PolitikFotografie
Die blau-weiß-rote Gefahr

Im Inter­net wer­den vielfach Witze über sie gemacht. Sie habe unre­al­is­tis­che Vorstel­lun­gen von der Welt, ihre überzeugten Wäh­ler seien entwed­er dumm oder geblendet, der Parteivor­stand beste­he aus Pop­ulis­ten und Schwätzern, die bewusst mit den von schlechter “Presse” geschürten Äng­sten der Bürg­er spiel­ten, um wesentliche Grundpfeil­er der frei­heitlich-demokratis­chen Grun­dord­nung aushe­beln zu kön­nen. Würde diese Partei in das europäis­che Par­la­ment gewählt, sie würde unser har­monis­ches Miteinan­der nach­haltig ins Wanken brin­gen. Von ihren einst hehren Ide­alen seien nur mehr Ver­ach­tung und heiße Luft übrig geblieben.

Auch ihre Plakate ern­ten Kri­tik: In blau-weiß-rot­er Far­bge­bung weist die Partei in großen Buch­staben — wohl für ihre tra­di­tionell eher bil­dungs­ferne Wäh­ler­schaft — auf die bevorste­hende Wahl hin und bildet gele­gentlich auch ihre Kan­di­dat­en ab, nicht ohne ein grif­figes Mot­to darunter zu hin­ter­lassen, denn ein­fache Parolen ködern auch den ein­fachen Geist, und es ist erschreck­end, dass diese Masche gemäß aktuellen Umfra­gen tat­säch­lich zu funk­tion­ieren scheint; den denk­enden Wäh­ler jedoch packt beim Anblick der Plakate allen­falls erhe­bliche Übelkeit.

Worum es geht? Na, um die SPD natür­lich.

AfSPD

(“Aus­rich­tung: Rechts”, schlägt Word­Press vor.)


Apro­pos: “Alle Macht geht vom Volke aus”? Recht­spop­ulis­tis­ch­er Scheiß, befind­en Pirat­en. Die ken­nen sich aus.

NetzfundstückeIn den Nachrichten
re:volution geht anders.

Noch bis heute dauert die diesjährige Kon­ferenz “re:publica” an, auf der die alt­bekan­nte Garde der net­zpoli­tis­chen und fem­i­nis­tis­chen Blog­ger — und David Has­sel­hoff — wie jedes Jahr öffentlichkeitswirk­sam auf ein Podi­um tritt, um sich selb­st dafür zu feiern, dass sie es ja immer schon gewusst hat, und über­flüs­siger­weise darauf hinzuweisen, dass Überwachung von Nutzern nicht in Ord­nung ist.

Das ist beson­ders amüsant, wenn man bedenkt, dass einige der dort anwe­senden Schwafler, darunter der ewige Sascha Lobo, sich selb­st in ein­er Fir­ma für gezielte Onlinewer­bung, deren Zweck es ist, Benutzer zu beobacht­en, engagierten oder bis heute engagieren. Kleine wider­wär­tige, bück­geistige Scher­gen des Großen Brud­ers, die ein Ende der großen Bebruderung ein­fordern, während sie ohne beson­dere Not einen sehr großen Teil des Webs in eine Überwachungs- und Ausspäh­mas­chine ver­wan­deln. Wie viele Leute, die ihr Geld damit ver­di­enen, Such­maschi­nen mit so genan­ntem “SEO”-Scheißdreck vol­lzumüllen, damit auch bloß kein­er auf die Idee kom­men möge, dass eine Web­site vielle­icht für Besuch­er inter­es­san­ter sein sollte als für Such­maschi­nen, sab­bernd und applaudierend im Pub­likum saßen, als Thorsten Kleinz sich über das Geschäftsmod­ell Bull­shit lustig machte, kann ich nur erah­nen.

Diese gän­zlich ironiefreie Zun­ft der Blender 2.0, deren einzig erlerntes, doch ein­träglich­es Handw­erk es ist, die Welt um sie herum gründlich mis­szu­ver­ste­hen, wird nur noch übertrof­fen von denen, die ihnen zujubeln. Endlich sagt’s mal ein­er!

Es braucht jet­zt Laut­sprech­er. Es braucht Verkäufer. Es braucht gute Verkäufer. Und Lobo ist ein­er. Beckedahl auch. Also bezahlen wir sie auch dafür, so lange sie einen guten Job machen. Und das tun sie.

