den Ver­mark­tern aber auch das kosten­lo­se Pro­dukt, das die Opti­mal­lei­stung über­trifft, zu wenig attrak­tiv, wes­halb sie dazu über­ge­gan­gen sind, auch die Kosten­lo­sig­keit einer Hyper­la­ti­vie­rung zu unter­zie­hen: Selbst die Web­site des OpenOffice.org-Projekts bewarb die ent­wickel­ten Pro­gram­me zeit­wei­se als 100 Pro­zent gra­tis.

Die­sen Wert soll­te man hier­bei in Rela­ti­on set­zen zu „0 % gra­tis“ (eine Yacht), „ein biss­chen gra­tis“ (Wer­be­pro­spek­te) und „nor­mal gra­tis“ (die Extra­por­ti­on Nutel­la in die­sen gro­ßen Glä­sern), um ihn voll­stän­dig zu begrei­fen. Kau­fen Sie unser Pro­dukt, es ist ein­und­zwan­zig Pro­zent gra­tis­er als das Kon­kur­renz­pro­dukt.

Wie lan­ge es dau­ert, bis auch die­ses noch per­fek­te­re Pro­dukt wei­ter per­fek­tio­niert wird, wer­den wir, fürch­te ich, noch erle­ben. Ich habe ein biss­chen Angst vor der fol­gen­den Ite­ra­ti­on.

Da hab‘ ich aber eine Stau­ne.
Die­ter Hil­de­brandt, 1927 – 2013

NetzfundstückeIn den NachrichtenMir wird geschlecht
Welt­toi­let­ten­tag 2013

Ei, zum Glück ist heu­te Welt­toi­let­ten­tag und nicht etwa Inter­na­tio­na­ler Män­ner­tag, sonst fän­de ich die gest­ri­gen Nach­rich­ten doch eher zynisch:

End­lich, die Frau­en­quo­te kommt

Heu­te wird im Inter­net dann aller­dings lie­ber brav gebloggt:

Ziel­ge­rich­tet, selbst­be­wusst, aber auch sen­si­bel und kin­der­lieb – der per­fek­te Mann ist für vie­le Frau­en ein Alpha-Sof­tie.

Wenig­stens die taz berich­tet über heu­ti­ge Fei­er­lich­kei­ten, und zwar, ähm:

Frau­en­eh­rung am Män­ner­tag – Seit einem Vier­tel­jahr­hun­dert bil­det bel­la­don­na Frau­en

:facepalm:

Zum Glück ist heu­te Welt­toi­let­ten­tag und nicht etwa Inter­na­tio­na­ler Män­ner­tag, sonst wäre es natür­lich undenk­bar, dass die ARD zur Fei­er des Tages einen Bericht­erstat­ter los­schickt, der das Männ­lich­sein ein für alle­mal als Testo­ste­ron­be­sit­zen, Bier­trin­ken und Auto­fah­ren zemen­tiert, damit so ein Mann auch weiß, wie er gefäl­ligst zu sein hat. Der Betrach­ter macht’s Fuß­ball­ge­sicht.

Zum Glück ist heu­te Welt­toi­let­ten­tag und nicht etwa Inter­na­tio­na­ler Män­ner­tag, sonst wäre ich doch ein wenig erbost über das Andrea Schel­bert, die heu­te statt des übli­chen „Män­ner sol­len x tun, wenn eine Frau das will“ aus­nahms­wei­se mal „Män­ner sol­len y tun, wenn eine Frau das will“ ins Inter­net rein­schreibt.

Zum Glück ist heu­te Welt­toi­let­ten­tag. Gleich mal rein­kot­zen.