PolitikIn den Nachrichten
Medienkritik LXXXIII: Drogen und Klassenkampf / Mit dem Speaker auf die Straße

Für “Cicero”, “Mag­a­zin für poli­tis­che Kul­tur”, das gele­gentlich auch mal hochrangige Vor­denker der deutschen Medi­en­land­schaft, etwa Kai Diek­mann (“BILD”), zu Wort kom­men lässt, schrieb der “Pub­lizist und Speak­er” (sic!) Matthias Heit­mann gestern ins Inter­net, was die F.D.P. sein­er Mei­n­ung nach tun müsse, um dem Lib­er­al­is­mus in diesem Land wieder ein größeres Gewicht zu ver­lei­hen. Matthias Heit­manns aktuelles Buch heißt “Mythos Dop­ing”. Ich erkenne den Zusam­men­hang.

Schon die Über­schrift erschw­ert es mir, die Hand von der Stirn zu bekom­men:

Lib­erale, lasst euch als Staats­feinde beschimpfen!

Nehmen wir an, dass die F.D.P. als Partei der Gut­si­tu­ierten diese Anrede nicht auf sich beziehen lässt, was ander­er­seits sowieso fern­liegt, dann ist diese Auf­forderung zweck­frei. Lib­er­al­is­mus heißt immer auch Frei­heit von zu viel Staat. Lib­er­al­is­mus ist insofern definiert als eine milde Feind­seligkeit “dem Staat” gegenüber. Ich fände diesen Vor­wurf sehr fre­undlich und würde ihn nicht als Beschimp­fung wahrnehmen, aber Matthias Heit­mann glaubt ja auch, das ver­sam­melte Kap­i­tal der F.D.P. sei ein Vertreter dessen, was er Lib­er­al­is­mus nen­nt. Nun, “-ismus” stimmt.

Anfangs hat Herr Heit­mann ja nicht mal Unrecht:

Der Nieder­gang der FDP bietet all jenen eine Chance, die aufk­lärerische Werte wie Frei­heit, Selb­st­bes­tim­mung und Fortschrit­tlichkeit ernst nehmen.

Dann biegt er aber völ­lig falsch ab:

Wann kann die Neubes­tim­mung dessen, was Frei­heit und Human­ität im 21. Jahrhun­dert aus­machen, bess­er vor­angetrieben wer­den als in ein­er Sit­u­a­tion, in der wed­er Koali­tion­szwang noch falsch ver­standenes Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­sein einen solchen Prozess läh­men kön­nten? Wie kann diese Klärung bess­er gelin­gen als in der direk­ten und unvor­ein­genomme­nen poli­tis­chen Auseinan­der­set­zung mit den Men­schen auf der Straße? (…) Die außer­par­la­men­tarische Zukun­ft frei­heitlich­er demokratis­ch­er Poli­tik kön­nte wie ein Elek­troschock auf den deutschen Lib­er­al­is­mus wirken: poten­ziell tödlich, aber eventuell auch leben­sret­tend.

Man kann den Koali­tion­szwang natür­lich als notwendi­ges Übel begreifen und sein Ende durch Auss­chei­den aus dem Bun­destag als Voraus­set­zung betra­cht­en, den Lib­er­al­is­mus wieder zu Wort kom­men zu lassen; man kann ihn aber auch als die allzu bequeme Ausrede betra­cht­en, seinem aufk­lärerischen und unbe­que­men Geist keine Plat­tform zu bieten, die er nun mal ist. Solche Wahrheit­en aufzuzeigen wäre aber wahrschein­lich zu aufk­lärerisch, zu lib­er­al für Matthias “Dop­ing” Heit­mann.

Ein wenig Rev­o­lu­tion­s­geist schlum­mert indes dur­chaus in ihm, immer­hin befür­wortet er die Auseinan­der­set­zung auf der Straße und nen­nt die Rolle als “APO” einen poten­ziell leben­sret­ten­den Elek­troschock. Welche Farbe trägt eigentlich der lib­erale Schwarze Block? (Und wom­it bewirft er Polizis­ten — mit Schriften von Adorno?)

Matthias Heit­mann will sowieso keinen Lib­er­al­is­mus im Par­la­ment:

Poli­tis­ches Frei­heits­denken kann heute eigentlich nur außer­par­la­men­tarisch entste­hen, denn es muss als Gege­nen­twurf zum herrschen­den Zeit­geist neu gedacht wer­den.

