Netzfundstücke
Schuh allein macht auch nicht glücklich

Kaum ist der Papst abge­reist und auch noch vom letz­ten Pro­vinz­blatt meist für eigent­lich ganz gut befun­den wor­den, herrscht wie­der Dür­re in den Medi­en des Lan­des. Damit die über­be­zahl­ten Schmier­fin­ken aber trotz­dem irgend­wie ihr Pen­sum ablie­fern kön­nen, wech­seln sie vom so genann­ten „Jour­na­lis­mus“ kurz zur Wer­bung und ver­su­chen sich als Psychoanalytiker.

Das kon­ser­va­ti­ve Quatsch­blatt DIE WELT beschäf­tigt zu die­sem Zweck min­des­tens eine Frau, und die­se Frau darf dann heu­te auch mal Welt.de befül­len und behaup­tet auf der Basis irgend­wel­cher kru­den Stu­di­en von „eBay-Wis­sen­schaft­lern“ (ich wuss­te nicht ein­mal, dass es sol­che Per­so­nen gibt), dass Glück­lich­sein eigent­lich gar nicht so schwie­rig ist.

Denn nichts hat bei Frau­en so einen Ein­fluss auf die Zufrie­den­heit wie der Kauf von neu­en Schu­hen. Und nichts hat bei Män­nern einen der­ar­ti­gen Ein­fluss auf die Zufrie­den­heit wie zufrie­de­ne Frauen.

Glück­li­che Paa­re: Män­ner, die ihren Frau­en wöchent­lich neue Schu­he kaufen.

Die Wis­sen­schaft­ler von Ebay (das klingt wie „Der Zau­be­rer von Oz“, fin­det ihr nicht? A.d.V.) haben her­aus­ge­fun­den, dass der Bay­er (zufrie­den) 18 Pro­zent mehr schwar­ze Schu­he kauft als der Bun­des­durch­schnitt. Schwar­ze Schu­he schei­nen also schon mal etwas glück­lich zu machen.

Viel­leicht macht es auch glück­lich, einen alber­nen Dia­lekt zu spre­chen oder auch ein­fach jeden Tag frän­kisch zu früh­stü­cken: Einen Tag, der mit Weiß­bier beginnt, kann selbst mir als ein­ge­bo­re­nem Nie­der­sach­sen eigent­lich nichts mehr ver­mie­sen. (Je mehr Weiß­bier, des­to zufrie­de­ner wer­de ich. Gibt es dazu schon eine Studie?)

Und war­um sind Ham­bur­ger so zufrie­den? Ganz ein­fach: Ham­bur­ger tra­gen die höchs­ten Absät­ze (mehr als acht Zen­ti­me­ter). Und von oben betrach­tet sieht die Welt ein­fach schö­ner aus.

Und sind Ham­bur­ger also unglück­li­cher als Ham­bur­ge­rin­nen, weil sie in die­sen gesund­heits­schäd­li­chen „Schu­hen“ meist nicht lau­fen kön­nen und also auch kei­ne tra­gen? Die Autorin schweigt dazu. Einen Anhalts­punkt lie­fert viel­leicht das „Modell Blow“, das als eines der Bei­spie­le für weib­lich ori­en­tier­tes Schuh­werk den Arti­kel „ziert“:

Das Modell „Blow“ stellt eine gebück­te Frau dar. Die ange­win­kel­ten Bei­ne bil­den den Absatz und die Zehen fin­den in einem rot umran­de­ten Peep­toe Platz, wel­cher den Mund darstellt.

Da gehen sie hin, die Jahr­zehn­te weib­li­cher Eman­zi­pa­ti­on. Das Glück, heißt es, hat oft einen bit­te­ren Humor.

Genau wie ich.

Spaß mit Spam
Ein siche­rer und seriö­ser E‑Mail-Veri­fi­zie­rungs-Dienst­leis­ter.

Eine doch etwas merk­wür­di­ge, uner­war­te­te E‑Mail erhielt ich nächt­lich, wäh­rend ich schlief, von einem Herrn oder einer Frau E‑Mail Veri­fi­zie­rung. Das ist ein eini­ger­ma­ßen eigen­ar­ti­ger Vor­na­me, aber ande­re Men­schen hei­ßen ja auch Jimi Blue, Cos­ma Shi­va oder Diet­mar. Die­se E‑Mail gebe ich im Fol­gen­den – selbst­ver­ständ­lich mit unbrauch­bar gemach­tem Link – im Klar­text wie­der, um den Leser an mei­nem Amu­se­ment teil­ha­ben zu lassen.

Sehr geehr­ter Nutzer

Du hast Dich gera­de bei einem Ange­bot im Inter­net regis­triert wel­ches die Bestä­ti­gung Dei­ner eMail Adres­se erfordert.

Bit­te nut­ze fol­gen­den Link um Dei­ne eMail Adres­se zu bestätigen:

http://emailverifizierung.de/verify.php?verify=(…)

Vie­len Dank für Dein Vertrauen

eMailverifizierung.de – Der siche­re Ser­vice für Dei­ne Registrierung

Mit freund­li­chen Grüßen,

eMail­ve­ri­fi­zie­rung GmbH
Mar­tin Kahn Str. 77
D‑28359 Bremen
Deutschland

Fax: +41 (0)421 6265 100
Email: support@emailverifizierung.de
Web: http://www.emailverifizierung.de/

Inter­punk­ti­ons­schwä­chen ein­mal bei­sei­te: Ich soll also, dies ver­langt der Schrei­ber von mir, einem Ver­weis auf eine Inter­net­sei­te fol­gen, um zur Nut­zung eines Ange­bo­tes unbe­kann­ter Iden­ti­tät, für das ich, des­sen Namen oder wenigs­tens Pseud­onym der Betrei­ber des Ange­bots offen­bar nicht ein­mal kennt, mich schla­fend, viel­leicht im Schla­fe wan­delnd, regis­triert haben soll, zu bestä­ti­gen, dass die ange­ge­be­ne E‑Mail-Adres­se (es heißt doch wohl immer noch E‑Mail und nicht eMail, zefix!) auch wirk­lich mei­ne E‑Mail-Adres­se ist oder zumin­dest von irgend­je­man­dem abge­ru­fen wird.

