Die Veröffentlichung des neuen Coldplay-Albums „Mylo Xyloto“ ging erfreulicherweise beinahe unbemerkt an mir vorüber. Meine Medienkompetenz ist unerschütterlich. Die von mir konsumierten Medien aber widmeten sich stattdessen nicht etwa relevanten weltpolitischen Themen, sondern einer anderen überbewerteten Musikkapelle und preisen „50 Jahre Popmusik“, weil 1961 die erste Aufnahme der Beatles (als Begleitkapelle von Tony Sheridan intonierten sie das schreckliche „My Bonnie“) erschien.
Das war damals eine ziemlich große Angelegenheit, damals wie heute galt und gilt: Der deutsche Mainstream hört wie gehabt vorzugsweise Dreck. So genannte Popmusik. (Klar – deshalb heißt er ja „Mainstream“, weil er von Avantgardismus schnell überfordert ist.) Dass Peter von’en Schallgrenzen quasi als Gegenbeleg die eintönige Popknödlerin Leslie Feist anführt, die ungefähr so wenig „Mainstream“ ist wie Regina Spektor oder, sagen wir mal, Silbermond, erstaunt mich; aber vielleicht ist mein Gehör auch einfach überfordert von der Simplizität modernen Pops.
Apropos Moderne: „50 Jahre Popmusik“ und „50 Jahre Beatles“ haben nicht viel miteinander zu tun, abgesehen davon, dass beide Jubiläen nicht zutreffen.
Das mit den Beatles ist einfach erklärt; die nämlich wurden bereits 1960 gegründet und nannten sich bereits im August jenen Jahres „The Beatles“, eine nachträgliche Veröffentlichung im Folgejahr, zunächst unter dem Namen „The Beat Brothers“ verkauft, kann also unmöglich die Geburt der Popmusik bedeuten, wenn man allein die Geschicke dieser Combo als Rahmenhandlung für die Popgeschichte heranzieht.
Was aber ist „Pop“? „Pop“, das sagen die einschlägigen Wörterbücher, steht für „Populärmusik“. Klammern wir einmal die Comedian Harmonists und ähnliche Musikanten gewissen Ansehens aus und setzen – willkürlich – anglophone Beatmusik, wie sie die Beatles anfangs machten, als Auslöser des „Popgenres“ (beziehungsweise ja eigentlich des Rockgenres) fest, auch dann ist die Behauptung „Beatles = Begründer der Popwelle“ unsagbar dämlich, denn Bill Haley und die „Comets“ (kaum bekannter Fakt: „Bill Haley’s Original Comets“ sind noch immer musikalisch aktiv) hatten bereits fast zehn Jahre zuvor, im Jahr 1952, mit „Real Rock Drive / Stop Beatin‘ Round the Mulberry Bush“ ihre erste Veröffentlichung auf dem Markt, Bill Haley selbst bereits 1948 mit „Four Leaf Clover Blues / Too Many Parties and Too Many Pals“. Dass die „Beatles“ trotz aller Seichtigkeit bekannter wurden, ist nicht zuletzt ihrer Vermarktung zu verdanken, aber die „Popmusik“ haben sie ebensowenig geboren wie die „Rockmusik“ und die „Beatmusik“. Dass sich immer noch viele neu gegründete Musikgruppen auf die Beatles als Einflüsse beziehen, könnte indes daran liegen, dass sich das besser verkaufen lässt, denn die Beatles kennt jeder irgendwo her.
Wobei die Beatles sich nie in dem Genre verwurzelt sahen, das man heute schwammig „Pop“ nennt, weil man für feinziselierte Nuancen kein Ohr mehr hat und nach drei Minuten (oder 140 Zeichen) die Aufmerksamkeit rapide nachlässt, Pop(ulär)kultur sei’s geschuldet. Vom Beat der ersten Singles über den Psychedelic Rock von „Revolver“ und vor allem „Rubber Soul“ bis zu den gemächlichen Rockballaden von „Let It Be“ war sicher eine Menge Mist („Yesterday“) dabei, aber doch nie wirklich Pop. Wenn man „Pop“ aber im Wortsinne nimmt, „Pop“ also nur „populäre Musik“ bedeutet, dann sind die Beatles ebenso „Pop“ wie die Scorpions, Nickelback, Miley Cyrus, die Ärzte, eben die Comedian Harmonists, Genesis und sogar King Crimson, die sich nach einigen Jahrzehnten im Geschäft ja inzwischen auch gut besuchter Konzerte erfreuen dürfen.
Ich wage zu behaupten: Menschen haben zu aller Zeit Klänge zur Unterhaltung genutzt. Sind Buschtrommeln, wenn sie nicht gerade der Kommunikation dienen, ebenfalls klassische Popinstrumente? Andy Warhols Kunst nennt man auch Pop-Art. Ist Pop abstrakt? Das aber widerspräche der gängigen Regel „was Pop ist, ist mainstream“. Wenn Pop aber kein Genre ist, kein Sammelbegriff irgendwie zusammenhängender Genres und auch sonst eigentlich nur ein Schlagwort für beliebige Gedankenkonstrukte (Wissenschaft ist Pop, Spitzeln ist Pop, Ficken ist Pop, alles ist Pop?) – wäre es dann nicht für uns alle am einfachsten, würden wir dieses Wort künftig aus unserem aktiven Wortschatz tilgen?
Andererseits: Vermutlich ist Dagegensein nicht Pop genug.