King Crimson – The Great Deceiver
Montag. Die Welt ist defekt. Garniert mit ein wenig Panik lässt sich mancher Irrsinn durchsetzen:
Die Polizeidirektion Dresden hat für Montag alle öffentlichen Versammlungen unter freiem Himmel verboten. (…) Andere Maßnahmen als ein Versammlungsverbot seien ungeeignet, um die Sicherheit in Dresden am Montag zu gewährleisten.
Mit Verboten lassen sich gesellschaftliche Probleme bekanntlich effizient lösen; würde jemand Stehlen und Morden verbieten, so wäre dieses Land von manchem Übel befreit. – Der letzte Staat, der im Raum Dresden ein Demonstrationsverbot erlassen hatte, existiert übrigens nicht mehr. Könnte man da nicht vielleicht …?
Mit Musik klappt es manchmal besser.
Guten Morgen.
Utopianisti – Utopianisti II / Utopianisti meets Black Motor & Jon Ballantyne
Während ich eigentlich einige Zeilen für die überfällige 2014er Rückschau (ja, die kommt noch) schrieb, fiel mir dieses Album in die Hände, von dem ich dachte, es eigne sich als spätes Album des Jahres 2014 – leider erschien es bereits im November 2013. Das ist ein bisschen schade.
Nicht aus Italien, wie es der Name vielleicht vermuten lässt, sondern aus Finnland kommen die Musiker von Utopianisti. Kommen? Nein, vielmehr handelt es sich um ein Soloprojekt eines gewissen Herrn Markus Pajakkala. „Solo“ ist allerdings auch nicht so ganz richtig, sind doch auf dem vorliegenden Album insgesamt 27 weitere Musiker an Saxophonen, Posaunen, Gitarren und dergleichen zu hören.
Bei dem vorliegenden Album handelt es sich um ein Doppelalbum, das wohl aus zwei einzelnen Alben namens „Utopianisti II“ und „Utopianisti meets Black Motor & Jon Ballantyne“ besteht. Acht der dreizehn Stücke gehören somit zum zweiten regulären Album von Utopianisti, vier weitere entstanden in Zusammenarbeit mit Jon Ballantyne, einem kanadischen Pianisten und Komponisten, und dem finnischen Free-Jazz-Trio Black Motor, deren Kontrabassist Ville Rauhala auch in zwei Stücken von „Utopianisti II“ aushilft.
Wie das klingt? Insbesondere sehr instrumental, lediglich drei Stücke („The Vultures were hungry“, dessen Text aus nicht viel mehr als diesem Satz besteht, „Spanking Time“, das mit seinen Rockremineszenzen und dem gesprochenen Text nicht nur vom Titel her an Captain Beefheart erinnert, und „Tango Succubus pt. 2“, das tatsächlich einen Tangorhythmus hat, für das Verständnis dessen Kontexts jedoch mein Finnisch zu schlecht ist) beinhalten Gesang, der allerdings auch eher als gestaltendes Element dient. Gestaltet, apropos, wird hier reichlich: Big-Band-Jazz, Opernhaftes, Retro-Prog, Jazzrock, Zappaeskes. Vor allem eben: Jazz. Viel, viel Jazz, gewürzt mit avantgardistischen Beigaben, dass man vor Begeisterung gar nicht so richtig zur Ruhe kommt. Jazz ist Fahrstuhlmusik? In so einem Fahrstuhl würd‘ ich gern kurz stecken bleiben – oder doch besser nicht, denn das Haus, zu dem der Fahrstuhl gehört, mag vermutlich ein auch sonst sehr wohnliches sein, in dem man ungern irgendwelche Vorgänge verpassen möchte.
Der Teil des Albums, in dem Black Motor und Jon Ballantyne mitspielen, beginnt mit „The Sundays of love and peace“ dem Titel entsprechend beinahe brav, Freiformjazz mit Saxophon- und Klavierdominanz erklingt. Auch die folgende „Mechanoid makeout music“ wird aber ihrem Titel gerecht: Ein elektronischer Rhythmus und mancherlei Gefiepse werden von Schlagzeug und geradezu nervösem Saxophon (Sami Sippola ist ein Name, den man sich vielleicht merken sollte) überdeckt. Bei „Utopianisti meets Black Motor & Jon Ballantyne“ tritt der avantgardistische Aspekt in der Musik von Utopianisti insgesamt etwas zurück und weicht einem nichtsdestotrotz alles andere als gemäßigen Freiformjazz.