Es ist aber sehr nett, dass ein mit­tel­mä­ßig aus­führ­li­cher Absen­der unten drun­ter­steht, denn das unter­schei­det bekannt­lich seriö­se von unse­riö­ser E‑Mail: Man weiß, mit wem man es zu tun hat; zumin­dest wahrscheinlich.

Eine DENIC-Abfra­ge war es mir dann aber schon wert, denn ich wüss­te ja schon gern, ob der Betrei­ber wirk­lich E‑Mail Veri­fi­zie­rung heißt. Und eiderdaus:

Es zeich­net kei­ne Frau E‑Mail Veri­fi­zie­rung ver­ant­wort­lich, son­dern ein Herr Micha­el Beck (ver­mut­lich nicht iden­tisch mit Micha­el „Dee Jot Haus­mar­ke“ Beck), der trotz des Fir­men­sit­zes in Bre­men in Stutt­gart und/oder der Schweiz wohnt. Ich kann mir also zumin­dest schon mal sicher sein, dass es sich um kei­nen rus­si­schen Spam­bot han­delt, son­dern schlimms­ten­falls um einen der Schi­zo­phre­nie anheim gefal­le­nen Geschäfts­mann (oder drei Leu­te, die an völ­lig unter­schied­li­chen Orten woh­nen, aber zufäl­lig iden­tisch hei­ßen), denn die DENIC ist eigent­lich bis­her nicht dafür bekannt, belie­bi­ge Daten zu akzep­tie­ren, die jeder wie auch immer gear­te­ten Grund­la­ge entbehren.

Die­ser Herr Micha­el Beck jeden­falls bie­tet einen siche­ren Ser­vice – klingt ja, wenn ihr mich fragt, schon ein biss­chen nach Rot­licht – für Regis­trie­rung an, was auch immer da regis­triert wer­den soll. Viel­leicht hilft mir ja die ange­ge­be­ne Inter­net­sei­te – http://www.emailverifizierung.de/ – dabei, Licht in die­ses unver­än­dert nicht erhell­te Dun­kel zu bringen.

Nee, Pus­te­ku­chen:

Aber der erfah­re­ne Inter­net­be­nut­zer weiß: www. is depre­ca­ted – „www.“ ist über­flüs­sig. Um dop­pel­ten Inhalt („dupli­ca­te con­tent“) zu ver­mei­den, der eini­ge Inter­net­such­ma­schi­nen dazu ver­lei­ten könn­te, die eige­ne Web­site für Spam statt hoch­qua­li­ta­ti­ven Jour­na­lis­mus zu hal­ten, wird die in der Regel stan­dard­mä­ßig ein­ge­rich­te­te Umlei­tung auf die „www“-Subdomäne mit­un­ter tech­nisch unter­bun­den. Also gucken wir mal nicht dort, wohin die E‑Mail ver­weist, son­dern schnei­den das „www.“ ab – und sie­he da, es „funk­tio­niert“:

Dies also ist die Inter­net­sei­te des siche­ren Ser­vices. Mein Lieb­lings­teil ist ja der hier:

Ihr siche­rer und seriö­ser eMail Veri­fi­zie­rungs Dienstleister.

© Alle Rech­te vorbehalten.

Sicher und seriös:

Feh­ler­haf­te oder kei­ne Parameter

Der Copy­right-Hin­weis – in Deutsch­land gibt es übri­gens kein „Copy­right“ – ist natür­lich immens wich­tig; so wird ver­hin­dert, dass gleich­falls min­der­be­gab­te Drit­te, die das mit dem Copy­right auch nicht wis­sen, die­sen Stro­kel­schrott auch noch kopie­ren wol­len. Was für „Para­me­ter“ die­se Sei­te erwar­tet, war lei­der nicht ersicht­lich, ande­re als die Datei verify.php, die ich laut der E‑Mail auf­ru­fen soll­te, sind es aber sicher­lich, es sei denn, der Betrei­ber hat als „Index­sei­te“ (heißt stan­dard­mä­ßig meist index.php oder ähn­lich) eben­die­se Datei verify.php ange­ge­ben und es also genau so vor­ge­se­hen, dass man sei­ne Inter­net­sei­te, über die er immer­hin Dienst­leis­tun­gen anbie­tet, gar nicht auf­ru­fen kann, ohne erst in einer Mail wie der, die ich erhielt, her­um­zu­kli­cken. Dann aber fragt sich, wie der Betrei­ber des mir übri­gens immer noch unbe­kann­ten Ange­bo­tes in der Lage war, von die­ser Dienst­leis­tung über­haupt Gebrauch zu machen.

Ver­steht übri­gens irgend­ei­ner von euch, lie­be Leser, wor­in die­se Dienst­leis­tung genau bestehen soll? Der Betrei­ber schickt eine womög­lich uner­wünsch­te E‑Mail an eine irgend­wo – noch immer ist mir die­ses „irgend­wo“ unbe­kannt – ein­ge­tra­ge­ne E‑Mail-Adres­se, um zu ver­hin­dern, dass irgend­je­mand ande­res eine womög­lich uner­wünsch­te E‑Mail an die­se Adres­se schi­cken kann?

Das mag nach Spam klin­gen, aber es ist, so schreibt Micha­el Beck oder einer sei­ner Mit­ar­bei­ter, kein Spam, zumal Spam­mer unter deut­scher Juris­dik­ti­on (.de-Adres­se) es alles ande­re als ein­fach haben, dass ihre Mails das Ziel errei­chen, bevor die ver­link­te Inter­net­adres­se im vir­tu­el­len Lokus gelan­det ist. Und aber jedenfalls:

Es wird damit sicher­ge­stellt, dass kein Spam an eine eMail Adres­se ver­sen­det wird mit der sich regis­triert wird.

Spam­schutz mit Spam­me­tho­den also; willst du Frie­den, berei­te den Krieg. Es steht aller­dings zu befürch­ten, dass auch die­se lobens­wer­te Spam­ver­sen­der in Bäl­de sei­ne letz­te Schlacht schla­gen wird, denn trotz all des Auf­wan­des, den er betrie­ben hat, um eine anschau­li­che Inter­net­prä­senz wir­kungs­voll zu ver­mark­ten, fehlt ihm ein Impres­sum – für ein Gewer­be bewer­ben­de Dienst­leis­ter (anders als zum Bei­spiel für uns Ins­in­ter­net­rein­schrei­ber) ein unver­zeih­li­cher Feh­ler. Soll­te dies hier also einer die­ser Abmahn­an­wäl­te, von denen man immer auf so Inter­net­sei­ten hört, lesen, so bit­te ich dar­um, Herrn Beck zu ver­scho­nen. Er ist ein leuch­ten­des Vor­bild für alle Exis­tenz­grün­der im Web 2.0.

