In den NachrichtenSonstiges
Medienkritik in Kürze: Deutsche Überleichen

In Frankreich ist ein Flugzeug abgestürzt; aber keine Sorge, die Hinterbliebenen werden nicht im Stich gelassen: Die betroffenen Unternehmen setzten die Titelbilder ihrer Twitter- und Facebook-Accounts auf schwarzweiß. Betroffenheit stilvoll zu zelebrieren ist eine Kernkompetenz des modernen Deutschen, so lange es seinesgleichen (Nichtmuslime meist, bei Katastrophen wenigstens Deutsche) trifft: „Keine Überlebenden, viele deutsche Opfer“ beklagt SPIEGEL ONLINE, auch ZEIT.de betrauert „viele Deutsche“. Ausländische Medien wie 20min.ch scheren sich derzeit nicht um die Nationalität der Passagiere, wie’s auch SPIEGEL ONLINE nicht interessiert, woher Passagiere stammen, wenn sie nicht aus Deutschland kommen: An Bord des Airbus befinden sich 162 Menschen, na bitte, das ist journalistische Berichterstattung ohne Betroffenheitsgesülze (sieht man einmal von dem Breitbildaufmacher mit der weinenden Frau ab), aber das verkauft sich schlecht und hat wohl auch nicht so viele Leute interessiert.

Ein ausländisches Flugzeug stürzt im Ausland ab und kein einziger Deutscher kommt zu Schaden? Wie schade; denn dann muss Mitmensch „Journalist“ ja das eigentliche Geschehen (Flugzeugabsturz, materieller und menschlicher Schaden) zur Meldung machen. Ein beruflicher Glücksfall aber für jeden dieser Seelenverkäufer, wenn ein deutsches Flugzeug mit deutschen Passagieren in eine deutsche Wohnsiedlung fiele!

Ich befürchte, ich habe die Aufgabe eines Journalisten bisher völlig falsch verstanden.

Nachtrag vom 28. März 2015: Wer es lesen will, erfährt also, was das Pilotenschwein geträumt hat, warum der schon immer eine Sau war und man nur den gesunden Volkskörper hätte fragen müssen, wie man solche ausmerzt.


Schlechte Nachrichten: Jugendliche kommen vor lauter Internet gar nicht mehr zum Drogennehmen. Wie soll aus denen nur was werden?

Senfecke:

  1. Pingback: Kurz verlinkt | Schwerdtfegr (beta)

    […] Viele deutsche opfer… […]

  2. WDR, Aktuelle Stunde, 19:17 Uhr, Moderatorin Anne Gesthuysen (2. Ehe-Frau von Frank Plasberg): „Selbst von Russlands Präsident Wladimir Putin kam offenbar eine Beileidsbekundung!“

    „SELBST“ und „offenbar“ (also nichts recherchiert) . Mit andern Worten: Sogar einer wie dieser emotionsgestörte Putin zeigt Mitgefühl.

    Unerträglich solche Formulierungen.

  3. Guck mal, die Spanier, alles Nazis: „45 personas con apellido español entre los 150 pasajeros del Airbus“ – http://elpais.com/

    Mannmannmann, das ist das kleine Einmaleins des Journalistmus: Relevanz entsteht durch Nähe, z.B. auch (geografische) Nähe zu den Opfern. Das hat aber auch so gar nichts mit „typisch deutsch“, „Rassismus“ oder „Nationalismus“ zu tun.

    Und die Schweizer 20min.ch erwähnt nur deshalb nicht prominent die Nationalität der Opfer, weil keine Schweizer darunter sind. Daher ist das für Schweizer schlicht weniger relevant.

  4. Aus Gründen bin ich für diese Informationen bei jedem Flugunfall dankbar. Die Prüfung geschieht wie folgt: Bestimmte Fluggesellschaft betroffen? Falls nein: Schrecklich, aber Ende der Prüfung. Falls ja: Deutsche betroffen? Falls nein: Ende der Prüfung. Falls ja: Weitere Recherche, auf die ich nicht weiter eingehen möchte.
    Vesetze Dich bitte in die Situation mittelbar Betroffener, bevor Du Dich auskotzt.

    • „Mittelbar Betroffene“ und „das deutsche Fernseh- und Zeitungspublikum“ sind vermutlich nicht personalidentisch. „Mittelbar Betroffene“ dürften ungefähr wissen, was ihre Freunde und Verwandten momentan so tun, was letztere Gruppen eben von Facebook-„Freunden“ unterscheidet; und wenn irgendwo ein Flugzeug abstürzt, das „von Barcelona nach Düsseldorf“ unterwegs war, dann sollte den mittelbar Betroffenen alles Nötige klar sein.

      Nachrichten wie diese haben aber allein den Zweck, Unbeteiligte zu (im übertragenen Sinne) Betroffenen zu machen, und das ist schlichtweg ekelerregend.

  5. „Mittelbar Betroffene” dürften ungefähr wissen, was ihre Freunde und Verwandten momentan so tun,…und wenn irgendwo ein Flugzeug abstürzt, das „von Barcelona nach Düsseldorf” unterwegs war, dann sollte den mittelbar Betroffenen alles Nötige klar sein.