Wer mitgezählt hat: Thematisiert wurden bisher nur acht und vier, also zwölf, von dreizehn Stücken. Das dreizehnte, „U.L.J.C. (The Unnecessary Leftover Jam Compilation)“, ist Teil keines der beiden Teilalben, sondern besteht aus neuneinhalb Minuten Improvisationen und – nun – übrig gebliebenen Jams. Ein opulentes Ende zu einem gelungenen Album.
Der Hör- und Kaufbefehl wird hiermit erteilt.
Und wenn nicht?
Kein Fragment.
(… und dann, manchmal, unterbricht man sein Schweben und wagt einen vorsichtigen Blick zurück, um sogleich gleichsam zu erstarren; gewissermaßen und zuvörderst erstarren vor sich selbst, hat man doch endlich mal gelebt, aber halt zu spät und/oder zu früh und überhaupt mit größtmöglichem Aber; schee woar’s und dreckig, weil man nicht allein hätte sein wollen und sich statt mit Liebe mit Vorträgen befasst, aber wenn man auf der Flucht vor sich selbst in die verkehrte Richtung läuft, ist das eben schlecht für’s Karma. Sehnsuchtsfehler sind keine besseren. You know I wasn’t crazy [Cheer-Accident], aber das ändert sich ja schnell heutzutage. Rennen, rennen, so lange die Richtung stimmt. Nicht nicht verlieren zu wollen ist keine Dopplung, sondern halbiert. Warum man nicht endlich wieder „ein Fragment“ schreibe, wird man dann gefragt, denn man sei so unangenehm undeprimiert. Aber das ist man gar nicht. Man weiß es nur nicht mehr.)
Dreimal zitiert: Kinderterror, Satireterror, Ausweisterror
Kurze Durchsage von der Judikative:
Ob ein Kind ein Schaden sein kann, wird schon seit langem diskutiert. (…) Die bloße Straflosigkeit habe zur Folge, dass (…) ein Kind keinesfalls ein „Schaden“ sein kann (…).
Wohl dem, der den öffentlichen Personennahverkehr zu meiden imstande ist.
Was darf Satire? Naja:
Der Iran kritisierte das Titelbild der neuen Charlie Hebdo. „Das ist eine provokative Geste und für Muslime verletzend“, sagte Außenamtssprecherin Marsieh Afcham. Sie sprach von einem Missbrauch der Pressefreiheit, der für Muslime inakzeptabel sei. (…) Diese „ungerechtfertigte Provokation von 1,5 Milliarden Muslimen weltweit“ werde eine neue Welle des Hasses auslösen, schrieb die wichtige religiöse Einrichtung Dar al-Ifta in Kairo.
(Hervorhebungen von mir.)
Ihr habt gefährliche Islamisten im Land? Dann lasst sie doch einfach nicht mehr raus! Nun, da jeder aktuelle Personalausweis zwecks Terrorabwehr voller biometrischer Daten steckt, ist es natürlich eine hervorragende Idee, ihn denen, zu deren Abwehr die Maßnahmen dienen, wieder wegzunehmen. Dann können sie wenigstens keinen Alkohol kaufen.
Boomtown Rats – I Don’t Like Mondays
Guten Tag. Ihr seid nicht Charlie. Und das Binnen‑I? Ein Exportschlager sondergleichen. Und Montag, Montag ist ja auch noch. Sodbrennen, Kälte. Volkstrauertag.
Es ist doch jede Woche das Gleiche.
Guten Morgen.
Nachdem ich vom Entwickler für eine einfache Frage zur Konfiguration wüst beschimpft wurde und Updates ohnehin ständig das System zum Einsturz bringen, bin ich übrigens nun von Tiny Tiny RSS auf NewsBlur umgestiegen. Ein paar Vorteile stehen hier, mit dem Organizer kam jüngst ein weiterer hinzu. Bei Bedarf berichte ich später.
WC-Ente. Spritzt senkrecht.
Die Nachrichten sind deprimierend gerade. Nichts als Krieg, Tod und Fußball.