Und zwar ein schlechtes.

Sonstiges
Medi­en­kri­tik LVI: Gefährlich!

Ach, noch was, „Braun­schwei­ger Zeitung“:

Dich lese ich ja eher zur Unter­hal­tung als zur Infor­ma­ti­on, denn das kann dei­ne Redak­ti­on nach­weis­lich bes­ser. Aber in letz­ter Zeit mache ich mir etwas Sor­gen. Dein Über­schrif­ten­aus­den­ker wur­de doch nicht etwa gefeuert?

Man lebt schon gefähr­lich im Braun­schwei­ger Umland; dort gibt es sogar Löwen!

(Tut mir Leid, ich habe aus Pro­test den Poin­ten­aus­den­ker gefeuert.)

In den Nachrichten
Medi­en­kri­tik LV: Der Papst und die Leute

Was für ein Auf­wand: Der Papst kommt nach Deutsch­land und wird umwor­ben wie sonst nur Fidel Cas­tro und Barack Oba­ma, wenn sie sich dann mal hier im Reich der poli­ti­schen Mit­te ein­fin­den, das radi­ka­le Fun­di­spin­ner nur all­zu gern hofiert, so eini­ge Vor­den­ker aus der Uni­on erin­nern mich ohne­hin sehr an die Tea-Par­ty-Bewe­gung, nur eben mit Weiß­bier statt mit Tee.

Und er wird trotz all der Kin­der­schän­de­rei­en sei­ner Kir­che, sei­ner mora­li­schen Wert­vor­stel­lun­gen zum The­ma Homo­se­xua­li­tät („eine Gefahr für die Mensch­heit“), der ins­ge­samt dann doch erfreu­lich hohen Zahl an Kir­chen­aus­trit­ten und, gera­de in Deutsch­land nicht zu ver­ges­sen, der mili­tä­ri­schen Juden­aus­rot­tung im Namen des Kreu­zes bis noch vor weni­gen Jahr­hun­der­ten (und kon­se­quent der geis­ti­gen Part­ner­schaft mit Herrn Hit­ler höchst­selbst) nicht nur ein­ge­la­den und unter­wür­fig gefei­ert, als wäre er der wie­der­ge­bo­re­ne Jesus „Chris­tus“ und hät­te soeben die Deut­schen in einem Rutsch wie­der zu jubeln­den und vor allem gläu­big prak­ti­zie­ren­den Katho­li­ken gemacht, son­dern bekommt selbst­ver­ständ­lich auch die höchs­te Sicher­heits­stu­fe, Fens­ter zu und Wink­ver­bot, damit nicht ver­se­hent­lich Krü­mel vom Früh­stücks­bröt­chen auf des Hei­li­gen Vaters geweih­tes Haupt hin­ab­rie­seln mögen; wegen Atten­tä­tern kann’s nicht sein, denn Gott ist mit ihm und wird schon auf­pas­sen, und wer wür­de unse­rem Papst schon Böses wollen?

Immer­hin: Demons­tra­tio­nen wer­den nicht poli­zei­lich gesi­chert, son­dern von der Poli­tik aus­drück­lich gebil­ligt, was durch­aus kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit ist; nur wird’s den päpst­li­chen Pri­ma­ten eben nicht sche­ren, was so ein paar gott­lo­se Gestal­ten von ihm und sei­ner Kir­che hal­ten, denn so recht gläu­big-katho­lisch sind sel­bi­ge ver­mut­lich über­wie­gend eh nicht.

Die Braun­schwei­ger Zei­tung jeden­falls fragt ihre Leser, weni­ger sug­ges­tiv als üblich, knall­hart nach ihrer ehr­li­chen Mei­nung: Papst­be­such super­gut, gut oder so mittel?

„Natür­lich ver­tritt er ein kon­ser­va­tiv-ana­chro­nis­ti­sches Welt­bild, natür­lich ist er Ober­haupt einer mafi­ös orga­ni­sier­ten, Jahr­tau­sen­de alten Struk­tur von Men­schen, die viel Fal­sches tun und ihre Anhän­ger ideo­lo­gisch in eine Zeit zurück­wer­fen, als Kant und Vol­taire noch nicht mal gebo­ren waren; aber er ist doch unser Papst!“ – Was aber kön­nen wir nun eigent­lich für eine Leh­re dar­aus zie­hen? Viel­leicht zumin­dest die­se: Hät­te Geor­ge W. Bush Deutsch statt Eng­lisch gespro­chen, sein letz­ter Besuch in Deutsch­land wäre von jubeln­den Mas­sen beglei­tet wor­den. Das hat ja schon mehr­fach funktioniert.

„Wer Deutsch spricht, kann kein schlech­ter Mensch sein.“ (c/o „Die Simpsons“)

Spaß mit Spam
Ihre Kre­dit­kar­te wird ausgesetzt.

Die Mas­ter­Card-Akti­vie­rer von der Spar­kas­se („Spar­ka­see“) machen sich wie­der Sor­gen um mich. Lieb von ihnen.

Allein – abge­se­hen von dem geän­der­ten Absen­der („Spar­ka­see“) – der Adres­sat ist nun ein anderer:

Sehr geehr­te Spar­kas­se Card,

Ich fin­de ja, E‑Mails soll­ten auch für Leu­te, die nicht jeden ihrer Mail­ser­ver selbst betrei­ben, eine Mög­lich­keit beinhal­ten, den Emp­fang mit „Emp­fän­ger unbe­kannt ver­zo­gen“ zu quittieren.

Was ist eigent­lich aus dem „E‑Post-Brief“ geworden?

NetzfundstückePiratenparteiPolitik
Pira­ten­par­tei: Neben­wir­kung Meinungsbildung

Die gest­ri­ge Wahl in Ber­lin hat­te wie immer kei­nen Wahl­ver­lie­rer, von der F.D.P. (1,8 Pro­zent der Stim­men und somit weni­ger als die NPD) ein­mal abge­se­hen. Auch Wahl­ver­lie­rer Klaus Wowe­reit, des­sen SPD ohne jeg­li­ches Pro­gramm ange­tre­ten ist und dafür im tra­di­tio­nell SPD-regier­ten Ber­lin nicht ein­mal 30 Pro­zent der Stim­men bekam, ließ sich wie selbst­ver­ständ­lich als bestä­tig­ter Ober­motz fei­ern, immer­hin waren all die ande­ren Par­tei­en noch schlech­ter.

