In den Nachrichten⁠Politik
Endlich: Verkehr legal gefährden!

„hei­se online“, 29. Sep­tem­ber 2016:

Auf einer Auto­bahn nahe Ham­burg kam es Mitt­woch wohl zu dem ersten Unfall in Deutsch­land, an dem ein Tes­la mit ein­ge­schal­te­ten Fahr­as­si­stenz-Funk­tio­nen betei­ligt war: Ein Model S fuhr auf einen Bus auf.

„hei­se online“, 30. (!) Sep­tem­ber 2016:

Der Bun­des­tag hat einen Gesetz­ent­wurf der Bun­des­re­gie­rung beschlos­sen, mit dem bereits im Ver­kehr befind­li­che Auto-Assi­stenz­sy­ste­me rechts­si­cher ein­ge­setzt wer­den sol­len, solan­ge der Fah­rer ein­grei­fen kann.

Irgend­wie muss man die Ren­ten­kas­se ja voll­krie­gen.

Politik⁠In den Nachrichten
Breit wie ein Bündnis

Das Wesen der par­la­men­ta­ri­schen Demo­kra­tie ist es, dass sich trotz der im Grun­de über­zäh­li­gen Mit­tels­män­ner zwi­schen Staats­ober­haupt, Regie­rung und Volk letzt­end­lich doch dem nomi­nel­len Sou­ve­rän die Mög­lich­keit bie­tet, selbst über Nuan­cen derer, die ihn ver­tre­ten, abzu­stim­men; gesetzt den Fall, es herrscht gera­de kei­ne Durch­re­gie­rungs­ko­ali­ti­on, ver­steht sich. Das hebt die­se par­la­men­ta­ri­sche Demo­kra­tie wohl­tu­end ab von De-fac­to-Ein­par­tei­en­sy­ste­men, wie sie gera­de in Deutsch­land nicht völ­lig unbe­kannt sind, ende­te doch eine Wahl in der DDR jahr­zehn­te­lang mit dem kla­ren Sieg der SED, deren Poli­tik letzt­lich selbst von der dor­ti­gen CDU geför­dert wur­de, wäh­rend man hier im Westen zumin­dest die Wahl zwi­schen der reak­tio­när-kon­ser­va­ti­ven Poli­tik der CDU/CSU und der reak­tio­när-kon­ser­va­ti­ven Poli­tik der SPD hat; fer­ner lie­fen, ver­steht sich, die inhalt­lich von­ein­an­der zumin­dest mit­un­ter unter­scheid­ba­ren Koali­ti­ons- und Oppo­si­ti­ons­part­ner.

Nun ist zu viel Aus­wahl ja bekannt­lich nicht gut für die Demo­kra­tie, was immer­hin das Aus­blei­ben von Gegen­kan­di­da­tu­ren (medi­al grund­sätz­lich als „Kampf­kan­di­da­tu­ren“ ver­schrien) in aller­lei par­tei­in­ter­nen Gre­mi­en erklä­ren mag und wahr­schein­lich auch dies:

Uni­ons­frak­ti­ons­chef Kau­der ist alar­miert über die „Anfein­dun­gen gegen die Demo­kra­tie“ – und mahnt zur Einig­keit bei der Bun­des­prä­si­den­ten­wahl. (…) Der CDU-Poli­ti­ker plä­diert vor die­sem Hin­ter­grund dafür, einen Nach­fol­ger für Joa­chim Gauck zu fin­den, der „eine brei­te Zustim­mung aller Demo­kra­ten erhält“.

Joa­chim Gauck, selbst als das klein­ste gemein­sa­me Übel ins Amt gestol­pert, kennt die Annah­me, man kön­ne mit „allen Demo­kra­ten“ einen zumin­dest homo­gen wir­ken­den Kon­sens errei­chen, ver­mut­lich noch von frü­her, als sich die­ser Kon­sens in sei­nem Hei­mat­land „Block­par­tei“ nann­te und von allen Demo­kra­ten gemein­sam mit­ge­tra­gen wur­de, sofern sie über­le­ben woll­ten.