Ich habe den Ver­dacht, dass die bei­den Über­allred­ner Markus Beckedahl, dessen mit­tler­weile unerträglich selb­stre­f­eren­zielles Blog namens “Netzpolitik.org” ich seit Monat­en ein­fach nicht mehr zu lesen bere­it bin, und Sascha Lobo, der sich bin­nen weniger Wochen den Tenor sein­er Kolum­nen von “Das Inter­net ist kaputt, aber ich schreibe da trotz­dem weit­er rein” zu “Das Inter­net ist gar nicht so kaputt und ich schreibe deswe­gen weit­er rein” zu verkehren nicht zu blöd war, zwar prinzip­iell bejubelt, aber nicht ein­mal mehr aufmerk­sam ange­hört wer­den. Das ist wahrschein­lich wie auf Konz­erten: Das Pub­likum klatscht bere­its, weil es weiß, wer ger­ade auftritt, und nicht erst, wenn die Dar­bi­etung gefällt. So ähn­lich ist es bei Markus Beckedahl und Sascha Lobo wahrschein­lich auch.

Nein, es braucht jet­zt keine Grün­der von Vere­inen, die sich anmaßen, für die dig­i­tale Gesellschaft zu sprechen, obwohl viele Mit­glieder dieser “Gesellschaft”, zum Beispiel ich, über­haupt nicht gefragt wur­den, ob sie das wollen. Das Netz braucht jet­zt keine Laut­sprech­er, die viel Falsches reden und nichts han­deln außer Wer­be­fir­men zu grün­den und dann in den Sand zu set­zen. Dass die Frei­heit im Inter­net ständig gefährdet ist, ist richtig, wird sich allerd­ings mit Reden und Klatschen nicht ändern.

Es braucht jet­zt Akteure, die nicht nur eine Sprechrolle ein­nehmen; solche, die ihre Stunts noch selb­st drehen. Blender, die die Falschen blenden, sind nicht in der Lage dazu, Hin­dernisse aus dem Weg zu räu­men, weil sie selb­st Hin­dernisse sind.

Aber schön, dass es mal jemand gesagt hat. Applaudieren und auf näch­stes Jahr freuen. Die Welt wird sich­er darauf warten.

In den NachrichtenNerdkrams
GitHub: Auf zum Atom?

Worauf hat die Welt denn beina­he so drin­gend gewartet wie auf einen einge­bilde­ten Berg? Richtig: Auf Atom.

Atom — ich meine aus­nahm­sweise nicht die Energiequelle — ist ein von GitHub, einem großen Anbi­eter für frem­den Quell­code aller Art, entwick­el­ter Texte­d­i­tor, der beina­he aussieht wie das recht beliebte Sub­lime Text und auch ähn­lich funk­tion­ieren soll, allerd­ings kosten­los und quellof­fen ange­boten wird. (Einen ähn­lichen Ver­such, allerd­ings mit gerin­ger­er medi­aler Aufmerk­samkeit, startete vor ein­er Weile Adobe mit Brack­ets.)

“Kosten­los” ist ja eines der Lieblingswörter von Mit­men­sch Inter­net­nutzer in sein­er Gratis­wolke. Qual­ität gern, aber lieber was geschenkt. Fol­gerichtig wird Text­Mate, eines der Vor­bilder von Sub­lime Text, in der Ver­sion 2.0 eben­falls — beze­ich­nen­der­weise auf GitHub — gratis zur Ver­fü­gung gestellt.

Ein großes Manko von Text­Mate ist, dass es auss­chließlich für Mac-OS-X-Sys­teme entwick­elt wird:; eben­so wie der Atom-Edi­tor übri­gens. Trotz­dem sind bloggende Entwick­ler (oder Gele­gen­heitsskripter) begeis­tert und freuen sich, dass sie jet­zt einen Edi­tor, der auch nicht mehr kann als seine Vor­bilder, nicht mehr müh­sam erbet­teln müssen:

Bish­er musste man um einen Beta-Key bet­teln, wenn man sich die neuste Entwick­lung aus dem Hause Github anschauen wollte.