Inso­fern gab es eigent­lich nichts span­nen­des über die Wahl zu berich­ten, also wand­ten sich die Medi­en wie schon anläss­lich der Bun­des­tags­wahl 2009 der Pira­ten­par­tei zu, die mit Pau­ken, Trom­pe­ten und 8,9 Pro­zent der Stim­men ins Abge­ord­ne­ten­haus ein­zog. Und als hät­te man nicht das gan­ze Port­fo­lio an Unsinn über die Pira­ten­par­tei damals schon abge­feu­ert, macht man es gleich noch mal. Bei Nerd­core gibt es das Bull­shit-Bin­go für die heu­ti­gen Leit­ar­ti­kel, und ich neh­me an, läse ich mehr als eine Tages­zei­tung, ich könn­te den Zet­tel heu­te voll­stän­dig abhaken:

Und immer wie­der tau­chen die längst zur Genü­ge beant­wor­te­ten Fra­gen auf. Die grü­ne „Libe­ra­le“ Zora Hocke etwa hält es für ein Unding, dass die Pira­ten­par­tei kei­ne Frau­en­quo­te lan­ciert; sich mal ein wenig zu infor­mie­ren und fest­zu­stel­len, dass Frau­en in der Pira­ten­par­tei sogar Lan­des­vor­sit­zen­de wer­den dür­fen, gar Bun­des­vor­sit­zen­de, wenn sie sich nur zur Wahl stell­ten, war wohl gera­de nicht drin, so eine grü­ne Wahl­par­ty ist eben anstren­gend. In die glei­che Ker­be schlug übri­gens Clau­dia Roth, die die Pira­ten „an Bord will­kom­men“ hieß, „Pira­tin­nen“ gebe es ja nicht so vie­le; ganz anders bei den Grü­nen, die kon­se­quent Geschlech­ter tren­nen und somit eini­ger­ma­ßen absto­ßen­den Sexis­mus prak­ti­zie­ren, übrigens.

Unver­än­dert steht in der Bun­des­sat­zung der Piraten:

Die in der Pira­ten­par­tei Deutsch­land orga­ni­sier­ten Mit­glie­der wer­den geschlechts­neu­tral als Pira­ten bezeichnet.

Wer Poli­tik machen will, soll­te dafür zunächst ein­mal Ahnung mit­brin­gen. Brüs­te statt Befä­hi­gung – nun, das mag bei den Grü­nen funk­tio­nie­ren, aber eine Wahl gewinnt man so ja nicht. (Eigent­lich ist es erstaun­lich, dass ein Herr Fischer Außen­mi­nis­ter wer­den durf­te, ohne auf jedem Par­tei­tag der Grü­nen als Sexist beschimpft zu wer­den, der gefäl­ligst Platz für eine Frau machen soll, wis­sen­schon, Frauenquote.)

Die, wir erin­nern uns, strah­len­den Sie­ger in der SPD, deren „wählt lie­ber uns statt irgend­wel­cher Pro­test­par­tei­en“ den Pira­ten eini­gen Zuspruch gege­ben haben dürf­te, machen sich der­weil dar­über lus­tig, dass Kan­di­da­ten der Pira­ten­par­tei Fra­gen, auf die sie nicht vor­be­rei­tet sind, nicht mit irgend­wel­chem lee­ren Geschwätz, son­dern ehr­li­cher Unwis­sens­be­kun­dung beant­wor­ten, und stel­len damit eher sich selbst bloß, denn Scha­den­freu­de ist kei­ne Gegen­maß­nah­me, ist die eige­ne Mehr­heit in Gefahr. Ganz anders aber, und das erstaunt mich am meis­ten, die Hal­tung von Chris­ti­an Sicken­dieck, des­sen Hetz­blog ich hier aus tra­di­tio­nel­len und poli­ti­schen Grün­den auch wei­ter­hin unver­linkt las­se, der am 10. Mai 2010 noch schrieb:

Die Pira­ten­par­tei wird eine klei­ne Split­ter­par­tei blei­ben. (…) Die Pira­ten­par­tei segel­te einen Som­mer durch das poli­ti­sche Deutsch­land, nun ist die Tita­nic auf den Eis­berg der Irrele­vanz aufgelaufen.

Die­se irrele­van­te Split­ter­par­tei nun bedach­te der­sel­be Chris­ti­an Sicken­dieck ges­tern Abend mit die­sen Worten:

Der sozi­al-libe­ra­le Lan­des­ver­band der Ber­li­ner Pira­ten hat viel­leicht kein All-Inklu­si­ve-Ange­bot, aber sie bie­tet durch­aus eine poli­ti­sche Alter­na­ti­ve. Die­se heißt nicht Pro­test, son­dern ist eine neue Form der Poli­tik: Ehr­lich­keit, Trans­pa­renz, Sozia­les und Bür­ger­rech­te. (…) Die Ber­li­ner Pira­ten haben den Wäh­le­rin­nen und Wäh­lern eine Alter­na­ti­ve, kei­nen Pro­test, ein Pro­gramm ange­bo­ten. Damit haben sie einen sen­sa­tio­nel­len Erfolg errungen.

Der „sen­sa­tio­nel­le Erfolg“ ist hier viel­leicht viel­mehr, dass Chris­ti­an Sicken­dieck kurz­zei­tig ver­ges­sen hat, dass er die Pira­ten­par­tei eigent­lich gar nicht mag.

Jetzt gilt es, dem Wäh­ler zu zei­gen, dass sei­ne Stim­me nicht „im Gul­ly“ (Gui­do Wes­ter­wel­le 2009 über die Pira­ten­par­tei) ist. Dass da ver­mut­lich Ent­war­nung gege­ben wer­den kann, haben die Medi­en jetzt immer­hin schon verstanden.

Nach­dem wir die For­ma­li­en nun also fünf Jah­re nach Par­tei­grün­dung end­lich bei­sei­te schaf­fen konn­ten: Ein drei­fa­ches Arrr! für die 15 Enter­pi­ra­ten – und all­zeit eine Hand­breit Was­ser unterm Kiel!