In der Demo­kra­tie geht die Macht vom Vol­ke aus, doch häu­fig kehrt sie nicht zu ihm zurück.
Hell­mut Wal­ters

Musik⁠In den Nachrichten
Hasspopkultur

Die – mit gro­ßem Abstand – Über­schrift des gest­ri­gen Tages lau­te­te:

„Justin-Bie­ber-Vide­os wer­den am häu­fig­sten als Hass ein­ge­stuft“

Da macht sich doch die neue Dis­kus­si­ons­qua­li­täts­of­fen­si­ve der Bun­des­re­gie­rung schon bezahlt. Nach dem erfolg­rei­chen Feld­test mit Justin Bie­ber möch­te ich Ton­auf­nah­men von Phil Coll­ins als Objekt wei­te­rer Löschun­gen emp­feh­len. Das wür­de immens zu mei­ner Fried­fer­tig­keit bei­tra­gen.

Politik⁠In den Nachrichten
Suzanne Vega – Tom’s Diner

Das alles ist betrüblichEs ist Mon­tag und es ist grau, aber immer­hin ein Mon­tag, der mit ihr beginnt, was das Grau in aller­lei Far­ben erhellt; und wenn man es sich hun­dert­mal selbst aus­ge­sucht hat, dann hat­te man eben hun­dert­mal, bit­te­schön, Unrecht.

Goog­le wür­de gern Twit­ter kau­fen, und wer Goog­le kennt, ahnt, dass das für den Fort­be­stand Twit­ters kein gutes Zei­chen wäre. Umar­men und zer­stö­ren. Sahra Wagen­knecht hat der­weil der „FAZ“ gegen­über mit­ge­teilt, die „Lin­ke“ set­ze sich für einen star­ken Staat ein. Irgend­wo muss man ja anfan­gen. Die Pira­ten­par­tei sei abge­ta­kelt, behaup­tet der­weil der Kiez­neu­ro­ti­ker. Nichts mehr zu ver­lie­ren zu haben kann aber auch Ver­gnü­gen berei­ten.

Übri­gens: Schon „1984“ gele­sen? Es ist nicht nur der Über­wa­chungs­staat, es ist auch die Spra­che: Der mög­li­che Prä­si­dent­schafts­kan­di­dat einer gro­ßen Koali­ti­on heißt Üko­ka. Das klingt wie ein lusti­ger Vogel. Ich mag Vögel. Dazu, viel­leicht, auch: Luxem­burg hat den Reli­gi­ons­un­ter­richt abge­schafft. Luxem­burg ist ein fei­nes Land.

Es ist Mon­tag und es wird Herbst.

Tom’s Diner Suzan­ne Vega

Guten Mor­gen.

Kaufbefehle⁠Musikkritik
tesa – G H O S T

tesa-g-h-o-s-tIn einem unbe­kann­ten Land – Riga? Wo ist das noch mal? – nahm das Trio tesa (wie das Kle­be­band), bestehend aus Davis und Janis Bur­mei­sters sowie Kar­lis Tones, vor eini­ger Zeit sein drit­tes Album „G H O S T“ auf, das im Janu­ar 2015 und erneut im August 2016 – auch auf Vinyl – ver­öf­fent­licht wur­de. So gru­se­lig, wie es heißt, ist es aber gar nicht.

Obwohl natür­lich der Anfang mit sei­nem dump­fen Dröh­nen etwas ande­res ahnen lässt, an Doom und Noi­se mag man etwa den­ken; tat­säch­lich haben wir es hier aber mit veri­ta­blem, gera­de­zu groß­ar­tig groo­ven­dem Post­rock zu tun, der sich jedes Fili­gra­ne selbst in ruhi­ge­ren Momen­ten wohl zu ver­knei­fen weiß.

Die drei Let­ten agie­ren in einem mäch­ti­gen Kraft­feld aus Bands wie Oce­an­si­ze, Neu­ro­sis und vor allem Mase­r­a­ti, erspa­ren dem Hörer aber den blo­ßen Abklatsch. Die fünf Titel hei­ßen „G“, „H“, „O“, „S“ sowie „T“ (bestimmt hat das irgend­was zu bedeu­ten) und gehen erfreu­li­cher­wei­se teil­wei­se der­art naht­los inein­an­der über, dass man sie als zusam­men­hän­gen­des Stück zu betrach­ten gewillt ist, in des­sen Zen­trum das mal maje­stä­tisch brül­len­de, mal ener­gisch nach vorn pre­schen­de „O“ mit bei­na­he 12 Minu­ten Lauf­zeit steht, ohne dass dies beim Hören auf­fal­len wür­de. Es pas­siert so viel, Stil­wech­sel (das kur­ze „S“ könn­te mit sei­ner drecki­gen Spiel­wei­se sogar alten Punks gefal­len) ein­ge­schlos­sen.