Auch bei heise.de ist man beein­druckt:

Der auf Googles Chromi­um basierende und Node.js als Back­end nutzende JavaScript-Edi­tor soll die besten Eigen­schaften ander­er Texte­d­i­toren kom­binieren. Die Entwick­ler zogen hier den Kom­fort von Sub­lime und Text­Mate sowie die Flex­i­bil­ität und Erweit­er­barkeit von Emacs und Vim her­an, die sich aber alle­samt nur mit speziellen Skript­sprachen anpassen ließen und nicht allzu intu­itiv seien.

Nun, an ein­er Erneuerung von Vim wird ja eben­so gear­beit­et wie an Emacs-Ver­sio­nen, die das Skripten ein­fach­er machen soll­ten, etwa mit einem Wech­sel der Skript­sprache von Emacs Lisp zu Scheme. Ein Edi­tor, der die Vorteile der bekan­nten Edi­toren miteinan­der verbindet, ohne einen ihrer Nachteile zu übernehmen, klingt zwar zumin­d­est in der The­o­rie inter­es­sant, aber dafür müsste er sich erst ein­mal pos­i­tiv von anderen Edi­toren abheben.

Wom­it aber will Atom das schaf­fen?

Die Web­site sagt zum Beispiel:

Our goal is a deeply exten­si­ble sys­tem that blurs the dis­tinc­tion between “user” and “devel­op­er”.

Der Edi­tor soll also von jedem Benutzer ein­fach und kom­plett frei skript­bar sein. Das sind Vim, Emacs und der­gle­ichen zwar auch, aber sie benutzen nicht so schöne Wer­bephrasen dafür.

Atom comes loaded with the fea­tures you’ve come to expect from a mod­ern text edi­tor.

Atom bringt also alle Funk­tio­nen mit, die Edi­toren wie Notepad++ auch mit­brin­gen. Das ist wirk­lich sehr prak­tisch, aber auch nicht inno­v­a­tiv.

Wo bleiben nun die Inno­va­tio­nen? Na, weit­er oben:

Atom is a desk­top appli­ca­tion based on web tech­nolo­gies.

Tat­säch­lich: Atom basiert auf Chromi­um. Auf einem Web­brows­er. Ein Texte­d­i­tor, der auf einem Web­brows­er basiert. Ein ein­fach­es Werkzeug, das auf ein­er kom­plex­en, schw­eren Plat­tform ste­ht. Ein Texte­d­i­tor, der Face­book kann. Atome hat­te ich mir ja immer als etwas sehr Kleines vorgestellt, aber ich habe noch nie ein Atom gese­hen. Vielle­icht lag ich da falsch.

Aber die Entwick­ler haben sich auch etwas dabei gedacht, denn so kön­nen sie statt sta­tis­chen, plat­tformab­hängi­gen Codes in ihrem Texte­d­i­tor, der nur unter Mac OS X läuft, plat­tfor­munab­hängige Pakete entwick­eln, die die Leis­tungs­fähigkeit des Edi­tors enorm erhöhen. Zum Beispiel Met­rics. Met­rics ist ein wohl stan­dard­mäßig aktives Paket, das essen­zielle Edi­tor­funk­tio­nen enthält: Es sendet Benutzer­dat­en zwecks Auswer­tung an Google Ana­lyt­ics (pro­vokant gesagt also wahrschein­lich an die NSA).

Das tun andere Edi­toren tat­säch­lich meist nicht. Man kann das Paket zwar deak­tivieren — dafür aber muss es erst ein­mal aktiv gewe­sen sein. Das also sind alle Funk­tio­nen, die ich von einem mod­er­nen Texte­d­i­tor erwarte. Ob er wohl auch Texte edi­tieren kann? Die Web­site schweigt sich aus.

Der Edi­tor des 21. Jahrhun­derts, fast so groß wie OpenB­SD. Ich fand das let­zte Jahrhun­dert irgend­wie bess­er.

In den NachrichtenComputer
Placeboverkäufer gibt auf: Grippe ist zu wirksam!

Erin­nert sich noch jemand an Syman­tec?