KaufbefehleMontagsmusik
Pink Floyd – Careful With That Axe, Eugene

Und da wir gera­de bei Pink Floyd waren:

Am Frei­tag erscheint das Gesamt­stu­dio­werk die­ser doch nicht all­zu üblen Musik­grup­pe in einer Neu­auf­la­ge, und die ganz Har­ten unter ihren Hörern, denen es mehr um’s Prin­zip geht, weil sie sowie­so schon alles von Pink Floyd im Schrank haben, bekom­men natür­lich auch die Gele­gen­heit, eine Hyper­su­per­bo­nu­sedi­ti­on ein­zel­ner Alben zu erwer­ben, auf denen jedes Lied in ermü­den­der Viel­falt zu hören ist. The Dark Side of The Moon kommt dann auch schon mal auf sechs Schei­ben und fast hun­dert Euro; „money“, san­gen sie einst, „it’s a gas: Grab that cash with both hands and make a stash.“

Da möch­te man doch bei­na­he die Axt schwingen.

Careful with that axe, Eugene …

:twisted:

MusikIn den Nachrichten
Kurz ver­linkt LVIII: Mör­der! Ter­ro­ris­ten! Musikrunterlader!

Es ließ sich ja nur schwer­lich nicht bemer­ken: Das Wet­ter beim dies­jäh­ri­gen Puk­kel­pop-Fes­ti­val war der­ma­ßen sub­op­ti­mal, dass ein Sturm vier Leu­te töte­te.

Weil so was aber ein­fach nicht pas­sie­ren kön­nen soll, wur­de natür­lich umge­hend nach den Hin­ter­grün­den geforscht, denn dass ein Sturm einen Schwall an Besu­chern um die Ecke bringt, ist viel­leicht nichts, was zur Tra­di­ti­on wer­den soll­te, und üblich war es bis­lang auch noch nicht.

Stellt sich raus: Sind die Schwarz­ko­pie­rer schuld.

‚Ille­ga­le Down­loads schuld an töd­li­chem Festivaldrama‘

„Denk dran: Jedes Byte, das du ille­gal aus dem Inter­net her­un­ter­lädst, bringt einen Men­schen um, mein Kind! Es ver­ur­sacht schwe­re Unwet­ter und lässt Büh­nen von unfä­hi­gen Archi­tek­ten konstruieren!“

Weil näm­lich, die Sache ist die:

„Mega­kon­zer­te sind für die Musik­grup­pen, die kaum noch CDs ver­kau­fen, lebens­wich­tig gewor­den“, zitiert die nie­der­län­di­sche Tages­zei­tung De Tele­graaf Exper­ten ver­schie­de­ner Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaf­ten. „Die­se Kon­zer­te fin­den auf rie­si­gen Büh­nen statt, die mit Licht- und Video­equip­ment völ­lig über­be­las­tet wer­den. Der Regen und der Wind rich­ten nicht mehr Scha­den an als frü­her. Aller­dings ist der Scha­den ins­ge­samt viel höher als früher.“

Kla­rer Fall: Weil Musik­grup­pen kaum noch CDs ver­kau­fen, müs­sen sie statt­des­sen mit viel zu umfang­rei­cher Büh­nen­aus­stat­tung auf insta­bi­len Büh­nen auf­tre­ten. Ohne das böse Inter­net könn­ten sie sich klei­ne­re Gitar­ren­ver­stär­ker und viel­leicht sogar einen Ver­an­stal­ter mit mehr Grips leis­ten, und vier Men­schen mehr wären jetzt viel­leicht noch am Leben!

Ein prag­ma­ti­scher Lösungs­vor­schlag: Even­tu­ell soll­ten sie dann ein­fach mal bes­se­re CDs auf den Markt brin­gen. Schlech­te Musik ver­kauft sich zwar anschei­nend auch nicht schlecht, ist jedoch, wie wir sehen, tödlich.

Mehr Mut zum Risi­ko, dies soll­te das Mot­to einer Plat­ten­fir­ma im 21. Jahr­hun­dert sein. (Falls noch eine eins braucht. In die­sem Fall: Gern geschehen!)

Persönliches
„Geschlecht? Ja, bitte!“

Wenn mich Bekann­te oder weni­ger Bekann­te fra­gen, was ich mir denn so zum Geburts­tag, zu Weih­nach­ten oder ähn­li­chen Anläs­sen wün­sche, vari­ie­re ich mei­ne Ant­wort meist anhand der Iden­ti­tät des Fra­ge­stel­lers von „war­um soll­te ich dafür beschenkt wer­den, gebo­ren wor­den zu sein?“ bzw. „(…) dass Jesus angeb­lich gebo­ren wur­de?“ bzw. „(…) dass (…)?“ bis „och, Sex wäre nett“. „Ficken wäre nett“ traue ich mich nicht mehr zu sagen, denn ein bekann­ter Geträn­ke­her­stel­ler hat die­ses, zuge­ge­ben, etwas unfei­ne Wort nach­hal­tig rui­niert. Schnaps als Geschenk benö­ti­ge ich nicht unbedingt.

Dass das aller­dings wirk­lich mal funk­tio­nie­ren könn­te, hat­te ich nicht erwar­tet, besteht mein Bekann­ten­kreis doch weit­ge­hend aus Per­so­nen bei­der­lei Geschlechts, die sich für der­ar­ti­ge „Geschen­ke“ ver­mut­lich zu scha­de wären.

Dann aber erhielt ich uner­war­te­te Post.

Ich soll­te mich glück­lich schät­zen: Wie vie­le Män­ner bekom­men heut­zu­ta­ge schon noch zwang­los Sex frei Haus? :mrgreen:

Jetzt benö­ti­ge ich jedoch einen neu­en Wunsch für einen kom­men­den Anlass.
Wer weiß Rat?

Nerdkrams
GNU Emacs: Befremd­lich esoterisch

(Vor­be­mer­kung: Dies ist mein 1.000. ver­öf­fent­lich­ter Arti­kel hier, so behaup­tet es jeden­falls Word­Press. Hul­di­gun­gen sind selbst­ver­ständ­lich erwünscht, jedoch ver­zich­te ich in die­sem Arti­kel auf die wei­te­re Wür­di­gung mei­nes eige­nen Schaf­fens und schrei­be statt­des­sen was über Computer.)