Der herrschende Zeit­geist ist, glaubt man den Medi­en, eine all­ge­meine Unzufrieden­heit mit der Poli­tik als solch­er. Der Lib­er­al­is­mus als Gege­nen­twurf würde also Dul­dung oder Aver­sion propagieren, und das außer­par­la­men­tarisch, son­st funk­tion­iert es nicht. Schöne Demon­stra­tio­nen sind denkbar: “Wir sind hier und wir sind leise, denn wir haben eine Meise.”

Ach, nein, nicht ganz:

Dieser Zeit­geist zeich­net sich durch ein tief­sitzen­des Mis­strauen gegenüber den Men­schen, ihren Fähigkeit­en, Absicht­en und Poten­zialen aus.

Kon­ser­v­a­tive Poli­tik bilde fol­glich den Zeit­geist ab. Lib­er­al­is­mus als außer­par­la­men­tarische Über­win­dung der vox pop­uli zu definieren ist möglich, aber mutig. Was dieses Mis­strauen zur Folge hat (“Frei­heit­srechte”, “bevor­mundet”, “kollek­tive Schutzhaft” und so weit­er und so fort), bekommt Matthias Heit­mann dann jeden­falls so ein­drucksvoll aufgezählt, dass es mich schaud­ert. Zumin­d­est könne aber die F.D.P. nichts für ihr eigenes poli­tis­ches Abseits, in das sie sich mit einem men­schen­fer­nen Selb­stver­ständ­nis manövri­ert hat, son­dern die da sind schuld, Herr Lehrer:

Wenn aber die ehe­ma­li­gen Großkon­tra­hen­ten (SPD und CDU, A.d.V.) aus Man­gel an Per­spek­tiv­en enger zusam­men­rück­en, bleibt in der Mitte keine Luft zum Atmen.

Die F.D.P., jahrzehn­te­lange Kon­stante im Bun­destag, zer­drückt von zwei Parteien, die das nicht etwa aus Machter­halts­grün­den, son­dern aus Man­gel an Per­spek­tiv­en tat­en. Man möchte sie beina­he knud­deln. Ganz, ganz fest.

Näch­ste Seite. Kotzeimer präzise platzieren.

Das Pos­i­tive an der Entwick­lung ist, dass sie dem Frei­heits- und Entwick­lungs­drang der Men­schen auf lange Sicht nichts anhab­en kann.

Dieser Frei­heits- und Entwick­lungs­drang der Men­schen man­i­festiert sich mehrheitlich darin, dass sie sich bei Wahlen für eine der bei­den großen Volksparteien entschei­den. Alle paar Jahre darf man als Men­sch auch mal poli­tisch sein. Wider­ling Hans-Peter Friedrich wird’s freuen, er bleibt voraus­sichtlich weit­ere vier Jahre Chef­pro­pa­gan­dist der Bun­desregierung. In anderen Län­dern hätte man ihn schon vor Jahren an die näch­ste Lat­er­ne gehängt. Frei­heit ist aber immer die “Frei­heit des Ander­s­denk­enden” (Rosa Lux­em­burg, erschossen), und einen anders (i.e. wenig bis über­haupt nicht) Denk­enden wie Hans-Peter Friedrich diskri­m­iniert man doch als aufgek­lärter Bürg­er nicht. Haupt­sache, die Sports­chau läuft.

Ein biss­chen Real­ität muss schon sein:

Ob sich dieser Drang kün­ftig mit dem Wort „Lib­er­al­is­mus“ verknüpfen wird, erscheint indes unre­al­is­tisch.

Der Unter­schied zwis­chen “ob” und “dass” kann so einem Pub­lizis­ten ja eigentlich auch wurscht sein; nehmen wir an, er hätte “dass” geschrieben, wäre das jeden­falls nicht gram­matikalisch, son­dern nur inhaltlich Quatsch. Neolib­er­al­is­mus und Lib­er­al­is­mus klin­gen ähn­lich, haben aber prinzip­iell erst mal nicht viel miteinan­der zu tun. Ich wieder­hole mich: Lib­erale Parteien entste­hen immer dann, wenn es sie nicht gibt. Die Deutsche Freisin­nige Partei, die Piraten­partei und zulet­zt die Alter­na­tive für Deutsch­land ent­standen aus einan­der ähn­lichen Ide­alen her­aus, näm­lich zur Stärkung der Bürg­er­rechte der jew­eili­gen Klien­tel, die bis dahin schlicht keine aus­re­ichend starke lob­by hat­te.