Syman­tec ist eine dieser Fir­men, die in den späten 1990-er Jahren viel Geld damit ver­di­ent haben, dass unbe­darfte Inter­net­nutzer sich sehr leicht verun­sich­ern lassen und oben­drein der absur­den Ansicht sind, eine Soft­ware (ein Viren­scan­ner, ein Paket­fil­ter, ein anderes Betrieb­ssys­tem) wäre dazu befähigt, ihr men­schlich­es Ver­sagen — also das Klick­en auf alles, was blau und unter­strichen ist — adäquat auszu­gle­ichen. Syman­tec hat­te Fir­men wie Peter Nor­ton Com­put­ing über­nom­men und ver­trieb so jahre­lang erfol­gre­ich Soft­ware wie Nor­ton AntiVirus, die durch die höchst umständliche und fehler­be­haftete Dein­stal­la­tion Bekan­ntheit erlangten; es war eine Zeit­lang üblich, dass auf “fer­tig” gekauften Rech­n­ern bere­its werks­seit­ig ein Viren­scan­ner von Syman­tec oder McAfee instal­liert war.

Dass ein “neuer” Virus oft erst ein Jahr in freier Wild­bahn zu find­en ist, bevor solche Viren­scan­ner über­haupt von sein­er Exis­tenz erfahren, hat­ten Mitar­beit­er von Syman­tec bere­its 2012 erk­lärt. Warum man dann über­haupt noch einen Viren­scan­ner kaufen sollte, blieb unklar.

Syman­tec selb­st weiß es jeden­falls nicht, wie ver­schiedene Web­sites heute ver­melden:

Syman­tec wolle sich jet­zt auf Schaden­be­gren­zung konzen­tri­eren und Fir­men beim Umgang mit Hack­er-Angrif­f­en helfen. (…) Die Hack­er kämen ja ohne­hin ins Sys­tem, Schutz­soft­ware hälfe nicht. So scheint jeden­falls die Mei­n­ung der Syman­tec-Führung zu laut­en.

Für diese Erken­nt­nis hat Syman­tec ganze 24 Jahre gebraucht. Meinen Glück­wun­sch.


(“Geil bescheuert” — allein die Phrase schon.)

Montagsmusik
Nine Inch Nails — Piggy

Ah, Mon­tag! Immer wieder ein Genuss. Diese Woche gilt es freudig zu begrüßen!

Zum Beispiel mit Nine Inch Nails.

nine inch nails: pig­gy

Hey pig, nothing’s turn­ing out the way I planned;
hey moth­er­fuck­ing pig, there’s a lot of things I hoped you could help me under­stand.

Desil­lu­sion­iert? Quatsch. Mon­tag, das ist alles.

Guten Mor­gen!

KaufbefehleMusikkritik
Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra — Fuck Off Get Free We Pour Light on Everything

Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra - Fuck Off Get Free We Pour Light on EverythingDie Band mit dem elend lan­gen Namen, der in sein­er aktuellen Form noch nicht ein­mal der läng­ste der Bandgeschichte ist (diesen Reko­rd dürfte “Thee Sil­ver Mt. Zion Memo­r­i­al Orches­tra & Tra-La-La Band with Choir” im Jahr 2003 bis auf Weit­eres hal­ten), ist eines der unzäh­li­gen weit­eren Musikpro­jek­te, die aus dem als Dronetrio gegrün­de­ten und qua­si neben­bei weit­er­hin aktiv­en Kollek­tiv God­speed You! Black Emper­or (kurz GY!BE) her­vorgin­gen. Der “Choir” im ehe­ma­li­gen Band­na­men ist allerd­ings immer noch da, alle fünf derzeit­i­gen Band­mit­glieder bedi­enen gele­gentlich auch mal das Mikro­fon. Nach vier Jahren gibt es nun also wieder ein neues Stu­dioal­bum.

Schon auf dem Vorgänger­al­bum “Kol­laps Tradix­ionales” von 2010 reicherten die Musik­er den musikalis­chen Weltschmerz, der bis dahin über­wiegend als Schw­er­mut und Trauer daherkam, mit zorniger Verzwei­flung an; seit der Geburt von Ezra, dem gemein­samen Sohn zweier Band­mit­glieder, ist diese Verzwei­flung, wie man weiß, schier­er Wut gewichen; Wut auf die Poli­tik im Beson­deren, die dem fried­fer­ti­gen Miteinan­der der Men­schen Steine in den Weg zu leg­en pflegt. So wütend wie auf “Fuck Off Get Free We Pour Light on Every­thing” hat man Efrim Menuck seit dem “GY!BE”-Debüt “f#a#∞” von 1997 nur sel­ten gehört.