Getreu dem Mot­to „Ken­ne dei­nen Feind!“ nahm ich mir heu­te ein wenig Zeit, mich als Nut­zer des welt­bes­ten Text­edi­tors Vim mit sei­nem furcht­ba­ren Gegen­part GNU Emacs zu beschäf­ti­gen; über obskur zu bedie­nen­de ehe­mals freie Soft­ware kann man bekannt­lich nie zu viel wis­sen. Ein kur­zer Blick in das deutsch­spra­chi­ge Tuto­ri­um ließ mich aller­dings ver­mu­ten, dass die eso­te­ri­sche Aura, die GNU Emacs mit­un­ter nach­ge­sagt wird, tat­säch­lich über­sinn­li­che Fähig­kei­ten beim Benut­zer voraussetzt:

„Wenn Tas­ten­drü­cke nicht mehr bemerkt wer­den“, so steht dort sinn­ge­mäß, „dann drü­cken Sie ande­re Tas­ten, und es geht wie­der.“ Alte PC-BIOS-Ver­sio­nen, dar­an erin­ne­re ich mich, hat­ten ähn­li­che Auf­for­de­run­gen im Reper­toire: „Es wur­de kei­ne Tas­ta­tur erkannt; drü­cken Sie eine belie­bi­ge Tas­te, um fortzufahren.“

Gute, alte Zeit.

PolitikNetzfundstücke
Kurz ver­linkt LVII: Fal­sches Mitgefühl

Wie groß­zü­gig:

US-Prä­si­dent Barack Oba­ma hat sich besorgt über mög­li­che glo­ba­le Fol­gen der Euro-Kri­se geäußert.

Weil nämlich:

Besorgt äußer­te er sich über mög­li­che glo­ba­le Fol­gen der Euro-Kri­se. Die Situa­ti­on in Euro­pa wer­de zwei­fels­los auch Fol­gen für die US-Wirt­schaft haben, sag­te Obama (…).

Denn wie schnell ver­blasst doch das eige­ne Unver­mö­gen, wenn man mit den Fin­gern auf ande­re zei­gen kann. Die dro­hen­de Staats­plei­te der Welt­macht USA erscheint doch viel ent­span­nen­der, wenn gleich­zei­tig der Euro schwächelt.

Wenn nicht mal auf den Euro mehr Ver­lass ist, wo hin­ein soll man dann noch zukunfts­si­cher inves­tie­ren kön­nen, so als US-Amerikaner?
Viel­leicht doch mal wie­der in Immo­bi­li­en – das ist angeb­lich eine tod­si­che­re Anla­ge.

Montagsmusik
Lou Reed – Ecstasy

In unse­rer belieb­ten Rei­he „Alte Män­ner, die zu fan­tas­ti­scher Musik Tex­te sin­gen, die sich bestimmt auf irgend­was bezie­hen“ sehen Sie heu­te Lou Reed mit dem Titel „Ecsta­sy“ von sei­nem gleich­na­mi­gen Album.

Lou Reed (4–21) ecstasy.Live 2000 Düsseldorf

I’m going to the café, I hope they’­ve got music
and I hope that they can play -
but if we have to part
I’ll have a new scar right over my heart;
I’ll call it ecstasy.

PiratenparteiPolitik
Zu den nie­der­säch­si­schen Kom­mu­nal­wah­len 2011

Die Kom­mu­nal­wah­len in Nie­der­sach­sen sind nun weit­ge­hend ent­schie­den, und eine Gemein­sam­keit all der betei­lig­ten Bezir­ke ist fest­zu­stel­len: Bei­na­he über­all, wo die Pira­ten­par­tei antrat, konn­te sie auch Sit­ze errin­gen, den diver­sen Unken­ru­fen, die Pira­ten kämen eh nicht rein, zum Trotz. ‘Zu den nie­der­säch­si­schen Kom­mu­nal­wah­len 2011’ weiterlesen »

FotografieKaufbefehleMusikkritik
Herz­berg unterm Dach

Buntes AllerleiWäh­rend das Burg-Herz­berg-Fes­ti­val nach Jahr­zehn­ten des Bestehens eine gewis­se Bekannt­heit erlan­gen konn­te, ist der Able­ger „Herz­berg unterm Dach“, eine eben­falls jähr­li­che, aber nur ein­näch­ti­ge Ver­an­stal­tung, noch immer ein Geheim­tipp. Sel­bi­gen aller­dings nutz­te ich, um mich am Abend des 9. Sep­tem­ber dort ein­zu­fin­den. In die­sem Jahr fand das „Herz­berg unterm Dach“ in der „Fabrik“, also einer (offen­bar still­ge­leg­ten) Fabrik in Ham­burg-Alto­na, statt. Bereits vor dem Beginn – der Ein­lass begann gegen 19 Uhr, das eigent­li­che fes­ti­val gegen 20 Uhr – inspi­zier­te ich, wie es so mei­ne Art ist, zuerst ein­mal das ange­reis­te Publikum.

Eine Über­schnei­dung mit der Kli­en­tel des ande­ren dies­jäh­ri­gen Musik­fes­tes konn­te ich nicht vor­stel­len, denn mit­tel­al­ter­lich geklei­det war nie­mand, statt­des­sen lief man in aller­lei psy­che­de­lisch kolo­rier­ten Kla­mot­ten her­um. Diver­se Haschisch­schwa­den spä­ter begann dann der Ein­lass, und die klei­ne Fabrik füll­te sich; „füll­te“ aller­dings wäre wahr­lich etwas viel gesagt, denn sowohl auf den Sitz­rän­gen als auch auf der Tanz­flä­che vor der Büh­ne war noch reich­lich Platz, der im Lau­fe des Abends aller­dings erst knap­per und dann wie­der weni­ger knapp wurde.