Gesang wäre nur stö­rend. Sicher, gele­gent­lich schreit, dezent im Hin­ter­grund­rau­schen ver­steckt, eine Stim­me Tex­te wie „the greed has burnt a fire, they will never sleep again“ („T“), aber wer, der nicht mit­liest, wür­de das über­haupt bemer­ken? Nein, nein: Freun­de der geho­be­nen San­ges­kunst sind hier sicher­lich nicht so leicht zu begei­stern, Lan­ge­wei­le will trotz­dem nicht auf­kom­men. Wer hat da gesagt, der Post­rock hät­te alles erzählt, was es zu erzäh­len gab?

Kei­ne Kom­pro­mis­se.

Nerdkrams⁠Piratenpartei⁠In den Nachrichten
Liegengebliebenes vom 23. September 2016

Was ist bes­ser – Ruby oder Python? Das kommt ganz dar­auf an.


Goog­le hat einen neu­en Spio­na­ge­mes­sen­ger ver­öf­fent­licht. Wir sind alle recht über­rascht und ein Stück weit betrof­fen.


Ist das vom „Postil­lon“? Nein, von „SPIEGEL ONLINE“: Die SPD steckt im Umfra­ge­tief, Arbeits­mi­ni­ste­rin Nah­les will nun ver­stärkt auf sozia­le Gerech­tig­keit set­zen.


Schö­nes Fund­stück auch: Blitz und Don­ner dem Kapi­ta­lis­mus, besu­chen Sie uns auf Face­book!


Deutsch/Medien, Medien/Deutsch: Der Rück­tritt eines Lan­des­par­tei­vor­sit­zen­den nach einer ver­lo­re­nen Wahl heißt „Ero­si­on“.


Drei Tage vor sei­nem Über­tritt zu den Bran­den­bur­ger Grü­nen tön­te der ehe­ma­li­ge Vor­sit­zen­de der Ber­li­ner Pira­ten­par­tei, er sehe das Aus­schei­den aus dem Abge­ord­ne­ten­haus als Chan­ce, jetzt außer­par­la­men­ta­risch noch bes­se­re Pira­ten­po­li­tik zu machen. Mei­nen herz­li­chen Glück­wunsch an die­ser Stel­le an die Bran­den­bur­ger Grü­nen zu ihrem mora­lisch inte­gren Neu­zu­gang. Sel­ten habe ich einen geeig­ne­te­ren Grü­nen gese­hen.


Dazu auch und abschlie­ßend: Had­mut Danisch berich­tet von Julia „Bom­ber Har­ris, Feu­er frei!“ Schramms Face­book­bei­trag, in dem sie die Pira­ten­par­tei als gefähr­lich für das mensch­li­che Mit­ein­an­der ihrer Mit­glie­der bezeich­net. Es ist schön, dass auch Julia Schramm – inzwi­schen, wie auch das Gros der ehe­ma­li­gen Ber­li­ner Link­s­pi­ra­ten, bei der „Lin­ken“ – eine huma­ni­sti­sche Sei­te zu haben scheint, es ist nur etwas scha­de, dass sie die Trans­fer­lei­stung nicht erbringt.

Sonstiges
Medienkritik CII: Bleibt so, wie ihr seid (nur schöner)! (Zwei Titelseiten.)

Per­fek­ti­on, schreibt die Titel­re­dak­ti­on der diesmo­na­ti­gen Aus­ga­be der „Women’s Health“, wer­de über­be­wer­tet. „L♡VE YOUR BODY“!

Nach ein paar klei­nen Modi­fi­ka­tio­nen natür­lich.

Women's Health: LOVE YOUR BODY

Ihr müsst nur abneh­men („Tschüss, KILOS!“), Sport trei­ben („NACKT SUPER AUSSEHEN“, „Das ulti­ma­ti­ve Fett­kil­ler-Work­out“), beim Schnack­seln auf die Regeln ach­ten, acht­sam spei­sen („Snacks, die nicht dick machen“) und euch die ange­sag­ten It-Pie­ces umhän­gen und schön könnt ihr ganz natür­lich euren Kör­per lie­ben. Sich zu ver­stel­len wäre doch auch wirk­lich unan­ge­bracht.


Die mir bis dato weit­ge­hend unbe­kann­te „Neue Post“ erläu­tert aktu­ell auf ihrer Titel­sei­te, wor­in eigent­lich der Unter­schied zwi­schen Ehe­leu­ten und Lie­bes­paa­ren besteht:

neue-post-sogar-ehe

Was der sich alles traut!