Thee Sil­ver Mt. Zion Memo­r­i­al Orches­tra — What We Loved Was Not Enough (Live at Lee’s Palace)

Die von Ezra gesproch­ene Zeile am Anfang des Albums — “We live on the island called Mon­tre­al, and we make a lot of noise because we love each oth­er!” — gibt also auch dessen Rich­tung vor: Hier wird die Liebe der Men­schen zueinan­der mit Musik vertei­digt. Vertei­digt wer­den muss sie offen­bar zumin­d­est gegen die Poli­tik, nicht gegen die Kirche, denn jüdis­ch­er Glaube bleibt eben­so ein Antrieb wie die Vater­schaft:

Lord, let my son live long enough to see that moun­tain torn down!
Aus­ter­i­ty Blues

Mit “f#a#∞”, der ver­ton­ten Apoka­lypse, hat “Fuck Off Get Free We Pour Light on Every­thing” insofern auch die Endzeit­stim­mung gemein­sam: And the day has come when we no longer feel (“What We Loved Was Not Enough”), mech­a­nisch agiert ein Men­sch in fremder Dunkel­heit eben anders. Befre­it euch, wir begießen alles mit Licht.

Großar­tige Musik.

NerdkramsPolitikNetzfundstücke
Revolutionstüten / Fensterverknappung

Wisst ihr noch, “Die Linke.” in Berlin?

Ob die Pri­vatisierung der GSW oder der inve­storen­fre­undliche Sparkassen­verkauf, ob klein­teilige Immo­biliengeschäfte über den Liegen­schafts­fonds oder die großflächige Betonierung der Spreeufer – die Berlin­er Linkspartei war sich in den let­zten Jahren für wirk­lich nichts zu schade.

“Die Linke.” gibt’s jet­zt auch mit mer­chan­dis­ing:

Privatisierung ist Raub

Im Wald, da sind die Räu­ber,
hal­li, hal­lo, die Räu­ber.
Volk­sweise


Nach­dem auch Fire­fox jet­zt Chromes desk­top­un­tauglich­es Ausse­hen adap­tiert hat, kann man bei Google über weit­ere “Opti­mierun­gen” nach­denken. So ein Browser­fen­ster stört ja nur beim Anguck­en der Web­site.

Das Ziel scheint es zu sein, den “Kioskmodus” — F11 unter Win­dows und anderen Sys­te­men — weit­ge­hend über­flüs­sig zu machen. Und was hat so ein Brows­er noch so alles, was keine Sau braucht? Klar: Die Adresse der angezeigten Web­site.

Wird schon stim­men, wenn da zum Beispiel “Sparkasse” auf dem Bild­schirm ste­ht. — Lasst doch die lästige Web­site unter der URL-Leiste auch gle­ich weg. Sicher­er Phish­ing-Schutz! :mrgreen:

PolitikIn den Nachrichten
Kurz notiert zu Joachim Gaucks jüngster Rede zur Türkei

Joachim Gauck, Türkei, Mon­tag:

Der Bun­de­spräsi­dent kri­tisiert Inter­netsper­ren [und] Pressezen­sur (…). Er spricht von ein­er Gefahr für die Demokratie (…) “[w]enn eine ver­stärk­te geheim­di­en­stliche Kon­trolle über ihr Leben angestrebt wird. Wenn Protest auf der Straße gewalt­sam unter­drückt wird, und Men­schen dabei sog­ar ihr Leben ver­lieren”.

Die Bun­desregierung, Deutsch­land, heute:

Die Bun­desregierung teilt Joachim Gaucks Kri­tik an der Türkei.

Die Bun­desregierung, das sind CDU und SPD. An bei­den Parteien kri­tisiere ich Inter­netsper­ren, Pressezen­sur, die Gefahr für die Demokratie, wenn eine ver­stärk­te geheim­di­en­stliche Kon­trolle über mein Leben angestrebt wird und wenn sie Protest auf der Straße gewalt­sam unter­drück­en.

Ich wäre ein her­vor­ra­gen­der Bun­de­spräsi­dent.