Mit Heim­vor­teil eröff­ne­te die Ham­bur­ger Com­bo Cos­mic Fin­ger, in der Tra­di­ti­on der Gra­teful Dead (von den Ver­an­stal­tern kon­se­quent falsch „Gra­teful Death“ genannt, ste­hend, den Abend. Da die­ser US-ame­ri­ka­nisch gepräg­te Blues­rock aber mei­ner musi­ka­li­schen Prä­fe­renz nicht ent­spricht, ver­zich­te­te ich dar­auf, besag­te Com­bo foto­gra­fisch fest­zu­hal­ten. Allen­falls ist zu sagen: Der Front­mann geht einem mit sei­nem geküns­telt wir­ken­den Gegrin­se und Gezap­pel mal so was von auf den Zei­ger, dass auch Leu­te, die von der­ar­ti­ger Musik eher posi­tiv beein­druckt sind, bes­ser Abstand von Film­auf­nah­men neh­men und sich even­tu­ell dann trotz­dem mal eines der Alben anhören.

Bes­ser waren da Ashe­sh & Nekhvam aus Nepal, die eben­falls Blues­rock zele­brier­ten, sich aber größ­te Mühe gaben, sich das nicht anmer­ken zu las­sen. Ange­kün­digt als Jimi-Hen­drix-Cover­band feu­er­ten sie statt­des­sen ein mal im Stoner Rock, mal im Blues­rock behei­ma­te­tes Klang­feu­er­werk ab, das auch wegen des mar­kan­ten Gesangs des Gitar­ris­ten Ashe­sh Dan­gol (die Namens­ähn­lich­keit zu „Haschisch“ ist also natür­lich nur Zufall; auf einem Hip­pie­spek­ta­kel durch­aus eine Sel­ten­heit) mit­un­ter die guten, alten Tage der Led Zep­pe­lin her­auf­be­schwor. Getrübt wur­de der Auf­tritt nur von den ziem­lich mie­sen Klan­gei­gen­schaf­ten der „Fabrik“, die die eigent­lich ziem­lich pri­maen Musi­ker wie durch ein dump­fes Kis­sen fil­ter­te. Der hal­len­ty­pi­sche Hall (heißt ja nicht umsonst so!) tat ein übri­ges; nicht so, dass es alles rui­niert hät­te, aber man wäre schon gespannt gewe­sen auf eine etwas „rei­ne­re“ Dar­bie­tung des, nun ja, Dargebotenen.

Schwe­rer wogen die Qua­li­täts­ein­bu­ßen bei Vibra­vo­id aus Düs­sel­dorf, die das „Herz­berg unterm Dach“ mit ihrem von den frü­hen Pink Floyd beein­fluss­ten Psy­che­de­lic Rock been­de­ten und gleich­zei­tig ihre neue CD „Live at Burg Herz­berg Fes­ti­val 2011“, auf­ge­nom­men im Juli, mit­brach­ten, denn obwohl sie zwei­fels­oh­ne zu dem Bes­ten gehö­ren, was Deutsch­lands Musi­ker­sze­ne momen­tan zu bie­ten hat, beein­träch­tig­ten unab­sicht­li­che Rück­kopp­lun­gen und, wie­der mal, der dump­fe Hall den Hörgenuss.

Das bedeu­tet aller­dings nicht, dass man als Kon­su­ment kei­ne Freu­de gehabt hät­te an den Klang­wän­den, die die vier Musi­ker auf die ver­sam­mel­ten Psy­che­de­lic­freun­de los­lie­ßen. Mit­rei­ßend näm­lich waren sie (die Klang­wän­de) stets. Hör­bar pro­fi­tiert hat von die­sen Effek­ten gar das Abschluss­stück, eine gran­dio­se Ver­si­on von Pink Floyds „Set The Con­trols For The Heart Of The Sun“, das Vibra­vo­id bereits auf dem Burg-Herz­berg-Fes­ti­val 2011 spiel­ten und das auf ihrem dies­jäh­ri­gen Album Mind­drugs ent­hal­ten war:

Dass es sich um eine Cover­ver­si­on han­delt, bedeu­tet aller­dings nicht blo­ße Kopie, denn Vibra­vo­id spen­dier­ten dem Stück einen aus­ge­dehn­ten Mit­tel­teil aus Klang­ex­pe­ri­men­ten, die sich har­mo­nisch in das Gefü­ge der übri­gen Stü­cke des Abends ein­füg­ten, denn expe­ri­men­tel­le Klän­ge lie­fer­ten Vibra­vo­id sozu­sa­gen im Minu­ten­takt ab. Obwohl es bereits weit nach Mit­ter­nacht war, war an Schläf­rig­keit nicht zu den­ken. Gegen 2 Uhr mor­gens schließ­lich ver­ebb­ten die letz­ten Tak­te von „Set The Con­trols …“ und das fes­ti­val war vorüber.

Natür­lich ist das ins­ge­samt kei­nes­falls mit dem „gro­ßen“ Burg-Herz­berg-Fes­ti­val ver­gleich­bar, natür­lich ist eine Nacht mit drei Musik­grup­pen, oben­drein nicht ein­mal unter frei­em Him­mel, nicht genug, um des Blu­men­kin­des Herz tage­lang höher schla­gen zu las­sen. Als Aus­klang des Fes­ti­val­som­mers 2011 aber konn­te das „Herz­berg unterm Dach“ voll und ganz über­zeu­gen; und min­des­tens Vibra­vo­id live erle­ben zu kön­nen ist den Besuch einer jeden Ver­an­stal­tung die­ser Art wert.

Hin und wie­der lohnt es sich eben doch, über den Tel­ler­rand hin­weg zu schauen.

In den NachrichtenNerdkrams
End­lich: Onlin­ever­sio­nen von Off­line­pro­gram­men jetzt auch offline!

(Vor­be­mer­kung: Nach eini­gen anfäng­li­chen Tweets hier­zu habe ich beschlos­sen, dann doch mal einen län­ge­ren Text zu schrei­ben, um der aus­ufern­den WTFig­keit – Wort soeben erfun­den – gewis­ser Neue­run­gen ange­mes­sen Respekt zu zollen.)

Heu­te ist die ers­te deut­sche Aus­ga­be des Wired-Maga­zins erschie­nen, und ich wür­de es an die­ser Stel­le gern aus­gie­big für blöd befin­den, allein schon des­halb, weil dort zahl­rei­che Lob­prei­sun­gen ver­linkt sind und ich eine aus­ge­wo­ge­ne Mei­nungs­viel­falt im Inter­net für wich­tig hal­te. Lei­der jedoch hat­te ich noch kei­ne Gele­gen­heit, es zu erwer­ben, und ich befürch­te, bis ich das nach­ge­holt habe, war ix schnel­ler als ix ich. Also befin­de ich statt­des­sen etwas ande­res für blöd.

