Nachdem Werbetreibende sich früher noch mit wenigstens halbwegs themenbezogenen Vorteilen eines anzupreisenden Produkts (“er läuft und läuft und läuft”) zufriedengegeben haben, wenn es darum ging, irgendeinen billigen Quatsch möglichst breitflächig im Volk zu verteilen, scheint es ihnen heute schwerzufallen, dieses einigermaßen bewährte Konzept aufrechtzuerhalten.
Heutzutage, da die Industrialisierung und Digitalisierung die Menschen bequem und uninnovationsfreudig werden ließ, scheinen neue Produkte einfach nicht mehr genug Vorteile gegenüber Bestehendem zu bieten. Auf dem Waschmittelmarkt war schon Mitte der 1960-er Jahre klar, dass mit der Eigenschaft, noch weißer als weiß (im Hexadezimalcode also wahrscheinlich #GGGGGG) zu waschen, das Nonplusultra erreicht sein dürfte, in anderen Branchen sieht es wohl selten völlig anders aus. Findige Werber entdeckten also schon bald die Kostenloskultur (lange vor dem bösen “Internet”) für sich: Wenn man schon kein besseres Produkt mehr bieten konnte, dann sollte das Nachfolgeprodukt — warum auch immer ein solches überhaupt benötigt wurde — wenigstens aus Preisgründen ähnlich zahlreich verkauft werden können.
Bis zur nächsten Devolution hat es dann tatsächlich ein paar Jahrzehnte gedauert. Irgendwann in den letzten Jahren wurde den Vermarktern aber auch das kostenlose Produkt, das die Optimalleistung übertrifft, zu wenig attraktiv, weshalb sie dazu übergegangen sind, auch die Kostenlosigkeit einer Hyperlativierung zu unterziehen: Selbst die Website des OpenOffice.org-Projekts bewarb die entwickelten Programme zeitweise als 100 Prozent gratis.
Diesen Wert sollte man hierbei in Relation setzen zu “0 % gratis” (eine Yacht), “ein bisschen gratis” (Werbeprospekte) und “normal gratis” (die Extraportion Nutella in diesen großen Gläsern), um ihn vollständig zu begreifen. Kaufen Sie unser Produkt, es ist einundzwanzig Prozent gratiser als das Konkurrenzprodukt.
Wie lange es dauert, bis auch dieses noch perfektere Produkt weiter perfektioniert wird, werden wir, fürchte ich, noch erleben. Ich habe ein bisschen Angst vor der folgenden Iteration.
Da hab’ ich aber eine Staune.
Dieter Hildebrandt, 1927 — 2013

Senfecke:
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