NetzfundstückeIn den NachrichtenPiratenpartei
Von hinten durch die Brust in’s Auge

Aus der beliebten Rubrik “Mit Satzze­ichen wär’s nicht passiert!”:

Von außen hinter Glas

(via @DLR_next)


Der­weil der kom­mis­sarische, zum Glück also wenig­stens weit­ge­hend unge­fährliche Bun­desvor­stand der Piraten­partei so:

Wir haben in den let­zten Tagen und Wochen die Erfahrung machen müssen, dass Äußerun­gen unser­er­seits, die eigentlich nur der Beant­wor­tung Eur­er Fra­gen dienen soll­ten, post­wen­dend in neue Kla­gen (wie erfol­gver­sprechend oder nicht sie auch sein mögen) einge­flossen sind. (…) Es wer­den keine “öffentlichen” Sitzun­gen zu “nicht öffentlichen” Sitzun­gen, son­dern die Sitzun­gen ent­fall­en ganz und wer­den durch schriftliche Berichte erset­zt.

Man ver­stößt also so lange gegen die Grund­sätze, die für einen kom­mis­sarischen Bun­desvor­stand gel­ten, etwa, dass seine Macht auf die Ein­beru­fung eines außeror­dentlichen Parteitags zur Neuwahl beschränkt ist, bis es der Basis reicht und Sank­tio­nen gefordert wer­den; das nimmt man dann zum Anlass, sich von der Basis in eine unangemessene Ecke gedrängt zu fühlen und ihr das Mit­spracherecht sukzes­sive abzuschnei­den. Wohlge­merkt: Auch dies wegen fehlen­der Hand­lungs­fähigkeit unbefugter­weise.

Im Novem­ber nan­nte ich die Wahl des Bun­desvor­sitzen­den gut und richtig. Ich beginne an mein­er Aus­sage zu zweifeln.

PolitikIn den Nachrichten
Rosa Luxemburg würde sich schämen (kurzer Nachtrag).

Falls sich übri­gens noch jemand nicht ganz sich­er darüber war, wer eigentlich zu ver­ant­worten hat­te, dass Deutsch­land in den Ersten Weltkrieg gezo­gen war: Die SPD unter Friedrich Ebert natür­lich.

Die gle­iche SPD, die sich heute ihrer ruhm­re­ichen sozialdemokratis­chen (und, was sie nicht sagt, abgeschlosse­nen) Ver­gan­gen­heit rühmt, hat­te schon vor 100 Jahren ein recht eigen­williges Bild davon, was “sozial” ist und was nicht.

(Weshalb dann auch der Ver­such des “sozial­lib­eralen” Flügels der Piraten­partei, sich an der frühen SPD zu ori­en­tieren, mir eher Sorge als Hoff­nung bere­it­et; aber so ist das Volk. Kann man nix machen.)

MontagsmusikKaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: Incura — Incura

IncuraKana­da, du unter­schätztes geografis­ches Anhängsel der USA! Was nicht alles aus dir kommt: OpenB­SD, Cobie Smul­ders, Kuchen mit Semi­kolon und Incu­ra.

Incu­ra sind ein RIO/A­vant-Quin­tett, das kam­mer­musikalis­che Ele­mente, Pro­gres­sive Met­al und Indie-Rock zu einem recht hör­baren und erstaunlich radio­tauglichen Geflecht verknüpft. Die markante Stimme von Sänger Kyle Gruninger ist eine willkommene Abwech­slung in jenen musikalis­chen Gefilden, in denen seine vier Mit­stre­it­er — mal gefäl­lig, mal ver­spielt — wildern. 2013 (hierzu­lande erst kür­zlich) erschien nach eini­gen Jahren des Bandbeste­hens bei der über­haupt recht beachtlichen Plat­ten­fir­ma Insid­e­Out das Debü­tal­bum von Incu­ra, auf dem die Band aller­lei Feines zu Gehör bringt, zum Beispiel “Who You Are”.

Who You Are — Offi­cial Music Video

Auch für Fre­unde gepflegten Gitar­renge­wit­ters ist im Übri­gen was dabei:

Incu­ra — Here To Blame Ani­mat­ed Music Video

Nicht nur an Ostern ein sehr vergnüglich­es Album.

Guten Mor­gen!

Netzfundstücke
UMG: Leck mich im Arsch!

Was passiert eigentlich, wenn man ver­sucht, mit­tels von YouTube bere­it­gestell­ter Tech­niken in einem “sozialen Net­zw­erk” wie Dias­po­ra Musik­stücke eines Kün­stlers zu “teilen”, der seit 223 Jahren tot ist?