Wie schön ist doch da ein Naturvideo!
Drei Lehren für Charlie
Erstens:
Religion ist falsch. Euer unsichtbarer Freund unterscheidet sich von deren unsichtbarem Freund allenfalls in der Wahl der Waffen.
Zweitens:
Religiöse Menschen unterscheiden sich von nicht religiösen Menschen zumeist in ihrem Fanatismus.
Drittens:
Dinge, die im Namen einer Religion geschehen, sind stets Dinge, die falsch sind. Solidarität. Kreuzzüge. Am Arsch.
Dinge löschen gegen Rechts. Die französische Vorratsdatenspeicherung war ein voller Erfolg.
Seid ihr euch sicher, ob ihr noch auf der richtigen Seite steht?
Nachtrag zu PEGIDA: Wer ist hier fremd?
Zu den PEGIDA-Demonstrationen (ich berichtete) ansonsten vielleicht noch eine kritische Beleuchtung dessen, was die Leute daran eigentlich so stört: Merkel verurteile „fremdenfeindliche Tendenzen“, schreibt man auf SPIEGEL ONLINE und nennt dabei eigentlich schon das Hauptproblem.
Nun beginnt Fremdenfeindlichkeit ja schon damit, dass man „Fremde“ zunächst einmal als Fremde wahrnimmt. Ich selbst halte mich für insofern „fremdenfeindlich“, als ich mir fremde Menschen in den meisten Fällen lieber nicht ertragen müsste, aber gegen die Ausländer und Moslems unter ihnen habe ich im Allgemeinen auch nicht mehr einzuwenden als gegen Inländer und Christen (gerade Letztere sind mir ohnehin besonders zuwider).
Haven’t we met? You’re some kind of beautiful stranger.
Madonna: Beautiful Stranger
Fremdenfeindlich. Feindlich gegen die Fremden. Fremd ist, mit wem man fremdelt. Die Bundeszentrale für politische Bildung weiß:
Fremd ist nur, was als solches erlebt wird. Nichts ist aus sich heraus und notwendig fremd. Das fremde Terrain erscheint im Erleben einfach vorhanden, tatsächlich ist es subjektiv gesetzt und Ergebnis willkürlicher Ordnungskriterien im Gefolge persönlicher Motive und gesellschaftlicher Konventionen.
Wer gegen Anhänger einer bestimmten Religion, Mitglieder einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht oder Einwanderer aus einer bestimmten Region populistisch agiert, der ist noch kein Feind des Fremden. Eine überzeichnete Analogie: Ich halte auch Ursula von der Leyen für jemanden, der lieber putzen und backen sollte als dieses Land in den Krieg zu führen, und habe gegen Frauen trotzdem prinzipiell nicht viel einzuwenden.
Damit wir uns verstehen: PEGIDA, DÜGIDA, BOGIDA und all die übrigen Häuflein seltsamer Menschen sind wohl überwiegend politisch unsichere Demonstranten, deren Wut sich gegen das Falsche richtet, gegen den Boten nämlich, nicht jedoch das zerrüttete Sozialsystem. Das ist ein bisschen schade. Ihnen aber pauschal Feindlichkeit gegenüber Fremdem vorzuwerfen setzt womöglich ein falsches Signal. Unter den Demonstranten sind von ihrer Tageszeitung verblödete Unmündige sicherlich ebenso wie stramme Rechte und Opportunisten zu finden. Man mag sie einen Pöbel nennen, einen Haufen Leute, die beinahe so effizient wie ihre Gegendemonstranten („NOPEGIDA“) wertvolle Lebenszeit anderer Leute mit ihrem Unsinn verplempern. Das Wort Fremdenfeindlichkeit aber ist fremdenfeindlicher als jedes Graffito auf Hauswänden.
Du kennst mich doch, ich hab‘ nichts gegen Fremde. Einige meiner besten Freunde sind Fremde. Aber diese Fremden da sind nicht von hier!
Methusalix, in: Asterix, „Das Geschenk Cäsars“
Wobbler – Rubato Industry
Der Rauch des Jahreswechsels ist verflogen, auch die Letzten haben festgestellt, dass niemand außer ihnen mehr einen Knall hat. Die Reste liegen herum auf den Straßen und im Herzen. Jetzt einen Panda knuddeln oder wenigstens angucken, das wär’s. Wenigstens wissen wir jetzt, was wir tragen werden; ich, jedenfalls, Schwarz.