Politik⁠In den Nachrichten
Projekt 18: Läuft (bei der SPD).

Die Ber­li­ner Wahl­ge­win­ner (histo­ri­scher Erd­rutsch­sieg, knapp über 20 Pro­zent der Stim­men) legen kräf­tig nach:

Der SPD-Par­tei­kon­vent hat sich mehr­heit­lich grund­sätz­lich für das Ceta-Abkom­men mit Kana­da aus­ge­spro­chen.

Es wäre frei­lich ver­kehrt, davon zu spre­chen, dass eine wie auch immer gear­te­te Mehr­heit außer­halb der SPD „gegen CETA“ wäre, denn das Pro­blem mit CETA ist und war wie auch bei TTIP noch nie sei­ne Exi­stenz, son­dern die Art, wie es aus­ge­han­delt wird, näm­lich weit­ge­hend ver­steckt vor Volk und Regie­rung. Ein demo­kra­tisch abge­stimm­tes Han­dels­ab­kom­men, in des­sen Wort­laut das Volk als Kor­rek­tiv ein­zu­grei­fen Recht und Gele­gen­heit hat, wäre ver­mut­lich eines, gegen das Pro­test sei­ner Grund­la­ge ver­lu­stig gin­ge. So aber hat der desi­gnier­te Expo­li­ti­ker und Super­markt­lei­ter Sig­mar Gabri­el die ehe­ma­li­ge Arbei­ter­par­tei SPD den magi­schen 18 Pro­zent noch ein biss­chen näher gebracht. Vom Boden der deut­schen Sozi­al­de­mo­kra­tie darf nie wie­der Krieg aus­ge­hen.

Ganz schön klei­nes Volk, das die Völk­chen­par­tei da hat.


Pri­ma Idee übri­gens: Selbst fah­ren­de Autos soll­ten von Grand Theft Auto ler­nen. Das ist die­se Spiel­rei­he, in der man Punk­te für’s Din­ge­ka­putt­fah­ren bekommt. :aufsmaul:

In den Nachrichten⁠Montagsmusik
Archive – Meon

Vertrauen in die Menschheit? Bei einer Wahl? Ach, woher denn.Es ist Mon­tag und das Wet­ter wagt einen ersten dezen­ten, aber durch­aus nicht miss­ver­ständ­li­chen Hin­weis auf die Jah­res­zeit. Es ist nicht alles warm, was scheint, auch wenn sie zu wär­men scheint, Ent­fer­nung optio­nal.

Lei­der nicht ent­fernt aller­dings: Ber­lin hat gewählt und die rechts­po­pu­li­sti­sche SPD bleibt trotz Chri­sto­pher Lau­er stärk­ste Kraft. Offen­bar mögen Ber­li­ner kei­ne Men­schen, was eini­ges erklä­ren könn­te. Raus sind die Ber­li­ner Pira­ten, die sich in den fünf Jah­ren ihrer Betei­li­gung an der Lan­des­po­li­tik vor allem dadurch her­vor­ge­tan haben, die Poli­tik der Grü­nen zu machen. Aber war­um soll­te eine Par­tei, die als Par­tei des digi­ta­len Wan­dels ins Abge­ord­ne­ten­haus gewählt wur­de, auch mal was ande­res machen als ihre Wäh­ler zu ent­täu­schen?

Apro­pos Digi­tal­wand­ler: Die Qua­li­tät der Ton­aus­ga­be vom iPho­ne ist schlecht. Aber wer, dem Tech­nik wich­ti­ger als Form ist, kauft sich schon ein iPho­ne? Siri, mach‘ mal die Tür auf. Smart und klug sind eben kei­ne Syn­ony­me. Dazu passt: Smart­phonen­ut­zer lesen weni­ger. Macht ja auch kei­nen Spaß auf den Winz­bild­schir­men. – Viel­leicht ist die schlei­chen­de Ver­mensch­li­chung des einst Guten auch vom Schick­sal vor­be­stimmt, viel­leicht steht sie in den Ster­nen. Blöd nur, wer sein Horo­skop zu ken­nen glaubt: Sein Stern­zei­chen stimmt wahr­schein­lich nicht. Hokus pokus.

Magie, sowie­so.

Archi­ve – Meon – LIVE

Guten Mor­gen.