Genau:

UMG

Das Urhe­ber­recht muss auch im dig­i­tal­en Zeital­ter sich­er­stellen, dass Men­schen von ihrer geisti­gen Arbeit leben kön­nen.
Ans­gar Hevel­ing (CDU)

(via Elias)

Musik
Mysterium Helene Fischer

Was hört eigentlich “die Jugend” heute so? Scoot­er, Aqua und Eminem wie “wir” damals? Blödsinn: Helene Fis­ch­er natür­lich.

Helene Fis­ch­er, deren Name mir bis dahin ohne zuge­höriges Gesicht schon des Öfteren begeg­net war, sah und hörte ich zum ersten Mal diese Woche auf VIVA. Wom­öglich bin ich damit etwas spät dran, aber ich will ja auch nicht jeden Fir­lefanz ken­nen müssen. Apro­pos Fir­lefanz: VIVA — die Älteren erin­nern sich vielle­icht noch — war um das Jahr 2000 herum ein hip­per Jugend­sender, auf dem den ganzen Tag schlechte Mod­er­a­toren unter Zuhil­fe­nahme dum­mer Witze groteske Pop­musik “präsen­tierten” (lies: ansagten), sozusagen so was wie YouTube ohne die musikalis­chen Licht­blicke. Und was macht Helene Fis­ch­er so für Musik? Nein, nicht etwa Synth-Pop oder son­sti­gen Dis­co­quark: Schlager.

Vielle­icht ist das auch ihrem Part­ner Flo­ri­an Sil­bereisen (“DAS Traumpaar der Schlager­szene” laut SchlagerPlanet.com; früher waren “Szenen” ja noch irgend­was, wo man drin sein wollte), den ich zumin­d­est kenne, geschuldet — jeden­falls: Ja, die deutsche Jugend, son­st nur für Alko­hol- und Dro­genexzesse, Unfälle und Kleinkrim­i­nal­ität bekan­nt, hört Schlager.

Aufmerk­same Hör­er bemerken nicht nur: Trotz des harm­losen Schlager-beats ver­birgt sich dahin­ter harte “NSFW”-Lyrik. Sil­ber­monds “Durch die Nacht” hieß und funk­tion­ierte ähn­lich; nur Die Ärzte (“Die Nacht”) durch­brachen das Muster. “NSFW” ist die gängige Abkürzung für alles, was irgend­was mit Schnack­seln zu tun hat; die Buch­staben ste­hen für “not safe for work”, “nicht sich­er für den Arbeit­splatz”, und wer ern­sthaft glaubt, sein Chef habe noch keine aus­re­ichende sex­uelle Aufk­lärung erfahren und hätte daher kein Ver­ständ­nis für der­lei, der ist bescheuert, wenn nicht gar US-Amerikan­er. Ja, die US-Amerikan­er, ein fröh­lich­es Volk voller Waf­fen, Ras­sis­mus und Dro­gen. Nur Fick­en mögen sie gar nicht, das ist ja nichts für Kinder. — Aber ich schweife ab.

Hat­te Ricky Zazikys “Du hast noch Sper­ma in den Haaren” wenig­stens einen gewis­sen Unter­hal­tungswert, so fehlt Helene Fis­ch­ers Schlagerge­dudel indes jeglich­er Reiz. Wie kommt es dann, dass sie in den Medi­en einen der­maßen großen Zus­pruch erfährt? Ganz ein­fach: Sie ist “die neue Traum­frau” (“JOLIE”), weil Män­ner es total klasse find­en, ein­er ver­heirateten Inter­pretin schlim­mer Schlager­musik den Hof zu machen; ähn­lich sieht’s wahrschein­lich auch bei Emma Stone, Schaus­pielerin in gle­ich­falls schlim­men Fil­men, aus, die jeman­dem beim Konkur­renzblatt “JOY” diesen Monat stolz mit­teilte, sie sei “total chao­tisch” (ebd.). Liebenswert: Durch­schnit­tlich attrak­tive, vergebene Frauen, die für ver­w­er­flich­es Tun zu viel Geld bekom­men und dabei noch men­schlich bleiben.