Besagte lob­by müsse sich, schwafelt Matthias Heit­mann des Weit­eren daher, sowieso erst ein­mal neu auf­stellen:

Wahrschein­lich wer­den die ver­schiede­nen Ideen zum The­ma Frei­heit anders gewichtet und neu gemis­cht. Wenn sich also die Ver­fechter ein­er demokratis­chen und offe­nen Gesellschaft kün­ftig wieder Gehör ver­schaf­fen wollen, soll­ten sie aufhören, sich als klas­sis­che „Lib­erale“ und somit als Puffer zwis­chen zwei Parteien zu posi­tion­ieren, die gar keinen Puffer benöti­gen.

Für Matthias Heit­mann beste­ht der klas­sis­che Lib­er­al­is­mus darin, den Kom­pro­miss zwis­chen pro­gres­siv und kon­ver­v­a­tiv herzustellen, was allein schon reichen sollte, um aufzuzeigen, dass Matthias Heit­mann den Lib­er­al­is­mus nicht ver­standen hat (oder ver­ste­hen will). Die F.D.P. als repräsen­ta­tives Beispiel für den “klas­sis­chen Lib­er­al­is­mus” — eine Partei der Mitte?

Lib­er­al­is­mus ist vielmehr die poli­tis­che Man­i­fes­ta­tion der gesellschaftlichen Aufk­lärung, mithin pro­gres­siv­er Wille zur Umgestal­tung zugun­sten ein­er wie auch immer ger­ade bevorzugt definierten Frei­heit. Wenn man unbe­d­ingt alles in das seit über fün­fzig Jahren nicht mehr poli­tisch rel­e­vante Links-Rechts-Schema pressen will, dann trifft es vielle­icht diese Darstel­lung: Der Lib­er­al­is­mus befind­et sich grund­sät­zlich links vom linken Rand — ganz ohne Bier und Trillerpfeifen. Mmmh, Puffer!

Die poli­tis­che Mitte ist beset­zt und mithin kein zukun­fts­fähiger Ort, schon gar nicht für eine poli­tis­che Geis­te­shal­tung, die in Zeit­en der per­spek­tivlosen Zwangskollek­tivierung und des ängstlichen Zusam­men­rück­ens der Gesellschaft das uner­hörte Ziel proklamiert, die Frei­heit und die Kreativ­ität des Indi­vidu­ums sowie dessen kon­struk­tives Wirken für das Gemein­we­sen zu stärken.

Ein großar­tiger Satz, zumin­d­est struk­turell. (Holen Sie doch zwis­chen­durch mal Luft, Herr Heit­mann!) Schon wieder sehe ich mich aber gle­ich­sam überzeugt von dem Umstand, dass Lib­er­al­is­mus in der “Mitte” nichts zu suchen hat. Wer in der “Mitte” Lib­er­al­is­mus zu find­en glaubt, der hat falsch gesucht. Wass­er ist nass und Lib­er­al­is­mus gehört nicht in die “poli­tis­che Mitte”. D’ac­cord und siehe oben! Das war’s dann aber auch schon wieder mit der Zus­tim­mung: “Zwangskollek­tivierung und ängstlich­es Zusam­men­rück­en” ein­er Gesellschaft, deren Ange­hörige in Stand und Ide­olo­gie so divers sind wie seit Jahren nicht mehr, kann es geben, ist aber in Deutsch­land, das nur aus Feigheit und/oder Bequem­lichkeit (“Kon­sens der Demokrat­en”, kommt gle­ich noch) ständig einem schw­eren Bürg­erkrieg entrin­nen kann, schlichtweg Utopie. Ein Kli­ma der Angst herrscht vor, aber keines, das die Men­schen zusam­men­rück­en lässt. Ganz im Gegen­teil!

Wenn man in Zukun­ft von den Men­schen als eine tat­säch­lich eigen­ständi­ge, prinzip­i­en­starke und wider­borstige Kraft der Frei­heit wahrgenom­men wer­den will, wird man den Mut entwick­eln müssen, sich für frei­heits­feindliche Parteien (…) als „nicht koali­tion­swillig“ zu präsen­tieren.