Und zwar was von Google.

Dass ich Goog­le nicht mag und auch für die Arbeit mit Com­pu­tern Drit­ter grund­sätz­lich erst mal eine ande­re Stan­dard-Such­ma­schi­ne ein­stel­le, ist hin­läng­lich bekannt. Das allein ist aber noch kein Grund, alles zu zer­re­den, was von die­sem Unter­neh­men stammt, denn da hät­te ich wahr­lich viel zu tun. Aktu­ell aber wird in den übli­chen Tech­nik­blogs mal wie­der eine Goog­le-Erfin­dung als drin­gend benö­tig­te Lösung für ein wich­ti­ges Pro­blem geprie­sen, die ihren Nut­zen eigent­lich nur aus sich selbst zieht.

Ein wenig Geschich­te: Im Febru­ar 2010 been­de­te Goog­le sei­ne Unter­stüt­zung für das Pro­jekt Gears, das mit­tels eines Plug­ins die Off­linen­ut­zung von Web­in­hal­ten ermög­li­chen soll­te. Unter ande­rem lie­fer­te die Platt­form Word­Press eine Unter­stüt­zung für die­se Tech­nik mit, so dass man zum Bei­spiel sein Blog auch off­line pfle­gen konn­te. Das war nur wenig ver­wun­der­lich, trieb Goog­le doch zur glei­chen Zeit die voll­stän­di­ge Ver­net­zung jeg­li­cher anfal­len­den Auf­ga­ben und ihre Ver­la­ge­rung in die cloud aktiv vor­an, wobei ins­be­son­de­re das Flagg­schiff „Goog­le Mail“ maß­geb­lich war, ver­such­te man doch dort, die Nut­zung eines eigen­stän­di­gen Mail­pro­gramms so über­flüs­sig wie mög­lich zu machen; über­wie­gend sogar mit Erfolg, denn nur weni­ge Goog­le-Mail-Nut­zer ver­wen­den, wie eine Umfra­ge im Bekann­ten­kreis ergab, noch etwas ande­res als die Weboberfläche.

Mit „Goog­le Text & Tabel­len“ hat Goog­le seit eini­gen Jah­ren auch eine Alter­na­ti­ve zu inter­net­ba­sier­ter Büro­soft­ware wie Think­Free Office oder zum Bei­spiel dem Pira­ten­pad im Reper­toire, aus­ge­rich­tet auf gemein­schaft­li­ches Bear­bei­ten, etwa zur Bespre­chung von Pro­jekt­zie­len in grö­ße­ren Teams. Für sol­ches kol­la­bo­ra­ti­ves Edi­tie­ren sind sol­che Platt­for­men tat­säch­lich eine gran­dio­se Erfin­dung, ob nun von Goog­le oder von sonst­wem umge­setzt; dass man aber nicht sei­ne kom­plet­te Kor­re­spon­denz in der cloud able­gen soll­te, ist bekannt, und sei es nur auf­grund des nahe lie­gen­den Pro­blems, dass man manch­mal auch an sei­ne Doku­men­te gelan­gen kön­nen möch­te, wenn man fern­ab von jeg­li­cher Inter­net­ver­bin­dung herumgurkt.

Caschy zum Bei­spiel gurk­te der­art nicht nur per Ver­kehrs­mit­tel, son­dern auch sprach­lich herum:

Ich war ja die Tage mit dem Zug durch die Pam­pa unter­wegs. Ich sage euch: mobi­les Leben my ass! (…) Wor­auf ich hin­aus will: nicht immer has­te Netz, wohl aber viel­leicht Daten in der Cloud – und auf eben die­se kanns­te nicht zugrei­fen. Mööööp.

Tja. Mööööp. Zum Glück hat sich Goog­le jetzt etwas total Neu­es, Groß­ar­ti­ges, Auf­re­gen­des ausgedacht:

Jau, [jetzt] gibt es auch die Mög­lich­keit, die Goog­le Docs off­line zu nut­zen.

Das Gan­ze funk­tio­niert so ähn­lich wie Gears, läuft aber nur noch unter Chrome/Chromium und mag Fire­fox, Safa­ri und den Inter­net Explo­rer nicht mehr. Es ist sozu­sa­gen eine unfle­xi­ble Kopie von Gears; und dar­in besteht dann auch die wirk­li­che Neue­rung: Es kann weni­ger. Nichts­des­to­trotz ertö­nen die Jubel­ru­fe mit Ohren betäu­ben­der Inten­si­tät, als hät­te Goog­le gera­de das Inter­net neu erfunden.

Dabei umgeht die­se „Off­line­funk­ti­on“ eigent­lich nur den Nach­teil, den die diver­sen Diens­te von Goog­le gegen­über den Pro­gram­men, denen sie Kon­kur­renz machen sol­len, bis heu­te immer noch hat­ten, näm­lich, dass ohne Inter­net­ver­bin­dung alles zum Erlie­gen kommt. E‑Mails mehr oder weni­ger durch­such­bar archi­vie­ren kann mei­nes Wis­sens jedes Mail­pro­gramm, und E‑Mail ist schon älter als das „World Wide Web“ selbst; und, um beim The­ma zu blei­ben, bis zu erwähn­ter Ankün­di­gung von Goog­le schei­nen eini­ge Leu­te ja wirk­lich arge Schwie­rig­kei­ten gehabt zu haben, wenn sie mal eben ohne Inter­net­an­schluss einen Brief oder eine Tabel­le oder so etwas schrei­ben oder erstel­len woll­ten. Off­line genutzt ent­fällt näm­lich der Aspekt des kol­la­bo­ra­ti­ven Edi­tie­rens aus tech­ni­schen Grün­den. (Kein Inter­net = kei­ne cloud, so ein­fach ist die Gleichung.)

„Hm, wie schön wäre es doch, gäbe es so etwas wie ‚Goog­le Text & Tabel­len‘ auch für Com­pu­ter, die zeit­wei­se oder dau­er­haft nicht im Netz sind“, hat man sich da bei Goog­le viel­leicht gedacht.
Wer weiß, viel­leicht ersinnt man sogar längst den Nach­fol­ger von „Goog­le Text & Tabel­len“ für eben­die­se, der nicht mal mehr einen Brow­ser benötigt?

Ande­rer­seits: Gibt es ja schon.

Jau.