Vorbei, vorbei. Neu dafür: Es gibt Smart-Ringe namens „Ö“. Der Schrott, der unsere Zukunft ist.
Gebirge von Elektroschrott bringen das System zum Singen. Am Schrott wachsen wir. Nicht als Menschen. Nicht als Gesellschaft. Als Konsumenten. Als Einnahmequelle für Konzerne.
Wenigstens sind wir liebenswert und keine Portugiesen, uns geht es gut. Schuhuh.
Guten Morgen.
Plopp, wow!
(via Wut!)
2014, revisited. / Murmeltiertag.
2014 war ja auch ein Jahr des Man-hätte-es-wissen-Könnens.
Man hätte wissen können, dass Pfründe Moral stets überwiegen. Man hätte wissen können, dass Musiker im sterbefähigen Alter selbiges eines Tages ereilen wird. Man hätte überdies aber, still in sich hinein, wissen können, dass es diesmal wieder nicht klappt und das Mal danach auch nicht und dass man eigentlich auch die Finger lassen sollte von allem, was menschelt.
Wusste man es nicht? Wollte man es nicht wissen?
Überhaupt, Selbstbestimmungsrecht. Und immer diese Jahresrückblicke, diese elenden Gesichter in diesen elenden Medien, die elenden Unsinn in Mikrofone von elenden Schwindlern reinsprechen. Blöd für jeden, der im Dezember stirbt, der kommt dann nicht mehr vor. Und die eigenen Ziele? Verfehlt, weit verfehlt, wie auch den Abgabetermin für den eigenen musikalischen Jahresrückblick. Kleine Lichter verglimmen im Sog der Nichts. Und dann doch wieder nur: Raketen. (Schönes todo auch: häufiger von „verglimmen“ reden.) Vorsätze breche ich künftig nur noch vor Mitternacht, dann mutieren sie nicht. Ach nein, das waren Gremlins, oder?
Mit Unmut zum Umsturz das Ego zu Tode geduzt. Nicht reich, berühmt, fündig geworden. Sängerin müsste man sein. Früher war mehr Gewinnspiel. Errungenschaft 2014: Jemandem, dem man eigentlich nichts Böses wollte, erklärt zu haben, wer Helene Fischer ist. My only friend, the end. Ein Jahr des Ausverkaufs. Irgendwo zündet jemand ein Feuerwerk. Jemand lacht. Irgendwer macht den alten Witz, man möge, haha, gut reinrutschen. Den Gürtel enger zu schnallen macht noch keine schmale Hüfte. Was ist, ist. Hallo, Sehnsucht, du auch hier? Nimm dir einen Stuhl, mach‘ es dir bequem, schau‘ auf den Sommer. Wir seufzen im Chor, während die Zeitzone erbebt.
Alle Jahre wieder (demotiviert genuschelt). Jazz, zwo, drei, vier. Kein Kuss an Silvester.
Prosit Neujahr.
The National – Mr. November
„Röntgenaugen sehen alles / kaputt, kaputt“ intonierten Slime in den frühen 1990er Jahren, und eigentlich fühlt man sich dann auch nie so sehr danach wie an einem Montag wie diesem, wach bis in die Nacht, schlaflos vor fehlender Freude. Rettung, überhaupt. Um sich herum sitzen und die Fassung verlieren. Scherben bringen Glück.
Herrn Poes Rabe hätte seine Freude an diesem Hier und Jetzt. Die Nachrichten feiern „die zehn besten Tore der Fußball-WM 2014“. Randnotiz: Wieder Tausende Tote. Und nun zum Wetter. Es ist trüb. Und man selbst? Der Kopf schreit Refrains. Zum Glück hat man keinen Plattenvertrag.
„Guten“ Morgen.
#31c3
Die Creeper-Card-Fraktion zeigt dieses Jahr Flagge. Das ist gut, dann kommt man mal zu was. Nunc est bibendum.
Beziehungsweise eben: Wie jetzt, Amnesty International?
Diese Jugend. Aus der wird auch nichts mehr. Prost Mahlzeit.