Und so lässt die “JOLIE” (“die kluge Frau ist das neue Sta­tussym­bol des Mannes”, die “JOLIE” ist also ein typ­is­ches Sin­glemagazin) in der aktuellen Aus­gabe dann auch begeis­terte Män­ner zu Wort kom­men, etwa den Stu­den­ten Kevin:

Hätte ich nicht meine Fre­undin, würde ich Helene Fis­ch­er auf der Stelle heirat­en. (…) [Meine Fre­undin] hat sog­ar Ver­ständ­nis dafür, wenn ich von ihr (Helene, A.d.V.) schwärme.

Klar, Helene Fis­ch­er ist (wahrschein­lich treu) vergeben, will das aus unerfind­lichem Grund auch bleiben und ist damit keine ern­ste Konkur­renz — da stört’s die Part­ner­in nicht so sehr. Nur zur Sicher­heit legt Heike Stein­er am Ende des Artikels noch mal nach (“Sehr wahrschein­lich pupst sie nachts auch mal unter der Bettdecke und wacht mor­gens mit Mundgeruch auf.”), damit auch die dümm­sten Leserin­nen begreifen, dass Helene Fis­ch­er kein unerr­e­ich­bares Frauenide­al darstellt; die, wie ich annehme, gle­ichen dümm­sten Leserin­nen, die am auf der gle­ichen Seite erwäh­n­ten “JOLIE”-Test unter dem Mot­to “Wie viel Helene Fis­ch­er steckt in Ihnen?” teil­nehmen, übri­gens. Tja. Und wie viel pupst eure Fre­undin so?

Das sollte gle­ich ein dop­pel­ter Tritt ins Kreuz der Frauen sein, denn junge Män­ner wollen sich heutzu­tage nicht mehr binden:

Drei Män­ner habe ich in let­zter Zeit ken­nen­gel­ernt. Alle drei Geschicht­en ende­ten, bevor sie richtig begonnen hat­ten. Was ist nur los mit den Män­nern von heute?

Dass es daran liegen kön­nte, dass Stef­fi Arend­see, die für ZEIT.de schreibt, vielle­icht ein­fach selb­st nur eine nicht beson­ders gute Part­ner­in ist, kommt ihr nicht in den Sinn: Es muss den Män­nern von heute geschuldet sein, die alle lieber eine geheimnisvolle Helene Fis­ch­er (oder Emma Stone) als eine offen­sichtlich wein­er­liche Zicke wie Stef­fi Arend­see (“Es dauerte zwanzig Minuten, bis er sich bei mir entschuldigte. Ich nahm die Entschuldigung nicht an.”, ebd.) heirat­en wollen. — Es sei doch nichts Schlimmes, “sexy zu sein” (Helene Fis­ch­er über Helene Fis­ch­er), und beschei­den oben­drein.

Ich als Mann finde Helene Fis­ch­er jeden­falls ver­glichen mit dem Trara um sie ziem­lich lang­weilig. Dass ihr Medi­en­mach­er zu wis­sen glaubt, was mich an ein­er Frau pos­i­tiv anspricht, und dieses Etwas aus­gerech­net bei Helene Fis­ch­er verortet, bere­it­et mir nicht ein­mal allzu viel Kopfzer­brechen; den Umstand hinge­gen, dass einige eur­er Leserin­nen eure lob­hudel­nde “Berichter­stat­tung” zum Anlass nehmen kön­nten, “wie Helene Fis­ch­er” (jeden­falls optisch, von Natür­lichkeit wär’ dann allerd­ings keine Spur mehr zu sehen) sein zu wollen und/oder einen Zwist mit dem Part­ner zu begin­nen, der als poten­zieller Helene-Fis­ch­er-Verehrer ja sowieso nur unfrei­willig mit aus­gerech­net ihnen liiert sind, nehme ich euch tat­säch­lich übel. (Warum ihr bei der Frage, was “Män­ner” wirk­lich wollen, niemals solche Män­ner befragt, die ausse­hen oder wenig­stens sind wie ich und die meis­ten mein­er männlichen sozialen Kon­tak­te, und woher ihr die total natür­lichen Aller­welts­bu­bis immer nehmt, die dafür her­hal­ten dür­fen, möchte ich übri­gens auch gar nicht so genau wis­sen.)

Vor Empörung höre jet­zt erst mal was von Rolf Zuck­ows­ki. Ich hab’ den hip­pen Lebensstil halt voll drauf.