Persönliches⁠Politik
Warum ich die PARTEI nicht wähle

Seit ihrem Bestehen hat die Par­tei „Die PARTEI“, die es mitt­ler­wei­le bis ins Euro­päi­sche Par­la­ment geschafft hat, eine treue und noch wach­sen­de Anhän­ger­schar sogar unter ver­meint­lich Lin­ken, die mich seit eben­so lan­ger Zeit von der Groß­ar­tig­keit die­ser Par­tei zu über­zeu­gen ver­sucht. War­um ich sie wäh­len soll­te? Nun, sie sei – ich zitie­re – „sehr (!) gut“, das ein­ge­klam­mer­te Aus­ru­fe­zei­chen gehört offen­sicht­lich zum Schlacht­ruf.

Ich neh­me mir jetzt die Zeit, ein­mal dar­zu­le­gen, war­um das eine unfass­bar däm­li­che Idee von mir wäre, und möch­te danach nie wie­der etwas davon hören.

‘War­um ich die PARTEI nicht wäh­le’ wei­ter­le­sen »

Mir wird geschlecht⁠Musik
Identifikationspenisse

Lesens­wert, übri­gens: Offen­bar gibt es eine lau­ter wer­den­de Min­der­heit, die auch in der Musik das Vor­han­den­sein der rich­ti­gen Geschlechts­merk­ma­le über das Talent stel­len möch­te.

Als wür­de das Geschlecht dar­über ent­schei­den, ob jemand ein guter, span­nen­der oder lang­wei­li­ger Künst­ler ist. (…) Als wür­den Kon­zert­be­su­cher – männ­lich oder weib­lich – das Kon­zert­er­leb­nis danach bewer­ten, ob die gespiel­ten Kom­po­ni­sten oder gar die Per­son am Pult Geschlechts­ge­nos­sen sind oder nicht.

Ich für mei­nen Teil wäre nicht völ­lig unzu­frie­den damit, spiel­ten Radi­os mal was ande­res als 90er-Pop mit Ohren betäu­ben­dem Frau­en­ge­sang; aber ich bin natür­lich auch ein biss­chen eigen, was Musik betrifft.

Politik⁠In den Nachrichten
Medienkritik in Kürze: Bautzens anderes Level

Zu irgend­wel­chen Aus­schrei­tun­gen in Baut­zen (Sach­sen, natür­lich) berich­tet „ZEIT ONLINE“:

Nach Anga­ben der Poli­zei stan­den am Mitt­woch­abend auf einem Platz rund 80 gewalt­be­rei­te Män­ner und Frau­en über­wie­gend aus dem rech­ten Spek­trum 20 jun­gen Asyl­be­wer­bern gegen­über. (…) Nach Ein­bruch der Dun­kel­heit sei­en die Asyl­be­wer­ber von der Poli­zei auf­ge­for­dert wor­den, den Platz zu ver­las­sen. Sie hät­ten sich aber gewei­gert, eini­ge sei­en dann gewalt­sam gegen die Beam­ten vor­ge­gan­gen. Die Rech­ten sol­len dar­auf­hin (…) auf die Asyl­be­wer­ber zuge­stürzt sein. (…) Aus der Rei­he der Asyl­su­chen­den wur­den die Beam­ten den Anga­ben zufol­ge unter ande­rem mit Fla­schen und Holz­lat­ten bewor­fen. (…) Zwar gebe es seit etwa zwei Wochen auf dem Korn­markt ein Pro­blem mit jugend­li­chen Flücht­lin­gen. Auch sei es gele­gent­lich zu Pöbe­lei­en und Belei­di­gun­gen gekom­men. „Nun aber geht es um ande­res Level“, sag­te [Ober­bür­ger­mei­ster] Ahrens.

(Her­vor­he­bun­gen von mir.)

Der „Tages­spie­gel“ erklärt, wor­in die­ses „ande­re Level“ wohl besteht (Her­vor­he­bung eben­falls von mir):

Der rech­te Mob jag­te die jun­gen Flücht­lin­ge unter „Wir sind das Volk“-Rufen bis zu ihrer Unter­kunft in der Dresd­ner Stra­ße.

Damit auch ja nie­mand anneh­me, da sei beid­sei­tig irgend­was unnö­tig eska­liert, wird hier durch die Wort­wahl noch mal sicher­ge­stellt, dass das Welt­bild nicht schief hän­gen möge.

Deutsch­land hat, wie es scheint, vor allem ein Jour­na­lis­mus­pro­blem.

In den Nachrichten⁠Computer
Inhaltskonsumentenpflicht: Eigentor gegen Links

Apro­pos „das Inter­net nicht ver­stan­den“.