Das hat die Piraten­partei erfol­g­los ver­sucht, ein­er anderen Partei wird das ganz bes­timmt bess­er gelin­gen: “Wählt uns, wir wollen entwed­er allein oder gar nicht regieren.” Weiß der Wäh­ler, dass er das will? Plumpe Wider­borstigkeit — “der kleine Chelm ist ein Wider­porst!”, Das Leben des Bri­an — ist bloßes Dage­gen­sein, und wer zwar kon­se­quent gegen irgen­det­was ist, aber zu benen­nen ver­säumt, was er als Alter­na­tive bevorzugte, der ver­liert nicht nur Zeit, son­dern auch noch Ser­iösität. Die Antifa nimmt ja auch nie­mand außer ihren Zöglin­gen mehr ernst.

Der soge­nan­nte „Kon­sens der Demokrat­en“ ist der poli­tis­che Unter­gang für alle jene, die Demokratie als dynamis­chen Wettstre­it um die besten Ideen und Konzepte und nicht als ideen­los­es Stag­na­tion­s­man­age­ment begreifen. Der Mut, unbe­queme Wahrheit­en offen auszus­prechen und nicht mehrheits­fähige Stand­punk­te zu vertreten, ist dafür eben­so notwendig wie die Bere­itschaft, von diesen keinen Mil­lime­ter abzurück­en.

Hier schließt sich Matthias Heit­mann dem anderen großen Lib­eralen im Land an:

Das muss man in Deutsch­land noch sagen dür­fen. Alles andere ist Sozial­is­mus.
Gui­do West­er­welle

Tat­säch­lich sollte es dem Lib­er­al­is­mus auch darum gehen, ver­meintliche Denkver­bote zu über­winden. (Die Piraten­partei han­delt entsprechend etwa in Bezug auf das Urhe­ber­recht.) Dazu zählt aber auch das ver­meintliche Denkver­bot, dass es Denkver­bote gar nicht gibt. Denken dürft ihr, wonach euch ger­ade der Sinn ste­ht — nur äußern dürft ihr eben nur, was das Gesetz hergibt. Darüber soll­tet ihr recht froh sein, denn unge­hin­dertes Sprechen ist manch­mal nur für den Sprech­er lustig, und das seid nicht immer ihr. (Es sei denn, ihr seid eine Frau; in diesem Fall nehme ich das umge­hend zurück.)

Kon­sens als Antag­o­nist des Wettstre­its um Ideen ist im Übri­gen auch ein inter­es­santes, aber schwachsin­niges Bild. Wenn im Wettstre­it um Ideen und Konzepte keine Eini­gung (kein Kon­sens) erzielt wird, dann wird keine der Ideen und keines der Konzepte je mehrheit­stauglich umge­set­zt wer­den. Das Behar­ren auf der jew­eils eige­nen Überzeu­gung als star­res Schema wider kon­trär­er Posi­tio­nen ist zwar anar­chisch (im pos­i­tiv­en Sinne), hat aber mit Demokratie nicht mehr viel zu tun. Es gilt schließlich die Mehrheit zu überzeu­gen und nicht mit ein­er großar­ti­gen Idee zu scheit­ern. Zu mei­den sind Kom­pro­misse, zu erzie­len aber der Kon­sens. Na, sind bei­des Fremd­wörter mit “Ko” vorne dran. Kann ja mal vorkom­men.

Es gilt, inhaltlich die Spreu vom Weizen zu tren­nen

…, “Cicero” also von anderen Mag­a­zi­nen.

[V]iele Stand­punk­te, die heute vom Zeit­geist der poli­tis­chen Kor­rek­theit ver­achtet wer­den, sind lib­erale Stand­punk­te: sei es das Anstreben von gesellschaftlichem Fortschritt und wirtschaftlichem Wach­s­tum, sei es das Ver­trauen in die Frei­heits- und Entwick­lungs­fähigkeit der Men­schen, sei es die Abkehr von den pop­ulären Öko-Mythen wie der Über­bevölkerung oder der Endlichkeit der Ressourcen

Was Ökolo­gie mit poli­tis­chem Lib­er­al­is­mus zu tun hat, weiß wahrschein­lich — sofern denn über­haupt — nur Matthias Heit­mann. Wirtschaftlich­es Wach­s­tum jeden­falls, Kernkom­pe­tenz der F.D.P., sei kein “lib­eraler Stand­punkt”, hat­te er anfangs noch pos­tuliert. Aber das ist ja schon wieder eine ganze Seite her.

