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Jurys wis­sen, wer gedie­gen ist!

Die Qua­li­tät des Wort­schat­zes der Jugend­li­chen habe ich hier ja schon anläss­lich man­chen Tuns belu­stigt oder bestürzt zur Kennt­nis genom­men. Die Ent­schei­dung der Wahl zum Jugend­wort des Jah­res 2013 erfüllt mich inso­fern mit gro­ßer Hoff­nung.

Die­ses Jugend­wort wird all­jähr­lich von einer Jury gekürt, der mehr­heit­lich eini­ger­ma­ßen jun­ge Leu­te (ab 13 geht’s los) ange­hö­ren, die Frau­en­quo­te beträgt etwa 61,5 Pro­zent. Die Kri­te­ri­en sind ein­leuch­tend:

Wör­ter, die ihr in die enge­re Wahl gevo­tet (sic! A.d.V.) habt, wer­den von der Jury nach fol­gen­den Kri­te­ri­en bewer­tet:

_ sprach­li­che Krea­ti­vi­tät
_ Ori­gi­na­li­tät
_ Ver­brei­tungs­grad des Wor­tes
_ gesell­schaft­li­che und kul­tu­rel­le Ereig­nis­se

(For­ma­tie­rung gering­fü­gig ange­passt.)

Dass die­se Kri­te­ri­en schon 2010 sehr frei aus­ge­legt wur­den, hat­te ich damals doku­men­tiert. In die­sem Jahr ist’s nicht bes­ser:

„Babo“ ist Jugend­wort des Jah­res 2013

„Babo“ also, das ost­ana­to­li­sche slang-Wort für „Chef“, hat es zum deut­schen „Jugend­wort des Jah­res“ geschafft. Dass es hin­ge­gen das weit häu­fi­ger gehör­te „Döner“ noch nicht in die „Top 5“ geschafft hat, über­rascht mich, erfüllt es doch die vier Kri­te­ri­en viel eher als „Babo“. Bei letz­te­rem Wort sieht es da eher mau aus:

  1. sprach­li­che Krea­ti­vi­tät: Ent­fällt. „Babo“ ist bei­spiels­wei­se so „krea­tiv“ wie „bli­mey!“ – ein gleich­wie umgangs­sprach­li­ches Wort aus einer ande­ren Spra­che mit­samt der Bedeu­tung unre­flek­tiert und unver­än­dert zu über­neh­men erfüllt kein Kri­te­ri­um, das ich an Krea­ti­vi­tät anle­gen wür­de. (Dok­tor­ar­bei­ten abzu­schrei­ben fällt ja auch nicht unter künst­le­ri­sche Frei­heit.) Krea­tiv waren allen­falls die ost­ana­to­li­schen Pre­ka­ri­er, die dem Wort „babo“ ursprüng­lich zu sei­ner in ihren Krei­sen übli­chen Bedeu­tung ver­hol­fen haben. Das waren aber ver­mut­lich eher kei­ne deut­schen Jugend­li­chen.
  2. Ori­gi­na­li­tät: Ent­fällt aus vor­be­zeich­ne­ten Grün­den.
  3. Ver­brei­tungs­grad des Wor­tes: Gemäß einer von mir durch­ge­führ­ten Kurz­stu­die in der Umgangs­spra­che der Jugend­li­chen nur als Zitat eines Herrn „Haft­be­fehl“ geläu­fig, meist jedoch völ­lig unbe­kannt.
  4. gesell­schaft­li­che und kul­tu­rel­le Ereig­nis­se: „Babo“ erfuhr auf­grund des Hip-Hop-Stücks „Chab­os wis­sen wer der Babo ist“ kurz­zei­ti­ge Beliebt­heit unter den Jugend­li­chen, deren Wort­schatz sich im Rezi­tie­ren der Hit­pa­ra­de erschöpft. Besag­tes Stück erreich­te ledig­lich Platz 30 und hielt die­sen nur eine Woche lang, einen Jugend­li­chen, der in mei­ner Gegen­wart hier­aus zitiert hät­te, konn­te ich bis­lang nicht wahr­neh­men.

Die Wahl des Wor­tes „Babo“ ist somit nicht nur blö­de, son­dern auch noch falsch. Lan­gen­scheidt eben. Mit dem Wah­rig wär‘ das nicht pas­siert. (Auf Platz 2 und 4 ste­hen mit „fame“ und „in your face“ – zählt das als ein Wort‽ – Begrif­fe, auf die im Übri­gen Ähn­li­ches zutrifft. Das fünft­plat­zier­te „haku­na mata­ta“ als Swa­hi­li-Begriff, der seit der Ver­öf­fent­li­chung des Films „Der König der Löwen“ vor bald 20 Jah­ren Teil der Jugend­spra­che ist, spot­tet hier ohne­hin jeder Beschrei­bung.)

Haku­na mata­ta / gilt stets als modern.
Timon & Pum­baa

Wen­den wir uns also amü­siert und abschlie­ßend dem dritt­plat­zier­ten Wort zu, gleich­sam dem Bron­ze­ju­gend­wort des Jah­res. Es lau­tet: „gedie­gen“.

„Gedie­gen“ stammt laut Duden aus dem Mit­tel­hoch­deut­schen und ist wahl­wei­se ein Syn­onym für „soli­de“, für „rein“ (bezüg­lich eines Metalls, adver­bi­al ver­wen­det) sowie für „wun­der­lich“, im all­täg­li­chen Sprach­ge­brauch (wenn man nicht gera­de Rein­heits­gra­de fest­zu­stel­len pflegt) kommt es meist in Ver­bin­dung mit einem Ambi­en­te und/oder des­sen Atmo­sphä­re vor. Die Jury vom Jugend­wort des Jah­res 2013 hält dage­gen, in Jugend­krei­sen ste­he „gedie­gen“ für super, cool, läs­sig (war­um statt „läs­sig“ nicht das läs­si­ge „leger“ ver­wen­det wur­de, ent­zieht sich momen­tan mei­ner Kennt­nis), und was „cool“ ist, ver­ste­hen Jugend­li­che in der Regel durch­aus. („Gedie­gen“ aller­dings – auch dies zeig­te eine mei­ner­seits durch­ge­führ­te Umfra­ge – eher nicht; was das für die Anwend­bar­keit der vor­geb­li­chen Kri­te­ri­en bedeu­tet, könnt ihr euch sicher­lich vor­stel­len. Der Online-Duden beschei­nigt „gedie­gen“ jeden­falls eine Wort­häu­fig­keit von „2 von 5“, was alle mög­li­chen Bedeu­tun­gen umfasst.)

Es gab vor eini­gen Jah­ren eine Stu­diVZ-Grup­pe namens „Obacht, du Schelm, nun ist’s genug der Fir­le­fan­zerey!“, in der man das Aus­ster­ben eta­blier­ter deut­scher Begrif­fe beklag­te. Inwie­fern die­se Grup­pe in ande­ren „sozia­len Netz­wer­ken“ wei­ter­lebt, weiß ich nicht; ich gehe aber davon aus, dass eine Nomi­nie­rung von „Fir­le­fanz“ gute Chan­cen auf ein posi­ti­ves Votum haben wür­de. Viel­leicht ver­su­che ich gedie­ge­ner Schelm das näch­stes Jahr mal.

Ein Gutes hat die Kür von „Babo“ aller­dings: „Yolo“, das ekli­ge „Wort“ des Jah­res 2012, wird nun, da es nicht mehr cool ist, aus dem all­täg­li­chen Sprach­ge­brauch ver­schwin­den.

Chab­os wis­sen das.

Senfecke:

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