Das Rück­grat des Inter­nets sind bekannt­lich Ver­lin­kun­gen. ob im Web oder sonst­wo. Inhal­te, die nie­mand ver­linkt, sind weit­ge­hend unauf­find­bar, denn was nie­mand kennt, kann nie­mand – allen­falls aus Ver­se­hen – besu­chen. Um so amü­san­ter sind die Plä­ne für ein EU-wei­tes „Lei­stungs­schutz­recht“ zu lesen:

Draft Artic­le 11 intro­du­ces in fact a right for publishers of news publi­ca­ti­ons to aut­ho­ri­se the online use [repro­duc­tion and mar­king available] of their news publi­ca­ti­ons.

This new sui gene­ris right is due to last for 20 years from the date of publi­ca­ti­on or the rele­vant news publi­ca­ti­on.

Mit ande­ren Wor­ten: Ver­la­ge – als hät­te sie jemand gezwun­gen, irgend­was ins Netz zu stel­len – kön­nen sich womög­lich künf­tig 20 Jah­re lang aus­su­chen, wer eine ihrer Publi­ka­tio­nen (natür­lich nicht unbe­dingt, ohne dafür noch Geld zah­len zu müs­sen) bewer­ben darf und wer nicht. Erst sen­den die Öffent­li­chen unge­fragt ins Netz und wir müs­sen Rund­funk­ge­büh­ren zah­len, jetzt Ver­la­ge und wir sol­len für Links zah­len. Wenn es den Ver­la­gen im Inter­net nicht gefällt: wir sind eigent­lich auch ohne sie ziem­lich zufrie­den hier. Wir sind hier zu Hau­se, wir kau­fen hier nicht ein. Jaja, mit „frei­en Links“ kön­ne ein „Jour­na­list“ sei­nen Lebens­un­ter­halt nicht bestrei­ten, rabu­liert Gabor Stein­gart vom „Han­dels­blatt“, aber das erwar­tet doch auch nie­mand. Wenn ich mit mei­ner Arbeit Geld ver­die­nen möch­te, dann stel­le ich sie nicht kosten­los zur Ver­fü­gung.

In eine ähn­li­che Ker­be schlägt die Logik hin­ter der Ent­schei­dung der Adblock-Plus-Macher, künf­tig selbst „akzep­ta­ble Wer­bung“ (lei­der aber nicht: gar kei­ne) zu ver­mark­ten. Rekla­me im Web – zum Glück kön­nen die Wirt­schafts­fuz­zis Web und Inter­net nicht von­ein­an­der unter­schei­den, was uns wenig­stens in Use­net und IRC unse­re Ruhe lässt – wird offen­bar als für bei­de Sei­ten, Ver­lag und Leser, not­wen­di­ges Übel ange­se­hen, denn die Pfle­ge einer Web­site kostet ja auch Geld und das hät­te man natür­lich gern zurück. Nur: Wenn ich mich mit der Gitar­re in eine Fuß­gän­ger­zo­ne stell­te und Lie­der sän­ge, hät­te ich auch kei­nen Anspruch auf irgend­was. Möch­te ein Benut­zer kei­ne Wer­bung sehen, dann blen­det er sie aus. Das ist ein durch­aus kal­ku­lier­ba­res Risi­ko. Auf eini­gen mei­ner eige­nen Pro­jekt­sei­ten set­ze ich selbst Wer­be­ban­ner ein, rech­ne aller­dings fest damit, dass sie kaum jemand jemals zu sehen bekommt. Und das ist mir egal, denn ich habe dar­über vor­her nach­ge­dacht. Ich wäre ein schlech­ter Ver­lag.