Wer heute human­is­tisch argu­men­tiert, wird sich damit abfind­en müssen, von den Mehrheit­en als „radikal“, „ver­ant­wor­tungs­los“, „unsozial“ und eventuell sog­ar als „Staats­feind“ beze­ich­net zu wer­den und mit Leuten in einen Topf gewor­fen zu wer­den, mit denen man nichts zu tun haben will.

Mit welchen Leuten wird man denn “in einen Topf gewor­fen”, wenn man “Radikalhu­man­is­mus” (wie auch immer der definiert ist) ver­tritt? Hof­fentlich nicht mit Ihnen, Herr Heit­mann. Das wäre furcht­bar. Dass Human­is­mus staats­feindlich sei, ist zumin­d­est im gegebe­nen ökonomisch geprägten Deutsch­land prinzip­iell richtig, aber etwas, was wohl nur von denen als neg­a­tives Urteil emp­fun­den würde, mit denen wiederum ich nicht einen Topf teilen möchte, zum Beispiel Hans-Peter “es ist alles in Ord­nung” Friedrich. Insofern auch hier Ein­spruch:

Daraus aber die Notwendigkeit zur Anpas­sung an den Main­stream abzuleit­en, hieße, sich aus Angst vor rück­wärts­gerichteten und damit wenig überzeu­gen­den Argu­menten im großen Pool der „Demokrat­en“ selb­st zu ertränken.

Lib­er­al­is­mus als Gegen­teil des wie auch immer definierten “Main­streams”, als liebenswert­er Außen­seit­er, dessen “Anpas­sung” sein Unter­gang wäre, wird hier im gle­ichen Text schon zum wieder­holten Mal um- und zum wieder­holten Mal falsch definiert. Erwäh­nte ich, dass in “Cicero” auch Kai Diek­mann schreiben darf? — Wären “rück­wärts­ge­wandte” Argu­mente “wenig überzeu­gend”, müsste nun nie­mand unter dem Ein­druck eines unver­min­dert starken Kon­ser­v­a­tivis­mus nach dem Lib­er­al­is­mus rufen; sind sie aber augen­schein­lich nicht.

Lib­erale Poli­tik, so schließt Matthias Heit­mann, müsse als etwas anderes fungieren denn als laues Fäh­nchen im Wind, näm­lich als …

(…) die einzige Stimme, die das Indi­vidu­um nicht einem imag­inären „Wir“ unterord­net, son­dern es als Kern und Träger eines dynamis­chen demokratis­chen Gemein­we­sens achtet; als die einzige Stimme, die Frei­heit nicht als Schutzraum für Unmen­schlichkeit, son­dern als zen­tralen Kern der Men­schlichkeit begreift.

Ich para­phrasiere: Sobald lib­erale Poli­tik also wieder erstarke, sei sie ihr eigen­er Geg­n­er, denn ihr ger­adezu zwang­hafter Indi­vid­u­al­is­mus ste­he ihrer Ver­bre­itung im Weg. Wenn Lib­er­al­is­mus selb­st zum “Main­stream” (also zur vorherrschen­den poli­tis­chen “Geis­te­shal­tung”) werde, sei er von sich selb­st zu bekämpfen, um die Vielfalt des “dynamis­chen demokratis­chen Gemein­we­sens” aufrechtzuer­hal­ten. Stimmt das so?

Würde ich ihm ja fast zutrauen.


Apro­pos Lib­er­al­is­mus: Mit Thorsten Wirth hat die Basis der Piraten­partei Deutsch­land heute einen “Kern­pirat­en” zum Vor­sitzen­den gewählt. Ich finde diese Wahl gut und richtig. Da der Vizevor­sitz allerd­ings an eine Frau gefall­en ist, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die üblichen Medi­en (SPIEGEL ONLINE, Süd­deutsche Zeitung und der­gle­ichen) anfan­gen, wie bei den Grü­nen von ein­er “Dop­pel­spitze” zu reden. Auch im kom­menden Jahr ist also nicht davon auszuge­hen, dass die Medi­en plöt­zlich jour­nal­is­tis­che Tätigkeit aufnehmen. Alles andere würde mich auch erschreck­en.