Mir wird geschlechtPersönliches
Anatol und die schwachen Frauen

Wer mich schon eine Weile kennt, der weiß: So genanntes „Trollen” betrachte ich als sportlichen Wettbewerb. Das reicht als Sport in meinem Leben. Gewisse Themen laden dabei geradezu dazu ein, dass man sich sportlich mit ihnen beschäftigt.

Zum Beispiel der Feminismus.

Einer der Akteure in der wundersamen Geschichte, von der ich heute zu berichten vermag, ist Anatol Stefanowitsch, den mir eine überzeugte Feministin schon mal als unbedingte Empfehlung genannt hat, wenn es darum geht, Feminismus zu verstehen; Anatol Stefanowitsch, Professor für Sprachwissenschaft, trat 2012 in die Piratenpartei ein, um dort die Frauenquote zu heben. Kein Witz. Heute aber geht es um ein ganz anderes Portal, nämlich die deutschsprachige Wikipedia.

Diese Wikipedia wurde bereits von Geschlechtsrechtlern jeder Couleur als Schlachtfeld auserkoren. Männerrechtler finden sie „zu feministisch”, Feministinnen jammern über „zu viel Maskulismus”, was auch immer „Maskulismus” nun genau sein soll.

Ideale Voraussetzungen also, um herauszufinden, wie weit die gegenseitige Zerfleischung gehen mag.

Dabei hatte ich es zunächst noch gut gemeint. Was mir als jemandem mit, zugegeben, eher konservativer Einstellung zur deutschen Sprache ein wenig seltsam vorkam, war die Verwendung der gendergerechten Form „Studierende” in verschiedenen Hochschulartikeln; der unvergleichliche Max Goldt schrieb dazu in „Was man nicht sagt”:

Wie lächerlich der Begriff Studierende ist, wird deutlich, wenn man ihn mit einem Partizip Präsens verbindet. Man kann nicht sagen: In der Kneipe sitzen biertrinkende Studierende. Oder nach einem Massaker an einer Universität: Die Bevölkerung beweint die sterbenden Studierenden. Niemand kann gleichzeitig sterben und studieren.

Dieser Ausschnitt wird auch in der Wikipedia zitiert. Dennoch scheint es selbst dann, wenn bereits mehrfach „Studenten” im Artikel steht, einem Sakrileg zu gleichen, wenn man es wagt, das Wort „Studierende” anzufassen. Eine schrecklich ermüdende Diskussion war die Folge, aus der ein Meinungsbild mit dem Ziel der vorläufig endgültigen Klärung der Frage, wie mit dem Konflikt zwischen „Studenten” und „Studierenden” umzugehen sei, erwuchs, dessen Diskussionsseite … ach, ich brauch’s euch wohl nicht zu erläutern.

Nachdem das Meinungsbild während einer kurzen Auszeit meinerseits vor allem von einem anderen „Wikipedianer” wochenlang verbessert und erweitert wurde, wobei natürlich auch eifrige Verfechter der Partizipialform reichlich Pfeffer beigaben, entdeckten es nicht nur Leute, die mich von Twitter kannten und mir sogleich wunderliche Direktnachrichten zukommen ließen; nein, auch Anatol Stefanowitsch (der mit der Frauenquote) war sofort wieder in seinem Element:

Dass die Wikipedia ein Frauenproblem hat (nämlich: dass sie hauptsächlich, nämlich zu etwa neunzig Prozent von Männern editiert wird), ist seit Jahren Thema in den Medien. (…) [W]enn das Meinungsbild im Sinne der Initiatoren ausginge, würde das einen Verdacht bestätigen, der auch so immer wieder aufkommt: Dass die Wikipedia gar kein Frauenproblem hat, sondern ein Männerproblem (nämlich: dass unter den männlichen Editoren zu viele sind, die ein Problem mit Frauen oder wenigstens kein Problem mit einer Abwesenheit von Frauen haben.

Obwohl er als Sprachwissenschaftler eigentlich damit umgehen können sollte, verwendet Anatol Stefanowitsch hier weder in seinem ersten noch in seinem letzten Satz den Konjunktiv Präsens. Ich unterstelle Absicht. Die Netzfeministen jedenfalls applaudieren dem gelehrten Herrn. Endlich sagt’s mal einer! Hier wird also, ganz im Sinne des Feminismus’, die Meinung eines Mannes als maßgeblich angesehen, der im Namen der Frauen entscheidet, wann sie aufgrund ihres Geschlechts unterdrückt werden und wann nicht. (Allerdings versteht Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch seinen Darlegungen zufolge auch nicht, warum „Hunde und Katzen” mit „männlich und weiblich” ungefähr überhaupt nichts zu tun haben.)

Die Meinung besonnener Frauen wie Susanne Peyronnet, die sich von Herrn Stefanowitsch sexistisch unterdrückt fühlen, wird daher nicht weiter zur Kenntnis genommen. Als wüsste eine Frau besser, was eine Frau zu empfinden hat!

Hört endlich auf, uns Frauen immer wieder zu sagen, wie wir zu fühlen haben und dass wir Förderung und Schutz brauchen und ihr uns Sichtbarkeit verschaffen wollt. Das alles nehmen wir uns schon selbst. Ihr redet uns die Schwäche ein, gegen die ihr ankämpfen wollt. (…) Für sich selbst haben sie (die Autoren des Meinungsbildes, A.d.V.) schon klar ausgedrückt, dass sie das generische Maskulinum beibehalten wollen. Eine richtige Entscheidung.

Aber Anatol Stefanowitschs Anhängerschar nimmt auf Frauen wie Frau Peyronnet keine Rücksicht. Sie sind par ordre du mufti Opfer des Patriarchats und müssen aus ihrer misslichen Lage gerettet werden, ob sie das nun wollen oder nicht. So ein Anatol Stefanowitsch lässt sich ja von einer schwachen, unterdrückten und obendrein nicht ausreichend feministischen Frau nicht sagen, dass er falsch liegt – das wäre ja noch schöner. Immerhin bleibt er sich da treu.

Die Sache mit dem Meinungsbild ist tatsächlich ein wenig eskaliert; dass sich die meisten am Thema Interessierten erst konstruktiv einbringen wollen, wenn die Entwurfsphase abgeschlossen ist, habe ich nicht geahnt. Über vier Wochen Zeit, grundlegende „Fehler” im Meinungsbild aus der Welt zu schaffen, waren vielleicht zu knapp kalkuliert, sonst hätten Herr Stefanowitsch und seine Zöglinge, die jetzt begeistert gegen das Meinungsbild stimmen, wohl rechtzeitig beim Entwurf geholfen. Niemals würde ich ihm unterstellen wollen, absichtlich bis zum Beginn der Abstimmung gewartet zu haben.

Andererseits drängt sich dieser Eindruck natürlich durchaus auf.

Ich warte einfach, bis die beiden sich für irgendwas entscheiden,
und solang hör’ ich Musik.
Die Ärzte: Worum es geht

Senfecke:

  1. A.S. promovierte an der Reis-Universität? Untersucht man dort auch die Sachverhalte der umfallenden Reissäcke in China?

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