Wer irgend­wel­che Inhal­te publi­ziert, der soll­te sich das lei­sten kön­nen. Es ist nicht mei­ne Auf­ga­be als Kon­su­ment, sicher­zu­stel­len, dass der Anbie­ter mit sei­nem undurch­dach­ten Geschäfts­mo­dell genug Ein­nah­men gene­riert. Nie­mand ist gezwun­gen, irgend­was kosten­los anzu­bie­ten, um dann unter Schma­rot­zern (also: für kosten­lo­se Inhal­te nicht zah­len­den Kun­den) zu lei­den. Wenn ein Ver­lag es als gro­ße finan­zi­el­le Bür­de begreift, dass sei­ne kosten­los ange­bo­te­nen Inhal­te kaum Ein­nah­men gene­rie­ren, dann hat er im Wesent­li­chen drei Mög­lich­kei­ten: Er kann zur Kon­su­men­ten­gän­ge­lung grei­fen und mit aller­lei tech­ni­schen Vor­keh­run­gen dazu auf­ru­fen, die essen­zi­el­le Sicher­heits­soft­ware (Wer­be- und Script­blockie­rer) abzu­schal­ten, damit der arg­lo­se Besu­cher sich beim Lesen wert­vol­ler jour­na­li­sti­scher Arti­kel („Justin Bie­ber hat sei­nen Insta­gram-Account gelöscht (…). Was bedeu­tet das für die Zukunft des Pop?“, FAZ.net) womög­lich Schäd­lin­ge ein­fängt; er kann sei­ne Inhal­te, wie es etwa die „WELT“ ver­sucht, hin­ter einer Bezahl­schran­ke ver­stecken, was zwar in der Regel auch Java­script vor­aus­setzt, aber wenig­stens für eine ange­mes­se­ne Bezah­lung sor­gen dürf­te; er kann auch ein­fach auf­hö­ren, irgend­was ins Netz zu stel­len, wenn er doch über­haupt kein Inter­es­se dar­an hat, dass es dort Ver­brei­tung fin­det. Bedau­er­li­cher­wei­se ent­schei­den sich die mei­sten Publi­zi­sten für die erste der drei Mög­lich­kei­ten.

Wenn euch, Ver­la­ge, die­se wider­li­che Kosten­los­kul­tur miss­fällt, dann gibt es eine offen­sicht­li­che Lösung: Bleibt ihr doch ein­fach fern.

Und nehmt eure Rekla­me mit.

Musik⁠In den Nachrichten
Musikindustrie beklagt erfolgreiche Werbung durch sich selbst und ist empört.

Wie man eine Stu­die gründ­lich miss­ver­steht, erklärt heu­te mal wie­der die Musik­in­du­strie (nur echt mit typi­schen hei­se-Sät­zen wie „In Schwel­len­län­dern wie Mexi­ko oder Bra­si­li­en sowie in Süd­ko­rea und Ita­li­en lau­schen über zwei Drit­tel der Onli­ner zu Songs auf dem Han­dy“, was auch immer der letz­te Teil des Sat­zes gram­ma­ti­ka­lisch über­haupt hei­ßen soll):

82 Pro­zent der Besu­cher des Video­por­tals (You­Tube, A.d.V) nut­zen die Platt­form, um sich Musik-Clips anzu­schau­en und Songs zu hören. (…) 58 Pro­zent [von ihnen] sto­ßen dort auf musi­ka­li­sche Neu­ent­deckun­gen. (…) Für die Labels wird damit deut­lich, dass die Gra­tis-Ser­vices zuneh­mend als Alter­na­ti­ve genutzt wer­den, um nicht für Musik bezah­len zu müs­sen.

Oder eben auch, dass die kosten­lo­se Wer­bung ganz gut funk­tio­niert, nicht?

Ich selbst habe auf You­Tube schon man­chen Künst­ler „ent­deckt“, der sonst mei­ner Auf­merk­sam­keit völ­lig ent­gan­gen wäre, was scha­de gewe­sen wäre. Aller­dings ist das Phä­no­men, dass es – Panik! Panik! – Musik kosten­los im Inter­net zu hören gibt, kein neu­es: Als ich noch jün­ger war, hör­te ich in neue Musikal­ben lie­ber via Nap­ster (spä­ter: Audio­ga­la­xy, KaZaA, bis heu­te: eMu­le) hin­ein als mich hin­ter­her über einen Fehl­kauf zu ärgern. Taschen­geld und Musik­ver­schwen­dung pas­sen nicht so gut zuein­an­der. Seit­dem hat sich viel geän­dert: Ich kann mir heu­te mehr Musik lei­sten als frü­her, „muss“ es aber sel­te­ner.