    Das ist de facto -berufsbedingt- eben nicht so.

    Nachrichten wie diese haben aber allein den Zweck, Unbeteiligte zu (im übertragenen Sinne) Betroffenen zu machen, und das ist schlichtweg ekelerregend.

    Auch, aber eben nicht alleine. Wegen des „Auchs“ stimme ich zu.

    • Was sie „de facto“ tun, ist schade, denn es hat mit dem, was „de jure“ ihre ureigene Aufgabe wäre, nichts mehr zu tun.

  6. Ich spreche hier nicht von meinem Beruf, der Juristerei. Alles Weitere beträfe das Leben Anderer, welches ich hier nicht ausbreiten werde.

  7. Gestern Abend, 21:45 Uhr, Report München: Nach kurzer Darstellung der Fakten stellt die Moderatorin drei Theorien vor, was geschehehn sein könnte.

    1. Technisches Versagen
    2. Menschliches Versagern
    3. Mit dem Vorwort „Wir haben in der Redaktion lange darüber diskutiert, ob wir das senden“ – Putin könnte es gewesen sein.
    Gezeigt wird anschließen in Einspielern, wie sich die Dichte der Manöverflüge russischer Kampfjets über der Ostsee erhöht hat und Scheinangriffe auf Nato-Kriegsschiffe geflogen wurden. Gleichzeitig wurde berichtet, dass russ. Kampfflugzeuge darunter auch Bomber sehr provokant nah an Nato-Jets und Passagiermaschinen vorbeiflögen. Einmal angeblich in einem Abstand von nur 90 Metern.

    Perfiderweise gab es dazu keine Behauptung und keinen weiteren Kommentar, weil die Redaktion davon ausgehen kann, was sich damit in die Köpfe des verblödeten Teils der Zuschauer eingebrannt hat.

  8. tux: Ich weiss nicht, ob Du es mitbekommen hast, aber wie selbst der „Alphablog“ (?)Spiegelfechter mit dem Unglück umgegangen ist, war einfach unterstes Niveau. Die Seite ist jetzt komplett gelöscht. Kommentatoren saßen in der intellektuellen Abseitfalle und kommen sich jetzt blöd vor. Dürfen sie auch.

  9. @Altautonomer: Der Spiegelfechter ist doch (wieder?) online. Ist der betreffende Artikel noch vorhanden oder wurde dieser gelöscht? Die Reaktionen auf den vorhandenen Artikel sind (bisher) überschaubar (20 Kommentare). Hat jemand den fraglichen Text gesichert?

    • Horst Schulte: Im neuen Thread schrieb der Kommentator flurdab: “Vermutlich hat Wolf gestern seine Reifeprüfung für die Bild abgelegt.” Dieser Kommentar wurde genauso wie alles Karriereschädigende (empörte Kommentare im alten Thread, den ich leider nichts habe) konsequent gelöscht. In der Kriminologie nennt man das Beweisvernichtung.

      • Es zeigt sich beim Spiegelfechter und seinen „Edelfedern“ nun der dritte Versuch, Teil des von tux zu Recht kritisierten Sensationsboulevards zu werden.

        Dazu noch ein passendes Fundstück von heute:
        „Fünfunddreißig Spanier und hundertfünfzehn Menschen anderer Herkunft sind bei einem Flugzeugabsturz getötet worden. 3.370 Menschen fallen jährlich in Deutschland dem Straßenverkehr zum Opfer, hundertfünfzig alle zwei Wochen. Sie werden ohne Sondersendungen und Sonderzeiten sonder Zahl eingelocht, nichts zu fressen für die Aasgeier, Reporter und Redakteure genannt, die an den Tresen provenzalischer Gasthöfe in ihrem zehnten bis zwanzigsten Pastis nach den Leichenteilen scharren, die geschwätzige Polizisten ihnen für ein kleines Handgeld überlassen. Die Toten des Autoverkehrs werden vergraben, ohne dass die deutsche Kanzlerin samt Außen- und Verkehrsminister einflöge, um sich „vor Ort ein Bild zu machen“ von den Bildern, die sie in Berlin im Fernsehen gesehen hat, aus dem einen die verlogene Visage des Bundespräsidenten anglotzt, der nicht ohne schwarze Krawatte im Gepäck reist und aus seinem Gedenkkästchen den Satz packt:

        „Ich bin weit weg von Ihnen kilometermäßig und ganz nah bei Ihnen mit meinen Gefühlen und meiner Trauer.“

        In der Romantik nannten die Deutschen sich das Volk der Dichter und Denker; nach dem ersten ihrer Weltkriege nannte Karl Kraus sie das Volk der Richter und Henker. Heute sind sie das Volk der Henker und Gedenker. Ihr erster, der Gauck, aber hat Glück im Unglück der Hundertfünfzig: Wäre ein Angehöriger oder Freund von mir unter den Toten des Absturzes gewesen, kriegten des Präsidenten Leibwächter Arbeit.“

        Hermann L. Gremliza (konkret-online)

  10. Ich habe den Spiegelfechter vorletztes (?) Jahr aus meinem Feedreader geworfen. Offensichtlich fehlt mir da immer noch nichts.

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