Was der Pio­nier Myspace einst eta­blier­te, näm­lich Platz für Musi­ker, die ihre Wer­ke kosten­los der Öffent­lich­keit zum Anhö­ren zur Ver­fü­gung stel­len woll­ten, ist heu­te vor allem dank Band­camp so beliebt und viel­ge­nutzt wie nie zuvor. Die­se Los­lö­sung von klas­si­schen Ver­triebs­we­gen – mit­hin auch: von You­Tube, denn die dor­ti­ge Ton­qua­li­tät hält sich doch meist in engen Gren­zen, was die Auf­re­gung über You­Tube noch ana­chro­ni­sti­scher schei­nen lässt als sie es ohne­hin ist – bedeu­tet auch einen Wech­sel der Para­dig­men und mehr Frei­hei­ten (sowie gering­fü­gig mehr Pflich­ten) für die Musi­ker selbst. Man­che las­sen ihre Alben im Vor­aus von ihren fans bezah­len („Crowd­fun­ding“), man­che stem­men die­se Bür­de selbst, ver­las­sen sich aber dafür hin­sicht­lich der Wer­bung auf die crowd, die über Musik­blogs wie Schall­gren­zen, Nico­ro­la und 33rpmPVC ihren Teil dazu bei­trägt, dass gei­le Musik auch gei­le Auf­merk­sam­keit erfährt. Die wesent­li­che Rol­le einer Plat­ten­fir­ma, Finan­zie­rung und Ver­mark­tung näm­lich, füllt heu­te ein Musi­ker, der tech­nisch ver­sier­te Freun­de oder selbst aus­rei­chend viel Inter­es­se am The­ma hat, dank der ver­damm­ten Digi­ta­li­sie­rung bei Bedarf gänz­lich allein aus.

Das Inter­net, die­se Tod und Unglück brin­gen­de Hydra, ist inso­fern natür­lich ein Feind der Plat­ten­fir­men; den sie indes nicht schla­gen kön­nen, so sehr sie es auch ver­su­chen. Das haben sie zum Teil bereits erkannt, immer­hin unter­hält unter ande­rem Vevo (eine Part­ner­schaft zwi­schen, Sony Music „Enter­tain­ment“ und der Uni­ver­sal Music Group) außer­halb der Ein­fluss­sphä­re der GEMA jeweils einen gut gefüll­ten You­Tube-Kanal für eine gan­ze Men­ge an rei­chen, schö­nen, berühm­ten und teil­wei­se nicht völ­lig üblen Musi­kern aus dem eige­nen Port­fo­lio und Lizenz­ver­trä­ge mit den ein­schlä­gi­gen Strea­ming­dien­sten, die sich ins­be­son­de­re dadurch aus­zeich­nen, dass die Musi­ker noch weni­ger Geld dafür bekom­men als es ohne­hin bereits der Fall ist, tun ihr Übri­ges. Die Musik­in­du­strie fand nun also über­rascht her­aus, dass dadurch, dass sie kosten­los Musik zur Ver­fü­gung stellt, vie­le Men­schen die­se kosten­lo­se Musik auch hören, ohne etwas dafür zu bezah­len. Wenn das doch nur jemand geahnt hät­te!

Ent­fie­le You­Tube, ent­fie­le also nichts als ein wei­te­rer Ver­triebs­weg. Für das Gros der fie­sen Ver­bre­cher vor dem Bild­schirm, die die­sen Ver­triebs­weg als poten­zi­el­le Kun­den gern wei­ter­hin beschrei­ten wür­den, wür­de sich allen­falls ein digi­ta­les Lese­zei­chen ändern, für die Lizenz­in­ha­ber aber wird sich die feh­len­de Mög­lich­keit der Gra­tis­pro­pa­gan­da über You­Tube mit ziem­li­cher Sicher­heit sehr unan­ge­nehm auf die Bilan­zen aus­wir­ken.

Im Ori­gi­nal­ar­ti­kel heißt es wei­ter­hin:

Nut­zer­rech­te müss­ten aber so gestal­tet sein, dass sie nicht Geschäfts­mo­del­len Vor­schub lei­ste­ten, „die letzt­lich nur schma­rot­zen und die Krea­ti­ven und ihre Part­ner nicht an den Ein­nah­men par­ti­zi­pie­ren las­sen“.

Zum Bei­spiel dem der Musik­in­du­strie, die ihren Künst­lern, wenn es ganz blöd kommt, unge­fähr 4,5 Pro­zent von den Ein­nah­men eines Albums abgibt. Für Musik bezah­len, geht es nach ihrem Wil­len, also vor allem die­je­ni­gen, die sie über­haupt erst auf­neh­men.

Der Tod der Musik­in­du­strie wird ein ret­ten­der sein. Sto­ßen wir dar­auf an!

(via Schwerdt­fe­gr)


Mei­ne dies­jäh­ri­ge Kan­di­da­tur blieb erwar­tungs­ge­mäß hin­ter den Erwar­tun­gen zurück. Viel­leicht hät­te ein ande­res Wahl­kampf­mot­to gehol­fen: Wäh­len Sie mich bloß nicht!